Im Bulli verreisen
Nicht von Swift

Cruel Britannia. 2017


3. Juni. Dünkirchen, Canterbury, Sandwich


Wir sind immer noch schlaftrunken, als wir morgens die schwer bewaffneten Kontrollposten passieren, erst die französischen, dann die englischen. Ich befolge die Anweisungen, tue alles, was Schergen und Schilder befehlen, aber hinter diesem apparathaften Funktionieren trödelt mein Bewusstsein in traumhafter Benommenheit herum, als hätte es mich in irgendein düsteres und dystopisches Epos über die Plagen der Deportation verschlagen... Sicher träume ich noch. Der englische Wächter kann unmöglich so aussehen, wie er mir erscheint: ein gedrungener Brocken von Mann, der Hals von Muskelwülsten ummantelt, die Hände behaarte Pranken. Der Bart wächst ihm bis unter die Augen und fällt ihm in silbern durchschossenen Locken weit über die Brust. Auf dem Schädel trägt er eine schwarze Zipfelmütze. Mit seinem massigen Rumpf und den kurzen, dicken Gliedmaßen ist er die Riesenausgabe eines Zwerges - ein klobiger, überfütterter Alberich, grimmig entschlossen, die Schätze seines Volks zu verteidigen. Die Mütze wird wohl seine Tarnkappe sein, ist nur eben grade außer Betrieb.

An Bord der Fähre wird es nicht besser mit meiner Verwirrung. Menschenmassen steigen schmale Treppengänge empor, feiste Briten vor, eine pakistanische Familie hinter uns, die Mutter verschleiert, jammernde Kinder im Schlepp. Wir irren eine Weile herum, und als wir uns schließlich einen Platz suchen, liegen überall auf den Bänken schon schlafende Passagiere wie von Todesstrahlen hingestreckt. Eine Totenbarke auf der Passage über den Acheron. 

Anfangs ist die See noch von dunklem Kobalt, der zirrensträhnige Himmel darüber lichtblaues Pastell, doch bald taucht alles in formloses, dunstiges Grau, und der Himmel nimmt die selbe bleierne Trübung an wie das Meer darunter. Ab und an erscheinen weiße Flecken in der Trübe, und jedesmal meine ich, es seien die Kreideklippen der englischen Küste, die sich dann doch nur als andere Fähren oder große Containerpötte entpuppen. Schließlich schält sich aus dem grauen Einerlei ein schmaler heller Ritz heraus, ein Schnitt, der Himmel und Meer voneinander trennt. Da liegt Dover.

Wir lassen es liegen und brechen gleich nach Canterbury auf. Ich weiß nicht mehr, warum wir uns dazu entschieden haben - vielleicht einfach nur, um die Reise an der bedeutendsten Stätte der englischen Kirche zu beginnen und auf diese Weise ein wenig himmlischen Beistand zu erflehen?

Ich bin jedenfalls gespannt, ob die Kathedrale von Canterbury tatsächlich existiert. Der Heilige Anselm, jener in Aosta gebürtige Mönch, der es bis zum Erzbischof im fernen Canterbury brachte, hat den berühmten ontologischen Gottesbeweis ersonnen, der da geht wie folgt: Gott kann definiert werden als das Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann. Dieser Nominaldefinition sollte auch der verstockteste Gottesleugner zustimmen, da es sich ja nur um die Bestimmung einer Wortbedeutung handelt. Doch schon schnappt die argumentative Mausefalle zu; denn ein Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, aber nicht existiert, ist zweifellos weniger vollkommen als sein existierendes Pendant. Also muss Gott existieren, allein, weil er so liebenswürdig ist, seine eigene Definition nicht zu ruinieren. Die Behauptung erzwingt einfach kraft ihrer inneren Struktur die objektive Realität des Behaupteten, was sehr imponierend ist, und ich würde mir wohl wünschen, diesen Trick für alle Belange meines Lebens zu beherrschen. Aber ich bin mir nicht sicher, dass das Argument auch für gebratene Wachteln funktioniert oder einen Château Pétrus. Kann ein Château Pétrus als der Wein auf meinem Tisch definiert werden, über den hinaus kein vollkommenerer gedacht werden kann? Und erscheint die Flasche, kaum, dass ich den Zauberspruch aufgesagt habe, sogleich vor mir? Ich fürchte, ich werde es in meiner philosophischen Magie nie höher bringen als zu einem Wein ohne Flasche, deren Inhalt fehlt.

Den Briten mag das besser gelingen, und in der Tat frage ich mich, ob das Anselmsche Argument sich so tief in die britische Seele eingesenkt hat, dass die Erschleichung einer Existenzbehauptung durch semantische Taschenspielertricks, wie der Mann aus Canterbury sie im 11. Jahrhundert vorgeführt hat, auch in den gloriosen Verheißungen der Brexiteers ein Jahrtausend danach noch fortwirkt: als genüge es, etwas als Glück und Segen zu definieren, damit es dann auch zu Glück und Segen ausschlage. Für ein Volk, das den scharfsinnigen und scharfklingigen Rasiermesservirtuosen William von Occam und den ehrenwerten Stammvater des Empirismus John Locke hervorgebracht hat, und ein Volk, das sich einiges auf sein pragmatisches Gemüt zugutehält, ist dieser Rückfall in scholastische Wortgläubigkeit einigermaßen bestürzend.

Aber vielleicht sollte ich da nicht übertreiben. Die Briten sind weiterhin eine pragmatische Nation geblieben; noch mehr als an Worte glauben sie an Münzen. Wir werfen eine Menge davon in einen Parkautomaten und wandern in Richtung Stadtzentrum. Der Weg führt an einem Flüßchen entlang, in dem grünes Nixenhaar ausgespült wird. Am Ufer tummeln sich graufellige Eichhörnchen, Entenpaare, Blesshühner, Ratten, und im Fluss, scheint mir, muss irgendwo unter all dem Nixenhaar und der grün strömenden Grütze eine Ophelia liegen, geschmückt mit Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen: der feuchte Kadaver eines verzweifelt liebenden Mädchens, wie es von Millais gemalt worden ist, mit rötlichem Haar und blaßblauen Augen, die keine gnädige Hand zugedrückt hat.

Bald stehe ich vor meiner ersten englischen Kathedrale. Was fällt auf? Zuvörderst die lauernden Freiwilligen, die sich sogleich auf jeden Neuankömmling stürzen, um ihn willkommen zu heißen, zu informieren, an die Hand zu nehmen. Wir sind überrumpelt von soviel Fürsorge und fliehen in hellem Schrecken. Es wird eine Weile dauern, bis wir diese Sitte der Betreuung zu schätzen wissen und kapieren, dass sich hier keine Schnorrer einem an den Hals werfen (wie es dem Reisenden in Italien bisweilen begegnen kann), sondern gutbürgerliche Damen und Herren, die halbe Tage dafür opfern, das kulturelle Erbe zu erhalten und weiterzuvermitteln. Meist sind sie kundig, noch öfter auch beflissen, also redselig und ein klein wenig aufdringlich, aber bald werden wir einsehen, dass es sich zumeist um liebenswürdige und oft auch amüsante Gesprächspartner handelt, mit denen zu plaudern recht vergnüglich sein kann. Aber noch fremdeln wir und beschauen uns den Bau lieber auf eigene Faust.

Die Herkunft aus der französischen Gotik ist nicht zu leugnen, natürlich, die Schlacht von Hastings war erst wenige Jahre vorüber, als man begann, die niedergebrannte Kirche von Canterbury neu aufzubauen. Der normannische und bald englische König holte seine Baumeister und seine Gelehrten über den Kanal - darunter auch Lanfrank von Bec, der als Erzbischof die Arbeiten leitete. 

Lanfrank (der in der Normandie ein Lehrer Anselms gewesen war), hatte in einer der wichtigen theologischen Debatten des elften Jahrhunderts Berengar von Tours aus dem Feld geschlagen und seine Lehre durchgesetzt, das in der Messe in Christi Leib verwandelte Brot sei nur noch den Akzidenzien, nicht aber der Substanz nach ein gebackenes Teigerzeugnis. Die Akzidenzien der gewandelten Hostie nun bleiben Lanfrank zufolge zwar erhalten, das Wesen des Brotes aber verwandelt sich (den Sinnen nicht wahrnehmbar) in den Leib Christi: wenn der Priester die Oblate hochhält und die Worte „Dies ist mein Leib“ spricht, dann ist das Brot der Leib Christi geworden. (Kein Wunder, dass die lateinische Formel „Hoc est corpus meum“ vom Laienvolk zu einem despektierlichen Hokuspokus verschliffen wurde.)

Lanfranks Auffassung wurde herrschende Lehre; damit war die logische Abhängigkeit der Eigenschaften von dem Ding, dem sie anhaften, vernichtet; man konnte fortan weder sicher sein, dass Brot Brot ist, noch dass drei Wanderer, denen wir auf der Straße begegnen, wirklich Wanderer sind und nicht etwa Engel oder verzauberte Frösche. Dem Vertrauen auf Logik und Kohärenz des Wirklichen wurde damit kirchlich sanktioniert der Boden entzogen. Das war für die Entwicklung des mittelalterlichen Denkens ein großes Hemmnis, und man tut wahrscheinlich recht daran, Lanfrank dafür zu schelten. Andererseits neige ich heute dazu, ihn als visionären Denker anzusehen, der schon vor fast einem Jahrtausend die wunderbare Verwandlung von natürlichen Bestandteilen in alle möglichen Produkte vorausgeahnt hat, denen man ihre Ausgangsstoffe sowenig ansehen kann wie dem Leib Christi das Weizenmehl und die Hefe, aus denen er besteht. Man könnte den aus der Oblate transsubstantiierten Christus als den Analogkäse der christlichen Theologie bezeichnen. Wenn man heute aus Soja, Palmöl und Geschmacksverstärkern eine täuschend käseähnliche Masse zusammenpanschen kann - warum sollte man nicht schon im Mittelalter aus Mehl, Bakterien und Wasser einen Analogmessias angerührt und ans Kirchenvolk verfüttert haben? Lanfrank hat das Wunder gewittert, ein Jahrtausend, bevor es industriell herstellbar war, und war damit vielleicht weitsichtiger als die braven Substanzlogiker seiner Zeit, welche die Philosophiegeschichtsschreibung als Aufklärer avant la lettre auszuzeichnen pflegt, ohne zu verstehen, dass das Vernunftwidrige öfter Wirklichkeit wird als man sich wünschen mag.

Wenn ich's recht bedenke, liegt auch Anselms Gottesbeweis auf der Bahn von Lanfranks Gedankenführung. Auch da gibt es eine metabasis, einen Kategorienfehler, mit dessen Hilfe eine Folgerung erschlichen wird. Bei Anselm ist das der unzulässige Sprung von einer bloßen Wortdefinition zu einer Existenzbehauptung, bei Lanfrank handelt es sich um die gedankliche Trennung von Substanz und Akzidenz, eine bloße kognitive Operation, die aber als real gesetzt wird. Gedankendingen wird Realitätsgehalt zugesprochen, und es fällt mir schwer, die Kathedrale, deren frühe Bischöfe eben Lanfrank und Anselm waren, nicht auf die Frage hin anzusehen, was an ihr real und was bloß gedacht ist.

Womöglich zweifeln die Diözesanbeamten selbst an der Realität ihrer Kirche - denn warum sonst sollte es wohl nötig sein, den Bau gleich von innen wie von außen einzurüsten und größere Teile davon mit Stützskeletten zu versehen, wenn nicht, um die Verflüchtigung des Ganzen in das Reich bloßer Einbildung zu verhindern?

Auch, wenn Canterburys Kathedrale möglicherweise nicht wirklich existiert, fühlen wir uns ganz wohl in ihr. Ich könnte ihre Fächergewölbe preisen, die Eleganz ihrer Säulen, die Erhabenheit des Chorlettners, aber wirklich beeindruckt bin ich von der Wohnlichkeit und Intimität des Baus, einem recht eigenartigen Raumgefühl, das sich selbst angesichts der mächtigen Weite und Länge des Schiffs nicht verflüchtigt. Diese Anmutung von Wohnlichkeit verdankt sich all den Toten, die hier beigesetzt sind und an den Mauern ruhen, oft paarweise als fromme Eheleute, die traut Seit an Seit, farbig bemalt und mit gefalteten Händen dort lagern, manchmal aber auch als Ritter, im Gebet oder im Kampf niedergestreckt, umgeben von ihren steinernen Lakaien oder Knappen, die zierlich steinerne Vorhänge aufhalten. Tote Bischöfe im Ornat beten seit Jahrhunderten zu Gott, ohne dem Prunk ihrer Grabmäler noch einen Blick zu gönnen. Wappen und Fahnen stehen über ihren Behausungen und Totenlauben, und obwohl es sich nur um Denkmäler und Skulpturen von tot darniederliegenden Menschen handelt, hat man doch den Eindruck, durch eine dicht bevölkerte Stadt zu wandeln. 

Dazu kommt eine Eigentümlichkeit der englischen Kathedralarchitektur, die offenbar besonderen Gefallen an Emporen fand. Die Kirche hier ist voll davon, von Umgängen, mehrstöckigen Arkaden, welche die geglätteten Flächen, die man aus anderen Gegenden Europas kennt, auflockern, aushöhlen, vertiefen. Mein Blick gleitet über die Wände und sichtet überall Zeichen poröser Bewohnbarkeit. Die Emporen wirken nicht anders als Balkone oder Loggien, hinter denen sich die Möglichkeit von Behausung (Flure, Zellen, Zimmerfluchten) auftut. Man hat das Gefühl, sich in einer großen Appartmentanlage zu befinden, in der abends die Mieter die Ellbogen auf die Brüstungen stützen und in den gemeinsamen Hof hinunterschauen. Vielleicht ist es die Umsetzung des Wortes Christi (Joh 14,2), dass in seines Vaters Haus viele Wohnungen seien. Die Emporen scheinen Rückzugsräume zu bieten, Gelegenheiten zu Teilnahme und Distanz zugleich, auch wenn einige der Loggien nur Blendwerke sind, die in Wahrheit gar nicht begehbar sind; dennoch sorgen sie für eine Atmosphäre, in der ein urbaner, geschäftiger Betrieb möglich scheint, ein Umherwandeln und Corso-Gebummel in den hochgelegenen Arkaden.

Wir bummeln bald draußen in der Stadt weiter, essen Steak Frites in einem Restaurant, das sich französisch gibt, während auf dem Platz die Straßenmusikanten ihre Sets abliefern, ein junger Mann, der Sweet Jane näselt, ein wetter- oder nur drogengegerbter Althippie, der von weiter weg die Gassen mit grimmigem Blues beschallt, doch bald müssen wir wieder zurück zu unserer Parkuhr, die unerbittlich tickt. Auf dem Weg dahin passieren wir die am Fluss gelegenen Weberhäuser aus der Zeit, als hier mehr als zwei Drittel der Bevölkerung französisch sprachen: hugenottische Flüchtlinge, die Ludwig XIV aus dem Land getrieben hatte und die die Kunst der Seidenweberei in ihre neue Heimat brachten. 

An einem Seitenarm des Stour, in den Abbot Mill Gardens, staken Bootsmänner Schuten voller Ausflügler voran, alle lässig zurückgelehnt und am Biertrinken. Unwillkürlich beschleunige ich meinen Schritt, denn bevor ich mir ein Bier gönnen kann, müssen wir erst am Ziel unserer Tagesetappe angekommen sein: Sandwich.

Es ist eine halbe Stunde Fahrt, bis wir den Wagen am Marktplatz des Städtchens abstellen. Ein paar Stände sind dort aufgebaut, an denen man rätselhafte Basteleien und Handarbeiten feilbietet, Flohmarktplunder, Sämereien und hausgebackene Pasteten, die von einem angebundenen Hund unnachgiebig verbellt werden. Der Hund scheint niemandem zu gehören, jedenfalls keinem Engländer, denn englische Hunde, wie wir bald merken werden, sind meist noch höflicher als ihre Besitzer, und das will wohl was heißen. Wir haben in all den Wochen, die folgen sollten, kaum wieder einen solch kläffenden Racker wie diesen hier gesehen, und selbst wenn sich zwei leinenlose Hunde begegneten, veranstalteten sie weder Radau noch beschnüffelten sie sich friedlich, sondern trotteten meist in größtmöglicher Zurückhaltung und Diskretion aneinander vorbei. Wahrscheinlich gilt für britische Hunde die eiserne Regel aus Jane Austens Zeit, dass sich Fremde erst durch einen Bekannten oder einen Zeremonienmeister vorstellen lassen müssen, bevor sie miteinander sprechen, respektive (bei Hunden) ihre Hinterteile beschnuppern dürfen. 

Wir verbringen einige Zeit in einem Haushaltswarenladen am Platz (wie ich sie in jedem Land als ethnographische Fundstätten ersten Ranges schätze), erstehen einen schnapsglasgroßen Messbecher mit einer Mililiterskala, die bei uns zuhause nur im Chemielaborbedarf zu haben wäre, und spazieren dann durch die Gassen. 

St Peter ist eine Kirche mit einem trutzigen Turm, vierkantig, vierschrötig und oben mit einem Zinnenkranz versehen, der weniger auf einen Ort schließen lässt, an dem man fromme Lieder wie Nearer my god to thee absingt, denn auf militärische Nutzung als Wehrturm. Im Kirchenraum selbst scheint der gottesdienstliche Betrieb eingestellt, wenn man darunter Kirchenlieder, Kommunion und kultische Kniebeugen versteht. Heute sind fast all diese K's rausgeräumt; nur noch das von karitativ hält (kümmerlich) stand. Eine freundliche, gepflegte Dame (mindestens mit einem Zahnarzt, einem Banker oder einem anderen gutsituierten Herrn verheiratet) wacht über ein paar Bücherkisten und Kleiderstangen mit gespendeten Klamotten, die hier zu wohltätigen Zwecken verkauft werden könnten, wenn denn Interesse bestünde. Liebenswürdigerweise lässt die Dame uns auf den Turm, obwohl wir knapp über die Zeit sind. Während wir hinaufsteigen, frage ich mich, wieviel die Wohltätigkeit heute eingebracht haben mag und wieviel Stunden die vermögende Gattin wohl dafür aufgewendet hat. Angenommen, sie hätte die vier Stunden, die sie nun in dieser Kirche Dienst tat, zuhause geputzt und das Geld, das ihre Putzfrau sonst dafür bekommen hätte, gespendet, wäre um einiges mehr bei rumgekommen. Aber so einfach geht die Rechnung ja nicht. Erstens hätte die Putzfrau dann kein Geld verdient. Zweitens wäre die Gattin um die öffentliche Anerkennung ihrer Mühen im Dienst der Wohltätigkeit gebracht worden, sondern wäre nur eine anonyme Putze gewesen, wo sie sich doch hier in der Kirche sichtbar aufopfern und Distinktionspunkte und soziales Kapital ansammeln kann. Außerdem hat sie wahrscheinlich keine Lust, ihre Fabergé-Eier abzustauben oder die Wollmäuse hinter dem Weinkühlschrank aufzuscheuchen, und steht lieber als Priesterin der Wohltätigkeit in St Peter, um zu konversieren und huldvoll Touristen den Zutritt in den Turm zu gewähren. Ich müsste Kants Metaphysik der Sitten konsultieren, um mir Klarheit über den moralischen Wert dieser Gebräuche zu verschaffen, aber, wie es immer so geht, wenn man was braucht: es ist nie zur Hand, und so bleibt dieser kasuistische Zweifelsfall ungelöst, merde.

Am Turmumgang fragt mich Dagmar, was das Sandwich als Klappstulle eigentlich mit dem Städtchen unter uns zu tun habe, und mir fällt nichts Besseres ein als die gängige Legende. Der Earl von Sandwich, ein fanatischer Spieler, so heißt es, habe seine Partie nicht zum Essen unterbrechen wollen und sich deshalb etwas servieren lassen, was aus der Hand zu verspeisen war, Brot mit Braten dazwischen. Es erscheint mir allerdings seltsam, dass vor jener Cribbage-Partie im Jahr 1762 noch nie jemand auf die Idee gekommen sein soll, eine Rindfleischscheibe zwischen zwei Brotschnitten zu klemmen. Man verfügte zu dieser Zeit über Mikroskope, Teleskope, Taschenuhren mit Spiralfeder und Unruh, Dampfmaschinen und Blitzableiter, elektrische Kondensatoren und Rechenmaschinen, und im Pariser Palais-Royal fast zwanzig Jahre zuvor hatte der Automatenbauer Vaucanson eine mechanische Ente ausgestellt, die schnattern, fressen und durch einen chemischen Prozess in ihrem Inneren das Gefressene auch wieder täuschend echt ausscheiden konnte. Wunderwerke menschlicher Erfindungskraft allerorten - und da soll eine vergleichsweise recht schlichte Idee wie die des Sandwichs erst in dem Jahr aufgekommen sein, in dem Roussaus Contrat social erschien? Ich wage, gelinde Zweifel anzumelden. Es klingt zu sehr, als hätte man erst nach der Mondlandung den Faustkeil erfunden.

Aber wie auch immer: über das Sandwich zu sprechen, hat uns Appetit gemacht, also kraxeln wir vom Turm und verfügen uns ins Hop and Huffkin, um einen kleinen Happen zu nehmen und ein Pint Cider zu trinken. Die zwei Kellnerinnen hinter der Theke sind wuchtig und mürrisch; letzteres möglicherweise, weil wir ziemlich Mühe haben, ihren breiten Kent-Akzent zu verstehen, und sie sich nur ungern zu langsamerem und deutlicherem Sprechen herablassen.

Im Abendlicht radeln wir lange im Hinterland der Küste dahin, bis wir schließlich auf den Deich steigen und über die Sandwich Bay schauen, aus der Angler (alle dreißig Meter ein Schirm, in den Kies gerammte Angelhalterungen, Eimerchen) ihr Abendmahl ziehen wollen. Zurück in Sandwich bummeln wir am Quai des Stour dahin und bewundern die einheitlichen Ernährungsgewohnheiten der Engländer: es gibt keine Parkbank und keine Steinbrüstung, auf der nicht Leute aus einem Pappkarton heraus frittierten Fisch und fette Fritten futtern. Übrigens nicht, wie Erasmus von Rotterdam empfahl, "mit drei Fingern oder Brotstücken", sondern mit Gabeln. (Wobei ein Stück Fleisch mit Brotstücken zu greifen doch eigentlich eine Art von Miniatursandwich ist - der anmaßende Patentanspruch des Earl sollte damit endgültig erledigt sein.)


4. Juni. Leeds Castle, Sissinghurst Castle, Rye Harbour.


Morgens bei heiterem Wetter nach Leeds Castle. Ein kurzer Halt in Lenham dient dringlicher Koffeinisierung. Das Café ist ein schiefbalkiges Fachwerkhäuschen aus der Zeit, als ein Mann von einem Meter siebzig bereits als Hüne galt; auch die Möblierung muss aus der selben Zeit stammen: man zwängt sich in die engen Zwischenräume von Tischchen und Stühlchen und muss jede hastige Bewegung vermeiden, wenn man nicht irgendwelchen Nippes von den Borden oder einen Zinnteller von der Wand fegen will. Wir sitzen lieber draußen vor der Tür, auch wenn es - heiterer Himmel hin oder her - empfindlich kühl ist. Finden wir jedenfalls und ziehen noch schnell einen Wollpulli unter die Jacken, was verwundertes Köpfeschütteln bei den britischen Senioren auslöst, die hier ganz entspannt in T-Shirt und Bluse ihren Zucker verklöppeln. Offenbar hat man in England andere Begriffe von Kälte als wir verzärtelte Mitteleuropäer, und ich vermute auch, dass man junge Mädchen hier schon von klein auf gegen Blasenentzündung impft: zwei solche Wesen von kecken 15 stöckeln in Minirock und Tanktop die Straße entlang wie die Kammerjungfern der Eiskönigin, gletscherblau und polarlichtgrün, die Schritte noch etwas ungelenk und steif, als seien sie eben erst einer Kältekammer entstiegen und noch nicht ganz aufgetaut, aber das könnte natürlich auch an ihren tollkühnen Stilettos oder den von Wachstumsschmerzen geplagten Knochen liegen. 

Als wir in Leeds Castle ankommen, hat der Wind abgeflaut, und die Sonne hat an Kraft gewonnen. Auf den Wiesen um das Schloss lümmeln Besuchergrüppchen auf Picknickdecken herum und halten ein frühes Mittagsmahl. Aus der Ferne sieht das sehr idyllisch aus, weil ich mit der Idee eines Picknicks in so feudaler Umgebung mindestens Hühnerkeulchen mit Papiermanschetten, generös belegte Sandwiches, Erdbeeren mit Schlagsahne und gekühlten Champagner verbinde, zudem Picknickkörbe mit Tellern, Gläsern und Besteck. Aus der Nähe ist von solcher Gediegenheit dann wenig zu sehen: aufgerissene Kekstüten, panierte Schnitzel aus einer Plastikverpackung, Würstchen, eingelegte Eier, dazu Dosenbier und Cola. Ich muss zugeben, dass das Geflügel an den Teichen oft eleganter aussieht als der mampfende Pöbel, vor allem die Nonnengänse mit ihren weißen Bäuchen und tintenschwaren Brustlätzen wirken sehr soigniert: von ihrem schwarzen Schnabel gehen zwei feine Mascarastreifen zu den Augen, und ihr weißer Kopf hat eine lackaffenglatte, brillantineschwarze Pomadenfrisur. 

Das Schloss, von der breiten Flußschleife des River Len umschlossen, liegt inmitten weiter Wiesen, auf denen malerische Trauerweiden, Eiben und Eichen verteilt sind, aber der Weg dorthin führt nicht durch offenes Land, sondern windet sich an einem Bachlauf entlang, vorüber an vielfältig bepflanzten Rabatten und Wäldchen mit Riesenrhabarber, unter dessen Blättern man sich bei Regen bequem unterstellen könnte. Wir sind schon hier beeindruckt von diesem regenschirmgroßen Blättern; später wird uns das Gewächs in einigen Gärten in seiner paläozooisch megalomanen Variante begegnen, bei der schon ein Blatt genügen würde, um unseren VW-Bus darin einzuwickeln.

Seit der Mitte des neunten Jahrhunderts steht hier ein Schloss. Im dreizehnten wurde es dann zum königlichen Palast mit von da an jeder Menge von Edwards und Edmunds und Richards und Henrys, die daran herumgebaut und ihre Frauen darin aufbewahrt haben, darunter auch der berühmteste Heinrich namens der Achte, der es für seine erste Frau Katharina von Aragon, herrichten ließ. In der Folge verfiel das Anwesen in einer gewissen Regelmäßigkeit und wurde meist durch Finanzspritzen aus Amerika wiederbelebt, um 1660 durch die Einkünfte, die ein gewisser Lord Culpeper aus den 20 000 Quadratkilometern in Virginia bezog, die ihm für seine Hilfe bei der Flucht des Prince of Wales vor Oliver Cromwell geschenkt worden waren. Gegen 1800 war das Schloss dann schon wieder halb verfallen; um 1820 wurde es renoviert und bald erneut dem Niedergang überlassen, bis eine Lady Baillie - die Erbin einer amerikanischen Erbin, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert so häufig von englischen Aristokraten zur Rettung ihrer notorisch verschuldeten Besitzungen geehelicht wurden - sich des Anwesens annahm. Lady Baillie ließ in den roaring twenties den Bau von französischen Architekten und Dekorateuren schniegeln und machte sich fortan als Gastgeberin für die haute-volée einen Namen. In den Dreißigern verkehrte dort der Prince of Wales mit Mrs Wallis Simpson; die rumänische Königin und der spanische König waren hier ebenso zu Gast wie der russische Großfürst Dmitri Pawlovitsch Romanow, der an der Ermordung Rasputins beteiligt gewesen war und zu seinem Glück im ersten Weltkrieg an der persischen Front gekämpft hatte, als zuhause die Bolschewiken die Zarenfamilie auslöschten. Mit britischer Hilfe konnte er sich über Teheran und Bombay nach London retten, wo er als Champagnerverkäufer reüssierte und eine Affäre mit Coco Chanel begann, der er dann bei einem Ausflug nach Cannes den ehemaligen Parfümeur des Zaren vorstellte, dessen neuester Duft Coco so zusagte, dass sie ihre bisherige Abneigung gegen Parfüms aufgab und ihre Modekollektionen mit Chanel No 5 erweiterte.

Lady Baillie lud Charlie Chaplin nach Leeds Castle und den reichsdeutschen Botschafter im Vereinigten Königreich, Ribbentropp, aber ich glaube nicht, dass sich Chaplin als Darsteller von Adenoid Hynkel und der in Nürnberg am Strang endende Ehemann der Henkell-Sekt-Erbin, Ribbentropp, bei einer der Baillie-Gesellschaften begegnet sind. In den Gastgemächern Lady Baillies nächtigten Errol Flynn und James Stewart und der James Bond-Erfinder Ian Fleming neben Angehörigen des europäischen Hochadels und des britischen Parlaments. Ein ziemlich illustrer Gästekreis, würde ich sagen.

Ein Gemälde in einem der Salons zeigt Lady Baillie zusammen mit ihren Töchtern in eleganten Seidenroben. Die Mutter trägt ein blau verschattetes Weiß, und die Beine der Töchter umwallen weite Lagen kühler Blautöne, deren Falten so angelegt sind, als wüchsen die jungen Frauen aus blau schimmernden Gletscherblöcken heraus. Das Bild strahlt eine solche Frostigkeit aus, dass es die schweren Verbrennungen der Luftwaffenoffziere, die im Zweiten Weltkrieg genesungshalber hier einquartiert waren, durch den bloßen Anblick solch bläulich kühler Labsal gelindert haben muss.

Vor der Führung durch das Schloss haben wir in den abseits gelegenen Wirtschaftsgebäuden, wo einst das Vieh gefüttert wurde und heute die Touristen, unsere erste Mahlzeit Fish and Chips verzehrt. Die Bierteighülle taugt immerhin dazu, den Fisch beim Frittieren  einigermaßen saftig zu halten; das ist der erste positive Aspekt zum Thema; der zweite besteht darin, dass es dabei keinen versierten Koch braucht, sondern nur einen Handlanger, der den Fisch in den Bierteig tunkt und in der Friteuse versenkt, bis er die vertraute hellbraune Färbung angenommen hat, und das Stück wieder herausholt. Nach weiteren positiven Aspekten der Sache werden wir noch eine Weile suchen, ohne aber groß fündig zu werden. Ja, manchmal ist der Fisch von besonderer Frische, manchmal ist auch die sauce tartare, die dazu gereicht wird, gut gemacht (aber dies manchmal ist nur eine Beschönigung, da sie es meistens nicht ist). Dennoch ist in der Mehrzahl der Fälle Fish and Chips kein Genuss, sondern nur Sättigung: Fadheit und Fett. Der Brite, der mit Fish'n'Chips eine Art von nationaler Rettung verbindet, die das Gericht für die Versorgung der Bevölkerung im ersten Weltkrieg wohl tatsächlich war, spürt sehr wohl, dass die Speise an sich aromatisch etwas dürftig ist. Deshalb übergießt er die Chips ebenso wie den Fisch gern mit Malzessig, um die Stumpfheit mit Säure zu beleben, aber diese Maßnahme ist so subtil wie eine Kanonade aus der Dicken Bertha; danach ist die ganze Mundhöhle mit Essigschrapnellen tapeziert, und die Mandeln ziehen sich zusammen wie Hoden, die einen Tritt von einer feindlichen Stiefelspitze abbekommen haben. Die Briten, denen seit je eine gewisse Neigung zur Algolagnie nachgesagt wird (das Wort ist vermutlich in englischen Eliteuniversitäten erfunden worden, um Peitschenpartys einen griechisch gelehrten Anstrich zu geben), mögen es auch in culinaribus gern schmerzhaft grell: die Kehrseite der Fadheit. 

In Deutschland entspricht der Essigsäuerung des battered cod die donnernde Überwürzung der weithin beliebten Currywurst. Der Anteil von regelmäßigen Currywurstkonsumenten in Deutschland in allen Altersstufen entspricht ungefähr dem Anteil von notorischen Ritzern bei Kindern von 11 - 16 Jahren; er liegt bei etwa 30%. Im Erwachsenenalter geht die masochistische Grundtendenz oft von der blutigen Selbstverletzung in die bloße Kasteiung der Geschmackspapillen mittels der Currywurst über, wobei die psychische Bedürfnisstruktur trotz erfolgreicher Sublimierung im Wesentlichen dieselbe bleibt. In England ist die Lage dagegen verheerend. Mehr als 80 % der Bevölkerung essen mehrmals wöchentlich Fish'n'Chips. Man kann sich ausmalen, wieviel sublimierende Nägelkauer, Blutigkratzer, Zigaretten-auf-der-Hand-Ausdrücker oder Flagellanten im weitesten Sinn darunter sind.

Es ist später Nachmittag, als wir Leeds Castle verlassen, um in Sissinghurst Vita Sackville-West einen Besuch abzustatten. Die Honourable ist in Deutschland wohl vor allem als Freundin und zeitweise Geliebte von Virginia Woolf bekannt, die ihr in Orlando ein Denkmal gesetzt hat, jenem Roman über einen jungen englischen Adligen im elisabethanischen Zeitalter, der in Konstantinopel nach einem mehrtägigen Schlaf als Frau erwacht, in seine/ihre Heimat zurückkehrt und nach einem dreihundertjährigen Leben am Ende des Romans doch eine Frau von 36 Jahren ist, die sich keck ans Steuer eines Automobils setzt und durch den englischen Nebel braust.

Sackville-West kannte sich zumindest in Fragen des Geschlechterwandels aus. Wenn sie mit ihrer Geliebten in Frankreich weilte, trug sie (wie bisweilen die verwandelte Orlando) Männerkleider. Mit ihrem Ehegatten teilte sie die Vorliebe für das je eigene Geschlecht, sodass sexuelle Eifersucht ihre Beziehung kaum belastete.

Vita (wenn ich die Dame hier so ungezwungen bei ihrem Vornamen nennen darf) war nicht nur eine produktive und feinfühlige Schriftstellerin, sondern hat sich auch als Gartengestalterin einen Namen gemacht, was in England, wo diese Kunst eine höhere Wertschätzung genießt als irgendwo sonst, schon etwas besagen will.

Sissinghurst Castle wird heute vom National Trust verwaltet, den wir hier kennenlernen. Der Trust wurde um 1900 gegründet, um das historische Erbe des Landes zu bewahren. Schon vor dem Ersten Weltkrieg waren viele der prachtvollen Adelssitze in ihrem Bestand bedroht. Die Unterhaltskosten waren hoch, und die Aristokratie war es gewohnt, von Pachteinnahmen und angelegtem Vermögen zu leben oder an siechen Erbtanten oder amerikanischen Millionärstöchtern zu parasitieren. Die Gabe, den eigenen Besitz durch kluges Wirtschaften zu erhalten oder gar zu mehren, war ihnen nicht in die Wiege gelegt worden, vermutlich, weil die Wiege bereits mit zu viel anderem Gut wie silbernen Löffeln, Wappenschilden und voluminösen Stammbaumrollen angefüllt war. Arbeit war verpönt: ein Gentleman im strengen Sinn ist ja jemand, dem es gelingt, seinen Lebensunterhalt ohne eigene Arbeit zu bestreiten. Ob das Abschneiden von Aktiencoupons unter den Begriff Arbeit fällt, mag mitunter Gegenstand von Debatten in manch hochmögenden Kreisen gewesen sein. Liberalere Deutungen ließen sogar Ärzte und Juristen, Militärs von Rang und womöglich sogar Professoren als Gentlemen gelten, doch über Industrielle, Pressezaren, Bankiers oder Besitzer großer Handelshäuser rümpfte man die Nase. Man diente dieser Penunzenplebs zwar gern die Töchter als Ehefrauen an, so wie umgekehrt die Titelerben gern die Mitgiften von Industriellentöchtern heirateten (und dabei sogar bereit waren, die Töchter selbst in Kauf zu nehmen) - aber über Möglichkeiten einer Wertschöpfung abseits von Geldheiraten nachzudenken, war unter der Würde des Adels.

An Reichtum von Industriellen und Händlern überflügelt, und von den hohen Erbschaftssteuern bedrängt (die bei großen Besitzungen 1907 noch bei 15% des Wertes lagen, aber 1919 auf 40 und dann im Abstand von jeweils einem Jahrzehnt auf 50, 60 und 1941 schließlich auf 80% anstiegen), sahen mehr und mehr Schlossherren und Großgrundbesitzer keinen anderen Ausweg, als ihre Liegenschaften dem National Trust zu vermachen.

Darum besitzt diese Treuhandschaft heute ein paar hundert, im ganzen Land verteilte Objekte von historischem Interesse - Schlösser und Gärten, Industriedenkmäler und Kirchen, Pubs und Mühlen sowie zweieinhalbtausend Quadratkilometer Land. Ein Viertel des Lake District ist Trust-Land, ein Zehntel der britischen Küsten ebenfalls. Wir bezahlen den Mitgliedsbeitrag für ein Jahr und fortan steht uns all dies offen. Die 100 Pfund sind gut angelegt; die Eintrittspreise für Nicht-Mitglieder belaufen sich nicht selten auf 20 Pfund pro Nase und Sehenswürdigkeit, und ist man einmal member, steht man nicht bei jedem möglicherweise doch gar nicht so interessanten Manor vor der Frage, ob sich die Besichtigung denn auch lohne. Man kann es erkunden und bei Desinteresse auch wieder verlassen, ohne eine unnütze Ausgabe zu bedauern.

Sissinghurst Castle aber lohnt sich ohne Zweifel. Bevor wir dem Anwesen entgegenwandern, kleben wir noch unser National-Trust-Wappen auf die Windschutzscheibe - nicht ohne ein Gefühl des Stolzes, nun einer so erlauchten Gesellschaft anzugehören, die den Erhalt von Englands kulturellem Erbe fördert; es ist fast, als hätten wir nun die Einbürgerungsurkunde erhalten.

Zur Linken liegen Stallungen und Schuppen aus rotem Backstein. Ihre kegelförmigen Dächer werden von weißen, geriffelten Hauben gekrönt, die an diese gefältelten Papierförmchen erinnern, in die man Pralinen oder Petit-fours steckt. Aber unser Reiseführer hat uns schon belehrt, dass es sich bei diesen Krönchen um drehbare Schornsteinkappen handelt, die Luft ins Innere der Gebäude lassen, in denen Hopfen getrocknet wird. Kent ist nicht nur der Obstgarten Englands, sondern auch gesegnetes Hopfenland. 

Ich hatte mir bei dem Namen Sissinghurst Castle Prachtvolles und Fürstliches vorgestellt; es hätte trutzig und ritterlich sein können, oder von der zierlichen Verspieltheit eines Prinzessinnenschlößchens, das war noch unentschieden, doch auf keinen Fall hätte ich etwas so Gutshofshaftes erwartet und ein so bescheiden ländliches Anwesen, das auf den ersten Blick nicht viel mehr darstellt als einen breiten Gebäuderiegel aus verwittertem Backstein, dem nur die Doppeltürme in der Mitte der Anlage etwas heraldischen Applomb verleihen. Sissinghurst ist nicht mondän, und es scheint auch nicht auf ein Geschlecht aus altem Schwertadel zurückzugehen, das seinen Stammsitz mit allerlei Fortifikationswesen hätte versehen müssen. Wenn Sissinghurst sich je irgendwelcher Angriffe zu erwehren gehabt haben sollte, kann ich mir dabei allenfalls eine Rotte zorniger Bauern vorstellen, die mit Dreschflegeln und Mistforken gegen zu hohe Pachtauflagen rebellieren; aber noch nicht mal diese Art von Aufruhr will mir hier wahrscheinlich vorkommen - es liegt soviel ländliche Zufriedenheit über dem Ganzen, dass ich glauben will, dass hier nie strenge Zwingherrn, sondern immer nur fürsorgliche und gütige Landedelmänner gesprossen sind, die gegen revoltierendes Bauernvolk auch keine Kanonen hätten laden lassen, sondern den Aufruhr mit Freibier gelöscht hätten.

Zuerst besichtigen wir die Gärten: die Purpurrabatten, den Weißen und den Rosengarten, den italienisierenden Lindengang, den Bauerngarten. Jede Abteilung hat ihr eigenes Kolorit in feinen Schattierungen, ihre eigene Atmosphäre, und immer wieder sind wir gebannt von dem Spiel der Farben und Blütenformen, den Spiegelungen, die sich ergeben, wenn in einem Beet blaue Clematis und roter Fingerhut, und in einem anderen rote Clematis und blauer Fingerhut blühen. Stämmige Dolden und flatterhafte Mohnblätter wie Schnipsel aus knittriger Wildseide; Zierkohl aus Grünspan und Silber; veilchenfarbene Orchideen mit feinfiedrigen Staubblättern, Petalen von Entenfettgelb und dunkelvioletten, nach innen hin tigerig gemasertem Lippen: eine so verführerische Blüte, dass ich versucht bin, meine Lippen an die ihren zu legen und Nektar daraus zu schlürfen oder noch unzüchtigere Dinge mit diesem lasziven Gebilde zu treiben... Manche Orchideen scheinen derart in Seidenwäsche gehüllt, dass man sich in einem Etablissement voll frivoler Lockungen wähnt; alle Farben und Formen weisen auf den geschlossenen Sphinkter in der Mitte der Blüte hin, der gradezu um Befruchtung zu betteln scheint.

Wir ergehen uns lange in den Gärten, bevor wir in das Haus treten und uns den grandios überladenen, düster getäfelten Salon ansehen, in dem Bücherregale mit Ölschwarten und Wandschirmen, Ohrensesseln und Sofas, Tischchen und hölzernen Globussen und Bronzeskulpturen zusammengesperrt sind, als würde eine lang verfehdete Familie dazu gezwungen sein, ihren Zwist durch möbelhaftes Schmollen auszutragen. In der Mitte des Raums steht eine lange eichene Tafel, deren gedrechselte Beine so massiv sind, dass eins davon wahrscheinlich mehr Gewicht auf die Waage bringt als Lady Vitas ganzer schlaksig langer Leib. 

Sie muss eine erstaunliche Erscheinung in diesem Ambiente gewesen sein: ihre langen Gliedmaßen, der schlanke Hals und das lange, schmale Gesicht wirken viel zu zart für diese schweren Möbel und die gebeizte Dunkelheit des Raums. Auf einem Porträt von 1918 trägt sie einen breitkrempigen roten Hut und eine tannengrüne Bluse, was sie sehr grazil erscheinen lässt. Doch bräuchte man sie nur in einen Smoking zu stecken oder in das Wams eines Renaissance-Jünglings, um die männlichen Züge in ihr zu entdecken, das scharf geschnittene Gesicht, das willensstarke Grübchen im Kinn; der Ausdruck ihrer Augen ist halb melancholisch und halb von kalter Herablassung. Man kann sie sich ebensogut mit einer Lanze in der Hand vorstellen wie mit einer Gartenhacke.

Wir steigen in den Turm, wo sie ihren room of her own hatte und schrieb. Auch diese Zimmer sind grandios überladen, voller Teppiche und Bilder und Vasen und Kerzenleuchter und Vögel aus blauem Muranoglas, kleinen Medaillons an den Wänden… In ihrer Einrichtung spricht sich nicht anders als in den Gärten ein gewisser horror vacui aus, ein Hang zur Überfülle - man kann froh sein, dass wenigstens zu Füßen des Turms ein freies Stück Rasen erhalten geblieben ist und sich auch um das Anwesen herum die Weite der Kentischen Landschaft mit ihren Weiden und Feldern dehnt.

Bald ist Feierabend auf dem Gelände, und auch der Parkplatz, auf dem wir angenehm und mit Blick über die Felder hätten den Abend zubringen können, senkt die Schranken zur Nacht. Wir müssen fort von hier. 

Der Hafen des einstigen Küstenstädtchens Rye ist seit langer Zeit verlandet, doch am Flüsschen, das ins Meer mündet, gibt es noch ein paar Bootshäuser und Stege - und William the Conqueror, den Pub am Platz.

Mein erstes englisches Bier, geruhsam mit der Handpumpe aus dem Fass gezapft, und ohne ein einziges Kohlensäurebläschen, das im Glas emporklettert. Ein heller Schleier liegt auf der Oberfläche des Biers, dünner als ein Spitzendeckchen. Ich habe  zwar beim Einschenken zugesehen und das Glas keinen Moment aus dem Auge gelassen; trotzdem habe ich dann beim ersten Schluck das Gefühl, dass die Barfrau es durch irgendeinen unerhörten Trick geschafft hat, mir die abgestandene Plörre vom Vortag unterzujubeln. Aber das ist nur meine Voreingenommenheit; ich kenne Bier nicht anders als durchperlt von zünftigen kleinen Bläschen und bedeckt von einer knisternden weißen Schaumkrone. Dass man alles, was einer solchen Krone ähneln könnte, mit einem Spatel abräumt, kommt mir erst mal befremdlich vor, ebenso wie die durchaus laue Temperierung. Zuhause lagere ich meine Halben im Null-Grad-Fach, und jetzt steht hier dieses teefarbene Gesöff vor mir, das man nur dann kellerkalt nennen könnte, wenn von einem Heizungskeller die Rede wäre. Die ersten Schlucke tue ich darum etwas zögerlich, ein bisschen wie ein Teenager, der seine ersten Züge an einer Zigarette nimmt, oder tapfer das erste Mal seine Zunge zwischen fremde Lippen schiebt; doch allmählich wirkt die Gewöhnung, die auch mit dem Kniff britischer Wirte zusammenhängt, die Trinker bei der Stange zu halten, was diesmal ziemlich wörtlich gemeint ist. Die Sitte, ein Glas erst dann als korrekt eingeschenkt zu betrachten, wenn das Bier über den Rand läuft, führt dazu, dass dieses Glas von einer dünnen Schicht klebriger Malzzucker eingekleistert ist. Einmal die Hand daran gebracht, bleibt man sofort daran pappen, und da das Bier für kontinentale Trinker ohnehin schon zu warm ist, und durch den dauernden Kontakt mit der Handfläche noch wärmer zu werden droht, fühlt sich der Trinkende gezwungen, das Bier, schon um dessen Überhitzung zu verhindern, so schnell wie eben möglich zu leeren. Dieses Prinzip habe ich recht schnell begriffen und gebe mir alle Mühe damit. Nun setzt aber Stufe zwei des britischen Biererziehungskalküls ein: denn nach den ersten Eingewöhnungsschlucken wird mir klar, welch aromatische Fülle aus einem Bier steigen kann, wenn seine Geschmacksstoffe nicht von den frostigen Händen der Eiskönigin stranguliert werden, wie auf dem Kontinent üblich. Bei 13 Grad entfaltet sich der Geschmack, räkelt sich geradezu wohlig und genüßlich und nackt in der Sonne, während er bei zehn Grad weniger in sich verhärtet, verkapselt, zusammengekrampft, als fröstelndes Rührmichnichtan dahockt wie eine zimperliche Jungfer, die ihre duftigen Schenkel um keinen Preis den durstigen Lippen öffnen will. Ich entdecke eine neue Welt, ein Duftgärtchen und eine Menge von Geschmackssträußchen in den britischen Bieren. Und es gibt ja soviel davon! Kaum ein Pub, der nicht mindestens fünf Fässer angestochen hat, Pale Ales, Real Ales, Indian Pale Ales, Lagers, Porters, Bitters, Stouts, und dann noch ein paar Importe vom Kontinent, die mit anständig Kohlensäure durch die Kühlmaschine laufen, für alle, die das Prickeln auf der Zunge brauchen. 

Jetzt würden wir auch gern einen Happen essen. Bis auf eine geteilte Portion Fish'n'Chips hatten wir heute noch nichts. Doch es ist Sonntagabend, und da fastet William the Conqueror, die Küche hat zu, und bald auch das Pub. Wir verziehen uns in den Bus, der vom Wind geschaukelt wird, nagen an den Käserinden, die wir von zuhause mitgebracht haben, und knabbern Brotreste. Draußen fegen Wind und Regen dahin, die Wolken fallen schwarz und mit der üblichen Gefräßigkeit des Dunkels über die Küste her, und die ganze Nacht über trommelt der Regen auf das Busdach.


5. Juni. Rye, Hastings, Seven Sisters


Unser Lonely-Planet-Reiseführer nennt Rye eine Modellsiedlung aus dem Mittelalter, die man in Formaldehyd eingelegt hat. Ich hätte da noch andere Ideen, was man alles in Formaldehyd einlegen sollte, und Lonely-Planet-Redakteure stehen ziemlich weit oben auf der Liste.

Aber in der Tat hat Rye einige recht hübsche Kopfsteinpflastergassen, die sicher dafür sorgen, dass die hiesigen Apotheker sich mit Knöchelbandagen und Diclofenac-Präparaten eine goldene Nase verdienen. Es gibt charmant bucklige Fachwerkhäuser mit Butzenscheibenfenstern, Heckenrosen und Bienenweide, Stockrosen, die weit in die Gasse hineinnicken, alte Wirtshausschilder und Antiquitätenläden. Zudem eine stilistisch etwas uneinheitliche Kirche mit einer Turmuhr, über deren Zifferblatt zwei bunte Putten alle Viertelstunde auf ihre Glocken hämmern, über denen der Spruch aus dem salomonischen Buch der Weisheit "Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten" prangt. Ich bin immer wieder erstaunt, mit wieviel Chuzpe fromme Leute ihre Bibelsentenzen aus dem Zusammenhang reißen, um ihre Klagen und Ermahnungen unters Volk zu bringen. In Wahrheit sprechen nämlich im Buch Salomon nicht die Gerechten von der schattenhaften Zeit, sondern im Gegenteil die Frevler, die sich nur ein lustiges Leben machen wollen - "Lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten" (2, 6) - und dabei vor Mutwill und Bosheit nicht zurückschrecken: "Lasst uns den Gerechten unterdrücken [...], die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen!" (2, 10)  Das Kapitel endet schließlich mit dem Wort des wahrhaft Frommen: "Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen" (2, 23) - die Rede von der Zeit, die vorübergeht wie ein Schatten, ist also nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern im Gegenteil nur dem irrenden Gemüt des Frevlers entsprungen, und ich frage mich ernsthaft, wie es um die theologische Konsequenz der Bibelauslegung in elisabethanischer Zeit bestellt war, da hier Frevlerworte kommentarlos als Weisheitssentenzen durchgehen sollen. (Es sei denn natürlich, dass irgendein verschmitzter Kanonikus tatsächlich lieber die Güter des Lebens genießen und erlesenen Wein und reichlich Salböl fließen lassen wollte, statt sich durch Entsagung das ewige Leben im Jenseits zu erwerben. Das wäre dann freilich ein übler Pfaffe, der Witwen und Greise triezte!)

In der Kirche sehen wir zum ersten Mal, was uns in vielen englischen Gotteshäusern begegnen wird - die Spielecke für die Kinder. Offenbar nimmt man Christi "Lasset die Kinder zu mir kommen" beim Wort. Ich wüsste nur zu gern, ob die Kleinen hier auch während des Gottesdienstes mit den Puppen und Teddys und Wachsmalkreiden spielen dürfen, oder ob es hier nur Spielstunden außerhalb der Messzeiten gibt. Aber ich glaube, während der Messe schickt es sich nicht. Zu leicht könnten gewisse Ähnlichkeiten zwischen Teddybären und Heiligenfiguren, zwischen Verkleidungslust und Priesterornat, zwischen kirchlicher und kindlicher Ritualfreude die Unterschiede zwischen Religion und Kinderspiel verwischen, und wie schnell sähe doch dann ein Gottesdienst wie die Fortsetzung des letzteren mit erwachsenen Mitteln aus…

Wir bummeln noch ein wenig durch das Städtchen, staunen einen Turm an, der wie ein tabaksaftbrauner, kariöser Backenzahnstumpf an den alten Festungswällen aufragt, beschauen schwarz lackierte Kanonen, die gen Frankreich gerichtet sind, sowie lakritzschwarze, zu Pyramiden aufgeschichtete Kanonenkugeln. Auch das Haus, in dem Henry James 20 Jahre gewohnt hat, entdecken wir. Eine Gedenktafel verrät, dass er hier viele seiner Romane verfasste - eine recht allgemeine Bemerkung, die in auffälligem Kontrast zu der Genauigkeit steht, mit der festgehalten wird, dass er diese in einem Gartenhaus schrieb, das durch einen deutschen Luftangriff am 18. August 1940 zerstört wurde. Ich merke, wie mich das verdrießt: der Luftangriff wird penibel notiert, aber zu Henry James, dem Autor eines gewaltigen Werks, nur Oberflächlichkeiten. Our time is a very shadow that passeth away.  

Es ist nicht mehr weit bis Hastings. Der Name unseres gestrigen Pubs - William the Conqueror - hat schon darauf hingedeutet, dass wir uns auf historischem Gelände befinden, blutgedüngt und knochenhaltig. Hastings ist heute, fast ein Jahrtausend nachdem King Harold unter den Hieben von Williams Normannen fiel, ein friedliches Seebad. Obwohl - richtig friedlich ist es nicht, denn ästhetisch klirren hier immer noch die Schwerter: verblichener oder mit Formaldehyd erhaltener, viktorianischer Glanz wird energisch von proletarischer Schäbigkeit bekämpft, vage am palladianischem goldenen Schnitt angelehnten Häusern sind grüne Wellblechsimse eingezogen wie eine Tankstellenüberdachung, einer gotisch inspirierten Kirche wird eine tonnenförmige Pfahlbaulatrine beigesellt (eine spirituelle Bedürfnisanstalt mit einer Art von Baskenmütze samt Filzdocht als Dach); vor das klassizistische Halbrund von St. Mary in the Castle hat man einen Ladenriegel gesetzt, wie ihn allenfalls ein vierjähriger Lego-Besitzer mit destruktiven Launen zusammenstecken würde. Über die Stadt hinter der seaside möchte ich aus Höflichkeit kein Wort verlieren. 

Das Pier allerdings, das man in die See hinausgebaut hat, ist von anziehender Modernität. Man kann von Glück sagen, dass der Vorgänger abgebrannt ist. Freilich hat man auch beim Wiederaufbau nicht auf Bestandteile der üblichen englischen Strandbadmöblierung verzichtet; besonders die Spielhallen durften offenbar nicht fehlen; darüber zu sprechen, möchte ich mir aber für einen anderen Anlass aufheben; noch fühle ich mich diesen düdelnden, zwitschernden, klingelnden Greueln nicht gewachsen.

Es ist Mittagessenszeit. Eine Unmenge von Fish'n'Chips-Läden bietet sich an, aber wir wollen nicht aus Pappkartons, sondern ganz bürgerlich und gesittet von Porzellantellern essen. Schließlich finden wir ein Restaurant, das gediegen genug aussieht. Die Mahagonitäfelung der Wände erinnert uns an ein Restaurant in Florenz, in dem wir einmal ein fantastisches Bistecca gegessen haben und dem wir dann über die ganze Dauer unseres Aufenthalts treu geblieben sind. Das war familliär, alteingesessen, die Küche war lang erprobt und sehr solide. Von der Ähnlichkeit der Täfelung verführt, lassen wir uns nieder. Die Gäste sehen allerdings recht anders aus als die bella figura-Florentiner damals. Zwei Familien sitzen dort, die wir erst für eine halten, weil sie sie sich in Format und Habitus stark ähneln, vom massigen Körperbau bis zu den Piercings und Tatoos, die sie als Angehörige einer gemeinsamen Clan-Lineage auszuweisen scheinen.

Die Kellnerin kommt, abgezehrt, Ende 60, schmutzige Fingernägel. Dagmar bestellt die Leber mit Zwiebeln, ich einen Sunday Roast mit Yorkshire Pudding. Kaum ist die Kellnerin weg, erscheint der Koch in der Luke, und ich weiß sofort, dass wir in der Falle sitzen. Ich möchte wetten, dass der Mann auf jahrelange Erfahrung in einer Gefängnisküche zurückblicken kann. Aber warum hat man ihn rausgelassen? Und warum sperrt man ihn nicht sofort wieder ein? In Frankreich bräuchte man nur den bald angelieferten Teller mit der Leber bei der Polizei vorzulegen, damit der Koch stante pede wieder hinter Gitter käme. Die Leber ist schwarz angebrannt und knochentrocken; die Zwiebeln dazu sind so grob geschnitten, als sei das einzige Bestreben des Kochs gewesen, sie exakt so groß zu machen wie die chunky chips. Die Zwiebelklumpen sind außen schwarz und innen roh: ein Desaster, nein, kein Desaster: ein Verbrechen wider die Menschlichkeit. Mein Sunday Roast aber ist noch grauenvoller, was zum Teil möglicherweise daran liegt, dass er eben ist, was sein Name besagt, nämlich ein Sonntagsbraten. Dummerweise haben wir aber Montag, und so schmecken nicht nur die Bratenscheiben ältlich, sondern auch der Yorkshire Pudding, die grotesken, wochenlang in Wasser eingelegten Kartoffeln, der riesige Haufen salzloser Erbsen und der nicht minder riesige Haufen Möhren aus dem Glas. Irgendetwas davon könnte gestern vielleicht noch einigermaßen frisch (also aus einem frisch geöffneten Konservenglas) gewesen sein, es könnte aber auch von irgendeinem schönen Aprilsonntag stammen. Das, was ich fahrlässigerweise auf den ersten Blick gekochte oder Salzkartoffeln genannt hätte, ist nicht gekocht (und schon gar nicht in Salzwasser), sondern allenfalls in einer 70 Grad warmen Flüssigkeit zu einer gipsigen Masse Stärke transformiert worden. Der Pudding (ausgebackener Pfannkuchenteig) ist elastisch, fluffig, also eigentlich gummiartig und könnte bei der Auspolsterung von Paketen mit zerbrechlichem Inhalt um einiges konstruktivere Beiträge leisten als auf meinem Teller, zumal das Einzige, das dieser Schaumstoffmasse noch etwas Geschmeidigkeit verleihen soll, vollkommen widerwärtig ist: eine Bratentunke aus dem Chemielabor, die auf der Zunge sofort diese leicht talgige Betäubung hinterlässt, die man von Industriesoßen kennt. Schon der Name dieser Tunke ist sinister: man nennt die Substanz gravy, und es scheint mir nicht abwegig, dass man in früheren Jahrhunderten die wesentlichen Bestandteile der Soße tatsächlich aus Reifegruben fürs Wild oder gleich aus Massengräbern geschöpft hat. Heute allerdings braucht man solche Gruseligkeiten nicht zu befürchten, denn es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass diese gravy zu mehr als zehn Prozent mit irgendwelcher natürlichen Materie zu tun hat oder ein direktes Folgeprodukt organischer Ausgangsstoffe darstellt. Was hier in zäher Viskosität am Fleisch haftet, ist aus Erlenmayerkolben gesickert, zentrifugiert, mit Reagenzien und Katalysatoren traktiert, kondensiert und destilliert und extrahiert und synthetisiert worden: ein reines Retortenerzeugnis aus Dingen, die alle ein E als Vor-, und eine Nummer als Nachnamen tragen.

Es ist gut, dass wir danach eine lange Wanderung an den Klippen von Beachy Head machen, an denen Winde zausen, die meine eigenen schnell davonblasen. Steile Kreidefelsen, Leuchttürme; die Heidematten über den Klippen sind von Kaninchengängen durchbohrt. Allmählich setzt der Regen ein. Wir schaffen es grade noch zum Auto zurück, bevor der Niesel in einen veritablen Guss übergeht, und schippern dann durch trübes Marschland davon. Seaford, Newhaven, Rodmell. Wir versuchen, Virginia Woolf einen Besuch abzustatten, aber im Monk's House ist kein Audienztag, und in Lewes schüttet es so, dass wir es nur mit Mühe über uns bringen, anzuhalten und auszusteigen, obwohl mich das Museum, das der vierten Gattin von Heinrich VIII, gewidmet ist, durchaus interessiert. Die Geschichte von Anne von Kleve, der "flandrischen Mähre", deren schlaffes Fleisch der König bemängelte und nie fleischlich erkannte, böte vielleicht allerlei lehrreichen Stoff über die Gepflogenheiten der Epoche. Aber auch das Anne of Cleves House hat geschlossen (was dieser spröden und sexuell wenig initiativen Person ganz gemäß ist), also fahren wir weiter, bis uns irgendwo im dichten Verkehr der South Downs ein Schild zu einem Landpub lockt, auf dessen Parkplatz uns auch die Übernachtung gestattet wird.

Der Pub - The Cricketeer's Arms - schafft eine Ehrenrettung der englischen Küche. Wir teilen uns eine Paté aus Hühnerleber und Wildpilzen, mit einem Napf Chutney, das wunderbar passt und das Waldesdunkel von Leber und Pilz fruchtig belebt. Wir süffeln eine Flasche Malbec und genießen die Wohnzimmerbehaglichkeit unseres Winkels, wo wir in aller Ruhe lesen und schreiben können, während der hübsche Garten vor den Fenster im Juniregen absäuft und nur in den kurzen Regenpausen die Amseln herauskommen und ihre Madrigale flöten.


6. Juni. Sheffield Park, Brighton.


Auch nachts regnet es heftig. Wieder schubst der Wind am Bus herum, und es ist so kalt, dass wir mitten in der Nacht die Zusatzdecken herauskramen müssen. Am Morgen wird es nicht besser. Das Thermometer zeigt 8 Grad an, der Wind klatscht den Regen breitseits an die Scheiben. 

Wir wollen trotzdem unseren ersten von Capability Brown gestalteten Garten besuchen und machen uns zum Sheffield Park auf. Dabei passieren wir die eine oder andere antiquarische Eisenbahnlinie, auf dem Hinweg den winzigen Schienenstrang der Lavender Line, der ein paar Kilometer durch Weiden und Hügel verläuft, und nach dem Parkbesuch die Bluebell Railway, welche die bedeutenden Verkehrsknotenpunkte Fletching und East Grinstead miteinander verbindet, von wo aus der Reisende bereits durch einen läppischen Fußmarsch von zwei Stunden nach Crawley gelangen könnte, wo er wieder Anschluss ans offizielle Eisenbahnnetz Englands fände.

Die Engländer lieben ihre historischen Eisenbahnstrecken, die schnaubenden Dampfloks und die Schaffner in ihren Uniformen aus dem Fundus. Die moderne Variante des Eisenbahnverkehrs lieben sie auch, obwohl das englische Eisenbahnwesen seit den Privatisierungen der 90er-Jahre vor allem durch gravierende Unfälle von sich reden machte. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Dampflok, die vor staunenden Schafen und Heckenrosen nach Atem ringt, und einem Hochgeschwindigkeitszug, der mit Tempo 200 frontal auf einen anderen Zug zurast, würde ich freilich immer die sanftere Variante mit den staunenden Schafen vorziehen. Das Dumme ist bloß, dass ich mir nur wenig Gelegenheiten vorstellen kann, bei denen ich von Fletching nach East Grinstead oder von Little Horsted nach Isfield transportiert werden wollte, und das, obwohl die Anzahl der bei Unfällen getöteten Passagiere zwischen Little Horsted und Isfield sehr viel geringer ist als die Zahl der Todesopfer zwischen Leeds und London. Statistisch betrachtet, ist die Reise zwischen Horsted und Isfield fast schon eine Art von Versicherung gegen letale Unfälle, da hier wahrscheinlich noch nie irgendjemandem etwas zugestoßen ist (wenn man einmal von der Möglichkeit absieht, dass sich irgendwann einmal jemand einen Schneidezahn angebrochen haben könnte, als er mit einer Bierflasche dagegengeschlagen ist). Die Waggons scheinen Rettungskapseln zu sein; in ihnen ist man sicher, und man sollte dort einsteigen und sie nie wieder verlassen, da es offenbar unmöglich ist, in ihnen Opfer eines tödlichen Unfalls zu werden. (Andererseits sterbe ich lieber zwischen London und Leeds statt auf Ewigkeit zwischen diesen beiden dämlichen Weilern hin und her zu gondeln.)

Am Parkplatz von Sheffield Park rüsten wir uns erstmal für den Rundgang. Die Windstärke liegt bei 8 auf der Beaufort-Skala: große Bäume beugen sich, Zweige brechen ab, das Gehen gegen den Wind ist erheblich erschwert. Eine Stufe mehr, und die Gartenmöbel hinter dem Kassenbereich würden über die Terrasse schlittern. Ich ziehe die gewachste Jacke an, den Trenchcoat darüber, wickle mir zwei Schals um den Hals, immerhin ist Juni. Aus der Kiste für alle Fälle habe ich die dicke Cordhose geholt, und ich überlege ernsthaft, unser Universalwerkzeug einzustecken, mit dem ich gegebenenfalls Äste durchsägen könnte, sollten wir von einem umgestürzten Baum eingeklemmt werden.

Der Wind flaut allerdings merklich ab, kaum dass wir durch die Kasse sind. Ist es möglich, dass der National Trust mit den Wettergöttern eine Abmachung zugunsten seiner Mitglieder getroffen hat? Ich kann jedenfalls meinen Mantel öffnen und auch einen meiner Schals lockern; es ist wie der Übergang in eine andere Klimazone.

Sheffield Park ist nicht das chef d’œuvre, aber eine der soliden Arbeiten von Lancelot Brown, des brillantesten Landschaftsgestalters der Epoche, den man aufgrund seiner Gabe, überall Verbesserungsmöglichkeiten der Gärten zu sehen, Capability nannte. Capability durchritt ein Gelände, mit dessen Gestaltung er betraut war, in einer Stunde, und entwarf noch zu Pferd das Konzept der künftigen Anlagen. Beeindruckend ist die Schilderung einer Dame, die ihn auf einer seiner Rekognoszierungen begleitete: »„Da“, sagte er, wobei er mit dem Finger auf etwas wies, „mache ich ein Komma, und da“, an eine andere Stelle hinzeigend, „wo eine entschiedenere Wendung angemessen ist, einen Doppelpunkt; anderswo, wo eine Unterbrechung wünschbar wäre, eine Parenthese; dann ein Punkt. Und dann fange ich einen neuen Satz an.“«

Es ist eine erstaunlich schriftstellerische Herangehensweise: der Gartenbau wird als Frage der Prosodie und der Syntax betrachtet: das leuchtet mir sofort ein. Die Wege schwingen als lange Satzperioden, wie man sie in der Epoche Fieldings und Rousseaus so liebte, an den Seenufern dahin, verlieren sich in engen, grüblerischen Pfaden, die den verzwickten und manchmal hoffnungslos erscheinenden Gedankengängen eines Melancholikers, der keinen Ausweg sieht, nachgebildet scheinen, und immer tiefer in die Wirrsale beklemmender Gestrüppe führen, bis, plötzlich, ein Weg abzweigt, der sich sogleich gabelt, und hier den Rhododrendrengebüschen zuläuft, die das Unterholz der Föhren und Kiefern verdecken, und dort den offenen Wiesen, auf denen Baumsolitäre wie Ausrufezeichen (eine Araukarie! ein Tulpenbaum!) oder Strauchgrüppchen, die als belebende Interjektionen (oh!) auf dem Grün verteilt sind. Kleine Stauwehre fungieren als Parenthesen, die den oberen See von den unteren trennen - die Wasserstufen, deren Ufer mit in Farbe und Form höchst unterschiedlichen Bäumen und Sträuchern besetzt sind, sind nur ein paar Dutzend Meter lang - und, obgleich sie den Vergleich mit den Einschüben, die bei Sterne im Tristram Shandy auch schon mal einen begonnenen Satz für 80 Seiten voller Digressionen unterbrechen, nicht aushalten, aber doch für diesen Bezirk eine ganz andere Atmosphäre aus moosbewachsenen Steinblöcken und trauersatter Intimität bereitstellen.

Mag sein, dass Capability größere Zauberstücke geschaffen hat als Sheffield Park. Doch die Vielfalt auf kleinem Raum, die beständige Abwechslung zwischen Offenheit und Nischenenge, zwischen Farbeintönigkeit und wilder Palette, zwischen den stacheligen Kränzen der Nadelbäume und dem weichen Gewühl der Laubkronen, zwischen den grünen Massen der Gebüsche und den sich schlängelnden Stämmen der Eiben - all das ist höchst kunstvoll gestaltet, und zudem von fast enzyklopädischer Natur: hier wurden nicht nur heimische Gewächse hingepflanzt und arrangiert, hier wurde das Empire gärtnerisch zusammengeführt. Vermutlich haben erst Capabilitys Nachfolger im 19. Jahrhundert, als das britische Kolonialreich wuchs, die Exoten aus Persien und Indien und Polynesien mitgebracht; doch neben allerlei mediterranen Gewächsen standen Capability schon Schößlinge und Saatmitbringsel aus Amerika zur Verfügung, die hier gedeihen und die Wiesen und Raine besiedeln.

Gürtel von Gesträuchen säumen die gekiesten Pfade und öffnen sich, um sorgfältig ausgewählte Prospekte auf das Herrenhaus und die Teiche freizugeben. Hier wuchern Rhododendrendschungel, dort ist ein Weiher von Gewächsen umgeben, die in Form und Farbe florale Vielfalt feiern: Struppiges steht neben klaren grünen Kegeln, buschig niederhängende Weiden neben den aufwärtsstrebenden Flammen der Zypressen, rostrote Blutbuchen neben dem leuchtenden Laubgewirr ihrer grünen Vettern. Auf kleinen Inseln ragen Palmen auf, wie Fackeln, die von einem lodernden Tuff aus Wedeln umgeben sind wie von einer Flammenkrone: befremdlich anmutende Pfähle, als hätte man von irgendeiner Menschenfresserinsel, wo sie als Fetische dienten, diese Pflöcke mitgebracht und ihnen mähnenumwallte Löwenschädel aufgesetzt. Ahornvarianten mit auberginefarbenen Blättern, Büsche wie geschossener Salat und kraushaarige Schilfgesträuche runden die Vignette ab. So könnte man lange fortfahren; immer wieder stoßen wir auf Aussichtspunkte, von denen sich ein Gartenstück zu einem präzis komponierten Bild aus Vorder-, Mittel-, Hintergrund zusammenfügt, zu Massen und Formen und Farben, die zu lebendiger, lässiger Balance gefunden haben.

Wir wandern zwei Stunden durch die Anlage, verirren uns in den Gehölzen, landen auf einem Cricketfeld, kratzen uns den Dreck von den Stiefeln, flüchten vor einem Regenschauer in einen Unterstand, auf dessen Bänkchen wir erschöpft zusammenbrechen, woraufhin der Regen sofort aufhört. Am Teich watschelt eine Entenfamilie empört davon, als wir uns nähern, und ich komme mir vor wie ein Paria, der es gewagt hat, sich einer erlauchten Sippe von Bramahnen zu nähern, die, vom üblen Geruch des niederen Volks abgestoßen, sogleich das Weite suchen.

Es stimmt ja auch: wir haben eine Dusche nötig. Wir haben uns zwar nach alter Väter Sitte heute morgen mit einem Waschlappen den Grind vom Leib gewischt, aber die Haare könnten einen guten Guss warmen Wassers vertragen. Auch eine Rasur muss sein; im Spiegel sehe ich das Gesicht eines Mannes, der die schiefe Bahn der Verwahrlosung betreten hat; ein Tag mehr, und ein Sittenstrolch schaut zurück. Vermutlich sind die Enten gar nicht aus Bramahnenhochmut geflohen, sondern aus schierem Schrecken vor dem ungehobelten Kerl, der da mit unklaren Absichten auf sie zugesteuert ist.

Der Campingplatz in Brighton wird mich wieder in einen honetten Burschen verwandeln, also nichts wie dorthin!

 Dieser Platz des Camping and Caravaning Clubs (in dem wir auf dringendes Anraten unserer Reiseführer schon vor unserer Abreise Mitglieder geworden sind) muss von Jeremy Bentham entworfen worden sein, gleich nachdem er seine Idee des Gefängnispanopticons ersonnen hat. Die Stellplätze sind planierte Flächen ohne Strauch und Hecke dazwischen. Bäume gibt es schon gleich gar nicht, sie würden nur sichttrübende Schatten auf die Plätze werfen. Ich hatte immer gedacht, den Briten sei die Privatsphäre heilig (my home is my castle und so), aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Sie haben sich den Götzen der Überwachung anheimgegeben; überall auf dem Gelände sind Kameras installiert.

Wir lassen uns den Weg in die Stadt erklären und wandern los. Hier an der Küste erreicht der Wind einen Punkt mehr auf der Beaufort-Skala als heute morgen vor dem Sheffield Park: man kann sich in den Wind legen wie ein Skispringer, oder vielmehr - um's so maritim zu sagen, wie es einem Küstenort zukommt - wie eine Galionsfigur, die über den Wellen dahinschwebt. Manchmal ist es schier unmöglich, frontal gegen das Gebrause anzukommen; wir müssen kreuzen vor widrigem Wind. Aber bei diesem Tempo würden wir erst gegen Abend in der Stadt anlanden; also springen wir in einen vorbeikommenden Bus und stehen schon bald in Brightons Zentrum vor dem Royal Pavilion, den der nachmalige George IV (zu Beginn der Bauarbeiten freilich noch Prince of Wales) errichten ließ.

Pavillon mag ein etwas irreführender Begriff für einen Palast von etwa dreieinhalbtausend Quadratmeter Grundfläche sein; ich verbinde mit dem Ausdruck etwas Leichtes, Luftiges und Flatterhaftes, wie es der Herkunft des Wortes aus dem französischen papillon für Schmetterling entspräche. Leicht und luftig ist hier auf den ersten Blick aber wenig; obwohl der große Baukörper durch eine Unzahl von Türmchen und Säulen und fast montgolfièrenhafte Kuppeln, durch Zierfriese und steinerne Baldachinfransen aufgelockert ist, sieht man dieser Phantasieschöpfung aus Tausendundeiner Nacht doch das Gewicht des vielen Steins an: der fliegende Teppich ist festgemauert in der Erden.

Als der Royal Pavilion von 1815 an gebaut wurde, war die Britische Ostindienkompanie bereits die bestimmende Macht auf dem Subkontinent. Von Bengalen aus erweiterten die Briten nach und nach ihre Herrschaft im Westen bis Bombay, im Norden über Dehli hinaus in den Punjab, im Süden bis an Indiens Zungenspitze. England hatte Blut nicht nur geleckt, sondern hekatombenweise gesoffen; dabei aber auch die Schönheiten und Genüsse des Mogulreichs gekostet. Der Royal Pavilion scheint ein riesiger Tafelaufsatz, der aus den Schatzkammern der Maharadjas nach England verschifft worden ist, voll mit all den verheißenen Köstlichkeiten, die nachfolgen würden, sobald auch China zur Kolonie des Vereinigten Königsreichs geworden sein würde.

Außen nämlich ist Georges Residenz eine berückend kühne Stilmischung aus Taj Mahal, spanischer Gotik und muslimischem Minarettüberschwang; griechisch gemeinte, kanellierte Säulen mit sinnlos auf die Kapitelle gestellten Amphoren erheben sich neben Mudejarbögen und durchbrochenem Steinflechtwerk, wie man es in Arabien liebte, und die Zwiebeltürme, die zwar auch in Indien gebräuchlich waren, könnten genauso gut von der kinderzimmerbunten Basiliuskathedrale am Moskauer Roten Platz oder von bayrischen Barockkirchen inspiriert sein. Das Ganze ist ein herrlich synkretistischer Irrsinn, eine heißgelaufene all space in a nutshell-Phantasie. George's Architekt hat überall geplündert. Wie schrieben doch Marx und Engels im Kommunistischen Manifest? "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander."

Der Pavilion illustriert diese historische Tendenz zur Globalisierung, auch wenn die allseitige Abhängigkeit hier noch ziemlich wie ein Beutezug in einer Richtung erscheint. Im Innern des Palasts dominiert indes erst einmal die Ästhetik des Landes, das der englischen Expansion noch nicht zum Opfer gefallen war: hier herrscht die Chinoiserie, Pagodenhaftes, Feinlackiertes, Blattgoldbelegtes, Seidenmalerei. George war zweifellos fasziniert von den ästhetischen Aspekten Chinas (toute l'Europe war es seit der Jesuitenmission dortselbst), aber mir scheint, dass diese Faszination nicht nur geschmäcklerischem Exotismus entsprang, sondern auch einem Staatsideal. 

In Frankreich war der Pöbel eine Generation zuvor aufmüpfig geworden und hatte es gewagt, dem Adel die Köpfe abzuschlagen. Die bizarre und gefährliche Idee der Demokratie hatte dort Fuß gefasst, während im konfuzianischen China der Gedanke von gesellschaftlicher Harmonie qua Hierarchie unverbrüchlich wirksam blieb. Wie sollte das einen europäische Herrscher des frühen 19. Jahrhunderts nicht anziehen? Die Chinoiserien im Royal Pavilion möblieren George's Traum von einem befriedeten und einverständigen Staatswesen - einer Arbeitsteilung, die dem Volk die Arbeit belässt und dem Adel die ungleich größeren Mühen der Prunkentfaltung und des Herrschens aufbürdet.

Als George 1820 (fünf Jahre, nachdem der Wiener Kongress dieser Gorgo der Volksherrschaft ohnehin die Kehlen zugeschnürt hatte) zum König gekrönt wurde, war er fettleibig und vermutlich nicht weniger laudanumsüchtig als Coleridge und de Quincey (von Lord Byron, Shelley und Keats, der Blüte romantischer Dichtung in England, ganz zu schweigen). Dass der König dem Opium zuneigte, leuchtet mir im großen Bankettsaal sofort ein. All die goldenen Drachen und roten Draperien, die verschlungenen Formen und flimmernden Lichter müssen für jeden, der auf der sanften Dünung des Mohnsafts dahintreibt, zu berückenden Visionen erwachen. Die Anrede Royal Highness wird bei George wohl vollkommen gerechtfertigt gewesen sein.

Sehr gut kann ich mir vorstellen, wie George sich an Coleridge’s Versen von Kubla Khan berauschte: In Xanadu did Kubla Khan / A stately pleasure-dome decree / Where Alph, the sacred river ran / Through caverns measureless to man / Down to a sunless sea. (In Brighton schuf His Highness George / ein prunkvolles Vergnügungsschloss / Wo Mohn, der heil’ge Strom durchfloss / die Höhlen unermesslich groß / noch lange wurd sein Reich nicht morsch.)

Wir durchwandern das Vergnügungsschloss bis in die letzten Winkel; doch es gelingt mir nicht, einen melancholischen Schatten abzustreifen, der über all dem Prunk liegt. Mir ist eine Geschichte von Michel Tournier in den Sinn gekommen, in der zwei Künstler einen Wettstreit austragen sollten, wer von ihnen das beste Bild male. Die Arena war ein großer Saal, der während der Dauer der Arbeiten durch einen Vorhang unterteilt war. Der Chinese machte sich eifrig ans Werk und tuschte eine wunderbare Landschaft an die Wände. Sein Kontrahent - ein Mann aus dem Abendland - schien hingegen zu faulenzen. Als der Abend der Entscheidung kam, bewunderte das exquisite Publikum das Werk des Chinesen, und es war kaum vorstellbar, dass der Rivale es noch überträfe. Doch dann öffnete sich der Vorhang und gab dessen Werk frei: er hatte nicht mehr getan als die Wände mit Spiegeln zu bedecken, die das wundervolle Werk des Chinesen reflektierten - zuzüglich des Publikums, das die getuschten Landschaften mit menschlicher Gegenwart belebte und so zum lebendigen Fest verwandelte.

Der faule (also kluge) Künstler gewann den Wettstreit; aber doch nur, weil er seine Installation mit den erlesenen Gästen des Fürsten schmücken konnte. 

Die Gruppe, mit der wir durch den Pavilion wandern, trägt hingegen wenig zur Verschönerung des Ambientes bei, oder verunstaltet es sogar noch, wir selbst eingeschlossen. Wir alle sind Lumpensammler, bloßer Pöbel, der die Pracht des Palasts durch seine Schäbigkeit entweiht und beschmutzt. Der Bau hat seinen Sinn verloren; hier werden keine Feste mehr gefeiert; wir sind nur Motten, die über die toten Möbel hinwispern und -knuspern, um die letzten Reste von Leben aus den verdorrten Panzern zu nagen. Doch wir werden dem Prunk, der sich um uns erhebt, nicht mehr gerecht. Der Palast, aus Märchenstoff gewoben, von Dschinns und Drachengenien und Lakaien mit seidenschwarzem Zopf bewohnt, ist in die Hände des Plebs gefallen. Natürlich könnte man sagen, dass das Volk nur wieder in Besitz genommen hat, was aus seiner Hände Arbeit hervorgegangen ist; das Traurige daran ist nur, dass von Besitz keine Rede sein kann, und dass all der Luxus des Pavilion die Armseligkeit seiner Besucher in keiner Weise mildert, sondern im Gegenteil sogar noch greller ins Licht stellt. Es ist auch wenig Staunen, wenig Freude, wenig Faszination in den Gesichtern der Leute zu lesen, dafür viel Unbehagen, Missgunst, Ressentiment: wir alle hier sind auf der falschen Party.

Es ist fünf Uhr vorbei, als wir den Palast verlassen. In der Stadt beginnen die Läden schon zu schließen. In den alten Gassen der Lanes räumen die Juweliere den Schmuck aus den Schaufenstern; die Friseure und Seifenverkäufer und Kosmetikläden machen klar Schiff zum Feierabend. Die Filialen der großen Ketten in der Fußgängerzone haben freilich noch geöffnet; aber dort herrscht nur proletarische Tristesse: riesige Einkaufstaschen mit Primark-Klamotten, Fastfood, Debenhams und Boots - vor allem die Drogeriekette Boots schafft es, durch ihre penetrante Verschalung mit lichtblauen corporate-design-Paneelen jede Niederlassung in England zu entstellen: selbst den ehrwürdigsten Tudorhäusern und edwardianischen Bauten werden diese stümperhaft zusammengeschusterten und alle Regeln der Graphikerkunst missachtenden Leuchtbänder aufgepflastert, Bastarde aus einem kalligraphischen dix-neuvième-Logo, fetter Arial-Type (pharmacy und beauty) und grünen Apothekenkreuzen. Die Paneele sind schon für sich genommen ziemlich widerwärtig, und dass die Firma sie, jede Feinabstimmung mit dem spezifischen Ort verschmähend, an sämtlichen Filialen anbringt, schlägt dem Fass vollends die Krone ins Gesicht. Boots gehört mit zu den größten ästhetischen Verbrechern in Englands Innenstädten, und schon darum sollte man die Läden entschlossen boykottieren. (Was freilich aufgrund der nahezu vollständigen Monopolstellung des Konzerns nicht immer klappt, denn manchmal haben wir keine andere Wahl, als unsere Kopfschmerztabletten und Rasierklingen, Durchfallpillen und Stimmungsaufheller bei Boots zu kaufen. Unsere Methode, Moral und Pragmatismus in Einklang zu bringen, besteht darin, den Laden nach Art eines Besuchers von Pornokinos zu betreten. Wir gehen flotten Schritts daran fast vorbei, um dann im letzten Moment abzudrehen und mit gebeugtem Haupt hineinzuschlüpfen.) 

Außerhalb der Kommerzzone gibt es freilich auch noch Winkel in Brighton, die nicht uncharmant sind. Wir finden ein kleines Café, in dessen gläserner Kuchenvitrine Croissants und pasteís de nata neben tartes à l’apricot aufgebahrt sind. Die Bedienung (eine junge Schwedin, die am Fehlen von Piercings, Tatoos und zwanzig Pfund Bauchspeck leicht als Nicht-Britin zu erkennen ist) serviert uns Milchkaffee und ein Stück Tarte, was wir an einem knarzenden Tischchen verzehren, auf dem in einem Zinnbecher Besteck vom An-und-Ver bereitsteht, Löffel und Gabeln mit Silberauflage, hübsch, aber zu billig zum Klauen. Am Nachbartisch kritzelt eine Cousine von Zadie Smith mit Bleistift den Belletristikerfolg von 2018 in eine Kladde, während die Schwedin von zwei Burschen angebaggert wird, die nicht viel Chancen haben. I’d like to lick this tart ist vermutlich kein Spruch, mit dem man heutzutage eine junge Frau gewinnen kann, und deren Gesichtsausdruck lässt auch wenig Zweifel, dass die Jungs strategisch in die Irre geraten sind. Das Mädel verzieht sich in die Küche und schickt den Koch an den Tresen, 100 Kilo und wenig Lust, sich von zwei Großmäulern irgendwas lecken zu lassen. Im Handumdrehen sind die Beiden draußen, und für ein, zwei Minuten ist im Gastraum nichts mehr zu hören als das Knarzen des Tisches und das Reiben des Bleistifts auf 80g-Papier.

Gestärkt wagen wir uns wieder hinaus in den Wind, der versucht, die Passanten von den Straßen zu fegen. Viele davon werden dem berühmten Brighton Pier entgegengeblasen, und auch wir landen dort, leichte Beute für die Böen.

Die große Halle mit ihren viktorianisch verschnörkelten Gusseisenbögen und den Aberdutzenden Spielautomaten darin findet erstaunlich viel Anklang unter den jungen Leuten. Dass all diese Apparate, die noch aus dem mechanischen Zeitalter stammen, unverdrossen auch im Digitalozän weiterwerkeln, ist recht verwunderlich. Jedes halbwegs moderne Handy bietet heute irrwitzig komplexe und hyperrealistische Grafik, aufregende Dramaturgien und phantastisch gehäkelte Abenteuer, und da stehen nun all diese daumenflinken Kinder des 21. Jahrhunderts und werfen Pencemünzen in einen Geldschlitz, um dann mit Schiebern und Rechen und Greifern irgendwelche läppischen Jahrmarktstrophäen und Münzen herumzubewegen. Anfangs erscheinen mir diese rateaus und Zangen noch so plump wie die Scheren von Käfern oder Krebsen. Es liegt eine Langsamkeit und Ungelenkheit in den Bewegungen, wie sie Gattungen mit Exoskelett eignet. Hier ist nichts geschmeidig, und nichts übersetzt die Willensregung in präzis gesteuertes Echtzeithandeln, wie es die gamer von heute gewohnt sind. Ein Geklapper von Gelenken und umständlichen Hebeln steht zwischen dem Gedanken und seiner körperlichen Ausführung. Doch so hölzern und steif all diese Stangen und Scharniere herumfuhrwerken - es geht doch auch etwas Laszives von diesem trägen mechanischen Ballett aus, dem ich (während Dagmar sich in den Labyrinthen verläuft, mit denen die Toiletten gegen allzu leichte Auffindbarkeit geschützt sind) lange zusehe, bis ich plötzlich zu begreifen meine, dass all das starre Grapschen und Wühlen in diesen Trophäenvitrinen, das Aufspreizen und Einklappen der Metallschenkel und Greifzangen, das Rein und Raus der Gestänge, eine reichlich bizarre Verschiebung von sehr lustloser Lust darstellt. Diese Spielhalle hier ist ein Mechanikpuff, eine Peepshow, von schrulligen Maschinenbauern für prüde Briten ersonnen. Recht kinky, das alles, und vermutlich werden hier weit weniger Gewinne ausgeschüttet als in echten Bordellen Sperma und Sekt. Was für rummelige Tristesse! Welch mühseliges und kränkelig sprödes Vergnügen!

King George wurde immerhin noch Geselligkeit und fröhliches Schürzenjägertum nachgesagt. Am Pier aber ist diese vitale Lebenslust durch ein Viktorianisches Maschinenwesen ersetzt, das mit Daseinsfreude so viel zu tun hat wie eine Manufaktur in Sheffield mit den kunstvollen Liebkosungen einer Phryne-Tochter. Es würde mich nicht wundern, wenn zu jeder vollen Stunde Ebenezer Scrooge als Zeremonienmeister hereinträte und dabei nicht vom würdigen Schlag einer Glocke begleitet würde, sondern nur von einem Gerassel von Pennies und Katzengold.


7. Juni. Brighton, Arundel, Chichester, Kingley Vale.


Am Morgen die überfällige Dusche. Ich seife mich ein und muss feststellen, wie fahrlässig das war. Einmal aufgetragen, geht die Seife kaum noch ab. Ich streife und streife über meine Gliedmaßen, und spüre immer nur eine Gleitschicht widerspenstiger Laugenschmiere auf der Haut. Das Wasser ist so weich, dass man prima Tee damit machen kann; aber bei der Wäsche hat man seine liebe Mühe damit. Vielleicht ist das einfach das Kennzeichen eines geschichtsbewussten Landes. Die Vergangenheit lässt sich nicht abwaschen; sie bleibt und klebt und lebt immer weiter.

Wir machen uns auf nach Arundel Castle, gute 20 Meilen westlich von Brighton. Arundel gilt als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Burgen Englands. Ihr Kern stammt aus der Zeit von William dem Eroberer; die Dukes of Norfolk, denen der Kram seit nun fast 1000 Jahren gehört, haben die Anlage nach und nach erweitert. Im Bürgerkrieg nach der Glorious Revolution wurde die Burg mehrfach belagert, erst von den Royalisten, die nach der Niedermetzelung der dort verschanzten Antiroyalisten darin Quartier bezogen, und dann wiederum von den Antiroyalisten, die sich nun ihrerseits nach der Niedermetzelung ihrer Feinde dort niederließen. Der Burg hat das alles nicht gutgetan. Erst anderthalb Jahrhunderte nach dem Bürgerkrieg wurden die Gemäuer mit einiger Gründlichkeit wiederhergestellt. Der dafür verantwortliche Duke war ein Freund des damaligen englischen Prinzregenten, des späteren George IV. Die beiden müssen sich prächtig verstanden haben. George feierte, von Laudanum umnebelt, seine Feste in Brighton; sein Kumpel Charles war als Drunken Duke bekannt. Der eine schwelgte in exotischen Mogulphantastien, der andere zog es vor, besoffen durch mittelalterliche Kulissen zu wanken.

Und eine Kulisse ist Arundel: ein Traum, den sich das 19. Jahrhundert vom 13. erlaubt: eine vergangenheitstrunkene Ausschweifung, ganz und gar historistisch avant la lettre. Nun gut; das war europaweit ein Signum der Epoche. Man war bereits auf dem Weg in die Moderne, trat aber noch einmal drei Schritte zurück, um sich imaginär in der sogenannten guten alten Zeit zu tummeln, bevor man schließlich Anlauf nahm und dann doch ins Industriezeitalter sprang. In Deutschland hatte Novalis von der mittelalterlichen Christenheit fabuliert, Tieck schwärmte von Dürers Nürnberg, und in England öffnete Walter Scott den Zauberkessel des edlen Rittertums, in den schon Cervantes so viel Spott und Galle gespuckt hat, dass man meinen sollte, er hätte den Sud damit für immer verdorben und ungenießbar gemacht. Doch die Französische Revolution ließ offenbar soviel Schrecken am Zukunftshorizont ahnen, dass man sich lieber zurückwandte und in den wehrhaften Architekturen der alten Zeit Schutz und Trost suchte.

Wir müssen eine Weile auf den alten Wehrgängen herumlungern, bis die jüngeren Trakte für die Allgemeinheit geöffnet werden. Die alten Kammern der Burg sind mit lebensgroßen Wachsfiguren möbliert, die vor allem für das Kinderpublikum eine Aura des Lebensechten schaffen sollen: zottelige Wächter und Pfaffen mit hohlen Wangen, Mägde, die Hühner rupfen, und damit nicht weiter kommen als Dornröschens Koch beim Ohrfeigen seines Küchenjungen; darbende Krieger, wie sie während der Belagerung der Glorious Revolution hier langsam an ihren schwärenden Wunden verreckten oder an Hunger und Durst zugrundegingen; Mönche beim Gebet und stickende Hofdamen. Den Schulklassen, die hier entlanggescheucht werden, mag das Schauer der Erregung über den Rücken jagen; wir sind da verwöhnteres Publikum.

Schließlich wird die Treppe zu den Anbauten geöffnet, die der Drunken Duke anlegen ließ, und der Pomp des englischen Hochadels im Jahrhundert seiner größten Pracht- und Machtentfaltung tut sich vor uns auf. Wir durchschreiten die Hallen und Salons, Speisesäle und Rauchzimmer, Drawing Rooms und Schlafgemächer, bis all die Teppiche und Tapisserien, die Porträts mit glotzäugigen Herzögen und Damen in Empire-Kleidern, die Regency-Möbel und das verschnörkelte Rokoko, die Porzellanfigurinen, Kaminsimse, Tischchen und Taburetts, Bilderrähmchen und Ming-Vasen, Kruzifixe und Brieföffner, die silbernen Schalen und die Ritterrüstungen, Ebenholzfetische und Löwenfelle meinen Geist so überfüllen, dass mir schwindelt. Die Überfülle an schlechthin allem erzeugt einen schalen und dumpfen Rausch, eine Betäubung und Benommenheit, die von einem erstickenden Albdruck nicht mehr klar zu unterscheiden ist. Es dauert, bis ich begreife, woher dieses Erstickungsgefühl und diese Müdigkeit rührt, aber schließlich glaube ich zu verstehen: die Schlossherren haben selten ausgewählt; sie haben gerafft, was zu kriegen war, und dann ihr Kastell damit vollgestopft. Sie haben Trophäen gesammelt und Beutestücke herangeschafft, woher auch immer sie zu kriegen waren; das verleiht dem ganzen Schloss etwas beinah Warenhaus- oder Versandhandelhaftes, das vielleicht nirgendwo stärker spürbar ist als in der großen Halle, in der ungeniert Heiligenbilder neben Hellebarden und heraldische Tafeln neben Hirtenbukolik ausgestellt sind. Der Eindruck von Disparatheit und Beliebigkeit ist stärker als in allen Schlössern Europas, an die ich mich erinnern kann. 

Gewiss waren große Schlösser immer schon Sammelstätten des Schönsten, Seltensten, Kuriosesten oder Kostbarsten, was das Ausland zu bieten hatte. Schlösser sind kosmopolitisch, das ist ihr Auftrag. Sie schmücken sich mit ihrer Fähigkeit, die enge Heimatprovinz zu überschreiten und auf die weite Welt zuzugreifen. Aber es ist doch merkwürdig - in so vielen Schlössern, die wir schon besucht haben, herrscht trotz ihres Reichtums an unterschiedlichsten Dingen meist ein spürbar einheitlicher Geist, irgendein verbindender Atem, ein Fluidum, das die vielen unterschiedlichen Dinge zu einem gemeinsamen Ganzen verschmilzt. Doch je länger wir die hiesigen Flure und Salons durchwandern, desto stärker wird der Eindruck, in einem riesigen und mit erlesensten Objekten möblierten Trödelladen gelandet zu sein - und wenn es einen roten Faden gibt, der all diese miteinander verbindet, so ist es der rote Faden einer eklektischen Stillosigkeit und eines nahezu schon postmodernen Sammelsuriums, das aus allen Epochen und allen Weltgegenden zusammengeholt worden ist: Jagdszenen von Teniers hängen über einem Kristall- und Silberservice, dessen Fläschchen eine deutsche Blaskapelle darstellen: man kann jedem silbernen Musikanten den Kopf abschrauben, um einen Schluck aus dem teutonischen Korpus zu nehmen, und in der großen Halle stehen schwarz lackierte Chinoiserien neben religiösen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert, die so tun, als stammten sie aus dem fünfzehnten. 

Das alles erinnert in Vielfalt und Heterogenität ein wenig an eine barocke Wunderkammer. Doch ist in solchen Barockkabinetten zum einen das ergriffene Staunen über die Fülle der Schöpfung spürbar, zum anderen versuchten die Sammler, einen gewissen metaphysischen Zusammenhang herzustellen, indem sie ihre Objekte über alle Gattungsgrenzen hinweg nach Ähnlichkeiten und Strukturäquivalenten gruppierten und etwa lamellenförmige Steine mit ebenso lamellenförmigen Pilzen, Hölzern, Früchten oder Gewölbemodellen und Schirmdächern zusammenbrachten. Ein solches Ordnungsstreben fehlt hier; man begnügt sich mit einer bunten Beliebigkeit, die einzig von der Forderung zusammengehalten wird, die Dinge mögen kostbar oder preziös sein.

Die Bibliothek am Ende des Rundgangs ist dämmerig und mit samtroten Sofas und Sesseln möbliert: eine Bibliothek, die sich als Plüschboudoir verkleidet hat. Doch an keinem Sofa gibt es eine Lampe, die ausreichend Licht zur Lektüre spenden würde. Auch die Bibliothek: ein bloßer Showroom.

Draußen, immerhin, strahlt die Sonne, als wir durch die Parkanlage den Gärten entgegenschlendern und uns dort noch ein Stündchen verlustieren. Bei einigen Gebäuden bin ich mir nicht ganz sicher, ob bei ihrer Errichtung englischer Humor Pate gestanden hat, oder es sich nicht doch einfach um eine veritable geschmackliche Entgleisung handelt. Da ist zum Beispiel dieser griechische Tempel, dem es an kaum einem klassischen Merkmal mangelt, von den Säulen angefangen über das Architrav bis hin zum Tympanon im Giebeldreieck. Doch die edle antike Form wirkt ein wenig sonderbar, nicht nur, weil der Tempel auf das Format einer Gartenlaube oder eines Geräteschuppens geschrumpft ist, sondern vor allem, weil er ganz aus stabilen Eichenbohlen gefertigt ist und darum aussieht, als hätte ein amerikanischer Trapper sich an der Wiederbelebung ionischer Baukunst versucht und eine Art Blockhüttenparthenon zusammengezimmert. Die Säulenkapitelle werden allerdings nicht von Akanthusblättern oder Voluten geschmückt; der Einfachheit halber hat der brave Trapper die Schaufelgeweihe von Damhirschen zur Auszierung benutzt, und auch das Giebelfeld sowie die Supraporte sind nicht mit Reliefs von Göttern und Titanen gefüllt, sondern mit angenagelten Geweihstücken - und darüber ragt als Krönung, wie Bündel knöcherner Flammen, ein Geweihstrauß auf.

In einem weiteren Pavillon trägt der senkrecht aufsteigende Strahl eines Springbrunnens eine Königskrone aus Goldblech. Vom Wasserdruck in bebender Balance gehalten, schwebt die Krone vor einer mit Muscheln ausgekleideten Gedenktafel und symbolisiert vielleicht die beständige Anstrengung, die nötig ist, die Königswürde zu tragen, vielleicht auch die elementare Kraft der Natur, die das Königstum erhält… Ich vermute kaum, dass der Aufbau darauf hinweisen soll, wie leicht die Krone zu Fall zu bringen wäre: eine Kinderhand würde genügen, die nur für einen Moment den Strahl durchbricht, um die fragile Balance zu vernichten und die Krone zu Boden scheppern zu lassen.

Nach einer unerquicklichen Begegnung mit zwei Sandwiches auf dem Dorfplatz Arundels brechen wir in Richtung Chichester auf. Immerhin haben wir uns in einer Schlachterei, die diesen Namen verdient, mit zwei tiefrot gereiften Steaks versorgt. Der Schlachter war ein Mann, der das Blut auf seiner Schürze mit Stolz und Würde trug, und die Ribeyes auf die Marmortheke klatschte, dass es so seine schmatzende Art hatte. Was für ein Unterschied zu der blutarmen und anorektischen Sandwichverkäuferin, die schon das Herauskratzen des Thunfisches aus seiner Dose und das Belegen der Brothälfte nur mit äußerstem Ekel über sich brachte. Auch die Scheibchen des gekochten Eis konnte sie vermutlich nur darübertun, weil jede Erinnerung an die einst flüssige Beschaffenheit des Dotters aus diesem pulvertrockenen und grün umrandeten Eigelb getilgt war. Ein Tupfer Mayonnaise (mit dem Gesichtsausdruck einer lipophoben Hysterikerin aus der Tube gedrückt) auf die obere Hälfte, und dann schnell den Sargdeckel aus Teig auf den Thunfisch-Ei-Kadaver gepackt, damit das Elend toten Tiers nicht weiter zu sehen sei. Ich habe selten jemanden gesehen, dem jede Form von Lebensmittel so zuwider schien wie diesem magersüchtigen Mädchen, und nach dem ersten Biss in das deprimierende Sandwich überlegte ich noch kurz, sie um ein paar Tomatenscheiben zu bitten, die das dürre Elend des Ganzen abmildern könnten, scheute aber davor zurück; wahrscheinlich hätte ich sie damit in eine schwere Seelenkrise gestürzt. Mit dem Messer die Tomatenhaut anzuritzen und dann durch das aussuppende Fruchtfleisch zu schneiden, würde sie wohl als Meuchelmord an einer wehrlosen Gemüseseele betrachten.

Als ganz anderer Charakter trat da doch der Schlachter auf! Der war Besitzer einer soliden Ale-Wampe, sein Gesicht war so rot, als spiegle sich das Fleisch vor ihm darin ab, und seine Stimme war die eines Falstaff-Widergängers, dröhnend, prahlerisch, lebenslustig. Aber (das Blut auf seinem Kittel bezeugte es) auch vor dem Töten scheute er wohl nicht zurück. Ich konnte ihn mir recht gut vorstellen, wie er (Mann gegen Mann) einem Stier die Kehle durchsäbelte, ein Tamerlan, gegens Schlachtvieh wütend.

Stippvisite in Chichester, das eine Kathedrale und ein pittoreskes Marktkreuz hat; letzteres ein steinerner Pavillon, in dessen Schatten sich Trinker, Beinamputierte und erschöpfte Witwen mit Plastiktüten von Lidl sammelten. Die Kathedrale: nüchterne Gotik comme d’habitude. Die Altarrückwand allerdings ist mit psychedelisch bunter Malerei aufgemotzt; allerlei religiöse Motive sind dort wie mit einem überdimensionalen Kartoffelstempel in starken Komplementärkontrasten niedergelegt. Das Gemälde, das die ganze Breite des Chors einnimmt, ist an sich ein ehrenwertes Stück moderner Kunst; aber an diesem Ort kam es mir vor wie die Ausschmückung eines Kindergartenfensters oder einer Auslage von Toys’R’us. 

Die meisten Schlagworte, mit denen man die moderne Kunst beschreibt, beginnen mit dem griechischen Präfix für mehr: poly-. Polyperspektivisch, polyfokal, polysem… Moderne Kunst entspringt einem Möglichkeitssinn, der Vieldeutigkeit und Pluralität kennt. Die Moderne kommt aus der Wirrnis, der Verunsicherung, dem Zweifel; sie beruht (ihrerseits beunruhigt) auf der Polymorphie der Erfahrung, und sie betet darum viele Götter an. Sie ist im Kern poly-, nicht monotheistisch. Sie hat ein Faible für Monstren und Missgestalten, für Entstellung und Konstruktion. Die Geschichte von Gott, der den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat, interessiert sie nicht sonderlich: für Ebenbilder interessiert sie sich deutlich weniger als für Aberbilder, Nebenbilder, Zerr- und Gegenbilder. Die Moderne ist faziniert von Chimären und Zentauren, von Sphingen und Satyrn: von allen Mischwesen, die sich im Übergang und im Dazwischen der Gattungen aufhalten und halb Götter, halb Menschen sind - die Traummythologien des Surrealismus sind dabei genauso unnatürlich und anti-ebenbildlich wie der abstrakte und konstruktivistische Strang der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert (Malewich, Mondrian, Miro, um nur die mit einem M als Initial zu nennen). Die Moderne widerspricht auf breiter Front der Idee der göttlichen Schöpfungsordnung, die doch der christlichen Theologie zugrunde liegt und zugrunde liegen muss, wenn sie noch christlich und biblisch sein will.

Es mag ein moderner Künstler noch so fromm sein: in seinem Schaffen - in der Form seiner Malerei - dementiert er zumindest die dogmatischen Aspekte seiner Glaubensgewissheit. Welcher Künstler könnte heute etwas schaffen wie die Sixtinische Kapelle, ohne sich vorzukommen wie ein Schwindler oder ein Hanswurst? 

Als Matisse (noch so einer mit M) am Ende seines Lebens in Vence die Chapelle du Rosaire gestaltete, war er sicher gläubig im landläufigen Sinn. Aber die ikonographischen Elemente der Tradition stellen für ihn nicht primär Glaubenswahrheiten dar, sondern künstlerisches Material, dem er Form geben will. Er spricht nicht von Andacht, nicht von Heilshoffnung, Auferstehung, Sünde oder all den anderen theologischen Obsessionen; er spricht nur von Kunst: „In der Kapelle bestand meine Hauptaufgabe darin, eine von Licht und Farbe erfüllte Fläche und eine blinde […] Wand ins Gleichgewicht zu bringen.“ Die Theologie liefert ihm Themen; sie gibt ihm Stoff zum Spielen; sie wird zitiert, benutzt, in den künstlerischen Transformationsapparat eingespeist; aber Matisse geht es dabei kaum um den christlichen Gott, sondern vor allem um den Gott der Kunst, den er mehr anbetet als alles andere.

Nicht, dass man mich missversteht: ich ziehe allemal die Kunstreligion der christlichen, jüdischen, muslimischen Religion vor. Ich wundere mich nur, wie bereitwillig die Kirchen zulassen, dass anstelle ihres Gottes ein anderer Gott - nämlich der der Kunst - auf den Altar gestellt wird, auf dem einmal eine ganz andere Art von Gott verehrt wurde.

Diese Überlegungen sind sicher ganz oberflächlich und nicht mehr als eine halbgelehrte Causerie; die dahinterstehende Frage würde ein Buch oder viele verdienen; vielleicht gibt es das Buch längst; und vielleicht gibt es sogar eine launige Variante, die sich mit der Frage beschäftigt, warum in der Coca-Cola-Zentrale Pepsiwerbung deplaziert wäre.

Unweit von Chichester liegt der Wald von Kingley Vale. Hier residieren die ältesten Lebewesen der britischen Inseln. Seit bald einem Jahrtausend krallen sie sich in englischer Erde fest. Sie haben den Römern standgehalten, den Angeln und den Sachsen, den Normannen und den Bränden und den Massakern. Sie haben Seuchen überstanden und Säuberungen, die Kleine Eiszeit und Regenfälle, die den Boden zwei Meter tief in Morast verwandelt haben. Die Ruhmreiche Revolution ging ebenso spurlos über sie hinweg wie die Attacken der Tolkienschen Orks und die Luftangriffe Hitlers. Nichts kann diese Eiben gefährden.

Wer würde es auch wagen, sich an diesen Bäumen zu vergreifen? Alte Eiben strahlen eine solch knorrige Majestät, wenn nicht gar Heiligkeit aus, dass nur ein Frevler sich getrauen würde, die Axt an solch erhabene Gebilde zu legen. Es sind gewaltige, charaktervolle Bäume, die auf Sockeln von verschlungenem Wurzelwerk wachsen, das sich vielfach überkreuzt und überflicht wie kraftvolle Arme, untergehakt und miteinander verschränkt, um ein wehrhaftes Gitterwerk unauflöslichen Zusammenhalts zu knüpfen. 

Aus dem Wurzelstock einer Eibe können viele Stämme wachsen, sodass es für alte Eiben eine besondere Form des Numerus geben müsste, die nicht zwischen Singular und Plural unterscheidet. Ebenso schwierig ist es, zu unterscheiden, was Ast ist und was Stamm, was primum und was secundum. Nicht die Verzweigung ist das Wuchsgesetz der Eibe; sie ist kein porphyrianischer Baum des Wissens, der sich brav scheiteln ließe, er verweigert sich klarer Hierarchisierung und Subordination. Hier teilt sich kein ursprünglicher Spross in zwei Zweige, auf dass auch jeder dieser Zweige sich wiederum zwiespältig weiterverzweige; alte Eiben fügen sich dieser Gabelungsordnung aus säuberlichen Bifurkationen nicht. 

Eiben - ich habe es angedeutet - kommen einige Merkmale des Heiligen zu: alle Ordnung überschreitend und aller Ordnung spottend, leben sie jenseits des Gesetzes. Es sind monströse Bäume, so ehrfurchgebietend wie anziehend: tremendum et fascinosum zugleich. Als wir auf dem Wanderpfad der ersten großen Exemplare ansichtig werden, spüre ich, wie erfüllend es wäre, mich in dieses Gewirr von Holzadern einzunisten und dieses hölzerne Herz zu besiedeln. (Reinkraxeln, einen guten Sitz finden und dort bleiben; ab und zu kommen Pilger vorbei und bringen dem seltsamen Eibenheiligen zu essen.) Aber die Äste strecken sich einem auch entgegen wie Polypenarme, hungrig, gierig, auslangend: sie recken sich als tödliche Tentakel, und zum ersten Mal seit langer Zeit leuchtet mir wieder das Tolkiensche Mythologem ein, dass auch Bäume über eigenen Willen und ausgreifende Kraft verfügen. Hier ist verzauberter Grund. 

Wie schnell man sich hier doch verirrt! Der Boden unter den Eibenkronen ist ausgezehrt und sieht auch jetzt im Juni an manchen Stellen aus, als hätte es gestern noch geschneit: von einem düsteren, verwickelten Zweiggespinst überwölbt, ist der Grund von schneeflockigem Flaum gefleckt. Knochenweiß liegt das Licht auf den Astgeflechten. Wir wandern wie benommen durch dieses scheele und verwunschene Gelände. Die Eiben wollen nichts mit uns zu tun haben. Sie strecken uns ihr knorriges Geäst entgegen, mürrisch, voller Abwehr. Ich kenne nicht viele Baumarten, deren Zweige nicht der Sonne entgegenstreben, sondern genauso bereit sind, sich als Wurzeln in den Boden zurückzugraben. Chthonische und solare Züge fallen bei der Eibe ineins, der Wille zur Erde und der zur Sone sind sich gleich. Anders als Eichen sind Eiben keine dankbaren Empfänger der Gaben, die der Sonnengott spendet. Sie unterhalten ein tiefes Bündis zur Unterwelt. Wurzeln sind ihnen wichtiger als Laub.

Allmählich verlassen wir die Eibensiedlung und gelangen in offeneres und höheres Gelände. Um uns her dehnen sich weit die Felder, Weiden und Wälder von Sussex.

Den Wanderpfad haben wir offenbar auch verlassen. Oder er uns? Schon seit einer halben Stunde stapfen wir über Wege, die sich im Nichts verlieren, finden andere Wege, die im Nichts begonnen haben, stehen vor verschlossenen Gattern oder finden uns in immer dichter werdenden Gestrüpp. Irgendwo tief drin im Wald ragt wahrscheinlich eine uralte Eibe auf, ein mächtiger feixender Waldgott, der sich königlich amüsiert, wie wir uns haben foppen lassen und hier umherirren. Mag sein, dass er just in diesem Moment all seine Äste zum Himmel hebt und den Wolken befiehlt, ihre Regenfracht auszugießen. Das Meteorologengerede von Hoch- und Tiefdruck, Kaltströmungen, Konvektion, Koaleszenz und Akkretion, wie man es in den Lexika nachlesen kann, ist für mich anthropomorphistisches Dummchen um einiges schwerer zu begreifen als die fassliche Vorstellung, dass ein mutwilliger Eibengeist den Regen aufdreht wie einen Wasserhahn. Darum bleibe ich aus Gründen mentaler Bequemlichkeit erstmal bei der These vom hämischen Waldgott, der uns mit diesem schweren Regenguss triezen will.

Kurz bevor wir am Bus anlangen, begegnet uns ein Mann, der seinen Hund spazierenführt; alle beide sind tropfnass, aber der Mann schreitet vollkommen stoisch dahin und verleugnet mit jedem Schritt alle Unannehmlichkeiten. Er hat die Nässe überwunden wie Buddha alle Begierde.

Wir sind noch nicht soweit auf dem Pfad der Weisheit wie dieser Erwachte. Wir begreifen bloß, dass wir für englisches Wetter nicht so gerüstet sind wie es nötig wäre. Bei nächster Gelegenheit sollten wir uns gummierte Zeltüberwürfe besorgen.

Am Wanderparkplatz bringen wir dem Eibengeist ein Opfer dar (ein Stück Schwarte von unserem Ribeye, pietätvoll in die Hecke geschmissen), und siehe da: der Regen hält wenigstens so lang inne, dass wir im Freien unseren Campari süffeln und das Fleisch braten können. Erst als wir fertig gegessen haben und der Gott begriffen hat, dass wir nicht im Traum dran denken, ihm was übrigzulassen, öffnet er die Wolkenschleusen wieder. Er wird es regnen lassen die ganze Nacht, und das Wasser wird auf unser Dach niederprasseln wie Geschosse, die aus Grimm und Zorn geschmiedet sind. 

(Wir haben allerdings Ohrenstöpsel aus Silikon. Fuck you, Waldgott!)


8. Juni. Salisbury.


Salisbury ist die erste englische Stadt, deren Charme nicht gleich hinter den ersten Fassaden verpufft, möglicherweise, weil es heute für Verpuffungen gleich welcher Art einfach zu nass ist. Die mittelalterlichen Städte auf dem Kontinent brannten alle Naselang ab (Fachwerk und offenes Feuer: touché!), aber dass derlei in England ebenfalls geschehen sein könnte, fällt mir grade schwer zu verstehen. Wer braucht noch Feuerwehren, wenn das englische Wetter doch jederzeit bereitsteht, alle Brände mit Regen abzulöschen? Feuerwehren gibt es hier wahrscheinlich nur wegen der schmucken Uniformen und der Messinghelme.

Wir haben schmal gefrühstückt, den Rest holen wir jetzt in einem Café nach. Cream Tea, es muss ja doch einmal sein. Hier also unsere Premiere. Wir verziehen uns in den zweiten Stock, lümmeln uns auf tiefen Ledersofas zurecht und warten auf Scones, Clotted Cream, Marmelade und Tee. Zwei uniformierte Kellnerinnen stehen am Treppenaufgang und behalten die spärliche Gästeschaft sorgfältig im Blick, sicher, um schon bei den ersten Anzeichen eines Kundenwunsches bereitzustehen. Da aber niemand, der hier sitzt und seine Bestellung bereits vor sich stehen hat, noch weitere ausgefallene Wünsche im Minutentakt abfeuert („Ich hätte gern noch zwei Wachteleier mit einem Tupfer Worcestershiresauce, ein Hörnchen mit Tamarindenchutney und gebratenem Speck und ein Glas 94er-Vintage-Port, aber die Eier keinesfalls länger als drei Minuten, und das Chutney unbedingt auf Zimmertemperatur!“), geraten die beiden Frauen in ein Geplauder, das recht lebhaft ausfällt und beinah schon hitzig wird. Wahrscheinlich echauffieren sich die beiden nur über ihre Männer, Kinder, Nachbarn, doch da ihre Augen dabei unablässig die Cafégäste auf Anzeichen möglicher Wünsche sondieren, entsteht bei mir dann doch der Eindruck, ihr Gespräch mit all seinen mimischen Bestandteilen von Missbilligung, Verärgerung, Überdruss, Genervtheit im weitesten Sinn, sei nicht etwa auf die unverschämte Tochter/Nachbarin/blöde Schwiegermutter gemünzt, sondern auf die Gäste, also uns. Ich bin im Ausland ja immer geneigt zu glauben, dass ich gerade irgendetwas ganz und gar Ungehöriges treibe, und möglicherweise gehört das Herumlümmeln auf Sofas und Anthony Powell-Lektüre dazu.

Schließlich kommt der Cream Tea, eine der Säulen der kulinarischen Kultur im Lande. Doch ich will ehrlich sein: die Säulentrommeln sind bloß aus Plastik. Marmelade, Clotted Cream und Milch zum Tee werden in drei konfektionierten Kunststoffnäpfchen serviert, die man aufeinanderstapeln kann. Nichts davon ist gut; noch nicht einmal die Clotted Cream, die ich von zuhause (das Gläschen für umgerechnet vier Pfund) als verführerisch hochfettes Ideal von Rahmigkeit kenne, taugt hier etwas, von der Marmelade ganz zu schweigen, und bei den Scones schmeckt derart das Backpulver durch, dass man meinen sollte, dem Koch sei der Natrontopf in den Teig gefallen. Ich zweifle aber, dass hier irgendein Koch irgendetwas von Hand angerührt hat: es ist reine Industrieware, die der Zungenspitze das ganz typische Gefühl einer breiten Palette von Laborzutaten vermittelt. (Trotz dieses schlechten Starts werden wir dem Cream Tea noch mehr Chancen geben; aber nur in einem Fall sind wir  - dort aber auch sehr - zufrieden. Die anderen Versuche verlaufen katastrophal: die Scones zerbröckeln, die Clotted Cream ist angeranzt und von einer Zähigkeit, die eher an Zinksalbe denn an ein Milchprodukt denken lässt, und die Erdbeermarmelade enthält mehr Pektin als Erdbeeren… Schauderhaftes Zeug, es ist eine Schande.)

Draußen auf dem Marktplatz spricht uns ein Jüngling in Schuluniform an, der wie seine an allen Ecken verteilten Kollegen ein Klemmbrett hält und Touristen nach ihren Eindrücken und Plänen befragt. Die Jungen sehen alle aus wie Angehörige einer obskuren Sekte auf Missionsreise, und sie halten stoisch im Regen aus, was nicht ganz so einfach ist, da sie ihr Klemmbrett in der einen, den Stift in der zweiten, und den Regenschirm in der dritten Hand halten müssen. Wir beantworten brav die Fragen dieses Schülerprojekts und wollen dann wissen, ob die Kathedrale in der Richtung grade vor uns läge, und der Jüngling schwenkt nachdenklich den Kopf und konstatiert schließlich „not quite“, was eine englische Höflichkeitsform für „Was bist du denn für’n Trottel?“ darstellt, denn der Kathedralturm ist so hoch, dass er von überall in der Stadt zu sehen ist.

Salisburys Zentrum ist voll hübscher Häuser aus Fachwerk oder Backstein; es gibt auch ein paar klassizistische Bauten, die ziemlich was hermachen könnten, aber die britische Neigung zum Understatement, wie sie schon in dem „not quite“ zum Ausdruck kam, sorgt dafür, dass die schöne Bausubstanz der Stadt nirgendwo prahlerisch oder ostentativ wirkt, sondern sehr dezent und nur als Hintergrundtönung erscheint, oder, um die Wahrheit zu sagen, fast gar nicht. Um diesen Effekt bescheidener Zurückhaltung zu erreichen, bedient man sich (wie schon in Brighton) moderner Ladenschilder, der Überkronung alter Bausubstanz durch grelle Paneelblenden, schreiender Schaufensterdekorationen sowie der Methode, auch die ehrwürdigste Front eines Tudorhauses mit neonfarbenen Sonderangebotsplakaten in Gelb und Grün und Pink zuzupappen. Anderswo würde man ein solches Verhalten wohl Verschandelung nennen, aber ich halte es im Gegenteil für eine weise Maßnahme der Stadtväter, die den Einwohnern ein gewisses Gefühl von Deplaziertheit und möglicherweise sogar Bloßstellung erspart, das sie sicherlich überkäme, wenn die Stadt so schön und gepflegt aussähe wie sie es könnte. So aber, in dieser billigen, ramschigen und proletarischen Kulisse, fühlen sich die Einheimischen ganz wie zuhause und schlendern vollkommen entspannt in ihren Jogginghosen und Samtnicky-Anzügen, in Strass-Jacken und baggy pants dahin, ohne von der altbritischen Gediegenheit, die hinter den Werbeplakaten und Plastikverschalungen der Häuser verborgen ist, in irgendeiner Weise beschämt zu werden. 

Die High Street führt zur Kathedrale hin. Ein reich bossierter Portalbogen, der die Straße überwölbt, bildet die Grenze zwischen der profanen Stadt und dem von Denkmalpflegern behüteten Cathedral Close. Der Bogen ist offenbar das Überbleibsel der alten Stadtmauer, und es prangt darauf das bunte Wappen des Hosenbandordens mit dem Wahlspruch Honi soit qui mal y pense: ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt. Wie gut, dass ich grade fast gar nichts denke, sondern durch das Schaufenster eines, nun ja, Patissiers schaue, der im Schatten des Stadttors Karamell fertigt, genauer: Fudge, diese mürbe Masse aus Zucker, Butter und Milch, die soeben aus einem großen Kübel auf einen Marmortisch gegossen und mit einem Spatel glattgestrichen wird. Im Schaufenster selbst ist eine Nachbildung der Megalithkreise von Stonehenge aus Karamellbarren aufgebaut (Stonehenge liegt keine zehn Meilen nördlich von Salisbury; die Stadt ist Ausgangspunkt für Leute, die meinen, das sehen zu müssen). Ich blicke wehmütig auf das Karamell; nicht weil mich die Darstellung dieses erhabenen Monuments und die Spuren des Verfalls auf den ausgetrockneten und abblätternden Süßigkeitsstelen ergriffe, sondern, weil ich an die Auslagen französischer Patissièrs denken muss, an all die subtilen Tartelettes und Pétits Fours, die filigran komponierten und schmetterlingsfeinen Torten, die Macarons und Truffes und Pralinés mit ihren tausenderlei Aromenkombinationen, Schokolade mit Koriander und rosa Pfeffer und Kardamon, mit fleur de sel, mit Pomeranzenabrieb und Basilikum, mit piment d’ Espelette und Wildkirsche. Wie unendlich verfeinert und nuancenschattiert kann doch die Freude am Süßen sein! Aber hier gießt man nur eimerweise klebriges Zeug aus, um dann, statt kunstvolle Pralinés zu verzieren, eine bröckelige Karamallmasse in Blöcke zu schneiden und aufeinanderzulegen. Engländer haben die Toilette mit Wasserspülung erfunden, den Sextanten, die Dampfmaschine, die Eisenbahn, den Elektromagneten und was nicht noch alles, das den Fortschritt beflügelt und die Zivilisation bereichert hat. Die englische Patisserie hingegen scheint mehr oder weniger auf dem Stand des Neolithikums stehengeblieben.

Was man von der englischen Baukunst nicht sagen kann - die hat sich, wenn man einmal das zwar beeindruckende, aber ästhetisch eher schlichte Herumstehen von Steinblöcken in Stonehenge dagegenhält, durchaus weiterentwickelt. Die Kathedrale von Salisbury ist ein sehr eleganter Kirchenbau, dessen Turm staunenerregend hoch und schlank aufragt, und es dabei schafft, die gewaltigen Steinmassen der Schiffe darunter ihrer Massivität zu entkleiden und ihnen eine Anmutung von luftiger Leichtigkeit zu verleihen. Man will beim ersten Anblick der Kathedrale unwillkürlich die Hände in einer zarten Geste öffnen und aufwärts führen, als höbe man ein kostbares Objekt dem Himmel entgegen. Der Turm strebt so kraftvoll himmelan, als könne er tatsächlich all die Erdenschwere, der er entsteigt, mit sich hinaufziehen. Selten habe ich eine Kirche gesehen, die mir derart körperlich das Gefühl einer Levitation vermittelt hat; auch wenn dieser Wille zum Emporstreben eine Stileigentümlichkeit ist, die allen gotischen Kathedralen gemein ist, erfüllen ihn nur wenige so vollkommen wie diese hier. Selbst (um nur zwei Beispiele zu nennen, die mir spontan in den Sinn kommen), selbst der Kölner Dom und die Kathedrale von Léon, die in Schwung und Drang ähnlich hoch hinauswollen, haben sich der ästhetischen Möglichkeiten eines so kühn aufragenden Solitärs beraubt, weil sie ihre Türme noch als Teil der Frontfassade in den Baukörper einbinden wollten, um sie als Bildfläche für die Skulpturpaneele der Fassade zu nutzen: so ragen sie zwar imposant auf, aber es hängt ihnen das ganze Gewicht des Baus als Klotz am Bein und nimmt ihnen diese Leichtigkeit, die in Salisbury so beeindruckt: denn hier hat sich der Turm jeder Indienstnahme durch andere Zwecke des Baumeisters entwunden und darf einfach nur ein Turm sein, der keine andere Aufgabe kennt als die Höhe, und seine Begierde, weit in den Himmel hinauf zu weisen. 

Etwas anderes kommt noch hinzu, das den Eindruck von Luftigkeit verstärkt: fast alle großen Kathedralen stehen eng in den alten Stadtzentren, umringt von Häusern und Palästen, auch wenn ihnen zumeist ein offener Platz vorgelagert ist. Doch auch diese Flächen haben städtische Aufgaben als Markt-, Versammlungs-, Begegnungsplätze zu erfüllen. Die Kathedralen stehen immer inmitten des urbanen Ensembles. Die Kirche von Salisbury hingegen ist außerhalb dieses Stadtgewimmels errichtet und von einer weiten Wiese umgeben: sie ist ins Freie gestellt, fernab des profanen Betriebs, gerahmt und dargeboten wie eine Krone auf einem königsgrünen Kissen: auch das enthebt sie der Einbindung in das Geflecht von Zwecken und Mitteln, das den stadtbürgerlichen Alltag ausmacht. Hier ist etwas, das außerhalb bloßer Nutzbarkeit steht, außerhalb des Relativen: Hier steht etwas, das Absolutheit beansprucht und nicht Mittel zu einem Zweck, sondern Zweck in sich selbst sein will.

Wie schon in Canterbury ist das Hauptschiff langgestreckt und wirkt in der Proportion schlanker als die meisten kontinentalen Kathedralen. Dieser Eindruck mag zwar dem Umstand geschuldet sein, dass es keine Seitenschiffe gibt und der Blick kaum einen Anlass hat, sich in Querrichtung zu verlieren, denn da sind keine Nischen, keine Seitenkapellen, und keine durch Arkaden oder Säulenverdichtung abgeteilten Räume, die den Eintretenden zu Innehalten und Separierung verlocken könnten: der Raum ist frei und offen, nicht durch innere Gewichtungen, andachtstaugliche oder familial privilegierte Rückzugsräume gegliedert, sondern weitgehend homogen, nivelliert, ebenmäßig.

Wie anders ist da doch zum Beispiel die Kathedrale im spanischen Burgos mit all ihren Salons und Separées und Kabuffs für die adligen Clans! Von der Gemeinschaft aller Gläubigen ist da kaum eine Spur; Rivalität, Konkurrenz in puncto Prunkentfaltung, Abgrenzung dominieren. Damit verglichen, erschiene das Schiff der Salisbury-Kathedrale als ein höchst demokratisches Gebilde - wenn sich an den Mauern nicht doch ein Grabmal von Notabeln an das nächste reihte. Die Mutmaßung, dass in England schon im 13. Jahrhundert ein protodemokratisches Bewusstsein den Kirchenbau prägte, trifft also wohl nicht zu, zumal sich, je näher wir dem Chor kommen, desto deutlicher die ständische und soziale Hierarchie der Grabstätten zeigt. Doch worauf beruht dann sonst die räumliche Homogenität und Langgestrecktheit des Baus, wenn nicht auf der Verfassung der damaligen Gesellschaft? Woher stammt diese spezifische Neigung zum länglichen Bauen, die uns immer wieder in der englischen Sakralarchitektur begegnen wird? Die Frage bringt mich zum Grübeln.

Nun, da ich dies schreibe, und da ich jüngst Kazuo Ishiguros Roman Der begrabene Riese gelesen habe, der im 6. Jahrhundert nach Christus spielt, als die Angeln und die Sachsen die autochthonen Britannier unterworfen hatten, habe ich eine Ahnung: Ishiguro erwähnt einmal das Langhaus, das die Mitte einer sächsischen Siedlung darstellte. Kann es nicht sein, dass die Tradition dieses Haustyps sich von der Völkerwanderungszeit bis ins hohe Mittelalter erhalten und seine Struktur in verwandelter und übergroßer Form auch den Kathedralen eingedrückt hat? Wäre es nicht nachvollziehbar, dass die Angelsachsen auch ihren Gotteshäusern den Charakter mitteilen wollten, der ihnen von ihren Behausungen her vertraut war? Aus Frankreich haben die Briten die Technik der Gewölbe, das Maßwerk und die Schaftbündelsäulen bezogen; aber das Gefühl für Proportionen, für das Verhältnis von Höhe, Länge und Tiefe, ist möglicherweise tiefer in der eigenen Tradition verankert geblieben. 

 In der Sprache einer in die Fremde ausgewanderten Gruppe erhält sich deren angestammte Syntax und Grammatik lange Zeit, während das Vokabular recht schnell der neuen Sprachumgebung angepasst wird. So konnte man im 19. Jahrhundert bei Siedlergemeinschaften, die aus Deutschland nach Amerika gekommen waren, Sätze hören wie „The cow is over the fence gejumped.“ Im 12., 13. Jahrhundert war das architektonische Vokabular der Baumeister auf der Insel französisch, während die Grammatik des Raums noch angelsächsischen Prägungen folgte. (Zumindest behaupte ich das hier einmal, nur um des Vergnügens willen, eine steile These aufzustellen - und ohne zu leugnen, dass diese These keine anderen Fundamente hat als meinen leidenschaftlichen Dilettantismus, meine Lust, über eine Auffälligkeit zu spekulieren, die ich mir gerne irgendwie erklären würde, meine wenig seriöse Angewohnheit, Bauteile für Analogien und Metaphern aus den unaufgeräumten Truhen meines Gedächtnisses herauszukramen und sie irgendwie zusammenzuschrauben (ob sie nun zusammengehören oder nicht), kurzum: Bricolage zu treiben, wie Lévi-Strauss sie in Das wilde Denken beschrieben hat: unsystematisch, probierend, als ramschhafte Wiederverwertung irgendwo abgelegter Bestände von Halbwissen, Gewühl im An- und-Ver.)

Salisbury Cathedral hätte noch ein paar hymnische Worte für ihre Eleganz verdient, für ihre Blendarkaden, die Fischblasenornamente und die zahllosen Details gotischer Handwerkskunst, Kapitelle und Durchsichten, für anrührende Grabmäler, Kreuzgang und Chor: vieles davon ein Fest der Maßwerkgeometrie aus Zirkelschlägen und Kegelschnitten. Doch ich will hier vom Lobpreis der Steinmetze und Bauhüttenmeister absehen und lieber von zwei modernen Zutaten im Kircheninneren sprechen. 

Inmitten des Hauptschiffs hat man einen Brunnen aus schwarzem Basalt nach Art eines liegenden, gezogenen Vierpasses errichtet, dessen vier Spitzen in Schnabeltüllen auslaufen, aus denen sich je ein feines Rinnsal Wasser ergießt. Das Wasser, welches das Becken bis zum Rand anfüllt und nicht abnimmt, liegt vollkommen unbewegt und spiegelt die farbigen Fenster, die Säulen und das Gewölbe der Kirche wider. Ein schönes Symbol, dem Gott geweiht, der sich schenkend ergießt und doch unversiegliche Fülle bleibt, der gibt und sich in der Zeit verströmt und doch in unbewegter Dauer und ewiger Identität verharrt. Im Buch der 24 Philosophen (das im lateinischen Westen ab etwa 1200 viel gelesen und viel kommentiert wurde, doch vielleicht arabischen Ursprungs ist, möglicherweise auch die Frucht der Aristoteles-Lektüre alexandrinischer Gottesgelehrter, oder, wie manche meinten, von Hermes Trismegistos selbst verfasst war) heißt es: Deus est semper movens immobilis, Gott ist das unbewegt Immerbewegende. Diese theosophische Spekulation setzt der Brunnen anschaulich und ergreifend schön um.

Das zweite zeitgenössische Kunstwerk ist eine Installation auf einer Bretterbühne. Ein gutes Dutzend Frauen in schwarzen Umhängen steht auf dieser Rampe, mit bloßen Füßen und unverhältnismäßig großen Köpfen, deren gramerfüllte Blicke sich nie einander zuwenden, sondern immer in eine ferne Leere gehen. Ein junger Mann in weißer Hose und mit nacktem Oberkörper trägt einen kahlköpfigen Greis auf seinem Rücken, und es ist nicht ganz klar, ob der schmerzliche Gesichtsausdruck des Jünglings nur der Anstrengung geschuldet ist, seinen Anchises zu tragen, oder ob der Alte sich als albdruckhafter Quälgeist oder Aufhocker an den Jungen klammert, um ihm die Lebenskraft zu rauben…

Die Installation ist sehr eindrucksvoll. Eine gewaltige Ausstrahlung von Düsternis und Leid und nahezu erloschener Hoffnung liegt über der Szene, und die Holzplanken der Bühne lassen an ein Floß denken, auf dem diese peinvollen Figuren dem Untergang entgegentreiben.

Als ich vor Jahren einmal im Louvre Géricaults Floß der Medusa sah, jenem scheelfarbenen Monument der Verzweiflung mit seinen ausgezehrten Schiffbrüchigen und von den Planken ins Wasser hängenden Toten, durfte ich mitansehen, wie ein japanisches Mädchen vor dem Bild Aufstellung nahm und sich bei strahlendem Lächeln und fröhlichem Winken von ihrem Freund fotografieren ließ, was ungefähr so feinfühlig war wie „Great place! Wonderful to be here!“ ins Besucherbuch von Auschwitz zu schreiben.

Doch offenbar besitzen Flöße und Bretterbühnen eine besondere Anziehungskraft für die Idiotie der Jugend; denn auch heute stellt sich ein junger Trottel mit einem Selfiestick vor das Bild des Elends, das diese trostlos leidenden Frauen abgeben, und hält sein breites Grinsen fotografisch fest, auf dass auch hier einmal mehr die Dummheit der Welt einen heiteren Triumph feiere.

Warum heißt es nur in der Liturgie „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“? Vielleicht wäre der Welt mehr geholfen, wenn der Heiland statt gegen die Sünde einmal entschlossen gegen die Dummheit vorginge.

Auf dem Gelände des Cathedral Close gibt es noch einiges zu besichtigen, darunter das Mompesson House, das um 1700 von einem vermögenden Mann für seine Familie erbaut wurde. Mittlerweile in der Obhut des National Trusts, ist es ein hübsch möbliertes, klassizistisches Haus, an dem vor allem bedauerlich ist, dass die Freiwilligen, die in jedem Raum herumsitzen, so gar nichts zu tun haben. Die Jungfern, die hier einst lebten, hatten sicher immer etwas unter den Händen, einen Stickrahmen, ein Tagebuch oder einen Briefbogen, ein Aquarell oder einen Scherenschnitt oder ein Buch von Jane Austen (wenn nicht sogar einen verruchten Schauerroman wie den greulichen Mönch von M.G.Lewis, bei dessen Lektüre es die jungen Damen heiß und kalt überlief, sodass sie kichernd zu ihren Schwestern laufen mussten, die es ihrerseits kaum erwarten konnten, entführt, in dunkle Verliese geworfen und von einem finsteren Peiniger entkleidet zu werden…). Bedauerlicherweise sind unter den Freiwilligen keine jungen Damen; bis auf die eine am Eingang vielleicht, doch auch die wäre zu Jane Austens Zeit schon keine junge Dame mehr gewesen, sondern eine alte Jungfer, die stramm auf die Dreißig zumarschiert. Wäre sie männlichen Geschlechts, würde man sie freilich jünger schätzen: der dunkle Flaum auf ihren Wangen und auf ihrer Oberlippe gehört eher zu einem Siebzehnjährigen, der noch keinen regelmäßigen Umgang mit dem Rasiermesser pflegen muss. Die anderen die Räume bevölkernden Volunteers sind hingegen sämtlich in Rente. Ihr gutes Benehmen verhindert, dass sie sich offensiv auf die Besucher stürzen, aber wehe, wenn man sie nur mit einer winzigen Frage zu irgendeinem läppischen Kuperstich behelligt! Dann ist die Büchse der Pandora geöffnet und der Springteufel, der da herausschnellt, ist nicht mehr in die Kiste zurückzustopfen. So dauert es keine Minute, um die Kenntnislosigkeit einer Dame in Bezug auf den Kupferstich herauszufinden, auf dem vielleicht der von einer Samthaube umturbante David Hume oder aber La Mettrie abgebildet ist, und es dauert nur eine gute Viertelstunde mehr, sich allerlei Auslassungen über Singapur (wo ihr Sohn lebt), Norwegen (wo sie den letzten Sommerurlaub verbracht hat), Rom (wo sie noch nie war) und die Schwierigkeit der Chinchillazucht anzuhören (eine Plackerei - und wie die stinken!). Ich muss das Vibrieren meines Telefons vorschützen, um diese Suada zu unterbrechen. Wenn uns diese redselige Frau eine gute Tasse Tee, ein paar Plätzchen und bequeme Sessel angeboten hätte, wäre ich wohl geneigter gewesen, diese Plauderei weiterzuführen, die so friedlich dahinströmte wie der englische Regen vor den Fenstern. Aber in Gedanken war ich schon ein wenig in einem der Pubs am Marktplatz, bei Ledersesseln und Ale, da hatten Chinchillas keine Chance.

Wir besichtigen brav zu Ende, bewundern Stuck und filzbelegte Regency-Spieltische, rote Seidentapeten und Tafelaufsätze, und machen Bekanntschaft mit einer englischen Eigentümlichkeit, die uns fortan immer wieder begegnen wird: der Sitzbank in der getäfelten Fensterlaibung, wo die Damen in ihren Empire-Kleidern malerisch ruhen und im regengesiebten Licht Northanger Abbey lesen konnten.

Von den Freiwilligen halten wir uns fern, so lang es geht; aber etwas recht Merkwürdiges macht den erneuten Kontakt dann doch nötig. In der ersten Etage erstreckt sich ein Flur quer über die ganze Breite des Hauses; aber wohin führen die zwei Türen an den Stirnseiten? Ich drücke die Klinken, doch sie rühren sich nicht. Ich klopfe ans Türblatt, doch es klingt stumpf und ohne jeden Hall, als sei kein freier Raum dahinter. Dann gehe ich zur Tür gegenüber und stoße dort auf das selbe Phänomen. Das Gerüttel an der Klinke stört schließlich eine Dame auf, die in einem der Schlafzimmer auf einem Polsterstühlchen eingenickt war. Ich bin mir nicht sicher, dass sie wirklich wach ist; sie wirkt tüdelig, als hätte sie irgendein klebriger Traum noch immer in den Fängen; ihre Lider sind von einem gelben Schmalzsaum gesäumt, die Aderhaut ist ein kapillares Gemetzel in Rosa. Ihre Iris allerdings strahlt irrwitzig hellblau, was etwas gespenstisch wirkt, als hätte man eine blinde Seherin vor sich.

Sie erklärt uns, warum es keinen Sinn hat, an den Türen zu rütteln. Es sind bloße Verblendungen, die vor die Außenmauern gesetzt sind, um eine enfilade zu suggerieren, eine Zimmerflucht, wie sie seit Ludwig dem XIV in europäischen Schlössern in Mode gekommen war. Sinn der enfilade ist es, eine endlos scheinende Abfolge von Räumen zu inszenieren. Das funktioniert bestens in Versailles, in der Würzburger Residenz, in Blenheim Palace, wo diese Zimmerfluchten tatsächlich ein Dutzend oder mehr Räume auffädeln. Im bescheideneren Rahmen des Mompesson House begnügt man sich mit dem etwas albernen Versuch, bloß zu suggerieren, es gäbe hinter den Türen noch unermessliche Raumtiefen. Aber ist das wirklich Angeberei? Oder doch nur der launige Witz des member of the parliament Mompesson, der vermutlich wusste, wie sehr es in der Politik manchmal auch auf Blendwerk ankommt: auf pompöse Fassade mit nichts dahinter.

Ich finde immer mehr Gefallen an den englischen Pubs; auch hier beweist sich die zwingende Dialektik von schlechtem Wetter und gemütlichen Gasthäusern, die uns zuletzt in Galizien aufgefallen war. Nirgendwo in Spanien regnet es mehr als in La Coruña, und nirgendwo gibt es reizendere Lokale. Das Schöne an englischen Pubs ist (abgesehen einmal von den zuverlässig großartigen Bieren), dass sie selten so mit Tischen überladen sind wie es anderswo in Europa Brauch ist. Zumeist sind es weitläufige Wohnzimmer, in denen man immer eine ruhige Nische findet, wenn einem nicht nach Geselligkeit und Trubel ist. Und in solchen Rückzugszonen steht dem müden Gast dann nicht nur ein schmales Tischchen und ein Hocker zur Verfügung, sondern eine Vielzahl gepolsterter Sessel oder Sofas, die zum Rumlümmeln und Ausruhen einladen, also genau das, was wir jetzt vorhaben.

Die junge Frau an den Zapfhähnen spricht Englisch mit dem Akzent und der Prosodie einer Italienierin; auch ihre schwarzen Locken sehen eher nach Campagna als nach Wiltshire aus, aber ihr Gesichtsschmuck wirkt noch um einiges südlicher, denn sie hat mehr Metall im Gesicht als eine Fetischfigur vom Kongo Nägel im Holz. Wahrscheinlich tüftelt schon irgendein Verehrer, der zu schüchtern ist, sie direkt anzusprechen, an einem ultrastarken Elektromagneten, der ihm das Mädchen einmal quer über den Marktplatz in die Arme zieht. Sie ist das Schätzchen der Stammgäste, die hier nachmittags um halb fünf ihre ersten Pints nehmen, aber sicher nicht ihrer entgegenkommenden Art wegen, sondern, weil sie sich so schön aufregen kann, über den verdammten Scheuerlappen flucht, eine Salve von Verwünschungen des englischen Wetters abschießt, ihren Gehilfen beschimpft, der Schwierigkeiten hat, ein neues Fass anzuschließen, und dann auch gleich einen Gast, der es gewagt hat, ebenfalls den Gehilfen zu verspotten, mit einer kleinen Kanonade von Beleidigungen überzieht (fatty, stupido, bragger); offenbar wähnt sie sich im Besitz eines Privilegs für Beschimpfungen, und es passt ihr überhaupt nicht, wenn sich auch ein anderer in dieser edlen Disziplin versucht. Aber sie kann sich ihre Flegeleien leisten; jeder, der etwas abbekommt (mal vom Scheuerlappen abgesehen), scheint das als besonderen Gunsterweis aufzufassen und lächelt geschmeichelt, weil diese Art von persönlicher Bezugnahme immer noch besser ist als die kaltsachliche Abfertigung, mit der sie zum Beispiel mir das Bier gezapft hat.

Ausgeruht trotten wir noch ein wenig durch die Stadt und schaffen es noch vor Toresschluss in die alte Kirche von St. Thomas, um das Jüngste Gericht über dem Chor anzusehen. Auf der linken Seite krabbeln nackte Wesen aus ihren Gräbern, vom Weltenrichter Jesus zum Heil erwählt und von Engeln behütet; rechts hingegen wandern die Sünder, in Ketten geschlagen, dem Höllenrachen entgegen. Die Sonne leuchtet den einen; ein schmutziger Mond hängt als düstere Insignie über dem Gewühl der Verdammten. 

Wenn ich solche Bilder in mittelalterlichen Kirchen sehe, stelle ich mir immer eine Gemeinde vor, die vor dem Jüngsten Gericht barmte und bangte, allesamt zerknirschte Sünder, die hofften, durch Kasteiung und rüde Bußübungen dem ewigen Strafgericht zu entgehen. Ich stelle mir härene Hemden vor, Selbstgeißelungen, ausdauerndes Knien auf kantigen Holzscheiten, all die grausigen Praktiken religiöser Pathologie. Um so schöner ist es, dass hier in den Kirchenbänken an jedem Platz ein besticktes Polsterkissen hängt, damit man sich beim Niederknien seiner bediene. Das ist zweifellos ein Zeichen abnehmenden Frömmigkeitsfurors und eines Sinkens der religiösen Fieberkurve. Hier kniet man bequem und hat ein Kissen statt eines Nagelbretts. Das ist nichts für Eiferer, Yogis und Asketen. Fanatiker sind hier fehl am Platz, und das ist mir zwar recht sympathisch, aber noch nicht genug. Ich warte lieber auf eine Sekte, bei der man die Gottesdienste in der Chaiselongue oder im Fernsehsessel feiert. Sollte einmal ein Konzil sich zu dieser Modernisierung entschließen, kehre ich als reumütiger Sohn in den Schoß der Kirche zurück und erneuere mein Abo. Sela!

Wir verbringen die Nacht an einem Parkplatz am Rand der Innenstadt. Ein fahler Mond hängt über uns und all den anderen Verdammten, die hier ihr Auto abstellen und durch riesige Pfützen in Richtung Stadt waten. Aber Höllenfeuer hätte hier keine Chance: es regnet einfach zu stark.


9. Juni. Bornemouth, Wareham, Corfe Castle


Dagmar hat mit siebzehn einen Monat unter den stählernen Fittichen einer gewissen Mrs Meadowcraft in Bornemouth verbracht, um ihr Englisch zu verbessern. Die anderen Hausgäste waren allesamt Deutsche, und um nicht deutsch mit ihnen reden zu müssen, gab Dagmar sich als waschechte Pariserin namens Germaine aus. (Ihr Lippenstift hieß so.) Dagmar erinnert sich an ihre Angst vor Skorbut (die Kost war mager und vitaminlos), dass es keine Steckdosen gab, sondern man, um etwa einen Fön anzuschließen, die Glühbirne aus der Fassung heraus- und dann einen Buchseneinsatz für den Stecker hineindrehen musste. Sie erinnert sich auch daran, dass es in den Waschbecken zwei Hähne gab, einen für kaltes und einen für heißes Wasser, sodass man sich zwangsläufig abhärtete, entweder durch Kaltwäsche oder indem man die Hände an regelmäßige Verbrühungen gewöhnte. 

Die Mischbatterie, die sich in Kontinentaleuropa und anderen zivilisierten Teilen der Welt schon seit Jahrzehnten durchgesetzt hat, ist in England auch heute noch weitgehend ungebräuchlich. Sie ist nicht ganz unbekannt, aber offenbar hegt man zu tiefen Argwohn dagegen, als dass man sie flächendeckend einbauen wollte; möglicherweise befürchtet man schädliche Folgen durch den Gebrauch temperierten Wassers - Seuchen, moralische Verwahrlosung und Sittenverderbnis, allgemein ein Nachlassen altspartanischer Tugenden - oder aber man hält an dieser veralteten Sanitärtechnik aus schierer Nibelungentreue oder einfach Nostalgie fest, und gedenkt, jedesmal, wenn man den Heißwasserhahn aufdreht, stolz der guten alten Zeiten, als man nicht nur Herr über ein paar läppische Inseln zwischen Atlantik und Nordsee war, sondern auch über Australien und große Teile Asiens sowie Afrikas, von den Falklandinseln ganz zu schweigen. Damals hatte man kaum Mischbatterien und war mächtig; vielleicht fällt den Engländern die Weltherrschaft wieder in die Hände, wenn sie sich diese nur entschlossen genug unter dem Heißwasserhahn verbrühen.

Es ist nicht einfach, in Bornemouth einen Parkplatz zu finden, was zum Teil auch daran liegt, dass es nicht einfach ist, überhaupt die Stadt zu finden. Das Zentrum ist gut gesichert gegen Autoverkehr, und die Parkplätze stehen nur Einheimischen und Leuten, die allenfalls mal eben Brötchen holen wollen, zur Verfügung. Wer sein Auto länger als eine Stunde abstellen will, muss in die Peripherie ausweichen. Wir haben noch nicht begriffen, dass die englischen Städte zumeist ein gut funktionierendes Park and Ride-System haben, das den Innenstädten die Blechplagegeister vom Leib hält. In anderen Städten, die weniger mondän sind, als Bournemouth es für sich beansprucht, weisen schon weit draußen Schilder auf diesen Service hin. Aber in Bournemouth und Pool, wo so viele Millionäre residieren, hält man eisern auf Diskretion und verschweigt darum wohl auch die Existenz einer solch hilfreichen Einrichtung.

Schließlich parken wir am Westcliff und wandern durch Grünanlagen, in denen Kaninchen herumhoppeln, und dann auf dem Klippenweg oberhalb des Strands der Stadt entgegen. Hinter dem Pier, wo ein Riesenrad stillsteht und die Kellner in verglasten Pavillons, ebenfalls stillstehend, auf Gäste warten, hält gerade ein roter Doppeldecker des Unternehmens, das in vielen europäischen Städten, die es wert sind, Rundfahrten anbietet, mittlerweile aber auch in Städten, die es nicht wert sind, wie sich bald herausstellen wird. Der Busfahrer - ein verhuschter Mittvierziger mit vorstehenden Zähnen und schiefsitzender Pilotenbrille - kutschiert uns und ein paar Seniorengrüppchen (na gut: uns Senioren) anfangs durch die Randgebiete von etwas, das wie Stadt aussieht, bald aber gondeln wir durch eine Villen- und Vorortwelt, wie man sie sich langweiliger kaum vorstellen kann. Hinter hohen Hecken, die aber nicht hoch genug sind, um uns den Blick zu versperren, liegen die Domizile der Millionäre, die uns eine kleine Lektion darüber erteilen, dass Reichtum nicht vor Geschmacklosigkeit schützt. Die Erklärungen, die wir per Kopfhörer bekommen, ergehen sich in lokalpatriotischer Prahlerei, wie vermögend die Leute hier seien, dass die Grundstückspreise mit denen in Manhattan und Beverly Hills mithalten könnten, dass die Rolls-Royce- und Bentley-Dichte höher sei als irgendwo sonst im Universum, und dass Poole, dem wir nun zustreben, vor einigen Jahren eine Verordnung erlassen habe, die den Ankauf von Immobilien auf Kundschaft beschränke, die mindestens eine Million Pfund Jahreseinkommen nachweisen könne. Zwar berührt mich diese Angeberei etwas unangenehm - es ist das Geprotze eines Parvenus, unwürdig eines gentleman, dem Diskretion und understatement zur Zier gereichen - aber zugleich freue ich mich auf einen solch luxuriösen Ort, wo wir bald die Reichen und Schönen beim Champagnerschlürfen und Promenieren bewundern dürfen. Herrliche Häuser! Glanzvolle Schaufenster! Edle Jachten im Hafen! Schicke Bentleys, die von livrierten Chauffeuren mit Chamoisledern gewienert werden, und nicht zu vergessen all die gepflegten jungen Damen, die hier in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit eines wohlhabenden (und unverheiratenen) Mannes zu erregen, über das Pflaster stöckeln… 

Als wir in Poole aussteigen, erfüllt sich nichts von all dem. Von Luxus keine Spur, von gehobenen Bedürfnis auch nicht, und selbst ein Mindestmaß von Gepflegtheit wird souverän unterboten. Die High Street des teuersten Städtchens Englands ist ein solcher Ausbund an proletarischer Häßlichkeit, dass man sich nach Duisburg oder Bremerhaven versetzt fühlt. Verfettete junge Männer, Mädchen, die noch keine vierzehn sind, aber schon so abgehalftert und verlebt aussehen, als hätten sie fünf Jahre Straßenstrich hinter sich, aus dem Leim gegangene Weiber, die in Jogginghosen und Gummisandalen dahinschlapfen, zahnlückige Trinker, junge Mütter (und jung meint hier nicht blühende neunzehn, sondern mit vierzehn nicht aufgepasst), eine schwangere Frau, die auf einer Bank sitzt und sich eine Kippe dreht. Ich könnte in Hogarth’scher Manier (googeln Sie ruhig mal nach Hogarth Gin Lane) fortfahren, aber es ist alles so elend und trostlos, dass ich lieber schnell darüber weggehe.

Obwohl es so trostlos natürlich gar nicht ist. Denn wie beim schlechten Wetter und den gemütlichen Kneipen gibt es auch hier eine gewisse Wer Sorgen hat, hat auch Likör-Dialektik. Zwar wirkt das Volk in der High Street auf den ersten Blick schäbig und depraviert, doch gibt es kaum ein Ladenlokal, das nicht vermietet und in Betrieb wäre. Und was das für schöne Läden sind, und wie edel ihre Ziele! Kaum ein profanes, dem schnöden Mammon verpflichtetes Geschäft ist darunter. Mal ein Bäcker, ein Imbiss mit hochklassigem Fish’n’Chips, die übliche Boots-Filiale, ja, aber sonst reiht sich ein Second-Hand an den anderen - und alle dienen sie dem hehren Zweck der Wohltätigkeit. Heilsarmee, Rotes Kreuz, ein Kinderhospiz, die Brustkrebsgesellschaft und die für Herzkranke; auch für Diabetiker wird gespendet, und vielleicht sogar für Depravierte und Debile. Soviel Fürsorge und wohltätige Anteilnahme gibt mir den Glauben an diese Stadt und ihre vermögenden Einwohner zurück. Sie spenden, sie schenken, sie opfern! Freigiebig verstreuen sie den Abhub ihrer Kleiderschränke und Teeservices, das gebrauchte Spielzeug ihrer Kinder und ihre angeschlagenen Nachttischchen und Kerzenständer, den ganzen Ramsch, der ihre Villen anfüllt: den können sie mit dem schmeichelhaften Gefühl, eine gute Tat zu tun, hier loswerden. Ach, die unvergessene Maggie Thatcher hatte doch recht, als sie sagte: „Man muss den Reichen Geld in die Hand geben, damit auch zu den Armen etwas durchrieselt.“ Hier rieselt eine ganze Menge durch, wenn auch kein Geld (womit die Proleten ohnehin nichts anderes anzufangen wüssten als sich mit Zigaretten, Schnaps und Cheeseburgern zu verproviantieren, bevor sie die restliche Kohle ins Tatoo-Studio tragen), sondern nur unmodisch gewordene Klamotten, geschmackloser Nippes und zerlatschte Budapester mit Wasserrändern.

Wir wandern bald wieder zu unserer Bushaltestelle am Hafen. Ob wir in der Dreiviertelstunde noch ein Mittagessen einschieben können? Es ist jedenfalls eine Gelegenheit, unsere Erkundung des Fish’n’Chips-Kosmos fortzuführen (wenig zufriedenstellend) sowie ein hiesiges Ale zu kosten (sehr zufriedenstellend). Ich spiele mit dem Gedanken, meine Nährstoffzufuhr ganz auf Ale umzustellen. Haben die Sklaven auf den Baustellen von Gizeh sich denn anders ernährt? Wahrscheinlich nicht, aber in puncto Lebensqualität sollten mir diese Burschen nicht unbedingt als Vorbild dienen. 

Den Bus verpassen wir natürlich um eine halbe Stunde. Also stöbern wir noch am Hafen herum, aber alles Interessante ist schnell aufgebraucht. Uns bleibt zum Zeitvertreib nur die Durchforstung eines riesige Klamottenladens für Senioren, die nicht wahrhaben wollen, dass sie welche sind, sowie die weitläufigen Ausstellungsräume einer pottery, die - weil kein anderes Verkaufsargument für diese unfassbar häßlichen und überteuerten Erzeugnisse auch nur ansatzweise triftig wäre - damit wirbt, dass der ganze Scheiß im Vereinigten Königreich hergestellt wurde. Wenn ich Königin wäre, hätte ich diese rufschädigende Töpferbagage längst auf die Falklandinseln verbannt, freilich erst, nachdem ich ihnen die Hände abhacken hätte lassen, damit sie fürderhin kein Unheil in der Welt der Keramik mehr anrichten können.

Schließlich bringt uns der Bus nach Bournemouth zurück. Wir nicken über dem Gefasel unseres Tonband-Cicerones ein und bleiben auch rammdösig, als wir im Zentrum ausgestiegen sind und somanmbul dort herumwandeln; was möglicherweise eine Schutzmaßnahme unseres Unterbewusstseins ist, die uns davor bewahrt, die stadtplanerische Verhunzung eines einstmals vermutlich recht charmanten Badeorts mit brutaler Klarheit wahrzunehmen. Es gibt dort ein paar ganz reizende Art-Déco-Gebäude, Jugendstilpagoden und viktorianische Arkaden, aber alles, was irgendwie anziehend ist, wird sofort mit einer solchen Menge an architektonischem Elend und Feng-Shui-Verstößen behelligt, dass man immerzu das kalte Henkerbeil des Unbehagens im Nacken spürt und diese Richtstätte so schnell wie möglich verlassen will, was wir dann auch tun. Wir kehren der Stadt den Rücken, setzen uns in ein Strandcafé, nehmen einen latté (mit langem Ausklang-e, was dem italienischen latte wohl noch ein Häubchen französischer Eleganz verleihen soll) und schauen aufs Meer. 120 Kilometer ziemlich präzis im Süden liegt Cherbourg, nochmal 120, und wir könnten den Abend im schönen Saint-Malo zubringen. Wie breit ist der Styx? Und wie schnell könnte ein bestechlicher Charon rudern, um uns zum Abendessen im Cotentin abzusetzen?

Auf dem Weg zum Auto schaue ich rechts und links; kein Charon weit und breit. Reitelefanten für die Kleinen und Automatencasinos jede Menge, doch mythische Fährleute sind Mangelware. So schnell kommen wir hier nicht weg.

Es sind ein paar Meilen bis Wareham, wo wir auf ein halfpint am Fluß anhalten. Boote segeln gemächlich den Trent hinab, aber jetzt ist es so abendschön und milde, dass alle Pläne, ein Schiff zu entern und nach Frankreich überzusetzen, hinfällig werden. Es muss nicht mehr sein. Ist wunderbar hier.

In Corfe übernachten wir auf einem Parkplatz. Die Ruine von Corfe Castle ragt wie der Überrest eines Gebisses aus dem Hügelzahnfleisch vor uns auf, zwei, drei Zahnstummel, Bruchstücke. Später macht die nächtliche Illumination ein Diadem draus. Sehr festlich.


10. Juni. Corfe Castle, Purbeck Marine, Dorchester.


Wie so oft ist der Morgen wolkenlos, als wir ins Dorf aufbrechen. Auf unserem Weg passieren wir den von großen Kalkbruchsteinen eingefassten Gottesanger. Im Hintergrund erhebt sich, wie von einem Meister melancholischer Landschaftsmalerei dort plaziert, die Ruine. Vorn die Wiese mit ihren weitläufigen Grabsteinreihen, manche davon noch ganz aufrecht, andere bereits im Sinken begriffen, hintüber oder vornüber geneigt, verwitterte Stelen, auf denen manche Inschrift von Flechten und Sprüngen im Stein überschrieben ist. Keine Wege, und noch nicht einmal Trampelpfade führen an den Steinreihen vorüber, und nur selten hat es eine Familie für nötig gehalten, ihre Grabstätte mit einem Saum von Steinen als ihr Areal zu markieren, und selbst wo dies geschehen, überwuchert Gras die Grenzen und tilgt, Jahr um Jahr ein wenig mehr, die Einfriedung, um sie wieder in die Allmende der Toten zu verwandeln.

Habe ich schon erwähnt, dass die Friedhöfe unter Englands größte ästhetische Verdienste gerechnet werden müssen? In Frankreich, Italien, Spanien wird gut gegessen; die Engländer, das muss man ihnen lassen, verstehen sich aufs Bestatten. Wo romanisch gesprochen wird, sind die Friedhöfe zumeist steinerne Monumente: gekieste Pfade, Marmorgruften, geschmückt mit Blumenkeramik oder Engeln aus Basalt. Steinerne Gärten, oft im Raster nach Art der römischen Castren als rationalistische Gitter angelegt, in denen Geometrie und dauerbares Material Ewigkeit garantieren sollen. Die englischen Friedhöfe überlassen sich dagegen sehr viel williger der Natur. Die Gräber sind in die feuchte Erde gehauen, und dem Grabstein ist noch die Herkunft aus dem keltischen Menhir anzusehen. Auch der Friedhof von Corfe erinnert in der Kombination von bloßer Wiese und aufgerichtetem Stein eher an die Steingehege von Carnac als an die Totensiedlungen romanischer Tradition, in denen jede Sippe eine feste Adresse hat. England mag eine Reihenhausnation sein, doch seine Sepulkralkultur ist davon kaum bestimmt. Zumindest auf dem Land geht es lockerer zu. Die Toten liegen nicht in Gruften, sie ruhen in Gärten und Beeten. (Die Grabsteine dazu erinnern in ihrer lässigen Schräglage oft an die Schildchen, mit denen in Gärtnereien Blumen- und Gemüsesprösslinge bestimmt werden.)

Corfe: ein Dorf aus porigem Kalkstein und Schieferdächern, so entzückend, dass es kein Wunder ist, dass es nicht nur im Maßstab eins zu eins existiert, sondern auch (in einem Hinterhof der West Street für knapp vier Pfund pro Besuchernase) als Miniaturausgabe eins zu zwanzig. Man möchte es noch mehr verkleinern, damit man es in die Tasche stecken und nach Hause mitnehmen kann. Dort hätte man es dann immerhin ohne das Touristengesockse, mit dem man im lebensgroßen Corfe konfrontiert ist. Ich habe nichts prinzipiell gegen Touristen, schließlich bin ich selbst einer, aber manche sind wahrhaftig eine Schande ihres Standes. Zwei junge Frauen führen eine Besuchergruppe aus Deutschland herum (was immer dazu führt, dass ich mit Dagmar alias Germaine nur noch Französisch spreche). Die beiden Führerinnen halten große Schilder hoch, damit ihre Herde sich hinter ihnen schare, aber ich an ihrer Stelle hätte mein Schild manchmal auf einen besonders dämlichen Kopf niedersausen lassen, nur so aus pädagogischen Gründen. So bekam ich mit, wie eine Landfrau mit hessischem Akzent die Führerin darauf hinwies, dass man den soeben vorgeschlagenen Weg nicht nehmen könne, weil ein Durchfahrt verboten-Schild es doch untersage. Es ist deutlich zu bemerken, wie in der Führerin die Versuchung aufsteigt, sich den süßen Freuden des Spotts hinzugeben, doch sie bezwingt sich und begnügt sich mit der trockenen Auskunft, dass sie, die Dame, doch kein Auto sei, weshalb sie getrost durch die Gasse gehen könne. (Die Dame mag stricto sensu kein Auto sein; aber zumindest in puncto Intelligenz kann man ihr und, sagen wir mal, einem Kabinenroller von Messerschmitt eine gewisse Ebenbürtigkeit attestieren.)

Schließlich wandern wir zur Ruine hinauf; hinter dem Tor erstreckt sich eine weite Grasfläche, auf der ein kleines Feldlager von Zelten aufgeschlagen ist. Ein paar Männer und Frauen in Tudor-Kostümen stehen drauf herum. Ein Falkner in Stulpenstiefeln, weißem Hemd mit offenem gekrausten Kragen und ebenso gekrausten Manschetten, darüber eine Samtjacke, ist grade damit beschäftigt, seinen Falken die ledernen Kopfhauben abzunehmen. Eine Art Marketenderin sortiert ihre Auslagen; etwas abseits liegen Blöcke behauenen Steins im weiß bepuderten Gras; ein Mann schafft das Werkzeug für den heutigen Steinmetz-Kurs heran.

Die Ruine ist, nun ja, eben eine Ruine. Im Englischen Bürgerkrieg war die Feste ein Rückzugsort der Royalisten und wurde nach erfolgreicher Belagerung durch Cromwells Roundheads gesprengt. Wenn sie imposante Wolkenhorden hinter sich hätte, würde sie sicherlich recht malerisch aussehen; bei dem blauen Himmel heute wirkt sie allerdings allzu harmlos und fast ein wenig deplaziert, wie König Artus in Badehosen. Wäre ein Wasserbecken darunter, könnte man aus den verbliebenen Mauern einen Sprungturm machen; ein paar Wasserrutschen dazu, und die Kinder hätten einen Mordsspaß.

Schön ist vor allem der Blick, dem man von dort oben hat: weit dehnt sich das liebliche, sanft gewellte Dorset mit seinen Weiden, Wäldern und Weilern. Am Horizont wächst eine taubenblaue Wolkenfront heran, an deren unterem Saum eine Ahnung der Küstenlinie der Kimmeridge Bay eingestickt ist.

Wir nehmen noch einen Tee im Café des National Trust, dann brechen wir nach Kimmeridge auf. Kurz vor der Bucht hält uns ein Mann auf, der vor einer kleinen Holzhütte Wache hält: der Rest der Strecke ist mautpflichtig. Ich muss schon sagen, das Raubrittertum ist ganz schön heruntergekommen, dass es sich mit solchen Brosamen zufriedengibt. Wenn hier wenigstens eine trutzige Burg stünde und der Mann keinen Jogginganzug trüge, sondern eine Ritterrüstung, die etwas hermacht, würde ich bereitwillig noch ein paar Pfund drauflegen, aber bei diesem verhärmten Zöllner reut mich der Obulus ein wenig.

Was bekommt man für sein Geld? Eine schöne Wanderung über den Klippen, ab und zu den überwältigenden Geruch von Tang und Muscheln, der von den Tümpeln des jetzt bei Ebbe freiliegenden Strandes aufsteigt, die Küstenlinie, die sich in weiten Schwüngen bis zur Weymouth Bay zieht, braun und grün, und an den Kämmen mit Blütenwäldchen von Sandglöckchen und Schlüsselblumen, Beinbrech, Ragwurz, Hufeisenklee in Altrosa, Gelb und Violett überschimmert (bei den Blumennamen trauen Sie mir besser nicht, ich bin kein Botaniker, aber ich finde, so klingt das besser als wenn ich nur Blümchen geschrieben hätte). Nach zwei Stunden sind wir zurück beim Bus und haben mächtig Hunger. Und sitzen wieder in einer recht englischen Patsche: denn in Frankreich gäbe es an einem Wanderparkplatz mindestens eine Bretterbude, wo man eine gute Portion Austern, Meeresschnecken, Krebse oder Seespinnen, oder wenigstens einen Topf Muscheln verzehren könnte, aber hier bringt man’s nicht weiter als zu einem Wagen, der Waffeleis in den exotischen Varianten Vanille, Schokolade und Erdbeere verkauft. Wir durchforsten unsere Konserven und finden eine Dose Baked Beans und ein Glas mit Pickled Eggs, das wir aus Neugierde gekauft haben. Die Eier sind in einer Ätzlauge aus Salzsäure und Essigessenz eingelegt. Die Schwärme von Fruchtfliegen hier am Strand verpuffen auf einen Schlag, als wir den Deckel abschrauben. Möven schmieren schrill kreischend ab, ein Hund rennt mit gesträubtem Nackenhaar davon. Die Eier sind grauenvoll, kein Nahrungsmittel, sondern ein kulinarisches Stahlbad, das vermutlich als nationale Mutprobe ersonnen wurde, die Standhaftigkeit britischer Soldaten auf die Probe zu stellen. Wir schnippeln sie klein (die Eier, nicht die Soldaten) und verrühren sie mit den Bohnen in ihrer infantil süßen Tomatensoße. Es ist schrecklich, wie schnell und rückhaltlos der Hunger den Firnis der Zivilisation abtragen kann. Wir schlingen den Fraß im Sichtschutz des Busses eilends runter, und dann verlassen wir diesen Ort der Schande so schnell wir können, für den Fall, dass uns doch jemand bei dieser barbarischen Mahlzeit beobachtet hat und schon mal eine anonyme Anzeige wegen entwürdigenden Verhaltens aufsetzt.

Auch der Wettergott ist sichtlich ungehalten über unseren kulinarischen Frevel. Die Wolken werden immer düsterer und runzeln finster ihre Stirnen. Als wir in Dorchester ankommen, fallen dicke Tränen vom Himmel, und auch der Herr der Winde beklagt heulend unsere Sünden. Adam und Eva haben nur einen Apfel gegessen und wurden aus dem Paradies verjagt. Mit diesen verfluchten Soleiern haben wir uns zweifellos Schlimmeres zuschulden kommen lassen. Was wird unsere Strafe sein?

Wir bekommen noch eine Schonfrist zugestanden, um Thomas Hardy’s Cottage zu besuchen. Ich lese gerade Am grünen Rand der Welt dieses in Deutschland leider zu wenig bekannten Schriftstellers und bin sehr angetan davon. Der Roman ist psychologisch nicht übermäßig subtil, sondern eher holzschnitthaft, doch der Holzschnitt ist kraftvoll und versteht sich darauf, seine Motive in symbolisch bedeutsame Bilder zu fassen. Es ist etwas Homerisches darin, eine Klassizität, die mit sicherer Hand Bedeutung in Bilder überführt und aus den Bildern Bedeutung destilliert; hinsichtlich der erzählerischen Technik wie der Moral von der Geschicht wurde in diesen Jahren Raffinierteres geschrieben, formal Ambitionierteres, stilistisch Glanzvolleres. Anna Karenina erschien nur wenige Jahre danach, und der Roman ist in der Vielfalt und Finesse seines Figurentableaus um einiges komplexer. Doch das zwingt Tolstoi auch zu einer flächigen Ausmalung und (bloße Kontingenz nicht scheuende) Ausführlichkeit der Darstellung, während Hardy sich durch die Beschränkung auf das Schäfer- und Bauernmilieu noch ganz der alten Tradition symbolischer Verdichtung überlassen kann, und darin seine Meisterschaft erweist. Bei Tolstoi ist eine Szene wie jene, in der Wronskij sein Pferd zuschanden reitet, einer der seltenen Höhepunkte, in der bloßes Geschehen auch symbolisch signifikant wird. Bei Hardy hat fast jedes Kapitel eine solche Kulmination, in der Sein und Sinn, Handlung und Bedeutung zusammenfallen, ja, das Buch ist eigentlich zur Gänze aus solch gut gebundenen Knoten geknüpft. Die deutsche Literaturwissenschaft (Germanisten, Romanisten, Anglisten) hat den englischen und französischen Realismus in den Sechzigerjahren gern positivistischer Tatsächlichkeitsverliebtheit geziehen und die symbolisch erweiterte Dimension des poetischen Realismus deutscher Prägung (Keller, Fontane et al.) dagegen ausgespielt. Jetzt verstehe ich, wie konstruiert und irreführend solche Konzepte sind.

Aber nun. Ich bin nicht hier, um literaturgeschichtliche Schindmähren zu Tode zu reiten, ich bin zum Schauen da.

Thomas Hardys Cottage ist ein bescheidenes Häuschen mit einer Reetkappe auf dem Haupt. Ein schöner, üppiger Blumengarten liegt vor dem Cottage, aber angesichts der nicht grade luxuriösen Verhältnisse im Haus glaube ich, dass da, wo jetzt Zierpflanzen stehen, einmal ein ordentlicher Gemüsegarten und sicher auch ein paar Reihen Kartoffeln gediehen sind. Wir treten ein. Am Kaminfeuer (wir haben den Rauch schon aus dem Schornstein steigen sehen) sitzt ein älterer Herr und erzählt zwei Besuchern weitschweifig etwas über die Stube. Wir weichen nach einem knappen Gruß seinem Blick aus; er ist einer jener Freiwilligen, die eher Freibeuter auf der Jagd nach Zuhörern sind, und wenn so einer einmal in Fahrt gekommen ist, dann gnade Gott dem Rest des Nachmittags; solche Herren spielen mit Besuchern wie eine Katze mit ihrer Maus, um das Vergnügen weidlich auszukosten, sie zu beuteln, wieder entwischen zu lassen und erneut zu fangen, um sie noch einmal zu beuteln und dann das Ganze noch einmal von vorn.

 Die Rückenlehne der original Hardy’schen Sitzbank ist gegen den Hauseingang gekehrt, von wo es an kalten Tagen wahrscheinlich furchtbar gezogen hat. Die Lehne ist hoch und steil, die Sitzfläche schmal. Es ist die Art von Bank, wie sie in Städten aufgestellt wird, damit es sich die Penner darauf nicht gemütlich machen. Hier lümmelt man nicht; hier lernt man Haltung und Disziplin. Der Fußboden besteht aus knarzenden, breiten Bohlen, über denen kein Teppich liegt. Ein paar Strohstühle, ein Buffett mit Ziertellern, eine ehrwürdige Standuhr und eine Geige. Hardys Vater war Steinmetz und Baumeister, die Mutter eine belesene Frau; für das Viktorianische Zeitalter waren das sicher Verhältnisse von bescheidenem Wohlstand, auch wenn das alles heute wenig komfortabel anmutet. Das kleine Büro, an dem der Vater seine Pläne zeichnete und seine Rechnungen schrieb, ist kaum größer als ein Abtritt, und auch Hardys Tischchen in seinem Schlafzimmer, zu dem man über eine schmale Treppe gelangt, ist so klein, dass man sich nicht wundert, dass Hardy sich vor allem als Lyriker verstand: für die großen Papierstapel eines Romans ist eigentlich kein Platz. Aber auch Far from the Madding Crowd (wie meine Lektüre im Original heißt) hat er noch hier verfasst.

Als wir die Räume mit ihrer Anmutung von Sauberkeit, Sitte und Anstand besichtigt haben, hoffen wir, ungesehen nach draußen zu schlüpfen - doch der Freiwillige erwischt uns im letzten Moment, und so hängen wir doch noch eine halbe Stunde an, in der er uns ein langes Lob Hardys singt. Und sich erschüttert zeigt, dass dieser Mann, der es geschafft hat, dass der Volksmund einen großen Teil von Südengland (Berkshire, Hampshire, Wiltshire sowie Somerset, Dorset und Devon) mittlerweile nach Hardys Ausdruck bequem als Wessex zusammenfasst, der also eine ganze Region durch seine Romane quasi neugetauft hat, in Deutschland so wenig Popularität genießt. Ich verspreche, mein Bestes zu tun, diesen Zustand zu ändern. Was hiermit - soviel eben möglich ist - geschehen sei.

Es ist früher Abend, als wir in Dorchester ankommen, und die Straßen sind schon ziemlich leergefegt, was kein Wunder ist, denn es hat zu regnen begonnen. Ach, Quatsch. Kein Engländer lässt sich ernsthaft vom Regen davon abhalten, durch eine Stadt zu laufen. Das ist nur für uns ein Grund; dass hier so wenig los ist, muss andere Ursachen haben. Als wir nach einem gemütlichen Pub suchen, verstehen wir diese anderen Gründe: die Leute sind nicht draußen, weil sie in den Pubs stecken. Da herrscht heute - Samstagabend - ein anderer Tonus als unter der Woche. Entweder schallt uns schon beim Reinkommen ein lauter Fernseher entgegen (Fußball) oder gleich Partymusik. Die stille Nische eines Pubs, die ich noch in Salisbury gepriesen habe - hier ist jede davon von lärmenden Gruppen besetzt. Es sei ihnen gegönnt, es ist Wochenende, aber uns ist nicht nach Trubel. Wahrscheinlich gibt es auch in Dorchester einen Pub, der für uns wie gemacht wäre, mit stillen Trinkern am Tresen und nachdenklichen Kerlen, die ins Kaminfeuer starren, aber wir finden nur Gejohle. Immerhin stoßen wir bei unserer Suche nach einem solch ruhigen Pub auf einen Laden, der Regenkleidung anbietet, die so gut entworfen ist, dass Frauen darin einmal nicht aussehen wie Abgesandte der Seenotrettung. Dagmar ersteht einen fuchsiafarbenen Mantel aus einem Stoff namens Tin Cloth, was ich versuchsweise als Teerjacke übersetzen würde - ein wasserfestes, wahrscheinlich mit Robbentalg imprägniertes Ding, das ich besonders deswegen schick finde, weil die Ärmelmanschetten nach Korsarenart als weite Stulpen geschnitten sind. Eine ideale Kostümierung für all die uns bevorstehenden alten Piratennester an der Südküste: Dagmar fehlt jetzt eigentlich nur noch ein Dreispitz und ein guter Degen, um standesgemäß aufzutreten.

Der neue Mantel kommt grade rechtzeitig. Während wir noch weiter durch die Gassen kreuzen, um einen anziehenden Pub zu finden, beginnt es zu schütten wie vor Kap Hoorn; aber wir können stoisch durch den Regen schreiten. Am Auto stellt sich dann aber doch heraus, dass mein Trenchcoat zwar einem zivilen Stadtregen bequem standhält, aber einem solchen Guss nach zehn Minuten unterliegen muss. Über kurz oder lang, nein, eher über kurz, muss ich mich kleidungsmäßig ebenfalls aufrüsten, um England zu überstehen.

Wir pfeifen auf einen Pub und fahren zum Maiden Castle, einem eisenzeitlichen Fort außerhalb der Stadt, wo wir uns auf dem Parkplatz für den Abend einrichten und interessiert den Betrieb hier beschauen. In einem Auto sitzt ein Mann hinterm Lenkrad und mampft Fish’n’Chips. Als er fertig ist, kurbelt er das Fenster runter, schmeißt als Reverenz an eisenzeitliche Tischgepflogenheiten den Karton raus und fährt davon. (Schon gut, ich weiß, dass es in der Eisenzeit weder Tische noch Kartons gab; aber eben auch keine Abfalleimer.) Ein Pärchen junger Leute kommt an, knutscht sich die Lippen wund und fährt davon. Hundebesitzer scheuchen ihre Tölen aus den Autos und stapfen (Gummistiefel, Südwester, Ölzeug) hinterher. Ein MG kommt an, nach einer Viertelstunde steigt ein Mann aus, steckt einen Briefumschlag in einen Mülleimer und fährt davon. Haben wir es da etwa mit dem toten Briefkasten eines Spionagerings zu tun? Und sieh da, keine paar Minuten später erscheint ein Neuankömmling, parkt, steigt aus, nähert sich dem Mülleimer… Wir schauen gebannt zu; man hat ja nicht oft Gelegenheit, geheimdienstliche Operationen so hautnah mitzuerleben. Der Mann hantiert in seinen Hosentaschen; wahrscheinlich holt er irgendein Spezialgerät heraus, mit dem man Geheimschriften sichtbar machen kann, einen Zauberstab aus Q’s Händen. Doch das Spezialgerät entpuppt sich als handelsüblicher Pillermann, und der Kerl ist tatsächlich nur hierher gekommen, um sein Wasser an einem Mülleimer abzuschlagen; kaum hat er das erledigt, steigt er wieder in seinen Wagen und fährt davon. (Und hinterlässt mich mit der Frage, warum Männer nicht einfach in die Landschaft pinkeln, sondern dafür immer einen Baum, einen Pfahl, eine aufragende Marke nutzen. Bei Hunden, Pandas, Makis kann ich ein solches Verhalten als Setzen von Duftmarken nachvollziehen; an vertikalen Trägern haftet der Geruch vielleicht länger oder aussagekräftiger als auf flacher Erde, und vermag Revierkonkurrenten und Paarungsaspirantinnen ausführlicher zu informieren als jedes irgendwo hingestrullerte Pfützchen. Aber da ich noch nicht erlebt habe, dass Menschenmännchen Witterung an solchen Spuren nähmen oder dass Menschenweibchen beim Beschnüffeln von vollgepissten Zaunpfählen, Baumstämmen oder Müllpfosten in Brunst gerieten, muss es sich wohl um einen Atavismus handeln, der in Männerhirnen trotz vollkommener Funktionslosigkeit einfach weiterwirkt.) Nach und nach kommen die Hundebesitzer zurück, rubbeln mit Handtüchern an ihren pitschnassen Lieblingen herum, lassen sie in den Kofferraum springen. Und fahren davon. 

Dann sind wir allein. Der Wind rempelt bis nach Mitternacht gegen die Busflanken, und bis in die Morgenstunden trommelt immer wieder der Regen mit harten Fingerknöcheln aufs Dach. Wir sind allmählich dran gewöhnt.


11. Juni. Branscombe


Am Morgen wolkenloser Himmel. Aber allmählich kennen wir diese meteorologische Masche, morgens heiteres Wetter zu verheißen, und dann binnen zweier Stunden die Pferde der Apokalypse loszuhetzen, die Regen, Regen, Regen aus den Wolken trampeln.

Wir fahren nach Branscombe, vierzig Meilen westlich. Branscombe wird als pittoreskes Dorf bezeichnet, und tatsächlich gibt es da eine Dorfbäckerei, eine Kunstschmiede und eine Mühle, was in unserem Reiseführer sehr urtümlich klingt. Der Führer verschweigt allerdings, dass nicht davon in Betrieb ist und der National Trust nur grade mal die Gebäude vor dem Einsturz bewahrt. Aber egal, wir freuen uns auf die ausgedehnte Küstenwanderung, die von hier ihren Ausgang nimmt. Nach einer halben Stunde landen wir in Branscombe Mouth, einem Kiesstrand unter Triasklippen. Ausflügler sitzen am Sea Shanty und lutschen Eis: es ist zu spät für Frühstück und zu früh für Lunch, aber irgendein orales Bedüfrnis muss ja befriedigt werden. Vielleicht sollte der National Health Service aus Gründen der Volksgesundheit ein paar Eisdielen aufkaufen und Knutsch-Bars für Englands Adipöse draus machen. 

Doch einige Ausflügler haben eh schon das Mittagessen im Sinn. Holzkohle glimmt in einer Kuhle im Kies; Geruch von Kohle und angebrannten Sardinen weht herüber.

Der Küstenpfad führt durch eine fast dschungelhafte Vegetation, die saftig ist und dicht und verwuchert. Es sind ideale Schleichwege, um darauf gestohlenes Treibgut und Schmuggelware wegzuschaffen. Für ein paar Jahrhunderte war das wohl auch die Haupteinnahmequelle der Ansässigen. Sie plünderten zerschellte Schiffe, erlösten halb Ertrunkene von ihren Leiden, indem sie ihnen den Gnadenstoß gaben und ihnen die Goldbörsen vom Gürtel schnitten, denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelör denn ein Reicher in den Himmel, und wer wollte wohl den Weg ins Paradies dadurch erschweren, dass er die fette Börse am Gürtel ließ?

Unser Weg führt zur Klippe hinauf. Lange hören wir das Rasseln und Scharren der Schritte, die am Strand durch den Kies stapfen. Ich komme mir vor wie Dante, der sich den Läuterungsberg hochquält, während unten nur das träge Pack der Belacquas herumschlurft. Oben fährt dann ein fuchtiger Wind über die Wiesen; die Sonne strahlt in breitestem Junigrinsen, aber wir müssen die Jacken hochgeschlossen halten. Allerdings auch nur wir: autochthone Engländer sind offenbar genetisch an den Wind angepasst und spüren ihn nicht mehr (wahrscheinlich aufgrund einer Verlederung der Haut); während wir bis zum Hals zugeknöpft sind, wandern die Einheimischen mit bloßen Beinen fröhlich dahin, und auch, als wir bei Beer einen Imbiss nehmen und uns die Jacken mit Sauce tartare bekleckern, sitzen die anderen Gäste quasi nackt an den Tischen und trotzen den Böen; das heißt, sie trotzen gar nicht, sie spüren noch nicht mal, wie kühl es eigentlich ist. 

Zu unserer Freude gibt es hier auch einmal was anderes zu essen als Fish’n’Chips, nämlich Shrimps’n’Chips. Aber nicht, dass man hier nur Fisch durch Garnelen ausgetauscht hätte! Man hat auch den Bierteig durch eine dicke Panade ersetzt, die die Krabben panzert, was ich sehr pietätvoll finde, denn die Tiere verfügen ja auch in lebendigem Zustand über ein robustes Exoskelett. Freundlicherweise liegen außer Messer und Gabel auch Hammer und Meißel bereit, um die Panade abzusprengen. Nun zerbrecht mir das Gebäude, seine Absicht hat’s erfüllt, bete ich, Schiller zitierend, als es an das Knacken der Panade geht, und siehe, darin liegt gekrümmt wie ein Embryo eine Garnele, und, bis auf den Umstand, dass sie tot, geschält und gegart ist, ziemlich unbehelligt. Jedenfalls hat man ihr den Darm gelassen, der sich als dunkler Strang durch ihren Körper zieht. In der feinen Küche hält man das ja für einen Makel, aber das ist vielleicht nur ein Vorurteil. Bei Schnepfen zum Beispiel sollen die Gedärme samt ihres Inhalts von Fichtennadeln, Spinnen, Larven, Beeren eine Delikatesse sein. Bei Garnelen habe ich freilich eher den Eindruck, dass ihr gefüllter Darm dem Fleisch eine gewisse Bitternote mitteilt, die man besser durch Flambieren mit Cognac ersetzen sollte.

Unbehelligt hat man übrigens auch den Salat gelassen. Tatsächlich ist kein einziges Tröpfchen Soße daran, nicht Öl noch Essig, und schon gar nicht etwas wie Vinaigrette, Sauerrahm, Thousand Islands oder was auch immer. Ich weiß nicht, warum man so etwas macht; kann es sein, dass man hierzulande einfach den Kühen und Schafen nacheifert, die ihr Gras ja auch ohne Würzzutaten abweiden? Ist es das Erbe eines Puritanismus, der Essig für Frevel (man gedenke nur des essiggetränkten Schwamms, der dem Gekreuzigten gereicht wurde!), und Öl für ein sündiges Aphrodisiakum hält, oder einfach für ein Gleitmittel zu unzüchtigen Zwecken?

Ich wage es nicht, den Kellner danach zu fragen. Der ist nämlich erst dreizehn oder vierzehn, der Sohn des Hauses, und ich will es lieber nicht riskieren, ihn auf gewisse Praktiken anzusprechen; es könnte zu leicht missverstanden werden.

Ein Wort noch zu der Siedlung hier. Sie heißt Beer Head Caravan Park, ist aber um einiges gepflegter als der Name Beer Head nahelegt. Dieser Caravan Park ist nicht vergleichbar mit dem verranzten 8 Miles in Detroit, wo Eminem mit seiner suffköpfigen Mutter in einem Wohnwagen hauste, sondern ein Wohnwagendorf, wie es verspießerter und saubergeschrubbter kaum vorstellbar ist. Eigentlich sind es noch nicht mal Wohnwagen, die dort abgestellt sind, sondern Blechhäuser, die versuchen, wie Wohnwagen auszusehen. 

Die Lage wäre ja schlicht umwerfend. Von diesem Hügel aus hat man einen splendiden Blick auf die Jurassic Coast, es ist eine echte Preziose, doch dann müssen irgendwann eines windigen Morgens ein paar Lastwagen hier aufgefahren sein, um einen Trupp von Schraubern abzuladen, die eine Menge von Blechpaneelen mit Nietpistolen zu dieser Ansammlung von Stabilbaukastenhütten zusammenzuschusterten. Das Ergebnis ist vollkommen resistent gegen jede Art von Patinabildung, und jeder Anflug von Charme macht einen sehr weiten Bogen um diese Baracken. Auf die Idee, sowas zuzulassen, kann nur ein schwer traumatisierter Stadtrat kommen, der als Kriegsgefangener seine Umsetzung in eine propere Nissenhütte als Geschenk Gottes empfunden hat. Ein Freudianer würde wohl von Wiederholungszwang sprechen: Leute mit Trauma müssen immer wieder das Schreckliche inszenieren, so inszenieren sie es wenigstens selber und sind ihm nicht einfach unterworfen; lesen Sie mal A.L. Kennedys Day, und Sie wissen, wovon ich spreche.

Gestärkt und ausgeruht wandern wir zurück, diesmal nicht auf den steilen Pfaden das Kliff hinab, sondern in einer langen Absenkung über die Weiden. Die Bordercollies und Retriever, die Setter und eine breite Palette von Poodle-Kreuzungen, die hier ohne Leine dahintollen, sind wie immer wohlerzogen; sogar die Mutterkühe mit ihren Kälbern, an deren Gattertor noch große Schilder davor warnten, dass Muttertiere sehr wehrhaft sein können, wenn sie ihren Nachwuchs bedroht wähnen, bleiben vollkommen gelassen, wenn sich ein paar tollende Hunde nähern. Offenbar haben sie längst gelernt, dass ihnen von Hunden keine Gefahr droht. 

Ob wir schon zu spät dran sind, um noch À la Ronde bei Exmouth zu besichtigen? Sind wir. Macht aber nichts; so haben wir Zeit, einen Campingplatz zu suchen, der mal wieder fällig ist. Schon bald werden wir fündig; wir sind ja Mitglieder im Camping and Caravaning Club, und das Verzeichnis führt einen nahegelegenen Platz für 9 Pfund die Nacht auf. Für den Preis kann man nicht viel erwarten, aber was wir bekommen, ist nicht nur ein Ort zum Übernachten, sondern eine echte Sehenswürdigkeit, die mit den Kuriositätenkabinetten von À la Ronde zwar nicht in puncto Exotik und Schönheit, aber in schrulliger Sammelleidenschaft konkurrieren kann. 

Der Platz ist ein heruntergekommener Bauernhof, bei dem wir anfangs Zweifel hegen, ob er bewohnt oder sogar überhaupt bewohnbar ist. Wir klingeln lange und schauen, als sich nichts rührt, durch die Fenster nach drinnen. Drei Räume können wir so inspizieren, und keiner davon ist für den Aufenthalt von Menschen gemacht. Es stehen zwar Stühle und Tische drin, aber die sind für alte Kartons reserviert, für Nähmaschinen, vorsintflutliche Mixer, aufgehäuftes Spielzeug, Altkleider, leere Farbeimer, Sensen und ausgestopfte Tiere, Vogelkäfige und Kaffeekannen, und wenn hier jemand meint, ich sei aus Nachlässigkeit beim Plural geblieben, irrt er sich, denn es gibt hier tatsächlich alles in der Mehrzahl. Auch Radios und Cassettenrekorder gibt es hier, im Karton und ausgepackt, einen Computer von Commodore und einen Atari, diverse Gitarren und zwei Fernseher, die damals in den Fünfzigern futuristisch gewirkt haben müssen. Ich könnte die Aufzählung noch eine Weile fortsetzen, aber ich denke, das Prinzip ist hinreichend klar geworden: das Haus ist ein Messie-Palast, ein Tempel nutzloser, aber pietätvoll aufbewahrter Dinge, naja, pietätvoll vielleicht nicht in der Art der Präsentation (denn die Lücken zwischen den Dingen füllen mit was auch immer vollgestopfte Plastiktüten, und die Sachen selbst sind nicht säuberlich auf Borden arrangiert, sondern halt irgendwie auf das ganze Geraffel draufgeschmissen), aber die Pietät erweist sich hier schlicht in dem Umstand, dass all der Kram nicht vernichtet wird, sondern sein Gnadenbrot an Zeit und Fortbestehen erhält.

Dann knirschen Schritte im Kies, und eine stark gebaute Frau kommt um die Ecke, einen halben Kopf größer als ich: Gummistiefel, Kittelschürze, eine Kopfbedeckung, die vielleicht ein Regenhut, vielleicht aber auch nur ein Fetzen von einem Duschvorhang ist, der durch ein paar sinnreich plazierte Klebstofffäden in Form gebracht wurde. Kein Zweifel, das ist die Duchess of Compulsive Hoarding, oder (bürgerlich:) Miss Messie.

Mag die Person auch eine kleine oder auch nicht so kleine Zwangsstörung haben: sie ist herzlich, liebenswürdig und humorvoll. Sie führt uns in die Anlage ein. Hier die Sanitäranlagen, in denen es allerdings zur Zeit mit dem Wasserdruck nicht zum Besten steht, es gibt da Schwankungen der Wassermenge und, leider, auch Schwankungen in der Temperatur. Dagmar, die notorischen Bammel vor überraschenden Kaltwassergüssen hat, vertraut der Madame ihre Ängste an, aber die wiegelt ab: ja, die gäbe es auch, aber die meisten Gäste beklagen sich eher über überraschende Attacken von brühheißem Wasser, oder auch über die Attacken von gar keinem Wasser mehr, was unangenehm sein könne, wenn man eingeseift und mit Shampoo im Haar dasteht und es kommt kein Tropfen mehr aus der Leitung. Es stehe aber ein Eimer unter dem Waschbecken; sie empfehle, ihn vor dem Duschen zu füllen, um sich im Fall der Fälle das Shampoo abzuspülen. Sie habe schon Gäste gehabt, die das nicht getan hätten und dann, nackt, bis auf einen Seifenschleier am Leib und eine Shampooperücke auf dem Kopf, an ihrer Tür klingelten, um sich zu beschweren.

Sie erzählt das alles sehr trocken, ohne jeden Anflug von gewollter Launigkeit, nur so zur Kenntnisnahme, und dann verschwindet sie in ihren riesigen Gummistiefeln. Während unserer Einweisung hat es zu regnen begonnen, aber ihre Wäsche (darunter einige beeindruckend großformatige Unterhosen) lässt sie an der Leine hängen; vielleicht hat sie sie auch nicht zum Trocknen aufgehängt, sondern nur so als dekorative Girlande. Delirant isti Britanni.


12. Juni. À la Ronde, Exeter.


Wir duschen am Morgen; abends war der Regen so gewaltig niedergefallen, dass wir uns nicht mehr aus dem Auto wagen wollten. Auch morgens ging nicht alles glatt; zwar gab es keine Wasserabbrüche unter der Dusche, aber einen Steckdosenstreik im Badezimmer. Dagmars Föhn tat’s nicht, so dass ich ein Extrakabel von der Hauptbuchse in den Bus legen musste, damit Dagmar sich dort die Haare trocknen konnte. Der Lohn für meine Mühen ist eine wunderschöne Frau. Das ist es wert, ganz im Ernst.

À la Ronde ist ein Haus, das sich zwei wohlhabende Cousinen Ende des 18. Jahrhunderts bei Exmouth errichten ließen. Die Beiden waren in ihren Dreißigern zusammen auf Grand Tour durch Europa gewesen, und zehn Jahre später beschlossen sie, zusammenzuziehen, und dafür ein Haus nach dem Vorbild von San Vitale in Ravenna zu bauen, das sie offenbar stark beeindruckt hat. Für die imponierende Weite des Originals reichte ihr Kapital freilich nicht aus, sie mussten diesen sechzehneckigen Zentralbau en miniature ausführen, sodass der Besuch für Klaustrophobe eine gewisse Herausforderung darstellt. Von der zentralen Halle gehen acht Zimmer ab, zwischen denen beklemmend winzige dreieckige Kammern liegen. San Vitales berühmte Mosaiken nachzuahmen, ist nicht leicht, wenn man nicht über die Finanzmittel eines oströmischen Kaisers verfügt, aber die beiden Frauen taten ihr Bestes, die goldenen Schupppenkleider von Kaiserin Theodora, Kaiser Justinian und ihres Hofstaats durch andere Panzerungen zu ersetzen: Bücher und Bilder, Medaillons und Porträts. Vor allem aber: Muscheln.

Das Haus ist inwendig so mit Muscheln verschalt wie kein anderes, das ich kenne. Sie werden zu Zierfriesen verwendet, liegen auf Borden und in Vitrinen, ja, das ganze Gebäude ist mit seinen sechzehn Ecken eine Art Muschel, die statt aus Mineralien, die aus einem Molluskenleib ausgesintert sind, aus Kalksteinblöcken und Glas zwar, doch nach den selben Gesetzen kristalliner Ebenmäßigkeit gebildet. Das ist nur die äußere Form; doch innen feierten die Cousinen erst die wahren Muschelfeste. Tausende und Abertausende von perlmuttschimmernden, bekörnten, gerieften, mit Dornen und Stacheln bewehrten Gehäusen, als Beutestücke von ihren Reisen mitgebracht oder vielleicht auch zentnerweise gekauft, schmücken die Räume, zumeist einfach nur auf Borden und Simsen ausgelegt, oft aber auch zu Bildern oder Figuren arrangiert. Die Mamselln waren begabte und geduldige Bastlerinnen, die Jahre damit zugebracht haben müssen, winzige Müschelchen in einem Bilderrahmen zu einem Mosaikrelief des Hauses zusammenzukleben, selbstgefertigten Tonpüppchen Kleider aus Muschelpaillettchen anzuziehen und ganze Palastansichten mit ihren Arkaden und Loggias aus Muscheln und rosigen Kalkhörnchen zu collagieren und in einem Medaillonrahmen von Muschelkränzen einzufassen, dessen Ecken mit Rosen und Veilchen aus Muschelhälften verziert sind. 

So liebenswert naiv manche dieser Gebilde wirken, die Scherenschnitte, die Collagen, die Intarsienarbeiten - auf Dauer macht diese Muschelmarotte einen durchaus obsessiven Eindruck und strahlt eine beunruhigende Zwang- oder gar Wahnhaftigkeit aus. Aber vielleicht hänge ich auch nur an einer Klischeevorstellung zweier alter Jungfern fest, deren unerfülltes Leben sie dazu gezwungen hat, den lieben langen Tag mit schniefender Nase über ihren Basteltischen zu sitzen und Muscheln zusammenzukleben. Doch was soll schon unerfülltes Leben heißen? Dass sie keine Männer und keine Kinder hatten, wie sich das für Frauen gehörte? Vielleicht hatten sie eine Menge von Liebschaften, und vielleicht unterhielten sie auch miteinander eine? Vielleicht ist ihre Muschelvernarrtheit sogar nur eine Hommage an das, was man im französischen Argot die moule nennt, nämlich das weibliche Genital, und in Wahrheit war À la Ronde ein Ort tribadischer Ausschweifungen und lasterhafter Vergnügungen, an dem wie in Botticellis Bild aus der großen Muschel eine nackte Venus stieg… Ich gebe zu, dass ich diese Vorstellung fast reizvoller finde als die überlieferte von zwei prüden und frömmlerischen Damen, die ein reges Interesse an der Bekehrung von Juden zum Christentum hatten und wahrscheinlich jeden Morgen mit schriller Stimme Kirchenhymnen sangen, bevor sie durch ihre Schatzkammern wanderten, um die Vitrinen mit wahrem Schüttgut von kleinen Souvenirs zu bewundern: winzige, geschnitzte Vasen, Puppenkleidchen mit aufgestickten Perlen, Quartzbrocken und tönerne Okarinas, Gemmen und Medaillons, Eskimopüppchen und ein blau bemaltes ägyptisches Kreuz, Kieselsteine mit eingravierten erbaulichen Sprüchen, fingergroße Obsidiankrokodile und Nadelkissen mit verblassten bunten Mustern. In der Heterogenität der Objekte und in der Sammelwut erinnert mich dieses Häuschen an den riesigen und reichhaltigen Trödelladen Schloß Arundel, dessen Bestände zwar weit kostbarer sind als diese hier, aber von dem gleichen Bestreben beherrscht werden, sich die Werke und Zeichen der ganzen weiten Welt im Sammeln zu vergegenwärtigen. Ein sehr imperialer Drang. Und zugleich nicht allzu weit entfernt von der Campingplatzwirtin, die ihren ärmlichen Hof in ein Königreich des Messietums verwandelt hat.

Es sind nur ein paar Meilen bis in Devonshires Kapitale Exeter. Bevor wir dort irgendetwas unternehmen, müssen wir allerdings erst für die Linderung von Dagmars Schulterschmerzen sorgen. Sie leidet schon, seit sie sich im Sheffield Park vertreten hat - ein Stoß, der wahrscheinlich eine Rippe aus dem rechten Platz geschoben und in der Folge das ganze innere Gefüge von Muskeln und Bändern mit sich gezogen und verzerrt hat - Tag für Tag ein wenig mehr, bis nun fast jede Bewegung sie aufstöhnen lässt. Das heilt nicht mehr von allein aus, das muss behandelt werden.

Das Touristenbüro spürt die Telefonnummer eines Osteopathen auf, ein Termin ist schnell vereinbart und schnell zu kriegen. Schon am frühen Nachmittag wird sich der Mann ihrer annehmen. Bis dahin haben wir Zeit, die Kathedrale anzusehen, die wie eine riesige Pralinenschachtel im Grün des Cathedral Close steht. Oder zumindest als eine solche Schachtel da stünde, wenn Pralinenschachteln aussähen wie Kathedralen, was sie eigentlich nicht tun, weshalb dieser Satz auch ziemlich sinnlos ist. Ich habe versucht, Pralinenschachtel durch Hochzeitstorte zu ersetzen, aber das macht es auch nicht viel besser (ein bisschen, ja, aber nicht viel). Aber es ist doch merkwürdig, dass mir bei dem Bau immer nur Vergleiche aus dem Bereich der Patisserie in den Sinn kommen; ich will diese Assoziation nicht einfach als abwegig abtun, ich spüre, dass irgendetwas richtig daran ist. 

St Peters Westfassade ist breiter als jede, die wir bislang in England gesehen haben; auch der Turm ist sehr viel behäbiger und strebt längst nicht so ambitioniert in die Höhe wie etwa der von Salisbury; hier fehlt das Gespannte, Langgestreckte, gewissermaßen jägerisch Voranschnellende der Kirchen von Canterbury und Salisbury. Exeters Kathedrale hat einen gemütlicheren Anstrich; es sieht aus wie der Sitz eines fetten Prälaten, der nicht Eroberung und Kampf mitgemacht hat, sondern die Früchte des Sieges genießen und sich an gut gemästeten Kapaunen und Fasanen laben will. Ich vermute, dass die Kathedrale in weniger kriegerischen Zeiten erbaut wurde als die eben genannten. Sie scheint das Erzeugnis einer gemäßigten, stadtbürgerlich gesättigten und friedlicheren Epoche, wenn es das überhaupt je gab im Mittelalter. Zwar sind bei einer Bauzeit von nahezu 200 Jahren solche Aussagen mit Vorsicht zu behandeln; doch die Kathedrale strahlt heute eine solch selbstsichere, ruhig ihre Pfründe auskostende Gelassenheit aus, dass sie den Charakter der Stadt tief geprägt und ihr eine gewisse Nonchalance mitgegeben hat, die an den schönen Dingen des Lebens Gefallen findet.

Das Innere der Kathedrale ist von großer Eleganz; die Gewölbe sind eng gegratet und ähneln beinah schon Lamellen, aber die Kunstfertigkeit der Steinmetze artet nie in manieristische Extravaganzen und verwirrend geschlungene Muster aus, wie es etwa in Spanien häufig zu sehen ist, sondern ordnet sich immer der statischen und mathematischen Rationalität unter, die große Raummassen so filigran wie möglich verstreben will. Die Säulen sind ebenso zu Bündeln aufgebrochen wie die Portalbögen der Arkaden. Alle Massivität ist auf die konstruktiv notwendigen Linien zurückgenommen: man hat soviel Stoffliches aus dem Stein geschlagen wie es eben möglich war, und nur die Struktur zurückbehalten. Das verleiht den Fächergewölben eine fast zeltartige Luftigkeit. Die Bögen spreizen sich auf wie die ausgebreiteten Äste von Vogelfedern: in berauschender Leichtigkeit steigen sie auf und verschränken sich am Band der Scheitelrippe miteinander. Es ist atemberaubend, welch zarten Eindruck diese Tonnen und Abertonnen von Stein machen; es ist, als würde das Dach von nicht mehr gehalten als von den Strahlenbögen zweier Springbrunnenreihen.

Es ist zwei Uhr, und Dagmars Termin beim Osteopathen rückt heran. Die Praxis liegt in einem Viertel mit wunderbaren georgianischen Reihenhäusern von nobler Bescheidenheit. Ich liefere meine Liebste dort ab und verziehe mich dann in einem Pub, um Notizen zu machen und nebenbei cervisiologische Studien zu betreiben. Die Schankfrau ist eine blondes, verlebtes Wesen, das sehr leut- und redselig ist, aber ich verstehe kaum ein Wort bis auf das Darling, das die Frau so dicht in ihre Suada einlegt wie meine Mutter die Zuckerstücke in die Aprikosenhälften, wenn sie Kuchen backt. Erst nicke ich nett, dann ermanne ich mich und bekenne, kein Engländer zu sein, weshalb ich auch nicht alles von ihren sicherlich höchst interessanten Auslassungen verstünde. Es ist ok, antwortet sie, nun langsamer: I’m scotish, and nobody neverrr underrrstands what I’m talking about, Darrrling. But they’rrre prrretty amused the way I speak, luv. Cheerrrs!

Ich nehme meine schwappende Pinte und ziehe eine tropfende Spur hoch in den ersten Stock, wo es ein bisschen ruhiger ist. Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass es offenbar ein strenges Zunftgesetz gibt, welches das Abwischen von Pubtischen durch Kneipenpersonal untersagt? Nirgendwo sonst in Europa gibt es so klebrige Wirthaustische wie hierzulande. Das ist natürlich kein Wunder, denn ein Bier gilt in England erst dann als korrrrrekt eingeschenkt, wenn es gleichmäßig und rundum an der Glaswand herunterläuft, und deshalb tupft man, kaum dass es auf dem Tisch abgestellt ist, naturgemäß einen Klebering hin. Da niemand sein Glas immer wieder exakt an der selben Stelle abstellt, erweitern sich einzelnen Ringe schnell zu einer homogenen Klebefläche, und da ja nun dieses fatale Zunftgesetz existiert, dass die Tische nicht vom Personal abgewischt werden dürfen, sondern nur von Heinzelmännchen in der Geisterstunde, pappen wesentliche Bestandteile des Gastes spätestens ab ein Uhr mittags unweigerlich auf der Tischplatte fest, die Unterarme, der Handballen, manchmal auch die Wange, wenn der Gast müde geworden und sein Haupt auf den Tisch gelegt haben sollte. In einem solchen Fall hilft nur Gewalt und die Bereitschaft, die Epidermis zu opfern. Ich habe den Sinn dieses Verzichts auf das Abwischen, der in ganz England streng eingehalten wird, nie begreifen können, obwohl ich einige Hypothesen dazu entwickelt habe. Dass ein Pub fast gleichlautend ausgesprochen wird wie ein Papp, mag jedoch allenfalls Arno Schmidt- oder Finnegans Wake-Enthusiasten zufriedenstellen. Pragmatische Gründe scheinen mir wahrscheinlicher, als da wären: Verhinderung von Wirtshausschlägereien durch Festkleben von Fäusten am Tisch; Bändigung lebhafter Gestikulation, die zur Aufstachelung und emotionaler Eskalation mit vorgenannter Folge führen könnte; Gewöhnung an maskulinen Unterarmkontakt (tischnachbarschaftlich; zärtlich) durch kohäsiven Zwang; Verhinderung vorzeitigen Aufbruchs aus dem Pub (eine Mutmaßung, die allerdings mit der Notwendigkeit kollidiert, zu weiterem Konsum eh wieder an die Theke zu müssen); Abwägung drohenden Unterarmhärchenverlusts gegen das flüchtige Vergnügen, einer vorüberkommenden Frau an den Hintern zu fassen; dermatologisch empfohlene Tinktierung mit Gerstensaft zwecks Lederhautglättung; zuletzt Zurücklassen von Wertgegenständen, die man nach langen Kneipenabenden einfach nicht mehr vom Tisch bekommt, sodass sie nach der Sperrstunde den Servicekräften zufallen. 

All das hat etwas für sich, scheint mir aber letztlich weniger wahrscheinlich als die einfachste Hypothese von allen: Wurschtigkeit. Wahrscheinlich ist den Engländern einfach vollkommen egal, dass ihre Pubtische von einer märchenhaften Pekigkeit sind, die noch die Anhaftungskraft der Goldenen Gans aus Grimms Märchen übertrifft. Es mag auch sein, dass die tendenzielle genetische Isolation der Engländer ihre Haut verändert hat und eine Art von Lotos-Effekt das Ankleben ihrer Haut an Pubtischen verhindert, aber mich genetisch zurückgebliebenen Kontinentalen packt diese Peke doch immer wieder etwas unangenehm, darrrling. Trotzdem reiße ich mich von meinen Notizen los und hole mir noch ein halfpint, und sei’s nur dazu, mit Hilfe der Neige meine längst festgepappte Kladde wieder abzulösen.

Als ich aufbreche, um der durchmassierten Dagmar entgegenzueilen, bin ich so angeschickert, dass ich der Schottin zum Abschied ein „Au rrrevoirrr, ma cherrrie“ zurufe und mich schleunigst Richtung Southernhay davonmache, wo Dagmar auch schon wartet, frisch entlassen und fröhlich mit ihren entsperrten Armen winkend. An dieser Stelle noch mal einen Dank an den Osteopathen, der meine Frau so kenntnisreich wie robust repariert hat.

Wir pflücken den Strafzettel von unserer Windschutzscheibe (20 Minuten Überschreitung der Parkuhrzeit gleich 50 Pfund, die Hälfte, wenn wir binnen einer Woche zahlen, der Wortlaut hört sich arg erpresserisch an), werfen neues Geld ein und haben dann zwei Stunden, um durch die reizenden Gassen der Stadt zu flanieren, und auch durch die weniger reizenden. Das Wohlgefallen überwiegt allerdings. Mit Brighton oder Bournemouth verglichen ist Exeter ein Juwel lebenswerter Urbanität, und selbst in den Northernhay Gardens, einem steifen Stadtpark aus spießigen Rabatten gibt es ausreichend Nischen, in denen sich junge Kiffer versammeln können - wenn sie nicht sogar von der städtischen Parkverwaltung angeheuert worden sind, denn ihre flammbunten Iros und die orangefarbenen Dreads geben ein perfektes Pendant zu den Strelitzien und den Nesselschön-Blütenzöpfen, die wie riesige pelzige Pfeifenputzer büschelweise aus dem Laub hängen. Jedenfalls könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Punks und Goths und wie sie alle heißen, nur hier sind, um die botanische Formenvielfalt auch aufs menschlich-modische Gebiet zu erweitern und der spröden Anlage ein bisschen Exzentrik und Flamboyanz zu verleihen.

Es wird Zeit, sich einen Stellplatz für die Nacht zu suchen. Etwas außerhalb der Stadt gibt es einen Pub namens Double Locks am Ufer eines der kanalisierten Seitenarme des Exe. Die Erlaubnis zum Übernachten ist schnell eingeholt, ein wurschtiges Schulterzucken, eine Geste mit der offenen Hand, und schon sitzen wir in der Abendsonne am Kanal und haben ein Ale und einen Cider vor uns. Langsam füllt sich der Garten, vor allem mit Leuten, die ihre Hunde hier an den Flußauen ausgeführt haben und vor dem Nachhauseweg einen Drink zur Stärkung nehmen. Für die Hunde ist es eine ziemliche Party: sie tollen ohne Leine herum, pflegen alte Freundschaften und knüpfen neue. Es sind manche recht unerwartete darunter, und wenn die Freundschaft sich einmal in Liebe verwandeln sollte, könnte man auf spektakuläre Mesalliancen hoffen. So sind ein Mops und ein Bordercollie ein Herz und eine Seele: der Mops trabt hocherhobenen Hauptes voraus, seiner Anziehungskraft und strahlenden Schönheit gewiss, während der Collie liebedienerisch hinterherwedelt und seinem Patroklos den Vortritt am Wassernapf überlässt. Auch ein Mastino und ein Riesenschnauzer sind sehr innig miteinander und rangeln in aller Freundschaft am Ufer. Am rührendsten ist aber ein Bloodhound, ein würdevoller Hundehonoratior mit betrübten Triefaugen, Schlappohren und schwer niederhängenden Lefzen. Aus dem Alter für Rumtollereien und erotische Abenteuer ist er raus, er ist eher nachdenklich und von philosophischer Gemütsart. Er sitzt mit vier jungen Frauen beisammen, die - wären sie keine Menschenfrauen und er kein Hundegroßvater - seine Enkelinnen sein könnten, die ihn auf einen Ausflug mitgenommen haben. Er versteht nicht viel von ihrem fidelen Palaver, ist vielleicht ein wenig harthörig oder auch schon ein bisschen schwer von Kapee, und begnügt sich damit, neben ihnen zu sitzen, ihre blühenden Gesichter zu betrachten, zufrieden den Kopf zu wiegen und vor sich hinzusabbern. Wenn ich übrigens sage: neben ihnen sitzen, dann ist das genauso gemeint. Er ist auf die Bank geklettert und hockt mit aufgerichtetem Oberkörper neben den giggelnden Mädels, sodass sie wenigstens in puncto Stockmaß auf Augenhöhe sind, auch wenn er kommunikativ nicht so ganz mithalten kann und sich nur ab und zu mit einem zurückhaltendem Wuff am Gespräch beteiligt. Am liebsten würde ich ihm eine Meerschaumpfeife zwischen die Lefzen stecken und eine Samtkappe aufsetzen, um ihn vollends in eine Spitzwegfigur zu verwandeln.

Obwohl ich mich kräftig ins Zeug lege, ist es mir leider unmöglich, alle Biere durchzuprobieren. Am Tresen glänzen die Zapfhähne, die mich in ihrer geschwungenen Röhrenform und dem Sortenetikett am Hals immer so an Kobras und ihren aufgespreizten Nackenschild erinnern, und ich stehe jedesmal vollkommen hypnotisiert vor diesen goldenen Giftschlangen und kann mich nicht entscheiden. Lager fließt daraus, Porter, Stout und London Gold, dazu diverse Ales und Specials und Bitters von Brauern aus der Gegend - und auch noch ein paar ausländische kohlensäurehaltige Marken, aber ich verstehe längst schon nicht mehr, wozu Kohlensäure und sechs Grad Celsius gut sein sollen, wenn man sich doch ein so wunderbar schales, laues und hocharomatisches Getränk über die Zunge laufen lassen kann, und ich lasse es laufen, bis die Sonne hinter den Kanalschleusen untergegangen ist und es so kühl wird, dass meine fühllosen Finger den Füller nicht mehr führen können.


13. Juni. Double Locks, Dartmoor, Plymouth


Am Morgen frühstücken wir bei offener Bustür. Über die Böschung des Kanals hoppeln Kaninchen, verschnaufen mit hastig bebenden Flanken auf dem Parkplatzkies und stieben davon, als ein Hühnerhund elastisch wippend den Plan betritt und Lust auf Fangenspielen hat.

Wir machen einen kleinen Morgenspaziergang am Kanal. Es ist ein sonniger Tag, ausgerechnet, scheißsonnig sogar, wie ich finde, denn heute liegt das Dartmoor vor uns, und ich hatte mir für diese Durchquerung düsteres Wetter erhofft, wallende Nebel und Windsgejaul, und was haben wir jetzt? Eine heitere Harmlosigkeit, fernab aller Dartmoordramatik, es ist ein Elend.

Haytor Rock. Tor ist ein häufiger Bestandteil der hiesigen Toponymik und bezeichnet einen Granitbuckel, von denen es im Dartmoor eine ganze Menge gibt. Die meisten sind abgeschliffene und ausgewaschene Klumpen, aber Haytor hat sich eine gewisse solitäre Majestät bewahrt und erhebt sich auf einem sanft ansteigenden Hang, der mit kargen Matten bewachsen ist. Ich kraxle auf den Felsen; Dagmar bleibt unten, sie traut dem Waffenstillstand nicht, der gestern unter Vermittlung des Osteopathen mit ihrem Iliosakralgelenk ausgehandelt wurde, und befürchtet ein Wiederaufflammen der Kämpfe bei der geringsten Provokation.

Der Blick von der Kuppe geht weit über das wellige Land, und einmal mehr bedauere ich, dass sich ein heiterer Himmel darüber wölbt und die Einöde all dessen beraubt, was ihren Charakter zu adäquatem Ausdruck bringen würde. Solch ausgemergelte Landschaften kommen einfach besser zur Geltung, wenn sich dräuende Wolken darüberhin wälzen, der Regen peitscht und die knorrigen Gesträuche vom Wind gezaust werden. Gutes Wetter steht ihnen nicht. Wie bunte Sommerkleider oder Hawaiihemden bei manchen Leuten bloß lachhaft aussehen, während sie sich im schwarzen Gewand und anderem gravitätischem Habit faszinierend und tiefgründig ausnehmen, so verschenkt das Dartmoor sein expressives Potential, wenn die Sonne dümmlich grinsend darüber schwebt wie ein Jahrmarktsluftballon über Flusen von Wolkenzuckerwatte. Ich schreite bis an den Rand des Felsens und schaue in gebieterischem Ingrimm auf Land und Himmel, in der Hoffnung, wie Saruman Blitz und Donner herabzurufen, aber meine Zaubersprüche zeitigen wenig Wirkung, und weil ich da oben nicht alleine bin, verkneife ich es mir auch, die Hand gen Himmel zu recken, wie es Moses unter der Regie Gottes oder Gandalf unter der von Peter Jackson täten. Im Film schaut das nach was aus. In echt macht man sich nur zum Gespött.

Unten finde ich Dagmar wieder, die inzwischen mit einer Pferdeherde fraternisiert. Etwa zwei Dutzend dieser Tiere grasen im Windschatten des Haytor. Sie sind schwarz und kaffeebraun, und es ist erfreulich, sie hier in Freiheit zu sehen, aber ich kann’s mir auch nicht verhehlen, dass es sich um durchaus unedle Exemplare ihrer Gattung handelt, missproportioniert, wampig, mit durchhängendem Rücken und staksbeinig, eher Mähren als Rosse. Sie sind plump gebaut, und in der Tat erinnern sie eher an überdimensionierte Käfer, wie Fabre sie beschrieben hat, als an die eleganten Tiere, von denen Hegel schwärmte. Die Dartmoor-Ponys sind genügsam, hart im Nehmen, nicht durch Hafer verhätschelt, sondern unergiebiges Futter wie Seggen und Binsen gewöhnt: die Proletarier ihrer Gattung. Als Fohlen sind sie anmutig, doch die Mutterschaft verwandelt sie in derbe und reizbare Matronen, die sich beim geringsten Anlass an die Gurgel gehen. Wir werden Zeugen eines Ausbruchs dieser Stutenbissigkeit, sehen die gebleckten Zähne und die ausschlagenden Hinterläufe, und auch wir werden von einem Tier regelrecht angeknurrt: es streckt geduckt seinen Kopf nach vorn und mault uns an; die struppige Mähne wird vom Wind über das linke Auge geweht, und der Gesichtsausdruck ist ganz der einer working-class-Hausfrau, die grade gemerkt hat, dass sie ausgerechnet jetzt vor dem Frühstück keine Zigaretten mehr hat. Fehlt eigentlich nur noch der Morgenmantel und die Handtasche, in der sie nach Kippen und einem Flachmann wühlt.

Das ländliche England ist oft von bezaubernder Anmut, lieblich und pastoral. Jedenfalls ist das bei den seltenen Gelegenheiten so, in denen man einen Blick auf die Landschaft erhascht, aber eigentlich können wir uns kaum ein Urteil erlauben, denn wir sehen von England vorwiegend: Hecken. Den Großteil der Wegstrecken legen wir zwischen dichtem Rutengestrüpp zur Linken und struppigem Rutendickicht zur Rechten zurück, grüne, drei Meter hohe Wehren, deren Spitzen sich über uns zum Hohlweg schließen. Es wäre ein noch niedrigerer Korridor, wenn man ihn nicht der Lastwagen wegen bis zu einer gewissen Höhe freigeschnitten hätte.

Meist sind diese Straßen so schmal, dass man auf der Hut vor Gegenverkehr sein muss. Zwei Autos passen nicht aneinander vorbei; darum gibt es alle paar hundert Meter eine Ausweichbucht. Die englische Höflichkeit bewährt sich freilich auch bei solchen Begegnungen, denn fast immer sind beide Parteien gleich bereit, sofort einzulenken oder gar bis zur letzten Bucht zurückzusetzen, um dem Anderen jede Behinderung zu ersparen. Ich habe sogar bald schon den Eindruck gewonnen, dass es einen regelrechten Wettbewerb darum gibt, wer der höflichere und entgegenkommendere (also zurückweichendere) Fahrer ist, und ich halte es noch nicht einmal für ausgeschlossen, dass besonders wohlerzogene Exemplare von Briten ganze Vormittage in den Buchten zubringen, bloß um der Befriedigung willen, sich als Meister der Rücksichtnahme zu zeigen. 

Diese kleinen Landstraßen sind diskrete Wege. Man bewegt sich in diesen Heckenkorridoren ähnlich eingeschlossen und unsichtbar wie einst die Dienstboten in den verborgenen Treppengängen und Fluren der großen Herrenhäuser, durch die es den Besitzern erspart blieb, ihren Lakaien auf den herrschaftlichen Treppen in die roten, abgearbeiteten Gesichter blicken zu müssen. Der Verkehr wird auf diesen Straßen weggesperrt und eskamotiert: unsichtbar gemacht, so kommt es mir vor, um den Augen der Grundbesitzer nicht lästig zu fallen. 

Die Straßen weisen oft eine verwickelte und umständliche Wegeführung auf, als führten sie immer nur an den Rändern der Flurstücke entlang, und nie durch irgendeine Besitzung hindurch. In Ländern mit stärker etatistischen Traditionen wie Frankreich und Deutschland hat sich das Wegenetz zumeist gemäß des höherstufigen Kriteriums der direkten Verbindung von A und B entwickelt, was die Wege, abzüglich der dem Relief geschuldeten straßenbaulichen Bedingungen, mehr oder weniger gradlinig gemacht hat. Dort hatte der Staat bis zu kleineren Verwaltungseinheiten hinunter wohl größere Durchgriffsrechte auf die Wegeplanung und scheute auch auf kommunaler Ebene nicht vor der Erzwingung praktikabler Wege zurück. Hier aber habe ich den Eindruck, dass die Grundbesitzer zu verhindern wussten, dass öffentliche Straßen ihre Ländereien zerschnitten, und allenfalls bereit waren, an deren Rändern einen Streifen zu öffentlicher Nutzung freizugeben. (In Spanien verhält es sich ähnlich, fällt nur nicht so auf, weil die dortigen Latifundien längst nicht so kleinteilig sind wie hier.) Um freilich etwas Profundes dazu sagen zu können, müsste ich mich tiefer in die Geschichte der enclosures einlesen, jener Einhegungen, die nach und nach die mittelalterliche Allmende zugunsten der private properties einschränkten, doch soviel ist klar: seit dem 14. Jahrhundert gibt es in England eine beständige Zurückdrängung der alten Allmende-Rechte, als deren Garant der König fungierte; der Grundbesitzeradel forderte politisch immer mehr Mitsprache und weitete seine Befugnisse beständig aus, eigentlich schon, seit die Barone den König Johann Ohneland 1215 zwangen, die Magna Charta zu unterzeichnen.  Im 17. Jahrhundert verschärfte sich der Widerstreit zwischen den Partikularinteressen des Adels und dem Universalanspruch Charles I, als dieser versuchte, das absolutistische Gottesgnadentum nach kontinentalem Vorbild durchzusetzen. Auch hier obsiegten die Barone, die Peers und die Earls, schlugen Charles in der Glorious Revolution den Kopf ab, und wandelten unter Oliver Cromwell die einstigen Staatsdomänen in Privateigentum um. Der König als der höchste Lehensherr, der auch der niederen Bauernschaft Rechte garantiert hatte, wurde in der Glorreichen Revolution durch Cromwells „Plusmacher“ abgelöst, wie Marx sie nennt. Diese „fraudulente“ Umwandlung von Staats- in Privatbesitz wird zum entscheidenden Baustein der Expropriation der Bauern, die Marx so scharfzüngig angeprangert hat.

Die Wegeführung der Straßen ist die Spur dieser antifeudalen Entrechtung; sie spiegelt präzis die Vorherrschaft der partikularen Ansprüche der Landlords wider, die stärker sind als das Interesse der Allgemeinheit, dessen Sinnbild einst der König war. 

Es ist eine zwiespältige Angelegenheit; als Demokrat sehe ich mit Wohlwollen die Schleifung des Königtums, und dass ein König, der viele Köpfe hatte rollen lassen, auch den seinen verliert, betrübt mich nicht sonderlich. Doch anders als in Frankreich trat - wenigstens der Idee nach - nicht der Gedanke der Volksherrschaft und mit ihm verbunden der des Allgemeinwohls - an seine Stelle, sondern nur eine parteiischere und eigennützigere Klassenherrschaft von Grundbesitzern und Rentiers. In Frankreich geschah das zwar faktisch ebenso, aber der Slogan von libertè, egalité, fraternité senkte sich doch tief genug in französische Bewusstein, um - unterhalb des Enrichissez-vous! des Bürgerkönigs Louis-Philippe - nie ganz zu verstummen, und das Bewusstsein wachzuhalten, dass das Land ursprünglich allen gehörte, und dass mit der Einzäunung von Land alles geschichtliche Unheil seinen Lauf genommen hat. Rousseaus Worte aus dem Diskurs über die Ungleichheit haben dafür gesorgt, dass ein ziemlicher Teil Frankreichs noch frei zugänglich ist, während in England die Zutritts- und die Wegerechte sehr eingeschränkt sind. Allmende? Passé

Zumeist jedenfalls. Das Dartmoor ist Nationalpark und dementsprechend offener, auch das Vieh lebt hier nicht auf umzäunten Weiden, sondern kann weit umherstreifen; oder muss es vielmehr, denn die wenig ergiebige Heidevegetation zwingt zum Grasen auf größeren Flächen. Rinder und Ziegen, Schafe und Ponies zupfen hier einträchtig nebeneinander an ihren Kräutern, vielleicht sogar zu einträchtig; einmal sehe ich ein Fohlen, das ein Fell von langen Korkenzieherlöckchen trägt, die verdächtig denen eines Schafs ähneln. Kann es sein, dass ein kleinwüchsiger Ponyhengst eine Mesalliance mit einer willigen Schafsdame eingegangen ist und dieser Verbindung kein reinblütiges Fohlen entsprungen ist, sondern eine Art Pferdelamm?

Widecombe ist eines der Vorzeigedörfer des Dartmoor, jedenfalls das wohl meistbesuchte. Schiefergedeckte Cottages aus Granit reihen sich auf, mit Geranienampeln behängte Fassaden und Wirtshausschilder mit goldenen Lettern - ein dörfliches Idyll. Vor allem die Kirche ist interessant: für ein Dorf von grade mal ein paar Dutzend Häusern ist der Turm imponierende 35 Meter hoch. Ein sehr wehrhaft aussehender Zinnenkranz bildet den Turmabschluss, und damit das Ganze nicht allzu sehr nach bloßem Bergfried aussieht, sondern auch nach Kirche, hat man den Ecken vier Turmspitzen aufgesetzt. Das Kircheninnere (in dem um 1630 während der Messe ein Kugelblitz - oder aber der Teufel selbst - sechzig Gläubige verletzte und vier Todesopfer forderte) ist ein einfaches Tonnengewölbe. Doch der Gemeinde war offenbar eine gewisse Ambition zueigen, und so nagelte man eine Art hölzernes Spalier in das Gewölbe, das den Hunger auf die damals modernen Architekturattribute auch in diesem abgelegenen Teil Devons befriedigen sollte, was ich sehr anrührend finde. Noch anrührender sind allerdings die Schlusssteine, die man auf den Kreuzungspunkten des Spaliers, pardon, des Rippengewölbes angebracht hat; es mag sein, dass ich mich irre, aber ich habe den Eindruck, dass einige davon tatsächlich nichts anderes sind als bestickte Kissen. Was immerhin den Vorteil hätte, dass bei einer erneuten Katastrophe den Leuten keine Schlusssteine auf die Köpfe poltern, sondern bloß weiche Polster herunterplumpsen.

In einem Souvenir-und-auch-sonst-allerlei-Laden namens Shop on the green erstehen wir zwei Lammfelle. Der Mann an der Kasse ist Ende Dreißig, der Sohn der Inhaberin, welche sich zwar in den letzten Ladenwinkel zurückgezogen hat, aber vorsichtshalber immer noch ein Auge drauf hat, wie ihr Sprößling sich so anstellt. Sie ist zurecht misstrauisch. Der junge Mann sieht ganz so aus, als wäre er imstande, den ganzen Familienbesitz zu verschenken, wenn ihm nur eine durchtriebene Schnitte aus London um den Bart ginge. Im Moment sind zwar vorwiegend Senioren im Laden, aber man kann ja nie wissen, und der Bursche würde wahrscheinlich auch auf eine verwitwete Endsiebzigerin mit Lippenstift und Push-Up reinfallen, weil Frauen seiner eigenen Altersklasse sich tunlichst von ihm fernhalten. Es ist keine Erfindung oder Übertreibung, wenn ich berichte, dass er genau einen sichtbaren Zahn im Mund hat; und der Gott der Kieferorthopäden allein weiß, warum man einen solchen einsamen Zahn auch noch mit einer Zahnklammer versehen muss. (Aber es weiß ja auch niemand, warum man ein Holzspalier in ein Tonnengewölbe nageln sollte, und man tut es trotzdem.)

Im Laden hängen ein paar Lammfelle, die sehr weich sind und einen schönen Glanz haben. Wir sind interessiert. Kaum, dass die Matrone im Hintergrund das mitbekommen hat, steht sie auch schon da, um uns zu bedienen. Mit einem feuchten Zischen scheucht sie ihren Sohn davon, der offenbar bei allen Artikeln von über zehn Pfund Wert nichts verloren hat, weil er’s dann doch nur verbockt. Sie nicht; sie versteht ihr Metier, und so bekommen wir zwei Felle für vierzig Pfund. Wir nennen die beiden Hanni und Nanni, aber ich kann die beiden auch heute noch nicht auseinanderhalten. In den Büchern von Enid Blyton ist Nanni die besonnene und Hanni die wilde, aber es ist nicht ganz leicht, einem Lammfell Besonnenheit oder ein aufbrausendes Wesen zuzuordnen. Es spielt auch keine große Rolle.

Es ist wohl gut wandern im Dartmoor, und es soll dort Wasserfälle und tiefe Kluften voller Blütenschatzgruben geben. All das entgeht uns; wir scharren nur über die Oberfläche weg und sehen darum nur ödes Land, bis wir in Plymouth südwestlich des Dartmoor ankommen. Wir ignorieren die Stadt und steuern gleich einen Pub in den Außenbezirken an, den uns der Führer als übernachtungsgeeignet annonciert hat. 

Innen ist der Pub mit Cordsamtsesseln möbliert, über die schon viel Ale geflossen ist, draußen stehen Loungesessel und niedrige Tische, auf denen sich nun in der frühen Abendsonne jede Menge proletarisches Jungvolk fläzt, armselige Jungs, die den Macker geben, zusammen mit Mädchen, die sehr viel aufgeweckter scheinen und das Gespräch mit Schlagfertigkeit und Wortwitz dominieren. Es ist ein Jammer, wie sehr sie sich in der Aufmachung und auch in der Bereitschaft, ihren trüben Galanen zu schmeicheln und unterzuordnen, doch in ihrer Klasse einhausen. Ihre Kerle sind primitive Trottel, ganz der Schlag, der den Mädels auch mal was aufs Maul gibt, nur mal so, um die Verhältnisse klarzustellen. Aber die Mädels hängen fast demütig an diesen Burschen und erfüllen bereitwillig die Aufträge. Die Jungs sind durstig; wer holt das Bier? Die Mädels. Wer steht auf und bringt die Menage mit der Mayonnaise und dem malt vinegar? Ein Mädel. Der Freund ist müde; wer geht mit ihm? Sein Mädel, das sich, eigentlich alles andere als müde, bislang prächtig amüsiert hat. Es will mir das Herz abschnüren, wie sich hier Patriarchat und Proletariat perpetuieren, und nur eine Sitzgruppe weiter säuft eine Männerrunde um die Dreißig, ohne Frauen, und reißt dröhnende Herrenwitze, die noch schaler (und weit geschmackloser) sind als das englische Bier.

Ich war zweimal auf dem Klo. Erst zum Pinkeln, als ein Greis hereinkam, der sich unendlich langsam und krumm den Pissoirs entgegenschob, das Gesicht immer abgewandt wie das von Buster Keaton in Becketts Film. Schamhaft nestelte er an seinem Gürtel, und war damit noch nicht zu Rande gekommen, als ich mir schon die Hände wusch. Eine Viertelstunde später kehrte ich zurück - für eine andere Verrichtung - und der alte Mann stand immer noch da und sickerte in ächzenden kleinen Spritzern aus. Ich hoffe inständig, dass ich hier die Zukunft des Patriarchats gesehen habe: kraftlos, hinfällig, morsch.


14. Juni. Polperro, Fowey, Lost Gardens of Heligan, Mevagissey


Am Morgen per Fähre von Plymouth nach Torpoint übergesetzt, dann die Cornwallsche Küste entlang, die weniger reizvoll ist als erwartet. Von der B3247 aus ist da nicht mehr als ein ländliches Patchwork aus Feldern und Weiden.

Wir halten in Polperro, zu dem eine schwindelerregend steile Straße hinabführt. Der Parkplatz liegt außerhalb des Dorfs, und die Besucher, die zumeist nicht gut zu Fuß sind, können sich auch mit einem kleinen tuckernden Bus in den Ort spedieren lassen. Die Cottages auf dem Weg sind aufs Lieblichste dekoriert; da sind Blümchen und Gärtchen und Bänkchen, auf denen allerliebst zu sitzen wäre, wenn von dort aus etwas anderes zu sehen wäre als ein nicht abreißendes Strömchen ältlicher Touristchen.

Das Dorf selbst ist malerisch; jedenfalls behaupten das in verdächtiger Eintracht unsere drei Reiseführer. Aber sie haben ja auch recht damit. Am Hafen, wo es gerade recht malerisch riecht (denn es ist Ebbe und die Sonne köchelt einen aromatischen Sud aus den Algen und den Muscheln und verrottendem toten Fisch im Hafenschlick), stehen zwei, drei weißgekalkte Häuser mit Fensterläden, die der Besitzer wahrscheinlich nach einem Urlaub auf Santorin blau angepinselt hat, um ein bisschen mediterranes Flair in die Bude zu bringen. Das Motiv der blauen Fensterrahmen haben (sehr viel zurückhaltender) einige der Häuser aufgenommen, die hangaufwärts stehen, aber dieses Blau nur so dünn hinzutuschen wirkt nicht mediterran, sondern nur, als hätte man ausgezogene Krampfadern als Kitt ums Fensterglas gespannt. (Wenn schon, denn schon, finde ich: fast wünsche ich mir eine dieser Boots-Filialen mit ihren gnadenlosen Werbepaneelen herbei, die sind wenigstens nicht so verdruckst wie diese puritanisch gedimmte Farbzimperlichkeit.) Doch hübscher sind ohnehin die großen Pensionen mit ihren verglasten Veranden und Schieferdächern, die nicht so tun, als hätte man es bei Polperro mit einer Exklave der Kykladen zu schaffen; sehr hübsch ist auch ein Haus, in dessen Mörtel Ornamente aus Kieseln und Muscheln gedrückt sind: so werden die Fensterlaibungen beschützt vom Heiligen Jakob und seinen Insignien, und Tritonshörner halten in perlmuttschimmernden Mosaiken an den Mauern und auf Fensterbrettern Wacht.

Wenn in Polperro einmal Muscheln gesammelt wurden, ist diese Tradition ziemlich erloschen. Am Hafen gibt es noch eine kleine Bude mit einer Edelstahlvitrine, in der in Plastikbechern Krabben und angeschrumpelte Miesmuscheln auf so freudlose Weise präsentiert werden, dass uns das Grausen überkommt. An Fish’n’Chips-Läden herrscht freilich kein Mangel, desgleichen an Bäckereien, die pies anbieten. Wie gut, dass wir noch nicht hungrig sind, denn beim Anblick dieser Teigtaschen spüre ich schon, wie sich mein Kiefer verspannt. Pies, scheint mir, sind eine praktische Art, für einen langen Arbeitstag eine Jause mitzunehmen, man kann sie in die Tasche stecken, ohne die Sauerei zu veranstalten, die man hätte, wenn man sich stattdessen etwa eine Ladung Spaghetti Bolognese in die Jacke täte. Aber warum essen Leute, die nicht wie ein Tagelöhner ihr Mittagsmahl mit sich tragen müssen, so ein Zeug? Nur Patriotismus und besessene Treue zur regionalen Tradition kann in solche Abgründe kulinarischen Widersinns führen.

An der Hafenmole sitzen erschöpfte Seniorinnen. Man kann getrost von einer Zusammenrottung oder einer Sitzblockade sprechen. Sie hocken traubenweise am Aufgang zur Mole und versperren den Weg zum Molenkopf: es ist das fleischgewordene Bild einer Zerebralthrombose, und wir verschwinden, so schnell es geht. 

Es geht allerdings nicht so schnell, wie wir wollen; in den Gassen flanieren Greisengrüppchen nicht nur in enervierender Langsamkeit dahin, sondern vor allem in voller Gassenbreitenformation, untergehakt wie in archaischer Schlachtordnung. Wenn wir nicht rüde werden wollen, sind wir gezwungen, das zu dulden, und so nehmen wir’s als Schicksalsentscheid und schauen etwas genauer als auf dem Hinweg in die Schaufenster, aus denen uns ein so tantenhafter Souvenirplunder entgegengrinst, dass wir dann doch irgendwann die Rentnertruppe vor uns drum bitten, uns vorbeizulassen. Wir haben es sogar so eilig, dass wir in den bereitstehenden Shuttle-Bus springen, nur um schnell wegzukommen. Hilft aber nichts: uns gegenüber sitzt ein deutsches Ehepaar, sie ein liebes, pausbäckiges Ömchen, er ein Griesgram und Haustyrann mit Honecker-Hütchen und Hosenträgern, mürrisch und zurechtweisend, ein Arschloch, wie man es selten erlebt, und das an Polperro kaum ein gutes Haar lässt.

Aber das lasse ich ja auch nicht. Vielleicht sollte ich meinem Bruder im Geiste einfach in voller Zustimmung um den Hals fallen. Und ihn dann erdrosseln.

Einige Meilen weiter liegt Fowey, der Ort, an dem Daphne du Maurier Rebecca schrieb, Die Vögel und Don’t look now, das als Vorlage zu Wenn die Gondeln Trauer tragen diente. Auch Daphnes Asche ist dort verstreut. Fowey scheint immer noch ein Städtchen mit einem saftigen Speckrand von Wohlhabenheit zu sein; die Läden sind gediegen, darunter welche zur Ausdekorierung von gepflegten Landhäusern, einige Boutiquen, gute Buchhandlungen, noch einige Boutiquen mehr, Läden für handgerührte Seifen und Körperlotionen aus Esels-, nein Eselinnenmilch, Cookshops mit Küchengeräten für Leute, die schon alles haben, was man in einer Küche braucht, ach ja, und dann noch eine Boutique. 

In einer Bäckerei kaufen wir nun doch zwei Pies alias Cornish Pastry, zur späteren Begutachtung und Degustation. Wir sind zuversichtlich; wenn die Dinger nur halb so gut schmecken wie die Verkäuferin aussieht, werden wir schon zufrieden sein. Die junge Frau hat einen guten Schuss karibischen Bluts in den Adern und bunte Stoffstreifen ins Haar geflochten, am Handgelenk ein Armband mit klingelnden Silbermünzen, die wahrscheinlich aus irgendeiner Piratenschatztruhe stammen, und an den Ohren Kreolen, die so groß sind, dass bequem ein Papagei drin sitzen könnte. Ich ertappe mich bei einem Blick auf ihre Beine; aber ich schaue nicht aus erotischer Begierde, sondern bloß, um sicherzugehen, dass sie nicht etwa eine korsarenhafte Holzprothese trägt. Sie wäre ein Schmuckstück, Holzbein hin oder her, in einem jeden Piratenfilm, aber auch in dieser Bäckerei nimmt sie sich gut aus: allein, wie sie sich in die Auslage mit den pies beugt, ist sehr maritim: wenn ihr Schatten über die Küchlein fällt, verwandeln sich diese Teigdinger mit ihren kanellierten Rändern in handgroße Jakobsmuscheln, Strandschildkröten, braune atmende Südseeflundern. Der Zauber dieser Piratenschönheit hält freilich nicht lange an; als wir abends die Gebäcke anknabbern, sind es doch nur trockene und dürftig gefüllte Teigtaschen, neben denen selbst solche Barbarismen wie Hamburger oder Döner noch als gewitzte und komplexe Saftigkeiten durchgehen könnten.

Jetzt aber, mittags, wollen wir einen richtigen lunch, an einem Tisch mit einem alkoholischen Getränk und Blick über die weite Flußmündung, in der jede Menge Boote dümpeln. Wir landen auf den Bänken von Havener’s, wo wir einen ziemlich guten Topf Muscheln bekommen, der sensibel mit gewiegtem Dill abgeschmeckt ist, einem Kraut, das in Küchen, die es überhaupt verwenden, fast immer im Übermaß gebraucht wird, hier aber tatsächlich einmal so genau dosiert ist, dass es nur als belebender Katalysator dient und nicht als Geschmackstyrann. Es ist hier so gut sitzen, dass ich am liebsten noch ein Ale bestellen würde (das übrigens hervorragend zu den Muscheln passt, aber zu Muscheln passt ja fast alles, Cidre, Wein, Bier, irgendwann muss ich einmal Gin Tonic oder Kirschlikör versuchen), aber wir wollen ja noch zu den Lost Gardens of Heligan bei St. Austell, da heißt es Contenance bewahren.

Diese Verlorenen Gärten waren über 400 Jahre lang, seit der Tudorzeit, im Besitz der Familie Tremayne. Im neunzehnten Jahrhundert werkelten hier zwei Dutzend Gärtner, doch der Erste Weltkrieg beendete die Blütezeit der Anlage. Die Gärtner wurden an die Front berufen, und das Haus diente gut patriotisch als Erholungsheim für Offiziere. (Das erging vielen großen Anwesen so; wir werden einige davon besuchen, in denen der Krieg die zwischenzeitliche Transformation der Adelssitze zu Hospitälern oder Erholungsheimen für Verwundete bewirkt hat; auch Evelyn Waughs Wiedersehen in Brideshead wählt diesen Rahmen, und noch in der wunderbar geschichtsverdichtenden Fernsehserie Downtown Abbey stellt diese Phase eine große Zäsur mit weitläufigen Folgen dar: eine Erschütterung, die das Empire und die Aristokratie unter großem Geklapper der Gegenwart entgegenwürfelt.)

Nach dem Krieg konnten die Tremaynes das Anwesen nicht mehr unterhalten und vermieteten es. Die Mieter ließen den Garten verwildern, während der Besitzer sich nach Italien verfügte und sich nicht mehr um sein Erbe kümmerte. Erst in den 90er-Jahren nahm er sich mit Hilfe von Tim Smit (den ich hier nicht vorstellen werde, selbst ist der Mann!) und zahlreicher Freiwilliger wieder seines Anwesens an, und seither versucht man, die alte Pracht wiederherzustellen. Aber von Pracht kann kaum eine Rede sein, wenn man darunter präzise Formgärtnerei versteht; auch heute, 25 Jahre nach Beginn der Restaurierung, ist der Garten verwunschen und von einer wüsten und anarchischen Energie geprägt. Hier breiten sich selten aufgeräumte Prospekte aus; zwar gibt es auch einen pleasureground, einen Ziergarten mit ordentlichen Rabatten und Hecken, einer Kristallgrotte, einem Pavillon und großen Rhododendrengehölzen, aber selbst in diesen Lustort ist eine Felsschlucht eingelassen, die als schrundige Wunde in die lieblichen Gefilde gepflügt ist. Andere Teile der Anlage heißen Dschungel und Verlorenes Tal, und in der Erschaffung solch urwüchsiger Gartenphantasien scheint die wahre Leidenschaft der Tremaynes gelegen zu haben. Der Dschungel etwa ist einer Faszination für subtropisches Gewucher entsprungen. Die stickigen Teiche dort sind Brutstätten für Schnaken und anderes Getier. Abends müssen hier Horden von Fröschen quarren. Riesige Agaven strecken ihre bezahnten Zungen aus, Farne und Palmwedel beschatten die Teiche mit dem düsteren Moiré ihrer Blätter, und Gesträuche von Riesenrhabarber stehen in albtraumhafter Hypertrophie im feuchten Grund. Haine mit großen Bananen, deren Rinde in braunen, schilferigen Fetzen herabhängt möblieren eine Art tropischer Schinderstätte für Baumauspeitschungen. Das braune Wasser der Teiche spiegelt schillernd die verworrenen grünen Massen, die sich darüber beugen; die Seilbrücke, die zwischen den Ufern gespannt ist, schwankt und zittert unter jedem Schrritt. Natürlich sind die Pfade gangbar, doch trotzdem habe ich immer wieder den Eindruck, dass ohne eine Machete, mit der ich mir den Weg freihauen kann, kein Weiterkommen ist. Ich wüsste zu gern, ob einer der Tremaynes im kolonialen Indien oder irgendeinem anderen verschwitzten Teil des Empire Dienst getan hat und, zurückgekehrt, hier eine Erinnerungslandschaft errichtet hat, die nicht ganz frei von Angst und Bedrängnis ist, ein feuchtes, glucksendes und zwielichtiges Urwaldunheil, in dem es nicht Wunder nähme, wenn auch Krokodile im Schlick ihre Kiefer aufsperrten oder große Echsen mit ihren herausschnellenden Zungen nach Beute schnappten. Irgendeine flüsternde Guerilla-Bedrohung geht hier um, schleichende Feindseligkeit, die einen malayischen Schlangenkris zwischen den Zähnen trägt.

Aber es mag sein, dass diese Aura von Beunruhigung nur zwei Skulpturen geschuldet ist, denen wir ziemlich am Anfang des Parcours begegnet sind. Der Weg führte durch einen englisch lichten Wald, als uns zur Rechten eine merkwürdige Form auffiel, eine Abfolge von mit Efeu und Farn überwachsenen, sonnengefleckten Kuppen. Noch erkannte ich nichts, konnte die Form nicht zu einer Gestalt zusammenbringen, aber es war klar, dass es sich nicht um eine naturwüchsige, zufällig gewachsene Aufwerfung von Erde handelte. Das Getüpfel des Sonnenlichts erschwerte das Erkennen zusätzlich, aber schließlich sah ich, wie die Figur, wie aus einem Vexierbild plötzlich hervortrat: eine Erdfrau, langhin gestreckt und auf die Seite gebettet, Beine und Hüften und die Schulter von einem Blätterkleid bedeckt. Auf ihrem Kopf sprossen dichte Grasbüschel. Die Frau schlief, aber sie hätte jederzeit erwachen können, sich erheben, den Schmutz von den Gliedern streifen und als Waldgeist - Hulda, Ent, Dryade - umherstreichen. Sie lag da wie eine Tote, geschlagen und verrottend, doch wer wollte dem trauen? Sie sog Kraft aus der Erde, und es hätte vielleicht nur eines Mondstrahls bedurft, damit sie wieder durch die Wälder spukte, strafte und Ordnung forderte. Seit wir diese Mud Maid gesehen hatten, war ich alarmiert: die Lost Gardens scheinen mir sinister wie ein rachedürstendes Terrain, und auch die zweite Skulptur auf dem Weg - ein Riesenkopf, der tief in die Erde eingetaucht war und grade noch mit den Nasenlöchern Luft atmen konnte - war trotz seiner tölpelhaften und dümmlichen Physiognomie beunruhigend: er strahlt eine naive Gewalt aus, die nicht boshaft gemeint war, doch wehe dem, der dem Trachten dieses Dämons in die Quere käme: er würde achtlos in den Boden gestampft.

Eichen, Buchen und Kastanienhaine bilden das Lost Valley, das an den Rändern in Viehweiden übergeht. Hier wird noch Holzwirtschaft betrieben: am Grund des Tales sind große Holzstöße aufgestapelt, rostige Holzkohlemeiler daneben. Der alten Technik der Köhlerei, bevor die Eisenkessel eingekehrt sind, gedenkt noch ein Kunstwerk am Rand der Teiche. Zwischen Schafgarbe und verblühten Sumpflilien ist ein steiler Stoß aus angekohlten Scheiten errichtet - allerdings nicht in der klassischen Form des Meilers, sondern als spitzer, in sich gedrehter Kegel, der an eine züngelnde Flamme erinnert.

Wir geraten mit einem älteren englischen Ehepaar ins Gespräch. Woher stammt nur die irrige Meinung, die Engländer seien reserviert? Schon nach wenigen Minuten Witzelei erfahren wir, dass dem Herrn große Teile beider Füße amputiert worden sind, die Zehen sind weg, die Fußballen und sogar ein Stück des Mittelfußes, was das Wandern nun etwas erschwert. Wenig gênant weist er auf seine Spezialschuhe, die eher Lederkappen für Pferdehufe ähneln als menschlichem Schuhwerk. Ein Pan. Aber mit seinen Wanderstöcken käme er gut voran, sagt er, er fühle sich kaum eingeschränkt. Ich frage ihn, wie er mit diesen kleinen Füßen über die Seilbrücke im Dschungel gekommen sei; ob man da nicht in einem fort durch die Maschen ins Leere stochere? Ich finde (trotz unserer schnellen Vertrautheit und humorigen Unterhaltung) die Frage selbst ein wenig forsch, aber er nimmt’s als jokoser Sportsmann: das sei kein Problem, seine Frau habe ihn auf dem Rücken hinübergetragen. Sie sei zwar einen Kopf kleiner als er, aber im Herzen eine Walküre. Die Walküre (zierlich, weißhaarig, stahlblaue Augen, aus denen Intelligenz und Spottlust strahlt) nickt und fügt an, Walküren trügen eigentlich nur tote Krieger nach Walhall, aber manchmal machten sie eben auch für alte Einfaltspinsel eine Ausnahme, und à propos Walhall: sie sollten sich nicht länger verplaudern, sonst hat der Tearoom geschlossen, wenn sie da anlangen, und sie bekommen kein Met mehr.

Wir bringen den Abend am Hafen von Mevagissey in einem Pub namens Sharkfin zu. Es war ein sonniger und warmer Tag, aber der ostwärts gerichtete Hafen liegt nun im Schatten und uns ist saukalt. Ich habe ein Hemd an, eine Wollweste, ein Tweedjacket, dazu Schal und Hut, und friere trotzdem wie ein Schneider. Die Engländer, natürlich, trinken trotzdem an der Hafenmole ihre Pinten in kurzen Hosen und T-Shirts, und die jungen Frauen schlecken ihr Eis im Sommerkleidchen und sonst nichts. Vielleicht haben die Engländer doch beheizbare Unterwäsche?


15. Juni. Mevagissey, Falmouth, Glendurgan Garden, Cadgwith


Auf dem Weg nach Falmouth kaufen wir bei Tesco ein. Nach dem Einkauf muss man an einem Terminal sein Autokennzeichen eingeben. Der Bildschirm blendet das Bild unseres Wagens ein. Ist dies das fragliche Gefährt? Ich bestätige und kann dann unseren Kassenzettel mit einem Strichcode vor den Scanner halten. Die Freigabe erfolgt, und wir können davonfahren. Ohne diese Prozedur kann das Parken bei Tesco teuer werden. 70 Pfund Strafe steht darauf. Die Daten bekommt Tesco gratis dazu und kann nun seine Datenbanken mit der Information füttern, dass deutsche VW-Bus-Besitzer gut abgehangenes Fleisch, nicht vorgeschnittenes Gemüse und ein beeindruckend vielfältiges Biersortiment konsumieren.

In Falmouth haben wir an einem Park-and-Ride-Platz, die wir mittlerweile zu nutzen gelernt haben, die Wahl zwischen einem Bus, der uns für ein paar Pfund in die Stadt bringt, oder der Fähre, für die 15 Pfund zu berappen sind. Wir nehmen natürlich die Fähre, weil ich naiverweise unterstelle, der Preis sei mit dem malerischen Reiz der Fahrt korreliert (je schöner, desto teurer), statt, wie es sich in Wahrheit verhält, mit a) der geringen Anzahl der Passagiere (je weniger Passagiere, desto mehr muss jeder bezahlen), sowie b) der Naivität derselben. 

Der malerische Reiz der Falmouth Bay erschließt sich mir nicht; das Schönste daran sind eigentlich die Wolken, die wild zerzaust und schnell dahinziehen - das täten sie freilich auch, wenn man sie von einem Busfenster aus betrachtete - während die Häuser an den Ufern keine großen Anstrengungen unternehmen, das Herz des Reisenden zu gewinnen. Nun, und ankernde Boote und Lichtreflexe auf dem Wasser schaue ich mir offengestanden lieber auf Gemälden von Monet oder Sisley oder auch Elstir an, schon weil man in Museen den Besucher gemeinhin nicht mit den Abgasschwaden eines Dieselmotors behelligt, eine Rücksichtnahme, zu der diese Fähre leider nicht imstande ist.

Wir steigen am Pier aus und verlieren uns erst einmal in einem labyrinthischen Laden für Bootsbedarf, wo es nie ganz ausgeschlossen ist, dass man etwas findet, was man noch nie gesucht, und doch sein ganzes Leben lang schon vermisst hat, ohne es zu wissen. Aber plötzlich findet man diesen raffinierten Karabinerhaken oder jenen Schäkel, ein Spannnetz oder irgendein bizarr geformtes Irgendwas, mit dem man irgendwann irgendwie und irgendwo einer Alltagsunbequemlichkeit abhelfen mag, die präzis vorzustellen man zwar im Moment noch nicht in der Lage ist, aber doch zuversichtlich bleibt, dass sie sich eines Tages ereignen wird. Wir haben eine ganze Menge von solchen Dingen in einer Schublade und malen uns hie und da aus, wie wir einen Nachbarn oder uns selbst aus einer häuslichen Notlage retten werden, indem wir eine Krampe, einen Flansch, eine Schelle oder einen Würgenippel aus der Schublade holen und durch eine clevere Bastelei den Zusammenbruch eines Haushalts verhindern. Der Fall ist bislang freilich noch nicht eingetreten. Aber wie bei allen induktiven Beweisen besagt der Umstand, dass etwas noch nicht geschehen ist, keineswegs, dass es niemals geschehen wird, und darum betreten wir Schatzkammern wie diesen Bootsausstatter immer in hoffnungsvoller Erwartung und tummeln uns solange geduldig darin, bis die Verkäufer misstrauisch werden und uns lästig zu fallen beginnen.

Diesmal werden wir aber nicht fündig, und deshalb schlendern wir bald die Market und die High Street entlang, deren eigentlich ganz hübsche Häuser zu gut zwei Dritteln durch die üblichen schändlichen Paneele verschandelt sind. Eine Menge davon übrigens haben wieder einmal Wohltätigkeitsorganisationen auf dem Gewissen, und ich frage mich, warum zum Beispiel die British Heart Foundation so herzlos ist, derlei ästhetische Gräuel mitzumachen. Allmählich habe ich das Gefühl, sie wollen bei sensiblen Spaziergängern durch ihre grausigen Fassaden Infarkte provozieren - vermutlich in der vagen Hoffnung, dadurch die Spendenbereitschaft der Hinterbliebenen zu erhöhen.

Die Visite beim Bootsbedarf hat eine gewisse Kauflust bei mir enthüllt. Ich komme mir vor wie eine Katze, deren Futternapf immer so gut gefüllt ist, dass sie nicht auf Mäuse gehen muss, deren Jagdtrieb sich darum aber auf Leerlaufhandlungen verlegt, Belauern imaginärer Beute, Voranschnellen nach eingebildeten Meisen, Jagd auf den eigenen Schwanz. Bevor es bei mir auch so weit kommt, dass ich in Läden wunderliche Dinge treibe, suche ich mir lieber ein reales Objekt, auf das ich meinen Jagdtrieb richten kann. 

Neulich im Dartmoor haben wir einen Regenmantel gesehen, fast bodenlang, gummiert, mit einer Pelerinendoppelung über den Schultern, kurz: das ideale Stück, um sich in den englischen Dauerregen zu stellen und Stunden darin auszuharren. Nach genau einem solchen Ding will ich suchen, und darum gehen wir in den ersten Klamottenladen, der nicht nach Boutique, sondern nach ein bisschen was von allem aussieht: Männersakkos hängen da neben Kittelschürzen, Pailettenblusen neben Bügelfaltenhosen und Winterjacken gleich neben Sommerkleidchen, es ist ein vollkommen stilloses Kuddelmuddel von schlechthin allem für eigentlich niemanden.

Ich trage mein Anliegen den beiden Verkäuferinnen vor. Sie beratschlagen, wirken aber beide zu unkundig, als dass sie sich in dem überbordenden Ramsch des Ladens zurechtzufänden. Immerhin fällt der einen ein, dass es ja auch noch ein Untergeschoss gibt, lange nicht mehr dortgewesen, aber da war doch was. Wir gehen mit der einen Verkäuferin in die Gelasse der vergessenen Waren hinab (lost basements of old rags), und dort trägt sie mir ein ums andere Mal einen Wintermantel zu, reine Wolle, erste Qualität, obwohl ich ihr schon dreimal erklärt habe, dass ich etwas Gummiertes und nichts Saugsames aus Wolle suche. Schließlich entdecke ich, während sie nach einer plastikbeschichteten Kittelschürze für mich kruscht, genau das, was ich will, und siehe, es passt, und obwohl ich mich an die Frauenknöpfung auf links wohl gewöhnen muss, bin ich zufrieden. Für 60 Pfund bin ich fortan versiegelt und vulkanisiert, gerüstet für alle englischen Landregen, Schauer und Wolkenbrüche, für alles Nieseln und Strömen und Gießen und Pladdern, und selbst an Deck der Arche Noah wird kein Wassertropfen meine Haut besprengen. Hallelujah!

Ärgerlich wird in den nächsten Tagen nur, dass vom Erwerb dieser Gummirüstung an kein Tröpfchen Regen mehr fällt. Ich würde das neue Stück ja zu gern einmal ausprobieren; doch andererseits kann es mir, solange der Mantel seinen Zweck erfüllt, mich trockenzuhalten, eigentlich egal sein, ob ich ihn am Leib habe oder nur seiner apotropäischen Kraft wegen im Schrank. Ist nicht der beste Regenmantel einer, den man gar nicht anziehen muss?

Was weiter in Falmouth? Die Stadt ist schnell abgegrast; es bliebe freilich noch ein Spaziergang zum Pendennis Castle oder ein Besuch im Marinemuseum, aber das würde alles so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass wir zu spät zu den Glendurgan Gardens kämen (die mir wichtiger sind als die Gelegenheit, im Marinemuseum zwischen Grundschulkindern im Piratenhabit herumzustehen, die sich um einen Platz im Rettungsboot balgen). Wir begnügen uns mit dem Watersports Club und einem Cornish Breakfast - einer Variante des English Breakfast aus baked beans in süßlicher Tomatensoße, Würstchen, Spiegelei und Speck. Die Abweichung vom englischen Frühstück besteht übrigens einzig im Namen, ansonsten ist es genau der selbe Sattmachersumms, der Dockarbeitern und Minenarbeitern einmal Kraft gespendet hat, als es noch Minenarbeiter gab, während er den Kassiererinnen, Busfahrern, Schalterbeamten und Büroarbeitern von heute eher eine gewisse Fülle verleiht, um einen schmeichelhaften Ausdruck für die hierzulande durchaus grassierende Fettleibigkeit zu verwenden.

Die Hauptattraktion der Glendurgan Gardens ist das maze, ein hangaufwärts gepflanztes Labyrinth aus dichten Lorbeerhecken. Wir dringen zügig zum Pavillon in der Mitte vor - so zügig, dass die Leute von der Aussichtsplattform am gegenüberliegenden Hang, die das ratlose Gewimmel der Irrgänger beobachten, wie blöd applaudieren. Auch ein englisches Ehepaar, dem wir unterwegs begegnet sind, spart, zehn Minuten nach uns ankommend, nicht mit Bewunderung, dass wir es so schnell geschafft haben. Was der Trick denn sei? Ich behaupte, er bestünde darin, jede naheliegende Abzweigung zu vermeiden und immer die zweite zu nehmen. Keine Ahnung, ob das stimmt, ich glaube sogar eher nicht. Wenn sie sich daran gehalten haben, sind sie wahrscheinlich erst abends von einem Parkwächter befreit worden. In Wahrheit waren wir vermutlich nur so fix, weil wir den Parcours nicht vom Eingang, sondern vom Ausgang her absolviert haben.

Jedenfalls sitzen wir noch allein im Zielpavillon, als um uns herum hinter den letzten Hecken deutsche Kinderstimmen näherkommen und sich wieder entfernen, sich erneut nähern, aber den letzten Abzweig immer wieder verpassen. Doch dann sind sie ganz nah, und ich stoße ein großes, rauhes Löwengrollen aus. „Mama“, ruft das Mädchen, „da hat etwas geknurrt!“ Sie kehrt um und verirrt sich erneut in den Abzweigungen. Dreimal, wie im Märchen, geht das so; jedesmal scheucht sie mein Grollen wieder davon. Doch schließlich tritt sie in den innersten Ring. Ich spreche sie freundlich auf Deutsch an, doch kaum hat sie sich umgewandt, grolle ich noch einmal. Seitdem traut sie mir nicht mehr und hält auf Abstand. Ich bin ein böser Mann.

Die Lost Gardens von Heligan haben sich in manchen Zonen einer düsteren, vielleicht sogar unheilvollen Atmosphäre verschrieben. Glendurgan nun war heiterer, auch etwas didaktischer in der Präsentation der Bepflanzung, und zweifellos noch mehr um Vielfalt und Alleinstellung der botanischen Varietäten bemüht. In Heligan brachte sich ein Gesamteindruck zu mächtiger Geltung; in Glendurgan schreitet man einen sorgsam gestalteten Parcours ab und wandert von Einzelheit zu Einzelheit. Ich bin durchaus überrascht, wie individuell die englischen Gärten letztlich doch gestaltet sind, mögen sie auch viele Merkmale miteinander teilen. Ein jeder hat sein eigenes Gepräge und sein eigenes Profil, seine Düsternis oder seinen Humor, seine Freundlichkeit oder seine Rüdheit - nicht anders als Menschen auch.

Am späten Nachmittag parken wir den Wagen oberhalb des Dorfes Cadgwith an der Küste. Morgen wollen wir dort zu des Teufels Bratpfanne (Devil’s Frying Pan) und dann weiter den Küstenpfad entlangwandern. Aber jetzt gelüstet es mich vor allem nach einem Pub.

Wir folgen einem schmalen Fußweg hinab ins Dorf, dessen Reet- und Schieferdächer kaum aus den Laubmassen herausragen; dahinter erstreckt sich in sattem Blau das Meer. Wir kommen an einer kleinen Kirche vorüber, wenig mehr als eine Bretterbude aus weißgestrichenen Planken, innen mit blauem Kirchengestühl und einem schlichten Altar ausgerüstet, der von zwei naiven Ölbildern flankiert wird; auf dem linken wandelt Jesus auf dem Wasser - vermutlich eine Fertigkeit, die neidvoll von all den Fischerswitwen betrachtet wurde, deren Männer den Trick nicht beherrschten und untergingen.

Die Häuser des Dorfs stehen fast alle bis zu den Hüften in Blüten; Gebüsche von Schwarzäugiger Susanne, zu deren Füßen grünspanfarbener Salbei wacht, wie habacht stehende Soldaten in Reih und Glied. Akanthus, violette Glockenblumen, Kapuzinerkresse, und in dem freundlichen Blütengewirr halb versteckt wie ein Drachenhaupt eine Agave, die ihre dornengesäumten Blattschneiden durch das Laub schiebt.

Unten am Wasser eine kleine Slipanlage für die Fischerkähne, ein paar Hütten, vor denen zwei alte Männer sitzen, die ihre Netze flicken; wenig Betrieb.

Auch im Cadgwith Cove ist nicht viel los. Auf der zementierten Terrasse trinken drei, vier müde Wanderer ihr Bier; drin in der niedrigen und urgemütlich schummrigen Gaststube ist es ruhig. Als wir auf der Tafel entdecken, dass es heute frischen Hummer gibt, verdrängen wir sofort, dass wir heute schon ein überreichliches full cornish breakfast hatten und fragen, ob wir uns einen Hummer reservieren lassen können. Hummer, so die Auskunft, sei kein Problem; der Tisch schon eher - vielleicht würde um halb neun ein Tischchen frei.

Wir setzen uns in die (allerdings bald hinter dem Hang versinkende) Sonne, ich trinke ein paar aperitive Biere und mache Notizen, während bald Grüppchen und Grüppchen und Grüppchen den Pub betreten. Als es schließlich halbneun ist, ist der Laden rappelvoll, und der Lärmpegel ist genauso gewaltig wie der Hummer, der bald serviert wird: ein Stück, das selbst dann groß genug wäre, wenn unser Spiegelbild mitäße. Das Tier ist köstlich, die Mayonnaise hausgemacht (was zuverlässig daran zu erkennen ist, dass sie nicht nach Mayonnaise schmeckt), ein paar Salatblätter sind diesmal sogar durch Vinaigrette gezogen (was mir im aromenprüden England eher verpönt scheint), nur die Oliven sind eine etwas zerstörerische Zutat, geschmacklich, aber auch visuell: sie liegen als Haufen im aufgeklappten Hummerrumpf und erinnern fatal an ein Gelege von grünen Krokodileiern, die der Hummer zwar verzehrt, deren Verdauung er aber noch nicht in Angriff genommen hat. Davon lassen wir uns freilich den Appetit nicht verderben, solange wir Appetit haben. Aber leider blockiert das Cornish Breakfast die Hummerresorption, und so müssen wir uns das Fleisch, das wir aus den riesigen Scheren gelöst haben, für morgen einpacken lassen. Was so schlimm auch nicht ist: lieber das als noch mal baked beans in tomato sauce.

Wir bleiben nach dem Essen noch sitzen und beschauen nun, da der Schankraum sich leert, die Bilder an den Wänden, die die goldenen Zeiten der Krabbenfängerei und des Fischereiwesens beschwören, stattliche Dreimaster, Männer mit buschigen Koteletten und Stummelpfeifen zwischen den Zähnen, sepiabraune Photographien, auf denen die Fische so prall die Netze füllen wie ein Tänzerinnenbein einen Strumpf. Fabrikarbeiterinnen beim Eindosen der Sardinen, dem Foto nach zu schließen eine fast schon festliche Tätigkeit, die unglaublich viel Vergnügen bereiten muss. 

Die Musik ist jetzt, da die Gästeflut abebbt, deutlicher identifizierbar, auch sie ein wenig nostalgisch, obleich sie nicht bis in Daguerres Zeiten zurückreicht, sondern nur bis in die frühen 70er. Aber wann hört man schon einmal in Kneipen Neil Youngs Klagen und die rasenden Unisonoläufe von Gitarre und Synthesizer der ersten Yes-Besetzung? Dazwischen die Stranglers, die Elegie Peter Dohertys auf The Last of the English Roses, die verschrobene Instrumentierung eines Iron&Wine-Stücks… Ich fühle mich hier richtig zuhause, und dann kommt sogar noch das meisterliche Desert Island der meisterlichen XTC von dem meisterlichem Album Mummer (Cast away on a desert island / Me and poor Crusoe are sharing the same fate / Cast away on a desert island / With Great Britain written on its name plate).

Doch dann ist es Zeit, zum Bus zurückzuwandern; nach diesem Festmahl haben wir einen Grappa nötig.

In der Fischerbucht ist zu dieser Stunde das Dorf versammelt, alle haben einen Drink in der Hand, während ein paar späte Boote eingeholt werden. Wir lassen sie feiern, ohne sie zu behelligen. Touristen haben da nichts verloren.


16. Juni. Bloomsday. (Cyclop.) Cadgwith, Kuggar.


Morgens um halbneun sind wir am Aufstehen und ziehen eben die Vorhänge zurück, als eine Frau - vulgäre Löwenmähne, geschminkt wie von einem Autolackierer - vorüberkommt und unser Auto fotografiert. Dagmar fragt nach, was das bitteschön soll, und erhält zur Antwort, wir hätten gegen das Übernachtungsverbot verstoßen und das würde nun zur Anzeige gebracht, wir würden schon sehen. Das ist natürlich vollkommen lächerlich, denn was würde ein solches Foto schon beweisen? Dass auf einem Parkplatz ein Auto parkt, ist nicht so ungewöhnlich, dass deshalb gleich die britische Justiz ihr Henkersbeil auspacken wird. Ich male mir schon aus, wie ich einer etwaigen Klage begegnen würde. Soll ich sagen, wir seien fanatische Nachtwanderer, die im Traum nicht daran dächten, in unserem Bus zu übernachten, weil wir in der Zeit doch viel zu beschäftigt seien, die Abgründe menschlicher Bosheit zu erkunden, indem wir im Mondschein über den Klippen dahinzögen, Häuser abdeckten und das Blut der Schläfer tränken, um dann erst bei Sonnenaufgang wieder in unserer blechernen Sarkophag zurückzukehren? Oder, profane Variante, dass wir erst um halbacht morgens angekommen seien, und die Vorhänge nur zugezogen hätten, um in aller Diskretion ein aufgegriffenes Eichhörnchen zu schächten? Ehelichen Umgang zu pflegen? Oder klammheimlich ein vom Kontinent eingeschmuggeltes Müsli zu verzehren? 

Diese Fotografiererei der Frau ist eine Einschüchterungsgeste, die an Haltlosigkeit kaum mehr zu überbieten ist, zumal sie selbst grade ein monströses Wohnmobil besteigt, das ebenfalls über Nacht hier gestanden hat. Nur der Form halber fotografiere ich nun meinerseits ihr Gefährt, und die Frau wird schnippisch. Sie wohnt hier in Cadgwith, und wenn sie mit dem Wohnmobil unterwegs ist, dann nächtigt sie auf legitimen Plätzen und usurpiert keinen öffentlichen Parkraum wie wir das tun. (Was so klingt, als hätten wir hier ein Zigeunerlager errichtet und als seien unsere Kinder und Kindeskinder, eine wimmelnde Sippe von Übeltätern, als Kesselflicker und Jongleure getarnt, längst auf Raubzug im Dorf unterwegs.) Da kann man nur mit den Schultern zucken und sie ihrer Ereiferung überlassen.

Und doch tut dieser Schwachsinn seine Wirkung: zwar haben wir keine realen Folgen zu befürchten, aber dieser Ausbruch von Xenophobie ist dennoch beunruhigend und verunsichernd. Wir haben die grelle Verteidigung des Territoriums und den Hass zu spüren bekommen, der auch die Pamphlete der Brexiteers mit säuerlichem Geifer getränkt hat. Wären Schwerter noch en vogue - diese Frau hätte eins gezückt, um uns wegzuhauen. In den romanischen Ländern habe ich das tatsächlich noch nie erlebt; da gibt es hier und da formelle Einschränkungen und Verbotssschilder, Privatbesitzerklärungen, aber dass jemand Gift und Galle gespuckt hätte, weil man auf einem öffentlichen Parkplatz die Nacht zugebracht hat, ist uns in den vielen Jahren nicht widerfahren (zumindest erinnere ich mich nicht daran). Doch das englische my home is my castle scheint mittlerweile so tief verankert, dass es seinen ursprünglichen Sinn verloren hat, und nunmehr in etwa bedeutet, dass auch der öffentliche Raum - eben die Allmende - zum Privatbesitz der Kommunenansässigen werden soll, enclosure und gated community. Die Briten, einst wenig scheu, wenn es darum ging, sich fremde Länder unter den Nagel zu reißen, und zumal im Lager der Brexiteers immer noch mordsstolz auf ihre imperiale Vergangenheit, sind jetzt im Verteidigungmodus, in einer grimmigen Abwehr, die es auch erlaubt, über die geltende Rechtslage hinaus Ansprüche zu erheben und Verfluchungen auszustoßen. Denn bevor wir abfahren, untersuchen wir noch das Schild am Parkautomaten: von Übernachtungsverboten ist da keine Rede, bis auf die etwas schwammige Formulierung please do not use the car park other than a parking space, was ich aber dahingehend verstehe, dass man gebeten wird, hier keinen Wagen zum Bratwurstverkauf abzustellen oder den Platz als Abschussfeld für Mittelstreckenraketen, zur Schweinezucht oder zum Verprügeln von stark geschminkten Frauen zu nutzen. (Ich bin mir aber sicher, dass die zornige Frau ihren Bürgermeister schon dazu bringen wird, einen präzisen Paragraphen in die Parkbedingungen aufzunehmen, und wenn sie ihm dazu das Messer an die Kehle halten muss.)

Wir wandern nach dieser unerquicklichen Begegnung wieder hinunter ins Dorf und dann den Küstenpfad entlang, dem Leuchtturm von Lizard Point entgegen. Es ist ein sonniger Morgen, und die Vielfalt der Cornwallschen Vegetation ist überwältigend - urwüchsige Geranienabarten neben Stechpalmen, Hauswurz und Wacholder, Mittagsblumen und Strandnelken, und jede Menge Pflanzen, die ich noch nie gesehen oder gerochen oder mir von ihnen ins Gesicht habe peitschen lassen. Hier und da ist der Pfad tatsächlich recht verwuchert, was ich berauschend finde; es ist, als würde man in ein florales Kaleidoskop eingetunkt, als feuchtes Fundstück in diese Fülle von Formen und Farben eingemengt und davon verschlungen. Je mehr mich die Erschöpfung befällt, desto stärker wird das Gefühl, dass wir uns in einen Dschungel fleischfressender Pflanzen gewagt haben, die einem den letzten Rest von Kraft abkauen. Der Leuchtturm, anfangs ein kleines Nippelchen, dann mählich erigierend, wird nie so groß, dass wir daran glauben könnten, ihn zu erreichen, bevor wir zusammenbrächen. Und selbst, wenn wir uns bis dorthin durchkämpften, würden wir es nicht mehr zurück schaffen. Entmutigt hocken wir uns auf ein paar Steine, und während wir noch vor uns hinschnaufen, gesellt sich ein Paar Wanderer zu uns, hochrot im Gesicht und jede Pore so offen, dass eine dicke Schweißperle durchpasst. Die beiden kommen vom Leuchtturm, haben zweieinhalb Stunden hinter sich gebracht und wollen nach Cadgwith. Noch zweieinhalb Stunden zum Leuchtturm? Unsere Wasserflasche geht schon jetzt zur Neige. Es dauert ungefähr vier Sekunden, um sich gegen dieses wahnwitzige Unterfangen einer Achtstundentour zu entscheiden. Wir wollen nach Catchwitch zurück, und da wir schon mal diesen Plan gefasst haben, können wir auch gleich den zwei müden Wanderern den Transfer nach Lizard anbieten, weil wir doch die netten Deutschen sind, Falschparker zwar, aber hilfreich, wo’s geht.

Im Dorf hat heute sogar der Fischladen geöffnet, nicht mehr als ein Schuppen mit kleiner Kühltheke, in der vor allem die Jakobsmuscheln unsere sofortige Begierde erwecken. Im Rückraum knackt ein Mann an einem Edelstahltisch Krebse und zerpflückt ihr Fleisch; es riecht betörend nach Meeresfrüchten und Fisch. Wir lassen uns ein halbes Dutzend großer Scallops einpacken, besorgen in dem kleinen Lebensmittelladen eine Mayonnaise mit Knoblauch und Zitronenschale - zwei Dörfer weiter angerührt - und brechen nach Lizard auf, wo wir unsere Mitfahrer an ihrem Ferienhäuschen absetzen und dann am Leuchtturm parken. Der Parkwächter, ein alter Herr, empfiehlt uns angelegentlich den Besuch des Turms und der Ausstellung, und wir stürmen sofort drauflos. Aber entweder ist der alte Herr schon etwas schusselig oder aber ein boshafter Scherzkeks, dem es gefällt, Erwartungen zu wecken, die dann enttäuscht werden, denn die Anlage, die er uns so angepriesen hat, ist heute geschlossen. Aber sei’s drum; wandern wir halt wieder ein bisschen am südlichsten Zipfel Englands herum. Die Klippen sind mit Flechten und Blumennestern überzogen, rostrot und currygelb, magenta und grün, und die Wege sind gesäumt von Primeln und Astern und Strohblumen, die meist härter und stämmiger sind als die Varietäten, die wir von zuhause kennen, und die zudem in so dichten Ballungen zusammenstehen, als könnten sie sich nur durch gegenseitigen Beistand gegen den Wind wehren, der auch an diesem milden und sonnigen Tag ziemlich launische Brisen über die Klippen wirft.

Ein Mann steht am Wegrand und schaut mit gespannter Aufmerksamkeit in eine Bucht hinunter. Wonach hält er Ausschau? Wir zücken unser Fernglas und schauen ebenfalls, doch es ist nichts von Interesse zu entdecken. Der Mann bittet uns um das Glas und erklärt sich: ein Wanderer hat ihm erzählt, dass sich in der Bucht Robben aufhielten. Seit zehn Minuten schaue er nun schon, ohne Erfolg, und das Fernglas helfe ja nun auch nicht weiter. Ich berichte von dem Parkwächter und dem geschlossenen Museum. Vielleicht ist die Robbengeschichte auch nur ein Scherz, den ein schofler Witzbold ausgeheckt hat, um sich darüber zu amüsieren, dass er jemanden dazu gebracht hat, eine Viertelstunde sinnlos ins Wasser zu glotzen? Wahrscheinlich steht der Kerl jetzt feixend in einiger Entfernung und freut sich. (Er wäre dabei aber auch nur ein Mann, der einen Mann anschaut, der ins Wasser schaut. So umwerfend amüsant scheint mir das nun auch wieder nicht.)

Am späten Nachmittag suchen wir nach einem Campingplatz. Laut Auskunft unseres Campingclubs soll es in Ruan Minor einen geben - einem Ort, dessen Name sich auch im Herrn der Ringe gut machen würde, der in Wirklichkeit aber eher als Schauplatz für etwas von Enid Blyton taugt, Fünf Freunde machen Ferien oder so. Der Platz ist aber unauffindbar, und im Dorfladen (Postamt, Zeitungskiosk, Lebensmittel und Kaffeetheke, für jeden was dabei) weiß man auch nichts von einem Camping. Doch schließlich wird mit großen Hallo ein Mann begrüßt, der hier geboren ist und alles kennt und alles weiß. Sagen jedenfalls die Leute; solange sie etwas sagen. Was sie aber nicht mehr tun, sobald dieser Bursche den Mund aufmacht. Sie kämen auch nicht dagegen an, so raumfüllend ist dessen Stimme. Wenn sein Hund (und er hat sicher einen, obgleich grade nicht bei Fuß) in fünf Kilometer Entfernung herumstreunen würde, würde ihn der Ruf seines Herren locker erreichen. Der Mann ist kaum größer als ich, zwar kräftig gebaut, aber kein aufgepumptes Muskelpaket; doch er hat einen Hof von Präsenz um sich, der gewaltig ist. Das ist jemand, der gewohnt ist, von früh um sieben bis abends um zehn an der frischen Luft zu sein und laute Kommandos zu geben, der Bäume fällt, kranke Kälber sieben Meilen weit auf seinen Schultern zum Tierarzt trägt, und Hand anlegt, wenn der Trecker allein nicht mehr weiterkommt. Dazu ist er ungemein hilfsbereit, weiß nach kurzem Nachdenken sofort, wo der Campingplatz liegt, und erteilt gleich Auskunft. Dummerweise besteht der Weg aus so vielen Rechts- und Linkswendungen, die jeweils an etwas schwer zu memorierende Punkte geknüpft sind (bei der verkrüppelten Weide den Feldweg nach links und dann nach fünfzig Yards den rechten Abzweig in Richtung Cymru’s Farm und dann dort, wo die sieben Disteln stehen, wieder nach rechts etc.), sodass ich schon nach dem dritten Abzweig den Anfang vergessen habe. Aber die eigentliche Herausforderung liegt in seinem Dialekt, der so gut wie unverständlich ist. Die verkrüppelte Weide könnte auch eine verwickelte Leine oder verdoppelte Steine sein, die Disteln genausogut Masten oder Firste, Misteln oder Kisten. Wir erklären, dass wir unsere Schwierigkeiten mit dem hiesigen Akzent haben, wir seien begriffsstutzige Ausländer, und er lächelt gütig und setzt von vorn an. Weil er das aber alles ja schon mal gesagt hat, erhöht er das Redetempo, und weil wir so schwer von Kapee sind, spricht er nun ungefähr doppelt so laut, sodass die Frau an der Theke die Kaffeetassen festhält, damit der Schallorkan sie nicht von den Borden bläst.

Dagmar zupft mich am Ärmel, und ich verstehe, was sie meint: lass ihn ausreden, und dann ohne weitere Nachfragen nichts wie weg hier. Das tun wir dann auch, bedanken uns vielmals und verschwinden.

Ich habe schon lange keinen so imposanten Naturburschen mehr gesehen. Ich hätte mir nur gewünscht, mal einen bei einer Gelegenheit zu treffen, bei der ich nicht nach dem Weg fragen muss.

Den Campingplatz finden wir dann per Zufall. (Der Trick war, bei den zwölf Disteln nach links abzubiegen.) Es ist Freitagabend, und die Wochenendcamper besiedeln die weitläufigen Wiesen. In einem großen Schuppen soll es abends Speis und Trank und Ratespiele geben, und wir sehen zu, unser Lager weitab davon aufzuschlagen. 

Hätten wir eine Leiter dabei, könnten wir jenseits der Hecke das Meer sehen. Wir könnten freilich auch einen der großzügig auf dem Gelände verteilten Picknicktische als Sockel oder Katafalk benutzen, um unsere Klappstühle darauf zu postieren, aber ein solch erhöhter Thronsitz könnte für unsere Nachbarn im ersten Moment anmaßend, spätestens dann aber lächerlich wirken, wenn wir über die Tischkante kippen. Es wird ohnehin schon zuviel dummes Zeug mit den Tischen angestellt. In fünfzehn, zwanzig Metern Entfernung zum Beispiel haust eine junge Familie. Das Pärchen ist kaum zwanzig, der Sohn vielleicht drei. (Immerhin trägt das Kind noch keine Tatoos, aber ich schätze, dass es spätestens zur Einschulung unter die Nadel kommt, um fortan stolz die Zeichen des Clans auf seiner Haut zu tragen.) Einstweilen hält die Familie bei Tischmusik aus dem Ghettoblaster Abendbrot, naja, Abendbrot ist vielleicht nicht ganz zutreffend, weil Brot nicht dabei ist. Die Kohlehydratversorgung wird von crisps (auf deutsch: Chips) bestritten und für die Proteine sind Würstchen zuständig, die gleich aus der Packung gefuttert werden, warnlampenrote Dinger, die von der abgrundtiefen Menschenverachtung der Lebensmittelindustrie Zeugnis ablegen. Das Schwergewicht des Menüs liegt aber sicherlich im Süßwarenbereich: Schokoriegel und Schaumgummi-Etwasse, die mit den roten Würstchen interessante Komplementär- und Kontrastfarbenbeziehungen unterhalten, Puddingcremes und Fruchtgummis, die, weil ja Frucht, die Vitamine zum Mahl beisteuern.

Ich weiß so genau um den Speiseplan der Familie, weil diese nach Abschluss des Essens abzog, ohne den Tisch abzuräumen, in der vollkommen richtigen Erwartung, dass dieser bei ihrer Rückkehr auch ohne ihr Zutun leer sein würde. Darum kümmert sich erstens (bei den leichteren Überbleibseln) der Wind, der uns ein paar Verpackungsreste zuweht, und zweitens Krähen und Möven, die gleich nach Aufbruch der drei über den Tisch herfallen und einen Schmaus halten, den man, nach Vogelmaßstäben, festlich nennen möchte.

Unser Schmaus ist - nach Menschenmaßstäben - ebenfalls festlich. Wir braten die Jakobsmuscheln, um die sich schöne Hörnchen Corail legen, nur mit ein wenig Knoblauch, Olivenöl, dazu ein kleiner Salat. Und Weißbrot, das wir nachmittags an einer hölzernen Verkaufskrippe ergattert haben, die wie ein Vogelhäuschen und unbemannt in einer Straßenkehre stand: in der schon ziemlich leergeräumten Auslage dieser, ich zitiere, petite boulangerie war grade noch ein small baguette und ein soda bread. Die Kassenschachtel stand offen, damit der Kunde sich das Wechselgeld selbst nehmen konnte. Ich bin sehr angetan von dem Vertrauen des Bäckers in seine Kundschaft. Es kann freilich auch sein, dass eine hochauflösende Kamera irgendwo in den Bäumen der Ehrlichkeit der Kunden ein wenig auf die Sprünge hilft.


17. Juni. Umrundung Cornwalls.


Weiterhin strahlend schönes Wetter. Mein neuer Regenmantel schmollt im Schrank. 

In Newlyn hätte ich Gelegenheit, meinem Jacken- und Westenfundus weitere skurrile Tweedstücke beizugesellen; wir stöbern in einem Trödlerladen herum, der ein Sortiment von erlesener Abseitigkeit versammelt hat. Leider passen mir die textilen Grotesken entweder nicht, oder sie müffeln selbst für meine Begriffe allzu sehr nach langjähriger Kellerhaft. Dagmar ist hochgradig erleichtert, als mir ein eigentlich interessantes Stück in den gewagten Farben Rost und Reseda, mit einem Überkaro aus Rosa und Diarrhoebraun, um drei Nummern zu groß ist. (Die Briten der vierziger bis sechziger Jahre müssen entweder Hobbit-Stockmaß gehabt haben oder Riesen gewesen sein; meine Normalgröße ist selten vertreten.) 

Ich giere nach einem Kaffee, aber in Newlyn ist nichts, wo wir einkehren wollen. Ein paar Meilen zuvor war es uns schon genauso ergangen. Wir hatten angehalten, um das englische Pendant des Mont Saint-Michel zu sehen, St. Michael’s Mount, das sich als armselig grobe Inselburg entpuppte, die mit dem edlen Kathedralbau vor der bretonischen Küste nichts gemein hat bis auf den Umstand, ebenfalls auf einer Insel errichtet zu sein. Die Cafés mit Blick auf das Monument sind Baracken, die ihre Tische auf den Asphalt des Parkplatzes gestellt haben; es sieht aus wie die Wartezone von Leuten, die ihrer Überführung auf Böcklins Toteninsel harren. 

Ein diffuses Unbehagen trieb uns weiter nach Newlyn, und das selbe diffuse Unbehagen trieb uns auch wieder aus Newlyn fort, bis wir bei Porthcornu anhielten, dem Südwestzipfel Englands. 

Von Porthcornu aus wurden ab 1870 die englischen Überseekabel in die Welt gelegt, nach Amerika, Afrika, Indien, Australien. Sie waren die Nervenstränge, welche die Kolonien mit dem Gehirn des Empire verbanden, armdicke Leitungen aus Metallsträngen, die mit Hanf und Teer und Guttapercha umhüllt waren, Botschaften aus aller Herren Länder hier empfingen oder sie in die Welt hinausschickten. Ein Museum illustriert dieses titanische Unterfangen, die Welt durch elektrische Impulse miteinander zu verbinden, die in Sekundenschnelle Nachrichten übermittelten: riesige Trossenrollen, die über den Ozeanen abgewickelt, aneinandergekuppelt und versenkt wurden, und Irland mit Neufundland, und Porthcornu mit Bombay und Kapstadt und Sidney verknüpften und so zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte alle Erdteile zu einer gemeinsamen Gegenwart, synchroner Aktualität, zusammenfassten: das war der Beginn eines neuronal durchäderten Weltorganismus, in dem die Daten nun ebenso schnell zirkulierten wie die Impulse im menschlichen Nervensystem.

Das Museum dazu ist zwar eher für Kinder gedacht, aber einige der Einrichtungen sind auch für uns interessant - zumal das Bunkersystem, das während des Zweiten Weltkriegs in den Fels getrieben wurde, um die wichtigste britische Kommunikationsstation gegen deutsche Bombenangriffe zu schützen. Es gibt einen vielleicht nicht sonderlich lehrreichen, aber atmosphärisch suggestiven Einblick in Technikgeschichte und Zeitkolorit.

Danach schlendern wir zur Bucht hinunter, von der aus damals die Kabel in die Welt hinausgeschleppt wurden. Heute wird sie von Badenden bevölkert, und der Anblick dieses feinen Sandstrands, des Felsensaums um die Bay und vor allem der des tiefblauen Meers, über den sich in wolkenloser Bläue der Himmel spannt, ist frappierend: ich habe den Eindruck, dass das Empire hier nicht nur Nachrichten aus Afrika und Indien und Ceylon empfangen hat, sondern dass durch diese Leitungen auch soviel Bilder dieser Gefilde nach England zurückgeflossen sind, dass die Bucht von Porthcornu in eine Replik von Tahitis schimmernden Ufern verwandelt worden ist, in einen Abglanz von Goas Stränden und der Gestade am Golf von Aden. Wenn man mir dieses Bild vor die Nase hielte und mich fragte, woher es stamme, würde ich wohl antworten: Seychellen?

Das ist freilich nur der erste Blick aus der Entfernung. Als wir dann über den Strand wandern und Gelegenheit haben, die Badenden zu mustern, sind wir schnell wieder am fünfzigsten Grad nördlicher Breite zurück, bei der rotglühend überflammten Haut blasser Leiber, bei Popcorn und Eistee, bei den britischen Flüchen, die manchmal von durchaus poetischer Kraft sein können, manchmal aber auch so ärmlich zusammenmontiert sind, dass sie eigentlich nur aus den Worten shit und fuck bestehen, die in wechselnder Zusammensetzung in jede syntaktische Grundstruktur eingefüllt werden können, weshalb hier auch Sätze zu hören sind wie Why do you fuck the fucking fuck, fucker? oder Fuck the fucking shit, you son of a shitfuck! (Ich zitiere aus dem Gedächtnis und kann mich darum im idiomatischen Detail irren; nicht aber in der weitverbreiteten Tendenz, sich lustvoll in vulgärer Rede zu suhlen.)

Wir überlegen, uns hier auch auf ein Stündchen in die Sonne zu legen. Früher einmal haben wir sowas genossen, doch mittlerweile verlockt mich das Strandleben nicht mehr, die Hitze, das beißende Prickeln aggressiver Solarkorpuskeln auf der Haut, der Sand, überhaupt die Unbequemlichkeit. Auch das Unbehagen an meinem eigenen Leib trägt dazu bei. Die Wampe eines Mannes in seinen Fünfzigern sollte nicht mehr muwillig entblößt werden; mit einer solchen Enthüllung tut er weder sich noch der Welt einen Gefallen. Außerdem sind wir  - es sei noch einmal in Erinnerung gerufen - nicht zum Spaß in England; dies ist eine Expedition und keine Sommerfrische.

Wir fahren weiter nach Land’s End, dem westlichsten Punkt an Englands Gestaden, und kochen dort erst einmal Nudeln, dazu ein Glas Pesto aus der Bordapotheke und Weißwein, der uns sanft in die Siesta geleitet. Danach fühlen wir uns stark genug für die Anlage, die hinter einem grausigen, pseudogriechischen Portal auf uns wartet: Land’s End ist eine Art Ferienpark, in dem zum Beispiel der Zauberer Merlin arglose Fünfjährige mit der Aufgabe betraut, die Höhle des Drachen zu suchen und dabei Feuerschluchten zu durchmessen, Untiere zu töten und König Artus zu befreien, was sicherlich ein ambitioniertes Programm für den Samstagnachmittag eines Kindes darstellt. In einem 3D-Kino kann man in die Urgeschichte der Welt eintauchen und versuchen, räuberischen Flugsauriern oder den Hörnern und den stampfenden Sohlen des Triceratops zu entgehen. Wer’s etwas lässiger mag, kann sich bei Shaun dem Schaf auf der Mossy Bottom Farm umsehen oder auf der Greeb Farm sogar echte Tiere anstaunen, füttern und streicheln. Dort arbeiten auch echte Handwerker, die man vermutlich ebenfalls füttern und streicheln darf. Doch uns ist nicht so sehr nach Handwerker-Liebkosungen zumute, und es ist mir auch scheißegal, dass Artus in Gefangenschaft schmort; warum sollte ich diesen Großkotz befreien? 

Wir wollen einfach nur ein bisschen die Aussicht genießen, die von der Terrasse auf ein paar vorgelagerte Inseln und die Klippen geht, aber bald ist die Aussicht weniger interessant als das Gebaren einer Busladung chinesischer Touristen, die soeben ausgekippt worden ist und ungesäumt damit beginnt, sich in Pose zu schmeißen. Wir haben schon letztes Jahr in Portugal die chinesische Leidenschaft für Erinnerungsfotos an den westlichsten Punkten europäischer Länder kennengelernt. Damals zog eine schier endlose Karawane von Menschen am Kreuz von Cabo da Roca vorüber, und ein jeder grinste, einfältig bis triumphierend, in die Kamera. Diesmal ist es mit einfachen Porträts nicht getan; hier wird nicht bloß geknipst, dies ist ein Foto-Shooting für Instagram (oder für einen Kalender, wie sie in Autowerkstätten herumhängen). Vor allem drei Frauen nehmen sich Zeit, beugen und recken sich lasziv, strecken - ich bedauere die Wortwahl, aber eine dezentere würde das mot juste verfehlen ihre Titten vorne und ihren Arsch hinten raus, wickeln sich um eine imaginäre pole-dance-Stange, lecken sich die Lippen oder stülpen diese vor, was überall da, wo die Bereitschaft zu oralen Sexualpraktiken signalisiert werden soll, etwa in einem Bordell, sicherlich seinen guten Sinn hat, mir hier aber nicht recht einleuchtet, es sei denn, die Frauen wären so geschäftstüchtig, dass sie neben dem Streichelzoo für Kinder und neben der Pflege der alten Handwerke in Greeb Farm noch eine spezialisierte Streichel- und Handwerksfiliale für Männer einrichten wollten. Das Gasthaus an den Klippen, ein weiß getünchtes Anwesen mit dem schönen Namen The First and Last House, das keine hundert Meter entfernt ist, hat abends ohnehin nicht geöffnet; dort könnten die Damen ein paar Geschäftsräume zur gewerblichen Nutzung nach Sonnenuntergang anmieten. Und ein Schild aufstellen: Ale and Blowjobs.

Die schönste Küstenstrecke Cornwalls liegt zwischen St. Just und St. Ives. Zur Linken dehnt sich der grüne Quilt der Anger und Felder, dahinter das Meer. Die Landschaft ist zumeist karg und eintönig, und von den lieblichen und von farbigen Gesträuchen überschäumenden Ansichten, die ich bislang immer mit Cornwall verbunden habe, ist keine Spur. Doch liegt gerade darin der spröde Reiz der Küste; die schlichten Häuser und Gehöfte aus hellem Granit; die Feldraine mit den ältesten und anspruchslosesten Gewächsen der Landflora, den Farnen; die knorrigen Astgewirre niedriger Hecken, die von kamillegelben Tuffs und Blütenpolstern gekrönt werden; und schließlich die öden und baumlosen Weiden - nirgends ist Anmut und Überschwang, und doch berührt uns diese Welt in all ihrer Reduziertheit, der Einschränkung auf Weide, Himmel und Meer, sehr stark. Verweilen will ich hier nicht, doch das Hindurchfahren ist berückend: ein entsagungsvolles, keltisches Exerzitium, eine Übung in Verzicht auf Rüschen und florale Volants: es ist Askese und ritterliche Knappheit.

Wir halten in Pendeen, um ein wenig auf den Klippen unter dem Leuchtturm herumzukraxeln und einen alten Förderturm zu bewundern, der aus der Zeit stammt, als hier noch Zinn und Kupfer aus der Tiefe geholt wurden. Ein paar Schlote ragen aus dem Gelände auf, einst die Abzüge von Hüttenöfen, jetzt nur noch Grabstelen: Monolithe, die wehmütig Kunde von der Zeit geben, als Cornwall zwei Drittel des weltweiten Kupferbedarfs deckte, und die Hälfte allen Zinns. Schon in der Bronzezeit war Cornwall der Hauptlieferant für diese Stoffe; auch in der Antike wurden die hier abgebauten Metalle bis ins Mittelmeer verschifft; selbst Phidias dürfte seine athenischen Bronzestatuen mit Importen aus Cornwall angereichert haben. Doch jetzt sind die Minen stillgelegt; die Vorkommen sind seit einem Jahrhundert erschöpft.

Pech in St. Ives. Es ist Samstagabend, und der beliebte Ort ist so überlaufen, dass es uns auch nach einer halben Stunde nicht gelingt, unseren Wagen abzustellen. Einmal folgen wir einem Parkplatzwegweiser, doch dann finden wir uns einem engen Gassengewirr wieder, in dem Scharen von Spaziergängern dahinbummeln, die uns missmutige Blicke zuwerfen: mit dem Auto hier durchzuwollen, ist nicht offiziell verboten, aber offenbar (und zurecht) auch nicht grade gern gesehen. Aber was soll man machen? Wir müssen dem System der Einbahnstraßen folgen, das uns in immer schmalere Gassen führt, durch deren Engstellen wir nur mit eingeklappten Seitenspiegeln und zauberkräftigen Flüchen passen. 

Einmal aus dem Gewirr entkommen, finden wir uns wieder genau an der Stelle, die uns hineingeführt hat. Ich versäume den letzten möglichen Abzweig, und schon darf ich den Parcours ein zweites Mal unternehmen: missmutige Blicke, Einbahnstraßen, Engstellen. Beim zweiten Mal bin ich zwar etwas entspannter, habe aber trotzdem wenig Lust, den ganzen Abend wieder und wieder diesen Teufelskreis abzufahren, und will eigentlich nur noch weg. Pfeif auf St. Ives, seine Museen (darunter ein Ableger der Tate Gallery), seine goldenen Strände, und seine Fressmeilen mit battered cod, grilled halloumi und jacket potatoes. Wir sehnen uns nach einem ruhigen Pub, wo man in der Abendsonne sein Pint Ale oder Cider schlürfen kann, und siehe, nach einer halben Stunde Fahrt bekomme ich in Portreath mein erstes Bier gezapft.

Die Terrasse des Waterfront Inn geht auf eine Badebucht hinaus, die durch einen steinernen Damm vom offenen Meer abgetrennt ist. Noch steht die Sonne hoch genug, um den Leuten auf dem Sand eine letzte Portion Abend-UV auf die rote Haut zu flämmen. Ein paar Jünglinge aalen sich dort im Glanz ihrer gut ausgebildeten und gut geölten Muskeln. Keiner tut auch nur einen Schritt, ohne geckenhaft den Bauch einzuziehen und die Brust vorzuwölben. Eine lokale Variante dessen, was meine Mutter Flitscherl nennen würde, trägt ein Top aus schwarzen Stoffstreifen, die als textiles Lametta vor ihren Brüsten schwingen. Man könnte sie nach pornographischen Maßstäben vielleicht sexy finden, aber wenn sie über den Strand geht, bewegt sie sich steif wie eine Gliederpuppe, deren Hüftgelenke unrund gelagert sind; sie will wie die Monroe gehen, bringt es aber nur zu einer ruckelnden Maschinenversion, als hätte sie keine dehnbaren Muskeln und geschmeidiges Fleisch im Leib, sondern bloß Zahnräder und Pleuelstangen. Da ist kein Schwingen und Drehen, kein Beugen, Neigen, Biegen an ihr, das ihren Gang in einen Tanz von Anmut und Gefälligkeit verwandeln könnte, nur eine harte und ruckelnde Mechanik, als hätte sich der Rhythmus irgendeiner Montagemaschine, die sie tagein tagaus bedient, auch ihrem Körper eingeschrieben, und dabei alle atmende Steuerung durch einen starren Zahnradtakt ersetzt. 

Ein junger Mann von Ende 20 lässt trotzdem die Augen nicht von ihr, ein seltsamer Typ, der unentwegt mit den Kiefern rollt, als kaue er auf einem Knochen oder einem Scheit Holz herum. Diese Zermalmungslust ist ihm bis in die Augen gestiegen und hat sich dort zu einem Gemisch aus Wut und Verzweiflung verklammert. Die Verzweiflung rührt daher, dass er kein Objekt für seine Wut findet, doch vielleicht ist es auch umgekehrt, und er ist nur wütend, weil er nicht weiß, woran er verzweifeln kann. Wäre er Muslim, könnte gut ein Selbstmordattentäter aus ihm werden; weil er aber zu britisch ist, sucht sein Blick nur nach jemandem, dem er die Fresse polieren kann, und ich schaue schön weg von ihm, um am Ende des Tages nicht doch was aufs Maul zu kriegen.

Doch wie dumm - am Nachbartisch wartet schon ein anderes Drama der Gewalt. Dort wird ein Mastinowelpe gehätschelt und liebkost. Keine fünf Monate ist er alt; noch ganz neugieriger Schnupperer, streunt er herum und kommt einen Tisch weiter einem Jack Russel zu nah, der ihn prompt kneift, woraufhin das Mastinokind sofort jaulend in Frauchens Arme flieht und zittert und bebt, weil es offenbar zum ersten Mal die Gemeinheit der Welt erfahren hat. Es beruhigt sich erst, als der böse Terrier fort ist, und der Boden unter dem Mastino ein Marschland von Angstpfützen ist.

Am andern Nachbartisch sitzt ein massiger Mann, der - dem Rot seiner Schultern nach zu schließen - den ganzen Nachmittag in der Sonne gesessen und - zweiter Schluss -  seitdem unentwegt Bier getrunken hat. Seine Gestik ist jovial geblieben, er klopft die Schultern seiner Kinder, führt nicht ohne alles Geschick Messer und Gabel, aber sobald er den Mund aufmacht, ist alle patriarchale Würde dahin, weil sein Artikulationsapparat den Betrieb weitgehend eingestellt hat; eigentlich funktionieren nur noch die Vokale und das lückenhafte Set von Konsonanten, die für Brummen, Knacken und ein verwaschenes sch zuständig sind. Am Ende erzeugt er, wenn Töne rauskommen sollen, einfach einen a-Luftstrom und macht dazu den Mund auf und zu, was etwas wie Ma-ma ergibt.

Nach und nach leert sich die Terrasse. Wer nicht nach Hause gegangen ist, steht drinnen an der Theke, schreit sich über die Lärmkulisse von AC/DC, Black Sabbath (und zwischendurch, recht erstaunlich, Celine Dion) hinweg an, und geht so allmählich von Bier auf Bier plus Gin über.

Ein Mann allerdings passt hier nicht recht in diese proletarische Geselligkeit. Er ist um die vierzig, trägt einen schwarzen Cordsamtanzug mit einem violetten Hemd, zwischen dessen offenem, weitem Kragen blauweiß geringeltes Unterzeug hervorblitzt, dazu kniehohe Schaftstiefel. Wahrscheinlich hat er keine mit Stulpen auftreiben können, sonst hätte er seine vage freibeuterhaft anmutende Garderobe sicher damit komplettiert. Auch sein halblanges Haar und der Henri-Quatre-Bart wirken, als hätte ihn ein Ausstatter von Korsarenfilmen beraten; vermutlich hängt sein federgeschmückter Schlapphut im Schankraum an einem Haken, nebst Degengehenk und Muskete.

Ohne viel Umstände knüpft er ein Gespräch mit uns an, und nach kurzem Abtasten setzt er sich zu uns an den Tisch. Wir hocken auf ein paar Runden zusammen, bis die ersten artikulatorischen Entgleisungen den Abschied einläuten. Der Korsar ist in Wirklichkeit Gärtner auf einem großen Landsitz, dessen Eigentümer den Geschmack Andrews - so sein Name - an botanischem laissez-faire teilt. Man muss die Natur nur machen lassen, das ist seine Überzeugung. Selbst karge Böden werden von ihr besiedelt, anfangs mit Farnen, jenen uralten Arten, die schon im Kambrium den Boden für alles weitere bereiteten. Farne gedeihen bei größter Dürftigkeit, und wenn der Grund von ihnen durchgearbeitet ist, spenden ihre Residuen die Nährstoffe auch für höher entwickelte Pflanzen. Die Natur ist findig; sie nutzt jede Möglichkeit, schlüpft in jede Lücke, um sich zu entfalten und Leben, und immer mehr Leben, zu generieren. Goethes Tiefurter Journal müsste Andrew zusagen, Giordano Bruno, Schelling. Andrew ist fasziniert von der bleibenden Gegenwärtigkeit der Vergangenheit, sieht das Fortleben der Saurier in den rezenten Vögeln und die Einheit des Lebendigen in der Vielfalt ihrer Abartungen: ein hen kai pan - Eins und Alles -, das auch seine Haltung zum Brexit trägt, den er für eine vollkommene Idiotie hält. Ideen von Abspaltung, Selbstbestimmung und Autarkie müssen für einen nachdenklichen Gärtner, der in seinen Beeten die Fruchtbarkeit synergetischen Zusammenwirkens vor Augen hat, als Narrheiten erscheinen; Arten, die auf ihrer Eigenheit beharrten, Spezien, die sich der Anpassung an neue Umstände unfähig erwiesen, waren immer schon dem Untergang oder jedenfalls der Marginalisierung geweiht. Austausch ist fruchtbar, Segregation leistst der Verarmung Vorschub. Dass man das in England vergessen hat und sich über jedes Fitzelchen Fremdheit empört, ist erbärmlich. Da verachtet man die Polen und ihren schauerlichen Akzent genauso wie die Pakis (die nur hier sind, weil man sie zuvor kolonialisiert hat), und die Neger (die man weniger kolonialisiert als einfach versklavt hat) - man bedient sich ihrer, zahlt ihnen schäbige Löhne, ergötzt sich am niedrigen Preis, aber sobald das Abwasserrohr wieder gängig und der Gehweg gefegt ist, soll das Gesindel gleich wieder nach Lagos, Peschawar und Warschau verschwinden und auf keinen Fall die heiligen Gefilde Englands mit ihrer Anwesenheit entweihen. (Ich bin kurz versucht, das Gespräch wieder auf Biologie zurückzulenken und ein wenig von invasiven Arten zu sprechen, die eingeborene Arten oder ganze Ökosysteme in Probleme stürzen, Kaninchen in Australien, Ziegen auf den Galapagosinseln, amerikanische Flusskrebse in französischen Gewässern, aber weil ich schließlich nicht Pakistanis mit Ziegen und Polen mit Kaninchen gleichsetzen will, spare ich mir den Ausflug.) Die Xenophobie Englands widere ihn an, sagt unser neuer Freund, und das finde ich sehr anständig. Wir erzählen von unserer Begegnung am Parkplatz von Cadgwith, als die garstige Frau ihren kommunalen Parkplatz von uns Fremden reinigen wollten. Andrew nickt, schlimm schlimm, eine solche Hexe könne nur Engländerin sein, auf keinen Fall cornish, die seien nämlich gastfreundlich. Aber mittlerweile kauften sich so viele Engländer in Cornwall ein, zerstörten althergebrachte Bräuche und Wegerechte, trieben die Grundstückspreise in die Höhe und verdürben die Sitten, sodass die alte cymrische Gastfreundschaft es schwer habe. Wenn es nach ihm ginge, sollten die Engländer Cornwall verschonen und da bleiben, wo sie herkommen. Cornwall gehöre nicht wirklich zu England, es sei keltisch, und man brauche nur einen Blick auf die Karte zu werfen, um klar zu sehen, wie Cornwalls spitzer Landzipfel sich geradezu von der Hauptinsel wegstrecke, als wolle es sich davon lösen. Wenn sich einmal durch irgendeine tektonische Erschütterung Cornwall vom englischen Festlandssockel lösen sollte und sich dann auf Frankreich zubewege und mit der bretonischen Küste zusammenschlösse, sei er zufrieden, dann sei man diese verdammten und hassenswerten xenophoben Briten endlich los, und mit ihnen auch die Polacken und Pakis und Nigerianer, die das Land verseuchten.

Wie so oft bin ich von der Begabung der Briten zum trockenen Humor beeindruckt. Kein Zwinkern trübt Andrew’s Auslassungen, keine gestischen Anführungszeichen, die den Zuhörer auf Doppelbödigkeit und Ironie vorbereiten müssen, weil er den Witz sonst nicht kapiert. Die Briten sind gewohnt, Witze zu machen, deshalb gehen sie auch davon aus, dass man sie auch ohne einführende Worte versteht. So ist gut plaudern, und wir tun’s, bis es dunkel wird und unser Freund aufbricht. Er hat noch ein paar Meilen Fußmarsch vor sich. 

Wir begnügen uns mit ein paar Schritten zur Molenmauer. Rechts über uns erhebt sich ein turmgekrönter, schwarzer Hügel; über der weindunklen See schimmern glatte Bänder aus Perlmutt, die von dunklem Rosa zu Orange und Gelb übergehen, in das sich schließlich ein paar Fäden hellen Grüns einweben, bis der Himmel darüber in tiefem Indigo alles umfasst.


18. Juni. Chapel Porth Beach, Padstow, Tintagel


Chapel Porth Beach ist eine kleine Bucht bei St Agnes, auf deren Klippen wir ein Stündchen oder zwei herumwandern wollen. Auch hier ist altes Minengebiet: die Ruinen der Maschinenhallen, Fördertürme und Gießereien ragen melancholisch auf. Aus der Entfernung wirken sie weniger wie Bergbaubrachen denn wie die verlassenen Liegenschaften eines Klosters, in dem Mönche jahrhundertelang der Eitelkeit allen irdischen Trachtens und Treibens nachgesonnen haben. 

Violette Tuffs blühender Heide flecken das grüne Gestrüpp der holzigen Sträucher, die schon abgeblüht sind oder der Blüte noch entgegenwachsen. Schmale Pfade führen hindurch. Der wolkenlose Himmel und das kobaltblaue Meer leuchten so stark, als hätte Gottvater heute seinen farbkräftigsten Tuschkasten ausgepackt. Er hat ja auch allen Grund dazu: in England ist Vatertag.

Die Straße nach Newquay und dann weiter nach Padstow ist weniger reizvoll als erhofft. Ödes Ackerland, öde Weiden. Um dem Weg ästhetisch etwas abzugewinnen, darf man nicht verwöhnt sein, und auch die Ansiedlungen, die wir passieren, sind alles andere als anziehend. Sollte man mit dem Namen Cornwall nur Stechpalmen und Rhododendronblüte verbinden, blumenberankte Cottages und vom Golfstrom befächelte Lieblichkeiten, wird man von der Einfallslosigkeit, die den Schöpfer in diesem Teil der Erde überkommen hat, frappiert sein. Das Land liegt zumeist offen und flach da wie aufgebahrt, eine obszöne Gabe für Nekrophile. Hier an der Küste hat der Wind alles weggebügelt. Es mag sein, dass die Häuser innen sehr behaglich sind; von außen wirken sie wehrlos und nackt. Die weißgetünchten, steifen Fronten stehen gegen den Wind, in militärischer Ungerührtheit und mit stiff upper lip, und selbst, wenn es sich um größere Anwesen handelt, denen die Wohlhabenheit ihrer Besitzer anzusehen ist, eignet ihnen fast immer etwas kalt Funktionales: ich habe selten Villen gesehen, die eine so baracken- oder kasernenhafte Anmutung auf der Stirn tragen. Das wird wohl seine Gründe haben. Hochwachsende Bäume im Garten zu pflanzen ist kaum empfehlenswert, ein Sturm könnte sie allzuleicht ins Dach krachen lassen; darum spart man an schattenspendender Umhegung und an allem, was im Fall eines Orkans gegen die Mauern fliegen könnte. Da steht nur, wie geschoren, das Haus auf seinem Grundstück. Ich brauche eine Weile, um zu verstehen, was diesen Eindruck von Nacktheit erzeugt - es ist die Geschlossenheit des Baukörpers, sein Verzicht auf alles, was hervorragen, auskragen, herausstehen, und so Angriffsfläche für den Wind bieten könnte. Fast nie gibt es einen Dachvorsprung, auch Erker, Balkone, Gesimse fehlen. Diese im Windkanal entwickelte Glattheit macht die Häuser so ausdruckslos und schweigsam und trübsinnig.

Padstow bietet dann ein anderes Bild, zumindest in der Mündungsbucht des River Camel. Der Fluß ist türkisblau und hübsch von kleinen Jollen belebt. Von der Terrasse des viktorianischen Metropole-Hotels hat man einen schönen Ausblick auf die Bucht und die Vorgärten gegenüber, in denen Stechpalmen, Agaven, und Araukarien wachsen, Sträucher mit gelben und roten Blättern, und zu akkuraten Kegelstümpfen beschnittene Taxusbüsche. Dem Betrachter wird allerdings nicht der Anblick der Wellblechhallen erspart, die das Ufer verunstalten. Auch die lokale Küchengröße Rick Stein, wegen dessen Umtriebigkeit bereits die Umbenennung von Padstow in Padstein erwogen wurde, hat hier ein Deli und einen Fish’n’Chips-Laden eingerichtet, vor dem die Leute Schlange stehen. Ambitionierter ist sein Seafood, in dem eine gebratene Seezunge für 45 Pfund zu haben ist, ein Hummer Thermidor für 60. Aber auch dieses noble Etablissement verzichtet nicht auf Local Hake, Chips and Tartare Sauce, was letztlich nichts anderes ist als das unverzichtbare Fish’n’Chips-Gericht. Allmählich glaube ich, dass ein britisches Gesetz alle Pubs und Restaurants zwingt, es anzubieten, und vermutlich gäbe es sogar einen Verfassungsartikel dazu, wenn das Königreich denn eine Verfassung hätte.

Wir wollen heute aber noch einmal einen Versuch mit Sunday Roast machen. Im Hafen ist Mordsbetrieb; alle Läden sind geöffnet, auf den Caféterrassen herrscht Trubel, und am Market Strand sind schon die Notenständer der Helston Townband aufgestellt. Von den Ständern hängen ihre mit Goldfransen gesäumten Wappenbanner, die ein tanzendes Paar auf blauem Grund zeigen, er in Cut und Zylinder, sie im Regency-Kleid.  Aber Tanzmusik spielen sie hier nicht, und als Blaskapelle (wie ich erst dachte) kann man dieses fein eingestellte Orchester auch nicht bezeichnen, das sich für heute das Concierto de Aranjuez vorgenommen hat. Der Fandango im ersten Satz wird schwungvoll und doch delikat intoniert, und auch das klagende Jagdhorn des zweiten Satzes ist sehr zart und diszipliniert - nirgendwo verliert sich das Orchester in andalusisch lodernder Leidenschaft oder in sentimentalem Geschmachte. Für eine Matinée auf einer Strandpromenadeist das  ein erstaunlich subtiler Auftritt. 

Subtilität kann man dem Sunday Roast, den wir danach essen, allerdings nicht attestieren. Er ist zwar um Klassen besser als unser erster Versuch in Hastings, aber der wäre auch schwer zu unterbieten. Statt des Yorkshire Puddings, den wir in Hastings als feuchten Gummiklumpen kennengelernt haben, gibt es hier einen luftigen Windbeutel; ein Klacks Steckrübenpüree gefällt ebenso wie der der mit etwas Hollandaise nappierte Blumenkohl. Der Rest des Gemüses ist allerdings katastrophal wie immer, in salzlosem Wasser zu wenig gegarte Möhren, dazu ein paar quasi rohe Streifen Spitzkohl. Es hat keinen Sinn, solches Gemüse nachträglich zu salzen; mit Salz gegartes Gemüse wird aromatisch; salzt man es hinterher, bleibt es ein fades Etwas mit aggressivem Natriumchlorid darauf. Die Kartoffeln sind eine mehlige, ältlich schmeckende Masse, und das Beste, was man von diesem trockenen und zähen Fleisch sagen kann, ist, dass man wenigstens darauf verzichtet hat, die ohnehin zugrunde gerichteten Scheiben post mortem  noch in dieser Bratensoße mit dem sinistren Namen Gravy zu ertränken. Wir hätten doch zu Rick Stein gehen sollen, wo es Schwarzes Tintenfischrisotto aus Kroatien, Oktopus aus Galizien, Sashimi aus Japan, Ceviche aus Chile, Meeresfrüchte à la Dieppoise aus Frankreich oder Wolfsbarsch mit Salsas und rotem Reis aus Mexico gegeben hätte. Ach ja - das englische Gericht auf der Karte nicht zu vergessen: Fish’n’Chips.

Um halbfünf kommen wir in Tintagel bei König Artus’ Burg an, vielmehr dem, was davon übrig ist, also fast nichts, aber von Artus hat die Geschichtswissenschaft ja auch nicht viel übriggelassen. Auf dem Klippenplateau steht eine modernistische Skulptur des mythischen Königs, die sich fast nur auf die Bronzestreifen seines zerrissenen, bodenlangen Umhangs stützt. Sein Brustkorb ist leer; die Hände, die Exkalibur auf die Erde stemmen, kommen aus dem Nichts seines Oberkörpers; seine Hosen sind für stämmige Beine gemacht - jetzt schlägt der Stoff üppige Falten um dürre, abgezehrte Waden. Er ist ein König im Verfall, löchrig, oszillierend zwischen Sein und Nichts. Ein altes Gespenst.

Welche Rolle wohl Artus für die Briten von heute noch spielen mag? 

Nachdem Artus nach vielen Kämpfen den Sieg über die Sachsen errungen hatte, begann die glanzvolle und gemütliche Friedenszeit der Tafelrunde. Sie ging zu Ende, als ein Sendbote Roms Tributzahlungen verlangte, und Artus mit seinem Heer gen Rom zog, um die frechen Forderungen vom Kontinent zurückzuweisen. 

Ist das Artus-Narrativ so tief in das Unterbewusstsein der Briten eingesickert, dass sie auch das letzte halbe Jahrhundert nach dieser Maßgabe deuten? 

Der erfolgreiche Krieg gegen die Sachsen entspräche dann em Sieg über die Deutschen im WK Zwo; der Friedenszeit danach entsprächen  die glorreichen Jahre des Aufschwungs (die freilich auf dem Kontinent um einiges glorioser ausfielen als für das Britische Empire, das nach und nach seine Kolonien einbüßte, und bald unter Inflation und Arbeitslosigkeit litt). Und der Sendbote Roms, der Tribut fordert - wird er nicht von der Europäischen Union verkörpert, deren Forderungen England immer zurückzuweisen bestrebt war? Als Maggie Thatcher mit ihrer Handtasche aufs Rednerpult in Brüssel einhieb und I want my money back! schrie - führte sie da nicht symbolische Schwertstreiche mit Excalibur, um die dreisten Postulanten vom Kontinent in ihre Schranken zu weisen?

Ich gebe zu, die Parallelen sind vage. Aber politische Mythen sind ja meist nebulös und vieldeutig. Sie dienen allen Herren, die sie je nach ihrer Façon auslegen wollen. Und die Artus-Legende scheint mir selbst für die Sun genug Potential zu bieten, sie auch auf die Stimmungslage zu beziehen, die zum Brexit geführt hat: Artus war ein Kämpfer gegen die Invasoren - so wie Nigel Farage, der zwar keinen sächsischen Kriegern die Köpfe abhauen wollte, aber doch den polnischen Klempnern die Pömpel entwinden. 

Europa war für die Briten schon unter römischer Herrschaft und ist nun in der translatio imperii auf Brüssel erneut ein habgieriges Reich, das sich an den Schätzen Englands vergreifen will. Doch das britische Volk widersteht den Zwingherren aus Europa und verteidigt mit erhobener Schwerthand seine Souveränität - das könnte die von weit herkommende Moral von der Geschicht sein.

So weit, so gut. Doch wenn dies tatsächlich das im Hirnschatten wirkende Narrativ der Brexiteers sein sollte, dann vergessen sie das Finale der Legende: Artus vertraut sein Reich seinem Neffen Mordred als Verwalter an, als er gegen Rom zu Felde zieht. Mordred aber verrät ihn, hetzt Artus’ Vasallen gegen ihren König auf und setzt dessen Gemahlin Guinevere gefangen. Artus eilt zurück und kämpft gegen Mordred; zwar tötet er ihn, empfängt in diesem Schwertgang jedoch eine Wunde, die ihn nur durch seine Entrückung ins mythische Nebelland Avalon im Zwischenreich von Leben und Tod erhält, von wannen er wiederkehren wird.

Wenn man nun daraus eine Lehre ziehen will, so ist es die, dass die wahren Feinde selten von außen kommen (nur ein Sendbote einer Macht, die zur Zeit des Wachstums der Mythe nur noch eine ferne Erinnerung war, soll die Krise ausgelöst haben?), sondern von innen und von nahe (Neffe und Lehensmänner, vielleicht der Freund Lancelot, der mit Guinevere tändelte). Der Verrat und die Untreue brüteten in den Herzkammern der Macht, kaum an ihren Rändern. Artus’ Reich ging nicht durch Rom zugrunde, sondern durch inneren Zwist, durch Neid, Rivalität und Missgunst - und das wäre dann die andere Moral von der Geschicht.

Tintagel wird übrigens nicht vom National Trust verwaltet, sondern von English Heritage, einer ebenfalls gemeinnützigen Organisation zur Denkmalspflege. Mir wird erst spät, bei einem Gespräch mit zwei Brexiteers in den Yorkshire Dales, der ideologische Unterschied aufgehen, den zumindest dieses Ehepaar zwischen den Vereinen macht. Sie sind seit langen Jahren Mitglieder von English Heritage, während der National Trust von ihnen geringgeschätzt, wenn nicht verachtet wird. English Heritage ist in ihren Augen der Hüter der tiefen Tradition Englands: das neolithische Stonehenge, das eisenzeitliche Maiden Castle, das vermeintlich keltisch-britische Tintagel  - das seien die Stätten des wahren britischen Volkstums. Der National Trust hingegen habe die ehemaligen Besitzungen der Lords und Peers unter Kuratel, jener Landräuber und Zwingherren, die das Volk enteignet, ausgebeutet und ihrer Rechte beraubt hätten. Und nun wird dort der obszöne Prunk dieser adeligen Diebesbanden und der Reichtum der Industriellen und Expropriateure ausgestellt und als Englands geschichtliche Blüte angepriesen, wo es sich in Wahrheit doch nur um das Zeugnis der Erniedrigung und Entrechtung des Volks handle.

Wie sollten Leute, die für solche Denkfiguren empfänglich sind, nicht der Artussage huldigen und in ihr einen Schlüssel für das Schicksal des Landes erkennen? 

An diesem Abend in Tintagel, den wir auf der Terrasse des King Arthur’s Arms an einem klebrigen Tisch beschließen, ist mir die Tragweite unseres Besuchs auf der Felsenklippe noch nicht bewusst. Ich ahne nicht im Mindesten, wie tief pompöser Heroismus und ein Hang zu apokalyptischer politischer Romantik hier verwurzelt sind. Erst jetzt, da ich die Bilder der Burgruinen und der gespenstisch ausgehöhlten Artusskulptur auf dem kahlen Steinplateau wieder ansehe, merke ich, wie sehr die Briten solch düsteren Szenarien vom Standhalten auf karger Flur, von Entscheidungsschlachten zwischen dem Reich des Bösen und dem Licht der Freiheit verfallen sind. Der Brexit ist vermutlich mehr als allen sachlichen Argumenten einer Obsession für das Genre der Fantasy geschuldet; ohne die Verfilmung des Herrn der Ringe und Harry Potters, die das Gefühl der Bedrohung durch dunkle Mächte ins limbische System der Briten gepresst haben, wäre der Entscheid womöglich anders ausgegangen.


19. Juni. Clovelly, Exmoor, Montacute


Clovelly ist ein Dorf an Cornwalls Nordküste, das durch einen starken Zauber davor bewahrt werden soll, von Massen und Übermassen von Besuchern heimgesucht zu werden. Der Zauber heißt Eintrittsgeld, aber wie so oft reizt ein Abwehrzauber mehr als sein Fehlen, ihn zu übertreten. 

Heute, am Montag, vor der Saison, ist der Parkplatz nicht ausgelastet; aber man kann sich vorstellen, wie es hier an anderen Tagen zugeht; der Laden mit den Souvenirs ist eine weitläufige Halle, mit Dingen so vollgestopft wie eine Zwergenhöhle oder Harry Potters Winkelgasse. 

Hat man diese erste Prüfung durchmessen, erweist sich Clovelly als recht malerisch, was in der Diktion unserer Reiseführer das Codewort ist für: kitschig, reizvoll für Senioren und Kinder, voll verlogener Nostalgie und dreister Abzocke. Es ist allerdings auch recht hübsch, was man nicht unterschlagen sollte. Kieselgepflasterte Pfade führen von der Klippe steil abwärts zum Hafenbecken. Die Einwohner bringen ihre Lebensmittel in Schlitten hinunter, deren Kufen die Treppen besser bewältigen als es Räder könnten; es kann aber auch sein, dass man an dem Brauch nur festhält, weil er so malerisch ist. Freilich ist nur der Brauch malerisch, und nicht die Schlitten: das sind grob zusammengezimmerte Lattengerüste mit draufgeschraubten Plastikkisten. Zwar lehnen auch ganz aus Holz gefertigte Schlitten an den Hauswänden, aber aus eher dekorativen Gründen. Wer hier wohnt, zieht den häßlichen und leichtgewichtigen Kunststoff allemal den schweren Holzplankengefährten vor.

Wir schauen uns eine Methodistenkirche an. Besichtigen wäre wohl der falsche Ausdruck für etwas, das in seiner kargen Nüchternheit schon mit einem Blick zu erfassen ist. Die ikonographischen Finessen der Papisten erspart man sich; ein paar naive Malereien genügen, um die wesentlichen Glaubenstatbestände in Erinnerung zu rufen, ein Engel bei der Verkündigung, ein Kreuzestod, und ein Waschbecken mit einer Armatur von Grohe, damit der Priester sich nach der Messe die Hände in Unschuld waschen kann. Wie ich diese Nüchternheit verabscheue! Diese Bravheit und Moralität widert mich in all ihrer frömmelnden Armseligkeit an. Es ist eine Kirche, die kaum vom Abstellraum einer Putzfrau zu unterscheiden ist, ein Ort nicht des jubelnden Überschwangs, sondern bloß der Verklärung des arbeitsamen Alltags. Wenn das Wort Gott einen Sinn haben sollte, dann bete ich inniglich, dass er nicht einfach in der Rechtfertigung und religiös bemäntelten Perpetuierung dröger Mühsal bestünde, sondern in Rausch und Überschreitung. Doch hier wird nur bürgerlich gepredigt: Fleiß und Askese, seelische Demut im Angesicht einer bürokratischen Gnadenverwaltung; Tugendlehren und Verzicht.

Doch mein Abscheu vor diesem Puritanertum kehrt sich um, als wir das einstige Privathaus einer Fischersfamilie besuchen, das jetzt zum Museum umgewidmet ist. Ein sehr bescheidener Wohlstand, der Reinlichkeit und Fürsorge atmet; Fleiß und vielleicht sogar Ehrbarkeit waren hier zuhaus. Kinder wuchsen hier wahrscheinlich in strenger Zucht auf, die zu ihrem Besten sein sollte. Frömmigkeit war ein Schild gegen die Not, die Gemeinde eine Schutz- und Hilfsgemeinschaft, die Gottesdienste waren Trost und, mag sein, Stärkung für die Mühen der Arbeitswoche. Plötzlich schäme ich mich meiner Hochnäsigkeit, die in der methodistischen Nüchternheit nichts als verkniffene Freudlosigkeit sehen wollte; den Rausch zu wollen, ist immer einfach, wenn man ihn sich leisten kann und nicht für Frau und Kinder sorgen muss. Aber welchen Ort hat der Überschwang, wenn man vor der Morgendämmerung ausfährt, um seine Netze auszulegen oder zwölf Stunden im flackernden Dunkel der Minen den Hammer führt, bevor man schließlich schwer wie Blei die Treppe zu seiner Schlafstube hinaufwankt? Auch der Methodismus ist eine Religion, die aus bestimmten Bedingungen entsteht und auf bestimmte Bedürfnisse antwortet; Überheblichkeit ist vollkommen fehl am Platz, wenn man der Not begegnet. Und, gemessen an der Not dazumal, war der Methodismus nicht die schlechteste Antwort.

Heute freilich ist Clovelly kein Ort des Elends und der Mühsal mehr. Es ist keine Not, wenn in einem Laden unfassbar kratzige und schlampig abgesäumte Tweedjacken von 500 auf 450 gnädige Pfund herabgesetzt werden, es ist schlicht Dreistigkeit. Mag sein, dass diese Stoffe von blonden Jungfrauen auf einem knarrenden Webstuhl aus dem Jahr 1750 gewoben wurden, und dass damit eine kostbare und historisch bedeutsame Tradition fortgeführt wird, aber heutzutage sind solche Dinge einfach Gegenstände, die nur noch der Distinktionslust von hochspezialisierten Dandys und Tweed-Aficionados dienen. Darauf kann man man getrost pfeifen, genauso wie auf die buntbemalten Vogelhäuschen, die Knochenmobiles und Muschelmosaike, die von schlichten Künstlerseelen neben ihren Haustüren feilgeboten werden, und auch die Halle mit all den Souvenirs und Paraphernalien, Cornish Pastry und Regenschirmen mit lokalen Motiven, Rezeptsammlungen und Radiergummis, Reiseführern und Servietten, Tassen und Bleistiften - wir können das alles links liegenlassen und uns davonmachen, soschnellwiesgeht.

Wir halten uns westwärts in Richtung des Exmoor-Nationalparks. Wälder und Hügel, Hochplateaus mit Heide, business as usual. An einem Wanderparkplatz braten wir uns Gemüse und ein famoses englisches Steak, das vier Wochen am Knochen reifen durfte. Englische Küche - ich fürchte, ich hab es schon mal erwähnt - ist kein Vergnügen, aber Fleisch abhängen lassen, darauf versteht man sich hier. 

Der Platz ist reizend; ein Bächlein rieselt, und auf der saftgrünen Wiese steht ein Baum, der so üppig belaubt und wohlgerundet ist, dass er aussieht wie der grüne Krinolinenunterrock einer einbeinigen Barockprinzessin. Wir trinken ein halbes Fläschchen Wein zum Essen, legen dann die Füße hoch, ich lese noch ein wenig im Tristram Shandy, bis ich sanft entschlummere und mit der kraushaarigen Prinzessin eine hüpfende Gigue tanze, und dann aber etwas rieche wie elektrisch überhitzte Kohlekontakte und feststellen muss, dass sich meine Tanzpartnerin in einen verschmorten Klumpen Teer oder eine Blumenrabatte verwandelt hat; der Traum lässt offen, was genau er mit dieser Mamsell anstellen wollte.

Am frühen Abend erreichen wir Montacute und steuern sofort den ersten Pub an. Doch der King’s Arms Inn will keine Leute, die auf seinem Parkplatz die Nacht zubringen, also trinken wir nur eine Halbe in dem Biergarten am Hang, nebem dem irgendein Volltrottel den Motor seines Wagens laufen lässt, offenbar aus keinem anderen Grund als weil ihn das Geräusch eines tuckernden Motors des Fortbestands der Welt versichert. Es ist ein allein dasitzender Mann, der gebeugten Hauptes seine Haarspitzen in sein Pintglas tunkt und dazu einen imaginären Disput mit wem auch immer führt (vermutlich seiner Frau oder seiner Ex, er ist ein Mann der Zerrüttung und des Haders). Womöglich wäre es interessant, das abendliche Anwachsen seiner Wut und seiner Klage zu verfolgen, aber wir wollen uns dann doch lieber einen Übernachtungsplatz sichern, solange es noch hell ist. Ein paar Kilometer weiter liegt das Mason’s Arms, das über einen tipptopp geschorenen englischen Rasen für Campinggäste verfügt sowie über ein Gehege für psychotische Hunde, die hier von ihren Marotten und Nervenleiden geheilt werden sollen (oder einfach Ruhe vor ihren bescheuerten Herrchen brauchen). Wir verbringen die Dämmerungsstunden im Biergarten des Pubs zwischen Gärtnertod und Blauregen, Tränenden Herzen und Bienenweide, bis die Nachtigallen zu singen beginnen.


20. Juni. Montacute, Sherborne, Shaftesbury.


Am Morgen wieder ins Dorf zurück, um Montacute House zu besuchen, ein elisabethanisches Manor aus dem warmgetönten, ockerroten und sandgelben Stein der Gegend, mit dem auch die Häuserreihen des Dorfes gemauert sind. Heute flattern noch die Girlanden eines Festes, das wohl am Wochenende stattgefunden hat, zwischen den Häusern im Zickzack über die Straße. 

Das Haus ist überaus schön; beim Näherkommen imponiert erst die majestätische Größe, dann, sobald wir davorstehen, die vergleichsweise bescheidene und nüchterne Gestaltung der Fassaden. Die Volutengiebel nach flämischer Art, welche die zwei Seitentrakte krönen, haben angesichts der dekorativen Zurückhaltung des Ganzen fast schon eine Anmutung von liederlicher Verspieltheit. Es ist eine bezeichnende, sehr nordische Variante der Renaissance, die fast ohne antikisierende Elemente auskommt, und doch in ihrem Gefühl für Proportion und Gliederung, für Symmetrie und Rhythmisierung, einige Kenntnis der italienischen Palazzi der Epoche vorauszusetzen scheint. Daraus ist eine Renaissance ohne die konkreten Elemente dessen entstanden, was das Vorbild einmal ausgemacht hat. Es fehlen die kanellierten Säulen und die Kapitelle; es fehlen Tympanon und Architrave, die ganzen Paraphernalien und Versatzstücke griechisch-römischer Baufolklore. Warum nur will man das trotzdem Renaissance nennen? Hier wird ja eigentlich nichts wiedergeboren, sondern allenfalls wiedererfunden. Natürlich hatten die Baumeister alle ihren Vitruv in der Tasche, und es kam doch Eigenständiges dabei heraus

In der Evolutionstheorie spricht man bei solchen Fällen von Konvergenz, und meint damit den Umstand, dass Gattungen, die vergleichbare ökologische Nischen bewohnen, einander ähnliche Organe entwickeln, ohne dass man daraus ableiten könnte, sie seien in irgendeiner Weise erbverwandt. So scheint es mir auch hier: die nördliche Renaissance bedient sich nicht der gleichen Gliedmaßen und Organe wie die südliche, die beiden spielen nicht die selben Instrumente, aber sie kommen mit anderen Mitteln zu ähnlichen Folgerungen. Manche Insekten haben Grabschaufeln entwickelt, die denen von Maulwürfen vollkommen analog sind, und doch haben sie ganz verschiedene evolutionäre Wurzeln. Die Natur hat die Grabschaufel mehrfach erfunden, und so übernimmt auch die englische Renaissance nicht das Material der italienischen, sondern nur ihre proportionale Rationalität und ihren Willen zum gebändigten Ebenmaß.

Auf dem gekiesten Platz vor dem Haus warten zwei Paare in elisabethanischen Kostümen. Die Männer tragen Kniehosen und Schnallenschuhe, dazu weiße Hemden mit Spitzeneinsätzen und Rüschen; an ihren Samtkappen stecken Reiherfedern. Eine der Damen ist in ein reich besticktes Kleid mit weiten Trompetenärmeln gehüllt. Ihr tizianrotes Haar wird von einem goldenen Reif gehalten, an dem eine Kapuzenhaube aus Seide befestigt ist. Die zweite Dame ist schlichter gekleidet: ein einfaches weißes Kleid unter einem scharlachfarbenen Mantel, dazu eine linnene Haube, die sie ein wenig aussehen lässt wie eine Frau, die eben erst aus dem Bett gestiegen oder auf dem Weg in die Badestube ist.

Die zwei Paare führen nun einige Tänze vor, deren steife Reigen-, Schreit- und Drehfiguren offenbar die Vorläufer des höfischen Menuetts sind. Hier ist seine Herkunft aus einem eher bäuerlichen oder bürgerlichen Milieu zu ahnen. Die Paare ermahnen sich mit erhobenem Zeigefinger zweimal rechts, zweimal links zu ehelichem Wohlverhalten, stemmen die Arme entrüstet in die Hüften, geben sich, einmal links, einmal rechts, versöhnliche Küsschen, und schreiten dann unter Drehungen weiter. Kann es wirklich sein, dass aus solchen ritualisierten Kommunikationsgesten das scheinbar so selbstzweckhafte Menuett entstanden ist? Oder sind auch im Menuett und all den anderen höfischen Tänzen - der Sarabande, der Pavane, der Allemande etc. - noch kommunikative Reste verborgen, die nur so zeremonialisiert und sublimiert sind, dass man ihren Ursprung vergessen hat? Gesten des Respektserweises, der Unterwerfung, des Werbens, des Scheltens, Gesten von Angriff und Abwehr - eine Posturengrammatik des guten Benehmens? Sollte mir einmal ein Buch über die Sinngeschichte des Tanzes in die Hände fallen - vielleicht ein nachgelassenes Manuskript von Norbert Elias - würde ich sogar für eine Weile den Tristram Shandy aus den Händen legen. 

Die Tänzer haben mittlerweile eine Schar von Kindern um sich versammelt, die einige Mühe haben, die Figuren mitzumachen. Eine Weile ergötzen wir uns an dem keineswegs glatt abschnurrenden, sondern überall kollidierenden und hakelnden Reigen, bis der Niedlichkeitsvorschuss, den man Zweitklässlern einräumt, aufgebraucht ist. Aber dann verfügen wir uns in den Garten zu den ovoiden Formbäumen, die wie eine Garde von schmerbäuchigen Soldaten auf dem Rasen Parade stehen. Die Eibenhecke, die den Garten begrenzt, ist nicht glatt und grad beschnitten: überall wölben und blähen sich Laubwampen und -brüste, Buckel und opulente Hintern - es ist ein grünes Fest runder Leiblichkeit, bei dem sogar ich mich wohlfühle und meinen Schmackofatzenwanst rausstrecke. Die Zurückhaltung der Gartenanlagen sagt mir heute sehr zu; nach den Cornwall’schen wilden Gärten finde ich die Nüchternheit dieser einfachen Tudor-Rasenflächen recht angenehm. Hier tobt sich kein botanischer Furor aus; ein paar farbenfrohe Rabatten genügen, um daran zu lustwandeln, der Rest ist schlicht eine Wiese, auf der man Federball spielen konnte, Bogenschießen, Kegelwerfen oder Bowls, und sich vielleicht auch im Schwertkampf oder Lanzenstechen übte.

Auch die große Halle im Manor ist schlicht gehalten. Hier ist nichts von der überbordenden Sammelwut, die in manchen der bisher besuchten Adelshäuser mit ihren Kollektaneen, Memorabilien und Nippesausstopfungen so beklemmend wirkte. Hier stehen ein paar Zinnteller auf Borden, Familienbildnisse hängen an den Wänden; Truhen, ein Tisch, und das war’s. Doch was ich als noble Zurückhaltung empfinde, ist nur dem Umstand geschuldet, dass Montacute House über Jahre unbewohnt und leergeräumt war. Erst, nachdem es dem National Trust übertragen wurde, begann man, die alten Gemäuer wieder mit Möbeln aus Trust-Beständen zu bestücken. Je tiefer wir in die Wohntrakte eindringen, desto mehr füllen sich die Räume auch mit Gobelins und Wappenfriesen, mit reich geschnitzten Kommoden und Täfelungen, erlesenen Intarsienarbeiten, Stuckreliefs, und ab und an auch Gegenständen moderneren Komforts, wie zum Beispiel ein Badezimmer mit fließend Wasser, das Lord Curzon, vormaliger Vizekönig von Indien, seiner Mätresse, der verruchten Schriftstellerin Elinor Glyn, in einem Winkel ihres Boudoirs hatte einbauen lassen. Mrs Glyn scheint eine faszinierende Frau gewesen zu sein, deren grüne Augen manch britischen Aristokraten betörten. Eine ihrer Affairen betraf den jüngeren Bruder des Duke of Roxburghe, und das hätte, obwohl Mrs Glyn verheiratet war und zwei Töchter hatte, in der edwardianischen Gesellschaft wohl wenig Aufsehen erregt, wenn sie, erstens, nicht einen kaum verklausulierten Roman darüber geschrieben hätte, in dem sie sich selbst als Königin eines Balkanreichs imaginierte, die einen britischen Adligen verführt, und wenn, zweitens, dieser ihr Gespiele nicht bloß süße sechzehn Jahre alt gewesen wäre… Elinor Glyn verdankt die Nachwelt auch den Ausdruck It für die charismatisch-verführerische Kraft des Sex-Appeals, von der jedes It-Girl von Eva über Helena bis zu Clara Bow und Wie-heißt-doch-noch-die-ohne-Höschen zehrt. 

Die einige Jahre währende Liaison Glyns mit Lord Curzon endete, als sie nach einer gemeinsam verbrachten Nacht am Frühstückstisch aus der Zeitung erfahren musste, dass ihr hochmögender Liebhaber sich mit einer reichen irisch-argentinischen Witwe verlobt hatte. Einer der allgegenwärtigen Freiwilligen erzählt uns diese Geschichte, und von da an mustere ich in jedem Raum sorgfältig die Täfelung, ob sich Kerben von zerschmissenem Porzellan oder Brandspuren des Feuerstrahls finden, den die hintergangene Elinor ausgefaucht haben muss. Nicht lang nach dieser Enttäuschung ging sie nach Amerika, verfasste für Randolph Hearsts Cosmopolitan Beauty- und Gesundheitskolumnen und schrieb bald in Hollywood Drehbücher, deren Verfilmungen mit Gloria Swanson und Rudolpho Valentino besetzt waren, zweifellos die Its ihrer Zeit.

Es ist seltsam, in diesem gediegenen und von Ehrwürdigkeit erfüllten Haus Geschichten von solch flitterflatterhaftem Ruhm zu hören, in denen der Erfolg schnell aufflackert und ebenso schnell wieder erlischt. Ich bin geneigt, derlei für ein Hollywood-Phänomen zu halten, in dem aus Werbung und gossip ein kurzlebiges Spektakel zusammengerührt ist. Doch sind nicht auch die Geschichten um Heinrich VIII, Maria Stuart und Elisabeth erfüllt von Verrat und Propaganda, Society-Gerede? War Ann Boleyn wirklich sehr viel mehr als ein Starlet, das aus der Gunst des Produzenten gefallen ist?

In der großen Galerie im zweiten Stock, in der heute die National Portrait Gallery einen Teil ihrer Bestände ausstellt, sehen wir auch Bildnisse einiger der Protagonisten jener Zeit, wenn auch nur als (allerdings gute) Kopien: eins von Holbeins Portraits des Königs, eines aufgeschwemmten Mannes, der auf den ersten Blick den Betrachter nur wie ein mürrischer, aufgeplusterter Hamster anstarrt, dessen Gesichtsausdruck aber, je länger man das Bild auf sich wirken lässt, immer vieldeutiger und undurchsichtiger wird. Man kann Heinrich für einen durchtriebenen, boshaften Charakter halten, einen geilen Lüstling, der nach seiner Beute Ausschau hält. Doch könnten seine Augen auch weniger von kalter Berechnung und Machtbewusstsein künden als von irgendeiner Bestürzung oder einem Schrecken, der schon zu tief eingedrungen ist als dass der König darauf noch anders als mit stoischer Gefasstheit reagieren könnte (bei der es sich freilich auch einfach um vollkommene Verständnislosigkeit handeln könnte). Verächtlichkeit liegt ebenso in seinem Blick wie ein leiser Anflug von Weinerlichkeit; der trotzige Ausdruck eines beleidigten und schmollenden Schuljungen scheint für einen Moment auf, eine Empfindsamkeit, die in den speckigen Schichten seines Gesichts eben noch fast schon verschwunden anmutete. Doch braucht man nur kurz die Augen abzuwenden; kaum wieder zurück, hat sich das Bild schon wieder verwandelt, und anstelle des gekränkten Mannes sieht man einen, dessen königlichem Standesbewusstsein keine Kränkung dieser Welt etwas anhaben kann, und der mit eitler und rücksichtsloser Selbstherrlichkeit seine Majestät behauptet…

Andere Granden der Epoche flankieren das Bildnis des Königs: da ist Anne Boleyns Onkel, der Duke von Norfolk; dort Kardinal Wolsey, dem es nicht gelang, den päpstlichen Dispens zur Aufhebung von Heinrichs Ehe mit Katherina von Aragon zu erwirken und der darob in Ungnade fiel, all seiner Güter beraubt wurde und starb. Da ist Thomas Morus, dem man auf dieser Kopie nicht ansieht, dass er unter seiner Pelzpelerine und dem rotsamtenen Obergewand des Lordkanzlers das härene Büßerhemd des Fanatikers trug, das seine Haut blutig riss. In Holbeins Originalgemälde ist die körperliche Pein und die strenge Gedankenklarheit des Morus deutlich sichtbar; die missratene Kopie hat das Glühende und Bittere des Holbeinschen Morus in einen etwas sentimentalen Frömmler transformiert. Und da ist schließlich der Earl von Essex, Thomas Cromwell, der es vom Sohn eines Schmieds und Bierbrauers zum Adlatus Wolseys und schließlich zum Lordkanzler Heinrichs brachte, bis auch ihn das Henkersbeil traf. Kopie und Original nehmen sich nicht viel: beide zeigen einen Mann, der einzig aus Durchtriebenheit und Schläue besteht: einen berechnenden Hofmann, der aller Intrigen fähig und ohne jeden Skrupel ist. Mit welch bewundernswerter Gestaltungskraft hat Hilary Mantel diesen von der Nachwelt verfemten Politiker doch zu einem komplexen und weitblickenden Charakter umgemodelt, während sie Thomas Morus, den die landläufige Hagiographie als ach so edlen und ehrenwerten Mann zeichnet, ins Zwielicht rückte: als prinzipienfest sich gebenden, aber letztlich ebenso tricksenden wie rückständigen Moralisten, der dem naiven Glauben anhing, die Überzeugung, das Richtige zu wissen, bedeute auch schon, man wisse es, und das Gute zu tun und das Gute zu bewirken, sei ebenfalls dasselbe - Cromwell hingegen erscheint bei dieser großen Schriftstellerin ganz mephistophelisch als ein Teil von jener Kraft, die nur wie bös erscheint und und doch das Gute schafft.

Zum Mittagessen fahren wir zurück in unseren Campingplatz-Pub. Gestern abend waren wir nicht hungrig genug, obwohl die Speisekarte ambitioniert aussah. Zu Mittag ist die Karte reduziert, und ich muss mich mit einem Burger begnügen, der aber überraschenderweise sehr gelungen ist: frisch geröstete Zwiebeln, eine Tomatensalsa und die darübergebröstelten und mit Birnenchutney vermischten Blauschimmelkrümel eines guten Stilton machen aus dieser oft so plumpen Mahlzeit ein ziemlich raffiniertes und ausgewogenes Gericht, dazu ein Salätchen aus Rote-Bete-Blättern, Wasserkresse und scharfem Rucola, und ein hausgebrautes Odcombe Ale; heute gibt es mal keinen Grund, an der englischen Küche herumzunörgeln.

Wir ruhen im Schatten eines Walnussbaums, lesen, dösen, schlafen; dann statten wir dem Garten von Montacute House noch einen zweiten Besuch ab, den plasmahaft gewölbten Hecken und den riesigen Baumstümpfen, die als Epitaphe ihrer selbst dort ausharren. 

In einem aufgelassenen Stall werden gespendete Bücher feilgeboten, und ich finde ein zerlesenes Exemplar von Thomas Hardy’s Return of the Native und eine Sammlung englischer Lyrik, die nach langer Kerkerhaft riecht. Selbst  Wordworth’s Daffodils - aufs Gratewohl aufgeschlagen - duften nicht frühlingshaft nach Narzissen, sondern nach Stockflecken, Muff und feuchter Krypta. Ich stecke eine Pfundmünze in die Kollektenbüchse, um das misshandelte Buch auszulösen, wir schlendern noch eine Weile herum und brechen dann Richtung Shaftesbury auf.

Auf dem Weg dorthin liegt Sherborne, wo wir ein Stündchen Halt machen, um Sherborne Abbey und sein erstaunliches Fächergewölbe zu besichtigen. Die Rippen dieses Gewölbes sind so dicht miteinander verstrebt und versponnen, ihre Strahlen greifen so eng ineinander, dass dieses Übermaß an mathematischer Ordnung schon wieder ins Chaos zu kippen scheint. Man hat das Gefühl, dass hier keine Steinmetze und Maurer gearbeitet haben, sondern eine selbsttätige Natur, die etwas wie ein Korallenriff geschaffen hat, oder die versteinerten Relikte eines Riesenrhizoms; gigantische Schwammkammern und Kristalle, vielleicht auch die steingewordenen Schatten vielfach überkreuzter Palmwedel - auf jeden Fall eine schaffende Natur, die aus wenigen Grundregeln durch Iteration und fraktale Wucherung staunenerregende Gebilde zuwege gebracht hat und vor unseren Augen einen ganzen Musterkoffer von geometrischen Formen aufklappt: neben Rauten und Sehnenbögen und einbeschriebenen Dreiecken sind je nach Blickwinkel Ellipsen und Parabeln und Hyperbeln darin, sowie ihre höherstufigen Verwandten, die Hypotrochoiden und die Epizykloiden, deren Formen ich wiedererkenne, weil ich als Kind lange Stunden mit einem Spirographen verbracht habe - mehr Stunden jedenfalls, als wir jetzt in Sherborne verweilen, denn Sherborne ist leider trotz der Tudorhäuser und trotz des ganz charmanten Stadtbilds ein ödes und verwaistes Kaff. Offenbar verlässt, wer hier wohnt, seine Behausung nur im äußersten Notfall. Ein paar ältere Frauen huschen wegen dringender Besorgungen umher; eine noch ältere Frau humpelt, auf ihren Rollator gestützt, über den Splitt: das Klickern der Kiesel begleitet ihren Weg.

Es ist ein Jammer. Sherborne Abbey ist ein Juwel, ein so edles Stück der Kirchenbaukunst, wie wir bislang kaum ein schöneres in England gesehen haben. Es sollten Busladungen von Touristen hier sein, Pubs und Cafés sollten von Gästen überquellen, die danach, satt und zufrieden, noch Boutiquen und Läden voller Kunsthandwerk durchstöbern könnten. Doch das Städtchen liegt an einem toten Flussarm der Touristenrouten, und es lädt nichts zu längerem Bleiben ein.

So fahren auch wir nach Shaftesbury weiter, wahrscheinlich vor allem der irrationalen Hoffnung wegen, eine Stadt, die diesen Namen trägt, müsse auch etwas von dem sympathischen Charakter des Earl von Shaftesbury an sich haben, der es um 1700 vorzog, die Schwärmer und Fanatiker seiner Zeit nicht mit trockenen Vernunftgründen zu traktieren, gegen die spinnerte Quäker und Geisterseher ohnehin immun waren, sondern sie lieber dem Ätzbad seines Spotts preiszugeben und ihre Ansichten einer Probe auf schlichte Lächerlichkeit zu unterziehen.

Ich hatte nicht ernsthaft erwartet, im Pub eine gesellige Runde vorzufinden, die sich mit Shaftesburys Bewunderern Leibniz und Diderot, Lessing, Hume, Jean Paul messen könnte. Aber dass nur aufgedreht schnatternde Dämchen, brummelige junge Männer und verstockte Bierdimpfl, die sich wortkarg ihren beer battered cod einschaufeln, auf der Terrasse sitzen, ist dann doch ein wenig enttäuschend.

Immerhin ist der Ausblick von hier oben berückend: eine weite, grüne, milde Hügellandschaft, heimelig und idyllisch. Es ist eigentlich völlig unvorstellbar, dass auf diesen Wiesen Rinder weiden. Rinder sind schon viel zu gefährlich; man denke nur an die Hörner! Und dann erst die niedertrampelnde Wucht ihrer schweren Leiber! Nein, dies ist ein luftiges Land, zerbrechlich und weich, zart wie Schaumkraut. Hier passen nur Schafe hin, wollige und blökende Lämmchen. Und wenn die Lämmchen größer werden, mögen sie in den Himmel aufsteigen und ihre Tage als Wolken beenden.

Aber beim zweiten Bier kommen die Mauersegler und überfallen mit schrillen Schreien unser Himmelssegment. Eine Stunde lang zerschneiden sie wie rasende Scherenklingen die Dämmerung.


21. Juni, Sommersonnwend. Shaftesbury, Stourhead, Wells


Shaftesburys Hauptsehenswürdigkeit ist der Gold Hill, eine steile Straße, hinter deren ziegel- und reetgedeckten Dächern sich das liebliche und waldbetuffte Dorset in die Ferne erstreckt. Die Stadt versäumt nicht, den Reisenden mit großen Schildern da hinzutreiben. Ridley Scott hat in den frühen Siebzigern dort einen zum Klassiker gewordenen Werbespot mit einem Bäckerjungen gedreht, der sich mit seinem Fahrrad mühselig den Hang hinaufquält und nach der Auslieferung des Hovis-Toasts wieder fröhlich hinabrollt; seitdem gehört der Gold Hill zu den Ikonen des wahren, echten, unverfälschten England. Es kommt mir nur seltsam vor, dass Ridley Scott sich danach vorwiegend mit außerirdischen Monstren wie in Alien oder mit künstlich fabrizierten Menschen wie in Blade Runner beschäftigt hat. Das Wahre und Echte ist nicht unbedingt seine Kernkompetenz, Scott versteht sich eher auf das beängstigend Andere, das dem Menschen entweder vollkommen inkommensurabel ist wie die Aliens, oder auf das beängstigend Identische, welches das Selbstverständnis des Menschen als eines natürlichen, unprogrammierten, folglich freien Wesens erschüttert  wie bei den Replikanten in Blade Runner. Und so konnte ich das commercial auf Youtube nicht ansehen, ohne den Moment zu erwarten, in dem aus dem niedlichen Knaben mit seiner Ballonmütze plötzlich ein grausiges, schleimspritzendes Ungeheuer herausbricht, und der getragene Holzbläsersatz unversehens in das schrille, dissonante Kreischen übergeht, mit dem man Metzeleien auf Raumschiffen zu unterlegen pflegt.

In Wahrheit ist der Gold Hill jedoch ein hübsches, kleines Idyll; zumindest bis zu dem Augenblick, als ein Trupp von chinesischen jungen Frauen darüber herfällt und ein reichlich exaltiertes Fotoshooting veranstaltet. So bekommen wir doch noch eine Menge Gekreische ab.

Der Garten von Stourhead liegt nur ein paar Meilen nordwärts und ist wohl einer der wunderbarsten unter all den wunderbaren Gärten Englands, und das wundersamste daran ist, dass er noch nicht einmal von Capability Brown entworfen wurde. Man kann Stourhead Garden getrost als Außenstelle des Paradieses bezeichnen - und in dieses Paradies, wie in das allen guten Menschen verheißene, kommt man nur auf dem Umweg über den Friedhof.

Er ist freilich nur klein, bloß ein paar Steine und Kreuze in einem Grün, das offenbar allein den Herren von Stourhead vorbehalten war. Die Steine stehen malerisch krumm und sind so verwittert und von Flechten überwuchert, dass hier schon lange niemand mehr beigesetzt worden sein kann. Das Geschlecht der Hoares ist erloschen. Der einzige Sohn der letzten Besitzer Stourheads war 1917 in Palästina gefallen. Mit dem Tod seiner Mutter ging das Anwesen dann an den National Trust.

Nein, bestattet wird hier niemand mehr. Die Zeit, dass dies ein Ort der Trauer war, ist vorüber; heute ist er nur noch einer der Freuden. Die Kirche wird gerade für eine Hochzeit geschmückt; Blumenampeln hängen von den Säulen; eine Frau trägt üppige Gebinde von Bauernrosen, Ranunkeln und rosa geflammten Lilien hinein und drapiert sie um Taufbecken und Altar. Wie es kommt, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, habe ich vergessen. Wie hierzulande so oft, ist es nicht nötig, eine Plauderei anzuknüpfen; sie sprießt von selbst. Die Dame - eine elegante Frau in ihren frühen Sechzigern - ist Soldatengattin und kennt Niedersachsen recht gut: ihr Mann war in Hildesheim, in Paderborn, in der Lüneburger Heide stationiert. Vielleicht ist man sich schon mal in Hannover begegnet? In ihrer Hildesheimer Zeit hatte sie dort gern ihre Einkäufe erledigt und danach in einem hübschen Lokal - Delfter Kacheln, poliertes Holz, große Kuchenvitrinen - Schokolade getrunken. Doch wir, desolé, sind selten in der Holländischen Kakaostube, Dagmar ist keine regelmäßige (und noch nicht mal unregelmäßige) Kundin im Mäntelhaus Kaiser, und ich persönlich pflege mich am Samstag schon gar nicht in Geschäften für Damenbekleidung herumzutreiben, oder sehe ich etwa so aus?

Die Dame wiegt nachdenklich ihr Haupt, was ungefähr heißen soll, dass man den Leuten selten ins Herz schauen kann. Um das zu beurteilen, müsste sie wohl meine Unterwäsche sehen; es gäbe da Männer, naja, also, die einen gewissen Hang zu Spitze und Seide…

Eine Woge der Zuneigung zu englischem wit überflutet mich für einen Moment, doch bevor ich irgendwie enthusiastisch werden könnte, dreht die Dame den Hahn der humores schon wieder zu und erkundigt sich ganz trocken, wie denn unsere weiteren Reisepläne aussähen - wir müssten unbedingt in die Yorkshire Dales und den Lake District, nach Durham… Wir tauschen eine Weile Landschaftsvorlieben aus, doch dann wird es Zeit für sie, ihre Arbeit fortzusetzen, und für uns, den Garten zu durchwandern. Nur eine Frage noch: was machen denn die Handwerker dort in der Kirche? Ein Teil des Baus ist eingerüstet, und während wir im Freien parlieren, hämmert und bohrt es drinnen ganz gewaltig.

Die Dame lacht. Eine seltsame Geschichte! Die Arbeiter ersetzen verrottete Dachbalken. Man hätte wohl nicht entdeckt, dass das Gestühl marod war, wenn nicht zweimal innerhalb der letzten Jahre Diebe den kompletten Bleimantel des Dachs gestohlen hätten. Erst beim zweiten Mal war den Versicherungssachverständigen aufgefallen, dass das Gerüst unter dem Dach ganz und gar vergammelt war - insofern müsse man den Dieben eigentlich dankbar sein. Erst sie hätten die Gefahr offengelegt: ohne den Diebstahl wäre das Dach irgendwann über einer Hochzeitsgesellschaft zusammengebrochen. Man stelle sich vor! Tote Blumenmädchen, Brautjungfern, ausgelöschte Familien!

Ach, ich habe es doch immer schon geahnt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Selten wird Mandevilles Bienenfabel-These so direkt augenfällig, dass private Laster die öffentliche Wohlfahrt befördern. Schon bei Mandeville bricht ohne Diebstahl, Rachsucht, Hurerei, ohne Angebertum und unredliche Habgier Wirtschaft und Wohlleben zusammen; wie ich hier jetzt lernen kann, würden ohne Räuberei sogar Kirchendächer einstürzen. Ein Dank also den edlen Ganoven, die offenbar Nachfahren des Mephisto sind - einmal mehr ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. (Chorus Repeat.)

Aber nun endlich in den Garten. Poussin und Claude Lorrain haben hier Pate gestanden: vor uns tut sich eine sanft geschwungene Rasenfläche auf, die, am Ufer hier und da von Büschen oder krausen Rhabarberstauden belebt, eine Wasserfläche umgibt. Gruppen von dichtbelaubten Gehölzen rahmen den Blick - in gewaltigen Kastanien schimmern noch die Überbleibsel von rosafarbenen und weißen Blütenkerzen. Doch was der Ansicht ihre Ruhepunkte gibt, ist eine Brücke in Palladios Art, die den Zufluss des Sees überspannt, und deren harmonische Bogenproportionen sich im Wasser spiegeln, sowie im Bildhintergrund ein Tempel, der auf einer kleinen Anhöhe ruht wie eine Krone auf einem grünen Kissen.

Die großen Landschafter des 17. Jahrhunderts mussten ihre Bilder noch aus den Versatzstücken zusammenfügen, die sie in Italien kennengelernt hatten. Hier ist das alles in einer Komposition Wirklichkeit geworden, Tempel und See, Wiese und Wald, fein gestaffelt und gestuft nach Vorder-, Mittel-, Hintergrund: ein Arkadien des Malerauges.

Schon der Eingangsblick ist ein bewundernswertes Panorama; doch das Genie des Gartenbauers erweist sich erst beim Durchwandern der Anlage, die immer wieder neue Perspektiven und Prospekte erstehen lässt, zu intimen Vignetten gerahmt oder als weite Öffnungen der Sicht angelegt. Feine Farbabstufungen des Laubs am gegenüberliegenden Ufer und die Vielfalt der Bäume am hiesigen bewahren den Weg davor, je eintönig zu werden. Auch in der Vertikale hat der Gartenbauer auf Abstufungen geachtet: über Rhododendren und Farnen erheben sich Walnußbäume, Eichen, Buchen, Ebereschen; und noch darüber hinaus ragen die Sequoias und die Araukarien mit ihrer bizarren Schuppenborke und den auf die ganze Zweiglänge dicht benadelten, peitschendünnen Ästen, die sich in der Krone zu verworrenen Schlangennestern verschlingen.

Dem Weg ist möglicherweise ein allegorischer Sinn eingeprägt; in den Tempeln - die Apollo geweiht sind und der Flora, oder gleich allen Göttern im Pantheon - begegnen uns Motti aus Vergils Aeneis, und auch eine der Grotten, die feucht und schattenkühl am See liegen, scheint ein Verweis auf jene Höhle, in der Aeneas sich mit Dido vereinigte, während die Bergnymphen Unheil heulten. Aber ich glaube nicht, dass darin ein ausgetüfteltes Sinnprogramm darinsteckt - eher schon die Bildungshuberei eines spätbarocken Adligen, der seine Geschmacksvorlieben gern mit klassischen Zitaten aufdonnerte. Auch die Einsiedelei - die, sofern meine Erinnerung mich nicht trügt, in der Aeneis nirgendwo eine Rolle spielt - ist eher eine modische Marotte der Zeit als dass sie ernsthaft das moralische Ideal für einen englischen Aristokraten repräsentierte. In Edith Sitwells famosem Buch über englische Exzentriker habe ich einiges über diese Eremitenmode erfahren. Eremiten galten als pittoresk; und so mancher Nichtsnutz fand bei vermögenden Gentlemen eine Anstellung als dekorativer Einsiedler, wo er dann mehrere Jahre lang in einem feuchten Loch ausharrte, ohne sich die Nägel, die Haare oder den Bart zu schneiden, und mit keiner anderen Verpflichtung belastet war als fromm vor sich hinzuvegetieren und immer stärker zu stinken. Manche dieser Grotten müssen freilich ganz fabelhaft ausgestattet gewesen sein. In Lancashire musste ein solcher Klausner zwar in einer unterirdischen Höhle hausen; diese verfügte jedoch über eine gut bestückte Bibliothek, ein Bad und eine Wasserorgel, und der Eremit wurde mit den selben Speisen versorgt, die auch am Tisch seines Herren serviert wurden. Noch um 1810 bot ein junger Mann, dessen hervorstechendstes Talent neben seiner Geschäftstüchtigkeit solide Arbeitsscheu gewesen sein dürfte, in einer Zeitungsanzeige seine Dienste an; doch die große Zeit der lebendigen Einsiedler war da schon vorüber, und die Herrschaften, welche die Eremitagen in ihren Gärten weiterhin dekorieren wollten, waren schon dazu übergegangen, ausgestopfte Exemplare zu benutzen, die zwar kostspieliger in der Anschaffung, aber sehr viel billiger im Unterhalt waren. Man kann wohl sagen, dass das Eremitenwesen ein Vorreiter der damals anhebenden Automatisierung war, denn Handarbeit wurde generell mehr und mehr durch maschinelle Technik ersetzt; und da die Arbeit eines Eremiten nun mal vorwiegend durch Herumsitzen bestimmt ist, macht es auch keine besonderen Schwierigkeiten, diese relativ anspruchslose Tätigkeit von kostümierten Puppen verrichten zu lassen.

Am Scheitelpunkt des Sees führt ein Weg aus der Parkanlage in die Waldeswildnis hinein. Ein Schild weist zum Scraptor’s Sculpture Trail, auf dessen Parcours eine Künstlergruppe vier Installationen aufgebaut hat, die an den Ersten Weltkrieg erinnern.

Die Installationen gedenken allerdings nicht der Kämpfe in Palästina, wo der letzte Erbe von Stourhead sein Leben ließ, sondern der Schlachten in den Dardanellen, jener Meerenge, die den Zugang zum Marmarameer bildet - und damit nach Konstantinopel, der Hauptstadt des damaligen Osmanischen Reichs. Im englischsprachigen Raum werden diese Schlachten nach der Stadt Gallipoli benannt, doch Gallipoli ist nur eine Chiffre für eins der größten Debakel der Entente im Ersten Weltkrieg. England - unter dem Marineminister Churchill - und seine Dominions Australien und Neuseeland verloren dabei 40 000 Mann, Frankreich 10 000, die gegnerischen Osmanen fast 60 000.

Die erste Installation, auf die wir im schattengesprenkelten Wald stoßen, besteht nur aus ein paar Bretterwänden und einem aus Schrottteilen zusammengebastelten Schiff davor. Die Wände sind mit düsteren Wolkenfetzen bemalt, die vielleicht auch ein schwarzes Gespenst darstellen; punktiert ausfransende Strahlen (Geschützfeuerspuren?) ziehen blutergussfarben über eine Reihe von Strichen, vielleicht Männer, die in den Untergang marschieren. Unweit davon führt ein absurd aus Schrott und Fundstücken montierter Zug ins Unterholz, Waggons aus Holzpaletten und Zinkkästen, die Ofenrohrkanonen und aus Blechplatten gelötete Pferde transportieren. (Der Herr von Stourhead war zuständig für die Requirierung kriegstauglicher Gäule.) Noch tiefer im Wald verborgen wartet eine Station namens From Arcadia to Armageddon: Wellblechwände, an denen Abfälle baumeln, Plastikflaschen, die zu farbigen Blütenblättern aufgespleißt sind, Sträuße von Champagnerkorken und rostigen Agraffen, Metallteile unklarer Herkunft und Zweckbestimmung, ziellos zusammengeschraubtes Holzgerümpel. Es ist eine Art von Triptychon: links die Insignien sommerlicher Heiterkeit (da sind die Champagnerkorken, die Blüten, ballonartige Formen), bis die Farbe auf dem Wellblechgrund eintrübt und einen geschundenen Gaul im Graffitti-Stil zeigt, und die Abfolge schließlich rechts mit der Skizze einer vernichteten Landschaft endet, in der nur noch einige Baumstümpfe aus grauem Morast ragen.

Diese Beschreibung hört sich didaktischer und klarer an als das Kunstwerk in Wahrheit ist, denn es liegt in diesem Wald, der die Artefakte längst zu überwuchern begonnen hat, eine solch traumwirre und verstörte Stimmung, die zugleich kindlich und verzweifelt anmutet, eine Verstörung, die sich in kindische Bastelei flüchtet und das Grauen des Kriegs mit naivem Gefrickel zu übertünchen sucht - die Harmlosigkeit dieser Bricolage ist darum nur Schein. Die Spuren von Mangelwirtschaft und Resteverwertung sind dem baumelnden Schrott eingeschrieben; ich habe den Eindruck einer hilflosen Durcharbeitung des Schreckens, oder eines beschwörenden Rituals, die im Sammeln und Arrangieren von Bruchstücken wieder eine Welt zusammensetzen will, die sich nicht mehr zusammensetzen lässt, sondern nur noch dadurch heilen kann, dass das weitersprießende Leben es verschlingt und sich einverleibt.

Einem letzten Kunstwerk begegnen wir außerhalb des Waldes an den Altwasserausläufern des Stour. Die Wasserbrühe ist voll mit Entengrütze und Seerosennestern ohne Blüten, dazu ertrunkene Bäume, deren Dendriten anämisch aus dem Wasser ragen. Die Sonne gießt herrlich ihr Licht darüber, und sie gleißt auf den Aluminiumkleidern der fünf Figuren, die hier auf einem ziemlich brüchig aus Holzpaletten und Styroporbrocken zusammengepfriemelten Floß dahintreiben. Die fünf bilden eine kleine Kapelle aus Vogelscheuchen; ihre dürren Beinchen, die Arme und die Rümpfe, sind mit Alufolie umwickelt; auf riesenäugigen Köpfen tragen sie Blechhüte oder ausgediente Zinkeimer, und sie halten selbstgebastelte Instrumente, eine Trommel, eine Aluminiumtröte, den aufgebogenen Metallrahmen eines ausgedienten Stuhls, der vielleicht irgendein gewundenes Saxophon darstellt, vielleicht aber auch nur eine Art von Waschbrett sein soll. Die fünf sind so heiter wie grausig zugleich anzusehen: einerseits lustig groteske Figuren, andererseits verkrüppelt und mit Schienen und Verbänden zusammengeflickt wie Kriegsversehrte. ihr Anblick tut den Augen weh - und das nicht etwa, weil sie Invaliden darstellen, sondern weil das Sonnenlicht so grell von dem Aluminium widerstrahlt, als seien die Körper in einer Explosion blendenden Lichts eingefroren, die nun schmerzlich hell auf der Netzhaut des Betrachters weiterpulsiert. 

Das Floß dreht sich langsam und träumerisch auf dem Wasser; das Lattengerüst darauf ist halb Bühnenaufbau, halb Schafott, und der Querbalken an der Stirnseite trägt die Inschrift  Scraptor’s Scratch Band. Wir stehen berückt vor der verwunschenen Szenerie, dem Wald, den Seerosen, der sumpfgrünen Grütze, während das Floß geruhsam davontreibt und in einem gemächlichen Bogen wieder zurückkehrt, und schließlich entdecken wir im Gras ein Schild, das auf ein rostiges Wellblechstück genietet ist und erklärt, dass diese Scraptor’s Scratch Band eine Hommage an die verwundeten Soldaten sei, die im Ersten Weltkrieg auf Stourhead genesen sollten. Sie vertrieben sich die Zeit, indem sie in Ramshackle Bands aus allerlei Kram Instrumente zusammenschusterten und damit so etwas Ähnliches wie Musik machten. 

Scrap: Schrott, Rest, Alteisen. Scratch: zerkratzen, verschrammen, Riss. Ramshackle: marode, baufällig, zusammengeschustert. Die Worte umkreisen allesamt das Kaputte der Körper und das Notdürftige und Behelfsmäßige; sie insistieren auf dem Zerbrochenen und Zerschmetterten. Hier draußen, jenseits des umhegten Gartens von Stourhead, liegt die Kehrseite Arkadiens; der Tod ist nicht et in arcadia ego, wie es in Poussins Gemälde von der Sterblichkeit heißt - hier ist der Tod extra arcadiam, eine Ausstülpung und Verbannung: das Exkrement, das der heile Leib des Gartens in die Zone außerhalb seiner arkadischen Schönheit ausgepresst hat.

Den ganzen Weg zurück durch den Garten lassen mich die Installationen nicht los. Sie sind so etwas wie der dunkle Grund, vor dem sich die Schönheit der Anlagen erst jetzt in aller Klarheit abhebt. Doch einmal draußen gewesen, nehme ich den Schatten wieder mit zurück. Von nun an ist Wehmut und Trauer in diese Pfade eingewoben. Stourhead ist mir jetzt kein einfacher locus amoenus mehr, kein gradewegs lieblicher Ort; es ist ein Ort, der den Umstand beklagt, dass jenseits seiner eine Welt des Schreckens liegt. Und dieser Schrecken wirft seine Schatten auch auf die heiteren Uferwege, die Tempel, die Bäume und die Sträucher. Stourhead mag ein Elysium sein, eine Filiale der antiken Gefilde der Seligen; aber auch wenn die Wiesen des Elysiums mit Rosen bewachsen sind - sie liegen im Totenreich.

Wir kehren zum Bus zurück, braten uns im Schatten der Buchenhecken ein paar Rühreier mit Lachs, entkorken eine Flasche gut gekühlten Sauvignon Blanc, gönnen uns zum Nachtisch noch ein Stück Brot mit Salzbutter und Lavendelhonig, und legen nach dem Essen für eine halbe Stunde die Beine hoch. Ich erwache lächelnd. Glücklich.

Abends um halb sechs kommen wir in Wells an; es ist, als beträten wir eine überstürzt evakuierte Stadt ein, oder eine, in der eine heimtückische atomare Strahlung alle, die hätten evakuiert werden sollen, einfach so ausgelöscht hat. Die gewaltige Kathedrale im Zentrum hat ihre Tore schon geschlossen; auf den Straßen herrscht schiere Ödnis. Wahrscheinlich haben sich die Überlebenden allesamt nach Glastonbury verfügt, auf dem heute der gesammelte Segen Britanniens liegt. Es ist Sommersonnwend, und an diesem heiligen Abend strömen alle Esoteriker und Schamanisten, Avalon-Gläubige, Kopfhautmasseure und Kräuterheiler in dieses Städtchen, das angeblich die höchste Dichte an Haubenhäklern, Aluhut-Trägern, Bong-Töpfern und Räucherstäbchen-Abhängigen von ganz England vorweisen kann. Das könnte amüsant werden, aber wahrscheinlich würden wir keinen Übernachtungsplatz finden, keinen freien Tisch im Pub, und wer kann mir garantieren, dass nicht eine psychedelische Guerilla die Straßen unsicher macht und heimlich Hexensäfte aus Tollkirsch und Stechapfel in die Biergläser kippt?

Nein, heute wollen wir es ruhig haben, und wir haben von einem Wanderparkplatz mit weiter Aussicht nach Westen gelesen, der sich besser für uns eignet. Keine Druiden, keine Krishnajünger, und hoffentlich auch keine Satanisten, die an Sonnwend Gog und Magog einen gutgenährten Deutschen zum Opfer bringen möchten.

Wir sind nicht lang allein dort oben. Ein junger Vater kommt, um mit seinen zwei Söhnen auf einer der Sitzbänke die Hamburger und chunky chips zu essen, die auf dem Weg hier hinauf sicher schon kalt geworden sind. Dann kommen zwei fünfzehn- oder sechzehnjährige Mädchen, die eine ziemliche Weile misstrauisch Ausschau halten, bevor sie sich in ein wildes Geknutsche verlieren, das sie so in Beschlag nimmt, dass sie es nicht mehr merken würden, wenn ihre Familien in vollzähliger Sippenstärke mit Reisebussen hier ankämen, um sich wegen der verwerflichen lesbischen Neigungen der Mädchen gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Dann jede Menge Hundebesitzer, die der guten Erziehung ihrer Tiere so sicher sind, dass sie sie auch unangeleint in die große Schafsweide hinter dem Zaun lassen - und tatsächlich scheinen weder die Schafe für die Hunde noch die Hunde für die Schafe zu existieren; sie bewohnen offenbar ganz unterschiedliche Wahrnehmungswelten. 

Über den rosenfarbenen Abendhimmel ziehen sich die Spuren fiedriger Chemtrails, dunkle, verdächtig kreisrunde Eintrübungen am Himmel sehen aus wie zerdellte Trichter, durch die sich wahrscheinlich eine Bande von Außerirdischen (oder Asen, Engel, Elfen, translunare Propheten, sumerische Götterboten) gezwängt hat, um bei dem Rummel in Glastonbury Adepten aufzugabeln. Mein Handy hat fünf Striche; wahrscheinlich gibt es hier in der Nähe einen Sendemast, und dessen Strahlen werden wohl auch die Gehirne der Schafe und der Hunde so grillen, dass sie füreinander blind und taub sind. 

Als die Sonne sinkt, kommen die Fotografen und pflanzen ihre Stative auf, um den Sonnenuntergang zu fotografieren. Das ist doch mal eine originelle Idee!

Das weite Land vor uns ist schon in Grau abgesoffen, selbst die Lichter, die eben noch klar die Konstellationen der Ortschaften im Tal angezeigt haben, sind vom Dunst überschwemmt und aus dem Blick getilgt. Kaum sind die letzten Schimmer der Dämmerung vergangen, beginnt es zu regnen wie erlöst. Als hätte nur die Sonne noch höfliche Zurückhaltung erzwungen, öffnen sich nun die Wolken zu einem weichem Geriesel, dem die Entladung bald so gefällt, dass es sich zum Prasseln steigert.


22. Juni. Wells, Cheddar Gorge, Bristol, Bathampton Mill


Sonnwend ist Sonnend. Das meist heitere Wetter, das wir eine gute Woche lang genießen durften, ist jetzt vorüber. Die Chancen, dass ich bald meinen neuen Regenmantel erproben kann, steigen; doch einstweilen wälzen sich nur schwere Wolken träg über das Land - nach den heftigen nächtlichen Güssen sind sie noch zu erschöpft, um gleich wieder loszulegen.

Wir kehren zur Kathedrale in Wells zurück. Die Besichtigung ist kostenlos, jedenfalls offiziell; dennoch muss der Besucher durch eine Kassenschranke, wo ihm bedeutet wird, dass eine Spende durchaus willkommen wäre. Die Augen des Personals richten sich sämtlich auf meine im Portemonnaie kramende Hand. Ein Schild rechnet vor, wieviel die Erhaltung der Anlage pro Jahr kostet, wieviele Besucher kommen, und wieviel Geld darum jeder spenden müsste. Ich habe die Summe vergessen, aber es kommt mir so vor, als könnten wir mit dem Betrag auch unser Badezimmer renovieren, vergoldete Kloschüssel inklusive. Das Schild übt einen gewissen Druck auf die Spendenfreude der Besucher aus; es fehlt eigentlich nur noch eine Bilderwand mit den Steckbriefen all jener, die sich durch ihr Knausertum mit Ehrlosigkeit und Schande befleckt haben. Feige, wie ich bin, stecke ich einen Schein in die Plexiglastrommel, mit dem wir auch einen anständigen cream tea für zwei bezahlen hätten können.

Die Frau an der Kasse, die keine Kasse ist, lächelt zufrieden. In ein paar Minuten führe ein Kaplan durch die Kirche, dem sollten wir uns anschließen.

Der Kaplan allerdings, der schließlich am Lettner erscheint, ist müde und lustlos. Er hat eine ganze Kinderwoche hinter sich (was auch immer das sein mag, möglicherweise musste er in der Krypta Fangen mit ihnen spielen oder die süßen Blagen solange durchkitzeln, bis seine arthritischen Finger steif davon wurden, andere klerikale Versteifungen will ich mir gar nicht erst vorstellen). Jetzt ist er erschöpft. Für uns ist jedenfalls keine Kraft mehr übrig; wahrscheinlich sind wir ihm auch zu wenig. Eine Führung für zwei Leutchen, wo er doch jetzt an ganze Kinderrudel gewöhnt ist? Er wünscht uns einen ersprießlichen Rundgang und verschwindet Richtung Sakristei, wo vermutlich noch ein Ministrant drangsaliert oder über den Sinn der Formel Dies ist mein Leib aufgeklärt werden muss. Der Pfaffe wäre die ideale Besetzung für eine Klerikersatire, wo er als feister Prälat mit einer blauen Schärpe um den Bauch und gewissen fleischlichen Gelüsten sicher eine gute Figur machen würde.

Aber wir sind dankbar, dass er die Führung abbläst; er ist nicht nur müde, sondern auch unsympathisch. Da wandern wir lieber allein herum.

Die Kirche ist, nun ja, recht schön - feine Kapitelle und Chorwände, harmonische Gewölbe, in deren Kappen immer der selbe Rosenstock in Kreuzform gemalt ist, was freilich ein wenig sehr nach Laura Ashley und Tapeten im Landhausstil aussieht. Alles ist bestens in Schuss und überaus geschmackvoll, aber ich kann mir nicht helfen, es ist auf den ersten Blick stinklangweilig und ohne den Schuss von Wahnsinn oder Ergriffenheit oder doch zumindest Eigensinn, der den meisten großen Kirchenbauten irgendetwas Prägnantes mittteilt. 

Doch eine Sache reißt plötzlich alles aus der Mittelmäßigkeit, und das sind die Bögen, welche die Vierung einrahmen. Ähnliche Bögen haben wir schon in Salisbury gesehen, doch waren sie dort so in den Formenreichtum der Arkaden eingebunden, dass ihr konstruktives Prinzip diskret und unauffällig blieb. Hier aber wird diese Bogenkonstruktion mit fast schon gigantenhafter oder urzeitlicher Monumentalität ins Zentrum der Kirche gestellt, wo sie wie das maskenhafte Antlitz eines riesigen, menschenfresserischen Molochs wirkt. Es sind Scherenbögen, also Spitzbögen, auf deren Scheiteln je ein weiterer, auf den Kopf gestellter Spitzbogen steht, sodass sich insgesamt die Form einer geöffneten Schere mit gerundeten Scherenblättern ergibt, oder, wenn das einfacher vorzustellen ist, ein Andreaskreuz mit parabolisch geschwungenen Kreuzbalken. Heraus kommt dabei ein abstrakt strenges Vogelgesicht mit aufgerissenem Schnabel. Der Schnabel ist der untere Spitzbogen. Die Vogelaugen, kugelrund und glotzend, sind links und rechts in den Raum neben dem Zentrum des X gesetzt: ein Ghul-Gesicht.

Ich frage mich, wie man durch das Hauptschiff in Richtung Altar schreiten kann, ohne in der Form dieser Bögen den Riesengötzen zu entdecken, den es nach Menschenfleisch gelüstet… In expressionistischen Filmen, bei Fritz Lang etwa, der so viel Gespür für die physiognomische Bedeutsamkeit von Architektur hatte, gäbe es gar keinen Zweifel, dass diese Kathedrale ein sinistrer Ort für ein Ritual ist, wo dem Blutdurst irgendeiner Dschungelgottheit Menschenopfer dargebracht werden, ein Ort, an dem Menschen gefoltert, geschlachtet und aufgefressen werden; ein grausamer, abscheulicher Ort. Doch dann fällt mir ein, dass genau das ja der Kern des Christentums ist: die Folterung und Hinrichtung Christi, sowie die kannibalische Mahlzeit, welche dieser Passion gedenkt, und bei der in Form von Brot und Wein das Fleisch des Heilands gegessen und sein Blut geschlürft wird. Insofern ist die Kulisse der Scherenbogenmaske nicht unpassend - aber wie können Hochzeitspaare nur so zuversichtlich auf diesen aufgerissenen Vogelschnabel zumarschieren? Wie kann man Kindergruppen nur ganz unbefangen zu einem Altar führen, der seit alters her einen Schlachtstein symbolisierte? Die Kulisse ist wie geschaffen für eine Horde von Entfesselten und Rasenden, die es nach Gewalt und Blut verlangt, für Gefolgsleute der Kaili aus dem Help!-Film der Beatles oder für die hypnotisch in Bann geschlagenen Kali-Jünger aus Indiana Jones. Aber möglicherweise sind anglikanische Gottesdienste - ich habe nie einen erlebt - ja genauso orgiastische Massenräusche wie bei Spielberg, voller ritueller Ekstasen und Ausbrüchen wüster Gewalt, also sowas Ähnliches wie Arsenal gegen Tottenham?

Nicht nur zum Hauptschiff hin gibt es einen Scherenbogen, die ganze Vierung - der Kreuzungspunkt von Längs- und Querschiff - ist von ihnen umrahmt, und die Durchblicke durch einen auf die anderen sind ziemlich berückend: die verschlungenen und miteinander verschränkten Parabeln und Ausfächerungen lassen den Blick schwindeln und in eine fast erotische Euphorie gleiten, es ist ein Umschlingen und Umschlängeln, eine Choreographie geschwungener Kalksteingliedmaßen, die an gymnastischer Eleganz den Beischlafpositionen im Kamasutra kaum nachsteht. Ohne viel Recherche würde ich die Behauptung riskieren, dass die abendländische Kirchenbaukunst erst mit Borromini und Bernini wieder ein Niveau erreicht hat, das es an sublimer Geilheit mit dem der scissor’s arches in der Kathedrale von Wells aufnehmen könnte.

Was es aber zu bedeuten hat, dass ich diese Scherenbögen erst als Masken eines blutrünstigen Opferkults angesehen habe, um in ihnen dann das Lustgeschlängel von tantrischen Steinmetzen zu entdecken? Sex und Tod? Liebesspiel und Opferritus? Habe ich mich irgendwo mit einem heraklitischen Virus angesteckt? Hat die Sommersonnwende oder irgendein Fluidum, das von dem Esoterikertreffen zu Glastonbury auf unseren Hügel herübergeweht ist, mir eine Empfänglichkeit für die antiken Weisheiten des Mannes aus Ephesos eingeblasen? Jedenfalls erliege ich einem spontanen Anfall von Dozentitis und erläutere Dagmar Heraklits Auffassung von der wechselstrebigen Verschränkung des Seins, samt der einschlägigen Sentenzen wie „Der Weg hinauf und der hinab ist ein und derselbe“ oder „Der Name des Bogens (bios) ist Leben (bios), sein Tun Tod“. Dagmar duldet tapfer meine Auslassungen, während sie mich langsam in den Chor hinüberlockt, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was sie davor bewahrt, dass ich meinen Sermon auch noch mit Exkursen zu Schelling und Novalis anreichere, und, wenn’s ganz schlimm kommt, sogar noch von Nikolaus Kusanus zu schwatzen beginne…

Und sie hat Glück - im Chorumgang zieht Ralph von Shrewsbury unsere Aufmerksamkeit auf sich, einst Bischof von Bath und Wells, jetzt ein Knochenhaufen in einer Grabstätte aus speckigem Marmor. Des guten Bischofs Totenskulptur ist über und über mit eingeritzten Buchstaben beschriftet, das Gesicht, die Mitra, selbst das Pluviale und die Bischofshandschuhe sind von diesem Buchstabenaussatz bedeckt. Der Mann ist stärker tätowiert als Queequeg, und ich würde ja doch gern wissen, warum man ihn so bekritzelt hat. Waren das Akte von Vandalismus oder solche der Verehrung? Ich weiß es nicht, und der erschöpfte Kaplan mit seiner blauen Bauchbinde, der mir vielleicht Auskunft geben könnte, ist nirgendwo zu sehen; wahrscheinlich kitzelt er immer noch seinen Messdiener durch. Weil ich ohnehin schon im Heraklit-Modus bin, beschließe ich, dass Bischof Ralph wohl ein Exempel mystischen Zusammenfalls der Gegensätze war, ein monstre sacré, so bewundert wie verabscheut, so verachtet wie geliebt: ein Zusammentreffen von Verdienst und Arschlochtum, Helfer und Schurke in einem. Auf so einem kann natürlich nie ein lesbarer und linearer Text aufgetragen werden - nur Gestreusel von Letterelementen kann sich darauf niederlassen: wirres Gestöber von Möglichkeiten.

Retrochor, Lady Chapel, Kapitelhaus sind von entwaffender Eleganz. All meine Voreingenommenheit hilft nichts: diese Seitenstücke der Kathedrale gehören zu den Wunderwerken der europäischen Gotik, feingliedrig und subtil: vor der Lady Chapel sprießt ein Bouquet ausfächernder Säulensträuße auf; dahinter schimmern die bunten Glasfenster der Kapelle; die Rippen des Sterngewölbes an der Kapellendecke sind mit roten, grünen, blauen Linien verziert, was dem Raum angesichts der farblichen Zurückhaltung der Hauptteile der Kathedrale etwas sehr Feminines und ein bisschen Putzmacherisches verleiht. 

An Eleganz der Chapel durchaus ebenbürtig, verzichtet das Kapitelhaus auf Kolorit. Die Säule im Zentrum des Raums fächert sich in Rippenbögen von fast schon lamellenhafter Finesse auf, um sich an der Decke mit den Bogenstrahlen der Halbsäulen an den Wänden zu vereinen und einen Raumeindruck tänzerischer Beschwingtheit zu erzeugen: der Schwung der Linien lässt an einen Wirbel von Röcken denken, die sich bei einem Volkstanzreigen gegeneinander drehen, doch das ist eine Assoziation, die sicher zu frivol für diese Versammlungsstätte des Domkapitels ist, in der die Priester der Diözese reihum an den Wänden saßen, würdig und steif, oder eifernd, auf jeden Fall aber nicht hüpfend und springend oder Pirouetten drehend oder gar in derwischhaftem Kreiseln sich der Ekstase entgegentanzend… Katholische Geistliche sind nicht für derlei Exerzitien bekannt, und ich vermute, auch der anglikanische Klerus tobt nur selten nach Sufi-Art oder wie indische Tempeltänzerinnen in seinen Kirchen herum. Aber wenn man sich diese Decke mit ihren dynamisch geschwungenen Rippenfächern so ansieht, möchte man wohl glauben, dass so manch ein junger Priester, der einer Kapitelversammlung beiwohnte, träumerisch den Blick an die Decke richtete und sich aus den Gewölbestreben einen fischbeinversteiften Unterrock zusammenphantasierte, üppig runde Weiberschenkel, einen ganzen imaginären Harem von lüsternster Kurvigkeit. Und in der Tat könnte man aus diesem steinernen Palmenwald mit wenig Aufwand ein wunderbares Boudoir machen: man bräuchte nur Kissen und Polster zu verteilen, ein paar rieselnde Brunnen und Wasserpfeifen aufzustellen, seidene Tapisserie und Paravents anzubringen, schon wäre das odaliskenseligste Bordell nördlich von Byzanz betriebsbereit… 

(Wir werden auf unserer Reise einigen aufgelassenen und umgewidmeten Kirchen begegnen, aus denen Tempel für Trödel geworden sind, große Teestuben und Mittagstischhallen, Ausstellungsräume für Laienmalerei, Second-Hand-Läden: aber man scheint noch davor zurückzuscheuen, die alten Gottes- gleich zu Freudenhäusern umzufunktionieren. Dabei hat die Tempelhurerei eine altehrwürdige Tradition, die bis in die Zeit des sumerischen Uruk zurückreicht, wo man Ishtar anbetete. Gewiss ist die heutige Queen keine adäquate Nachfolgerin der Ishtar, und man kann Uruk auch nicht bedenkenlos als Ur-UK übersetzen; aber was spräche eigentlich dagegen, wieder an diese alten Bräuche anzuknüpfen? Die anglikanische Kirche ist letztlich doch der Geilheit Heinrichs VIII auf die Buhlin Anne Boleyn entsprungen, und so würde nur ein Kreis geschlossen, wenn wenigstens einige der englischen Gotteshäuser fortan der Hurerei dienten.)

Cheddar Gorge. Auf dem Weg nach Bristol passieren wir die Schlucht, in deren Höhlen der englische Nationalkäse Cheddar reift. Cheddar wird oft mit allerlei Geschmäckern aromatisiert, was kein gutes Zeichen ist, weil es in der Regel bedeutet, dass der Käse an sich belanglos ist. Man füttert ihn mit Bier und Port, stopft ihn mit Chili oder Salbei, um ihn geschmacklich aufzudonnern, was auch nur dazu führt, dass er dann nach einem belanglosen Käse mit Chili oder Salbei, Bier oder Port schmeckt. Würde je ein Comté-Produzent auf die Idee kommen, diesen Königskäse mit irgendwelchem verfälschendem Unsinn zu verhunzen? Um Himmels willen, nein! Er vertraut auf die geschmackliche Tiefgründigkeit seines Käses und weiß, dass er es nicht nötig hat, ihn mit auftrumpfenden Zutaten zu impfen. Aber in der Franche-Comté weiden die Rinder auch auf Almwiesen voller Blumen und Kräuter, sie bekommen kein Silofutter, und darum ist selbst ein mittelmäßiger Comté noch besser als die meisten anderen Hartkäse. Cheddar hingegen ist vollkommen unberechenbar; er kann von überall herstammen, aus Finnland, Südafrika, Australien, und darum weiß man nie, was einen erwartet, wenn man die Packung aufschneidet. In dem Spektrum zwischen Glück und Enttäuschung ist alles möglich, aber wenn ich meine Erfahrungen mit diesem Käse in einen Graphen einzeichnen müsste, würde die übliche Gauß’sche Glockenkurve ihren Bauch so ziemlich im unteren Drittel der Geschmacksskala aufstülpen. (Der Comté allerdings, der in englischen Supermärkten angeboten wird, rangiert nicht weit davon entfernt; kein Vergleich mit den Varietäten, die unser Käsehändler zuhause im Sortiment hat; in dem nicht fehlgehenden Vertrauen darauf, dass die Engländer Barbaren sind, scheinen die französischen Käsereien vor allem ihre B-Ware auf die Insel zu liefern.)

Die Cheddar Gorge ist übrigens ein reizendes Schlüchtchen, das vielleicht noch reizender wäre, wenn man darauf verzichtet hätte, alle paar Meter großflächige Parkplätze zu asphaltieren; man kommt sich beim Durchfahren vor wie bei einer Parade von Gebrauchtwagenhändlern. 

Mittags kommen wir in Bristol an, stellen den Wagen an einem Park&Ride-Platz weit außerhalb der Stadt ab und nehmen den Bus ins Zentrum. Zuversichtlich steigen wir an der Bristol Bridge aus. Am Ufer des Avon liegt ein Hausboot-Restaurant mit französischer Küche, an Bierbänken sitzen junge Männer, und in der Aue ein wenig flussaufwärts knabbern junge Leute ihre Sandwiches. Das lässt auf ein wenig entspannte Lebensart hoffen, doch wie wir bald kapieren, handelt es sich bloß um eine Enklave, eine kleine Zone in einer kaputtmodernisierten Innenstadt. 

Immerhin bekommen wir im Nicolas Market eine passable Schale chinesischer Nudeln. Der Markt ist ein vom Passagenglas des 19. Jahrhunderts gedeckter Straßenzug, in dem libanesisches Fladenbrot neben Wessexkuchen und indischen Currys feilgeboten wird. Ein keusch dreinblickendes chinesisches Mädchen verteilt Probehäppchen, und wir sind gleich als Kundschaft gewonnen, wenn auch mehr der Atmosphäre als der Nudeln wegen. In der Passage herrscht munterer Betrieb, man hockt beim Essen auf scheißunbequemen Schemeln oder Bänkchen, bekleckert sich die Klamotten und schlabbert sündhaft scharfe Nudeln mit Rindfleisch ein. Aber egal; wir sind furchtbar hungrig, und ich schaue beim Essen gern das Passagenpublikum an, die zwei schwarzen Frauen, die neben uns Suppe schlürfen, die jungen Muslimas einen Stand weiter beim Burgermampfen, ein Thaimädchen und ihre blonde Freundin bei Latte Macchiato und Applecrumble. Für einen Moment empfinde ich fast eine himmlische Eintracht der Hungrigen aller Völker, etwas Pfingstliches im Zeichen von Zunge und Bauch, aber es ist dann doch nicht weit her mit der Pfingstlichkeit: bald kommen zwei angesoffene Burschen, die je auf ihre Art eine Kreuzung von Wayne Ronney und Wladimir Putin darstellen und mit einer solchen WasAuchImmerDuWillstIchPolierDirDieFresse-Mimik im Gesicht einmarschieren, dass es für ein paar Sekunden rundum tatsächlich leiser wird und einige Leute mit nicht rein angelsächsischer DNA misstrauisch die Augenbraue heben: man kann nie wissen, wie’s ausgeht.

Wir begegnen den beiden Kerlen gleich nebenan in den Hallen des Corn Exchange wieder, wo sie sich durch die Auslagen eines Plattenantiquars blättern, der, wie mir scheint, ein ziemlich connaisseurhaftes Sortiment vorweisen kann. Ich stöbere pro forma auch, bloß mal so interessehalber, um mitzukriegen, was diese beiden Rüpel so anzieht. Gangsta-Rap, Speed-Core, oder stumpfer Hardrock? Aber verblüffend, mit was für einer Platte sie dann abziehen - nämlich mit Ege Bamyasi von Can, der deutschen Krautrocklegende aus den frühen Siebzigern, deren ebenso intensive wie verschrobene Klangwelten meine ersten Haschischräusche begleitet haben, Halleluhwah und Yoo doo right und One more night in Dauerschleife. Diese Musik war damals für mein bekifftes Hirn eine Wanderung durch große Höhlensysteme voll bizarrer Tropfsteine und Kristalldrusen, Engstellen und trommelskandierter, steiler Abhänge; ab und zu erhellt von flackerndem Fackellicht; ab und zu von majestätischer Erhabenheit, doch dann auch wieder elend und wirr, als hechle ein benommener Schamane irgendwo in düsterer Trance seine Fliegenpilzgottheit an. Damals hatte ich auch die Hymnen zur Nacht und den Ofterdingen des Novalis gelesen, von dem ich nichts verstand, der aber ein suggestives atmosphärisches Hintergrundflimmern für meine Ausflüge beisteuerte und eine halluzinative Grundstimmung schuf, in der allerwärts Traumsplitter herumtrieben, die ausflockten, miteinander verklumpten, und sich in seltsamen Schlieren und Wirbeln mischten.

Und so schräges Zeug hören Rooney und Putin? Wenn dem so ist, kann die Welt ja nur besser werden.

Aber mit der Stadt werden wir nicht warm, vielleicht auch deshalb, weil wir gutgläubig einem Schild zum Touristenbüro folgen, das uns in ein modernes Einkaufszentrum lockt, in dem wir dann eine gute Viertelstunde zwischen Handyläden und Klamotten-Outlets, Boots und Foot Locker und Tesco herumirren, ohne das verheißene Touristenbüro zu finden, aus dem einfachen Grund, weil dort kein solches Büro existiert, und irgendwann beschleicht mich der Verdacht, dass es auch nie eins gegeben hat und die Schilder nur aufgestellt wurden, um ortsunkundige Kundschaft in diesen unwirtlichen und abstoßenden Komplex zu locken. Ich bin mir nicht sicher, welche Erfolgsquote eine solche Bauerntäuscherei haben könnte. Glaubt man wirklich, dass Touristen, die auf der Suche nach Auskünften und einer Liste von Sehenswürdigkeiten sind, plötzlich in Kauflaune geraten und sich wie erlöst auf Schuhdeodorants oder DVD-Player stürzen oder sogar, ganz spontan, 50-Zoll-Flachbildschirme erstehen, um so beladen weiter die Stadt zu erkunden?

Was ist es, das mir an Bristol missfällt? Die Stadt ist nicht eigentlich häßlich, es gibt jede Menge ansehnlicher Häuser und sogar schöne Plätze, aber ich werde dennoch irgendein Unbehagen nicht los, dessen Grund schwer zu benennen ist. Es hat vielleicht etwas mit den Proportionen zwischen den Häusern und den Straßen zu tun, mit dem Verhältnis von Bürgersteigen, Straßenbreiten und Traufhöhen, mit dem Unvermögen, Plätzen eine visuelle Einfassung zu geben? Ich kann es nicht auf den Punkt bringen, aber genau das ist es: auch die Stadt bringt ihre Bebauung nicht auf den Punkt. Die Häuser sitzen nicht. Die Straßen um sie herum schlackern wie schlecht passende Hosen oder Hemden mit zu breiten Schultern. Zähne mit blankliegenden Zahnhälsen, Schlappen, die eine Nummer zu groß sind, eine Schlampigkeit. Da ist oft etwas Ausgewalztes, Formloses am Stadtbild, ein mangelndes Gespür für Rahmungen und die optische Markierung von Grenzen; ein mangelndes Gespür für Struktur im weitesten Sinn, für Blickachsen und städtebaulichen Zusammenhang - und plötzlich verstehe ich, warum Bristol und Hannover eine Städtepartnerschaft unterhalten: sie leiden an der selben Unmöglichkeit, sich eine urbane Form wiederzugewinnen. Sie sind im Weltkrieg zerstört worden, und dann durch den Wiederaufbau gleich noch einmal. In Hannover baute man eine sogenannte autogerechte Stadt, und die offizielle Begründung lautete, dass das Auto die Zukunft sei, der man folgen müsse. Aber manchmal denke ich, dass dieses System aus Schnellwegen und Stadtautobahnen, das die Stadt so häufig stranguliert und zerschneidet, sich gar nicht so sehr der Vision einer künftig individuell mobilen Gesellschaft verdankt, sondern vor allem gewährleisten soll, dass man so schnell wie möglich aus Hannover herauskommt, sei’s im Fall eines Bombenangriffs oder weil man von all den verunstalteten Plätzen und dem Autoverkehr geopferten Straßen einfach die Schnauze voll hat.

Aber nun; hier ist nicht der Ort, auf Hannover herumzuhacken, und auf Bristol herumzuhacken, habe ich kein Recht. Die paar Stunden, die wir hier verbringen, genügen nicht, um mir ein auch nur ansatzweise gerechtes Urteil zu bilden, und wir verplempern unsere Zeit mit der Besichtigung der wenig originellen Kathedrale und danach einem tödlich scharf gebrannten Kaffee bei Costa, der grade so viel Zeit kostet, dass wir im Anschluss vor den bereits verschlossenen Toren des Georgian House Museum stehen. Wandern wir also zu den Fleetausläufern des Avon hinunter, wo wir durch puren Zufall auf das Touristenbüro stoßen, das sich hier versteckt.

Wir frohlocken in der Hoffnung, nun für die Stadt, durch die wir bislang ziemlich planlos geirrt sind, kalibriert und eingenordet zu werden. Gleich wird uns jemand sagen, wo es gut ist, was zu sehen lohnt, und wo wir schön flanieren können. Die junge Frau am Tresen lächelt uns aufmunternd an; aber als sie den Mund aufmacht, verstehe ich, dass sie nicht uns, sondern sich selbst aufmuntern möchte. Ihr Englisch ist reines Gestammel, ich verstehe kein Wort; ihren Akzent hingegen verstehe ich sehr wohl, er ruft die süßen, weichen, genießerischen Gefilde Frankens auf, Bayreuther Bier und Würzburger Wein. Sie hat entzückende Wangen, die zum Reinbeißen sind wie Schmalznudeln und gezuckerte Krapfen, aber in Bristol ist sie neu, ihr Praktikum hat grade mal vor einer Woche begonnen, und sie hat keine Ahnung von der Stadt. Sie könnte uns ein Hotelzimmer besorgen oder eine Fahrkarte nach Cardiff, sie könnte uns all die Spektakel empfehlen, deretwegen Touristen nach Bristol kommen, das Aquarium und das IMAX-Kino, all den globalen Mist, mit dem europäische Städte um Besucher buhlen, doch ein Aquarium haben wir schon in Valencia gesehen und ein IMAX in München; ich würde lieber ein Bristol in Bristol sehen, aber davon weiß das Fräulein ja wie gesagt nichts. Sie ruft ihre Kollegin zur Hilfe, die aus Polen oder Bulgarien stammt, und schon fast am Verfallsdatum ihres Praktikums ist. Ihre Wimpern sind mit tiefschwarzen Farbpigmenten beladen, ihre Augenbrauen sind klumpiges Impasto, als hätte der Rembrandt nach der Fertigstellung der Judenbraut noch einen pappigen Batzen Schwarz auf seinem Pinsel gehabt, und ihn in den Brauen der Praktikantin ausgewischt. Die Praktikantin ist missgelaunt, was wahrscheinlich der üblichen Stimmungskurve entspricht: im ersten Monat ist man unsicher und devot, im zweiten läuft’s besser, und im dritten begreift man, dass man einen Scheißjob für lau macht, und der Laune-Pegel sinkt wieder. Es kann aber auch sein, dass sie bloß von Leuten wie uns genug hat, die von ihr „the prettiest and most interesting areas of Bristol“ erklärt bekommen möchten; ich muss zugeben, dass unsere Frage auch nicht sonderlich handhabbar ist, weil sie dazu wissen müsste, was wir persönlich unter hübsch und interessant verstehen. Sie kann schließlich nicht einfach ihre eigenen Vorlieben zum Besten geben, denn dann würde sie uns stante pede zu irgendeinem Friedhof schicken, wo es erstklassigen Stoff zu kaufen gibt und wo zudem nach Sonnenuntergang Hahnenkämpfe und Bärenhatzen ausgetragen werden. Also leiert sie die Standards herunter, das IMAX und das Technikmuseum, das Arnolfini für die schönen Künste, das M-Shed für Lokalgeschichte, aber all das klingt aus ihrem Mund wie Strafarbeiten.

Gut, dass gleich neben dem Touristenbüro eine Kneipe ist, die uns hilft, die Schroffheit abzupuffern, die wir eben an der Auskunftstheke erlebt haben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Engländer nicht nur deshalb ausländische Kräfte an solche Theken setzen, weil diese Fremdsprachen beherrschen, sondern weil polnische, tschechische, ungarische Importware zu einer Grobheit imstande ist, zu der die einheimischem Aspirantinnen nicht die Traute haben.

Wir holen uns eine Pinte Cider, um über diese rüde Behandlung hinwegzukommen. Woran wir nicht denken: die Uhr tickt, unerbittlich. Das Arnolfini, das gleich um die Ecke liegt, scheucht schon die Gäste raus, in seinen Hinterzimmern machen sich die Putztrupps bereit. Während wir an unserem Cider süffeln, läuft unsere Zeit ab. Die Museen schließen früh, was immer ein sicherer Weg ist, die Exponate vor den Ausdünstungen abendlicher Müßiggänger zu schützen. So bleibt uns nichts als zum M-Shed hinüberzutrotten, das allerdings ebenfalls gleich schließt. Dahinter liegt das Kulturzentrum von Spike Island, was vermutlich zu jeder anderen Tageszeit reizvoll sein könnte. Doch gerade jetzt machen auch die dortigen Galerien zu, und der abendliche Rummel, den es da vermutlich geben wird, hat noch nicht begonnen. So begnügen wir uns damit, am Kai des City Dock entlangzubummeln und die alten Hafenkräne und die Schiffe anzustaunen. Die SS Great Britain liegt dort, ein Dampfschiff, das um 1850 die Überfahrt nach Amerika in vierzehn Tagen bewältigte, dann ein wechselvolles Schicksal als Truppentransporter, Quarantäneschiff und Kohlehulk hatte (letzteres ist ein Schiff ohne Antrieb, das am Ufer festgemacht als Stauraum dient), bis man es 1970 von den Falklandinseln, wo es dreißig Jahre zuvor stillgelegt worden war, nach Bristol schleppte, um es von Grund auf zu restaurieren. Das soll mit liebevoller Detailtreue geschehen sein, aber wir können das natürlich nicht beurteilen, denn - was Wunder - die Besichtigungszeit ist vorüber. Schade - ich glaube, ich hätte jeden Mist besichtigt, den ein Ingenieur mit einem so hinreißenden Namen wie Isambard Kingdom Brunel entworfen hat; er hätte statt genialer Schiffsschrauben nur einen mäßig praktikablen Korkenzieher zu erfinden brauchen, und ich hätte ihm dennoch gehuldigt. Isambard hat aber zweifellos mehr Rühmenswertes geschaffen als bloß Korkenzieher - er hat weltweit den ersten Tunnel unter einem Fluss gegraben (der Themse in London), er hat mit Viadukten und Tunneln versehene Eisenbahnlinien gebaut und auch die Bahnhöfe dazu (Paddington Station in London, Temple Meads hier in Bristol), er hat Riesenschiffe mit revolutionärem Propellervortrieb geschaffen und gewaltige Hängebrücken, und das alles bei nicht mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht, und angeheizt von fünfzig Zigarren pro Tag: er war eine paffende Arbeitslokomotive auf Volldampf. Hinter Winston Churchill steht er bei der BBC-Umfrage nach den hundert größten Briten auf Platz zwei. Man kann allerdings nicht verschweigen, dass auf Platz drei - noch vor Darwin und Shakespeare - Lady Diana landete, deren Verdienste (Lächeln, Söhnegebären und Totgefahrenwerden) mir weniger gewichtig erscheinen als die Evolutionstheorie oder der gewaltigste Dramenkorpus der Menschheit. Ja, auch die Entdeckung des Penicillin (Alexander Fleming, Platz 20), das gekonnte Abservieren unliebsamer Ehefrauen (Heinrich VIII, Platz 40) und selbst die Erzeugung dämlicher Musik (Boy George, 46, Sir Cliff Richard, 56) kommen mir irgendwie meritabler vor als die Überwindung, die es Lady Di gekostet haben mag, ab und an die Beine für einen Thronfolger mit abstehenden Ohren breitzumachen. James Watt, dessen Dampfmaschine die industrielle Revolution befeuert hat, rangiert nur knapp (84) vor der U2-Heulsuse Bono (86) und dem Sex Pistols-Nöler Johnny Rotten (87), wird aber klar von dem lachhaften Tanzaffen Robbie Williams überflügelt, der es immerhin auf Platz 77 gebracht hat. Die Wege des Herrn sind unerforschlich.

John Cabot, der im Jahr des Herrn 1497 von Bristol aus gen Westen segelte und nach den historisch folgenlosen Fahrten der Wikinger als erster Abendländer Nordamerika erreichte, steht nicht auf der Liste, was freilich auch daran liegen mag, dass Cabot kein gebürtiger Engländer war, sondern als Giovanni Caboto in Italien zur Welt kam. Ein Nachbau des Schiffs, mit dem der Mann nach Kanada segelte, liegt hier am Kai, und wer zur rechten Zeit kommt, kann darauf ein bisschen den Bristolkanal hinausfahren.

Aber wir kommen ja nicht zur rechten Zeit; wir sind außer Takt in dieser Stadt, wie bei einer Bahnfahrt, bei der man durch eine anfängliche Verspätung zuverlässig alle Anschlusszüge verpassen wird und in jedem gottverlassenen Umsteigebahnhof Stunden auf die nächste Verbindung warten muss. Wir kapitulieren, was ziemlich beschämend ist angesichts von Cabots stolzer Karavelle. Hätte sich dieser tapfere Entdecker von einer kleinen Flaute abhalten lassen? Wäre er bei den ersten widrigen Winden wieder nach Hause gesegelt, statt fleißig gegen die Brise anzukreuzen, hätte er Neufundland nicht gefunden. Aber Cabot war ein ehrgeiziger Mann, ein Mann mit einer Mission, während ich nur ein Mann bin, der abends in den Pub will. Doch was kann einem in Pubs nicht alles begegnen? Im Llandoger Trow in der King Street soll Daniel Defoe den Mann getroffen haben, der ihn zu seinem Robinson Crusoe inspirierte. Auch Stevenson soll das Vorbild für den Benbow Inn in der Schatzinsel von diesem Pub bezogen haben, von dem es heißt, mindestens ein Dutzend Gespenster ginge dort um. Das ist auf jeden Fall mehr, als das Haus bei unsrer Einkehr zahlende Gäste hat. Wie gesagt: wir sind zur Unzeit da.

Aber den Bus zum Park&Ride kriegen wir just in time. Die Stadt zu verlassen gelingt uns sehr viel besser als in ihr Fuß zu fassen.

Es ist nicht weit bis Bath; vor der Stadt finden wir einen reizend am Avon gelegenen Pub namens Bathhampton Mill. Im weitläufigen Garten lümmeln die Gäste auf Deckchairs herum; Sprizz und Pints stehen auf den breiten Armlehnen. Das Licht, schon leicht abendlich, beginnt, alles mit einem sanften Goldrand zu überziehen. Von der Staustufe des Flusses her rauscht’s. Im Uferschilf macht sich eine Entenfamilie das Nachtlager zurecht.

Die Sonne täuscht; es geht ein kühler Wind. Draußen halten es bald nur noch hartgesottene Briten aus. Wir verziehen uns nach drinnen, zu Tischdecken und beflissener Bedienung. Die Speisekarte hört sich recht ambitioniert an, es wimmelt von internationalen Zutaten von Grünkohl über Parmesan zu Hummus und gerösteten Mandeln; aber all das wird über die vollkommen üblichen Basisgerichte gestreut, Fisch im Backteig, Steaks und Schweinebauch; das ist hübsch angerichtet und bisweilen recht phantasievoll kombiniert (etwa gegrilltes Lamm mit Tzatziki, Blumenkohlcouscous und Ananas-Zitronengras-Ingwer-Dressing), aber auf den Tellern, die rundherum aufgetragen werden, liegt dann doch meist ein Burger, ein Halloumi-Käse im Bierteig mit geminzten Erbsen oder ein Rib-Eye-Steak mit chunky chips und der Standardgemüsebegleitung Champignon, Tomate, Zwiebel, wenn nicht gleich beer battered cod serviert wird. Der ehrgeizige Exotismus der Karte ist offenbar nicht mehrheitsfähig, und ich muss zugeben, dass Tzatziki zu Ananas-Zitronengras-Ingwer in der Tat eine eher fragwürdige Paarung ergibt. Sie ist vielleicht nicht ganz so schlimm wie jene prahlerische Modetorheit, als die in der Recherche du temps perdu beim Diner mit Monsieur Norpois der groteske Ananas-Trüffel-Salat figuriert, in dem einfach nur zwei sündteure Zutaten in geschmacklicher Kakophonie aufeinandergehetzt werden, aber kulinarisch leben auch Tzatziki und der süß-scharf-fruchtig angemachte Couscous ziemlich aneinander vorbei: sie ergeben keinen Akkord, sie umspielen sich auch nicht nach Art eines Vorhalts oder eines Kontrapunkts, sondern bleiben beziehungslos, ein beliebiges Geschmacksgeräusch: unmusikalisches, unkulinarisches Gedudel. An dem Rib-Eye ist hingegen nichts auszusetzen; wunderbar abgehangen, rare gebraten und hoch aromatisch, ist es wie ein einfaches, aber immer wieder anrührendes Volkslied - eine Art Auld Lang Syne oder Scarborough Fair der Kulinarik. 

Als Roland Barthes in seinen Mythologies Le Bifteck et les frites analysierte und die Zusammenstellung als emblematischen Teller Frankreichs reklamierte, übersah er (in der üblichen Frankozentrik der Franzosen), dass Steak und Fritten ein europäisches Universal sind, wenn nicht sogar eins, das aus der Zeit der paläolithischen Feuerstellen herrührt, in deren Glut Wurzelknollen und Fleisch zusammen garten. Ein sehr archaischer und elementarer Duft steigt von einem Stück gebratenen Fleisches auf, ein Duft von Feuer, Tier und Erde, der etwas mit Gemeinschaft zu tun hat und einen Nachklang von Jagdglück, Sicherheit und Sippenzusammenhalt aufruft, dessen Glissando sich auch heute noch aus jedem Grillrost in öffentlichen Parks harfen lässt. Wer grillt, sammelt sich um eine gemeinsame Glut, und fast immer wird sie von einem Mann betreut. Es ist selten anders. Frauen kochen, Männer grillen. Den Männern gehören die Flammen, Frauen rühren in der Suppe. Frauen köcheln etwas aus, sie blubbern und simmern und brüten, weiche, feuchte Alchimistinnen, deren Gebärmuttern nichts anderes sind als Schmortöpfe. Im Sud ihres Fruchtwassers werden die Kinder gesotten. Männer hingegen erzeugen Röstpanzer, bronzefarbene Maillardrüstungen.

Vieles an der alten Geschlechter-Mythologie ist in den letzten hundert Jahren geschleift worden, aber das Grillen ist eine Bedeutungsbastion, die nicht so leicht fällt. In den Rauchschwaden, die über der Glut aufsteigen, ist fast immer das Gespenst des Patriarchen zu erkennen, des alten Hordenarchonten, der eine Haxe ins Feuer hält.


23. Juni. Bath, Lacock


Wie schon tags zuvor passieren wir das Mauthäuschen an der Brücke über den Avon. 80 Pence ist zugegebenermaßen keine große Gebühr, aber im Lauf eines Tages, einer Woche, eines Jahres wird doch schon einiges zusammenkommen, genug jedenfalls, um dem Zöllner eine etwas ansehnlichere Uniform zu spendieren. Wenn man schon an der mittelalterlichen Sitte des Brückenzolls festhält, sollte man doch den Diensttuenden besser ausstaffieren und ihm wenigstens Federhut und Hellebarde gönnen statt bloß eine neongrüne Warnweste. Noch nicht mal einen Schlagstock hat man ihm in die Hand gedrückt. Ich bin aufrichtig enttäuscht ob dieser ästhetischen Verwahrlosung - zumal Bath sonst sehr auf sich hält und die georgianischen Straßenzüge, die Stadthäuser und die Plätze von großer Eleganz sind.

Es ist jedoch nicht die Schönheit und der Glanz der Stadt, die uns zuerst in ihren Bann ziehen, sondern ihr Warenangebot. Kaum, dass wir uns dem Zentrum nähern, kehren wir bereits in einem Laden ein. Wir haben grade mal ein paar oberflächliche Blicke auf die Architektur geworfen, als wir uns schon der Welt des Konsums an den Hals schmeißen. Sollte ich mich dafür genieren? 

Schon bei Jane Austen wird Bath als die Stadt mit den allerbesten Einkaufsmöglichkeiten geschildert, wo man die feinsten Handschuhe, die schönsten Roben und die entzückendsten Stiefelchen bekommt, von Schnürleibchen und Riechsalz mal ganz abgesehen. Uns gelüstet es freilich nach nichts von all dem. Wir müssen uns nicht schön machen; Dagmar ist es schon, und bei mir wäre es vergebene Liebesmüh. Aber ein Cookshop zieht uns sehr wohl an, ein Laden für Küchenutensilien, dessen Schaufenster schon andeuten, dass er recht gut sortiert ist. Doch einmal drinnen, wird mir schlagartig klar, dass gut sortiert eine vollkommen unzulängliche Einschätzung ist. Dieser Laden ist nicht einfach gut sortiert, er ist die Encyclopaedia Britannica der Küchengeräte, ein mehrstöckiges Universalsortiment so ziemlich aller Dinge, die man beim Kochen, Backen, Braten, Schälen, Schneiden, Hacken, Messen, Wickeln, Greifen, Rühren, Reiben, Quetschen, Löffeln, Schlagen, Binden und Trennen gebrauchen mag, sowie überhaupt allem, was man in der Küche anstellen wollen müssen können würde. Wer Pfannen sucht, kann sich hier durch Regalkilometer davon kämpfen - von den Sauteusen, Kasserollen, Grill- und Schneckenpfannen, Planchas und Woks, den Spezialformen für Crèpes, Blinis, Fisch, Paella will ich gar nicht erst anfangen. Wer seine Form gefunden hat, muss sich dann nur noch zwischen Gusseisen und Edelstahl, Kupfer und Keramik, Teflon und Stein, Emaille und Aluminium und Tajines aus Ton entscheiden; wahrscheinlich gibt es in irgendeinem Hinterzimmer auch silberne Pfannen und Sonderanfertigungen aus Platin, Legierungen aus Palladium und Diamantenstaub oder angereichertem Uran. 

Es gibt hier elektronisch gesteuerte Küchenmaschinen, die über mehr Rechenleistung verfügen als Apollo 11 und wahre Monstren an Programmiererintelligenz darstellen - aber auch einfache Küchenhelfer, die einen ganz grundsätzlich an der Reichweite des menschlichen Verstands zweifeln lassen. Da ist etwa ein Avocado-Slicer, der es ermöglicht, mit einer einfachen Handbewegung das Fruchtfleisch aus einer halbierten Avocado zu holen und dabei gleich in ebenmäßig dicke Scheiben zu schneiden. Auf seine Art ist auch dieses Instrument ein raffiniertes Dingelchen, aber jede einfache Überlegung, wie lange es dauert, dieses Gerät aus dem üblichen Gewühl in irgendeiner Küchenschublade zu fummeln, und wie lange es dauern würde, eine Avocado mit einem handelsüblichen Messer zu häuten und zu zerlegen, käme zu dem Ergebnis, lieber das Messer zu nehmen als das avocadogrüne Plastikding mit den Schneiddrähten, an denen man sich beim Abwaschen garantiert in den Finger schneiden wird. 

Von solchen Dingen gibt es hier jede Menge, hochspezialisierte und nur für einen einzigen Zweck entworfene Spielzeuge, perforierte Kellen zum Pochieren von Eiern, Scheren mit mehrfachen Klingen zum zügigen Schnittlauchschneiden, Plättchen mit Löchern verschiedenen Durchmessers zum Abstrappsen von Thymianblättchen oder Rosmarinnadeln, Spargelschälmaschinen und mit Schuppenmotiven versehene Schrapp-Eisen zum Entschuppen von Fischen. Kaum etwas davon wäre nicht auch mit einem einfachen Messer oder mit den Fingern zu machen, aber für praktisch jedes Erfordernis, das in der Küche vorkommen kann, wird hier ein eigens perfektioniertes Instrument angeboten. Die dafür aufgebotene technische Intelligenz ist gewaltig und sehr beeindruckend. Aber sie bedeutet eben auch, dass all die manuellen Feinarbeiten, die in der Küche anfallen, nicht mehr dem Geschick der Hand anvertraut werden, sondern dem Kalkül der Produktdesigner und Maschinenbauer. 

Kitchens Cookshop ist ein Tempel der Arbeitsteiligkeit und zugleich ihr Exzess. Die Industrie hat die notwendigen Handgriffe ihren Produkten implementiert und das Mechanische dieser Handgriffe in der Konstruktion des Geräts verschwinden lassen. Das, was man früher einmal selbst tun musste, tut nun schneller und mit weniger Umstand das Instrument für einen, und die Mühe, die es einst kostete, etwa die Kartoffeln zu schälen, kann nun einem Gerät überlassen werden, das die Knollen durch Rütteln, Rubbeln, Reiben von selbst häutet. (Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sich nachher auch noch eine Maschine um die Säuberung der Schälmaschine kümmerte, aber grade die dümmste und am wenigsten befriedigende Sklavenarbeit muss man dann doch von Hand übernehmen.)

Der Laden hier ist voll von Dingen, die den Kunden von Arbeit entlasten, und ihn doch zugleich entmündigen. Mit ein bisschen Wehmut denke ich an Hegels Schilderung des epischen Weltzustands, als die Helden sich ihre Umwelt noch ganz aus eigener Kraft schufen: „Was der Mensch zum äußeren Leben gebraucht, Haus und Hof, Gezelt, Sessel, Bett, Schwert und Lanze, das Schiff, mit dem er das Meer durchfurcht, der Wagen, der ihn zum Kampf führt, Sieden und Braten, Schlachten, Speisen und Trinken: es darf ihm nichts von allem diesen nur ein totes Mittel geworden sein, sondern er muss sich noch mit ganzen Sinn und Selbst darin lebendig fühlen“…

Hier aber ist, wiederum mit Hegel gesagt, nichts als objektiver Geist aufgestapelt, eine dinggewordene, versteifte Intelligenz, die ebenso ärgerlich wie zugleich bewundernswert ist. Und weil sie bewunderswert ist, kaufen wir sogar dies und das, eine solide Spritze für Marinaden und Füllungen, einen Ölausgießer, der stufenlos regulierbar ist, einen sehr breiten Pfannenwender, mit dem man zur Not auch Tischtennis spielen könnte, und ich will auch nicht verhehlen, dass ich eine Weile um eine elektrische Pistole herumschleiche, mit der man allen möglichen Speisen (Kartoffelsalat! Carbonara! Creme brulée!) Räucheraroma applizieren, und vielleicht sogar lästige Insekten verjagen kann.

Der Dame an der Kasse mache ich ein ausschweifendes Kompliment zu ihrem Laden, aber ich verkneife es mir, in der kleinen Plauderei, die sich daraus entspinnt, die Frage zu stellen, die mir die ganze Zeit durch den Kopf geht: wie kann ein solch enzyklopädisch sortiertes Küchenfachgeschäft in einem Land existieren, das der Kochkunst offenkundig so wenig Wert beimisst? Das Essen in den Pubs ist selten von einem Hauch Raffinesse berührt, das salzlos gekochte Gemüse ist eine Zumutung, Fish’n’Chips eine Banalität, und wenn man sieht, was die Kundschaft im Supermarkt auf die Kassenbänder packt, begreift man, dass auch die häusliche Küche nicht von der Lust am Selberkochen bestimmt wird, sondern vorwiegend vom Aufwärmen von convenience food und baked beans in Tomatensoße. 

Wozu dient also ein so reichhaltiges Sortiment an Küchengerätschaften in einem Land der Banausen? Es muss sich um eine Art von Kompensation handeln, vielleicht spielt Scham oder ein verquerer Gedanke an Bußopfer eine Rolle. Vielleicht haben die Engländer sogar ein schlechtes Gewissen, oder tatsächlich Sehnsucht nach feinerem und frisch zubereitetem Essen, doch scheint ihnen der Weg dorthin nur mit Hilfe von Apparaturen und Instrumenten gangbar; als ließe sich die Küche nur verbessern, wenn man sie mit allerlei Spezialinstrumenten anfüllt. Die Küchenläden, die wir in Frankreich und Spanien kennengelernt haben, wirken gegen den hiesigen technischen Overkill reichlich armselig. Ein Großteil der kulinarischen Intelligenz Englands scheint in die äußerliche Sorge für Werkzeuge und ausgetüftelte Gerätschaften zu wandern, während die wesentlichen Fragen des Kochens mit Ignoranz behandelt werden. Die romanischen Länder achten auf gute Produkte und gute Rezepte, sie brauchen nicht auch noch Maschinen, mit denen man Gemüse in Spiralkringel schneiden kann, Mangoentkerner, Kiwiauslöser, Grill-Doppelspieße mit Abstreifschieber, all den Mumpitz, der aus Privathaushalten für alle Eventualitäten gerüstete Miniaturfabriken machen will. Die interessantesten Mahlzeiten in England haben wir dort genossen, wo gut aufeinander abgestimmte Zutaten kombiniert wurden und nicht dort, wo alles Gemüse die selbe Kantenlänge hat; im Mund kommt es auf Kontraste und Ungleichgewichte an, auf die Dramaturgie des Zufalls und hier und dort sich herstellende Überraschungen. Die englische Kochkunst hätte sich mehr mit Shakespeare beschäftigen sollen, dem Meister der Mèsalliance und des Stilbruchs. Shakespeare hat nie klebrige Gravy über seine Stücke gegossen, die alles vereinheitlicht hätte, und er hat seine wilden Mischungen aus hohem Pathos und derben Späßen, lyrischer Süße und düsterem Pomp nicht im Ketchup-Mischmasch ersaufen lassen… Ich weiß, ich verplaudere mich. Doch wes das Herz voll ist, des geht der Mund über - man sehe es mir nach. 

Zurück nach Bath. Jane Austen schrieb, wie gesagt, dass man nirgendwo sonst seine Einkäufe so bequem erledigen könne wie hier. Dieser genius loci hat uns am Schlafittchen gepackt. Nach den Küchenutensilien kommen wir an einem Schreibwarenladen vorüber, wobei mir einfällt, dass das Tintenfass, aus dem der Füller für meine abendlichen Notizen säuft, bald zur Neige gehen wird. Ein Glas Pelikan 4001 brillant-schwarz ist schnell gefunden und kommt in den Rucksack. 

Bald darauf erinnert mich mein juckendes Handgelenk daran, wie abgewetzt mein Uhrenarmband ist und dass es an der Zeit für ein neues wäre. Der Schweiß löst irgendwann das Leder, und die aussickernden Gerbstoffe oder einfach nur die rauhe Rissigkeit des Bands lassen an der Innenseite des Handgelenks rötliche Ekzeminseln aufblühen. Jedesmal, wenn das geschieht - und alle zwei, drei Jahre ist es wieder soweit - durchlebe ich eine akute Krise. Es ist ein Memento mori. Die bläuliche Arterie, die Schlagader des Lebens, wird von einem Zeichen des Verfalls heimgesucht, einem rotfleckig nässenden Stigma: ein Zeichen, dass die Adermembran belagert und zermürbt wird, mit dem Ziel, tödliche Giftstoffe in den Blutkreislauf zu schleusen und mein Herz mit schuppigen Abschilferungen zu verstopfen.

Die Uhr am Handgelenk tickt noch; aber wenn ich den Lauf des Sekundenzeigers mit dem Blick verfolge, spüre ich immer etwas Hastiges, unruhig dem Ziel Entgegenrasendes, das mich verunsichert. Meine Knochen sind schwerer geworden, die Bewegungen gemessener. Ich schleppe mich oft nur noch dahin, mein Körper ist eine einzige ächzende Last geworden; mein Verstand wird zwar nicht stumpfer, aber mir scheint, es klebe mehr und mehr Vergangenheit an ihm. Die Klinge bleibt scharf, aber die Hand, die sie führt, hat an Tempo, Gelenkigkeit und Willen verloren; manchmal scheint mir, dass alles Wissen, das ich mir in den letzten 25 Jahren angeeignet habe, zu einer Art von Opiumpaste verklumpt ist, einer zähen und pechigen Substanz, mit deren Hilfe ich nur noch dumpfe und ausweglose Träume verkneten kann, Wiederholungen und Umkreisungen der Themen, die mich schon seit langem begleiten, und denen ich ähnlich unausweichbar ausgeliefert bin wie de Quincey in seinen Drogenvisionen dem halluzinierten Krokodil…

Hat de Quincey die Bath Abbey besucht? Es würde mich nicht wundern. Das gerippte Fächerwölbe der Kirche könnte einem empfänglichen Gemüt leicht als die Gaumenfalten und das Knochengerüst eines Monstrums erscheinen (möglicherweise eines Krokodils), vielleicht auch als komplexes Spinnennetz, oder als die Speichen und Streben von Flügeln, mit denen Besucher aus einem ätherischen Geisterreich hier eingeschwebt sind. Doch könnte man auch (weniger esoterisch oder drogiert) schlicht an die Gerüste von Reifröcken denken, die in den Soffitten eines Ballsaals aufgehängt worden sind - oder an aufgespannte Regenschirme mit filigranen Speichen.

Sind die bunten Schirme, die sich dicht an dicht in Zehnerreihen über den Straßen der Fußgängerzone wölben, eine Anspielung auf die Deckengewölbe der Abbey? Heiter - so heiter, wie Regenschirme unter trübem Himmel eben sein können - schützen sie die Einkaufsboulevards vor dem niedergehenden Niesel. Sie beschirmen Teenys und Touristen, Rentner und Verkäuferinnen, die sich eine Zigarettenpause nehmen und unter den vorspringenden Friesen hastig ihre Kippe qualmen, Leute, die sich wie wir bei Pret a manger (was trotz fehlendem Zirkonflex auf dem e und fehlendem Gravis auf dem a französisch sein soll) ein Sandwich geholt haben und es auf einer öffentlichen Bank verzehren. 

Ich bin enttäuscht. Ich hatte mir Bath als luxe, bruit et volupté vorgestellt, als eine Stadt erlesener Genüsse, die von verwöhnten Saisongästen konsumiert würden, feine Tweeds, kandierte Früchte, Einstecktücher aus Noileseide, Kaviar vom Stör, mundgegerbte Lederhandschuhe, und auch das Publikum dafür. Aber wie schon häufiger in England hält die Wirklichkeit nicht Schritt mit dem mondänen Ruf einer Stadt. Bath galt zu Austens Zeit als Bühne der besseren Gesellschaft und Zentrum aller standesgerechten Brautschau; heute ist es nicht viel mehr als eine Provinzstadt mit mehr auswärtigen Besuchern als andere Provinzstädte.

Allerdings sehr viel mehr auswärtigen Besuchern als anderswo. Besonders in den Römischen Bädern drängeln sich die Massen so dicht, dass man sich auf den Treppen und Fluren und den Ausstellungsnischen dazwischen wie in den Ruinen eines riesigen und düsteren Kaufhauses vorkommt, in dem immerwährender Schlussverkauf herrscht. Die Sammlung und auch ihre Präsentation ist ausgezeichnet; selbst der Audioguide ist mit großem Gespür für Taktung und zumutbare Informationsmengen gesegnet. Während wir hindurchwandern (durch den Kopfhörer halbwegs abgeschirmt gegen das lärmende Gequassel der Schulklassen und gegen den noch größeren Lärm, den die Lehrer beim Versuch veranstalten, den Lärm zu unterbinden), habe ich den Eindruck, mir all das dargebotene Wissen in großen Schlucken einzuverleiben. Ich lerne einiges über römische Badesitten, keltische Gottheiten, Zinnverhüttung und Kunsthandwerk der Angelsachsen, auch über die Bleitäfelchen, die man ins Wasser warf, um damit die Bösewichter zu verfluchen, die einem beim letzten Besuch die Klamotten aus der Umkleide geklaut hatten. Aber bis auf die Fluchtafeln (und die römischen Badesitten, die ich aus anderen Quellen kenne) habe ich schon am Abend alles wieder vergessen; ich habe das Wissen nicht getrunken, sondern mir nur übergegossen wie einen Schwall kalten Wassers im Frigidarium. Es rann an mir herunter und verdunstete, ohne Spuren zu hinterlassen.

Das große Becken und sein grünspanfarbenes Wasser allerdings hat sich mir tiefer eingeprägt. Noch nicht einmal der Betrieb an seinen Rändern, all die Jugendlichen, die sich hier in Szene setzen und Selfies schießen, die römisch gekleideteten Komparsen in Tunika und Schnürsandalen, die dahinschnatternden Schulklassen, können den melancholischen Bann des Ortes brechen. Auf der Galerie über dem Bassin stehen die Götterstatuen, töricht und selbstzufrieden, als könne nichts ihre Macht je beenden, obwohl sie vom Regen geschwärzt und zerfressen sind. Zu Missgeburten entstellt und längst entmachtet, stehen sie gleichwohl immer noch so herrscherlich da, als wäre ihnen nie irgendwelches Ungemach widerfahren und als seien sie vor den Augen der Geschichte nie in Ungnade gefallen und nie von den angelsächsischen Erobern gedemütigt und gestürzt worden, und als sei die Anlage, die sie hüten sollten, nie im Schlamm versunken und tief in die schwarze Erde getaucht. Ich höre ein französisches Ehepaar neben uns von der grandeur éternel der römischen Antike schwätzen, was ich etwas gewagt finde. Aber mir ist heute auch nicht nach erhabenen Empfindungen; ich sehe eher etwas Popanzhaftes in den Götterstatuen - einen starrsinnigen imperialen Stolz wie den einer alten Witwe, deren gichtige Kralle die Armlehne ihres abgewetzten Thronsessels umklammert; einer alten Witwe, die zwischen blindgewordenen Spiegeln und verblasster Tapisserie Träumen von den guten alten Zeit nachhängt, während es durchs Dach regnet, in den Zimmerfluchten alle Möbel längst unter weißen Leintüchern begraben sind, in den Lagerräumen der Schimmel wächst, und der Wein in den Kellergewölben nach und nach zu Essig wird.

Als wir das Museum verlassen, höre ich einen Jungen seiner Klassenkameradin sagen: I would prefer to go to real baths. Der Junge ist zwölf, dreizehn, so die Gegend. Eine altkluge Brillenschlange auf den ersten Blick, aber auf den zweiten sehe ich, was für ein hübscher Kerl er ist - oder was für ein hübscher Kerl er wäre, wenn ihn nicht ein fieser Schmiss quer über eine Wange etwas entstellt hätte. Ohne den Schmiss wäre er einer von diesen Jünglingen, die sich Jupiter von der Erde pflückt, damit er ihm auf dem Olymp Nektar kredenze, lange Wimpern, hohe Wangenknochen, ein verhangener Blick, Lippen, wie Thomas Mann sie dem biblischen Joseph angedichtet hat. Natürlich bin ich auch frappiert von der Syntax, die so sehr an das Mantra von Melvilles Bartleby erinnert („I would prefer not to“); dann sehe ich, dass der Junge hinkt. Einer seiner Stiefel hat einen hohen Absatz, fast schon einen Kothurn, mindestens fünf, acht, zehn Zentimeter Plus gegenüber dem rechten. Käptn Ahab hatte mehr Differenz zu bewältigen, einen ganzen Unterschenkel; der Vergleich hinkt mithin genauso wie die Verglichenen selbst. 

Der Junge wäre ideales Material, um irgendeine Allegorie daraus zu basteln oder eine Szene, die von verwickelter Bedeutsamkeit überquillt, um diesen Bericht damit tiefsinnig aufzuputzen. Aber er hat mich in seinem schlichten Wunsch nach einem echten Schwimmbad gerührt, und seine Hübschheit hat mich ebenso wie seine Entstellung und seine Behinderung ergriffen. Ich bringe es nicht über mich, ihn vom Boden der Tatsächlichkeit wegzureißen und in die kalte Luft zu versetzen, in der die Eispaläste der Symbolik gebaut werden. Es soll kein Ganymed aus ihm gemacht werden, nicht der Nepomuk aus Doktor Faustus und nicht der Kim aus Andersens Märchen von der Eiskönigin. Ich will ihn einfach als hinkenden hübschen Knaben mit einer Narbe auf der Wange im Gedächtnis bewahren. Wie nannte das doch Duns Scotus um 1300? Haecceitas, die reine Diesheit des wirklichen Einzeldings im Gegensatz zur quidditas, der Washeit seiner allgemeinen Eigenschaften.

Bevor wir nach England aufgebrochen waren, hatte ich einige englische Romane gelesen, darunter auch dies und das von Jane Austen. Die Austen hat zweifellos immense Qualitäten, ihre Ironie und ihr Rhythmusgefühl, ihre sprachliche Geschmeidigkeit und die Genauigkeit des Blicks sind bewundernswert und meist souverän. Doch je mehr man von ihr liest, desto stärker fällt auf, wie sehr all das auf einem Sockel von Typisierung aufruht. Der edle Mann, der seinen Edelmut hinter einer Maske aus Kälte und Überheblichkeit verbirgt, der charmante Verführer, der in Wahrheit ein Schuft und Lügner ist, der süßliche und gefühlige Phrasendrescher, der mit all seinem Wortpomp nur sein berechnendes Wesen bemäntelt und seine Mitgiftjägerei verhüllt. Die Romanmaschinerie der Austen läuft auch darum so geschmeidig und ohne großes Gerumpel, weil ihre Zahnräder gut konfektioniert sind und sie nicht mit Diesheiten, sondern mit Washeiten arbeitet: mit Typen und allgemeinen Formen, die ihre Romankunst aber gleichwohl wie Individuen aussehen zu lassen versteht.

Ich habe den lebensgeschichtlich rechten Moment, an dem man Jane Austen entdecken sollte, versäumt und stattdessen einige Jugendjahre mit dem esoterischem Schwulst des pietistischen Apostaten Hermann Hesse verplempert, der für die brav pubertierende Oberstufenjugend eine natürliche Anschlusslektüre der erbaulichen Abenteuergeschichten Karl Mays war (ich warte immer noch auf eine Crossover-Version der beiden Erfolgsautoren, Winnetou und Goldmund, oder Durchs wilde Land Siddhartas).

Doch während Karl May wie Hermann Hesse für reife Leser kaum noch erträglich sind, hat sich Austens Mischung aus Materialismus und Romantik ganz gut gehalten. Der gesellschaftliche Comment, Heuchelei und Schein, das Spiel wechselseitiger Mutmaßungen, Selbstdarstellungen und Fremdunterstellungen, all das ist als Thema um Einiges unvergänglicher als das Hessesche Gründeln im Archetypenschlamm (und als die Grandiositätsphantasien Karl Mays sowieso). Austen ist frisch geblieben, weil sie kommunikative Mikrokosmen modellhaft anschaulich macht, und weil ihr Hauptthema, die Suche einer Jungfer nach dem richtigen Bräutigam, offensichtlich von einem überdauernderen Interesse ist als die Suche eines Jünglings nach seinem wahren, tiefen, inneren Selbst.

Darum pilgern reihenweise junge Paare ins Jane Austen Centre; Austen sagt ihnen auch heute noch was. Wenn es in Calw oder Montagnola ein Hermann-Hesse-Zentrum gäbe (vielleicht gibt es sogar eins?) - würde man dann dort eine vergleichbare Menge von Jünglingen in Adoleszenznöten treffen? Oder doch nur einige kultivierte Frauen mittleren Alters, verwitwet oder geschieden, die hoffen, dort einen pensionierten Studienrat kennenzulernen, zum Zwecke geistig belebenden Austauschs? Bei Hesse ginge es jedenfalls ziemlich spröd zu, steif und feierlich und scheißfad. Der Steppenwolf will in einer Apotheose des Humors gipfeln, aber ich konnte den Eindruck nie loswerden, dass Humor hier etwas Ähnliches meint wie das Aufsetzen von Staniolhütchen und das Entzünden von Tischfeuerwerk bei Silvesterpartys. Bei Hesse wird nicht gelacht, sondern allenfalls unter Einsatz schwerer Stahlspangen übers Lachen nachgedacht. Sein Humor ist wie der eines Stellwerksbeamten, der aus Jux ein paar Weichen verstellt und sich am gravitätischen Klang der gusseisernen Weichenzungen delektiert, wenn sie gegen die Schienen schlagen. Hesse will das klin-klin-klin Mozarts herauf beschwören, stimmt dann aber doch bloß dräuende Wagnersextvorhalte (mulm-mulm-mulm) an. Er ist Großtöner dort, wo es auf kleine Funken von Esprit ankäme. Er hat zu derbe Stiefel an, dicke, plumpe Botten, wie geschaffen für Wanderungen im felsigen Terrain des Tessin, wuchtiges Voranstapfen, Muskelmühe, die ächzt und stöhnt, sisyphoshaftes Geschufte berghinan. Aber Austens Heldinnen tragen geschmeidige, leichte Stiefelchen, die sie tänzeln lassen, und sie tragen entzückende Empire-Kleidchen mit noch entzückenderen Décolletés, auf die ich zugegebenermaßen lieber blicke als auf den Vatermörder und den schwarzen Binder um Hesses Hals (möge er ihn strangulieren).

Im Jane Austen Centre gibt es gleich eine ganze Schwesternschar von jungen Frauen, an der Kasse und im Shop, als Führerinnen durch das Haus und Referentinnen der Austen’schen Familiengeschichte, oder einfach nur als wandelnde Schmuckstücke: die einfachen, unter dem Busen gegürteten Chemisenkleider stehen ihnen ebenso gut wie die Blumenkränze, die sie im geflochtenen Haar tragen (auch wenn der Verehrer von Ringellocken, Papilloten und Hochsteckfrisuren es bedauern muss, dass den Mädchen wohl nicht eine kundige Zofe die Locken gebrannt und die Zöpfe geflochten hat, sondern sie sich das Haar vermutlich in ihren Studentenzimmern selbst legen mussten und nur eine vage Annäherung an die kunstvollen Frisuren der Epoche zuwege gebracht haben). Das sind freilich kleine Mäkeleien ohne Bedeutung; die Mädchen machen solche Schlampereien durch einen leuchtenden Enthusiasmus wett, der mich entzückt. Das blonde Fräulein, mit dem wir in ein längeres Gespräch geraten, wirkt tatsächlich wie einem Austen-Roman entsprungen; hibbelig und lachlustig, ein wenig sprunghaft in der Konversation, aber voller Zugewandtheit und Liebenswürdigkeit, kommt sie mir vor, als sei sie aus vielen Zügen des Austen’schen Romanpersonals zu einer neuen Figur zusammengewürfelt: da ist ein bisschen was von der altklugen, ihre eigenen Talente überschätzenden, und doch so fürsorglich-feinfühligen Emma; etwas von der geistreichen, spöttischen, und doch so verletzlichen Elizabeth aus Stolz und Vorurteil; aber auch von ihrer liederlichen und törichten Schwester Lydia lassen sich Züge finden. Scheu und schüchterne Behutsamkeit der Fanny aus Mansfield Park kann ich ebenso auf dieses lächelnde Gesicht projizieren wie die büchernärrische Catherine aus Northanger Abbey. Wahrscheinlich irre ich mich in all diesen Zuschreibungen; die halbe Stunde, in der wir uns über dies und das unterhalten, lässt auch kaum einen tieferen Einblick zu. Zudem ist die Situation der Austen’schen Heldinnen, bei denen notgedrungenermaßen die Verheiratung mit einem respektablen und wohlhabenden Bräutigam im Mittelpunkt des Denkens stehen musste, kaum mit der Lage einer jungen Frau im Jahr 2017 zu vergleichen. Und doch spüre ich, wie der Empfindungskosmos der Austen noch eine Folie für ein bestimmtes Betragen bildet - eine bestimmte Sensibilität, ein bestimmtes Ethos, auch ein bestimmtes weibliches Selbstverständnis, das Fürsorglichkeit und Charme mit Aufrichtigkeit und Selbstbewusstsein verbindet.

Es mag sein, dass Emily - so heißt das blonde Mädchen - all das abstreift, wenn sie nach Feierabend ihr Chemisenkleid ablegt und in Jeans, Sneakers und Hoodie schlüpft; mag sein, dass sie dann ihre Hörstöpsel in ihre hübschen kleinen Ohren propft und in höllischer Lautstärke Death-Metal auf ihre Trommelfell prügeln lässt; wahrscheinlich lässt sie sich im Pub einen Gin Tonic nach dem anderen ausgeben und landet jeden Abend mit einem anderen Typen im Bett. Trotzdem glaube ich, dass ihr Ideal nicht allzu weit von Darcy oder Knightley entfernt ist, von einem redlichen und zuverlässigen Mister Right, der Vater ihrer Kinder sein soll, einigermaßen treuer Gatte, ein Mann, der zuhören, verstehen und abwägen kann, all das. Vor einer Weile ist mir ein Zeitungsartikel der FAZ untergekommen, in dem ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges Mädchen ihr Ideal eines Freundes skizzierte und dabei wie von selbst auf die respektvollen, zurückhaltenden und einfühlsamen Männerbilder Jane Austens zurückkam. 

Offenbar haben diese Männerbilder ihre Anziehungskraft nicht verloren, auch wenn sie nicht mehr wie bei Austen zu einer Emulsion auf patriarchalischer Grundlage verrührt sind. Gewiss denkt Austen noch stark in den alten Mustern vom klugen und besonnenen Mann und dem wankelmütigen und unbedachten Weib, weltkundig er, erfahrungsarm sie; aber dieses Missverhältnis wird schon nicht mehr einer wesenhaften Ausstattung der Geschlechter zugerechnet, sondern der kontingenten Ordnung der Gesellschaft. Der Mann als solcher ist längst nicht mehr der natürliche Führer der holden Weiblichkeit, dafür gibt es in den Romanen zuviel männliche Trottel: schwache, hypochondrische Väter, kriecherische Mitgiftschleicher und Speichellecker, verlogene Verschwender, Gecken und Feiglinge. Frauen sind hier genauso Subjekte wie Männer. Es gibt listige Frauen und listige Männer, dämliche Burschen und burschikose Dämchen. Die Eigenschaften verteilen sich nicht mehr auf den Linien eines geschlechtertypologischen Magnetfelds; sie haben sich davon abgekoppelt. Die Austen sortiert ihre leserlenkenden Sympathien nicht nach Mann oder Frau, sondern nach dumm und schlau, und mehr war in ihrer Epoche wohl nicht für die Emanzipation der Frau zu erhoffen. 

(Zwanzig Jahre vor der Publikation von Stolz und Vorurteil bestieg in Frankreich Olympe de Gouges das Schafott, die sich mit ihren Theaterstücken gegen die Sklaverei einige, und durch den Umstand, dass sie es als Frau überhaupt wagte, an die Öffentlichkeit zu treten, viele Feinde gemacht hatte. Zwei Jahre nach der Französischen Revolution veröffentlichte sie eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, in der sie die Gleichstellung der Frau propagierte. Einige hielten sie für eine verkappte Royalistin, andere nur für eine Irre, die den Kopf verloren hatte. Der Henker sorgte dafür, dass sie ihn auch wirklich verlor. 1793 löste er den Riegel und ließ das Fallbeil auf ihren Nacken sausen. Jane war damals 18 Jahre alt.)

Ein junges Pärchen stöbert durch die Kostümkammer, Spanier, Anfang, Mitte zwanzig. Er macht sich als Mister Darcy zurecht, sie schlüpft in eine Chemise, setzt sich eine Kapotte aufs Haupt, die zu ihren Dreads nicht recht passen will, und schnürt das Samtbändchen unterm Kinn. Die beiden haben jede Menge Spaß, posieren und poussieren, albern herum, lassen sich fotografieren. Ich stehe abseits, mit einem Kastorhut auf dem Kopf, und schaue nach Honoratiorenart würdig lächelnd auf das junge Glück. Was gäbe ich jetzt nur für eine gute Tabakspfeife, einen Gehstock, ein Jabot! Aber all diese Dinge liegen in den Vitrinen und sind nicht für den Gebrauch bestimmt, es ist ein Jammer. Ebenfalls in den Vitrinen ausgestellt sind Utensilien, deren Sinn sich nicht von selbst erschließt, zum Beispiel ein langer Metallstab mit Haken an der Spitze, den ich erst für ein Gerät halte, mit dem Engelmacherinnen à l’époque in Gebärmüttern herumgestochert haben. Es handelt sich aber um einen Stiefelknöpfer, mit dessen Hilfe man die langwierige Zeremonie des Schuheanziehens etwas beschleunigen konnte. Bei einem Blick auf die Knöpfstiefel an den Kostümpuppen ist leicht zu verstehen, dass man sich dabei gern eines Hilfsmittels bediente. An jedem Stiefel ein Dutzend winziger Knöpfchen, die durch winzig enge Löcher in wenig geschmeidigem Leder bugsiert werden mussten. Bei meiner Fingerfertigkeit hieße das zehn Minuten früher aufstehen (und immerzu abgebrochene Fingernägel haben). Manchmal macht man sich ja keine Vorstellung von den kleinen Alltagsbeschwernissen der Vergangenheit, und wie lange es gedauert hat, bis ein Erfinder Abhilfe schuf. Man nehme nur die so schlicht wirkende Hakenöse, die der korsetttragenden Damenwelt das mühsame Durchfädeln von Schnürbändern durch eine Unzahl von Schnürlöchern erspart hat. Seit dem sechzehnten Jahrhundert haben Frauen ihre Leiber in Korsetts gezwängt und jeden Morgen die Prozedur des Durchfädelns ertragen. Gut 200 Jahre mussten ins Land gehen, bis man anno 1828 auf die Idee der Hakenöse verfiel, die das Ganze in einem Bruchteil der Zeit erledigen half. (Und es bedurfte noch fast eines weiteren Jahrhunderts, bis man einsah, dass die Korsettage generell eine Menschen-, nein: Frauenschinderei ist.)

Wir lernen merkwürdige Dinge kennen wie den Handschuhdehner, aufspreizbare Holzstäbchen zum Weiten der Fingerlinge. Dass man Handschuhe dehnen muss, kann eigentlich nur bedeuten, dass sie eine Tendenz haben, sich zusammenzuziehen, oder? Vielleicht saßen sie damals so eng, dass man sie über Nacht auseinanderdrücken musste, damit man am Morgen hineinschlüpfen konnte, und zwar ganz schnell, bevor sie sich wie eine Schrumpffolie um die Finger schlossen und diese zusammenquetschten und möglicherweise zermalmten. Wie mögen Hände ausgesehen haben, denen man nach einem langen Tag und einer langen Ballnacht die Handschuhe abgestreift hat? Weiß und blutleer, von den Abdrücken der Ledernarbung gezeichnet? Oder war die Pfote dann bloß noch ein einziges rotblaues Hämatom, nachdem die Handschuhe alle Blutgefäße in den Händen gequetscht und stranguliert haben?

 Und überhaupt - wie sahen Frauen aus, wenn sie sich zur Nacht all dieser Einschnürungen entledigten, des Korsetts, der Strumpfbänder, der Handschuhe? Saßen ihre Strümpfe genauso eng wie die Handschuhe, wie Stützstrümpfe, die das Fleisch einschnüren und ihm Riefen und Striemen einprägen? Ich muss an die gefesselten Puppen von Hans Bellmer denken, Bilder von japanischem Bondage, seltsame Praktiken von Unterwerfung und Lust… Schon klar, das ist vielleicht nicht grade die gängigste Assoziation beim Gedenken an Jane Austen, zumal dann nicht, wenn man in den Borden an der Kasse noch die DVDs mit dem strahlenden Antlitz Gwyneth Paltrows in Emma gesehen hat; Keira Knightley in Stolz und Vorurteil, oder Emma Thompson und Kate Winslet in Sinn und Sinnlichkeit, all diese leuchtend schönen, heiteren Frauen (naja, Kate Winslet einmal ausgenommen, die nicht verbergen kann, dass sie nur aus Versehen Schauspielerin, und nicht, wie es ihrer Physiognomie entspräche, Zahnärztin, Auftragsmörderin oder Innenministerin in einem tyrannischen Staatswesen geworden ist). Doch ist Kate Winslets Gesicht mit all der Härte darin, mit dem starken Kinn und den etwas groben Zügen vielleicht dasjenige, das am besten zu den Romanen passt. Gwyneth Paltrow - sicherlich die märchenhübscheste unter den Genannten - verzuckert die Verfilmung und überspielt die Herbheit, die bei aller Happy-End-Seligkeit der Romane doch deren Fond ausmacht. Denn dass es bei Austens Heldinnen gut ausgeht, ist nur das Trostpflästerchen auf dem Skandal, dass Frauen kaum mehr als Waren waren, die auf dem Heiratsmarkt feilgeboten werden mussten; dass Lebensglück in Relation zu den Renteneinkünften per annum stand; dass die Seelen nie durchsichtig sind und alle Zeichen missdeutbar; dass Empfindungen sich mit dem üblen Virus rationalen Kalküls infiziert haben, und letztlich, dass wir nicht so leben können, als lebten wir allein für uns aus der Fülle des Gefühls heraus: denn es genügt nicht, nur uns selbst und unsere Wünsche zu spüren, da wir uns seit dem Sündenfall nicht mehr unmittelbar spüren, sondern uns mit den Augen der Anderen sehen und über den Umweg der Meinung erkennen müssen, die die Anderen von uns hegen. (Das entspricht kurzgefasst der Rousseau’schen Unterscheidung von amour de soi und amour propre - Miss Austen hat wohl, comme tout le monde littéraire um 1800, ihren Rousseau gelesen, die Diskurse und den Émile, und ganz sicher auch Julie. „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“, schrieb Rousseau. Die Spuren dieser Ketten sind an den weiblichen Leibern zu sehen: Korsette, Strumpfbänder, Gurte. Schnüre, die ins Fleisch schneiden; dazu Ohrringe, Halsketten, Armreife. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass der Schmuck der Damen nur eine hoch sublimierte Form dessen ist, was männliche Sträflinge im Steinbruch in größerem Format an einer Kette hinter sich herziehen: eine Gefangenenkugel.

Wir nicken zum Abschied dem Pikeur zu, der in betresster Uniform und Dreispitz vor der bescheidenen Haustür des Austen Centre wacht - und trotz seines Waffenrocks, dessen Anblick in Stolz und Vorurteil schon genügte, die Schwestern Elizabeths in erotische Wallung zu versetzen, so dämlich dreinblickt, dass selbst diese zwei Närrinnen die Finger von ihm lassen würden. 

Royal Crescent liegt nicht weit entfernt, das berühmte Ensemble aus georgianischen Stadtpalästen, das halbmondförmig eine Ausbuchtung des Royal Victoria Park rahmt. 

Manchmal schwanke ich bei Satzkonstruktionen wie der vorstehenden; Ensemble ist ein Singular, die Apposition Stadtpaläste ein Plural - in welches Numerus soll man den anschließenden Relativsatz setzen? Solche Fragen können einen skrupulösen Schreiber ins Grübeln bringen. Sollte er den Singular oder den Plural betonen? Erscheint ihm ein komplexes Gebilde eher als Einheit oder als Vielheit? Hier am Royal Crescent ist die Frage nicht einfach zu beantworten. Der Architekt hat einen riesigen Bau von gut 150 Metern Breite erschaffen, der sich in seiner Gesamtheit an die Paläste des kontinentalen Absolutismus anlehnt. Das Ebenmaß der Säulenordung und Traufhöhen, die Symmetrie und Wiederholung der Module präsentieren den Bau als eine Einheit, deren Vorbilder eigentlich dazu gedacht waren, dass in ihrem Zentrum ein allbeherrschender König residiere. Doch in Wahrheit ist Royal Crescent eine Reihenhaussiedlung aus 30 unabhängigen Appartments. Da mag der Architekt noch so viel ionische Säulen und palladianische Proportionen bemüht haben, um ein erhabenes und majestätisches Gebilde zu errichten, würdig, einem König zur Herberge zu dienen - wenn dann 30 Familien Wand an Wand darin hausen, hat es in dieser Uniformität doch etwas fast plebejisch Mietskasernenhaftes.

Wir sehen uns trotzdem No 1 Royal Crescent an, die einigermaßen originalgetreu restaurierte Bude eines Edelmanns des 18. Jahrhunderts. 

Da sind die Münzsammlungen des Hausherrn, seine auf Samtpolster gelegten Gemmen und Kameen, die Scherenschnitte an den Tapeten und die Palisanderkommoden, nebenan ein Astrolabium und eine Maschine, die elektrische Funken sprühen kann, denn der Gentleman nahm rege Anteil an der Gelehrsamkeit seiner Zeit. Vieles davon ist Wissenschaft als Mode, eine Wunderkammer- und Sammlungslust voller Ammoniten und präparierter Zwergkrokodile. Goethes Haus in Weimar ist bescheidener, und in den Sammlungen ist mehr System zu erkennen; aber hier wie dort hat man heute den Eindruck einer anarchischen und wildwüchsigen Wissenschaft, die voller Spekulation und ein wenig wirrer Ideen steckt (derart, dass daneben selbst Schelling wie ein Nüchterner in einer Horde von Trunkenen scheint). Der Besitzer von Royal Crescent No 1 hätte von sich aus freilich nicht beansprucht, Wissenschaft zu treiben, und er hätte sich wohl auch nie dazu herabgelassen, Tag für Tag Daten in irgendwelche Blätter einzutragen, um damit irgendwelchen Naturgesetzen auf die Schliche zu kommen. (Ein Honourable erforscht keine Gesetze, er erlässt welche.) Zweihundert Jahre nach Galileo, der das Messen, Zählen und Wiegen als Grundakt der Wissenschaft etabliert hat, hundert Jahre nach Newton, findet sich hier noch eine Art der Naturkunde, die eine Melange aus Gelehrsamkeit und ästhetischer Passion darstellt, und bei der das wissenschaftliche Interesse vom ästhetischen nicht zu trennen ist. Vielleicht wird die reine Lust an den Reizen des Exotischen oder Bizarren auch nur durch einen seriösen Anstrich von Gelehrsamkeit bemäntelt - da ist ein Gentleman, der mit seinem Steckenpferd über die weiten Felder des Wissens trabt, nicht um etwas auszumessen oder zu erforschen, sondern um sich Bewegung zu machen. Doch es ist interessant, dass im frühen 19. Jahrhundert eine gewisse naturkundliche Bildung zu den Distinktionsmerkmalen eines Edelmanns gehört. Diese Zumutung hätte ein Adliger ein Jahrhundert früher wohl noch mit einem entschlossenen Degenstreich weggefegt; er hätte nicht Argumente ausgetauscht und Hypothesen gegeneinandergeführt, sondern allenfalls Degenklingen. Und er hätte wohl auch kaum lang erwogen, was für Cuviers These von den geologischen Katastrophen spricht und was für Lyells Aktualitätstheorie von den immerwährenden Kräften der tellurischen Metamorphosen, oder was der Debatten der Epoche sonst so waren, sondern hätte seinem Kontrahenten einfach den Handschuh ins Gesicht geworfen und ihn zum Duell gefordert, um seinen Status als tapferer Mann aufrecht zu erhalten… 

Insofern ist es ein Zeichen zunehmender Zivilisierung, dass die Edelleute in dieser Epoche nicht mehr Waffen sammelten und im Fechtsaal Finten und Paraden übten, sondern fröhlich die Kurbeln ihrer Elektrisiermaschinen drehten. Und es sind die Zeichen einer Zeit, in der genealogischer Status immer weniger galt, und Reichtum und gesellschaftlicher Einfluss, also Macht, nach und nach auf die technischen Eliten überging, und in der Erfinder und Industrielle zu einer neuen Adelsschicht heranreiften, für die man in Deutschland nur die Namen Siemens, Linde, Thyssen, Krupp zu nennen braucht.

In Royal Crescent No 1 ahne ich eine evolutionäre Vorstufe davon: ein Adliger, der sich zwar für technische Neuheiten interessiert, aber immer noch stark in der alten Welt der Repräsentation befangen ist. Er kann nicht von seinen Gemmen und Ammoniten lassen; er hängt noch stark am spätbarocken Reiz der Wunderkammern und Kuriositätenkabinette, die ästhetische und naturkundliche Aspekte gleichermaßen umfasste, während die zukunftsträchtigen Zweige des Wissens mathematisch, mechanisch, ingenieurhaft orientiert sind. Goethe sammelte uralt Überkommenes - Stephenson tüftelte Neues aus.

Das einzige Stück indes, das in Royal Crescent No 1außer der Elektrisiermaschine von der aufkommenden mechanischen Epoche kündet, ist in der Küche downstairs installiert. Es ist ein Laufrad für ein Hündchen. Ein Seilzug führt von dem Rad hinunter zum offenen Feuer und dem Drehspieß davor, auf dem ein Braten steckt; das Hündchen in seiner Tretmühle treibt den Spieß, indem es unablässig dem aufsteigenden Duft entgegenläuft, ohne ihm doch je näher zu kommen, was ich etwas gemein finde. Wie man den Hund wohl nannte? Tantalus?

Und warum gab es diese sinnreiche Einrichtung nicht in Kitchens’ Cookshop?

Wie so oft in englischen Herrenhäusern, die dem Publikum geöffnet sind, wartet auch hier am Ende des Rundgangs eine Kleidertruhe mit historischen Kostümen auf den Gast. Es ist ja eine hübsche Idee, die Leute nicht nur durch die Räume, sondern auch in die Tracht der Zeit schlüpfen zu lassen. Aber warum immer erst am Ende der Besichtigung?  Es wäre für alle Beteiligten doch viel erquicklicher, wenn man sie gleich zu Beginn in einer Kleiderkammer ausstaffieren würde, um das Publikum den Rundgang in Lakaienlivréen, Köchinnenschürzen, Zofenhäubchen und Kavallerieuniformen absolvieren zu lassen, jeder nach seiner Façon… Junonische Damen bekämen ein Tageskleid aus Seide, Männer von jovialem Ansehen einen Hausmantel mit Pelzaufschlägen. Ich selber bräuchte gar nicht viel, ich sehe mit meinem Stehkragenhemd, der Cordhose und der Tweedjacke ohnehin schon aus wie ein Somerset-Tagelöhner von vor hundert Jahren. Mir genügt es darum vollkommen, den Dreispitz aufzusetzen, den ich im Bedienstetenzimmer finde.

Dagmar macht ein Foto, und als ich mich darauf sehe, begreife ich mit einen Schlag, dass ich mein Leben, meine Bestimmung verfehlt habe. Das Schicksal hat mir eine Veranlagung mitgegeben, doch mir zugleich alle Möglichkeiten verwehrt, sie zu verwirklichen. Ich bin in die falsche Zeit und den falschen Ort hineingeboren; ich lebe in einem Exil, meinem wahren Wesen entfremdet, verbannt in ein Dasein, das mir nicht gemäß ist und in dem ich meine tiefste Gabe nicht entfalten kann. Die Parzen haben die Fäden gewirkt und mir den Stoff auf den Leib geschnitten, doch dann bin ich in der falschen Schublade gelandet; aus Saumseligkeit und Nachlässigkeit, vielleicht aus Bosheit, haben sie mich ins ins Geburtsjahr 1965 beordert. Ich bin ein Irrläufer, ein falsch zugestellter Brief.

Im Prinzip habe ich nichts gegen das 21. Jahrhundert, ja, ich bewundere es aufrichtig. Aber das ändert nichts daran, dass ich persönlich nicht hierher gehöre. Mein Platz ist anderswo, und als ich mein Bild mit dem Dreispitz auf dem Haupt sehe, weiß ich, was mich eigentlich, im Kern meines Wesens, ausmacht.

Ich hätte ein gütiger Landrichter werden sollen.

Gerechtigkeitsliebend und mild, wohlwollend gegen alle Gutgesonnenen, um Verständnis bemüht bei allen Frevlern gegen das Gesetz, streng, wenn es sein muss, doch immer bereit, den Nöten und Zwängen der Angeklagten Gehör zu schenken und das Urteil danach zu bemessen - so hätte ich gerichtet. Kein armes Mütterchen, das wegen Holzdiebstahl vor meinem Richterstuhl steht, hätte ich je verurteilt; keinen Burschen, der im Wald eines Notablen einen Hasen gefangen und gebraten hat, hätte ich ins Gefängnis stecken oder auspeitschen lassen. Den habgierigen Spekulanten, der eine Familie von ihrem angestammten Hof verjagen wollte, hätte ich zu einem Vergleich gezwungen, und der Frau, die ihren betrunkenen Schurkengatten mit einem Schürhaken totgeprügelt hat, hätte ich lange Gehör geschenkt, damit sie mir erklärt, was sie dazu bewogen hat. Dem reichen Schnösel, der sich an der blonden Unschuld vergangen hat, hätte ich das Herz geöffnet und dem armen, misshandelten Mädchen doch noch einen warmen Prinzessinneneinzug darin bereitet; die karge Karkasse von Erbtante (nichts als knochiger Geiz und Standesdünkel in der alten Henne) hätte ich so lange ausgekocht, dass für das Glück ihrer Nichte und deren Habenichts-Verehrer doch noch eine gehaltvolle Brühe dabei herausgekommen wäre.

Ich hätte mit fernen Freundinnen lange, keusche und innige Briefe gewechselt; mit Mister Sterne hätte ich über die Frage gefachsimpelt, ob man Meerschaumpfeifen und solchen aus Bruyère den Vorzug geben sollte, und mit Jean Paul im fernen Bayreuth hätte ich ausführlich über Bier und andere transzendentalphilosophische Themen konferiert (Doppelgängerei, mentale Vorgänge unterhalb der Bewusstseinsschwelle, sieche Götter), und dann hätte ich mein Tintenfass zugeklappt, Sand auf den noch feuchten Brief gestreut, eine lange Pfeife angezündet und mich meinem Krug Ale zugewandt, derweil die Schwalben durch den Apfelgarten schwirren, bis die Dämmerung so herabgesunken ist, dass sie den Fledermäusen Platz machen und irgendwann die Glühwürmchen in den Hecken zu blinken beginnen.

Was für ein herrliches Idyll das doch sein könnte, hätte sein können - doch die Parzen haben’s mir versagt und mich in die Gegenwart verbannt, ins 21. Jahrhundert, unter schwere dunkle Wolken, aus denen immer wieder leichte Nieselschauer sickern, derweil die Parkuhr tickt und meine Beine schwer werden von einem langen Tag in der Stadt.

Wir geben keine Münzen mehr in die Uhr. Es ist genug. Jetzt haben wir Ruhe nötig, ein wenig Abgeschiedenheit und Erholung, und was könnte erholsamer sein als eine halbe Stunde in der Rush Hour im Stau zu stecken, um aus Bath herauszukommen? Wenn mich schon nach dem 18. Jahrhundert gelüstet hat - als wir ins Auto gestiegen sind und den Weg aus der Stadt suchen, kann ich mich in die Geschwindigkeit des 18. Jahrhunderts einfühlen. Wir sind so schnell, als säßen wir nicht in einem Auto mit 100 Pferdestärken, sondern in einer zockelnden Kutsche mit deren zwei. Eine Kuhherde, die der Hirte abends zum Melken treibt, trottet flotter zum Stall als die Herde aus Blech, die sich durch Bath’s Verkehrskreisel quält und über Kreuzungen quillt.

Aber mir ist das alles egal. Seit ich meine innere Berufung zum gütigen Landrichter entdeckt habe, hat sich eine große Gelassenheit meiner bemächtigt. Ich schenke aller Welt ein mildes, verzeihendes Lächeln; selbst der Drängler im flammroten MG bekommt eins geschenkt. Beim Schlangestehen sind die Engländer ja, wie es das Klischee will, vorbildlich diszipliniert; beim mobilen Schlangestehen, also im Stoßverkehr, sieht die Sache schon anders aus, da kommt manchmal ein gewisser sportiver Geist hoch. Aber das ist mir jetzt egal; kein Grund, mein behagliches inneres Schmauchen einzustellen, bloß weil ein paar Flegel auf der Straße herumrüpeln.

Wir sind dann sowieso bald aus dem Verkehrsgeschiebe in Bath und fahren über Land nach Lacock, einem Dorf, das gradezu danach schreit, als Kulisse für Historienfilme herzuhalten. Wahrscheinlich sitzen in den Cottagegärten Lacocks jede Menge älterer Herren, rauchen Pfeife und streuen Sand auf ihre Briefe (oder träumen zumindest davon). Auf den Gassen des Dorfs ist jedoch nicht viel los, ebenso auf dem riesigen Parkplatz etwas außerhalb. Am Wochenende werden hier Reisebusse rangieren, es wird von Parkwächtern wimmeln, aber jetzt ist das Terrain fast leer. Wir dürfen trotzdem nicht lange bleiben; ab sieben werden hier keine Parkscheine mehr ausgegeben, sondern nur noch Strafzettel wegen illegaler  Übernachtungsversuche; wir werden uns was anderes suchen müssen. So siedeln wir auf den Parkplatz eines Pubs um, sichern uns die Übernachtung, und teilen uns dann im Garten einen Teller mit Lamm und Gemüse. 

Die Bedienung stapft durch eine tiefe, knirschende Kiesschicht, als sie das Essen bringt, und hat Mühe, sich des Scotchterriers zu erwehren, der sich am Nebentisch den Zärtlichkeiten seines Frauchens entzogen hat, weil so ein duftender Teller doch noch reizvoller ist als dieses lahme Gekraultwerden. Frauchen kommt hinterher, um sich zu entschuldigen, weil ihr Hund betteln kommt; aber Frauchen wirft selber derartig begehrliche Blicke auf unser Lamm, dass ich fast versucht bin, ihr nicht bloß den Knochen wie dem Hund, sondern ein paar fleischige Happen hinzuwerfen.

Es nieselt gelinde. Lieber Abmarsch nach drinnen. (Die zwei Sätze sollte ich mir merken. Die Anfangsbuchstaben ergeben das Akrostichon England, und wenn ich dran denke, soll dieses Kürzel  - England - hinfort ausreichen, um zu sagen, dass wir wegen des Regens Zuflucht unter Dach gesucht haben.)


24. Juni. Lacock, Castlecombe, Cirencester


Lacock Abbey war der Sitz von William Henry Fox Talbot, jenes Pioniers der Fotografie, der nach den Franzosen Daguerre und Nièpce, deren Verfahren nur Positiv-Unikate hervorbrachten, die Technik des Fotonegativs entwickelte, mit dem Aufnahmen im Prinzip unendlich zu vervielfältigen waren. Mit Talbot beginnt das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Fotografien.

Hier in Lacock wurde das früheste erhaltene Papiernegativ aufgenommen, ein Erkerfenster, von Sprossen zu zwei Reihen von je fünf schwarzen Rechtecken gegliedert, die von einem diagonalen Gitternetz überzogen sind. Ein gespenstisches Bild, das mich an eine Mischung aus Totenschädel und Säulendiagramm erinnert, halb Memento mori, halb betriebswirtschaftliche Graphik. Das Motiv ist nüchtern, und bezieht sich eigentlich nur auf sich selbst; doch berührt es, wahrscheinlich ohne Absicht, ein paar wesentliche Motive der Theorie der Abbildung seit der Renaissance. Schon bei Alberti, dem Theoretiker der Zentralperspektive 400 Jahre vor Talbot, diente der Blick durch das Fenster der Grundlegung seiner Perspektivlehre. Das Fadengitter, das ein Raster über das Fenster spannte und dem Maler als Koordinatennetz diente, das er nur auf die Leinwand zu übertragen brauchte, findet sich gleichfalls bei Alberti, ebenso wie das Prinzip der camera ottica, bei dem das Abzubildende mittels einer Linse auf einen Bildträger projiziert wird. Talbot wird sich dieses Zusammentreffens der altehrwürdigen Trias von Fenster, Raster und Kamera vielleicht nicht bewusst gewesen sein, aber sein Genie erweist sich grade in der traumwandlerischen Zusammenführung dieser Motive, die jenes frühe Bild nicht zu einer einfachen Wiedergabe von Dingen machen, sondern zu einer Reflexion über die Bedingungen und Dispositive neuzeitlicher Repräsentation.

Es ist interessant, die erste erhaltene Daguerrotypie dagegenzuhalten. Talbot stammte aus einer wohlhabenden Familie, hatte eine solide Bildung erhalten und am Trinity College in Cambridge Klassische Literatur und Mathematik studiert. Daguerre hingegen kam aus einfachen Verhältnissen, malte Theaterkulissen und Dioramen - Werke, bei denen es auf Überwältigung des Zuschauers und auf mitreißende Effekte ankommt. Daguerres L’atelier de l’artiste von 1837 ist darum auch um einiges pittoresker als Talbots nüchternes Fenster. Daguerre hat allerlei Kunstplunder zu einem gefälligen Bildchen drapiert: man sieht darauf ein Gipsrelief mit einer antiken Nudität, zwei pausbäckige Putten, eine strohummantelte Ballonflasche, die an einem Haken hängt, eine Bocksbüste an der Wand: Requisiten eines Künstlerateliers in der Julimonarchie. (Bei Pellerin, der Malerkarikatur aus Flauberts Éducation sentimentale, wird es ganz ähnlich ausgesehen haben; der Trottel endet dann ja auch als Fotograf.) Das neue Medium der Fotografie wird bei Daguerre noch als Fortführung der alten malerischen Bildkomposition inszeniert; nicht der Blick auf ungeschönte Realität, sondern das künstlerisch drapierte Dekor soll den Kunstcharakter und die Würde des Bilds verbürgen. Daguerre beschwört noch die Aura der von Künstlerhand arrangierten Szene. Talbot hingegen beschwört nichts außer dem Raster der Fenstersprossen und der Serialität der schwarzen Rechtecke, und damit stößt er eine der vielen Türen auf, die in die Moderne führen. Daguerres Unikate stehen gegen Talbots Abzüge; die Aura des Einzelnen, der Daguerre noch anhängt, erscheint gegen die Nüchternheit und Reproduzierbarkeit von Talbots Kalotypien wie pathetisches Gefuchtel. (Daguerres Nachfolger trugen Blusen aus Seide und bauschige Samthauben von einiger Exaltiertheit; die von Talbot zogen graue Laborantenkittel vor.)

Talbots Wohnsitz Lacock Abbey wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Ort, der zu den Gründungsstätten unserer modernen Welt gehören könnte. In der Abtei lebten ab 1232 Augustinernonnen, bis dreihundert Jahre später Thomas Cromwell die Klöster auflöste und die Besitzungen des Klerus zugunsten Heinrichs des VIII. verkaufte. Trotz der Umgestaltung des Anwesens Ende des 18. Jahrhunderts sind große Teile des Klostergebäudes erhalten geblieben. Vielleicht haben Refektorium und Kapitelsaal noch eine ganze Weile als Stallungen gedient; jetzt sind die Gemäuer nur noch Ruinen; im Kreuzgang bröckelt der Putz von den verwitterten Gewölben. 

Die Trakte, in denen die Familie Talbot lebte, sind heute reich möbliert; aber ich frage mich, ob das auch in den Zwischenkriegsjahren so war, als so viele alte Familien ihre Anwesen aufgeben und dem National Trust überschreiben mussten. Mittlerweile weiß ich ja, dass es nicht unüblich war, die Häuser auszuweiden, die nicht mehr unterhalten werden konnten, und Bilder und Teppiche, Truhen und Schränke zum Händler zu tragen. Erst später, wenn die Häuser Trust-Eigentum geworden waren, wurden sie wieder (mit oft beliebig gewähltem Mobiliar aus NT-Beständen) ausgestattet; man füllte sie mit Schränken, die leer waren, mit Truhen ohne Bettzeug und Leinen darin, mit Kommoden ohne Whisky und Zigarrenkisten, mit Sekretären, in denen die Tintenfässer eingetrocknet  und die Papiere brüchig waren - jede Menge Kulissenschieberei, um den Räumen wieder einen Schein von Leben zu verleihen.

Die letzte Besitzerin von Lacock Abbey schlief und arbeitete in einem abseits gelegenen Zimmerchen, dessen Teppiche und Vorhänge heute mottenzerfressen sind. Ein kleiner Raum mit knarrenden Dielen, kaum ansehnlicher als ein Pensionszimmer. Auf dem Schrank sind Koffer und Hutschachteln gestapelt, als gäbe es in all den Zimmerfluchten und Korridoren nicht irgendwo eine Nische, wo man solches Zeug doch auch unterbringen könnte. Dass der Raum so vollgeramscht ist, hatte wohl andere Gründe. Ich stelle mir eine alte Jungfer vor, die sich von den Zeitläuften in die Ecke getrieben fühlte und sich in einen sicheren Winkel rettete, in dem alles, was ihr wichtig oder unverzichtbar erschien, schnell zur Hand war. Vielleicht war sie jederzeit gewärtig, mit ihren Hutschachteln und den Koffern voller Poesiealben und parfümierter Briefe in einen Wagen zu springen und sich in einer Kate, die noch abgelegener war als dies Herrenhaus, in Sicherheit zu bringen.

Vielleicht lag das Asketische aber auch in der Familie. William Henry hatte neben einem repräsentativen Arbeitszimmer auch Studiernischen voller Bücher und Gerätschaften in einem Korridor eingerichtet; um seine Gattin nicht zu stören, wenn sie schon schlafen gegangen war, nächtigte er dann auf einem Feldbett - ein erschöpfter Soldat auf einem Eroberungszug im Land des Wissens. Es kam ihm nicht auf Bequemlichkeit an; er hatte offenbar etwas vom Ethos des Soldaten und des Mönchs geerbt. Man möchte meinen, dass er sich dem höheren Befehl einer Mission unterstellte, bei der es nicht um sein persönliches Wohlbefinden ging, sondern um den Dienst an einer Sache. 

Bekannt ist, woher Talbots Forscherdrang in puncto Fotografie rührt. Als er mit der Familie auf Grand Tour durch Europa zog, vermochten es alle, die Sehenswürdigkeiten in ihren Skizzenbüchern festzuhalten. Nur William war ein Stümper. Obwohl er eine Camera lucida benutzte, gelang es ihm nicht, die Schönheit der Motive einzufangen. Seitdem war sein Ziel, den Bleistift nicht mehr selbst zu führen, sondern ihn von der Natur führen zu lassen - mithin eine Prothese zu erfinden, die sein manuelles Ungeschick aufwiegen würde: Talbots pencil of nature.

In dem Stadel abseits des Herrenhauses gibt es ein kleines Museum zur Geschichte der Fotografie, oben auf der Galerie eine Ausstellung des zeitgenössischen Fotografen Thomas Kellner, der die ikonischen Bauwerke Europas vom Eiffelturm über den Big Ben, den Kölner Dom und die rote Brücke über den Tejo, Stonehenge und das Parthenon und was nicht noch alles, jeweils aus Einzelaufnahmen zusammenmontiert hat. Das Raster, das bei Alberti und bei Dürer in dessen Unterweisung der Messung dem Maler als Hilfsmittel zur Begradigung und Kohärenzerzeugung dienen sollte, wird hier nicht eskamotiert, sondern durch die schwarzen Randstreifen der Kontaktabzüge deutlich sichtbar gemacht. Doch ein kohärentes Abbild der Realität gewähren Kellners Werke grade nicht. Die Bildmotive sind bis zum Überdruss bekannte Bauwerke, aber sie sind alle besoffen, taumelig, stehen auf schlackerigen Knien und sacken haltlos in sich zusammen. Kellner hat die Einzelbilder zu einem Mosaik aus krummen und verdreht eingefügten Ausschnitten angeordnet, sodass all diese wertvollen Menschheitsmonumente im Moment des Kollaps und der Erosion erscheinen, niederstürzend und untergangsgeweiht, oder in Verwandlung begriffen wie die Ponte 25 de abril, die sich im Einsturz in eine Art von rotem Kranich oder Flugsaurier zu verwandeln scheint, oder wie die Sagrada Familia Gaudìs, deren Türme sich wie die schlängelnden Arme Shivas in einer kühnen Gymnastik aufwärtsdrängen, um den Himmel zu bezirzen. Das Brandenburger Tor wird in solcher Darstellung zu einem schwer getroffenen, krummbeinigen Kampfelefanten, der Petersdom zu einem Schutt- und Scherbenhaufen. Der Eiffelturm ist eine Nutte in Nietenstrapsen, die obszön die Beine spreizt (das hat schon Buñuel im Gespenst der Freiheit klar gesehen), Notre Dame ein munter beschwipstes Tanzweibchen, das mit einem lasziv verrenkten Big Ben schäkert…

Die Fotografie, erfunden, um die sichtbare Wirklichkeit abzubilden, hat sich von dieser Grundintention gelöst, um eine neue, selbstgeschaffene Wirklichkeit aus den zertrümmerten Bausteinen der Vorlagen zu schaffen. Die realistische Abbildung des Petersdoms oder des Eiffelturms braucht niemand mehr, davon sind wir längst überflutet. Heute kann man sich getrost dem Spiel der Dekonstruktion und Neukombination überlassen und das Kaleidoskop der Glasperlen drehen.

Wir erledigen unsere Einkäufe in Chippenham, machen danach ein Picknick am Rand des kleinen Dorfs Castle Combe, das uns als besonders hübsch empfohlen wurde. Ich gebe die Empfehlung hiermit weiter. Doch sei als Anhängsel zum Thema Fotografie noch gesagt: es genügt vollauf, sich im Netz ein paar Bilder des Dorfs anzusehen. Manchmal will man Bilder machen, um sich genauer an einen Ort zu erinnern, an dem man schöne Stunden verlebt hat. Aber manchmal ist es erquicklicher, sich die Bilder von einem Ort anzusehen und es bei der bloßen Vorstellung bewenden zu lassen, man könne darin schöne Stunden verleben. Castle Combe ist reizvoll als Kulisse von Doctor Doolittle, so wie Lacock reizvoll als Kulisse einiger Szenen von Harry Potter und Downton Abbey ist. Aber im Film haben diese Dörfer den unschlagbaren Vorteil, dass auch noch interessante Dinge vor den Kalkstein-Cottages geschehen, was in den echten Dörfern eher nicht zu erwarten ist, es sei denn, man lässt sich von fotografierenden Asiaten und Briten bei der Gartenpflege faszinieren.

Um kurz vor fünf kommen wir in Cirencester an, einem Städtchen von immerhin 20 000 Einwohnern. Aber samstagnachmittags um fünf kümmern sich die meisten davon um ihren Rasen, ihre Grills, um die Premier League oder ihre Fingernägel, von anderen Verrichtungen ganz zu schweigen, die Tristram Shandys Vater noch auf den Sonntag legte, nachdem er die Standuhr aufgezogen hatte. Die Stadt jedenfalls ist ziemlich leergefegt, was schade ist, denn mit ein bisschen mehr menschlicher Staffage auf den Straßen sähe Cirencester ganz possierlich aus.

Aber nicht jetzt. Wir fahren wieder ab und suchen uns einen Campingplatz. Samstag: Badetag.

Wir haben ein paar Adressen vom Camping & Caravaning Club und steuern einige Plätze an, es ist aber immer dasselbe: strenge Bestimmungen reglementieren die Übernachtungszahl, und auch auf Wiesen, die genug Raum für 50 Zelte bieten, dürfen nur fünf aufgeschlagen werden, weil bloß zwei Duschkabinen zur Verfügung stehen. Ich habe keine Lust, das Verhältnis von Platzbelegung und Duschenanzahl genau zu berechnen, habe aber den Eindruck, dass für Engländer die Lage krisenhaft wird, wenn sie nicht alle acht Stunden duschen können; und wenn es sie einmal zwischendurch spontan zur Dusche drängen sollte, dann sind Wartezeiten von über sieben Minuten ganz und gar unzumutbar. Sieben Minuten sind genau die Zeit, die es gewissen Bakterien ermöglicht, durch die Hautschranke im Achselbereich zu wandern und die Aorta zu infiltrieren. Sieben Minuten sind exakt die Zeit, in der englische Poren so durch Schweiß und Körperschmutz verstopft, ja, versiegelt werden können, dass der arme Körper elend zugrundegeht, weil die Hautatmung ihren Dienst verweigert (man denke nur an die ganzkörpervergoldete und daran erstickende Geliebte von James Bond inGoldfinger). Röchelnde Briten in Badeschlappen, die im Todeskampf ihren Kulturbeutel umklammern und mit blau angelaufenen Fingerspitzen an der Duschtür kratzen, ich kann es vor mir sehen. Meine Güte, ich erinnere mich an französische Campingplätze, die so wenig Duschen hatten, dass der patron Kratzbäume davor aufgestellt hat, an denen man sich den Grind vom Buckel schubbern konnte, wenn’s denn sein musste. Aber die Franzosen (wenn dieses Pauschalurteil gestattet ist) sind auch deutlich weniger vom Duschwahn befallen als angelsächsische Völker. Französische ältere Herren beherrschen sogar noch die zugegebenermaßen antiquierte und im Aussterben befindliche Hygienetechnik, sich einfach mittels eines nassen Lappens am Waschbecken zu putzen, wie wir das im Bus ja auch tun…

Aber eigentlich macht es gar nichts, dass wir keinen Platz finden. Wir gondeln in aller Gemütsruhe eine Stunde über Land, durch eine verzauberte Gegend, in der kleine, von Schilf bewimperte Teiche ihre braunen Augen aufschlagen und verzückt auf eine Steinbrücke und ein Mühlrad vor blühendem Gesträuch schauen. Wir haben bald keine Ahnung mehr, wo wir sind; das Navi hat seine Welt, und der Straßenatlas ebenfalls die seine - es gelingt uns nicht, eine synoptische Fassung dieser beiden Versionen herzustellen, also hoffen wir geduldig, dass die auseinandergedrifteten Perspektiven irgendwann schon wieder ineinandergreifen werden. Doch bevor sie’s tun, stoßen wir auf ein Campingplatzschild, und gleich dahinter eine riesige, wimmelnde Wiese, groß und bunt wie ein mittelalterliches Heerlager. Wir stellen uns an den Rand der ausgedehnten Senke und sehen den vielen Kindergruppen zu, die auf den Wiesen Badminton spielen, Fußball und Cricket. Einen großen Teil des Platzes nehmen blaue Zelte ein, die in militärischer Akkuratesse (von wegen mittelalterlich!) aufgereiht sind. Der landlord (der aussieht wie ein Biobauer mit ein paar gutgepflegten Hanfplanzen im Gemüsegarten) hat uns erzählt, dass der Duke of Edinburgh alias Prinzgemahl Philipp dieses Zeltlager gestiftet hat oder doch fördert, ich habe die Details vergesssen. Wahrscheinlich hält der Duke nur einmal im Jahr eine Ansprache oder schneidet ein Band durch, um einen neugebauten Toilettentrakt feierlich freizugeben, aber die Verbindung dieses hochdekorierten Soldaten zu Jugendzeltlagern und Sportbetrieb leuchtet mir sofort ein. Der Herzog von Wellington (der Sieger über Napoleon) soll ja gesagt haben, die Schlacht von Waterloo sei auf den Sportplätzen von Eton gewonnen worden. Aber sobald man ein bisschen darüber nachdenkt, leuchtet der Gedanke schon nicht mehr so hell. Glaubte der Herzog wirklich, dass Badminton und Cricket eine gute Schule für künftige Soldaten sei? Trainieren Spiele, in denen das fair play hochgehalten wird, für blutige Schlachten, in denen alle Mittel recht sind? Sind harte Tennisaufschläge tatsächlich eine passable Vorbereitung für gut plaziertes Kanonenfeuer? Und selbst, wenn dem im Jahr 1815 so gewesen sein sollte - wenn man heute der Jugend kriegerische Fertigkeiten beibringen wollte, wäre man besser beraten, sie nicht Cricket spielen zu lassen, sondern ihnen Joysticks und gute Monitore zu geben, damit sie sich nächtelang durch Quake oder Doom oder irgendwelche anderen Ego-Shooter ballern können. (Zeltlager mit dürftigem WiFi bieten da denkbar miese Trainingsbedingungen.)

Wenn man schon Kinder und Jugendliche zu rücksichtslosen Soldaten heranziehen will, scheinen mir Praktiken wie die der Tupinamba in Brasilien oder der Irokesen am Ontariosee sehr viel effektiver. Dort wurden Kriegsgefangene, die zur rituellen Hinrichtung und anschließenden Schlachteplatte bestimmt waren, den künftigen Kriegern des Stammes zur Verfügung gestellt, auf dass diese jungen Leute den Rausch der Grausamkeit kennenlernten und ihnen alle Weichherzigkeit ausgetrieben werde, indem sie die gefesselten Füße der Opfer auf glühende Steine pressten (Maillard-Reaktion) oder die Beine mit brennenden Lunten einschnürten (Bardieren), bis dem in Ohnmacht gesunkenen Gefangenen bei lebendigem Leib Hände und Füße abgeschnitten wurden (Tranchieren), um sie schließlich zu sieden und zu braten.

Ich gebe zu, dass ich bei der Lektüre des Kannibalen-Kapitels in Marvin Harris’ Standardwerk Good to eat nicht so sehr Mitleid mit den geschundenen Opfern hatte, als dass ich mich fragte, ob man Menschenfleisch nicht wie das von Rindern ein paar Wochen abhängen lassen sollte, auf dass es reife und bekömmlicher und wohlschmeckender werde? Oder kann man Menschen ebenso frisch geschlachtet verzehren wie Schweine? Der Larousse gastronomique gibt darauf keine Antwort. Im Grand livre de cuisine von Alain Ducasse: Fehlanzeige. 

Hans Staden, ein deutscher Landsknecht in portugiesischen Diensten, der im Jahr 1553 neun Monate lang bei den Tupinamba gefangen war und einige kannibalische Festmähler miterlebte, hat in seinem Bericht über diese Bräuche Aspekten der Gourmandise verständlicherweise wenig Beachtung geschenkt (da er fürchten musste, vom Beobachter dieser nutritiven Praktiken zum Gegenstand derselben zu werden), und auch die jesuitischen Missionare, welche die Menschenfresserei der Tupinamba und der Irokesen schilderten, haben leider keine Rezeptsammlungen oder kulinarischen Kritiken hinterlassen, sondern sich auf müßige moralisierende Auslassungen beschränkt, die ihren Abscheu vor dem Verzehr von Menschenfleisch zum Ausdruck bringen sollten. Das war natürlich eine alberne Prüderie. In jeder katholischen Messe wird der Leib Jesu Christi gegessen und sein Blut getrunken. Solange sie auf die Symbolpauke hauen, sind die Christen nicht zimperlich und geben den Menschenfresser, einen echten Menschenkadaver aber würden sie nicht mit der Fleischgabel anrühren. Von einem symbolischen Kadaver aus Brot und Wein behaupten sie indes den Hokuspokus, dem zufolge Brot Fleisch sei und Wein Blut… Entscheidet euch doch einfach, Kinder! Man kann doch nicht erst symbolisches Fleisch für schlechthin reales erklären, und sich dann empören, wenn ein Volk auf diesen schwurbeligen Umweg verzichtet und gleich reales Menschenfleisch verzehrt. Wenn A gleich B ist, und A verzehrbar, dann ist auch B verzehrbar, oder?

A ist allerdings nur B, weil ein sakramental begabter Priester Segensworte über A gesprochen hat, auf dass es B werde. Dieser sakramental begabte Priester ist folglich eine Art von Koch, der sich auf Substanzverwandlung versteht, wie sie ja auch an Feuerstellen, in Schmortöpfen und Weinfässern vonstatten geht. Da sollte man doch erwarten, dass Priester ihren profanen Berufskollegen aus professionellem Interesse auf die Finger schauen; aber die Quellenlage, was Zutaten, Würzung, Gartechniken und Fleischzuschnitte angeht, ist dürftig. Nur so viel kann man den Missionarsberichten entnehmen: Menschen müssen nicht abhängen, sondern können gleich nach der Schlachtung gebraten, gesotten, pochiert oder verwurstet werden, was eigentlich ja auch nicht verwundert, da Menschen genetisch wie moralisch den Schweinen sehr viel näherstehen als den Rindern.

Eine Bestätigung dieser Annahme konnte ich nach einer Google-Sucheingabe bekommen. Auf der Newsgroup-Seite narkive. com wurde die Frage in der Untergruppe de.rec.mampf, die kulinarischen Themen gewidmet ist, behandelt - und das ist noch nicht einmal ein Witz. Leider stößt man bei weiterer Recherche zum Thema Kannibalismus in solchen Newsgroups und Foren nur auf sexuelle Aberrationen und Fetischismen, während die kochtechnischen Aspekte keine Rolle spielen. Letztlich scheint mir der Kannibalismus eine recht unkultivierte Angelegenheit. Keiner der Beiträger macht sich auch nur die mindesten Gedanken über Marinaden, Kerntemperatur und passende Beilagen, und so wie’s aussieht, sind die Menschenfleisch-Freunde auch nicht interessiert daran, das Niveau ihrer Leibspeise über das eines Hamburgers mit Gurken, rohen Zwiebeln und Ketchup zu heben. Ich glaube, dass ich mit solchen Leuten lieber nichts zu tun haben möchte; sie wären imstande, eine Jungfernhaxe einfach mit chunky chips und ungesalzenen Erbsen runterzuschlingen wie die Engländer ihre Steaks. Was für ein Banausentum!

Ich fürchte, ich bin ein wenig abgeschweift. Macht sich da schon der Einfluss des Tristram Shandy geltend, in den ich mich an diesem kühlen und windigen Abend wieder vertiefe?


25. Juni. Northleach, Cotswolds, Tewkesbury.


Wir kehren im ‚Escape to the Cotswolds‘ Visitor Centre in Northleach ein. Vermutlich ist es englische Ironie, dass dieses Escape Centre im alten Gefängnis des Ortes untergebracht ist, dessen Insassen früher ja grade nicht eskapieren sollten. Im Hof der Anlage klopft eine Gruppe von Leuten Steine; auch das ist eigentlich eine Sträflingsarbeit, aber die Leute büßen hier keine Verbrechen ab, sondern bezahlen für das Vergnügen, unter Anleitung eines Wärters den berühmten Cotswoldstein behauen zu dürfen. 

J.B. Priestley schrieb, der hiesige Stein kenne den Trick, selbst an kalten und dunklen Tagen das verlorene Licht von Jahrhunderten weiterschimmern zu lassen. Das Diktum wird gern zitiert, obwohl ich es stilistisch nicht gerade für die allerglanzvollste Prosa halte (ein Meister hätte die  wenig poetische Wendung mit dem Trick verschmäht). Aber in der Sache hat Priestley nicht unrecht; der Stein hat Zeitsubstanz in sich gespeichert. Er birgt Vergangenheit in seinen Poren und lässt sie an die Oberfläche dringen wie einen zarten Film aus Schweiß und Dunst; er schwitzt sie aus wie einen schönen Traum.

Die Häuser und die Trockenmauern um die Weiden sind oft warm getönt; selbst, wenn die Grundfarbe grau oder perlweiß ist, liegt ein Schimmer von Ockergelb oder Honig darüber, der nur eines kleinen Zungenstrichs Sonne bedarf, um aus den Poren zu sickern und sanft aufzuleuchten. Zudem sind die einzelnen Blöcke selten homogen; gemasert oder fleckig, bieten sie sowohl dem Ruß in der Luft einen Grund, als auch allerlei wolkig über den Stein getupften Flechten und Schimmelpilzen. Kaum ein Haus, das nicht aus Steinen in hunderterlei Tönungen besteht, und kaum ein Stein, der nicht seinerseits dutzendweis Unterschiede in sich trägt. 

Im Dorf besuchen wir wie immer zuerst die Kirche, die für ein Dorf dieser Größe ein recht ehrgeiziger Bau scheint. Im 16. Jahrhundert ist die Gegend zu Wohlstand gelangt. Damals schor man Schafe und wurde reich mit der Wolle. Heute haben hier viele Banker ihren Zweitwohnsitz, die ihre Schafe in der Londoner City scheren und den treuherzigen Sparern dort die Wolle abnehmen oder gleich das Fell über die Ohren ziehen. Kaum zu erwarten, dass sie regelmäßige Kirchgänger sind, anders als die Dame, die hier ihren Freiwilligendienst ableistet. Ihr Gesicht ist von den Spuren eines Sturzes gezeichnet, in der linken Gesichtshälfte sickert aus einem schwarzvioletten Zentrum ums Auge eine psychedelische Hämatom-Batik bis zu den Kieferknochen. Aber dessen ungeachtet ist sie ganz kregel und erzählt uns von den reichen Wollhändlern der Tudorzeit, deren Gebeine hier in der Kirche beigesetzt wurden. Bronzereliefs auf dem Fußboden versiegeln ihre Grabstätten: die Bilder reicher Herren sind darin eingraviert, zu deren Füßen Schafe und Wollsäcke als Insignien ihres Vermögens figurieren. Es mag ja sein, dass eher ein Kamel durch ein Nadelör gelangt denn ein Reicher in den Himmel; aber hier geht’s nicht um Kamelhaar und Näherei, sondern um Webstühle und gute englische Schurwolle, und da drückt der liebe Gott offenbar gern ein Auge zu und lässt die reichen Säcke doch ins Paradies. Dem Klerus jedenfalls waren die Gaben der Wollbarone durchaus willkommen, und sie hatten nichts dagegen, deren sterbliche Überreste nah am Altar zu bestatten - dort, wo am Jüngsten Tag, wenn der run auf die Ewige Seligkeit losgeht, der Weg zu den Paradiestoren kürzer ist als von den billigen Plätzen in den Totenäckern, wo der Pöbel verscharrt ist. 

Bourton-on-the-water, The Slaughter, Stow-in-the-wold. Die Dörfer rutschen mir in der Erinnerung alle etwas durcheinander. In einer Kirche sitzt ein Brautpaar mit der Pfarrerin beim Gespräch beisammen. Oder ist es nur die Einrichtungsberaterin, die Gardinenmuster durchgeht? ich habe keine Ahnung mehr, ob wir wirklich in einer Kirche waren oder nicht vielmehr in einem Dekorstudio. Religion und Innenausstattung sind aber auch so ununterscheidbar geworden! Wieviele der Paare, die kirchlich heiraten, glauben noch an die Dreifaltigkeit oder an die Möglichkeit ewiger Verdammnis? Kirchliche Hochzeiten sind heute selten mehr als opulente Möblierungen und ein Ambiente, das was hermacht. Die Kirche arbeitet auch solche Hochzeiten in ihre Statistiken ein und glaubt darum, dass Leute, die sich so trauen lassen, auch an die Lehrsätze der Kurie glauben. Ich hege da so meine Zweifel. Wieviele Paare (selbst einmal unterstellt, dass sie unberührt in die Ehe gehen, was wenig wahrscheinlich, oder völlig unwissend, was noch unwahrscheinlicher ist) halten die Empfängnis Mariä durchs Ohr für plausibel? Und wieviel Hausfrauen denken beim Ausdruck Dreifaltigkeit an das merkwürdige Mysterium der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, und nicht vielmehr an das dreifache Falten von Frotteehandtüchern, zweimal quer, einmal längs, damit sie in die Schublade passen? Erbsünde, Ewige Verdammnis, die leibliche Existenz des Teufels? Vielleicht lernen Gatten diese Dinge nach ihrem ersten Seitensprung kennen, wenn sich zeigt, dass ihre Kinder missraten sind, und wenn sie in ihrer persönlichen Ehehölle schmoren, aber selbst dann wird kaum jemand den Katechismus oder Thomas von Aquin zu Rate ziehen, sondern sich lieber professionelle Hilfe beim Therapeuten holen oder einfach herumhören, wo man günstig Großpackungen Prozac bekommt. Die Kirche ist heute (wenn ich das mal so wilhelminisch-professoral formulieren darf) keine wirkende Lebensmacht mehr. Sie stellt nur noch ein bestimmtes festliches Gepränge für die wichtigsten Übergangsriten from the cradle to the grave zur Verfügung, ein fesches Ambiente, schöne Kostüme und Orgelmusik - nichts, was ein Event-Manager, der einigermaßen auf dem Stand ist, nicht auch hinbekäme. Vermutlich kann die Kirche den Markt für Eheschließungen überhaupt nur erhalten, weil sie nach 2000 Jahren Marktführerschaft auch heute noch viel Pomp für wenig Penunze hinkriegt. 

Ach, Tristram! Dein den Abschweifungen so geneigter Charakter hat mich infiziert, alter Schlawiner. Lass mich zu diesem Bächlein zurückkehren, das durch Slaughter fließt, und an dessen Ufern himbeerfarbene Dolden stehen, puschelige Blütenbüschel, die aussehen, als hätten dicke Hummeln rosa Höschen angezogen, um sich am Ufer feilzubieten. Das Dorf ist entzückend, oder wäre es, wenn es überhaupt ein Dorf wäre und nicht bloß reizende Kulisse. Die Cottages wirken so wohnlich und heimelig, dass man eigentlich in jedes davon reinmöchte, um es sich darin vor dem Kamin gemütlich zu machen, Scones zu essen und den Finger in ein Marmeladentöpfchen zu stecken. Aber es ist völlig unmöglich, ein solches Cottage zu betreten, denn obwohl sie lebensgroß aussehen, sind sie in Wahrheit im Maßstab 1 zu 87 erbaut, H0. Es ist Spielzeug, ein niedlicher Traum von der guten alten Zeit. 

Wir wollen einen Happen essen und tun das in einem Café am Flüsschen. Das Café ist eher das Anhängsel eines Ladens mit abscheulichen Lederwaren - Taschen und Börsen und grauenvolle Jacken, die man wahrscheinlich aus alten Ostblock-Beständen importiert hat. Wer ins Café will, muss erst den Parcours durch diesen Schund absolvieren, was die einzige Möglichkeit ist, Leute in den Laden zu locken; ohne die Hoffnung auf einen Imbiss oder eine Tasse Tee würden die meisten wohl gleich auf der Türschwelle kehrtmachen und das Weite suchen. Und wenn wir gewusst hätten, dass das Imbissangebot vorwiegend aus jacket potatoes mit den üblichen Garnituren und Kartoffelsuppe besteht, hätten wir möglicherweise doch lieber eine halbe Stunde vor dem Slaughters Country Inn auf einen freien Tisch gewartet, um den Duft diskret parfümierter upper-class aufzusaugen. Stattdessen atmen wir hier in diesem Laden den Geruch schlecht gegerbten Leders und sind von diesen Ausdünstungen schon nach wenigen Metern so benommen, als hätten wir einen Eimer Toluol weggeschnüffelt. Wir taumeln dem Café entgegen und bestellen in völliger Besinnungslosigkeit einen Napf Suppe, eine Kartoffel, ein Glas Wein. Wein allerdings, ein schwerer Schlag, gibt es nicht - das Lokal hat keine Lizenz für alkoholische Getränke, und das ist vielleicht auch weise, denn mir schwirrt ohnehin der Kopf. Rauschmittel nimmt man hier nicht peroral ein, sondern inhalativ.

Immerhin sitzt man ganz charmant; im Fluss paddelt eine Entenfamilie, ein Mädchen fischt am Ufer gegenüber mit einem Kescher nach Kaulquappen oder was auch immer, ein Golden Retriever strampelt durchs Wasser und tauft, ans Ufer zurückgekehrt, als explosiver Weihwasserwedel sein Menschenrudel. Daneben eine alte Mühle mit einem behäbig im Fluss liegenden Mühlrad, eine Weide, auf der ein paar Kühe wiederkäuen, ein junges Pärchen aus China, das nach Mr Darcy Ausschau hält. Wir löffeln Suppe, würgen die Kartoffelknolle mit den drübergestreuselten Cheddarspänen hinunter - es sieht hier alles so liebevoll und hübsch aus, aber diese krümelig trockenen Käsespäne bezeugen, dass es mit der Liebe nicht weit her ist. Man bräuchte sie nur ein wenig anschmelzen zu lassen, um daraus etwas Geschmeidiges und Süffiges zu machen, das wäre aber noch mal ein Schritt Extra-Mühe, und so lässt man’s bleiben. Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass in solchen Banausengesten etwas forciert Klassenkämpferisches liegt, die offensive Zurückweisung einer Lebensart, die für snobbish gehalten wird. Man will sich mit den Gepflogenheiten der höheren Stände nicht gemein machen, weil man deren Genüsse für blasiert hält. Essen ist ja immer auch ein Bekenntnis zur Klassenidentität (in Deutschland denkt man gleich an des einstigen Kanzlers Schröder öffentlich zur Schau gestelltes Currywurst-Gelüst, das den Imageschaden, den er sich durch sein Brioni-Modeling geholt hatte, ausbeulen sollte) - etwas, das auch in England spürbarer ist als in den romanischen Ländern Frankreich, Spanien, Italien. In der romanischen Welt zweifelt niemand die bestehende Qualitätsskala an, auch wenn er sich Stopfleber und Austern kaum leisten kann. In England - wie tendenziell auch in Deutschland - verfährt man indes lieber nach dem Muster des Fuchses, der die zu hoch hängenden Trauben als sauer schmäht. Für die Arbeiterklasse sind die Leckereien nicht einfach teuer, sondern taugen nichts; sie sind bloße Angeberei, die gegen den Wohlgeschmack einer soliden Portion Fish’n’Chips oder einer Currywurst nicht standhalten können: so redet sich der Pöbel das Elend schön. Der Hummer ist teuer? Dann kann nichts dran sein. Die Austern 15 Pfund fürs Dutzend? Dieses glibberige Zeug sollen ruhig die reichen Idioten fressen; das machen die nur, um damit zu prahlen, und nicht etwa, weil der Kram ordentlich schmeckt. Die Primitivität der englischen Pub-Standard-Küche scheint mir eine trotzige und mit Ressentiments geladene Ablehnung der höheren Stände. Das ist jedoch nicht mehr als ein Stellvertreter-Krieg, der auf Wirtshaustischen und an Imbissbuden wirkungslos verpufft.

(Ich habe einmal die These aufgestellt, dass Spanien so fest an seiner Stierkampftradition festhält, weil man hier nie einen König guillotiniert hat und darum nicht aufhören kann, Stiere zu opfern, nur so zum Abreagieren. Eine britische Ofenkartoffel, auf die bleiche Käsespäne gestreuselt sind, könnte wiederum das Sinnbild eines Oberhauslords mit seiner gepuderten Perücke abgeben - ein Substitut, dem leicht mit einem Gabelstich der Garaus zu machen ist. Was für eine billige und nutzlose Befriedigung!)

In Stow-on-the-Wold sind alle Läden offen. Sonntag ist Ausflugstag, da wird Kundschaft in den Ort gespült, und die Läden schlucken die Ausflügler alle. Wir wehren uns gar nicht erst, sondern überlassen uns der kommerziellen Peristaltik, die uns durch Boutiquen und Schuhgeschäfte, Souvenirshops und Feinkostläden würgt, nicht zu vergessen natürlich den weitläufigen Tempel für Küchenutensilien - spätestens seit unserer Taufe in dem cookshop in Bath gehören wir der Sekte derer an, die solche Läden mit der selben ergriffenen Aufmerksamkeit besuchen, die Pilger aufbringen, wenn sie nach Santiago, Rom oder Jerusalem wandern. Die katholische Kirche kennt Vierzehn Nothelfer; die cookshops haben ihrer Tausende im Sortiment, aus Holz und Silikon, Teflon und Edelstahl, Zangen und Klopfer, Sägen und Hackebeile. Ein gotisches Portal mit all den Aposteln und den Folterinstrumenten, die sie ums Leben gebracht haben, macht gegen das Angebot dieses Ladens einen vollkommen dilettantischen Eindruck. In diesem Laden gibt es Instrumente zum präzisen Entbeinen, Abhäuten, Hacken, Brechen, Zerschmettern, von denen mittelalterliche Folterknechte nur träumen können - eine solche Fülle an Messern und Quetschen und küchentechnisch brauchbaren Garotten und Guillotinen, dass mir vor Staunen der Mund offenstehen würde, wenn ich nicht Sorge hätte, dass mir jemand gleich eine Zitrone oder ein Kräuterbündel hineinstopfte. 

Weiter nach Chipping Camden. An der Hauptstraße im Dorf steht eine alte Markthalle, die 1627 gebaut wurde, als Charles I. König von England war. Gut zwanzig Jahre später hieb man ihm das Haupt ab, weil er lieber von Gottes Gnaden regieren wollte, als sich mit dem Parlament zu arrangieren. Es kam der Bürgerkrieg, die Gemetzel und Massaker, die aufgespießten Köpfe, Britannien für fast ein Jahrzehnt im Krieg, bis zu den Aufständen in Irland, in denen die Iren aus den verwesenden Leichen niedergeschlachteter englischer Siedler Salpeter kochten, um dann aus dieser Brühe Schießpulver für ihre Musketen anzurühren; und schließlich Cromwell, der die Flammen des Kriegs mit Blut löschte.

Wie hätte Thomas Hobbes, als er den Leviathan schrieb, auf die Plautus-Sentenz verzichten können, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf?

Aber mag der Mensch auch dem Menschen ein Wolf sein - dem Vieh gegenüber ist er zweifellos noch mörderischer. Über die Portalbrüstungen der Markthalle sind Kuhfelle gebreitet, und in der Halle bieten Händler Häute von Schaf und Kuh feil, Lederwaren, Wolle. 

Viel Betrieb ist nicht; die Verkäufer haben sich mittlerweile dem Ale vom Pub gegenüber zugewandt und sind dementsprechend leutselig. Wir streicheln über die Felle - vor allem zu einem braun-weiß gescheckten, üppigen Fell habe ich schnell ein haptisches Verhältnis, das man wohl erotisch nennen muss. Es muss einen riesigen Schafsbock warmgehalten haben. Der Händler erklärt mir, der sei ein Vater von Tausenden gewesen, a big ram. Der Name der Rasse sei Jacob; männliche und weibliche Tiere trügen Hörner, und er streckt seinen Arm aus, um uns eine Vorstellung von zweieinhalb Fuß Länge zu geben. Ein Jacob habe aber nicht nur zwei, sondern manchmal auch vier Hörner; manche brächten es sogar auf sechs, eine Behauptung, die ich für eine im Ale ausgebrütete Flunkerei hielt, bis ich die Sache zuhause recherchierte und bestätigt fand. Die vierhörnigen Jacobs sind ziemlich apart. Das Hauptpaar steht meist als wehrhaftes Geweih vom Schädel ab, während die zwei Nebenhörner spiralig einwärts gedreht sind und das Haupt nach Art einer Innenrolle oder Schläfenlocke umrahmen; das hat dann etwas von Verführung und Herrenwinker. Aber manchmal wenden sich auch die Nebenhörner angriffslustig auswärts und umsträuben bedrohlich den Kopf wie bei der Medusa Caravaggios. 

Wir kaufen das Fell: es ist das Geschenk zu meinem heutigen Geburtstag. Ich habe es über die Liege gebreitet, auf der ich lese und schreibe, und dabei manchmal an den biblischen Jakob denke, den großen Schlaukopf unter den biblischen Patriarchen, Schaf- und Ziegenzüchter, den listigen Betrüger, der seinem schlichter gestrickten Bruder das Erstgeburtsrecht um einen Teller Linsen abkaufte und sich am Todesbett seines blinden Vaters Felle umband, um ihm vorzugaukeln, er sei der behaarte Esau, und so den Segen des Sterbenden zu erschleichen.

Esau war ein Wilder, ein Jäger, ein Mann, der den schnellen Erfolg geduldiger Planung vorzog. Jakob aber plante und züchtete. Jakob diente geduldig, verzichtete auf unmittelbare Befriedigung, wenn er damit ein größeres Gut erwerben konnte. Esau nährte sich direkt aus der Natur; Jakob gestaltete sie, um sich dann noch reicher aus ihr zu nähren. Esau lebte in der Gegenwart, Jakob lebte für die Zukunft. Ihm kam es auf Zeichen und symbolische Bedeutungen an: das Erstgeburtsrecht und den väterliche Segen erwarb er in Stellvertretung, und selbst für seine Frau Rahel, die lange keine Kinder bekommen konnte, gebar die Magd Bilal an ihrer Statt und auf ihrem Schoß Jakobs Ältesten. Realität kann durch symbolisches Handeln überschrieben werden; so wird Rahel zur symbolischen Mutter, und Jakob wird am Totenbett Isaaks durch das Fell um Hals und Handgelenke, das Esau symbolisiert, zum Gesegneten. Jakob propft das Symbolische auf das Reale auf, er ersetzt Natur durch die Kultur des Bedeutens, und wandelt darin ganz in der Bahn seines Vaters. Denn auch Isaak verdankte ja sein Leben einer Ersetzung durch den Bock, der im letzten Moment, bevor Abrahams Opfermesser dem Isaak die Kehle durchschnitt, aus dem Gesträuch sprang.

Kultur ist Ersetzung von Natur durch Erfindung und Stellvertretung: Prothetik. Wo Reißzähne waren, soll Faustkeil sein; wo Menschenopfer waren, soll Klingelbeutel sein; und wo Blut war, soll Wein werden. Die Jakobsgeschichte ist vielleicht die bedeutendste unter der Mythen der Ersetzungsidee. Jakob ist das jüdische Pendant zum listenreichen und vielerfahrenen Odysseus, der auch einmal von Schafen gerettet wurde, als er und seine Gefährten sich unter deren Bäuche klammerten, um den tastenden Händen des geblendeten Polyphem zu entgehen.

So ein Schaffell namens Jakob ist eine Unterlage, die nicht nur warm und weich ist. Es stiftet eine Verbindung zu den beiden großen Trickstern am Grund unserer Kultur. Das ist mit ein paar Zehnpfundnoten nicht zu teuer bezahlt.

Wir sehen ein Plakat, das ein Food&Drink-Festival in Tewkesbury annonciert. Es ist eine gute halbe Stunde Wegs dorthin, meist an löchrigen Hecken entlang, hinter denen Weizen wächst. Das Land ist flach und eintönig - die Anmut der Cotswolds reicht nicht bis hier.

In Tewkesbury ist von dem Festival nichts zu sehen. Entweder sind die Zelte pünktlich um fünf abgebaut worden, um sechs schon verräumt, und alle Spuren beseitigt, oder es hat heute gar kein Festival gegeben. Das Dorf ist freilich geschmückt: an den Backstein- und den Tudorhäusern hängen die Wappenfahnen großer Adelsfamilien, weiße Flaggen mit dem Georgskreuz, Girlanden, doch der Schmuck gilt wahrscheinlich dem in zwei Wochen stattfindenden Fest zum Gedenken an die Schlacht von Tewkesbury, die eine der vielen Schlachten in der 30-jährigen Geschichte der Rosenkriege zwischen dem Haus Lancaster und dem Haus York um den englischen Thron war. Die Schlacht sorgte immerhin für ein gutes Jahrzehnt sogenannten Friedens, in dem statt großer Soldatenmengen auf dem Schlachtfeld vorwiegend Adlige (Verräter und Verschwörer allesamt) auf dem Richtblock ausbluteten. 

Zu dem alljährlichen Fest sollen Tausende von Besuchern in Kettenhemden und Rüstungen kommen, in linnenen Röcken und um den Fuß geschnürten Lederlappen, um ein paar Tage im Morast zu kampieren, verbranntes Hammelfleisch zu essen und dem Getröte von Schalmeien und Bombarden zu lauschen. Wahrscheinlich finden sich auch jede Menge Hexen ein, besprechen Warzen, lesen aus der Hand oder verticken Salben aus Bilsenkraut und Nieswurz; Seiler führen ihr Handwerk vor und erklären, warum man einen Galgenknoten gut einseifen sollte; Schmiede hämmern Schwerter, Wirte füllen Krüge, und vermutlich finden sich auch ein paar Veteranen der Kreuzzüge, die aus dem Libanon Kräuter mitgebracht haben, mit deren Hilfe jedermann mit Engeln sprechen kann. Faxenmacher und Feuerschlucker, Robin Hood und Bruder Tuck, Marketenderinnen und Huren. 

Das alles wäre wahrscheinlich lächerlich und grandios zugleich - jedenfalls alles andere als langweilig, und ohne Zweifel unterhaltsamer als die abendliche Gemeinde, die jetzt nach der Messe aus der Tewkesbury Abbey tritt, um den Priester die Hand zu schütteln, sämtlich gesittete Leute aus der middle-class oder im höheren Rentenalter, und am Sonntagabend immer bereit, ihrem Sparkassenbeamten oder dem Verwalter ihres spirituellen Vermögens die Aufwartung zu machen. („Die besten Zinsen zahlt immer noch Gott!“ Ich frage mich, warum die Kirche nicht mehr knallige Anzeigen wie diese schaltet.)

Die Abbey ist innen ein beeindruckend großgeratener Bastard aus romanisch plumpen Säulen und gotischen Kreuzrippengewölben, grundhässlich und ohne allen Sinn für Proportion: eine dieser Zwischenformen architektonischer Evolution, in denen Natur und Geschichte nach etwas Neuem tasten, aber noch nichts Stimmiges und Überdauernswertes gefunden haben. 

Tewkesbury hält uns nicht. Es ist zu früh, um in einem Pub einzukehren, und zu fad für einen Spaziergang (die Flußnamen Avon und Severn verheißen mehr als sie halten; wir geben ihnen eine Chance, aber sie versemmeln es), also steuern wir zurück Richtung Cirencester, bei sinkendem Licht in die Hügel bis zu einem Pub namens Green Dragon. Auf dem Parkplatz verbieten Schilder das Übernachten; wir fragen im Pub; ein einheimisches Pärchen legt sich für uns und unsere Bitte ins Zeug, aber der Manager des Ladens, der auch nur Befehlsempfänger und Richtlinienexekutor ist, untersagt uns das Bleiben, also ziehen wir weiter und landen schließlich in einem Inn, der seinen Parkplatz nicht so partout sauberhalten will und uns achselzuckend die Übernachtung erlaubt. Es ist arschgemütlich dort, und der Kellner ist ein Jüngling von devoter Beflissenheit, bis wir ihn durch die schlichte Frage überrumpeln, ob Gemüse hierzulande generell ohne Salz gekocht würde. Da gefrieren ihm die Gesichtszüge. Offenbar haben wir ein religiöses oder habitusmäßiges Tabu berührt. Gemüse salzen? Das habe er noch nie gemacht. Er klingt wie jemand, der versichert, noch nie Menschenfleisch gegessen zu haben.

Spät am Abend stellt sich der Koch noch auf zwei, drei geharnischte Absacker an den Tresen, und um ehrlich zu sein: der sieht tatsächlich so aus, als hätte er ein paar Jahre in einer polynesischen Kannibalenkolonie zugebracht. Oder doch nur viel Zeit in Tatoo- und Piercing-Studios, in denen auch kunstvolle Narbenspuren in Gesicht und Arme geschnitten werden. Sogar von hinten sieht er so aus, als hätte er ein Schild am Nacken, auf dem steht: Komm mir bloß nicht mit blöden Fragen.


26. Juni. Cirencester, Bibury, Lechlade, Filkins, Burford


In Cirencester soll Markttag sein. Ist auch. In beschwingter Vorfreude kommen wir an und sehen ins klebrige Auge des Elends. Es gibt einen Stand mit in Plastiknäpfe gefülltem Gemüse, einen Stand für Second-Hand-Klamotten, der selbst einen Fischkarren oder eine Parfümerie geruchlich eliminieren würde, eine Auslage für gute (aber schamlos überteuerte) Panamas, Brot, das rustikal tut und doch nur in jedem Probierhappen einen weichen, süßlichen, labbrigen Teig präsentiert. Wenn man sich Markttag als einen Rummel vorstellt, zu dem aus dem ganzen Kirchsprengel Leute herbeiströmen, um die Leckereien der Region zu verkosten, durch Kunsthandwerk zu stöbern, selbstgestrickte Pullover oder Superkleber vom Propagandisten zu erstehen (von lebenden Gänsen, Räucherstäbchen oder Cannabispflanzen einmal abgesehen), dann kann einen diese reichlich spröde Veranstaltung nur enttäuschen. Wozu stehen in Reiseführern Hinweise auf Märkte, wenn diese doch bloß zu Schwund- und Schrumpfformen einer einst vitalen Institution ausgezehrt sind?

Wir suchen Trost in den Räumlichkeiten einer anderen einst vitalen Institution: der Kirche. Und siehe da, auch wenn der Bau dem asketischen Johannes dem Täufer geweiht ist, geht es darin doch sehr viel lustvoller zu als bei dem profanen Marktelend am Platz davor. Offenbar hatte man in einer Seitenkapelle für eine Woche unter dem Motto „Eden“ einen Garten aufgebaut, üppig und sprießend und überbordend von Blüten - jetzt wird er von seinen Zuträgern wieder abgeräumt. Darum herrscht, wie man so sagt, reges Treiben in der Kirche, jede Menge Leute, die Pflanzentöpfe herumtragen und Steigen mit Grünzeug davonschleppen. Dazu flöten und trillern und zwitschern Vögel vom Band, was eine durchaus zauberhafte Atmosphäre erzeugt. Wir fühlen uns in den Gewölben wie in einer weiten Volière, aber die einzig realen Vögel sind komische: eine dicke Dame in einem schrullig bunten Kostüm und einem Hut, dessen Garnitur aus Tüll und seidenem Birkenlaub besteht, eine andere Dame trägt fliederfarbenen Tweed mit grünen und roten Überkaros sowie ein Hütchen, wie es Erol Flynn als Robin Hood populär gemacht hat, mit einer vorn keck auskragenden Spitzkrempe und einer Vogelfeder im Band. Sie hat ausgerechnet eine Kiste mit Kakteen in Händen - schöne Exemplare sind darunter, an denen ganze Blütenbänder leuchten; aber die Idee, zur Möblierung des Garten Eden Kakteen mitzubringen, ist doch reichlich merkwürdig. Warum nicht gleich ein Bouquet aus giftigem Bärenklau und Eisenhut, Maiglöckchen oder Venusfliegenfallen? Möglicherweise sind die Kakteen Ausdruck britischen Humors; vielleicht aber auch einfach ein stachliger Kommentar zur Idee des friedlichen Paradieses überhaupt, in dem, wie es bei Jesaja heißt, die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Parder bei den Böcken liegen.

The Church of St. John the Baptist ist wohl auch kein passender Ort, um die Gerechtigkeit und Gnade Gottes zu beschwören. Nachdem wir uns ein Faltblatt mit Informationen gegriffen haben, stürzt sich sogleich ein Freiwilliger auf uns, um die Geschichte von Anne Boleyns Becher zu erzählen, der hier verwahrt wird. Anne Boleyn (deren Name tatsächlich Buhlin ausgesprochen wird, was für uns klingt, als gäbe er der Anklage recht, die von Anne als einer Ehebrecherin und Hure redete) hat ihn dem Arzt ihrer Tochter, der nachmaligen Queen Elizabeth, geschenkt. Hier steht er, der Kelch, vergoldetes Silber, schlank und elegant - und hinter Gittern, wie einst Anne selbst. Die Nachfahren des Arztes sind seit Generationen in Cirencester ansässig und besuchen immer noch die hiesige Messe. Der Mann, der uns das berichtet, schnaubt vor Empörung über die schändliche Behandlung, die man Anne hat zuteil werden lassen. Eben noch Königin, ließ man sie nach der Enthauptung wie ein Stück Vieh in ihrem Blut liegen, bevor man sie in ein namenloses Grab warf. Anne Boleyn ist seit fast 500 Jahren tot, und die Geschichtsschreibung ist sich zumindest soweit einig, dass Anne ein nicht weniger berechnender Charakter war als Heinrich VIII selbst. Sie war kein naives Lamm, das vom bösen Wolf Henry gerissen wurde, sie hat sich auf ein Duell  eingelassen, zu dem sie keine anderen Waffen brachte als ihre Anziehungskraft und ihre Eierstöcke. Sie hat auf Risiko gespielt und verloren. Und weil sie verloren hat, neigt man dazu, sie als unschuldiges Opfer anzusehen, das in der dynastischen Mühle zerrieben wurde. Den Verlierern wird gern ein moralischer Bonus zuerkannt, als seien ihre Motive lauterer gewesen als die der Sieger. Doch waren diese Motive meist ebenso eigennützig wie die ihrer Gegner. Ihr Gegner hatte allerdings nicht nur Eierstöcke, sondern einen Reichsapfel und ein Zepter, die Insignien des Chefs, phallisch und testikulär, manifeste Macht, und nicht nur ein hübsches Lärvchen und gutes Benehmen.

Eine Seitenkapelle hat ein schönes Gewölbe aus Holzbalken, die wie Bootsspanten gebogen sind; eine andere eine hölzerne Kassettendecke, und wieder woanders haben sich die Baumeister in einem überaus anmutigen Fächergewölbe ausgetobt. Diese Uneinheitlichkeit ist recht reizvoll. Wie wäre es wohl, wenn die Stadt Sitz eines Bischofs gewesen wäre? Wahrscheinlich hätte man dann irgendwann alle alten Teile niedergerissen und die Kirche aus einem Guss neugebaut. So aber, vermute ich, haben die reichen Wollhändler als gut kalkulierende Kaufleute Maß gehalten und nichts zerstört, was doch noch gut war und seinen Zweck erfüllte. Der Klerus wäre wohl verschwenderischer gewesen als die Herren, die erst einen Blick in ihre Rechnungsbücher warfen, bevor sie sich in bauliche Abenteuer zum Ruhme Gottes stürzten. Darum besteht der Prunk von St John eher in Einzelheiten - in den Grabmälern, in einer Kapelle, dem Portal - als in einem grandiosen Gesamtentwurf.

À propos Kaufleute: beim Herumwandern stolpern wir in eine Markthalle, in der ein gutes Dutzend fliegender Händler ihre Tische mit Kunsthandwerk, antiquarischen Büchern, Kristallen und Drahtspinnen zur Kopfhautmassage aufgeschlagen haben. In der Ecke jede Menge Kleiderstangen mit Lederwaren. Ein junger Pole, hoch aufgeschossen, blond, Mitte zwanzig und Zahnspange, erklärt uns, dass die Häute seiner Jacken in Italien gegerbt, die Schnitte in Frankreich entworfen und dann in Polen genäht wurden. Das ist Europa! Er glänzt vor Enthusiasmus, und aus Höflichkeit glänzen wir mit. Jedes Land trüge das seine zu dieser Ware bei, jeder mache das, was er am besten und am günstigsten beherrsche, und letztlich profitierten alle davon, die Hersteller, er als Händler, und wir als Kunden, das sei doch wunderbar. Es fehlt nicht viel, und er referiert mir hier Ricardos Theorie vom komparativen Kostenvorteil, die ungefähr besagt, dass es am besten sei, wenn jedes Land das erzeuge, was es am besten könne, und dieses Gut dann gegen andere Güter eintausche, die anderswo günstiger erzeugt würden. Das Modell funktioniert tadellos, wenn es zum Beispiel darum geht, dass die Portugiesen besseren Port keltern als die Engländer, und die Engländer die Wolle billiger und besser verspinnen als die Portugiesen. Aber hat Ricardo in seiner Lehre vom allgemeinen Nutzen des Freihandels auch einen Fall wie den vorliegenden bedacht, bei dem die italienisch gegerbten Häute stinken wie Sau, die französischen Schnitte nicht elegant, sondern proletarisches Möchtegern sind und die polnischen Näher genau so schlampig arbeiten wie es dem wahrscheinlich schlechten Salär angemessen ist? 

Aber nun - geschmäcklerisches Naserümpfen ist kein wirklich triftiger Einwand gegen den Freihandel, und auch, wenn der Kram an den Kleiderstangen dieses jungen Mannes möglicherweise den Straftatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses erfüllt, soll er sein Zeug ruhig weiter verscherbeln dürfen. Immerhin kann er sich davon eine Zahnspange leisten, und das macht vieles wieder gut.

In einer Ecke der Halle schaut die Verkäuferin für Kopfhautmassagespinnen und Heilsteine auf einem kleinen Fernseher Nachrichten. Theresa May ist zu sehen, und der zynische und verlogene Boris Johnson: Gehirnwäschespinnen und Heilsteinscharlatane auf ihre eigene Art. Ich höre ein bisschen zu. Sie wollen die wirtschaftlichen Ausfälle, die durch den Brexit entstehen, durch eine Vertiefung der alten Handelsbeziehungen zu den Commonwealth-Ländern kompensieren. Ich bin fassungslos ob dieser Dreistigkeit, die kaum mehr als ein nostalgischer Appell an das vergangene Empire ist. Glauben diese Leute wirklich, dass sie besser fahren, wenn sie Haferkekse gegen neuseeländische Lammhälften tauschen oder Tweedjacken gegen nigerianische Kochbananen, statt mit Ländern Handel zu treiben, die vor ihrer Haustüre liegen, und nicht am anderen Ende der Welt wie Australien und Indien, oder gar mit solchen von eher nachrangiger wirtschaftlicher Bedeutung wie Tuvalu oder Ruanda? Das alles erscheint höchst irrational und vergangenheitsbesoffen, und obwohl es mich persönlich wenig betreffen wird, tut es mir doch ebenso weh wie jede Begegnung mit einem psychisch Kranken, der nicht mehr auf der Basis des common sense erreichbar ist, sondern sich in abstruse Wahnvorstellungen verstrickt hat. Die wirtschaftlichen Einbußen werden sich für den Europäer in Grenzen halten; die Engländer werden mehr darunter leiden, aber das kann mir ziemlich wurscht sein. Was mich jedoch bestürzt, ist ihr Abschied von Rationalität und Besonnenheit - dieser Sturz in den Nektarkelch der Propaganda, der mit dem Sturz der Deutschen 1933 in mancher Hinsicht durchaus vergleichbar ist. Die Beschwörung bedrohter nationaler Identität hat (weil sie mit Europa nur am Rande zu tun hat, sondern vor allem eine Spätfolge der eigenen Kolonialgeschichte ist) etwas zugleich Heuchlerisches und Hysterisches. Die Phrasen vom Verlust der Selbstbestimmung und vom Aussaugen der Nation durch all die bösen Anderen sind Evergreens der Demagogie, die in der Brexit-Kampagne zusammen mit Übertreibungen, Entstellungen und schlichten Unwahrheiten in einem solchen Ostinato angeschlagen wurden, bis die Schädelkuppeln irgendwann dröhnten von all dem Gehämmere.

Ich muss zugeben, dass ich die Deutschen von 1933 noch eher verstehe als die Briten von 2016. Deutschland war ein zerrissenes, notleidendes, verzweifeltes Land, und dass man in der Verzweiflung den wahnhaften Einflüsterungen Hitlers Gehör schenkte, ist zwar nicht gutzuheißen, aber doch zumindest erklärlich. Wenn die bürgerlich besonnenen Rezepte zur Krisenbehebung scheitern, wirft man sich eben willig dem Irrsinn und irrationalen Parolen zu Füßen. Die Deutschen haben also Ausreden - die gravierenden Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg genügten, dass man die Sieger von 1918 als vampirische Mächte empfand, die Deutschland den letzten Blutstropfen aussaugen wollten. In der Agonie sprießen solche Phantasmen auf, und der Demagoge hetzt die Meute auf irgendwelche Sündenböcke. Aber lag das Vereinigte Königreich 2016 tatsächlich darnieder? War der Status Quo so bedrohlich und abscheulich, dass partout gravierende Veränderungen nötig schienen?

Am späten Vormittag kommen wir in Bibury an, dem Ort, den der Arts and Crafts Movement-Gründer William Morris das schönste Dorf Englands nannte. Dummerweise war William Morris nicht der geschmackssicherste Künstler seiner Zeit. Ich will dem Mann nicht zu nahe treten, der halb Genie, halb Trottel war, überhaupt alles halb - halb erfolgreicher Unternehmer, halb Sozialist, halb restaurativer Märchenerzähler, halb Utopiker, oder eigentlich alles zusammen. Morris war sicher eine komplexe Persönlichkeit, ein Mann, der neben seinen zahlreichen anderen Talenten Kunstgewerbe und Tapetendesign, Buchdruck und Lebensweltästhetisierung betrieb, und mit Marx der Meinung war, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn jeder die Möglichkeit hätte, zu tun, worauf er Lust hat, statt sich mit lästiger Erwerbsarbeit abzumühen. Der Umstand, dass nur ein äußerst schmales Segment der Bevölkerung sich rein aus Spaß an der Freud an einen Webstuhl stellen würde, um stumpfsinnige Stunden lang das Schiffchen durch die Fäden zu ziehen und das Webzeug dann zu verschenken, scheint seinem Idealismus entgangen zu sein. Morris stellte handwerklich hochwertige Bücher, Teppiche, Möbel etc. her (ließ herstellen) und bedauerte verwundert, dass sie ausnahmslos in den Häusern der Reichen landeten, während das Volk sich mit maschinell gefertigtem Kram zufriedengeben musste. (Diese Verwunderung ist der Anteil Trottel am Genie.)

Bibury indes ist in der Tat recht hübsch. Neben einem Bach voller Wasserkresse, gründelnder Enten und Trauerschwäne verfügt es über eine der vielsten meistestfototgrafiertesten Straßen Englands - Cottages aus Cotswoldstein mit Schieferdächern und jeder Menge Heckenrosen. Die Menge der Heckenrosen wird nur noch von der asiatischer Touristen übertroffen. Einige der Anwesen haben Schilder an ihren Toren angebracht, auf denen in Englisch sowie in chinesischen, japanischen und vermutlich koreanischen Schriftzeichen darauf hingewiesen wird, dass es sich um ein reales und privat genutztes Haus handelt. Offenbar hat man seine Erfahrungen mit Besuchern gemacht, die davon ausgingen, dass ganz Bibury ein Museumsdorf ist, in dem jeder Bau den Besuchern offensteht und die Hausbewohner nur bezahlte Statisten sind, die authentisches britisches Leben darstellen sollen und interessierten Reisenden gern ihre Vorratsschränke und Schmutzwäschekörbe öffnen.

Doch nicht nur asiatische Gäste scheinen der Ansicht, dass das Dorf nicht zum Bewohnen, sondern zum Anschauen und Fotografieren da ist, oder doch zumindest sein sollte.

Im Netz bin ich auf einen Artikel des BBC gestoßen, der von einem Akt des Vandalismus berichtet, welcher sich hier zugetragen hat. Ein betagter Einwohner Biburys pflegte seinen bananengelben Vauxhall Corsa vor seinem Cottage zu parken. Ein Corsa ist zugegebenermaßen kein schöner Wagen, und bananengelb ist eine Farbe, die mit dem pittoresken Stein nur mäßig harmoniert. Diese grelle Präsenz eines modernen Autos vor einem reizvollen Fotomotiv hat offenbar einen Touristen so erzürnt, dass er in die Motorhaube des Wagens ein wütendes Move! (hier am treffendsten zu übersetzen als: Verpiss dich!) eingekratzt und Seitenfenster und Heckscheibe eingeschlagen hat. Ich weiß gar nicht, was mir dabei mehr imponiert - die ästhetische Intransigenz des Touristen, der es sich nicht bieten lassen will, dass sein Ausflug zur Huldigung der englischen Lieblichkeit von profaner Realität torpediert wird, oder die Traute des alten Herrn, der es wagt, in diesem Musterdörfchen einfach so zu leben wie es Millionen anderer Briten in ihren Dörfern auch tun, statt sich für seine Einkäufe und Arztbesuche ein Pferd und eine Tilbury Gig anzuschaffen, was zweifellos dekorativer wäre als ein Corsa. Aber nein, dem Mann geht dieser ganze postkartenschöne Scheiß am Arsch vorbei, und wahrscheinlich trägt er bei seinen Spaziergängen durchs Dorf aus purem Trotz sogar noch einen Jogginganzug in Warnwestengrün und ein himbeerfarbenes Stirnband.

Vielleicht haben wir diesen ruchlosen Ikonoklasten sogar gesehen - doch wenn ja, dann wird er kaum von all den englischen Ausflüglern zu unterscheiden gewesen sein, die sich auch höchst selten so kleiden, dass sie den Dörfern, die sie besuchen, zum Schmuck gereichen. Wahrscheinlich trug sogar der Kerl, der den Corsa misshandelte, bananengelbe Bermudas und einen bombenrote Baseballmütze mit der Aufschrift Make Great Britain great again.

Wir haben bald genug von diesem Bilderbuchdorf und steuern Lechlade an. Von dem Städtchen ab, dank des Zustroms der Flüsschen Leach und Colm, gilt die Themse als schiffbar, und der Ort trägt noch die Spuren einer durchaus wohlhabenden Vergangenheit. Große Landgasthöfe, repräsentative, efeuberankte Bürgerbauten und hübsche Häuser aus Cotswoldstein; einem davon, das aus Elizabeths Zeiten stammt, hat ein georgianischer Geck um 1800 einen antiken Ziergiebel und weiße Pilaster verpasst. Das Städtchen hätte mehr verdient als den in England so üblichen Ladenleerstand oder die allgegenwärtigen Maklerbüros und Second-Hand-Läden für Wohltätigkeitsorganisationen. Originell ist immerhin der Christmas Shop, der ganzjährig geöffnet hat und dem Weihnachtsliebhaber ein reiches Sortiment an Christbaumkugeln, Lametta und Santa Claus-Puppen in allen Formaten bietet. Ebenfalls originell ein Antiquitätenladen, der den Bürgersteig der High Street mit Weidenkörben und Mühlrädern, Milchkannen und Hirschgeweihen dekoriert, und auf seinem Hof ein erfrischend wirres Gerümpel gesammelt hat, in dem klobige Eichenholztische neben Wäschespinnen, rostigen Vorkriegsmotorrädern und lederbezogenen Turngeräten wie Bock und Kasten einträchtig beisammenstehen.

Wahrscheinlich gibt es für solche Ware auch Kundschaft, wenn Wochenendausflügler am Themsequai aussteigen oder Städter auf der Suche nach schrulliger Deko für ihr country cottage herumstöbern. Heute allerdings ist wenig Betrieb, und schon gar kein Betrieb von Kundschaft, die sich einen Weidenkorb für 100 Pfund an eine Wand ihrer Sozialwohnung hängen würde. 

Auf den Terrassen des Riverside Inn sitzen Familien mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index im oberen 30er-Bereich. Männer mit bloßem Oberkörper (wenn man nicht ihre großflächigen Tatoos als Körperbedeckung ansehen will), deren Speckwülste über die Gürtel quellen; auch die Frauen haben und zeigen viel Fleisch. Wir studieren die Speisekarte, entdecken dann das Elend auf den Tellern an den Nebentischen, und sehen zu, dass wir Land gewinnen. Lieber noch ein Stündchen hungern als solchen Fraß einmampfen.

In Filkins statten wir den Cotswold Woolen Weavers einen Besuch ab, einer Weberei in einem Anwesen aus der Blütezeit des englischen Wollhandels, und ein kleines Wunderland für den Tweedophilen.

Die Weber hier treiben für ihre Karomuster gehörigen heraldischen Aufwand: beim Oxfordshire Check beispielsweise soll die grüne Grundfarbe die Wälder und Weiden der Grafschaft symbolisieren, das Hellblau die Wasser der Themse (die in Wahrheit alles sind, aber nicht blau), das Braun die Rinder, die an ihren Ufern grasen, das dunkle Blau die Universität Oxford, das Grau die Straßen der Stadt, während der rote und der gelbe Streifen auf die de Vere’s verweist, die ein halbes Jahrtausend lang die Earls von Oxford waren (darunter auch der 17. Earl, Edward, der immer wieder als der wahre Verfasser der Shakespeareschen Dramen genannt wird, obwohl mittlerweile weitgehend Einigkeit herrscht, dass die Werke Shakespeares von einem anderen Mann gleichen Namens geschrieben wurden). 

In der Halle, in der die Stoffballen lagern, sind viele der Muster noch ganz charmant; die Anzüge und Kostüme, Jacken, Mäntel, Westen hingegen, die daraus geschneidert werden, sind zumeist ein Ausbund an britischer fuddy-duddyness, also altmodisch-verschrobenes Zeug, das wiederum nicht so altmodisch und verschroben und skurril ist, dass man es zum Zweck höheren Dandytums nutzbar machen könnte. Derlei Kostüme tragen schmallippige Damen bei einem Treff des Komitees zur Rettung gefallener Mädchen oder bei einem Vortrag des verehrten Reverend Jeremia Doomsday, der sich über Lügen und Irrtümer des Darwinismus verbreitet. Und die hier gefertigten Anzüge sind für Männer gemacht, die zu klandestinen Hasenzüchtertreffen in den Yorkshire Dales reisen, oder zu einem Erfahrungsaustausch von Verstopfungspillenvertretern in irgendeiner beliebigen Kleinstadt, Hauptsache, diese verfügt über einen ausreichenden Vorrat von gefallenen Mädchen. 

Nein, hier ist nicht Cool Britannia, und auch die vielgerühmte und oft bestätigte englische Höflichkeit ist hier nicht zuhause; es sei denn natürlich, dass uns irgendein gräßlicher Fauxpas unterlaufen ist, der die Hüterin des Ladens dazu zwingt, unentwegt mit strengen und strafenden Blicken zu verfolgen, wie wir ihre Ladenhüter befummeln. Vielleicht gilt es als Übergriff, Stoffe zu befühlen oder Mäntel von der Kleiderstange zu nehmen, ohne vorher die Hymne Gloucestershires angestimmt zu haben? Erst als wir im Stofflager ein paar laufende Meter Herringbone-Tweed gekauft haben (zuhause sollen Westen daraus werden), läuft ein wenig Ungnädigkeit aus dem Gesichtsausdruck der gestrengen Dame ab. Im Rückspiegel sehe ich sie in der Tür stehen, zufrieden, dass wir endlich abfahren. Hoffentlich kommt heute keine Kundschaft mehr.

Burford, ein belebtes Städtchen, dessen High Street mit schmucken georgianischen Cotswoldgemäuern und noch schmuckerem Tudor-Fachwerk bestanden ist, lädt zum Einkauf ein. Das ist ganz angenehm - nicht, weil wir etwas bräuchten, aber weil es gut tut, in einem Ort zu sein, der nicht nur von der Vermietung von Ferienhäusern und der Verköstigung von Busreisengruppen lebt. Der erste Eindruck täuscht indes: denn die Läden bieten vor allem jene Dinge an, die Busreisende oder Mieter von Ferienhäusern dringend nötig haben. Erstere brauchen Souvenirs, letztere vorzugsweise einen zweiten Satz wetterfeste Kleidung und Wanderstiefel, weil der erste Satz dann doch schneller durchweicht als gedacht, und immer länger zum Trocknen braucht als man meinte. (Heute ist wieder so ein Tag, an dem mittags halbnackte Menschen beim Essen in der Sonne saßen, und drei Stunden später ein Platzregen über das Land herfiel, dem im offenen Gelände auch eine dieser High-Tech-Jacken von heute kaum lange standhalten kann; mein Gummimantel hingegen schon, dafür ersäuft man darin im eigenen Schweiß.) Mieter von Ferienwohnungen brauchen auch Küchenutensilien, weil die nach Prospekt angeblich bestausgestatte Küche dann doch nicht über so unverzichtbare Gerätschaften wie einen Avocado-Slicer, einen Marinadensprühpinsel oder einen Crème-brulée-Brenner verfügt, und sie brauchen Kochbücher, die ihnen beibringen, wie man malaiisches Schmorhuhn oder eine Poularde in Halbtrauer zubereitet.

Und sie brauchen, natürlich, Lederfett und Schuhbürsten. 

Ich jedenfalls brauche das, denn meine Schuhe dürsten nach Bürsten und gieren nach Schmiere. Es ist solides Schuhwerk, das ich nicht verkommen lassen mag. Die Nähte sind meine Maginotlinie; wenn der Feind nur durch eine kleine Lücke einsickert, platzt die Front und ich kriege nasse Füße. (Ich habe letztes Jahr in La Coruña, als es nicht Pfützen in der Stadt gab, sondern die Stadt eine einzige Pfütze war, meine Lektion gelernt.) Und sieh da, da ist ein Laden zwar nicht für Fett, aber für Bürsten: ein fein verzweigtes und übersichtlich aufgereihtes Sortiment, das für jede Ritze und jede Spalte im Haus die richtige Kröpfung, und für jedes Material den richtigen Besatz vom Drahtstachel bis zum Dachshaar vorrätig hält. In solchen Geschäften lodert meine Bewunderung für den menschlichen Erfindergeist ebenso auf wie in gut sortierten Küchenläden oder Baumärkten; ich liebe diese Orte der Werkzeugspezialisierung; nicht aus Bedürftigkeit, sondern weil ich sie aus spirituellen Gründen verehre. Sind sie nicht Ausgeburten des schöpferischen Prinzips des Universums? Wenn Darwin nicht auf den Galapagos-Inseln gewesen wäre, um dort von der Diversifizierung der Finkenschnabelformen in Kakteenpieker, Nussknacker, Körnerfresser etc. einen Anstoß für seine große Theorie zu bekommen - er hätte auch in englischen Bürstenläden oder Cookshops heutiger Zeit sehen können, wie feingliedrig das Spezifizierungsstreben lebender Arten sich entfaltet. Menschen sind vom selben Drang beseelt, der auch die Triebkraft der Evolution ausmacht: spezielle Lösungen für spezielle Herausforderungsnischen zu finden. 

Wahrscheinlich hätte die natürliche Evolution keinen Vogel mit einem fünffach segmentierten Schneideschnabel selektiert, der sich vorwiegend von aus der Schale zu lösenden und in Scheiben zu schneidenden Avocados ernährt - aber möglicherweise hat ein solches Wesen ja schon einmal, piepsend und tschilpend, die Bühne des Lebens betreten und sich über dreißig, vierig Generationen behauptet, bevor es dann gnadenlos als mutative Scheißidee von der Natur ausgemerzt wurde. Doch selbst wenn die Evolution - die natürliche wie die werkzeugerfinderische - immer wieder idiotische Irrläufer hervorbringt: an meiner Bewunderung für das Prinzip ändert das kein bisschen.

Muss man nicht bewundern, wie geschmeidig der Erfindergeist der Natur in jede denkbare Lücke und jede Pore des Realen eingedrungen ist, um das darin niedergelegte Problem zu bewältigen? Und muss man nicht gleichermaßen bewundern, wie der ingenieurhafte Trieb der Menschen genauso verfährt, um auf die Herausforderung all der Nischen und Details zu antworten, aus denen sich die Wirklichkeit zusammensetzt?

 In einem solchen Laden zu stehen und die Auslagen zu mustern - was ist es Anderes als in das Treiben der Chromosome und in die Tüftelstube der Evolution selbst zu schauen?

Um nun vom Register des Salbaderns wieder in das des Berichts umzuschalten: eine Schuhbürste ist im Angebot und preislich angemessen. Als wir weiter das Sortiment mustern, fällt uns auf, dass fast alles hier in Deutschland gefertigt wurde. Dagmar, die auf der Skala von spontan zu diplomatisch meist ganz links am spontanen Ende anschlägt, teilt in unverstellter Verblüffung der Verkäuferin das verwunderliche Faktum mit. Die Verkäuferin ist eine Dame, deren Job im Laden nicht mehr als ein Nebenerwerb ist, um sich die Zeit zu vertreiben (sie hat vermutlich einen gut verdienenden Gatten, der bis abends um elf arbeitet oder auf Geschäftsessen ist, die Kinder sind aus dem Haus, man muss sich ja irgendwie beschäftigen), und bis zu Dagmars Ausruf war sie liebenswürdig und zugewandt. Aber nach diesem Ausruf verschließt sich ihr Gesicht, die Lippen werden schmal, um die Mundwinkel und die Augen sprießen Fältchen auf, die aussehen wie aufgestellte Stacheln. Die Raumtemperatur sinkt von jetzt auf gleich um zehn Grad. Dagmar hat zwar nicht etwa gesagt: „Ihr Briten kriegt ja noch nicht einmal Bürsten hin. Selbst das müsst ihr importieren, ihr Versager“, aber für die Dame lag offenbar genau diese Art von Kränkung darin. Sie fertigt uns kalt und beleidigt ab. Meine Güte, wie mimosig!

Doch es hat mich verdrossen; ohne es erst so recht zu merken, bin ich nun auf Krawall gebürstet (Drahtbesatz), und im nächsten Laden (immer noch auf der Suche nach Lederfett) mäkele ich gegen die Wanderjacken von Schöffel, einer deutschen Firma, in der, wie ich der Verkäuferin erkläre, nur Nazis arbeiten, die versuchen, die Weltherrschaft zu erlangen. Dass sowas hier in England verkauft werden dürfe, sei eigentlich skandalös, jedenfalls verantwortungslos. Die Verkäuferin, eine junge Frau, ganz sympathisch, aber in puncto Aufgewecktheit nicht recht einschätzbar, schaut irritiert. Wieso verantwortungslos, fragt sie, und weist gleich drauf hin, dass sie hier nur ihren Job macht. Naja, sage ich, die Schöffeljacken, die für’s Ausland gefertigt werden, lassen durch ihre atmungsaktiven Poren bestimmte chemische Verbindungen passieren, die direkt auf die Chromosomen einwirken, Polyexylenkarambolage-Moleküle, scheißgefährlich, das Zeug. Es verschmort die DNA zu einem Klumpen Kuddelmuddel und ist schlimmer als Contergan. Die Substanz wird dem Kerosin von Linienflugzeugen beigemischt und verteilt sich in der ganzen Welt. Ob sie noch nicht gesehen hätte, dass die Sonnenuntergänge seit einigen Jahren andere Farbtönungen haben? Dagmar stupst mich an, damit ich den Unfug nicht noch weiter treibe, aber so schnell will ich mich grade nicht bremsen lassen. Sie könne das alles im Internet nachlesen, führe ich fort, Stichwort Chemtrails, sie dürfe nur nicht den offiziellen Verlautbarungen oder gar Wikipedia glauben, die seien alle an der Verschwörung beteiligt. Für den deutschen Markt stelle Schöffel giftsichere Wanderkleidung her, während im Ausland die unbehandelten Jacken verkauft würden, um Engländer, Franzosen, Spanier und überhaupt ganz Europa genetisch zu schwächen und langfristig zu dezimieren. Und übrigens sei ich auf der Suche nach Lederfett für meine Schuhe und ein notorischer Lügenerzähler, sorry dafür. 

Die Frau grinst, irgendwie hat sie rechtzeitig spitzgekriegt, dass ich nur herumblödele. Und sie ist aufgeweckter und schlagfertiger, als man ihrem gutmütigen Gesicht zutrauen würde. 

Nun, sagt sie, in den letzten Jahren sind in der Öffentlichkeit soviel Lügen verbreitet worden; allmählich hat sie ein Gespür für diesen crap. An der Kasse, wo ich meinen Topf Fett bezahle, warnt sie mich: das Zeug stamme aus Schottland, und wenn ich an meinen Füßen Reptilienschuppen entdecken sollte - das ist der schottische Masterplan.

Der Tag endet an der Themse im Rose Revived, einem großem Pub mit großer Terrasse, auf der sich die Gäste mühsam jene Sitzpolster zusammensuchen, die am spärlichsten von Taubendreck gezeichnet sind. Wir teilen uns ein gut abgehangenes Steak mit den üblichen Zutaten (ein Champignon, eine Grilltomate, Erbsen, chunky chips) und haben ein paar Drinks, während eine gut abgehangene Jazzcombo gut abgehangene Standards zum Mitschnippsen runterklopft. Das ist ganz in Ordnung. Der Abend ist lau, das Ale ist lau, das Essen genauso. Warum sollte die Musik da anders sein?

Lästig ist nur, dass die Kellner weniger mit Bringen als mit Abräumen beschäftigt sind. Sie schaffen es sogar, einem den Teller wegzuziehen, während man noch das Besteck in der Hand hält. Vielleicht hält man das auf der Insel für ein Kennzeichen von aufmerksamem Service, aber ich glaube, es soll den Gast  vor allem daran erinnern, dass er hier bloß in einem auf Zeit gemietetem Ort sitzt, und sich so zügig wie möglich verziehen sollte, wenn er Anzeichen von Konsumermüdung erkennen lässt. Es ist eine jener Stunden, in denen ich wehmütig die französische und auch die deutsche Generösität vermisse, die es einem erlaubt, irgendwo an einem Fluss den Abend zuzubringen und seinen Schnitz Schöpfung zu genießen, ohne dafür zu bezahlen.


27. Juni. Oxford


Der Park&Ride-Platz an Oxfords Stadtrand hat uns den Zutritt durch eine Höhenschranke verwehrt, also müssen wir mitsamt dem stockenden Verkehr in die Stadt hineinkriechen. Die Fahrradfahrer kommen schneller voran als wir, selbst die Männer im Anzug, die auf dem Weg in ihre Kanzlei versuchen, beim Strampeln nicht ins Schwitzen zu geraten, überholen uns in aller Lässigkeit.

Wir finden einen Parkplatz hinter der Bahnlinie, auf einer Schotterfläche, die eigentlich den Bauarbeitern und den Baggern gehört. Baukolonnen im Kastenwagen mit polnischen Kennzeichen, Autos, die gestern unbedachterweise in großen Senken abgestellt wurden und jetzt bis zu den Bodenblechen in braunen Wassertümpeln stehen, Container, vor denen Männer Kaffee aus Plastikbechern trinken und rauchen. Bis sieben Uhr abends sind wir dort zugelassen, für die Nacht müssen wir dann noch etwas anderes finden.

Ich hatte mir Oxford elitär und allem Profanen entrückt vorgestellt, als wandelten dort nur Menschen in Talaren und Doktorhüten, leuchtend in den Gloriolen des Wissens, durch die Straßen, oder doch wenigstens in der Uniform ihres Colleges mit einem gestickten Wappen auf der Brust. Das Studentenvolk sieht aber nicht anders aus als sonst auch, dasselbe schluffige Gesums wie überall, vielleicht mit weniger Dreadlocks und Piercings und linksfolkloristischem Trachtengewand als im europäischen Durchschnitt, doch das mag ein Eindruck sein, der täuscht, und die mit den Dreads sitzen grade alle bei irgendeinem charismatischen Professor zusammen, um aus Texten von Homi Bhabha und Judith Butler ein luftiges Gedankensoufflée auszubacken und, während der Fluff aufgeht, die nächsten Aktionen gegen Rassismus, Homophobie, Frauenverachtung und all die anderen makro- und mikroaggressiven Tatbestände auszubrüten, an denen die Welt so reich ist. 

War es nicht Oxford, wo ein Dozent seine Studentinnen ohne Warnung den Metamorphosen Ovids aussetzte, in denen von Vergewaltigung und Verstümmelungen von Frauen im Krieg die Rede ist, und er damit in Kauf nahm, die Studentinnen nachhaltig zu traumatisieren oder zu retraumatisieren? War es nicht Oxford, wo Studierende die Entfernung des Standbilds von Cecil Rhodes verlangten, dieses sklavenhalterischen und rassistischen Kolonisators, angesichts dessen Studenten mit indischen oder afrikanischen Wurzeln (oder überhaupt jeder, der Opfer irgendeiner Form von Diskriminierung sein könnte) daran erinnert würde, dass die Universität sich mit diesem Unterdrücker gemein mache und auf ihrer Komplizenschaft mit einem repressiven System bestehe?

Auch so hatte ich mir Oxford vorgestellt: voller Aktivisten, die Jagd auf Meinungsabweichler machen, um sie als Rassisten, Transphobe, Islamhasser, Elitisten zu schmähen, auch wenn der vermeintliche Rassist nur gesagt hat, er lehne es ab, Angehörige von Minderheiten aufzunehmen, wenn sie schlechtere Noten haben, er also eigentlich grade ethnische Zugehörigkeit nicht zu einem Kriterium machen wollte; auch wenn es sich bei der sogenannten Transphoben um Germaine Greer handelt, die der durchaus diskussionswürdigen (wenn auch nicht zustimmungspflichtigen) Ansicht ist, ein Transsexueller sei keine Frau und gehöre darum auch nicht in ein für Frauen reserviertes Gremium; und auch wenn der Islamhasser nur Programme zur Deradikalisierung extremistischer Muslime befürwortet und zudem beklagt hat, dass der israelische Botschafter von keiner britischen Universität mehr eingeladen wird…

Aber nun. Die moralisierenden und widerspruchsimmunen pressure-groups sind heute irgendwo anders zugange, und spielen im Stadtbild keine Rolle. Überhaupt geht meine Vorstellung von Oxford von einem auf Stadtgröße gewachsenen Campus fehl. An der Peripherie gibt es Industrie - Roboter schweißen hier den Mini zusammen - und im Zentrum wird eingekauft und verwaltet und gehandelt und gegessen und getrunken wie überall sonst auch. Die Stadt ist keineswegs ein Museum, in dem nur der Größen von William von Occam bis zu Tim Berners-Lee gedacht wird, die hier gelernt und gelehrt haben, sondern ein recht umtriebiger und lebendiger Ort mit reichlich Fußgängerbetrieb auf den Bürgersteigen, jeder Menge Bars und Cafés und Geschäften und merkwürdigen Typen.

Sogar ein Markt hat hier seine Stände aufgeschlagen. Indische und libanesische und stockenglische Garküchen und Bratereien ringen um die olfaktorische Oberhoheit des Platzes; es gewinnt aber, wie schon gestern in Cirencester, der Second-Hand-Anbieter, der ein paar atemberaubende Lederjacken und Wollstoffe an den Garderobenstangen hängen hat, die bereits in den siebziger Jahren in einen feuchten Keller verbannt worden sind und seitdem eine aromatische Tiefe und Fülle gewonnen haben, gegen die noch nicht einmal der muffige Curry der Inderin und der Kreuzkümmel des Libanons anstinken können. Ich überlege, ob man einem Schmorgericht vielleicht einen interessanten Hintergrundgeschmack verleihen könnte, wenn man drei Stunden lang eine Tweedjacke von 1920 darin mitsimmern ließe, oder eine Motorradkluft aus Kriegszeiten nur für ein paar Minuten in eine Tomatensuppe tunken würde, aber gleich fangen wieder die Bedenken an. Für solche Infusionen müsste man erstens die Jacken in teebeutelgroße Stücke schneiden (denn sonst würden sie gar nicht in die Kasserolle passen), und zweitens hätte man nach dem Auskochen Wollfussel im Essen oder aber Teerjackenabrieb, und wer weiß schon, wie bekömmlich das ist. (Ich beschließe dennoch, demnächst einmal nicht mehr Parmesan in eine Minestrone zu streuseln, sondern einfach lang getragene Socken reinzutun. Das dürfte geschmacklich vergleichbaren Effekt zu machen, wäre aber um einiges günstiger. Vor allem aber entspräche es meinem idealistischen Bestreben, Substanz durch Funktion und Information zu ersetzen.)

Wir bewundern schmucke alte Bauten und stehen stirnrunzelnd vor einigen modernisierten, wie etwa an der Ecke George und Magdalen Street vor dem großen Buchladen von Waterstones, der einen etwas missratenen Bastard aus ionischen Doppelpfeilern und dazwischengeklemmten Fensterkästen darstellt, die aussehen, als hätte ein zorniger Glaser sie in den Stein gerammt. 

Darf ich mit ein paar Namen um mich werfen? Da ist das Balliol College, das Trinity College, das Sheldonian Theatre, das, wie so vieles, Christopher Wren erbaut hat. 

Wren war eins jener Universaltalente, an denen nicht nur die Renaissance so reich ist, sondern auch das 17. Jahrhundert. Wren hat die Royal Society mitbegründet, war Mathematiker und Astronom, hat aber auch medizinische Experimente durchgeführt und etwa mit einem angesägten Nachtigallenknochen einem Versuchshund Bier und Wein in die Adern gespritzt, und nebenbei einige hundert Bauwerke errichtet, darunter solche Petitessen wie die St. Pauls-Cathedral in London. Wenn ich einmal über ein Buch stolpere, das die experimentierlustige Wissenschaft des 17. Jahrhunderts schildert, muss ich es unbedingt lesen, nicht nur der drastischen Selbstversuche wegen, wie sie beispielsweise Isaac Newton unternahm, der sich eine dicke Nadel zwischen Augapfel und Augenhöhle schob, um zu erfahren, wie sich die Farbwahrnehmung verändert, wenn man den Augapfel quetscht und so seine Krümmung manipuliert. Auch Wrens Kollege (und Kollaborateur beim Wiederaufbau Londons nach dem großen Brand von 1666) Robert Hooke ist eine faszinierende Figur, ein genialer Optiker und Meteorologe (dem wir Barometer, Hygrometer, Windmesser verdanken), ein Astronom und Geologe, Mikroskopiker (er hat den Begriff der Zelle in die Biologie eingeführt), Stadtvermesser und ebenfalls Architekt. Mir ist Hooke bislang vor allem als Sekretär der Royal Society untergekommen, der von quasi allen der Society vorgelegten Erfindungen behauptet hat, sie seien nicht neu, er selbst habe sie längst in seiner Schublade, Huygens federgetriebene Uhr ebenso wie Leibnizens Rechenmaschine, und auch Newton reklamiere die Schwerkraftgesetze zu Unrecht als sein eigenes Verdienst. Newtons Fluxionsrechnung, das Infinitesimalkalkül von Leibniz? Alles alte Hüte, alles längst fast fertig und eingetütet, Hooke war wegen der immerzu nachsprießenden neuen Ideen nur noch nicht dazu gekommen, den alten Scheiß öffentlich zu machen.

Die Wissenschaftler des Barock sind mit ihren wallenden, toupierten Perücken eine wilde Bande. Ich denke an Newton, der neben seinem Leben voller klarer Berechnungen eins des Alchimisten führte und die Bibel als symbolische Darstellung der Abenteuer der chemischen Elemente betrachtete, die als Metalle, Salze etc. alle ebenso ineinander überführbar waren, wie er hoffte, Quecksilber in Gold zu verwandeln. Ich denke an Leibniz, der in seinen letzten Jahren versuchte, die quälenden Rheumaschmerzen in seinen Gelenken mit Schraubzwingen zu bekämpfen, die er an seinen Ellbogen, Schultern und Knien ansetzte, um so den inneren durch den von außen auferlegten Schmerz zu neutralisieren. Ich stelle mir Leibniz in noch jüngeren Jahren vor, wie er sich starke Spiralfedern unter die Absätze seiner Schnallenschuhe montieren ließ, um elastisch hüpfend schneller voranzukommen, und als philosophisches Känguruh durch Hannover zu springen, die Locken seiner Allongeperücke wild wippend und die Manschetten seiner Jacke so strahlend weiß und ausladend, als würde er sich gleich in die Lüfte erheben und in idealen Parabeln über den Graften davonschweben.

Unsere erste Einkehr gilt dem Museum of Natural History, einem Bau von etwa 1860, der außen eine neogotische Fassade mit allerlei Spitzbögen und Rosettendekor vorweist, über die eine trutschige Dachblende und eine Turmhaube gestülpt ist, die man als Stilanleihe von einem Tudorlandgut genommen hat. Innen jedoch bekennt sich die Architektur zum Industriezeitalter und seinen technischen Möglichkeiten: gusseiserne Säulen stemmen ein Glasdach empor, wie es in den Weltausstellungen von London und Paris in Mode war und noch heute ob seiner konstruktiven Durchsichtigkeit und lichten Weite berückend ist.

Die Gewölbeformen ähneln noch denen gotischer Kirchen, doch sind die Bauelemente stark auf das statisch notwendige reduziert. Der Stahl - in Dampfmaschinen, Fabriken, Eisenbahnen, Brücken das Leitmaterial der Epoche - hebt den alten Traum der Gotik von der Verschlankung, wenn nicht Auflösung der Materie auf eine neue Stufe: die Säulen der Halle sind so dünn, dass sie unter der Last bersten würden, wären sie aus Stein. Die späte Gotik hat die Massivität der Pfeiler zu Bündeln dünner Stifte aufgebrochen, doch das war nur ein visueller Trick. Mit dem neuen Material war es indes genug, zwei schmale Stengel dort aufzustellen, wo einst ein dicker Stamm die Massen zu schultern hatte. Doch die großen Gewichte von ehedem ruhen den Pfeilern sowieso nicht mehr auf. Wo früher schweres Gebälk war, Mörtel und Stein, Pfetten aus Eiche, liegt jetzt eh nur noch ein Gitterwerk aus Eisenbändern, zwischen denen die Glasflächen eingepasst sind. Auf Substanz kann verzichtet werden, wo funktionale Äquivalente an ihre Stelle treten: Masse wird durch die Raffinesse der Konstruktion und neu hervorgebrachte Materialien abgelöst - es ist nicht anders als in der Menschheitsevolution, als die Reißzähne gegen den Faustkeil ausgetauscht wurden.

Aber auch in der Evolution wirkt ein gewisser Konservativismus, ein atavistischer Zug, der an überlieferten Merkmalen oder Strukturen festhält, obwohl sie nicht mehr nötig wären und ihren Sinn längst eingebüßt haben. Beim Menschen ist etwa der Blinddarm als Rest eines größeren Darmanhangs ein solches Rudiment, das Steißbein ein Überbleibsel einer Schwanzwirbelsäule, die Muskeln, die zum Ohrenwackeln befähigen, eine Erinnerung an die verlorengegangene Taxis der Ohren. Die Kostümierung der britischen Richterschaft mit ihren Perücken und Talaren oder auch die britische Monarchie sind wohl ebensolche Rudimente, die eine Tradition festhalten, obwohl ihr keinerlei Funktion mehr entspricht - oder sie zumindest nicht mehr die ursprüngliche Funktion erfüllen. Aber so, wie der Blinddarm zwar nicht mehr verdaut, sondern sich zum lymphatischen Organ entwickelt hat, so hat auch die Monarchie andere Aufgaben als des Regierens übernommen, etwa die des Grüßaugusts, des modischen Vorbilds, des Wohltätigkeitspropagandisten oder auch der Skandalnudel; alles in allem spielt sie die Rolle eines gesellschaftlichen Lymphgewebes, das Transportflüssigkeit für emotionales Schwemmgut bereitstellt.

Ein solches Rudiment ist auch die Architektur des Museums: sie beerbt mit ihren Säulenreihen und den Säulenbogen in kaum kaschierter Form die Bauweise einer Basilika, übernimmt also eine religiöse Formensprache, in der einst die Wunder und die Vielfalt der Schöpfung ausgestellt wurden. Nur stehen hier nicht die Jungfrau Maria oder Petrus und Paulus als Heiligenskulpturen auf ihren Sockeln, sondern Darwin und Linné und Roger Bacon.

Ich frage mich, ob diese Usurpation der überkommenen religiösen Formensprache bei der Eröffnung des Museums wohl als blasphemisch empfunden wurde. Wie nahm man es wohl auf, dass die Exponate in ihren Vitrinen wie Reliquien präsentiert wurden, Stare und Dodos und Maulwürfe und Pinguine bunt durcheinander?

Darwin begann mit der Niederschrift der Entstehung der Arten gegen 1855, im selben Jahr, in dem der Grundstein des Museums gelegt wurde. Eingeweiht wurde der Bau 1860. Da war bereits die zweite Auflage von Darwins im November 1859 erschienenem Buch auf dem Markt - ein enormer Erfolg für ein wissenschaftliches Werk. Kann man das Museum die erste Kathedrale nennen, die der Darwin’schen Lehre errichtet wurde? Gewiss, die Sammlungen existierten auch vorher schon, aber das zeitliche Zusammentreffen ist dennoch bedeutsam. Darwins Standbild und die der vielen anderen Gelehrten, die vor den Arkadenpfeilern stehen, wirken wie die Kirchenväter einer neuen Religion, die das Gehäuse des alten Glaubens in Beschlag genommen haben und das Evangelium der Natur und der Vernunft dort verkünden, wo zuvor Wundergeschichten von unbefleckter Empfängnis und Auferstehung, von Höllenstrafen und Himmelfahrten die Wände bedeckten und von der Kanzel gepredigt wurden.

Die wahren Wunder sind indes in dem unerschöpflichen Erfindungsreichtum der Natur zu finden, in ihrer Einheit und Vielfalt. Ich kenne keine andere Lehre in Bezug auf das Lebendige, die klarer, stichhaltiger und eleganter wäre als die Darwinsche. Die Frage nach Einheit und Vielfalt ist eine der Grundfragen der Philosophie, und sie wurde so lange mit einem Rekurs auf das göttlich Eine beantwortet, bis Giordano Bruno den Begriff des Göttlichen auf einen leeren Titel reduzierte, hinter dem in Wahrheit der Begriff des Unendlichen in Raum und Zeit stand, und daraus folgend eine Unendlichkeit beständiger Veränderung, die sich allein aus den immanten Gesetzmäßigkeiten der Himmelsmechanik speiste. Newton goss diese von Bruno spekulativ postulierte Auffassung in die drei Newtonschen Gesetze, die alle Bewegungen auf die drei zugrundeliegenden Prinzipien von Trägheit, Impuls und Wechselwirkung zurückführt: eine Dreiheit, die sehr viel klarer zu verstehen ist als die Heilige Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Und auch die Darwinsche Theorie ist einfach zu begreifen: Veränderlichkeit der Arten und das Wirken der natürlichen Selektion beim Kampf ums Dasein. Diese Dreiheit von Gesetzen (Variation, Selektion, Konkurrenz) erklärt die Entstehung der unendlichen Vielfalt des Lebens unüberbietbar zwanglos und luzide. Dieser Lehre Glauben zu schenken, erfordert kein sacrificium intellectus wie die Mysterien der Theologie; niemand muss sich in den schwarz gleißenden Abgrund des Numinosen stürzen, um sie zu verstehen.

Es ist nur zu begreiflich, dass man Darwin zu Füßen Newtons in der Westminster Abbey beigesetzt hat: die zwei großen Vereinheitlicher der modernen Wissenschaft beieinander, als hätte man Petrus und Paulus zusammen ins Grab gebettet.

Das erste Exponat, das mir in dieser Basilika ins Auge fällt, ist der riesige Kieferknochen eines Pottwals. Er steht aufgerichtet im Mittelschiff, besteckt mit einer Reihe aus dreieinhalb, vier Dutzend Zähnen, die kaum kleiner sind als die Hörner von Jungbullen. Der Kiefer selbst läuft in einer erst flachen, dann exponentiell steiler werdenden Kurve spitz zu, sodass er eine eine Art von Kielbogen bildet. Als großer Totempfahl steht der Kiefer da, ein gewaltiges Gerüst, das in seinem schlanken Schwung um so erstaunlicher ist, als ich weiß, in welch klobigem Haupt aus Walfleisch diese scharfe Waffe einmal verborgen war. Noch erstaunlicher aber ist die Konvergenz dieses Kieferbogens mit den gusseisernen Bögen der Hallenkonstruktion dahinter. Der spitze Kiefer des Wals wird noch durch zwei geschwungene Knochen (möglicherweise ein Äquivalent des Keilbeins beim Menschen) stabilisiert, deren Krümmung ziemlich genau jener der Pfeiler entspricht, die das Skelett des gläsernen Dachs bilden. Ich bin einmal mehr frappiert, wie nah sich die Lösungen sind, die das selektive Herumtasten der Evolution und das planvolle der Ingenieure jeweils hervorbringen. Die Sammlung umfasst Hunderte von Beispielen, an denen die natürliche Auslese immer wieder zu solch konvergenten Ergebnissen gelangt ist: massige Gehörne finden sich bei Käfern und Wiederkäuern, es gibt die tonnenschweren Nashörner der Steppe und die Nashörner des Sands, die kaum größer sind als ein menschliches Fingerglied; wahrscheinlich gibt es auch Insekten, die erst unter dem Mikroskop ihr derbes Horn offenbaren; da sind grobe Vogelschnäbel, deren abwärts weisende Spitzen manchmal durch ein auf den Schnabel gesetztes, aufwärts zeigendes Horn gedoppelt werden; Fische mit einem starken Auswuchs an der Stirn wie ein Rammsporn, Reptilien wie die Hornviper, Amphibien wie der Hornfrosch oder der Narwal mit seinem Stoßzahn… Elefanten und Säbelzahntiger bildeten ihre Waffen aus Zahnsubstanz, das Nashorn aus verklebten Borsten (also aus Keratin, der Substanz, aus der auch Haare und Hufe bestehen); das Gehörn von Hirschen hingegen ist durchbluteter Knochen. Die Evolution bedient sich aller verfügbaren Grundstoffe, um ihre Kreaturen zu bewaffnen und immer aufs Neue die Idee des Horns zu variieren.

Wie oft entdecken wir in all diesen Gestaltungen Vorformen menschlicher Werkzeuge, natürlich nicht nur den Faustkeil und die Axt oder den Meißel als Äquivalente des Horns, sondern in den Mundwerkzeugen oder an den Extremitäten bei Vögeln, Säugern, Reptilien die Pinzette, den Löffel, die Zange, den Schaber oder den Nussknacker, Siebe, Reiben und Mörser - es fehlt eigentlich nur der Avocadoslicer. Das Museum hat wahrscheinlich ein größeres Sortiment an Werkzeugen, mit denen man Nahrung packen, behandeln und weiterverwerten kann, als jeder andere Cookshop im an solchen Läden nicht grade armen Vereinigten Königreich.

Tiere haben indes nicht nur Küchenbesteck und Waffen bei sich, sie sind oft auch aufs Erlesenste gekleidet. Doch ich muss mich in meiner Eloge bremsen und will mich hier auf die überdimensionierte weiße Wuschelfederhaube eines Vogels beschränken, die im Verein mit seiner schwarz glänzenden Federschleppe an die seidene Robe und die gepuderte Perücke eines Richters, eines Peers oder sonst eines Notablen erinnert. Ich vermute, der Selektionsvorteil eines solchen Kleids liegt nicht in Wehrhaftigkeit, Erleichterungen bei der Futtersuche oder einer tarnenden Mimikry, sondern im Bereich der Partnerwahl. Jedenfalls steigert der schwarze Talar eines Oxford-Absolventen die Chancen, einen attraktiven Geschlechtspartner zu Fortpflanzungszwecken zu ergattern, was evolutionär betrachtet ja auch nicht geringzuschätzen ist.

Ergriffen bewundere ich das Schnabeltier, dieses eierlegende und vorwiegend im Wasser lebende Säugetier, das Taxonomen seit je in Verzweiflung gestürzt hat, weil sie nicht wussten, ob sie es wegen der Eier als Vogel, wegen der Laktation als Säugetier oder wegen seines Lebensraums Wasser gleich als Fisch einstufen sollten. 

Es ist vermutlich noch kein Adelsgeschlecht auf die Idee verfallen, dieses Wesen als sein Wappentier zu erwählen. Es wirkt grotesk und lächerlich, und auf jeden Fall alles andere als majestätisch. Weder die Kraft des Löwen noch die stolze Überlegenheit des Adlers eignet ihm, es taugt nicht zur Darstellung von Edelmut und Stärke, wie sie dem Pferd und dem Stier und sogar dem Keiler oder dem Wolf in heraldischer Absicht untergeschoben wurden. Selbst der Salamander konnte François I als Emblem dienen. Doch scheint es mir undenkbar, dass ein Fürst, der auch nur ein bisschen auf sich hält, das Schnabeltier in sein Wappen aufnähme. 

Wäre Darwin indes zum Ritter geschlagen worden, und hätte er nach einem Wappentier für sein Schild suchen müssen, würden weder die Darwinfinken noch die Rankenfußkrebse, denen er so viele Jahre der Forschung gewidmet hat, seine Lehre so gut zusammenfassen wie dieser schrullige Bastard Ornithorhynchus anatinus, der nicht Fisch noch Fleisch noch irgendwas anderes ist, sondern ein bisschen von allem, ein Mischwesen, wie es sonst eigentlich nur in der Fabel vorkommt oder in folkloristischen Späßchen wie beim bayrischen Wolpertinger. Doch grade diese Unsortierbarkeit prädestiniert es zu Darwins Totem. Das Schnabeltier bezeugt die schrankenlose Versatilität der Natur und ihre beständige Bereitschaft zur Bricolage: jedes Mittel ist ihr recht zum Erfolg, sie bedient sich aller Werkzeuge, die ihr auch nur von fern zur Hand sind. Das Schnabeltier ist ein Übergang, ein seltsamer Traum von Tier und eins der wunderbarsten Beispiele für die Verspieltheit der schaffenden Natur.

Der Ostflügel des Baus beherbergt das Pitt Rivers Museum, dessen Namensgeber ein englischer General war, der nach einer langen Laufbahn in Diensten des Empire die Ländereien seines Onkels erbte und sich hinfort ganz seiner völkerkundlichen Leidenschaft verschrieb. Als er den Dienst quittierte, hatte er bereits um die zehntausend Sammlerstücke angehäuft; zum Inspector for ancient monuments ernannt, sammelte er weiter, bis er schließlich seine auf 18 000 Stücke angewachsene Kollektion der Universität vermachte. Heute verfügt das Museum über eine halbe Million von Exponaten.

Rivers war Soldat, und das merkt man der Sammlung auch an. Er diente zu der Zeit, als Darwin an der Entstehung der Arten schrieb, im Krimkrieg und nahm an der Belagerung Sewastopols teil, bei der die mit den Osmanen alliierten Franzosen und Engländer reihenweise an der Cholera und der Ruhr krepierten, während sie die Stadt beschossen, die von dem deutschbaltisch-russischen General mit dem schönen Namen Totleben verteidigt wurde. Hätte Darwin es seinerzeit auf einen schmissigen und verkaufsförderlichen Namen seines Textes abgesehen gehabt, wäre Totleben nicht die schlecheste gewesen - wie hieß es doch 1782 im Tiefurter Journal aus dem Goethe-Umkreis: „Das Leben ist [der Natur] schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.“ Der Satz wäre ein schönes Motto für Darwins Werk.

Der Krimkrieg war der erste Krieg der Moderne, in dem die althergebrachte Feldherrenkunst und Soldatentapferkeit eine geringere Rolle spielte als die industriellen Ressourcen der Parteien. Er bot der ersten Materialschlacht der Geschichte die Bühne, und war Vorbote der großen Schlächtereien des zwanzigsten Jahrhunderts. Entschieden wurde er nicht durch strategische Raffinesse, sondern durch die schiere Menge der verballerten Granaten und der Seuchen in den Schützengräben. In der Generalität hielt man noch an den traditionellen Formen des ritterlichen Kampfes fest (was sich bis 1939 fortsetzte, als Polen mit einer selbstmörderisch-heroischen Kavallerie gegen die deutschen Panzer anritt), derweil über den militärischen Erfolg längst nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern in den Hochöfen und den Munitionsfabriken entschieden wurde. Der Krimkrieg war - um im evolutionstheoretischen Diskurs zu bleiben - ein Archäopteryx der Kriegsgeschichte, eine Zwischenstufe auf dem Weg vom Rittertum zum Stahlbaron: ein Quastenflosser, der dem Zeitalter des industrialisierten Tötens entgegenrobbte.

Rivers jedenfalls erkannte im Krieg eine der Universalien des Menschen. Alle Stämme und alle Staaten greifen an und wehren ab; sie vergrößern ihr Territorium oder verteidigen sich gegen Eindringlinge; darum ersinnen sie Waffen, und besonders sie hat Rivers anfangs wohl gesammelt, um ihre Vielfalt und beständige Weiterentwicklung und Diversifizierung zu dokumentieren. Die zweite Etage ist darum vor allem anderen eine beeindruckende Waffenschau. Von paläolithischen Faustkeilen und Keulen über Speere, Wurfstöcke, Steinschleudern, Bögen, Blasrohre und Boomerangs zu damaszierten Dolchen und Krummschwertern, Musketen und Revolvern und Repetiergewehren findet sich hier sehr vieles, was Menschen erfunden haben, um andere Lebewesen zu Tode zu bringen, wenn auch noch längst nicht alles, zumal die letzten 150 Jahre sehr produktiv waren, was die Waffenfertigung angeht, von der Mitrailleuse und ihren Nachfahren bis zu chemischen Kampfstoffen, biologischen Waffen wie Milzbranderreger oder Rizin sowie Atomwaffen, Cyberattacken und Desinformationskampagnen, von Fish’n’Chips, Nigel Farage, Donald Trump, Youtube-Channels mit Schminktips und Dieter Bohlen einmal ganz abgesehen. Doch solch unmenschliche Phänomene werden im Pitt Rivers nicht präsentiert, wahrscheinlich, weil man hier Rücksicht auf empfindliche Kindergemüter nimmt, und weil Rizin oder Anthrax in einer Vitrine auch nur einen geringen Schauwert besitzen, genauso wie eine Atombombe, die obendrein noch so groß wäre, dass sie in den gestopft vollen Wandelgängen unangemessen viel Platz beanspruchen würde. Denn voll ist es. Die Exponate, immerhin eine halbe Million Dinge, machen zusammen die gigantischste Rumpelkammer aus, die ich je betreten habe, selbst Arundel Castle versinkt dagegen in Bedeutungslosigkeit. Bald schwirrt mir der Schädel von all der Fülle. Im Erdgeschoss kann man sich in die Techniken der Seilerei, der Flechterei, des Spinnens und Webens vertiefen, man kann das Feuermachen in vielen Varianten kennenlernen, Töpfertraditionen oder allerlei religiöse Bräuche, Masken und Rauschmittel, Musikinstrumente, eine Etage darüber dann Münzen und Maße, Schlösser und Schlüssel, Arten, ein Baby zu transportieren, seinen Körper zu schmücken oder medizinisch zu behandeln (zwei sehr delikate Stationen, denen wir, zimperlich, wie wir sind, nur wenig Aufmerksameit schenken). 

Die Exponate stammen von allen Erdteilen, aus unzähligen Kulturen, und sie demonstrieren eine unüberschaubare Vielfalt - doch zugleich zeigen sie, dass all diese Diversität im Grunde immer den selben Herausforderungen entspringt, denen die Menschen ausgesetzt sind, und denen sie nach Maßgabe der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten meist mit großer Intelligenz und Kunstfertigkeit begegnet sind. So wird die Einheit des Menschengeschlechtes zwar an unzähligen Schubladen und Vitrinen beschworen - und dennoch liegt ein gewisser imperialer Dünkel über all dem. Manchmal ist schwer zu entscheiden, ob die Kuratoren die pragmatische Findigkeit der Naga, der Dinka oder der Bantu würdigen, oder ob sie nicht doch nur die Narrheit, den Aberglauben und die Primitivität dieser Völker ausstellen wollen. Manchmal habe ich durchaus den Eindruck, dass die Ausstellung sich einerseits an all dem buntem Folklorismus delektiert, den sie andererseits aber doch als irrational und barbarisch abtut.

Wie schrieb doch Kipling so schön von der „Bürde des Weißen Mannes“, der berufen sei, den rückständigen Völkern das Licht der Zivilisation zu bringen, und den Eingeborenen des Empire, die „halb Teufel und halb Kind“ seien, zu dienen, indem er sie aus ihrer „geliebten ägyptischen Finsternis“ herauszerre.

Natürlich wird eine solche Ideologie vom britischen Wesen, an dem die Welt wird genesen, heute nicht mehr offensiv vertreten. Schon manche der aufgeweckteren Exemplare unter Kiplings Zeitgenossen wie Mark Twain oder Henry James haben über diese Anmaßung den Kopf geschüttelt oder sie mit Spott übergossen, und ein Museum, das es wagen würde, auch nur in einer einzigen Erklärungstafel der Superiorität und dem Erziehungsauftrag der weißen Rasse das Wort zu reden, wäre bald in Schutt und Asche gelegt. Die heutigen Kuratoren sind gewiss zu sensibel, als dass sie dem milden und philanthropisch gemeintem (dabei aber doch nur den Imperialismus legitimierenden) Rassismus Kiplings Raum gäben; aber die Art und Weise, wie die Sammlung angelegt ist und wie sie die geschichtliche Entwicklung vom Einfachem zum Komplexen und vom Primitiven zum Anspruchsvollen darstellt, insinuiert ganz zwangsläufig ein Höher und ein Niedriger, ein Unter- und ein Überlegenes, und der Geist dieser Denkweise spukt kaum exorzierbar in den Wandelgängen herum und wispert unverdrossen: „Oh nein, ihr Völker… Ihr seid, wenn ich Ranke zitieren darf, nicht unmittelbar zu Gott und nicht unmittelbar zur Wahrheit. Ihr schlagt euch gut in euren kleinen Nischen, vielmehr: ihr habt euch gut geschlagen. Doch wir haben euch überflügelt; wir haben euch unterworfen; wir haben euch erobert. Ihr seid dem Empire zur Beute geworden; eure Welt füllt unsere Archive und unsere Museen, während eure Leute unsere Knechte und Untertanen geworden sind, und das bezeugt unsere Überlegenheit und eure Schwäche…“

Die meisten Colleges sind heute nicht zu besichtigen. In dieser Woche stehen sie allein den künftigen Erstsemestern offen, die sich von Tutoren die Anlagen zeigen lassen, während die Eltern, die ihre Sprößlinge nach Oxford begleitet haben, sich vor den Toren die Zeit vertreiben müssen. 

Wir kehren zu Mittag im Lamb and Flag ein, wo ein chinesischer Absolvent in Anzug und weißer Fliege im Kreise seiner Lieben seinen Abschluss feiert. Seine Familie fremdelt ein wenig mit den klebrigen Tischen, dem zotteligen Kellner, dessen Haarspitzen zärtlich über die gefüllten Teller streichen, der Notwendigkeit, sich die Getränke selber an der Theke abzuholen, und schließlich auch mit dem besorgniserregenden Zahnstatus des Mannes am Zapfhahn.

Ich fremdele spätestens, als uns Lasagne und Kidney Pie gebracht wird und sich beides als Tütensoßenbombe entpuppt, die irgendein irrer Wissenschaftler in einem schmuddligen Laborkabuff ausgeheckt haben muss. In der Lasagne ist die sonst übliche Béchamelschicht durch irgendein Polyurethan-Derivat und dick darübergeriebenem kalten Analogkäse ersetzt worden, und die massige Teighaube des Pies ist der kluntschigste Deckel, der je über in gravy ertränkte Fleischstücke gebreitet wurde. Dass wir das Zeug trotzdem essen, ist nur unserem Hunger und unserer Sparsamkeit geschuldet; meine Gedärme protestieren aber noch Stunden danach gegen Emulgatoren, Stabilisatoren, Verdickungsmittel und Geschmacksverstärker. Meine Flatulenzen puffen so regelmäßig hervor wie die Dampfwölkchen eines tuckernden Verbrennungsmotors, als sei das Benehmen meines Verdauungsapparats von der Fabrik angesteckt worden, in der die Stoffe hergestellt wurden, die mich gerade durchwandern.

Abends kehren wir noch einmal in einem Pub ein, diesmal aber nicht in einen so geschichtsträchtigen wie dem Lamb and Flag, wo Thomas Hardy große Teile von Jude the Obscure geschrieben haben soll, sondern in eine Studentenabfüllanlage auf zwei Etagen, in der ein ungeheurer Lärmpegel herrscht und das Bier nur halb so viel kostet wie anderswo, was den Lärmpegel zumindest aufrechterhält, wenn nicht noch mehr ansteigen lässt.

Wir teilen uns ein Sechs-Unzen-Steak mit gegrilltem Gemüse, was nicht gerade originell ist. Aber mittlerweile begrüße ich jedes Essen, bei dessen Zubereitung die Alchimie der convenience-Industrie keine Rolle spielt. Ich scheue vor Soßen, Teigen, undurchschaubaren Mischungen zurück und ziehe es vor, wenn einfach Fleisch und Pilze auf einem heißen Blech gebraten werden, ohne dass irgendein Laborant irgendwelche Stickstoffverbindungen in die Rührmaschine gekippt hat.

Wie wohl die Nacht des jungen Mannes aussehen mag, der - ohne Übertreibung - eine gute halbe Flasche Mayo über seine Fritten quetscht und sie dann zusammen mit vierhundert Gramm Fleisch verputzt? Auf jeden Fall wird es eine einsame Nacht sein. Am Nebentisch quasseln vier aufgedonnerte junge Frauen, mit denen er zu flirten versucht, aber sie lassen ihn allesamt eiskalt abblitzen. Vielleicht macht sein gargantuesker Appetit ihnen Angst, und gewiss fürchtet eine jede, dass er (für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass er eine abschleppen sollte) sie in ein paar Bissen verschlungen haben wird und dann nichts mehr von ihr bleibt als ein mayonnaiseweißer Schmierer an seinem Mundwinkel.


28. Juni. Oxford, Woodstock.


Eine frühere Besichtigung der Bodleian Library als die um zwei haben wir nicht bekommen. Reichlich Zeit also, um vormittags in der Stadt herumzubummeln und ihre Outcasts zu bewundern, von denen es hier jede Menge gibt, abgestürzte Didgeridoostümper, die in irgendeinem Hauseingang vor sich hintröten, mit der Menschheit hadernde Propheten, die unentwegt unheilkündend daherbrabbeln, oder auch einfach Penner, denen das Geld für Haftcreme fehlt und die gedankenverloren ihr Gebiss zwischen den Lippen hervorschieben. Am anderen Ende der sozialen Skala stolziert ein junger Schnösel dahin, grade mal zwanzig und in einen schreiend exzentrischen Anzug samt Beau-Brummel-Halstuch gekleidet wie ein veritabler Peer - eine Art Wiedergänger des Sebastian aus Evelyn Waughs Brideshead Revisited. Auch seine Meerschaumpfeife ist mir in Erinnerung geblieben, und der Duft nach Tabak, Wildkirsche und Pflaume, der ihm wie eine Schleppe nachwogte, als müsse er sein Revier markieren.

Vor der Bodleian nimmt ein grauhaariger Zopfträger die Gruppe in Empfang, eine Art Pirat in Kniebundhosen und mit einem Spreizring im Ohrläppchen. Er verteilt die Ohrhörer für den Audioguide und erläutert dessen Bedienung in einem so nachlässig hingenuschelten Akzent, dass selbst unter Muttersprachlern ein besorgtes „What did he say?“-Getuschel ausbricht. Die Führung selbst übernimmt dann allerdings ein anderer, dessen rechtes Auge blind ist, was er aber nicht mit einer Augenklappe verdeckt, wohl, um seinem Piratenkollegen keine Konkurrenz zu machen. Sein lädierter Augapfel ist eine graue Kugel, aus dem heilen Auge strahlt aber eine solche Aufgewecktheit, dass man nicht an eine Behinderung denkt, sondern eher die Möglichkeit in Erwägung zieht, dass die graue Kugel in Wahrheit gar kein Auge ist, sondern zusätzliche Hirnsubstanz, die unter der Schädelkuppel keinen Platz mehr gefunden hat und darum in eine andere Körpernische ausweichen musste. 

Die Divinity School, in der die Führung beginnt, ist eine langgestreckte Halle, in der - daher der Name - ursprünglich die Quaestionen und Lektionen der Gottesgelehrten abgehalten wurden. Reiche Fächergewölbe überspannen den Raum, und die große Zahl der Schlusssteine schafft eine Menge Gelegenheiten, Initialen und Wappen darin unterzubringen, auf dass auch jeder Wohltäter der Universität sich dort ein Denkmal setzen konnte.

Wer die Harry Potter-Verfilmungen gesehen hat, kennt den Saal bereits als Hogwarts-Krankenstube. Wenn die jungen Zauberlehrlinge sich beim Kampf mit den Mächten der Finsternis die Köpfe angestoßen haben, wurden sie dort gesundgepflegt. Ich bin mir durchaus im Unklaren, ob das eine Fortsetzung der alten Nutzung als theologischer Vorlesungsraum ist, oder das schiere Gegenteil. Sind etwa die jungen Thomisten zu Oxford wirklich an Leib und Seele gesundet, wenn sie sich in die Sündenlehre des Aquinaten vertieft haben, oder sind sie verblendet und irregeführt papistischer Ketzerei auf den Leim gegangen? 

Gegen William von Occam, der hier studierte und lehrte, die Stadt dann aber verlassen musste, strengte Oxfords Kanzler einen Häresieprozess an, der Occam schließlich vor die Schranken der Inquisition des machtgierigen und luxusliebenden Fuchses von Cahors, Johannes XXII, in Avignon brachte. Die Theologen Oxfords standen damals eher auf der Seite eines Papstes, der, wie Lord Voldemort von der Weltherrschaft, von der schrankenlosen Suprematie der Kurie träumte. Occam und der Dominikaner Meister Eckhart, der ebenfalls als Häresieverdächtiger in Avignon Rechenschaft ablegen musste, wollten hingegen die Macht der Kirche beschränken und ein gottgefälliges Leben auch außerhalb der Gnadenverwaltung und des Sakramentalzwangs eines reichen Klerus ermöglichen. Occam floh schließlich mit dem franziskanischen Ordensoberen Michael von Cesena aus Avignon in den Herrschaftsbereich des Kaisers Ludwig des Bayern und diente diesem fortan unter der Devise: „Verteidige du mich mit dem Schwert, so will ich dich mit der Feder verteidigen“. 

Die Weltgeschichte ist aus bitteren Ironien gebraut. Dass Occam den Rest seines Lebens in München verbracht und gegen die Anmaßung eines Papstes angeschrieben hat, dem die Interessen der Kirche mehr bedeuteten als das Wohlergehen des Volks, ist eine davon. Für Occam gab es das Volk nur als abstraktive Zusammenfassung von Individuen: wirklich war ihm zufolge nur das Einzelding; alles andere existierte nur als Konzept und Begriffskonstruktion, als Denkbequemlichkeit. Weder Staat noch Kirche sind Selbstzweck; sie sind nur Hypostasen und imaginäre Erzeugnisse. Sie existieren nur, weil an sie geglaubt wird. Dennoch haben sie einen Zweck, der jedoch nicht in ihnen selbst liegt. Der Zweck dieser Institutionen liegt nur im Wohl der Menschen, die sie konstituieren. 

So hat Occam gegen den Papst und seine vermeintlich von Gott kommenden Herrschaftsansprüche argumentiert. Zwei, drei Jahrhunderte später hätte er mit den selben Argumenten gegen die absolutistischen Könige anschreiben können, und 600 Jahre danach gegen den Mann, der, nur ein paar hundert Meter von Occams verscharrten Knochen entfernt, in München Saalschlachten organisierte und über Volk und Führertum räsonnierte, ein bloßes Sortierkriterium wie das der Rasse als reale und bedeutungsvolle Gegebenheit ansah, und von einem reinrassigen Volk träumte, in dem endlich das Einzelne nicht mehr vom Allgemeinen zu unterscheiden und alles eins sein würde. Expecto patronum!

Auch Duke Humfrey’s Library ein Stockwerk über der Divinity School hat bereits als Kulisse für Harry Potter hergehalten. Es ist ein Schatzkästlein, glimmend von goldenen Intarsien. Die Balken, die Deckenpaneele, die Einbände der Folianten: alles schimmert in mattem Gold, in Grün und Rot. Sogar gearbeitet wird hier noch, wenn auch nur wenige Leser  mit weißen Baumwollhandschuhen an den kostbaren Inkunabeln und Pergamenten sitzen. 

Und mir ist unbehaglich. Auch wenn unser Führer leise spricht (wir haben ja alle einen Knopf im Ohr), kommt es mir pietätlos vor, dass wir die Stille dieser Räume stören, dessen einzige Geräusche vom Umblättern der Seiten, dem Kratzen der Feder und dem Ächzen des Holzes und des Bibliothekars herrühren sollten, der in den Galerien die Stufen der Regaltreppen hinaufsteigt, um einen Band vom Bord zu holen. Zudem mache ich eine grausige Entdeckung. Einige der Bücher sind angekettet. Wahrscheinlich schmachten sie schon seit Jahrhunderten im Bauch dieser Wissensgaleere und werden nie wieder in Freiheit gesetzt…

Als wir uns später in der Buchhandlung Waterstones umtun, komme ich auf dem Weg zur Kundentoilette an einem Büchertisch mit David Hume’s Essay On suicide vorbei und nehme das Bändchen mit, eigentlich nur, um während der bevorstehenden Sitzung etwas Lektüre zu haben. Doch dann packt mich die Klarheit und Aufgeräumtheit von Hume’s Prosa; und verführerisch spüre ich, während sich meine Därme entleeren, das Ansteigen einer gelinden Kleptophilie, deren moralische Anrüchigkeit ich damit zu bemänteln versuche, dass ich ja nur ein Buch aus seiner Gefangenschaft in den Kerkern der Vermarktung befreie, also letztlich eine gute Tat vollbringe. Nicht sehr überzeugend, ich weiß; offengestanden war’s eher der Kitzel des Lasters, der mich reizte.

Wie schade, dass so viele Colleges für die Öffentlichkeit geschlossen sind. Wir müssen uns mit einigen Kirchen begnügen, Fassaden, Innenhöfen, den bunten Tretbooten am Cherwell, die im Niesel glänzen - und der Christ Church Picture Gallery, einer kleinen Sammlung, in der ich nie erwartet hätte, den Fleischerladen von Annibale Carracci vorzufinden, der eine wunderbar grobe Genremalerei von grauroten Rinderhälften und ausgeweideten Hammeln ist, einem Schlachter, der ein Stück Fleisch abwiegt, und einem Landsknecht in geschlitzten und gepufften Kniebundhosen, dessen Schoß von einer mächtigen Schamkapsel gekrönt wird. Der Landsknecht schaut misstrauisch auf die Waage, an der das Fleischstück hängt, und kramt in seinem Beutel nach Münzen, steif und verdreht, weil er achtgeben muss, dass die an seiner Schulter lehnende Hellebarde nicht abrutscht. Es heißt, dass Carracci hier eine realistische Szene gemalt habe, aber ich glaube nicht recht daran. Die Positur des Landsknechts erinnert zu sehr an eine Schlange, die sich um einen Ast ringelt; der fleckenlos weißbeschürzte Fleischer mit seiner Schnellwaage lässt an den Erzengel Michael denken, wie er in van der Weydens Jüngstem Gericht die Seelen prüft; und auch der Mann, der zu Füßen des Fleischers im Begriff ist, ein Lamm zu schlachten, scheint dem ikonographischen Muster des opferbringenden Abraham oder Noah zu folgen, das seinerseits auf das Opfer Christi als des Lamms Gottes verweist. Statt einer einfältig realistischen Pinselei könnte Carraccis Gemälde darum auch eine frühbarocke Allegorie von Weltverfallenheit und Verdammnis sein: der Landsknecht wäre dann ein Wiedergänger oder doch Gefolgsmann der Paradiesschlange, eine groteske Verkörperung der Sünden des Tötens, der Knauserei, Geilheit, Eitelkeit. Ein Mann, der zusehen muss, wie er vom Erzengel gewogen und für zu leicht befunden wird. Ein Mann, der so enden wird wie das Fleisch, das an den Haken kommt, und von dem nicht mehr bleiben wird als Fleisch fürs Fegefeuer, form- und seelenloses Gekröse: Stoff für die Abdeckerei.

Ach ja, à propos Abdeckerei. Fast hätte ich vergessen, dass wir zu Mittag in einer Filiale von Jamie Oliver gegessen haben, den ich als Vertreter einer ziemlich grobianischen und effekthascherischen Küche eigentlich verabscheue, seit wir einmal eins seiner Kochbücher geschenkt bekommen haben und naiv genug waren, ein Rezept daraus nachzukochen und dabei drei angestochene Zitronen ins Kochwasser der Kartoffeln taten. Die Folge war, dass die Kartoffeln der aussickernden Säure wegen auch nach einer Stunde nicht gar wurden, sondern glasig und hart blieben, und das war ein derart gravierender kochtechnischer Lapsus, dass der Urheber des Rezepts für mich auf ewig als Scharlatan diskreditiert war. 

Die Pizza allerdings ist in Ordnung - ein zu leichter Bitternis und ohne Anzuckerung eingekochter Tomatensugo, Teig, der lang genug gegangen und mit Brandspuren versehen ist, passabel milde Sardellen, Kalamata-Oliven und Non-Pareille-Kapern. In Italien würde kein Hahn im Triumph über diesen Teller krähen, aber in England ist das eine rühmende Fanfare wert.

Wir verlassen Oxford in der Rush Hour. Auch wenn man manches an den Engländern bekritteln kann - durchaus bewundernswert ist ihre Gabe, Staus in der Stoßzeit zu erzeugen; einen Vorgeschmack davon haben wir in Bath bekommen. Selbst kleine Städte stemmen diese Aufgabe mit Bravour. Städte wie Oxford, die größere Ressourcen aufbieten können, leisten sogar Hervorragendes. Abgenommen hat aber wohl die sprichwörtliche Langmut der Briten, ihre Bereitschaft, Torturen ohne Klage und in stoischer Gefasstheit zu ertragen. 

Ich erinnere mich an eine Fernsehfopperei aus den 60er-Jahren, eine Folge Versteckte Kamera oder etwas in der Art. Der Spaß- und Lockvogel bat darin einen englischen Gentleman, nur für einen Moment eine Leine zu halten; dann ging er um die Hausecke und bat, ihm das andere Ende der Schnur darreichend, einen anderen Passanten um den selben Gefallen. Die bereitgestellten Kameras vermerkten erst nach einer Viertelstunde erste Anzeichen von Ungeduld bei den beiden Herren. Doch dauerte es noch eine weitere Viertelstunde, bis die innere Unruhe sich in Vorformen rebellischen Verhaltens äußerte. Der eine Herr zupfte an seinem Leinenende, der andere reagierte seinerseits zupfend, woraufhin wieder Ruhe einkehrte. Selbst im Zeitraffer wurde die Angelegenheit für den Zuschauer zur Geduldsprobe, denn die Gentlemen bewiesen ein enormes Stehvermögen.

Dieses goldene Zeitalter des englischen Talents zum klaglosen Ausharren ist vorüber. Kleine Trödeleien im langsamen Voranrücken der Autokolonnen werden sofort mit Hupen bestraft, auch dreistes Einscheren in eine zwischenzeitlich entstandene Lücke sowie rücksichtsloses Erzwingen der Vorfahrt gegen alle Regeln kommt nicht wesentlich seltener vor als in Regionen des Kontinents, die gemeinhin als heißspornig oder schlicht gesetzlos gelten. Es ist freilich nicht ausgeschlossen, dass es sich bei diesen Verkehrsrowdys nicht um autochthone Briten handelte, sondern eben um Südländer oder jene polnischen Klempner, die in der Brexit-Propaganda eine so herausgehobene Rolle gespielt haben; es könnte sogar sein, dass die Wut der Brexiteers gar nicht der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt oder den Brüsseler Bürokraten galt, sondern nur der Sehnsucht nach einer Welt, in der man in der Rush Hour nicht hupte, sondern allenfalls missbilligend die Augenbraue hob, und es keinen Grund gab, die Vorfahrt zu erzwingen, weil sie einem zuvorkommenderweise von selbst gewährt wurde.

Für die zehn Meilen von Oxford nach Woodstock brauchen wir anderthalb Stunden. Dort angekommen, können wir schon vor der Ortseinfahrt einen Blick auf die Wiesen erhaschen, die sich um Blenheim Palace breiten.

Woodstock ist ein schmuckes Dorf voller Inns und Restaurants, Antiquitätenläden, Boutiquen und Bed’n’Breakfast-Schilder. Blenheim Palace zieht in der Hauptsaison und an den Wochenenden sicher eine Menge Touristen an, aber die mit Appetit auf Fish’n’Chips aus dem Karton, Kebab auf die Faust und Dosenbier dürften dabei nicht die größte Klientel ausmachen. Zu Blenheim Palace pilgern Familien und ältere Herrschaften, die lange Wanderungen durch den Park schätzen, Barock von Klassizismus unterscheiden können und  am Ende der Besichtigung Sammeltassen mit dem Konterfei des hier geborenen Winston Churchills kaufen.


29. Juni. Blenheim Palace


Als wir morgens das erste Mal aus dem Busfenster auf den Parkplatz schauen, holen besagte ältere Herrschaften die Wanderschuhe aus dem Kofferraum und schlüpfen in ihre Outdoorjacken.

In der Tat empfiehlt sich Ausrüstung für Langstrecken. Der Park ist weitläufig und misst tausend Hektar: da kommen einige Kilometer Wegs zusammen.

Blenheim Palace ist das Dankeschön Queen Annes an ihren Feldherrn John Churchill, der im Spanischen Erbfolgekrieg die britischen Truppen an der Seite Österreichs, Deutschlands und der Niederlande führte, um zu verhindern, dass in Spanien dem kinderlos gebliebenen habsburgischen König ein Enkel des Sonnenkönigs auf dem Thron folgte.

Churchill siegte in der battle of Blenheim - eine Verballhornung des deutschen Fleckens Blindheim zwischen Augsburg und Nördlingen, Schauplatz der entscheidenden Schlacht, die einen Durchmarsch der französisch-bayrischen Truppen auf Wien verhinderte. Nicht, dass diese Schlacht auf lange Sicht tatsächlich irgendwas zugunsten der Haager Allianz bewirkt hätte - am Ende des Krieges saß der bourbonische Favorit Ludwigs in Aranjuez - , aber sie gab immerhin Churchill Gelegenheit, sich mit Ruhm zu bedecken. Queen Anne erhob ihn zum 1. Duke of Marlborough und finanzierte ihm den Bau des größten Adelsanwesens auf englischem Boden nach den königlichen Palästen selbst.

Damit auch niemand vergäße, dass der Duke seinen prachtvollen Sitz seinen militärischen Erfolgen verdankte, hat er den Zugang zum Schlosspark nicht einfach mit einem Tor, sondern gleich mit einem Triumphbogen versehen. Der schindet mächtig Eindruck: wer hier hindurchschreitet, muss sich in den Schatten des Gewölbes trauen; er schreitet durch eine Schleuse, welche die Profanen von den Gesegneten scheidet.

Der Hintereingang, den wir nehmen, ist weniger pompös; aber die fehlende Monumentalität wird durch den langen Weg zum Schloss mehr als wettgemacht. Wer hier das Gelände betritt, versteht, dass der Weg zum Ruhm weit und beschwerlich ist. Das Schloss schimmert wie der ferne Berg Tabor am Horizont. Zu unserer Rechten dehnt sich ein großer Teich, dessen Spiegel mit Schwänen beflockt ist wie mit Blütenblättern. Eine palladianische Brücke überspannt als Spange die Ufer des River Glyme. Schon kommt die Siegessäule in den Blick, die einmal mehr das Schlachtenglück Marlboroughs feiert. Sie ist ungefähr 300 Meter hoch, und dabei gewiss immer noch kleiner als der imaginäre Phallus des Feldherrn, der mit einem Schwenk seines Schweifs sicher Hunderte und Aberhunderte von Soldaten vom Schlachtfeld fegen konnte.

Ich denke an die Schamkapsel des Landsknechts auf Carraccis Gemälde vom Fleischerladen zurück. Gegen die Siegessäule Marlboroughs gehalten war sie nur ein lachhafter Stumpf. Wenn Marlborough eine Schamkapsel trug (was wahrscheinlich ist, denn sie waren bon ton im Barock), dann war sie wohl kaum bloß eine aufgepolsterte Hülle, sondern eine stählerne Kanone, massiv und unbezwingbar: schiere Macht.

Capability Brown, der so viele Gärten gestaltete, hat ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Dukes die Blickachsen und Prospekte des Parks neu organisiert und dem Gelände sicherlich mehr Lässigkeit und natürlichen Anschein verliehen. Aber auch ihm als einem Genie nischenhafter Intimität gelang es nicht, diese Riesenfläche, die von Anfang an als Darstellung eines Aufmarsch- und Exerzierplatzes konzipiert war, in ein lauschiges Arkadien zu verwandeln. Die barocke Begierde nach visueller Geometrie und freiem Schussfeld zu tilgen, hätte es wohl größerer Mittel bedurft als er sie aufwenden durfte. So bleibt von Capability’s Wirken hier nur etwas Tentatives: eine Zwischenstufe von barocker Formstrenge und romantischer Lockerung.

Auch der Palast changiert. Klassizistische Elemente gibt es zuhauf, doch sie werden leger behandelt: mit der Symmetrie en gros wird en détail sehr lässig umgegangen, was die Frontfassade recht lebendig macht. Ich halte sie für ein wahres Meisterstück, weil sie auf den ersten Blick vollkommen ausbalanciert wirkt, auf den zweiten aber voller Abweichungen steckt. Der Architekt verstand es, einen Schein von Regelmäßigkeit zu erzeugen, und doch überall aus ihr auszubrechen. Oder er verstand, einen Schein von Regelmäßigkeit zu erzeugen, indem er ihr überall widersagte.

Winston Churchill wuchs hier auf, und es will mir scheinen, dass es eine ideale Umgebung für diesen widerspenstigen und ungewöhnlichen Jungen gewesen sein könnte.

Vor der Führung durch den Palast wandern wir durch die Ausstellung zu Churchills Leben. Der Knabe wurde auf die Eliteschulen des Empire geschickt und drehte dort mehrere Ehrenrunden. Er war aufsässig und rebellierte gegen das autoritäre Erziehungsregime, und anhand der Fotografien aus seiner Jugendzeit lässt sich leicht mutmaßen, dass sein Adelsstolz die Lehrer zur Weißglut getrieben haben muss. Auf einem Bild von ihm als Siebenjährigem posiert er bereits als König der Welt: ein überhebliches kleines Arschloch mit Matrosenkragen, die Hand lässig in die Hüfte gestemmt, in der Haltung eines siebzehnjährigen Mackers, der an einem Tresen steht und provozierend in die Runde schaut, ob sich da nicht irgendwer findet, mit dem er eine Schlägerei anzetteln könnte. 

Nach der Schule fiel er zweimal bei der Aufnahmeprüfung zum Militär durch. Erst im dritten Anlauf kam er nach Sandhurst und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben am rechten Ort. Kaum zwang ihm kein Lehrer mehr Bildung auf, eignete er sie sich aus freien Stücken begierig an. Er las, begann zu schreiben und sich einen geschliffenen Stil zu erarbeiten. Als Soldat und Kriegsberichterstatter nahm er an fünf Kriegen in aller Welt teil, in Kuba, im Sudan, in Indien und Afghanistan, bei den Buren. Letztere nahmen ihn bei einem Eisenbahnüberfall gefangen, doch gelang ihm die Flucht; von Pretoria aus schlug er sich nach Mozambique durch. Im Sudan, beim Kriegszug gegen den Mahdi von Khartum, ritt er bei einer der letzten Kavallerieattacken des britischen Empire mit. Die wenigen Absätze seiner Schilderung der Attacke, die ich aus Ulrich Raulffs schönem Buch über Das letzte Jahrhundert der Pferde kenne, sind fulminant und erweisen ihn als einen auch im Schrecken noch hellsichtigen Geist von präziser Beobachtungsgabe.

Mit 26 Jahren kandidierte er für das Unterhaus; drei Jahre später trat er von den Konservativen zu den Liberalen über und erregte damit karriereförderliches Aufsehen. Er war Freund des Freihandels, linker Sozialreformer, Abenteurer, Marineminister. Er war begabter Maler, Liebhaber und Ehemann; Erfinder (oder doch zumindest Popularisator) des Overalls, späterer Literaturnobelpreisträger. Schuldiger am Siehe-Oben-Desaster von Gallipoli 1915, geächtet und geschasst, dann wieder in Gnaden aufgenommen, und fortan eine treibende Kraft bei der Modernisierung der Militärtechnik. (Ich merke, wie ich in den Duktus des apostolischen Credo gerate; bei aller Hochschätzung des Mannes sollte ich mich doch beherrschen…) Churchill stellte die Feuerung der Kriegsschiffe von Kohle auf Öl um, erkannte den militärischen Nutzen der Luftwaffe über die bloße Luftaufklärung hinaus, förderte schon früh die Entwicklung der Panzer, die den erstarrten Stellungskrieg bei Cambrai, Ypern und Amiens letztlich auflösten und damit den Sieg der Alliierten vorbereiteten. In der Zwischenkriegszeit sah er einiges Gute im italienischen und deutschen Faschismus und begriff dann doch dessen kriegstreiberische und vernichtende Natur. Er warnte laut vor Hitler, als Chamberlain zuversichtlich das Münchner Abkommen in die Kameras hielt und von peace in our time fabulierte. Als Frankreich niedergeworfen, und Polen sowie halb Europa unter deutscher Besatzung war, beharrte Churchill auf dem Widerstand gegen dieses verbrecherische Regime, blieb unbeugsam und hielt Reden („Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“), deren rhetorische Wucht in ihrem Stakkato die antike Redekunst wiederaufleben ließ: „Wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern und auf den Straßen kämpfen, wir werden in den Hügeln kämpfen. Wir werden uns nie ergeben.“

Ich will hier keine Kurzbiographie dieses großen Staatsmanns einfügen, der die Kriegszeit und die Zeit danach so maßgeblich geprägt hat; es wäre einiges zu seiner politischen Weitsicht bezüglich Europas und seiner politischen Kurzsichtigkeit oder moralischen Hemdsärmligkeit bezüglich der Kolonien in Asien und der Protektorate im Nahen Osten zu sagen (er nannte Gandhi etwas despektierlich einen nackten Fakir, und unterstützte, als die dreisten Perser ihr Erdöl für sich selbst haben wollten, den Sturz Mossadeghs durch die CIA), aber ich will das alles hier nicht über Gebühr ausbreiten. Auch die Ausstellung tut es nicht, sondern begnügt sich mit Privatheiten: da sind Aquarelle aus seiner Hand, der berühmt gewordene Cordsamtoverall (Siren Suit genannt, weil er bei Sirenenalarm die am schnellsten anzulegende Bekleidung war) samt ledernen bedroom slippers mit Initialen, Familienfotos. Ich bewundere die Kleider seiner Frau, sehe ihn mit einem Enkel „dududu“ scherzen, verfolge den Trauerzug mit der wankenden Kutsche, die seinen Sarg an Abertausenden trauernder Engländer vorüberführt. Da ist der schneidige junge Leutnant in Gardeuniform und brillantineglänzendem Haar, da sind anrührende Liebesbriefe an seine Braut, und da der massige Rücken des fetten alten Mannes, der in Hut und Mantel auf einer Anhöhe seines Anwesens sitzt und auf einen Teich in der Talmulde schaut. Das Bild kenne ich schon lange, es ist von Philipp Halsman für das Life-Magazin aufgenommen worden, und ich war immer davon überzeugt, dass es einen felsenhaft dasitzenden Koloss Churchill nach dessen Rückzug aus dem politischen Leben zeige, einen Mann, der sich von der Öffentlichkeit ab- und der Natur und ihren Tröstungen zugewandt hat. Aber wie so oft führen Bilder in die Irre: als es 1951 gemacht wurde, war Churchill nach sechs Jahren in der Opposition erst gerade wieder zum Ministerpräsidenten gewählt worden, und das Bild, das so sehr stoischen Verzicht zu atmen schien, zeigt in Wahrheit einen sinnierenden Feldherrn und Zukunftsgestalter, der für die Vereinigten Staaten von Europa warb und seinen Beitrag für die Gründung der UNO geleistet hatte. Bei allem möglichen Gemäkel über seinen Charakter (H.G.Wells befand in den Zehnerjahren, Churchill sei ein „schwer zu behandelnder kleiner Junge, der es verdiene, übers Knie gelegt zu werden“), über seine Eitelkeit und seine Begierde nach flamboyanter Wirkung mag man verdrossen sein, über seinen Umgang mit den Kolonien mag man sich empören; er ist natürlich ein Kind seiner Zeit - und wer will es ihm verübeln, dass er 1953, ein Jahr nach dem Erscheinen von Frantz Fanons Schwarze Haut, Weiße Masken, sich nach seinem Schlaganfall nicht mit dieser Schrift zur Entkolonialisierung auseinandersetzte, sondern all seine Kraft der Abfassung seiner Kriegserinnerungen widmete?

Es ist nicht ganz leicht, eine solche Ausstellung mit einiger Aufmerksamkeit anzusehen, wenn man den Parcours zugleich mit zehn französischen Schulklassen absolvieren muss. Das Interesse von Fünfzehnjährigen für historische Devotionalien ist gering, und steht in einem umgekehrten Verhältnis zu dem Lärm und dem Trubel, den sie erzeugen können. Sie drängen sich in Grüppchen zusammen und schreiben die Fragebögen voneinander ab, die ihnen als Aufgabe mitgegeben wurden. Da Faulheit und Trickserei als Mittel der Aufwandsersparnis meist von Intelligenz zeugen, steigen die Kinder gleich in meiner Achtung. Ja, ich nehme mir sogar ein Beispiel an ihnen und verzichte auf eine Schilderung der Hallen und Salons, die mich mit all ihrem marmornen Pomp und den allegorischen Deckenfresken, in denen der Duke of Marlborough als kriegerischer Friedensheld verherrlicht wird, ohnehin eher anöden. Auch die mit karmesinroten Tapisserien bespannten Wände, an denen die Bildnisse der Familie prangen, die fuchsiafarbenen Polstermöbel, die silbernen Tafelaufsätze, die Kommoden aus Ebenholz und Blattgold, die Wandteppiche mit Schlachtenszenen und die Feldbanner mit ihren goldenen Lanzenspitzen und Bommeln und Troddeln und Quasten, die Fayencen und die Truhen und die Büsten - alles ist prunkvoll und teuer, aber es ist, anders als in den Schlössern, die wir bislang in England besichtigt haben, auch enervierend unoriginell. In Arundel oder Stourhead, um nur diese beiden zu nennen, haben die Insassen ihren Häusern eine eigene Prägung und eine gewisse Individualität - wie wirr auch immer - verliehen, während Blenheim auf mich wirkt, als sei es mithilfe eines amtlichen Katalogs für die Möblierung der allerhöchsten Stände eingerichtet worden, aus dem der Dekorateur dann mithilfe eines einzigen Kriteriums - nämlich Reichtum und Macht zu repräsentieren - die Zutaten ausgewählt hat. 

Der Begriff mag für ein Anwesen, das gut 300 Jahre alt ist, widersinnig erscheinen, aber mir kommt das Ganze parvenuhaft vor, wie eine Neureichenprahlerei voll geschmacklosen Bling-Blings. Wenn Donald Trump kein amerikanischer Betrüger von heute wäre, sondern ein britischer Feldherr von vor 300 Jahren, hätte er seine Residenz genauso eingerichtet wie Blenheim Palace: pomphaft, angeberisch, nichts als eine Gelegenheit, sich genießerisch im Widerschein seines Erfolges zu bespiegeln. 

Die Enfilade von neun Salons und Sälen haben wir hinter uns gebracht, als sich die Laufrichtung um 90 Grad ändert und wir den langgestreckten Raum betreten, den man Bibliothek nennt, weil auch Bücher darin stehen. Allerdings nicht so viele, dass man davon eingeschüchtert würde; jeder Anschein von Bildungshuberei und kanonhaftem Muss-man-gelesen-haben wird durchaus vermieden. Hinter diesen schweinsledernen Buchrücken könnten auch jahrgangsweise Tatlers und Harper’s Bazaar gesammelt sein, Modezeitschriften, Gesellschaftsnachrichten, Lesegetändel, während man auf die Friseuse wartet oder auf den Gecken, der einem Zucker in den Arsch blasen soll. In den Regalen wenig Philosophie, aber viele Sofas davor. Immerhin entdecke ich Rousseau, aber gleich daneben die großen Reaktionäre Edmund Burke und Joseph de Maistre, wie zwei Polizisten, die einen Kriminellen in die Zange nehmen.

Haben die Bewohner hier gelesen? Ich bezweifle das. Zum Lesen gehört für mich ein umhegter Raum, eine Nische, etwas, das mich und das Buch gegen die Außenwelt abschließt. Doch diese Bibliothek ist ein Korridor, eine Passage, deren roter Läufer wie ein Rennbahnbelag an den Bücherschränken und Kaminen vorüberläuft. Vermutlich ist dieser Teppich erst gelegt worden, als das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, aber auch ohne diesen grellroten Streifen wirkt der Raum nicht wie ein Ort, in dem man verweilt, sondern wie einer, den man durcheilen soll.

Die Stirnseite dieses Flügels nimmt eine Orgel ein, deren Pfeifen wie Geschützrohrstaffeln aufragen - Herbert Lom als wahnsinnig gewordener Chefinspektor Dreyfus (in Pink Panther strikes again) hätte hier gut seine Toccata spielen können, die dem Abfeuern der Todesstrahlen voranzugehen pflegte, mit denen er ganze Städte in Schutt und Asche legen konnte. Ob wohl im Zweiten Weltkrieg hier der amtierende Duke of Marlborough Ähnliches versucht hat, indem er die Royal Air Force bei den Flächenbombardements deutscher Städte von fern akustisch unterstützte? Seit das Geschlecht der Churchills in den Peer-Stand erhoben wurde, hat es eine gewisse Erfahrung beim Verheeren Deutschlands erworben. Der erste Duke focht im Spanischen Erbfolgekrieg auf deutschem Boden, der dritte im Siebenjährigem Krieg, doch der bei weitem erfolgreichste der Sippschaft war gewiss Winston, der die RAF anwies, gezielt Wohngebiete deutscher Städte zu bombardieren. 

Gemäß Marxens Diktum, alle Ereignisse von historischer Bedeutung begäben sich zweimal, einmal als Tragödie, dann als Farce, hat eine entfernte Verwandte von Winston Spencer-Churchill, nämlich Diana Spencer alias Lady Diana, durch ihr Leben und ihren Tod anno 1997 für eine Tränenüberschwemmung auch in Deutschland gesorgt, die zwar nur wenige Menschenleben gefordert und geringe materielle Schäden angerichtet, aber durchaus ein bedrohliches Steigen des Rührseligkeitspegels und eine dadurch bedingte Aufweichung höherer zerebraler Funktionen in Teilen der Bevölkerung ausgelöst hat. Churchill hatte nie im Sinn, die Deutschen in die Steinzeit zurückzubomben; der Tod Lady Dianas hingegen stieß empfängliche Gemüter für eine Woche in eine archaische Märchenwelt zurück, die auf ewig von garstigen Schwiegermüttern und unglücklichen Prinzessinnen besiedelt ist, in eine Welt identifikatorischer Mythen und rosafarbener Gefühligkeiten, deren Wurzeln tief ins limbische System reichen. Selbst Bevölkerungsteile, die dem Casus eher achselzuckend begegneten, waren in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurden von Elton John’s neu aufgenommenem Candle in the wind gepeinigt, das sich aus allen Kanälen ergoss wie ranzige Butter. Diese Kerze im Wind war nur ein flackerndes Flämmchen, das keinen Vergleich mit dem Höllenfeuer aushält, welches über Dresden hinging, und die Tränen, die über Lady Diana vergossen wurden, würden nie ausreichen, um den Brand Dresdens zu löschen. Man weint über den dummen Unfall einer Prinzessin und macht eine Tragödie daraus. Aber die wahren Tragödien spielten sich in Coventry und Sheffield, in Hamburg und Dresden ab, in den Vernichtungslagern und den Gulags, in Stalingrad und Oradour, im belagerten Petersburg und in Hiroshima, in Guernica und Majdanek. Leute sollten sich ihre Tränen für solche Anlässe aufsparen, nicht für den Unfall eines armen Hascherls mit angeschlagenem Prinzessinnenkrönchen. 

Ende der Abschweifung.

Es wird Zeit, einen Happen zu essen und dann in den Park und die Gärten aufzubrechen. Die Anlagen sind ohne Zweifel grandios - angefangen mit dem italienischen Garten und seinen Heckeneinfassungen aus grünem und (als schmale Bordüre drumrum) gelbem Buchs sowie den den zu Ranken und Arabeskenwirbeln geformten Buchsornamenten in den Beeten. Die Hecken sind akkurat zu Mauern geschnitten, denen in regelmäßigen Abständen Buchsquader angesetzt sind wie Orillons an Festungsbauwerken (das sind diese aus den Kurtinen heraustretenden Verstärkungen, auf denen zu Vaubans Zeiten die Kanonen standen). Offenbar konnte es der Duke nicht unterlassen, selbst seinen anmutigen Garten noch mit Verweisen auf seine militärische Profession zu versehen. Immerhin sind die Kanonen auf diesen Buchsorillons heute abgeräumt; jetzt hocken da aus dem Strauch geschnittene putzige Enten, die Schnäbel kess vorgestreckt, die dicken Bürzel hochgereckt.

Auch die Secret Gardens sind hübsch, ein verwunschenes, feuchtes und üppiges Wäldchen voller Gesträuche und Farne, Seerosenteiche und verschlungener Pfade - ein Ort zum Versteckspielen für die Kinder oder zum Sinnieren für junge Ladys. Auch im Viktorianischen Rosengarten kann man sich schön zwischen den duftenden Blüten ergehen; riesige, voll erblühte Rosenmatronen stehen hier neben keusch geschlossenen, jungfernschlanken Knospen, rosa Geflammtes neben tiefem Purpur und Elfenbein. Durch die berankten Pergolen schimmert der See. Es wäre ein Ort stillen Genusses, aber der Gärtner, der die Rabattenkanten stutzt, veranstaltet mit seinem motorisiertem Kantenschneider einen solchen Höllenlärm, dass wir das Weite suchen und zum Churchill Memorial Garden eilen. 

Im Dianatempel dort hat Churchill seiner nachmaligen Gattin die Ehe angetragen, was ich nicht recht symbolgewandt finde, denn Diana war eine jungfräuliche und männermordende Göttin (den Aktäon verwandelte sie in einen Hirsch und ließ ihn dann von seinen eigenen Jagdhunden zerreißen, nur weil er sie zufällig nackt beim Bad gesehen hatte). Aber vielleicht hatte Churchill etwas Dianenhaftes in seiner Clementine erkannt, einer souveränen und engagierten Person, die an der Sorbonne studiert hatte und der es in späteren Jahren sogar gelang, die ablehnende Haltung ihres Mannes zum Frauenwahlrecht zu ändern. Zudem ist Diana die Göttin der Gebärenden, und deren Hilfe konnte Clementine, die fünf Kinder zur Welt brachte, sicherlich gut gebrauchen. Wie ihre erste Tochter hieß? Diana, natürlich.

Wir spazieren ein paar Stunden durch den Park, besuchen die Kaskade und wandern um den See, bis wir erschöpft wieder am Schloss ankommen und auf der gekiesten Terrasse vor den Wasserbecken mit ihren Springbrunnen und Fächerfontänen unseren Tee nehmen. Warm geworden sind wir mit den Anlagen nicht, obwohl Capability Browns Routine schöne Prospekte geschaffen hat. Aber womöglich liegt es genau an dieser Routine, dass ich nicht in Begeisterung entflammt bin. Es ist im Park nicht anders als im Schloss: alles ist groß, prächtig, gediegen, doch auch ein wenig lieblos. Mir fehlt ein Stich von Anarchie und Eigensinn, der das Ensemble zu etwas schlechthin Einzigem und Originellem verwandeln hätte können.

Wir kehren auf einem Campingplatz in Moreton-in-Marsh ein. Fast vier Wochen sind wir jetzt unterwegs, und es wird Zeit, Wäsche zu waschen, Haare zu schneiden, wegzuräumen oder wegzuwerfen, was wir nicht mehr brauchen.


30. Juni. Snowhills Manor, Broadway, Hidcote Manor, Stratford-upon-Avon


Wegwerfen war Charles Wade’s Stärke nicht. Seine Devise lautete „Let nothing perish!“, lass nichts umkommen. Charles Wade war Architekt und Dichter, Teil der Arts and Crafts-Bewegung von Ruskin und William Morris und schließlich der Erbe des großen Vermögens, das seine Familie in der Karibik mit Zuckerrohr gemacht hatte. Als er 1918 aus den Schützengräben Frankreichs zurückgekehrt war, kaufte er ein altes Manor am Rande der Cotswolds und begann es nach und nach umzugestalten.

Seit Charles 7 Jahre alt war, sammelte er Dinge. Am Ende seines Lebens brachte er es auf mehr als 20 000 Objekte, von Abakussen und Blechtrommeln zu Caesarenbüsten, Degen, Ebenholzengeln, Fahrrädern, Garnspulen, Hüten, Indigostoffen, Jagdspießen, Kanonenkugeln, Lederetuis, Masken, Nagerfallen, Obelisken, Plastiken, Quilts, Rasierpinseln, Samurairüstungen, Teekannen, Ukulelen, Violinen, Wasserkrügen, Xenolithen, Yakhörnern und Zirkusplakaten - Zusammengeramschtes aller Zeiten und Zonen. Haarige Fliegenwedel hängen neben afrikanischen Fetischen, Astrolabien und Kaffeemühlen stehen einträchtig zusammen, nur manchmal bilden sich in diesem durcheinanderwogenden Ozean von heterogenen Dingen gleichsam Inseln einer Ordnung, sodass eine Wand fast (fast heißt: abgesehen von Brummkreiseln, Tranchierbestecken und Regenschirmen) ganz mit Saiteninstrumenten bedeckt ist, oder auch Ritterhelme und Rüstungen einmal zu einer Art von Waffenkammer aufgestellt sind - in der sich dann freilich auch Kaffeetassen, Ochsenziemer und Mikroskope finden. Man kann nicht sagen, dass Wade ein großer Freund der Systematik gewesen wäre. Seine Neigung galt offenbar allem, was irgendwann einmal mit Liebe oder Sorgfalt hergestellt war, aber selbst, wenn diese Kriterien nicht erfüllt waren, sondern ein Ding nur nachlässig hingepfuscht war, dabei aber irgendeine skurrile Note bekommen hatte, schloss Wade es in sein Herz, so wie ja auch der liebe Gott von der kleinsten bis zur größten Kreatur dem Vernehmen nach alles und jedes gleichermaßen liebhaben soll.

Wade liebte seine Sammlung so sehr, dass er sogar bereit war, ihr das Herrenhaus zu überlassen und selbst ins sehr viel kleinere und wenig komfortable Pfarrhaus des Anwesens zu ziehen. Das prachtvolle Schlafzimmer im Manor, das über einen Alkoven sowie ein Himmelbett verfügt, möblierte er lieber mit Heiligenfiguren, Lüstern und Truhen und goldenen Kommoden statt mit sich selbst. Eine Nachthaube und ein Nähkästchen liegen auf der Tagesdecke, wie die gespenstische Erinnerung an eine Frau, die nicht mehr da ist. Wade aber quartierte sich im Nachbarhaus ein, in einer dunklen und muffigen Stube, die mit einem Tisch, zwei Stühlen, einem Ohrensessel und einer beklemmend niedrigen Decke jedem Klaustrophoben eine schwere Prüfung auferlegt. Die Nächte verbrachte dieser Sonderling in der Dachstube. Da im Haupthaus ja kein Platz mehr war, die Sammelleidenschaft aber nie aufhörte, folgten seine Trouvaillen Wade auch dort hinauf, sodass die Dachstube reichlich gefüllt ist und man beinahe übersehen könnte, dass die Stube eigentlich nicht viel mehr als ein Scheunenboden ist. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Wade sein Treiben bis zu seinem Ende fortgesetzt hätte. Hätte er auch diese Dachstube irgendwann seinen Objekten überlassen und wäre in einen aufgelassenen Schweinekoben auf dem Gelände umgesiedelt, um dann auf gestampfter Erde, mit einem Strohsack auf dem Leib, seine Nächte zuzubringen, während im Manor die Samuraipuppen zum Leben erwachten und mit Hochrädern die Treppen hinuntersausten, ausgestopfte Bären mit Tudorhüten sich der Balalaikas bemächtigten und geschnitzte Engel und Gallionsfiguren Trommeln und Tschinellen rührten?

Wade war durchaus eine Berühmtheit seiner Zeit; seine Sammlung hatte Aufsehen erregt. Graham Greene besuchte ihn, JB Priestley desgleichen; auch Virginia Woolf kam vorbei, und ärgerte sich nachher, dass sie ihren Zug retour verpasste, weil Wade zwar über hundert Uhren besaß, aber keine die richtige Zeit anzeigte, da alle auf verschiedene Weise gestellt waren, damit eine jede ihren eigenen Stundenschlag hören lassen konnten, ohne mit einer anderen zusammenzufallen. Selbst Queen Mary erschien 1937 und befand, dass das bemerkenswerteste Stück der Sammlung wohl Wade selbst sei.

Man kann sich kaum vorstellen, dass diesen schrulligen und dingverliebten Mann auch einmal der Pfeil Amors treffen sollte. Doch im Alter von 63 Jahren geschah es; er ehelichte eine zwanzig Jahre jüngere Frau, und als sei damit irgendein Bann gebrochen worden, wandte er sich von seinem Lebenswerk ab, ging mit seiner Liebsten auf Reisen und verbrachte schon bald den Großteil des Jahres auf den karibischen Besitzungen der Familie. Fünf Jahre nach der Hochzeit übertrug er Snowhills Manor dem National Trust und kam nur noch im Sommer ab und an vorbei, um seine alten Marotten zu pflegen.

Eine dieser Marotten finden wir im Garten am Rand eines von Steinen eingefassten Wasserbeckens. Es ist das Modell eines Fischerdorfs, dessen Häuser sich am Beckenrand reihen, während eine hohe Mole von etwa 30 Zentimetern das Hafenbecken gegen den bedrohlichen Wellenschlag schützt, wie ihn ein Teich von 15 Quadratmetern eben so entfesseln kann. Die Häuser am Rand sind mit einiger Liebe zum Detail gebastelt, auch ein Taubenschlag en miniature ist darunter, ein Hafenkran, nachempfunde Fachwerkbauten - ich kann nicht leugnen, dass mich ob der Kindlichkeit dieser Modelle die Rührung ankommt.

Modellbauer versuchen sich üblicherweise an täuschender Echtheit, sie wollen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten den Betrachter illusionieren und das stimmige Diorama einer Szenerie gestalten. Doch mit welcher Souveränität hat Wade auf diese Unterwerfung unter das Diktat der Illusion gepfiffen! Die Modelle sind handwerklich ganz ambitioniert, aber ihr Schöpfer hat keinen Versuch unternommen, ein realistisches Bühnenbild für sie herzustellen, wie es jeder Modelleisenbahner getan hätte. Die Häuser sind einfach auf die Platten der Beckeneinfassung gestellt, so wie Kinder ein Grasbüschel im Sandkasten als Wald gelten lassen und drei Streichhölzer als Palisade. Nichts will hier täuschend echt sein; die Dinge sind nur Sprungbretter, von denen man in die helle Luft der Imagination aufsteigt. Sie bilden wohl etwas ab, aber Abbildung ist nicht ihre eigentliche Aufgabe. Richtiger wäre es zu sagen, dass sie etwas aufrufen. Sie entzünden Phantasie, ebenso wie all die Sammlungsstücke im Manor - die exotischen Preziosen und das Gelumpe vom Trödel - keine ethnographischen Objekte sind, sondern Zugänge in ein verzaubertes Land der Träumereien, in eine entgrenzte Region, die nicht von Vernunft und Zwecken, klassifikatorischer Ordnung und instrumenteller Pragmatik bestimmt ist, sondern von jener Surrealität, wie Breton sie in Lautréamonts Satz von der Schönheit des zufälligen Zusammentreffens einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch ausgedrückt fand.

Doch ist das vielleicht nur die halbe Wahrheit. Wade begann zwar wie erwähnt schon mit sieben Jahren zu sammeln, aber ich kann mir vorstellen, dass die Kriegsjahre seinen Eifer noch angefacht haben. Ist diese rastlose Anhäufung von Dingen nicht wie eine Kompensation oder ein Schutzwall gegen die Vernichtung, Entwertung und Entleerung, die er in Frankreichs Schützengräben erlebt haben muss? Vielleicht sammelte er die Residuen einer zersprengten Epoche, als könne er die Vergangenheit dereinst wieder daraus zusammensetzen. Wer weiß?

An Feldern vorüber, auf denen der Weizen schon blond wird, an Pflanzungen mit blühendem Lavendel, geht es nach Broadway, dessen High Street von einem breiten Grünstreifen und schönen Häusern aus dem honigfarbenen Stein der Gegend gesäumt ist. Antiquitätenläden, Galerien, Kunsthandwerk und Boutiquen beleben das Dorf, das sich als das Juwel der Cotswolds rühmt. Juwel scheint mir ein wenig hoch- und danebengegriffen; wenn man Broadway schon mit einem Schmuckstück vergleichen will, dann doch eher mit einer Bernsteinkette von hellem Braun mit gedämpft goldenen und kupferfarbenen Reflexen - bescheidener als ein Juwel, am Hals eines Landmädchens aber auch ganz hübsch.

Für eine Einkehr in einem der gediegen aussehenden Pubs reicht unsere Zeit nicht. Wir machen’s wie fast alle, holen uns (was bleibt uns schon anderes übrig?) eine Portion Fish’n’Chips vom Takeaway, essen auf einer Bank unter dem Steinkreuz, und dann brechen wir zum Hidcote Manor Garden auf, bevor dessen Tore sich schließen.

Hidcote Manor ist ein Herrenhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert, das eine reiche Amerikanerin für sich und ihren Sohn im Jahr 1907 erwarb. Im Verkaufsvertrag wurde das Haus pittoresk genannt, was vermutlich bedeutete, dass der Zahn der Zeit kräftig darauf herumgekaut und es gebeutelt hatte wie ein Hund einen alten Lederschlappen. Doch Amerikaner sind ja zupackend, und der Sohn, Lawrence Johnston mit Namen, begann sogleich, sich des Gartens anzunehmen. Er ließ den unebenen Boden planieren und pflanzte Hecken, um die Fläche in abgegrenzte Räume zu unterteilen, wobei er darauf achtete, Sichtachsen zu bilden, die sich über mehrere solcher Räume erstreckten -  gleichsam die gärtnerische Umsetzung der barocken Leidenschaft für die enfilade-Zimmerfluchten in Schlössern.

Dann kam der Krieg. Johnston, der 1900 eigens die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, um im Burenkrieg zu kämpfen, ließ sich reaktivieren und focht vier Jahre in Flandern, wobei er es bis zum Major brachte. Ich hatte mir unter Gartenliebhabern immer friedfertige Zeitgenossen vorgestellt, sanfte Wesen, die wohl mit Gießkanne und Pflanzkelle umgehen können, aber mit Bajonetten und Mitrailleusen nichts zu tun haben wollen. Aber das ist schon im Falle Johnstons offenbar falsch - und vielleicht unterscheidet sich das Leben eines Gärtners generell weniger von dem eines Soldaten, als man so denkt. Soldaten heben Gräben aus und legen Erdwälle an, nicht anders als Gartenbauer. Soldaten sprengen ebenso wie Gärtner, wenngleich letztere nur den Rasen, und Soldaten Menschen in die Luft; aber diesem Rasen rücken sie auch mit Vertikutierern und Stachelwalzen zu Leibe wie Panzer, die über den Feind hinwegbrechen; sie wüten mit Sägen und Äxten, Scheren und Zangen unter dem Baumvolk, wie Feldärzte, die im Lazarett ihr blutiges Werk verrichten. Vor allem organisieren Militärs ihre Handlungen strategisch, verteilen ihre Truppen, bedenken Verbindungswege, Vorhut und Nachschub, schieben auf den Generalstabskarten Mannschaften hin und her, bis ein Gebiet ausreichend gesichert erscheint… Wenn ich mich auch nur ein klein bisschen aufs Handwerk des Krieges verstünde, ließen sich gewiss noch weitere Parallelen zu dem des Gärtners finden. Doch klar ist: ein Gartenbauer ist ein Feldherr, der Raum und Zeit strategisch verstehen und aufeinander beziehen muss, und vom Frühling bis in den Herbst seine Gewächse jeweils dort zu postieren hat, wo sie den größten Effekt im Gesamtbild der Kampagne haben.

Major Johnston von den Northumberland Hussars jedenfalls war, wie es auch um seine Talente als Krieger bestellt gewesen sein mag, ein gewiefter Feldherr in Gartendingen - nicht zuletzt auch, was seine erschlichenen Geländegewinne angeht. Wie seine großen Vorgänger des 18. Jahrhunderts verstand es Johnston, die Gefilde außerhalb seiner Besitzungen als deren natürliche Fortsetzung darzustellen (man nennt diesen Trick geborgte Landschaft). Doch das ist kaum mehr als eine marginale Remineszenz an die Gartenkunst der Romantik, von der das eigentliche Gartenkonzept Johnstons weit entfernt ist. Johnstons Genie bestand nicht im Ausgriff auf die Weite des Raums, wie es Capability Brown vorgemacht hatte, sondern in dessen Einschränkung und verdichtender Einkästelung. Wenn man so will, ist das ein wenig eine Rückkehr zu den französischen Gärten des Absolutismus, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: die französischen Gärten basieren auf der Wiederholung ornamentaler Muster und der Unterordnung der Module unter den einen, alles erfassenden, herrscherlichen Blick. Johnston allerdings verstand jedes Modul als einen Raum ästhetischen Eigenrechts und Eigensinns, und in den meisten davon versuchte er, eine einheitliche Wirkung mittels größtmöglicher Vielfalt im Detail zu entwickeln. Einzelne Abteile sind ganz den Abstufungen des Rostroten oder einer Skala in Blau gewidmet; doch greift Johnston nicht auf die immer selben Pflanzen zurück, die ein LeNôtre verwendet hätte, sondern verteilt das Rot auf Palmblätter, auf Blüten oder auf das Laub der Gesträuche. Und selbst in diesen rot dominierten Bezirken gibt es immer wieder Einsprengsel aus anderen Farben, die dafür sorgen, dass hier nichts in Einheitlichkeit erstarrt.

Ich stelle mir vor (was aber auch nicht mehr ist als eine Vorstellung und eine schwärmerische Idee), dass Johnston - Soldat des britischen Empire - hier etwas verwirklicht hat, was sein Geburtsland Amerika mit den Worten E pluribus unum im Wappen führt: aus Vielen Eines zu machen. Ich stelle mir eine Welt vor, in der jeder das Seine beitragen kann, um das gemeinsame Wohl zu befördern: eine pointillistische Welt, in der jeder Farbtupfer konstitutiv für das größere Ganze ist, ihm zuarbeitet und sich ihm einfügt. Ich stelle mir eine Welt vor, in der Unterschiede nicht Feindseligkeit hervorrufen, sondern als Ergänzung willkommen sind. 

Hidcote Manor scheint mir, während wir hindurchwandern, wie der Traum einer Welt aus Vielfalt und Eintracht. Wildheit und Ordnung haben hier ihren Platz, die farbenfrohe Üppigkeit des einen Heckengevierts steht neben dem kargen, ernsten Grün des Long Walk - einem Korridor aus Buchengesträuch, an dessen einem Fluchtpunkt eine Gartenlaube mit Pagodenhütchen auf dem Kopf häusliche Einkehr verheißt, während der andere in die Weite der Schafweiden hinausführt. In der Lindenallee verschränken sich die Äste der Bäume in der Höhe und überdachen den Pfad. Dann wieder streckt eine mächtige Zeder ihre Zweige aus, und auch wenn einer der ersten Seitenäste vom Feldscher amputiert werden musste und der Baum wie ein Kriegsversehrter mit abbem Arm dadurch Schlagseite bekommen hat, wirkt er immer noch majestätisch. Ein paar Stufen führen eine Ebene tiefer, in der die hohen Zepter des Rittersporns wie Gardesoldaten neben Formbäumchen wachen. 

Im Fuchsiengarten wünschte ich, die Blüten wären aus Glas: die Blütengriffel, die weit aus den Kronblättern herausragen, erinnern an Glockenschlegel, und wenn der Wind durch ein solch gläsernes Glockenspiel ginge, müsste es ein herrliches Geklingel und Geklöppel sein. 

Auch alpine Gewächse gedeihen hier auf steinigem Boden, daneben ein Baum, dessen Namen ich zu meiner Verzweiflung nicht in Erfahrung bringen kann. Einige seiner Äste strecken sich knapp über dem Boden weit aus. Sie wollen nicht einfach über ihrem Wurzelstock in die Höhe wachsen, sondern wollen fort von ihm und nach einem fernen Ufer langen, Ihre Rinde ist nicht schuppig, sondern aus langen Borkensträngen gedreht wie ein Schiffstau: so nach fernen Gestaden greifend, tragen die Äste eine Fracht aus amaranthfarbenen Blütenflusen, die hell wie pulverige Glut auf dem Gezweig schimmern: ein entflammtes Volk von Revoluzzern, cupidus rerum novarum.

Wie gern wüsste ich diesen Baum zu benennen! Wie sehr wünschte ich, für jedes Ding auf Erden den richtigen Namen zu haben!

Wenn jemals irgendjemand vollkommen geläufig über den Wortschatz einer Sprache verfügt hat, dann war es der wortmächtige William Shakespeare, der sich so sicher in allen Registern bewegte und die Sprache der Gosse ebenso beherrschte wie erlesene highbrow-prose, Gerichtsrede und Handwerkerausdrücke, Liebeslyrik und Viehzüchterzoten: ihm stand alles zu Gebote, jede Nuance und jede Tonlage. Und sicher hätte er von jedem bekannten Baum, der je in England spross, den Namen gewusst.

Nur zehn Meilen von den Hidcote Gardens entfernt liegt Stratford-on-Avon, wo der Barde geboren wurde und wohin er zurückkehrte, als er seine Theaterlaufbahn ohne ersichtliches Bedauern und Sentimentalität beendete. 

Stratford, so sagt unser Reiseführer, soll nach London die meistbesuchte Stadt Englands sein. Der selbe Führer sagt allerdings auch, Stratford gliche einer Tudor-Marktstadt; doch das wäre wohl nur dann wahr, wenn es zur Tudorzeit bereits pseudo-georgianische Wintergärten an den Häusern gegeben hätte, Bankfilialen aus Stahl und Glas, oder Marks&Spencers-Kaufhauskästen, an deren Fassade ein schwachsinniger Architekt aus schierem Übermut irgendwelche klassizistischen Giebelchen geklebt hat. Und wie vertragen sich Boots-Niederlassungen mit den Stilidealen Kardinal Wolseys oder Thomas Cromwells? Und tünchte man unter Henry VIII wirklich Häuser in einem hepatitischem Beigegelb, um ihnen dann mit Flachdächern aus Beton einen Sargdeckel aufzulegen?

Nein, so richtig schön ist Stratford nicht, obwohl ich zugeben will, dass es in der Stadt eine ganz respektable Menge hübschen Fachwerks gibt. Aber diese ehrwürdigen Wesen scheinen sich unter dem Pöbel, in den sie geraten sind, nicht recht wohl zu fühlen. Sie stehen ebenso deplaziert herum wie eine Großtante, die sich zu einem Familienfest groß in althergebrachtes Trachtengewand geworfen hat, während der Rest der Bagage in Jogginghosen und Badelatschen aufgelaufen ist und sich auf einen Abend mit Dosenbier und Würstchen freut. 

Zwar hat die Stadt ihre schönen Seiten - Church Street, Chapel Street, auch die High Street sind vom Hausbestand her ganz reizend - aber es will mir einfach nicht in den Kopf, warum man Autos, die hier durchfahren, nicht durch einen königlichen Erlass zwingt, sich mit Pappmachéehauben als Kutschen zu verkleiden, und warum die Straßen partout asphaltiert werden mussten, wo das Gesamtbild mit gestampfter Erde, plattgetretenen Pferdeäpfeln und drallen Dirnen in linnenen Röcken doch so viel stimmiger wäre.

Es gibt Städte mit viel historischer Bausubstanz, die mit der Moderne ihren Frieden geschlossen haben; vor allem gutbesuchten und vom Tourismus zehrenden Städten gelingt es in der Regel, die alten Fassaden mit einer gewissen Behutsamkeit einzurahmen und Gegenwart und Vergangenheit ästhetisch aufeinander abzustimmen. In den romanischen Ländern klappt das manchmal ganz passabel: in Frankreich durch professionelle und oft geschmackvolle Stadtpflege, in Italien durch professionelle und oft geschmackvolle Wurschtigkeit, in Spanien durch eine rigide Trennung von toter ciudad monumental und modernen Funktionsvierteln, was auch eine Art ist, sich dem Problem zu stellen.

Doch hier in Stratford sieht man offenbar weder ein Problem noch eine stadtplanerische Herausforderung. Man hat ja die schönen Häuser; das muss genügen. Dass allerdings der öffentliche Raum vor diesen Häusern in unverfrorener Lieblosigkeit und asphaltgrauer Dürftigkeit belassen ist, scheint die Stadtoberen nicht zu stören. Wo die alten Häuser enden, fängt sofort der Asphalt an. In Frankreich verwischt man diese Grenzlinie gern mit Bepflanzung, und wenn es nur ein paar Geranien sind, die aus einem Blumenkasten kriechen und ein kleines sfumato erzeugen, so kümmerlich es auch sein mag. Doch selbst mit diesen paar Blüten wird eine Schwelle besprengt, man sorgt für einen Übergang zwischen Haus und Straße, der die Sphären als Teil eines Kontinuums von Innen und Außen, von Privatem und Öffentlichkeit zu einer Art von Ganzheit verschränkt; Innen und Außen öffnen sich zumindest symbolisch füreinander. Hier aber geschieht nichts dergleichen, und die Sphären bleiben schroff getrennt. Drinnen ist es (my home is my castle) heimelig, und der öffentliche Raum draußen ist nicht dazu da, sich darin aufzuhalten; er ist ganz und gar unwirtlich und dient nur als Verkehrsader, auf der man von A nach B gelangt oder sein Auto abstellt.

Eine Marktstadt der Tudorzeit stelle ich mir offenherziger vor, als einen schmutzig bunten Ort voller Schreihälse und Gaukler, Prediger und Huren, Bettler und Gecken, die allesamt danach strebten, in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Waren die Straßen damals nicht Bühnen, auf denen man seinen Auftritt suchte und sich bemühte, Eindruck zu schinden, vor aller Augen zu blenden und zu verführen? 

Vielleicht falle ich dabei auf ein Zerrbild städtischen Lebens in der frühen Neuzeit herein und überlasse mich der möglicherweise irreführenden Idee, die Straßen seien damals tatsächlich Orte der Begegnung und gesellschaftlicher Vermischung gewesen. Letzteres waren sie sicher nicht: strenger Standesdünkel und Distanz beherrschte alle Schichten. Dukes schauten auf Earls herab, Viscounts auf Baronets, diese wiederum auf Knights, Handelsherren, Handwerker, und auch für Handwerker gab es noch genug Kroppzeug, über das sie die Nase rümpfen konnten. Aber dieser unerbittlichen hierarchischen Trennung zum Trotz teilten sie alle das Bedürfnis, ihr Leben nicht im Geheimen und Verborgenen zu führen, sondern auf offener Straße so, dass jeder sie dabei zu sehen und zu schätzen vermochte. Sein war Wahrgenommenwerden. Es war theatralisch, begierig nach Selbstdarstellung: laut und sichtbar.

Und Shakespeare gab seinen Figuren Sichtbarkeit; er steigerte die Dichte und Intensität menschlichen Daseins in ihnen auf ein unerhörtes Maß. Selbst die Laffen und Luschen darunter sind eine kraftvolle Essenz von Laffentum und Luschigkeit. Es mögen Langweiler und Tölpel sein, aber das sind sie mit Verve.

Doch am allermeisten liebe ich an Shakespeares Stücken die Kunst der Schwelle - die Berührung und Vermischung einander ausschließender Bezirke: Shakespeare gelingt es, die hohe Minne mit derbster Zote zu kopulieren, Erhabenheit und Lächerlichkeit zusammenzuführen, mit der groben Keule des Komikers dem blasierten Burschen eins aufs Haupt zu geben, der geziert mit einem in Oxfords Wortschmieden gewetzten Florett herumfuchtelt - dem es aber auch umgekehrt mit einer Finte und einem fixen Wortspiel gelingt, seinen plumpen Gegner zu entwaffnen. Zärtlich und vulgär zugleich, himmelstürmend und skatologisch, Tiefsinn und Klamauk aus jedem seiner Stulpenärmel würfelnd, Tragödie und Groteske ineinander spiegelnd, hat Shakespeare die Bühne erschüttert und zu einem ungeheuren Resonanzraum gemacht, in dem die ganze Welt widerhallt.

Und nun ist seine Heimatstadt zu solch aseptischer Aufgeräumtheit heruntergekommen, in dem sich draußen nichts mehr begegnet als Autos, die nach einem Parkplatz suchen? Es ist eine Schande, dass das Straßenleben hier so gesäubert und durchgeschrubbt erscheint. Es ist, als seien die Gassen von den Drahtbesen der Puritaner ausgestriegelt worden, die den öffentlichen Raum vor allem als Brutstätte der Laster, der Versuchungen und der promiskuitiven Ansteckungen schmähten.

Beginnt die schroffe Trennung von drinnen und draußen zu Cromwells Zeiten? Und hat auch die Institution des englischen Clubs in dieser Trennung ihre Wurzel? Der Club ist Öffentlichkeit, aber nicht ungefiltert, sondern auf eine bestimmte und wohlausgewählte Klientel beschränkt, die das soziale Immunsystem nicht durcheinanderbringt. Ein Club ist ein Pub, in dem man nicht Gefahr läuft, anderen als seinesgleichen zu begegnen. In einem Club haben Yorick und Caliban, Zettel und Othello nichts verloren; all das exotische Kroppzeug muss dort, wo man unter sich sein will, draußenbleiben. Clubs als Institution entstehen genau in der Zeit, in der das Empire sich immer größer ausdehnt. Wie als Reaktion auf diese Ausweitung beginnt sich die Elite in Clubs abzuschließen. 

Ich denke an Spanien, jenes andere Weltreich dreihundert Jahre vor dem britischen Empire. Auch hier reagierte man auf die Ausweitung nach der Entdeckung Amerikas durch immunologische Aufregung. Kaum war man mit dem Zustrom von exotischen Neuerwerbungen konfrontiert, hielt man es für nötig, in der Heimat abweichende Elemente auszuscheiden, mit denen man schon seit Jahrhunderten einigermaßen friedlich zusammengelebt hatte, die aber nun in einer Art von Purgierungsmaßnahme verjagt oder verbrannt oder zu marranos und moriscos gemacht werden sollten. Nicht lange, nachdem die spanischen Konquistadoren Inkaprinzessinnen und Azteken nach Spanien gebracht hatten, lief die Verfolgung iberischer Juden und Muslime auf Hochtouren.

Als England zum Weltreich wird, eliminiert man zwar keine Bevölkerungsgruppen. Dafür ist man religiös und ethnisch ohnehin zu einheitlich, aber der gleichsam psychohygienische Impuls, sich gegen Fremdes zu schützen, findet in der Etablierung der Clubs sein übersprungshaftes Ventil. Hier kann man den Traum von homogenen Männergesellschaften mit homogenen Sittenidealen weiterträumen, während draußen auf den Straßen zwar nicht in Wirklichkeit, aber als Ausgeburten der Phantasie bengalische Tiger durch die Gassen strolchen, indische Tempeldienerinnen, Mogulhuris und chinesische Opiumraucher den britischen way of life untergraben, Anarchisten Bomben auf herrschaftliche Kutschen werfen, der tobende Pöbel auf den Umsturz der Verhältnisse sinnt, und bald auch noch anthroposophische Nudisten, fanatische Vegetarier und kreischende Suffragetten an den Säulen des Empire herumsägen. 

Gegen all das ist der Club eine starke Bastion, oder verspricht es wenigstens zu sein.

Ich habe mich einmal mehr zu einer Abschweifung hinreißen lassen, und muss nun zusehen, zügig den Rundgang zu Ende bringen und mich in einen Pub zu verfügen, weil es draußen allmählich ungemütlich wird. Bald wird es regnen. Schnell schnell!

Wir beschauen das Shakespeare-Denkmal am Avon, das von Prinz Hal, Hamlet, Lady Macbeth und Falstaff umringt wird wie Jesus von seinen Evangelisten oder ein Gangsterboss von seinen Bodyguards. Wir schauen auf die bewimpelten Boote im Fluss, den  Auftrieb vor dem Royal Shakespeare Theater, aber nichts davon bewegt mich. Dichterfetischismus liegt mir fern, und dass ein Theaterstück in Shakespeares Heimatstadt interessanter sein soll als in Tromsö, Tanger oder Tokio, ist auch nicht ausgemacht, was soll es also?

Wir öffnen die Türen von ein paar Pubs und lauschen hinein. Meistens läuft das übliche Radiofutter, amerikanischer R’n’B, Dancefloor, Powerballaden, alles ein Graus, und erst als wir den Kopf in einem schlumpig aussehenden Pub stecken und die Pogues und Shane MacGowans unverkennbar knatschige Säuferstimme And the band played Waltzing Matilda singen hören, wissen wir, dass wir hier einen guten Abend haben könnten.

Der Pub ist mit wüst zusammengeramschten Möbeln vom Trödel ausstaffiert, Sofas, aus denen man nie wieder ohne fremde Hilfe rauskommt, wenn man einmal die Torheit begangen hat, sich diesem Sumpf aus Sprungfedergummi und Rosshaardunst anzuvertrauen. Ein Ohrensessel in der Ecke ist in Wahrheit eine überdimensionierte Venusfliegenfalle, die den Gast mit einer Vorgaukelung von Bequemlichkeit anlockt, ihn dann aber immer tiefer in die Polster einsacken lässt und schließlich verschlingt, konserviert und erst nach dreißig Jahren wieder freigibt. Einige der Gäste machen exakt den Eindruck, als sei ihnen eben das widerfahren: sie sind vor dreißig Jahren von irgendeinem Sitzmöbel eingeschlürft und erst heute ganz frisch in die Gegenwart zurückgespuckt worden, um nach dieser langen Auszeit jetzt wieder mit Lederjacke, Zuckerwassertolle und Nietenhalsband an der Theke zu stehen und im Takt von One step beyond das benommene Haupt zu schwenken. Neben persistierenden Punks wie diesen stehen zwei junge Leute am Tresen, der eine kahlgeschoren bis auf zwei Dutzend Haarinselchen, deren Zotteln mit Gel oder Teer auf beängstigende Weise zu schwarzen Strünken zusammengewickelt sind, während sein Kumpel handelsübliche Dreads trägt, in deren Knoten ein Knochen steckt, wie er einst Catweazles filzigen Zaubererdutt zierte. 

Akustische Revenants defilieren beim ersten Ale vorüber: von den Musikern, die ich erkenne, ist nur Suzi Quatro alive and well, während Peter Tosh und Thin Lizzy-Frontmann Phil Lynott längst ihrem rauschaffinen Lebenswandel erlegen sind; Robert Wyatt, der schon in den Siebzigerjahren bei einer Party aus dem Fenster stürzte und seitdem querschnittgelähmt ist; Ian Dury seit je vom Polio gestreift; der Chef von The Sound von eigener Hand gestorben - ich frage mich, welcher morbide DJ die Playlist für diesen Abend zusammengestellt hat. Als ich das zweite Ale hole, erkundige ich mich beim Barmann danach, doch der weiß von nichts: die Stücke werden nach dem Zufallsprinzip vom Computer ausgewählt.

Aber irgendwas Dubioses liegt über diesem Pub, das lässt sich nicht leugnen. Da ist zum Beispiel gleich an der Eingangstür dieses komische Ömchen mit Knittergesicht, das eine Pastete verzehrt, Bier trinkt, und zu gleich welcher Musik mit dem Kopf wackelt, ohne sich darum zu scheren, dass das Gewackel auch zum Rhythmus passt (weshalb es auch gar kein Mitwippen sein könnte, sondern einfach Folge irgendeiner neuronalen Störung). Es scheint mir dennoch irgendwie erklärungsbedürftig. Andere Damen ihrer Altersklasse machen sich samstagabends was in der Mikrowelle warm und schauen dann Inspector Barnaby, statt zusammen mit Spätpunks und Antifa-Famuli zu Tainted Love zu schwoofen…

Und was treibt dieses soignierte Ehepaar hier, das zur Tür hereinkommt wie frisch von der Jagd? Ganz im englischen Landhausstil gekleidet (Barbour und Lederflicken am Tweedjackett), lassen sie sich uns gegenüber nieder, zwei attraktive und klug aussehende Leute, die wirken wie von kleinauf füreinander bestimmt. Sie erinnern mich heftig an Julie Christie und Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen, vielleicht etwas älter geworden, als es ihnen der Film vergönnte. Aber trotz aller Liebe und allen Füreinander-Bestimmt-Seins: Julie Christie hat keine Chance, die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Gatten zu erhalten. Es ist ein drittes Wesen im Bund - ein Irish Setter, der so leidenschaftlich in sein Herrchen verschossen ist, dass er kein Auge von ihm wenden kann und ihn unentwegt anstupst oder an seiner Hand leckt, um ihn zu Liebkosungen zu animieren. Herrchen kann noch nicht einmal ungestört sein Steak schneiden. Der Hund guckt so erbarmungswürdig drein, wenn er die Hand seines Herrn nicht an seinem Fell spürt, und winselt so herzzerreißend, als spüre er Todesqualen, sobald er nicht beachtet wird - man kann ihn unmöglich ignorieren. Wie sagte Berkeley doch? Esse est percipi - Sein ist Wahrgenommenwerden. Wahrscheinlich hatte der irische Denker einen irischen Setter, der ihn auf diese tiefgründige Erkenntnis brachte.

Es ist uns etwas peinlich, dieser vollkommen obsessiven Fixierung zuzusehen. Ich habe gern Kleists Käthchen von Heilbronn gelesen, und noch lieber Goethes Wahlverwandtschaften. Aber einer derart bestimmenden Leidenschaft beizuwohnen, die ein liebendes Wesen ganz und gar beherrscht und in solch bettlerhaft barmendem Bann hält, ist nur in der Literatur zu ertragen, in Wirklichkeit aber doch recht unappetitlich. Die Literatur kann uns den Liebeswahn Käthchens oder Ottilies noch schönreden und zum Edelmut und zur verdienstvollen Hingabe umfärben. Aber letztlich ist mir Shakespeare’s spottgalliger Mittsommernachtstraum lieber, der solche amour fou als Hirnvergiftung und blöde Eselei dekuvriert.


1. Juli. Stratford, Upton, Brockhampton, Shrewsbury


Wir lassen die Shakespeare-Pilgerstätten auf sich beruhen. Das aurische Ei Russell im Ulysses sagte über das „Herumschnüffeln im Leben eines großen Mannes“: „Das interessiert doch bloß den Gemeindeschreiber. Ich finde, wir haben doch die Stücke. Ich finde, wenn wir die Poesie des König Lear lesen, was schert es uns, wie der Dichter lebte?“ 

Dies beherzigend, wenden wir uns gen Westen, lassen Worcester zu unsrer Rechten links liegen, und halten stattdessen in Upton-upon-Severn, in dessen Hauptstrasse eine Abfolge der üblichen Charity-Läden mit Antiquitätenhändlern wetteifert, die zu höheren Preisen noch abwegigeren Ramsch anbieten. In einer dieser Trödelhöhlen setze ich mir einen abenteuerlich abgelebten Filzhut auf und bin erstaunt, wie klein Männerschädel in den vierziger Jahren sein konnten. Einen Moment lang möchte ich glauben, dass ich den Stumpen aufhabe, der einmal Paddington dem Bären gehört hat, aber der Hut riecht nicht nach dem Sandwich mit Orangenmarmelade, das dieser liebenswürdige Gesell darin aufzubewahren pflegte, sondern nur nach jahrzehntelanger Lagerung in einem Keller oder einer Gruft. Aber auch hier scheint Charles Wades Devise zu gelten: Let nothing perish! Kadettenmützen aus Gallipoli, räudige Teddybären, Schaffnerjacken, angeschlagenes Porzellan, Gitarren mit krummem Hals und durchgewetztem Schlagbrett - es ist eine Unterwelt abgetaner Dinge: zu nichts mehr nütze, aber für zu schade befunden, um ewigem Dunkel und ewiger Vergessenheit anheimzufallen.

Wer glaubt heute noch an die Auferstehung der Toten und ans ewige Leben? Antiquitätenhändler scheinen es zu tun; vielleicht gibt es sogar neben dem nizänischen und dem apostolischen Glaubensbekenntnis auch ein antiquitätisches, das die Zuversicht zum Ausdruck bringt, Gott werde allen Dingen, wenn sie sich nur mit genügend Leben und Geschichte vollgesogen haben, Gnade gewähren und ewige Fortdauer schenken.

Offenbar haben die Trödler nicht unrecht; es gäbe ja auch ihre Läden nicht mehr, wenn sie keine Kundschaft hätten, die all die alten Dinge aus der Unterwelt holt und ihnen wieder eine Gegenwart in einem bewohnten Zuhause gibt. Doch woher rührt ein solches Bedürfnis der Kundschaft nach nostalgischem Inventar?

Aus keinem anderen europäischen Land kenne ich eine vergleichbare Passion für altes Zeug. In Spanien - wie auch in Italien - erreichen allenfalls die meist von Chinesen betriebenen Billigläden eine ähnliche Bestandsdichte wie die englischen Trödler; doch das sind Geschäfte für die Stillung alltäglicher Bedürfnisse, da findet man Küchengeräte und Werkzeug, Schulranzen und Buntstifte für die Kleinen, Ameisengift und Dübel - moderne Gebrauchsware mithin. An Trödel ist man dort kaum interessiert. In Frankreich liebt man derlei schon mehr; doch auch dort wird meist nur hochwertiges Mobiliar in Läden gehandelt, der nostalgische Ramsch findet sich eher bei den sporadischen vide-greniers, bei denen Privatleute Keller und Speicher leeren wollen. In England jedoch wird das Geschäft professionell betrieben, offensichtlich kann man seinen Lebensunterhalt damit bestreiten und die Miete für ein Ladenlokal aufbringen (wenn auch, hüstelhüstel, nicht unbedingt jemanden bezahlen, der regelmäßig saubermacht). Das wäre nicht weiter verwunderlich, wenn es sich um einen Trödler pro 50 000 Einwohner handelte, doch in Upton, einem Flecken von kaum 3000 Leutchen scheint mir die Quote deutlich höher, sie dürfte ein Promille um einiges übersteigen, und das ist (zumindest bei Alkoholproben) ein Pegel, bei dem durchaus ein gewisser Suchtverdacht naheliegt. In der Tat kommt mir die englische Lust am nostalgischen Trödel etwas bedenklich vor, um nicht zu sagen pathologisch. Ja, man könnte fast vermuten, dass diese Läden nur Tarnung sind, und dass es den Kunden gar nicht um das viktorianische Pillendöschen oder die schöne alte Laudanumkaraffe geht, die sie dort erstehen, sondern um die drogierende Wirkung dieser Dinge auf ihr vergangenheitssehnsüchtiges Gemüt…

Bald kommen die Malvern Hills in Sicht, eine Hügelkette, die sich seltsam unvermittelt aus der Ebene erhebt. Bei einem Halt in Malvern Wells sehe ich eine Postkarte mit einer Aufnahme der Hügel in schräger Draufsicht - die langgestreckte Form des Hügelbands darauf ähnelt einem vor Urzeiten gefällten Riesen, über dessen Leiche die Zeit eine Decke aus Wald und Erde gebreitet hat. Auf der Schenkel- und der Armarterie des Riesen hat man die A 449 gebaut, die an der Hügelflanke entlangführt und ab und zu weite Blicke auf den Flickenteppich aus Äckern und Weiden gewährt, der mit dicken Heckensäumen zusammengenäht ist.

Jenseits der Malverns - die Grenze zu Herefordshire ist nun überschritten - lockt uns ein Schild mit dem Eichenlaubsignet des National Trust zum Brockhampton Estate, einem Anwesen aus dem späten 14. Jahrhundert. An dem Manor aus weiß gekalktem Fachwerk mit Backsteinkaminen ranken Heckenrosen empor; ein Kranz von wilden Beeten säumt das Haus. Davor liegt ein Teich mit Seerosen, dem zu vollkommener Märchenhaftigkeit nur noch ein Paar darüber hingleitender Schwäne fehlt - und jemand, der einmal den Teppich aus scheeler Entengrütze davonrecht, der das Wasser vollständig überwuchert hat. Aber wer weiß? Vielleicht liegt das Märchenhafte gerade darin, dass unter dieser grünen Decke eine Wassernixe oder ein schelmischer Nöck ruht, der jederzeit daraus hervortauchen könnte?

Mittags kehren wir in Leominster ein, wo wir nach einem Spaziergang durch eine weitläufige und sparsam bepflanzte Parkanlage in einer Kirche von normannischer Trutzigkeit landen. Es ist Tag der offenen Tür. Gleich am Eingang schüttelt uns ein Herr herzlich die Hand. Er ist ein Männchen, kleiner als Dagmar, und hat die schwere, goldene Amtskette eines Würdenträgers um den Hals, der ein Hüne gewesen sein muss - an ihm wirkt sie, als würde Alberich von einer Goldschlange in die Knie gezwungen. Er will wissen, woher wir kommen und was uns hierhin geführt hat, doch bevor wir antworten können, zupft ihn ein Mann am Ärmel und bittet ihn vors Mikrofon, damit er seine Ansprache ans Besuchervolk hält. Von der Ansprache verstehen wir kein Wort. Hall und Widerhall des großen Raums werfen die Silben so übereinander, dass ein einziges dröhnendes Gemulme aus seinen Grußworten wird, was allerdings niemanden stört, da jedermann ohnehin weiß, was ungefähr gemeint ist. Dennoch wird höflich applaudiert, wohl vor allem darum, weil die Formalitäten jetzt endlich erledigt sind und man sich dem Geplauder unter Bekannten und dem Kuchenessen zuwenden kann.

Das Kirchengestühl ist in der Kirchenmitte zusammengeschoben und aufeinandergestapelt; auf dem freigeräumten Platz sind Tischreihen aufgebaut, auf denen selbstgebackenes Shortbread, Fudge und Marmeladen zugunsten der Gemeindekasse feilgeboten werden. Wer nichts Selbstgekochtes, Selbstgestricktes oder Selbstgeschnitztes beiträgt, verkauft Flohmarktware, die sich kaum von jener unterscheidet, die wir vorhin noch in den Trödelläden Uptons gesehen haben. (Vielleicht halten sich diese Läden überhaupt nur darum, weil Gemeindemitglieder, die nicht backen können, sich dort für genau solche Veranstaltungen mit Wohltätigkeitsutensilien eindecken; und vielleicht holen die Trödler sich bei genausolchen Veranstaltungen ihre Ware zu günstigeren Preisen zurück, um sie dann von neuem an Sachspenden suchende Gemeindemitglieder zu verhökern: ein fast perfekter Wirtschaftskreislauf.)

Der goldene Alberich steht bei all dem traurig verloren abseits. Als sei seine Amtskette das Abzeichen eines Aussätzigen, das ihn daran hindert, jemandem zu nahe zu kommen, bleibt er allein, und wirkt weniger würdevoll als vielmehr schlicht überflüssig. Oder hat er als Hüter eines Nibelungenhorts aus Keksen und Marmelade einfach wie sein mythischer Vorgänger die Tarnkappe auf, und nur wir als Auswärtige können ihn überhaupt sehen?

Wie auch immer - ich bemerke, dass ich heute eine Neigung zum Epenplunder habe, zu versteinerten Riesen, Nöcks und Zwergen, vom Orangenmarmelade mampfenden Paddington mal ganz abgesehen. Es wird Zeit, wieder in die entzauberte Realität zurückzukommen, und was wäre dafür besser geeignet als ein englischer Pub?

Das Duke’s Head hat drei oder vier Tische in der Sommersonne am Platz aufgestellt, aber dort sitzt keine Menschenseele. Wir vermuten eine bescheidene Kneipe, aber sie ist alles andere als das. Hinter der Pforte tut sich ein weitläufiges Reich aus Räumen auf, der Boden ist mit weichen Teppichen ausgelegt, deren Fleckigkeit nicht einfach schmuddelig, sondern von archäologischer Altehrwürdigkeit ist; darauf eine Theke mit Zapfstationen alle paar Meter, und genug Tische, um ein Soldatenbataillon daran zu setzen. Die Königsburgen, in denen Iwein und Lanzelot beherbergt wurden, boten weniger Luxus als dieser Pub mit seinen gepolsterten Sesseln und Ledersofas. Auch die Speisekarte ist weitläufig, aber wie im Ritterroman bürgt epische Länge nicht unbedingt auch für Überraschungen. Der Ritterroman lebt zu einem Gutteil von den unverdrossen wiederholten Zweikämpfen und Schlachten, von Prophezeiungen und Prinzessinnen, von den Ritualen von Auszug und Heimkehr und von der dingfrohen Schilderung von Besitz und Gebräuchen; die Speisekarte des Duke’s Head lebt von der enzyklopädischen Aufzählung der Dinge, die es immer in solchen Pubs gibt: Burger in zwanzigerlei Minimalvarianten; jacket potatoes mit einem Dutzend toppings; Steaks oder Fish mit Chips, und dazu eine koloniale Auflockerung aus indischen Currys, nahöstlichem Falafel und chinesischem Chop Suey auf Systemgastronomenniveau.

Ein Zweijähriger, der am Nachbartisch mit seinen blutjungen Eltern speist, schmeißt mit Wurststücken und Fritten um sich, während Papa und Mama Videos auf dem Handy gucken und sich nebenbei Lippen und Pfoten an ihren Burgern besudeln. Sie haben allerdings eine beeindruckende Etikette der Fingerstellungen entwickelt. So wie früher einmal gezierte Damen beim Teetrinken den kleinen Finger abspreizten, so spreizen diese beiden den rechten Zeigefinger ab. Der Rest der Hände greift beherzt in die triefenden Burger - nur der Zeigefinger bleibt sauber, um den Touchscreen des Handys nicht zu beflecken. Das zeigt immerhin, dass der Nestreinhaltungsinstinkt funktioniert. Nur ist für sie das Nest halt bloß der Bildschirm, derweil Tisch und Teppichboden sich nach und nach mit Unrat bedecken; das ist kein Teil ihrer Welt.

Der Himmel ist ganz aufgeklart, als wir uns in den Shropshire Hills verlieren. Von den Straßen erster Ordnung geraten wir ins kleine Kapillar der Bauernwege, zwischen enge Heckenkorridore, hinter denen Weiden zu ahnen sind, und irgendwann stoßen wir sogar auf ein offenes Gatter, das uns zu einer dieser Weiden Zugang gewährt. Das Schild, das den Zugang untersagt, ist so verblichen, dass wir es nicht beachten; ich gebe aber zu, eine Minute auf die Überlegung zu verwenden, ob Eigentumsrechte in England nicht doch mit Waffengewalt verteidigt werden. 

Vor uns liegt ein Kornfeld mit blonden Ährenspitzen, unter denen noch grüne Halme stehen, dahinter auf der Weide grasen Schafe oder sammeln sich im Eichenschatten - den Hintergrund bilden die weichen Shropshire-Hügel. Es ist eine Ansicht, die es wert wäre, von Poussin gemalt zu werden, sehr bukolisch, sehr pastoral. Es fehlte nur noch der Grabstein mit der Inschrift Et in arcadia ego, den Poussins Hirten so bestürzt mustern.

Wir halten ein kleines Schläfchen und irren danach durch die Heckenwege, die dieses Gebiet durchädern. Die Wege sind nicht für Fremde gedacht. Wer sie nutzt, ist hier zuhause und bedarf keiner Schilder, also gibt es auch keine. Kartographen haben diese Ausfransungen des Straßennetzes nicht erfasst - jedenfalls nicht die von AA (Britain’s clearest mapping), und auch nicht die unseres Navis; es ist reiner Zufall, dass wir irgendwann aus dem rough wieder auf markierte Straßen zurückfinden. Ein paar Meilen nordwärts in den Mynds stürzen wir allerdings auch schnell wieder in eine Art von vorstaatlicher Wegführung voller Sackgassen und plötzlich auf Bauernhöfen endender Pfade, die eigentlich den Hasen und den Eichhörnchen gehören und deren Ränder von tiefen Treckerreifenspuren gekerbt sind. Schafe weiden nahe der Straße, an denen ich noch vorsichtig vorbeifahre, aber ich kann nicht verhindern, dass uns plötzlich eine Taube in vollem Flug auf die Motorhaube knallt, eine Kollision, die sie kaum überlebt haben wird. Um die Taube tut’s mir nicht leid, meine Sympathie für diese Vögel ist begrenzt, aber es scheint mir dennoch ein Zeichen, dass wir hier Eindringlinge in einem Gebiet sind, dessen rechtmäßige Herren die Tiere sind; die Taube hat sich hier so heroisch gegen uns zur Wehr gesetzt wie einst im September 1939 die polnische Kavallerie, als sie mit gezückten Säbeln gegen die deutschen Panzer angeritten war.

Ich bin erleichtert, als wir aus dieser verwunschenen Zone wieder auf die Straße nach Shrewsbury finden. In der Stadt selbst kommen wir aber zur Unzeit an und verziehen uns gleich wieder, um für die Nacht einen Pub auf dem Land zu suchen.

Im Westen schimmern die walisischen Berge am Horizont. Wales liegt nun nur noch ein paar Meilen entfernt, was eine starke Verlockung ist. In dem Pub, in dem wir uns ein vorzügliches Lamm aus der Tajine teilen, diskutieren wir das Für und Wider, über die Grenze zu setzen. Wales ist dünnbesiedelt, noch regenreicher als England, mit spektakulär schöner Landschaft gesegnet, wie unser Reiseführer sagt. Es spricht einiges für diesen Abstecher. Doch als wir den Straßenatlas aus dem Auto holen und die Seiten zu Wales aufschlagen, spüre ich eine brüske Abneigung. Sie mag ungerecht sein, aber allein die walisischen Ortsnamen flößen mir ein derartiges Grauen ein, dass es völlig ausgeschlossen ist, dort hinzufahren. Llansantffraed-Cwmmdeuddwr. Bont-Dolfagdan, Bryncrug, Swyddffynnon: jeder dieser Ortsnamen ist ein Zauberspruch, der dunkle Mächte zu beschwören scheint oder Folterwerkzeuge benennt oder doch zumindest lautmalerisch die Geräusche nachahmt, die menschliche Körper machen, wenn sie mit Folterwerkzeugen traktiert werden. Hatte Tolkien Wales im Sinn, als er die Schrecken Mordors schilderte?


2. Juli. Shrewsbury, Ironbridge


Shrewsbury am Sonntagmorgen. Wir bestaunen ein paar sehr schön erhaltene Tudorhäuser, und dann staunen wir noch mehr, als wir in goldenen Lettern den Baujahrsvermerk 1950 an den Balkenfriesen finden, denn für Tudor ist das dann doch etwas spät. Erstaunlich ist allerdings weniger, dass man Häuser, die ein halbes Jahrtausend alt sind, von Zeit zu Zeit restaurieren muss, als die Offenheit, das auch zu bekunden. Bei anderen der zahlreichen Fachwerkbauten der Stadt werden solche Schönheitsoperationen diskreter behandelt. Man tut (wie bei alternden Frauen, die sich dem kosmetischen Chirurgen überlassen) so, als hätten sich die Häuser ohne Schaden durch die Zeiten gerettet, und als hätte man immer noch das Original vor sich; freilich mit dem Unterschied, dass Frauen für jünger gehalten werden wollen als sie sind, während den Häusern höheres Alter ja nur zur Ehre gereicht. Aber wie auch immer: solche historischen Beckmessereien sind mir gleichgültig, wenn die Stadt ein ansehnliches Gesamtbild abgibt, und Shrewsbury ist ein wirklich schmuckes Städtchen. Das Fachwerk prunkt manchmal mit verspielten Viertelkreisbögen, deren Segmente zu kaleidoskopischen Ornamentsymmetrien gereiht sind, und die Stadthäuser aus georgianischer Zeit oder aus dem Regency dazwischen geben keinen Stilbruch, sondern lassen eher an ein Familienfoto denken, bei dem eine ganze Dynastie von Schönheiten von der Großmutter bis zur Urenkelin hinab nebeneinander Aufstellung genommen hat, sodass nichts in Synchronität erstarrt, sondern ein Längsschnitt durch die Epochen genommen und die Veränderung in der Zeit sichtbar wird. 

Es passt, dass Charles Darwin in Shrewsbury aufgewachsen ist: hier hatte er auf kleinstem Raum die Mutationen von Bauweisen vor sich, die stetige oder sprunghafte Abweichung eines Typs, bis irgendwann ein anderer daraus geworden ist, der sich etwas länger erhalten hat, bis er zum festen und dauernden Typus gerann. Mag sein, dass Darwin hieraus ein winziges Bausteinchen für seine gewaltige Theorie geholt hat, oder?

Vielleicht hat er aber auch nur sein Mädchen in ein Modegeschäft begleitet, und dort eine Ahnung bekommen, wie fein die Bedürfnisse eines Lebewesens und das Angebot seines Biotops aufeinander abgestimmt sein können.

In Dorchester hatte Dagmar einen regentauglichen Mantel bei der Ladenkette Seasalt erstanden, war jedoch nicht ganz zufrieden damit. Nun kommen wir wieder an einer Seasalt-Filiale vorbei und werfen, von den 20%-Sale-Schildern verlockt, einen Blick hinein. Dagmar probiert dies und das, während ich mit der Verkäuferin plaudere, einer herzhaften und humorigen Blondine, die alles Verständnis der Welt für die Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung im Gegenstandsbereich Damenmode hat.

Keine der zahlreichen Varietäten des Galapagosfinken hat mit seinem Schnabel je so lange an den möglichen Beutestücken herumgestochert wie Dagmar nun beim Austesten der Seasalt-Mäntel. Sie schwankt im Wesentlichen zwischen zwei Kriterien. Zum einen ist da das, was man unter den Schlagworten struggle for existence oder survival of the fittest zusammenfassen kann, worunter der Nutzwert für das Überleben des Individuums verstanden wird, wozu man gewiss auch Regenschutz rechnen kann, praktischen Kapuzenschnitt, Geräumigkeit, um noch einen Pullover unterzuziehen, Innentaschen, windabwehrende Knopfleistenblenden. Solche Erwägungen fallen in Darwin’s Begrifflichkeit in die Rubrik natürliche Zuchtwahl. Doch in der Evolution spielt auch noch die geschlechtliche Zuchtwahl eine Rolle, die all jene Aspekte betrifft, die erfolgreiche Fortpflanzung garantieren sollen. Wie wählen Tiere ihre Sexualpartner aus? Was stimuliert den Fortpflanzungswillen? Bei Stichlingen sind es die roten Bäuche der Weibchen, riesig aufgeblasene Kehlsäcke beim Fregattvogel. Das prächtige Geweih eines Hirschen bekundet seine fitness und verheißt darum wohlgeratende Nachkommenschaft; irisierende Schuppen auf Schmetterlingsflügeln ziehen Weibchen an, in der Brunst sichtbar angeschwollene Feminalien locken Männchen zur Begattung, etc.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass auch Kleidermode eine lange und innige Beziehung zur Balz unterhält. Der cul de Paris, enggeschnürte Taillen, hochgeschürzte Büsten bei Frauen sind ebenso wie maskulin breite Schulterpolster und die ausgestopfte Schamkapsel in der Renaissance (gewissermaßen die Wiedergeburt des papuanischen Penisfutterals in Europa) Mittel, geschlechtliche Anziehungskraft zu steigern. Aber es ist doch bemerkenswert, dass es sich dabei nicht um ein anthropologisches Universal handeln kann; in den Epochen, in denen die weibliche Silhouette defeminiert und androgynisiert wurde, ist kaum weniger begehrt, geliebt und gevögelt worden als in jenen, die typische Geschlechtermerkmale deutlicher hervorgehoben haben; die Geburtenraten in Gemeinschaften, deren Frauen sich in Burkas, Niqabs, Tschadors und Abayas kleiden, lassen zumindest die Vermutung zu, dass das dortige Sexualleben trotz dieser gespenstischen Körperverhüllungen nicht erloschen ist. 

Das Schönseinwollen ist zwar ein tief im chromosomenfeuchten Mutterboden ankernder Wurzelsproß, deren ursprünglicher Zweck, den sexuellen Appetit eines möglichen Geschlechtspartners zu stimulieren, jederzeit aktivierbar ist; doch ganz offenbar hat dieser Schmucktrieb eine gewisse Selbständigkeit erlangt; seine kruden Anfänge im Partnerwerbungs- und Fortpflanzungsgeschäft hat er längst abgestreift. Nur depperte Mannsviecher glauben heute noch, dass Frauen, die Minirock tragen, sich damit als sexuelles Freiwild andienen wollen. Das Schönseinwollen reckt seine Würzelchen heute nicht mehr nur zu Uterus und Hoden hin, sondern zur Hirnrinde. Es sucht nicht nach sexueller, sondern nach sozialer und menschlicher Anerkennung. In der Bibel meinte die Wendung „einander erkennen“ noch einfach Sex. Mir scheint, dass der Begriff heute auf irgendwas Ganzeres zielt. Ich bin mit dieser Entwicklung mal einverstanden.

Wir bummeln den Vormittag in Shrewsbury herum und verzichten sogar auf einen Besuch in der Kathedrale, was eine bemerkenswerte Abweichung von unserem touristischen Normalverhalten ist. Wären wir zufällig auf Darwins Geburtshaus gestoßen oder ein ihm geweihtes Museum, hätte ich dem großen Mann freudig meine Huldigung dargebracht, aber wir finden nur einen Imbiss namens Darwin’s Sandwich Evolution, einen ebenfalls nach ihm benannten Pub sowie ein Einkaufszentrum mit seinem Namen. Am Severn gibt es eine Skulptur, die an sein Werk erinnern soll, aber das Ding sieht aus wie ein zum Halbkreis gebogenes Wirbelsäulenmodell aus einer Orthopädenpraxis und heißt auch noch (als sei Darwins wissenschaftliches Fachgebiet gar nicht die Evolutionstheorie, sondern die Quantenmechanik) Quantum Leap. Das mag ein guter Titel für eine Heisenberg-Biographie oder einen James-Bond-Film sein; was einen Bildhauer aber geritten haben mag, diesen Namen für ein Darwin-Gedenken zu verwenden, lässt sich vermutlich nur durch eine solide Portion Künstlerschwachsinn erklären.

Um die Mittagszeit brechen wir in Richtung Telford auf, wo mich ein anderer historischer Quantensprung stark interessiert. Südlich der Stadt liegt am Ufer des Severn ein Ort, der heute Ironbridge heißt. Vor 1779 gehörte das Gebiet zur Gemarkung Coalbrookdale, in der, wie der Name schon andeutet, seit langem Kohle abgebaut wurde. 1709 pachtete ein Quäker namens Darby das dortige Bergwerk und kam in den nächsten Jahrzehnten zu einigem Wohlstand, indem er in Sandformen eiserne Kochtöpfe gießen ließ. Das Verfahren kannte man bereits für Messing und Bronze, doch er entwickelte es für das stabilere Eisen fort.

Um Eisen zu verhütten, waren damals noch große Mengen Holzkohle vonnöten, die im kahlgeschlagenen England Mangelware war. Darby entwickelte darum in langwierigen Versuchen Verfahren, Holz- durch Steinkohle zu ersetzen. Dazu musste der Schwefel- und der Phosophorgehalt der Kohle durch den Entzug von Sauerstoff und die Zugabe von Kalk reduziert werden. Sobald man diese Technik perfektioniert hatte, war der Weg für die industrielle Revolution gebahnt: nun konnte man zur Eisenproduktion auf die fossilen Reserven zugreifen. 

Industrielle Revolution bedeutet zuerst die Abkoppelung von den natürlichen Reproduktionszyklen: nun konnte man mehr Energie verbrauchen als die Sonne in einem Jahr gespendet hatte; man konnte auf die in unvordenklicher Vergangenheit gespeicherten Ressourcen zugreifen. (Das ist vielleicht das größte menschliche Talent - nicht nur, was fossile Energieträger angeht, sondern überhaupt. Der Mensch ist die Gattung, die sich auf die Vergangenheit beziehen kann und von dorther Kräfte bezieht: in mündlicher Rede, im Ahnenkult, in der Landwirtschaft, schließlich in der Schrift. Menschen leben mehr als jede andere Art nicht nur von dem, was es gibt, sondern von dem, was es einmal gegeben hat. Sie leben vom Angehäuften.)

Auch eins der wichtigsten Gleise, die in die Moderne führen, verdankt sich solch anhäufender Lagerhaltung. Als um 1760 der Absatz von Gusseisenwaren aus Coalbrookdale stagnierte, landete das produzierte Eisen in Barrenform auf Halde. Um zwischenzeitlich etwas damit anzufangen, besserte man die verschlissenen Holzbohlenschienen der Hüttenbahn mit diesen Eisenbarren aus, und erkannte schnell deren überlegenen Nutzen. Damit war die Eisenschiene geboren, und so ein Element des Dispositivs, in dem sich aus der ebenfalls auf Eisen und Kohle angewiesenen Dampfmaschine die Lokomotive entwickelte; diese steigerte wiederum die Nachfrage für Eisenschienen ins schier Unvorstellbare. 

Binnen eines halben Jahrhunderts wurden die technischen Grundlagen geschaffen, die lebendige Naturkräfte durch den Verzehr fossiler Reserven ersetzen sollten. Die Holzkohle verlor ebenso an Bedeutung wie das Pferd. Der Mensch lockerte den alten Pakt mit dem Organischen - mit dem Wald und dem Tier - und überließ sich den anorganischen Residuen der Vergangenheit, um daraus seine Zukunft zu schaffen. Und diese Zukunft war gewaltig: eine Entfesselung sondergleichen, in der jede neue Entwicklung auch neue Herausforderungen, Bedürfnisse und Probleme schuf, die wiederum zu neuen Erfindungen anstachelten, diese wiederum zu neuen Problemen, die in dauernder Rekursion neue Erfindungen nötig machten.

Ironbridge ist ein Musterbeispiel für diesen Vorgang. Im Fall der auf Halde liegenden Eisenbarren löste man vorderhand nur die Probleme von Überschussproduktion und Schienenverschleiß, entdeckte dabei aber eine Anwendung, die auf lange Sicht das Verkehrswesen revolutionieren sollte - 1795 fährt 50 Meilen von Ironbridge entfernt in Derbyshire die erste, noch von Pferden gezogene Eisenbahn, die mehrere Haltestellen miteinander verbindet. Dreißig Jahre später steht Stephensons No.1 unter Dampf. 

Andere Anwendungen folgen einer ähnlichen Logik, bei der die Lösung selbsterzeugter Probleme neue Anwendungsgebiete erschließt. So brachte die stark wachsende Industrie hohes Verkehrsaufkommen mit sich, denn die produzierten Güter mussten ja zu den Abnehmern befördert werden. Die beiden Ufer des Severn waren bislang nur durch Fähren miteinander verbunden, die bald dem anwachsenden Längsverkehr im Weg waren. Eine Brücke wurde nötig. Deren Pfeiler durften allerdings die Schifffahrt auf dem Fluss nicht behindern. Also überspannte man den Severn mit einer Eisenkonstruktion, deren Spannweite und Stabilität mit Holz nicht hätte geleistet werden können  - mit dieser gusseisernen Brücke bekam das Industriezeitalter 1779 eine seiner frühesten Ikonen.

Das Severn-Tal ist heute, da längst keine Kohle mehr verkokt wird, durchaus lieblich. Ein Diorama im Ironbridge Museum zeigt, wie es ausgesehen hatte, als hier nicht nur Kohle gefördert und verhüttet, sondern auch Bitumen aus der Erde geholt und in Loren zum Fluss geschafft wurde. In der Vitrine wirkt die Landschaft immer noch recht anmutig, auch wenn größere Flächen schwarz von Schlacke, hunderte von Metern wie verbrannt, und die aneinandergereihten Werkhallen pekig von Ruß sind, als sei ein Brand über sie hinweggegangen. Was das Diorama nicht zeigen kann, ist der schwarze Qualm, der hier aus Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Meilern, Koksöfen und Schloten stieg und sich mit dem Rauch der Porzellanbrennereien vermischte, die hier ebenfalls ansässig waren. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, so belehrt uns eine Schautafel, war dies die am höchsten industrialisierte Zone weltweit. (Das ist freilich nur wahr, wenn man einen eingeschränkten Begriff von Industrie im Sinn hat, der von rotglühenden Metallflüssen und rhythmisch hackenden Maschinen bestimmt wird, während man andere industrielle Verfahren übersieht, wie sie in Frankreich vor allem um 1793 erprobt wurden, als die Guillotine in bemerkenswerter Emsigkeit Köpfe abhackte und Ströme von rotem Blut fließen ließ. Massenfertigung bestand hier vor allem in der Herstellung von Leichnamen. Ich will nicht leugnen, dass Leichname nicht unbedingt als Handelsware taugen, und darum nennt man es vermutlich auch nicht Industrie; ich wüsste auch nicht, wie solche Erzeugnisse des Gewerbefleißes in der Berechnung des Bruttosozialprodukts unterzubringen wären.)

Das Museum, das in den alten Fabrikanlagen von Coalbrookdale eingerichtet ist, hat eine erstaunliche Sammlung von Dingen zu bieten, die man im 19. Jahrhundert aus Gusseisen fabriziert hat. Offenbar war man begeistert von dem Material und scheute sich nicht, diesen wenig filigranen Stoff auch für Gegenstände zu verwenden, deren ästhetischer Sinn ganz aus dem Streben nach Feingliedrigkeit und Schlankheit herrührt. 

Gusseisen ist ja ein prima Material für Säulen und feste Gitter, für starke Dachverstrebungen, Laternenmasten, schwere Gestänge von Lokomotiven und anderen Maschinen. Bei der Gestaltung von Wohninterieurs sollte man aber Vorsicht walten lassen, denn wenn die überkommenen Formen mit dem neuen Stoff nachgebildet werden, legen sie unweigerlich ein paar Kilo zu und gehen aus dem Leim. Was in der Möbeltischlerei noch feine Speiche gewesen war, wird nun zur plumpen Strebe. Aus schlanken Leisten werden massige Gusseisenzöpfe, aus schmalen Platten schwere Panzerungen - dem Material haftet eine notorische Neigung zur Adipositas an. Das mag in der Umgebung von schmerbäuchigen Magnaten angehen, für Kaffeetafeln, auf denen Sahnetortenwettbewerbe ausgerichtet werden, für Honoratioren, die sich entschlossen haben, sich zu Tode zu fressen, für Matronen, die so feist sind, dass sie es nicht gerne sehen, wenn ihre Möbel sie durch Schlankheit und Finesse beschämen. Mit gusseisernen Möbeln sollte man allenfalls Salons ausstatten, in denen pummelige, pausbäckige Blagen über Eisbärenfelle und flauschige Teppiche krabbeln, und, wenn sie dann zwei Meter geschafft haben, zur Belohnung einen Krapfen in den Schlund gestopft bekommen.

Wir sehen Kaminaufsätze und Stühle mit eisernen Rückenlehnen, die wie für die hünenhafte Leibgarde von König Artus oder für den monströsen Heinrich VIII am Ende seines Lebens gemacht sind; Tische, deren Eisenplatten von vier eisernen Windhunden emporgestemmt werden (obwohl Nilpferde für diesen Zweck sehr viel angemessener wären); Buffetschränke, die so schwer wiegen wie ein Tresor in der Bank von England; Pendeluhrensarkophage von einer Massivität, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie ein Sekundenzeiger darin überhaupt voranschreiten soll - die Zeit kann hier eigentlich nur ächzend gegen die zähe Last stehender Gegenwart ankämpfen, wie ein dicker Mann, der durch Treibsand und Schlammmassen watet.

Dass die Industriellen eine Vorliebe für derart vierschrötiges und klobiges Zeug hatten, nimmt eigentlich Wunder. Ich hätte gedacht, dass sie an beweglicherem Gut Gefallen gefunden hätten, an leichten Möbeln, und nicht an tonnenschwerem Tischen und Schränken, die man bestenfalls als Immöbel bezeichnen kann. Doch ihre Einrichtungen sind schwer und lastend - das ist erstaunlich, da sie in ihrem Geschäftsleben, wie Marx es so glänzend formulierte, alles Stehende und Ständische verdampfen ließen und eine Mobilität und ein derart reges Hin und Her entfesselten, dass der Welt bald in veloziferischem Taumel schwindlig wurde. (Gottfried Keller gibt in den Tell-Fest-Kapiteln des Grünen Heinrich in der Gestalt des Holzhändlers ein bewundernswert präzises Beispiel dieser neuen, flüchtig kapitalistischen Wirtschaftsweise. Wer ohnehin vom vorliegenden Text die Schnauze vollhat, sollte sich unbedingt den Grünen Heinrich vornehmen; das ist lohnendere Lektüre als dies hier.)

Es ist freilich nachvollziehbar, dass Menschen, die ihren Reichtum dem Eisen, der Kohle und den schweren Maschinen verdankten, genau inmitten solchen Mobiliars leben wollten, das sie beständig an die Quelle ihres Wohlstands erinnerte. Doch dabei sind die Eisenbarone und ihre Möbelgestalter den ihrem Material innewohnenden Stärken nicht gerecht geworden; sie haben entweder nicht recht kapiert, mit welch eminent modernen Stoff sie arbeiteten, oder sie haben angesichts dieser technisch-funktionalen Modernität einen Mordsschrecken bekommen, weshalb sie all das Zeug mit dem ganzen historistischen Insignienplunder verzierten, in dem sich das Industriezeitalter seiner langen Herkunft aus der Zeitentiefe der Antike versichern wollte. 

Mag sein, dass der Epoche das Gusseisen als kalter, seelenloser Werkstoff erschien: als ein schwarzer Heide, der aus der Unterwelt der Flöze und Schlacken gezerrt wurde, und nun mit all den segensreichen Symbolen abendländischer Geschichte getauft und gebrandmarkt werden musste, welche die Verbindung zur Vergangenheit aufrechterhielten. Dieser chthonische Dämon, der zum neuen Gott des Zeitalters geschmolzen, geschlagen, gegossen wurde, musste der olympischen Götterwelt eingemeindet werden, um das Band nicht abreißen zu lassen, welches die Ahnen und die Gegenwart zusammenhielt.

Darum gibt es kaum ein Zierfries oder eine Schmuckborte in diesem ganzen eisernen Mobiliar, das nicht mit Nymphenreliefs, Faunenfüßen oder anderem Göttertinnef geschmückt wäre. Mit diesem ganzen mythologischen Mumpitz kostümiert, wirkte der nackte schwarze Eisenheide dann schon nicht mehr ganz so befremdlich; er gab sich als Teil eines Überlieferungszusammenhangs und schien sich brav in die Tradition einzureihen, obwohl er in Wahrheit die Heraufkunft eines neuen Zeitalters und den Umsturz aller Verhältnisse ankündigte.

Die mythologischen Figuren wurden als Laren aufgeboten, Schutz- und Familiengötter, die den Fortbestand der Sippen verbürgen sollen - doch mir scheint, dass die Moderne durch das Unterholz der Geschichte wie ein zottiges Ungeheuer gebrochen ist, in dessen Fell sich nur noch für ein Jahrhundert der nutzlose und unzeitgemäß gewordene Plunder aus antikisierendem oder mittelalterlichem Klettenwerk verfangen hat, Putten und Göttinnen, Heroen und Heilige, und erst nach und nach löste sich dieses überlebte Dekorum wieder aus den Zotten des Viehs, und ließ schließlich doch die tödlich nüchterne, brutale Visage der Industriewelt hervortreten, strahlend und gewaltig, ein Gott der Waffenschmiede und Ingenieure.

(Ich bekomme die Erinnerung an Flauberts Éducation Sentimentale nicht mehr aus dem Kopf, in der der Malerpfuscher Pellerin Christus als Führer einer Lokomotive eine Schneise durch den Urwald pflügen lässt… Le progrès!)

Am späten Nachmittag suchen wir einen Übernachtungsplatz am Shropshire Union Canal, der in dieser meist flachen Acker-und Weidelandschaft Shrewsbury und Chester (und über Abzweigungen auch Birmingham, Manchester, Sheffield und Liverpool) miteinander verbindet. Einst haben die großen Industriezentren Englands ihre Güter über diese Wasser nach Liverpool verschifft, um sie von dort in alle Welt zu exportieren, aber die Boote, die heute dort ankern, sehen nicht nach danach aus, als könnte man darauf mehr als ein paar Kartons mit Modelleisenbahnen oder Spielzeugdampfmaschinen befördern. An den Kanalufern sind kleine Pénichetten vertäut, verglaste Aussichtskähne für zwei Dutzend Ausflügler, ab und an ein verträumtes Hausboot, das von Schafen angeblökt wird. Dass die Industrielle Revolution von Shropshire aus ihren Ausgang nahm, mag man angesichts dieser zwergenhaften Dimensionen kaum glauben. Doch vor der Erfindung der Eisenbahn wurden Rohstoffe und Stückgut tatsächlich auf sogenannten narrowboats von kaum mehr als zwei Metern Breite spediert, die in den siebzig Jahren vor 1830 einen so preisgünstigen Güterverkehr ermöglichten, dass der Kohlepreis in Manchester um zwei Drittel gesenkt werden konnte, was der aufstrebenden Industrie dort einen enormen Vorteil verschaffte. Die Investition ins Kanalnetz lohnte sich. Der Duke of Bridgewater begann um 1760 mit einem Kanal, der seine Kohlegruben mit Manchester verband; es dauerte nur wenige Jahre, bis die Baukosten sich amortisiert hatten und der Kanal Riesengewinne abwarf, woraufhin in England und Wales eine wahre canal mania ausbrach. Bis 1830 grub man 7000 Kilometer Kanalstrecke; doch bald schon kam die Eisenbahn und löste das narrowboat als günstigstes Transportmittel ab. Nach und nach verfielen die Kanäle; für die Bootsführer wurde es ein elendes Geschäft. Und heute erhält sich das narrowboat, wie so vieles aus Englands glorioser Vergangenheit, vor allem als touristisches Vergnügen für Ausflügler und Hausbooturlauber.

Ein gewisser handfester Geschäftssinn ist in der Region allerdings nie erloschen. Als wir am Tresen des Shady Oak fragen, ob wir denn auf dem weitläufigem Parkplatz übernachten könnten, wenn wir im Pub Speis und Trank konsumierten, nickt der Manager eifrig und fügt hinzu, Übernachtung mache allerdings zwanzig Pfund extra. Ich suche im Gesichtsausdruck des Mannes nach einem Zwinkern oder einem anderen Zeichen, dass er nur einen Witz machen will, aber da ist nichts zu finden außer professioneller Unverschämtheit. Wir werfen einen wehmütigen Blick auf die Tische, die im Sechs-Uhr-Licht am Kanal stehen. Hier wäre wohl ein schöner Ort, um den Abend zuzubringen, doch solch dreister Halsabschneiderei nachzugeben, kommt nicht in Frage. Zudem mampfen die Gäste hier vor allem Burger, zwischen deren Brötchenhälften so reichlich Ketchup heraussickert wie Blut aus einer durchgeschnittenen Kehle - und der Sunday Roast sieht so aus, als hätte er den schönen Tag genutzt, ein ausgiebiges Sonntags-Sonnenbad zu nehmen. Das Fleisch ist verdorrt, der Yorkshire Pudding ein schrumpliger Teigpilz und die Bratensoße viskos wie Schweröl. Die Wehmut ist schnell verflogen; wir verabschieden uns ohne Bedauern.

Ein paar Meilen weiter finden wir in Bunbury einen Pub, der schon mehr nach unserem Geschmack ist. Das Dysart Arms hat einen üppig mit Gesträuchen und Rabatten bepflanzten Garten, dessen Blüten und Blätter von der Abendsonne plastisch hervorgetrieben werden. Drinnen schmausen ein paar größere Gesellschaften zwischen Bücherregalen, draußen wird mir eine Räuchermakrele mit Saubohnen und einem Kräutchen serviert, das die reine Essenz von Erbsenaroma darstellt, dazu eine dezente Dill-Crème-fraîche und Kartoffelpüfferchen mit Schinkenfasern darin - eine feine Komposition, die ich mit Andacht verzehre und beim Kellner lobe und für die ich auch später, als wir uns zur Nacht einrichten, nochmal der Mannschaft Komplimente mache, als Köche und Beiköche eine Feierabendkippe auf dem Parkplatz rauchen. Sie haben sie sich verdient, die Kippen und die Komplimente.


3. Juli. Bunbury, Chester, Liverpool


Dem Dysart Arms gegenüber steht St Boniface, eine Kirche aus normannischer Zeit, die ein steingewordenes Lutherlied ist: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Ein trutziger und zinnengekrönter Turm trägt einen Aufsatz von Fialen, die nicht wie architektonischer Zierat wirken, sondern eher wie Lanzen, auf deren Spitzen man zur Not auch die Köpfe von Erschlagenen oder Gehenkten spießen könnte. Angesichts dieser martialischen Anmutung sehen sogar die Grabsteine im Kirchhof kriegerisch aus, als seien hier die Schilde gefallener Ritter zu ihrem Gedenken in die Erde gerammt worden. 

Der marmorne Ritter, der in der Kirche auf seinem Grabmal ausgestreckt liegt, hat keinen Schild mehr bei sich. Doch ohne Schutz ist er auch nach dem Tod nicht. Er trägt immer noch seine Rüstung und eine Kettenhaube - sollte der Teufel ihm in der Hölle blöd kommen, wird er sich zu wehren wissen.

Wenn die Hölle allerdings mit solchem Personal bestückt ist wie jenem Parkwächter, der uns in Chester aus seinem Wachhäuschen heraus anmurrt, hätte auch ein Ritter, der Tod und Teufel nicht scheut, kaum eine Chance. Nicht, dass dieses alte Männchen zu bösartigen körperlichen Maßregelungen imstande wäre oder mit Piken oder dornenbesetzten Peitschen auf seine Kundschaft losginge; doch es genügt vollauf, in seine grämliche Visage zu schauen, um bösartige Stiche im Kopf und eine Spannung im Zwerchfell zu spüren, als würde es gleich in tausend kleine Fetzen zerrissen. Dieser Mann strahlt einen solch hasserfüllten Überdruss am Menschen im Allgemeinen aus, dass mir die Ohren sausen, als ich unter seinen giftigen Blicken nervös in meinem Portemonnaie krame, um die verlangte Summe zusammenzubringen. Meine Lider flimmern, und graue Proteinflocken huschen in den Glaskörpern meiner Augen umher, vermutlich, weil sich sogar auf dieser molekularen Ebene manche Körperbausteine unwohl fühlen, während sie der Ausstrahlung dieses dämonischen Parkplatzkustoden ausgesetzt sind. Was für ein Willkomm in Cheshire! 

Chester ist allerdings nicht uncharmant, ungeachtet der Frage, ob hier das 19. Jahrhundert Häuser des 14. nach seinen Vorstellungen vom 16. umgestaltet, oder ob bereits das 17. Jahrhundert sich denkmalpflegerisch am 13. vergangen hat. Jede Epoche hat hier ihre Spuren hinterlassen, Römer und Angelsachsen und Wikinger und Normannen, die Plantagenets und die Tudors, Elizabeth und die Stuarts und der Bürgerkrieg und das Haus Hannover und das Empire bis hin zu Boots, Thomas Cook und Crabtree & Evelyn.

Die Zeiten verstehen sich einigermaßen. Manch klassizistisches Haus nach Palladio fügt sich gut zwischen Tudorbauten ein. Man hat selten den Eindruck, dass da ein hochmögender Schnösel sich bloß mit der angesagtesten Mode seiner Zeit hervortun wollte, um seine Nachbarn zu beschämen und zu übertrumpfen. Auch Häuser, die in einer Hinsicht aus der Reihe fallen, schmiegen sich in in anderer Hinsicht wieder höflich ins Gesamtbild.

Wir machen eine Runde auf der alten Stadtmauer und kraxeln herunter, als der Garten der Kathedrale uns dazu verlockt. Na klar. Kathedrale ist einer meiner Schlüsselreize, wie der rote Bauch eines Stichlingsweibchens für ein Stichlingsmännchen, oder Reklameplakate mit vollbusigen Frauen für Menschenmännchen - man muss da hingucken, ob man nun will oder nicht, und zwar eine Hunderstelsekunde, bevor der Auslöser überhaupt in unserem Bewusstsein angekommen ist. Aber was soll die Klage? Meist ist die Erfahrung dann ja auch ganz angenehm, bei Brüsten nicht minder als bei Kathedralen.

Das gilt auch bei diesem kunstseligen Bau. Schon der Garten ist mit Kunst möbliert - drei riesenhafte Graniteier stehen dort nebeneinander, das erste ein eingeknufftes Sandsackkissen, oder vielleicht auch ein graues Gehirn oder ein wulstig gefurchter Säugetierkeimling; das zweite ist von einem Netz präziser Rautenwaben überzogen, und das dritte schließlich ein dicker Tannenzapfen aus steinernen Schuppen. Eine Trias aus Tier, Geometrie und Pflanze? Oder Schlaf, Traum, peeling? (Darüber muss nun der Leser selber nachdenken.)

Der Rundgang durch die Kathedrale beginnt im Kreuzgang, wo eine Ausstellung unter dem Titel Arche aufgebaut ist. Die Exponate sind oft von erfrischender Pietätlosigkeit und Morbidität, wie man sie in Kirchen eher nicht erwartet. Schon die Skulptur, die den Besucher begrüßt, gibt den Ton vor: sie zeigt das Bronzehaupt Noahs, eines Mannes, dessen Patriarchenbart ihm einige Würde verliehe, wenn auf seiner Glatze nicht ein Rabe hockte, der ihm die Krallen in die Augen schlägt. Ein bisschen weiter balgen sich zwei Katzengerippe um ein Vogelskelett; dann vollführt ein Gummimenschen-Skelett eine akrobatische Übung, bei der sich die Wirbelsäule so hintüberbiegt, bis der Schädel zwischen den knöchernen Knien hervorschaut. Hier streckt eine Männergestalt die Arme himmelwärts, die sich in dürre Baumäste verwandeln, dort ist aus Panzerblechbauteilen ein Pferdekopf zusammenmontiert, dessen Mähne aus Patronengurten besteht. (Ähnliches haben wir schon in Stourhead gesehen.)  In einer Seitenkapelle stoßen wir auf einen Katafalk mit Glasbedachung, in dem eine ausgestopfte Katze in ein aufgeklapptes Köfferchen gesperrt ist. 

Viele dieser Kunstwerke sprechen von den Leiden der geschundenen Kreatur - und vielleicht auch davon, dass der Mensch nicht mehr wie Noah die Tierheit vor der Sintflut gerettet hat, sondern sie entehrt, quält, vernutzt, indem er die Schöpfung ruiniert und überall Tod und Verderben bringt…

Die Kirche selbst ist aus zedernrötlichen und tannenhonigfarbenen Sandsteinmauern, die mit Mosaiken in einem etwas süßlichen Heiligenbildchenton geschmückt sind. Eine holzgetäfelte Decke mit goldenen Intarsien spannt sich über dem Mittelschiff und verleiht dem Raum trotz seiner Größe eine fast wohnliche, warme Anmutung. Diesen Eindruck teilt wohl auch ein rumänisches Liebespaar, denn die beiden fühlen sich hier ganz wie zuhause oder zumindest so privat, dass die junge Frau sich für ein paar Fotos in Posen wirft, deren Eignung für einen Pin-Up-Kalender nur noch dadurch gesteigert werden könnte, wenn sie auch den Rest ihrer ohnehin knappen Bekleidung ablegen würde. 

Da ihr Gefährte nicht nur Fotos schießt, sondern offenbar auch ein Video dreht, für das sie lasziv die Hüften schwenkend am Lettner entlangstöckelt, fürchte ich, sie könnte auf das große Kreuz zugehen und dort eine nicht ganz jugendfreie pole dance-Nummer abziehen. Wir wenden uns diskret ab, nur für den Fall, dass die Frau doch das eine oder andere Kleidungsstück unbeobachtet loswerden möchte, und wandern auf eine pechschwarz glänzende, klobige Skulptur im Mittelschiff zu. 

Eine muskulöse Gestalt ist dort lang ausgestreckt, den Körper im Liegestütz auf Fußspitzen und Ellbogen hochgestemmt. Die Hautoberfläche des metallenen Wesens ist zerbeult und dellig, als hätte der Bildhauer mit dem Hammer drauf eingeprügelt, um diesem schwarzen Gorilla (denn um einen solchen handelt es sich) die Textur eines gepanzerten, wenn auch ramponierten Cyborgs zu verleihen. Vielleicht sind die Beulen auch nicht Folge harter Schläge, sondern einer Metallschmelze, bei der das Material Blasen geworfen hat oder zu Pfützen zerlaufen ist, man weiß es nicht, doch klar ist: dieses gewaltige Tier ist angeschlagen und versehrt und niedergestreckt. Da es in Richtung des Altars liegt, könnte es sein, dass es Trost in Christum sucht, und sich auf dem Kirchenboden demütig und flehentlich prosterniert - doch nein. Es blickt nicht zum Allerheiligsten hin, sondern in den Spiegel, der unter seinem Schädel schimmert wie eine silberglänzende Wasserpfütze. Der Gorilla will nicht daraus trinken. Er will nur schauen. Sein verschwollenes, schwarzes Haupt beugt sich über sein Spiegelbild, und im Spiegel sieht man noch deutlicher als in dem Haupt selbst die Verzweiflung und den blinden Schrecken, die in diesem Antlitz stehen. Es ist vielleicht der Mythos von Narziss, auf den hier Bezug genommen wird, jenes schönen Jünglings, dem geweissagt wurde, er werde sterben, wenn er sich selbst erkenne. Narziss blickte auf sein Spiegelbild im Wasser und verliebte sich in dessen Schönheit. Doch sobald er es küssen wollte, zerging das Bild, entzog sich dem Liebenden, und so blieb Narziss am Uferrand über das Bild gebeugt, aß nicht, trank nicht und schwand schließlich in Trauer über seine unerfüllte Liebe dahin. 

Der Gorilla aber liebt nicht, was er sieht. Er weiß auch, was das ist, das er da sieht, und es graut ihm davor: ihm graut vor einem brutalen Primaten. Oder vielleicht auch vor einem betenden und flehenden und erkennenden Menschen, der ahnt, dass er in Wahrheit nichts von all dem ist, sondern schlicht ein Vieh, das sich vergeblich danach sehnt, ein Mensch zu werden.

Die Skulptur ist ein tiefsinniges und vieldeutiges Werk, über das noch weiter zu räsonieren wäre. Doch da kommt schon das rumänische Pärchen heran, weil es darin eine neue Kulisse entdeckt hat. Die Frau nimmt wieder ihre Lieblingspose ein (Brust raus, Bauch rein, Po raus, als flachgelegter Versfuß wären das mit Beinen zwei Anapäste: ◡◡◡◡), und der Gorilla wird zum bloßen Anbeter weiblicher Attribute reduziert und zweckentfremdet. Schade drum. Es hätte vielleicht was aus ihm werden können.

Wir bummeln noch ein paar Stündchen durch die Stadt, bewundern das schmucke Fachwerk und die Backsteinbauten, wundern uns schon lange nicht mehr darüber, dass ein Gutteil der Läden zugunsten der britischen Herzhilfe, Blasenkranker, Mukoviszidoseleidender oder nordenglischer Rheumatiker Second-Hand-Ramsch anbietet und das Wundern über die Kücheneintönigkeit aus burger und beer battered fish hat auch schon aufgehört. Wir gehen zu Mittag ins „Bella Italia“, aber weder die Rossini-Arien vom Band noch die sepiafarbenen Fotografien im Goldschnörkelrahmen - die nonna beim Nudelschneiden, Eseltreiber mit Korbflasche unterm Arm - können den schmadderigen Teiglappen, den wir uns teilen, in eine anständige Pizza verwandeln. Die Pizza stellt in puncto Geschmack eine ebensolche Schwundstufe ihrer italienischen Ahnin dar wie es (nach dem Essen) in puncto Erhabenheit die Chestersche Cirkusruine tut, die den läppischen Abklatsch eines Römisches Amphitheaters gibt. Ein Halbkreis aus Sand, ein paar flache Steinbänder, und das war’s. Man braucht viel Phantasie, um den Gedanken wieder loszuwerden, es handle sich bei Chesters Amphitheater um ein während der Ausschachtung gestopptes Tiefgaragenprojekt, und sich stattdessen mit Zuschauern gefüllte Tribünen, Gladiatorenkämpfe und Tier-und Menschenhatzen vorzustellen. Jetzt wäre ich schon froh, wenn auf dieser öden Fläche ein paar Kinder im Sand buddelten, am Rand bewacht von einem Rudel Omas. Auf die Tribünen sollen hier einmal zehntausend Besucher gepasst haben, johlend, den Daumen senkend, voller Gier nach Blut und Tod, und irgendeine perverse Anwandlung speit mir das Bild ein, wie zehntausend zahnlose Großmütter auf ihre Enkel schauen, die sich im Arenasand die Schäufelchen ins Gesicht schlagen.

À propos perverse Vorstellungen: es wird Zeit, zum Auto und zu dem sinistren Parkplatzwächter zurückzukehren. Er sitzt immer noch in seinem Häuschen (wahrscheinlich wohnt er dort), und mustert uns, als wir an der Auslassschranke die Karte einschieben, nicht weniger verdrossen als der mürrische Charon, als er Aeneas und die Sybille passieren lassen musste, nur weil sie diesen verdammten goldenen Zweig bei sich trugen, der ihnen die Tore der Unterwelt auftat.

Raus kommen wir ungeschoren. Aber dann auf Wirral, der Halbinsel westlich des Mersey, nirgendwo rein. Die Küste dort ist eine merkwürdige Mischung aus Privilegiertheit und Proletarismus; die schönen Flecken gehören den Befugten, doch die Befugten scheinen nicht notwendigerweise auch die Reichen, sonst wären die Küstenorte wohl danach. Oder gibt es Reichtum ohne Glanz? Reservate der Wohlhabenden, die dennoch plebejisch aussehen?  Wahrscheinlich gibt es das, auch an der Südküste in Bornemouth - der reichsten Kommune des Königreichs - paart sich Geld willig mit Hässlichkeit. Hier scheint es ganz genauso. Wenn da irgendwo ein Schönheitszauber ist, dann liegt er wohlverborgen hinter hohen Zäunen und Hecken, und ist kaum in die Allmende ausgesickert, um mit seinem Feenstab die Orte zu irgendeiner Art von Schönheit zu erwecken. Die Uferpromenaden von Kirby und Hoylake sind lieblose Asphaltstreifen, und die Häuserreihen dahinter verströmen zumeist die Aura eines beigen Mittelstandsmiefs, der so viele Siedlungshäuser der Sechzigerjahre prägt. Unwillkürlich stelle ich mir likörschnasselnde Hausfrauen in Kittelschürzen vor, wie sie das Mahagonifurnier ihrer Teewagen mit Polyboy wienern und zwanghaft den Glasnippes auf ihren Kommoden abstauben.

Wir halten ein halbes Stündchen Ausschau nach einem Stellplatz, an dem wir ruhig den Rest des Tages verplätschern lassen können, aber bevor wir den Tag verplätschern lassen, kommt uns der Regen mit Geplätscher zuvor. Dann doch lieber nach Liverpool!

Eine halbe Stunde später stehen wir auf einem großen leeren Parkplatz an der Anfield Road. Doch erst, als vor uns ein hohes schmiedeeisernes Tor aufragt, das von einem Vogelwappen und dem Schriftzug „You’ll never walk alone“ gekrönt ist, begreife ich, dass ich „Anfield Road“ schon mal gehört habe. Es ist das Stadion des Liverpool FC, dessen Hymne besagtes Versprechen ist, niemals alleine zu gehen. Die Zeile ist seit 1989 offizieller Teil des Vereinswappens. Der FC hatte in jenem Jahr den Tod von nahezu hundert Fans zu beklagen. Bei einem Pokal-Halbfinale in Sheffield waren weit mehr Karten verkauft worden als zugelassen, und durch die nachdrängenden Zuschauer wurden etliche der schon an die Zäune gepressten niedergetrampelt oder zu Tode gedrückt. Andere versuchten in Todesangst, die Absperrungen zu überklettern, wurden aber fatalerweise von den Sicherheitskräften wieder zurückgetrieben, wodurch sich das Geschehen zur Katastrophe mit 100 Toten und 750 Verletzten auswuchs. Es war nicht das erste große Unglück, in das der FC verwickelt war. Vier Jahre zuvor waren im Brüsseler Heysel-Stadion Liverpooler Hooligans aus ihrem Fanblock in die benachbarte, nominell neutrale, Zone gestürmt, in der allerdings dank eines korrupten UEFA-Funktionärs vorwiegend Anhänger von Juventus Turin standen. Als die Hooligans über sie herfielen, versuchten sie zu flüchten, wurden aber niedergetrampelt oder an die seitliche Begrenzungsmauer gequetscht, die solchem Druck nicht standhielt und einstürzte, wodurch noch mehr Menschen verletzt wurden oder zu Tode kamen.

Die Zeile „You’ll never walk alone“ stammt ursprünglich aus einem Rodgers/Hammerstein-Musical, das im April 1945 uraufgeführt wurde. Es ist ein Lied, das Mut machen soll und hinter der gegenwärtigen Düsternis den Silberstreif am Horizont beschwört - angesichts des sich ankündigenden Kriegsendes im Mai weitete das im Jahr 45 sicherlich so manche bange Brust. Doch als wir vor den hohen Gittern des Tores stehen, über dem sich dunkle Wolken ballen, und mir diese Katastrophen und Massenpaniken wieder in den Sinn kommen, verschiebt sich in meinem Kopf die Bedeutung des Titels ins Unheilvolle: „You’ll never walk alone“ klingt jetzt nicht mehr nach der Verheißung mitmenschlicher Solidarität, sondern nach den verheerenden Effekten zusammengepferchter Massen, nach Massenmord und Massenvernichtung… 

Ich weiß heute nicht mehr, was an jenem Tag in mich gefahren war. England hatte sich mir verdunkelt, eingetrübt; ich war des Landes überdrüssig geworden. 

Liverpool tat dann allerdings wenig dafür, das Land in meiner Achtung wieder zu heben.

Wir nehmen den 17er ins Zentrum, und streckenweise hat man den Eindruck, in ein Schwellenland verschlagen worden zu sein. Da sind Schotterhalden, an denen (offenbar bewohnte) Baracken abzurutschen drohen, Kieswege, die zu Siedlungen führen, deren Anschluss an die öffentliche Kanalisation eher fraglich erscheint; da sind bis zur Neige ausgeschlürfte Sozialwohnungsgettos; auf sichtbar schon zum Verkauf an Investoren stehendem Land anbrüchige Häuser, die nur solange geduldet werden, bis die Bagger eines unangekündigten Tages morgens um sechs anrücken und alles wegschippen. Ganze Großfamilien hausen in Unterständen aus Pappkarton und Wellblechresten, waschen sich (wenn überhaupt) in braunen Pfützen, braten an Feuerstellen, die mit Plastikmüll in Gang gehalten werden, gefangene Hunde und Rattenkadaver, um deren beste Stücke sich dann Eltern mit ihren Kindern Messerstechereien liefern. Achtjährige Mädchen prostituieren sich ebenso wie ihre achtzigjährigen Ur-Ur-Urgroßmütter. Kinderbanden stürzen sich auf Busfahrer oder naive Sozialarbeiter, und nach zehn Minuten ist nichts mehr von den Opfern übrig als Knochen und die Galle, und ein Busfahrerskalp schaukelt triefend am Gürtel des kindlichen Bandenchefs. Es ist ein Elend, ein Elend, ein Elend.

Schön ist Liverpool in der Tat nicht. Es fühlt sich vom ersten Moment an hart und roh an - nicht ganz das richtige Pflaster für ein verzärteltes Bürschchen wie mich, das schon einen falsch gesetzten Apostroph als Akt von Mikroaggression empfindet; aber ich bin wohl nicht der einzige, der der Stadt mit Vorbehalten begegnet.

Ich erinnere mich an ein Interview, das Ringo Starr vor einigen Jahren gegeben hat. Der Late Night Show-Host fragt ihn, ob er etwas an Liverpool vermisse, und Ringo antwortete nach nur einer Zehntelsekunde des Zögerns mit einem entschlossenen No. Die Liverpudlians haben Ringo diese freimütige Antwort offenbar nachgetragen, was eine sehr verständliche Reaktion ist; ich wäre ja auch beleidigt, wenn ich mich mit Fish’n’Chips vom Imbiss ernähren müsste, und andere, die sich nach Monaco abgesetzt haben, regelmäßig bei Robuchon im Metropole Seezunge für 95 Euro essen. Das Mindeste, was man von solch reichen Säcken erwarten kann, ist doch, dass sie sich von all dem mondänen Chichi enttäuscht zeigen und sich nach der Stadt ihrer Kindheit und den schlichten Genüssen von Rattenbraten und gegrilltem Hund zurücksehnen. Das wäre dann natürlich gelogen, wäre aber eine nette Geste, mit der die Ressentiments der schlecht Weggekommenen besänftigt werden könnten, immerhin.

Ringo hat natürlich vollkommen recht, es gibt keinen Grund, etwas an Liverpool zu vermissen, aber jede Menge Gründe, sich von da zu verpissen. Wir steigen am Queen Square aus, der vielleicht nah des Zentrums ist. Man muss bei dem Ausdruck Zentrum hier allerdings alle Vorstellungen von Urbanität im flaneurhaftem Sinn fernhalten. Straßencafés und Schaufenster mit interessanten oder ansehnlichen Angeboten sind hier erst mal Mangelware, was möglicherweise daran liegt, dass Liverpool jede Menge Einkaufszentren hat, in denen sich die attraktiveren Läden angesiedelt haben, während die Ladenzeilen in den Straßen von Handy-Reparatur-Kaschemmen, Nagelstudios und Burgerketten übernommen wurden. Doch viel Betrieb ist hier nicht - kein Wunder, wie meist in England schließen die Läden früh. Wir sind zur Unzeit hier: zu spät für Geschäftsverkehr und zu früh fürs abendliche Ausschwärmen in Pubs und Clubs. Vor dem Cavern, wohin wir selbstverständlich pilgern, ist jedenfalls nichts los. Es stehen ebensoviel Bronzestatuen wie Menschen herum, nämlich je zwei. Cilla Black (Bob-Frisur mit Innenrolle, Minikleid) breitet ihre Arme aus, und John Lennon lehnt lässig an einer Mauerecke, Hände in den Hosentaschen, Pilzkopf, und um die Augen und die Mundwinkel das ironische Lächeln des aufgeweckten jungen Mannes.

Die Beatles sind im Stadtbild reichlich vertreten. In der Mathew Street schmückt sich ein Fan-Shop mit einer Viererskulptur aus offenbar minderwertigem Material, denn Pauls Rechte ist abgefault, und Johns Nase hat eine tiefe Schmarre. Hat sich da jemand durch sein ironisches Grinsen doch einmal so provoziert gefühlt, dass er ihm einen Hieb ins Gesicht verpassen musste? In der John Street stehen die Vier überlebensgroß auf dem Gesims des Hard Day’s Night Hotel wie Götterfiguren, Ringo an der Ecke, einen halben Meter vor der ihm bestimmten Skulpturennische, als trüge auch seine Statue sich mit dem Gedanken, Liverpool auf schnellstem Wege zu verlassen, und sei’s durch einen beherzten Sprung in die Tiefe.

Und was ist mit den Bronzejungs, die an der Esplanade Richtung Fährterminal marschieren? Es sind wieder die Beatles, die ihrer Stadt den Rücken zuwenden und das Weite suchen.

Ich habe alles Verständnis der Welt, dass man hier rauswill. Liverpool ist eine merkwürdige und wenig anziehende Stadt. Vor allem zum Mersey hin werden die Bauten immer kolossaler und großkotziger. Da ist das Royal Liver Building, das Cunard Building, das Port of Liverpool Building, alle in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg errichtet. Zu ihrer Zeit waren es die größten, höchsten und imposantesten Gebäude Europas; das ganze Ensemble am Pier Head ist eine beeindruckende Demonstration einer Macht und einer Stärke, die seit dem 18. Jahrhundert kontinuierlich gewachsen war. Liverpool war zuerst durch den Sklavenhandel reich geworden; bald wurde fast die Hälfte des Welthandels hier abgewickelt. Schiffe brachten Auswanderer aus ganz Europa nach Amerika, Neuseeland, Australien, und die Industriegüter aus Manchester, Sheffield, Leeds - Stahl und Stoffe vor allem - gingen von hier aus überall hin. Diese ungeheure Bedeutung trieb Gebäude hervor, die jetzt maßlos und grotesk überdimensioniert wirken, obwohl sie natürlich sehr viel kleiner sind als die heutigen Wolkenkratzer. Doch nicht ihre schiere Höhe lässt sie unproportioniert wirken, sondern das Verhältnis von Höhe zu Breite. Die Bauten am Pier Head sind ein präzises Zeugnis einer evolutionären Veränderung, die noch auf dem Wege ist und sich nicht vollendet hat. Man baut noch aus einem neogotischen, neoklassizistischen, neobarocken Geist heraus, und nimmt aus diesen Stilformen den Grundriss und das Dekor. Doch erfordern die neuen Zeiten mehr Raum für die Büros, weshalb man die Häuser in die Höhe zieht und damit den überkommenen Goldenen Schnitt preisgibt. Ts ts ts.

Auf der Fläche vor den ehemaligen Docks sind heute allerlei Vergnügungs- und Kultureinrichtungen angesiedelt, eine Zweigstelle des Tate Museums, das Liverpool Museum, ein Riesenrad und ein Schifffahrtsmuseum, natürlich eine weitere Ausstellung zur Beatles Story, die Echo Arena und das Exhibition Centre; um diese Zeit aber ist alles tot und leer, es ist für die Liverpooler offenbar kein Ort, um auszugehen oder sich dort zu treffen.

Aber wo treffen sie sich überhaupt? Wir stromern noch eine Weile im Niesel herum, ohne auf nennenswerte Manifestationen urbaner Lebendigkeit zu stoßen, und irgendwann kehren wir in einen Pub ein, weil wir schlicht zu erschöpft sind, um weiterzulaufen. Auf den Loungemöbeln im beschirmten Hof haben sich ein paar Damen mit Drinks und Aschenbechern eingerichtet, rauchen, was das Zeug hält, und haben die dreckigste Lache, die ich seit Jahren gehört habe. Wenn ich sie nur gehört hätte, hätte ich wohl vermutet, dass sie Morgenmäntel und Lockenwickler tragen, aber in Wahrheit sind sie ziemlich aufgetakelt, haben auf Volumen gebürstetes Haar, dicke Klunker an Ohr und Hals und Fingern, viel Strass an den Blusen. Ihre tiefen, vom Rauchen eine Oktave runtergesetzten Stimmen könnten auch Männern gehören, und in der Tat sind auch die Gesichter gröber als für Frauen üblich, härter und an den Mund- und Augenpartien mit deutlichen mimischen Einkerbungen habitueller Wehrhaftigkeit - alle drei haben einen tief im Bindegewebe verankerten Ausdruck von Pass bloß auf, dass du mir nicht blöd kommst! Vielleicht sind es doch ehemalige Hafenarbeiter oder Gewerkschaftsschläger, die nach der Verrentung ein Faible für crossdressing entwickelt haben und den Montagnachmittag damit zubringen, vor Schminkspiegel und Kleiderschrank Perücke, Blazer und Broschen für den abendlichen Pubbesuch rauszusuchen.

Ich hole eine zweite Runde Ale und Cider, was mir nun schon besser gelingt als beim ersten Versuch, als mich der tapster mit einer herzhaften Eruption Liverpooler Dialekts empfangen hatte, die klang wie eine Rutsche Kohlen, die zusammen mit einer Ladung unfrischem Fisch in einen Keller poltertglitscht. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich nicht von hier sei. Er folgerte messerscharf, dass ich erstens schwerhörig und zweitens schwer von Kapee sein müsse, also wiederholte er die selbe Wortfolge sehr viel lauter und ein klein wenig schneller. Das machte die Sache freilich nicht besser, und ich zeigte resigniert einfach auf die entsprechenden Zapfhähne, die er dann bediente und mir die Drinks mit den Worten Hey, you baby hinschob, was ich wohl impertinent gefunden hätte, wäre es nicht von einem durchaus freundlichen Lächeln begleitet worden. Erst jetzt, da ich dies schreibe, habe ich mich ein wenig zum lokalen Dialekt Scouse schlau gemacht und begriffen, dass er mich weder zu seinem Liebchen machen noch zum Kleinkind herabwürdigen wollte, sondern vermutlich schlicht Here’s your bevvy meinte: hier die Getränke.

Die drei Hafenarbeitermatronen hängen sich die Handtaschen über die Schulter, ziehen nochmal die Lippen nach und brechen dann auf, ich will gar nicht wissen, wohin. Wir machen uns auch zum Queen Square davon und warten dort zwischen burgermampfenden jungen Leuten eine halbe Stunde auf den Bus zur Anfield Road. Die Bushaltestelle sieht aus, als würde dort irgendeiner frisch verstorbenen Ikone wie Lady Diana oder Michael Jackson gedacht, mit dem kleinen Unterschied, dass hier keine Blumen und Kerzen und Beileidsbekundungen niedergelegt werden, sondern nur Burgerpappen, Colabecher und zerknüllte Frittentüten. Aber mit ein bisschen Abstand sieht es doch so aus, als würde hier eines großen Toten gedacht. Und es ist ja wahr: die Stadt ist ein Trauerfall. Der Leichnam einer großen Vergangenheit.


4. Juli. Liverpool, Lancaster, Arnside


Am Morgen sind wir uns einig, dass wir gestern einen schlechten Start mit Liverpool erwischt haben. Es ist undenkbar, dass die drittgrößte Stadt Englands wirklich so moribund und ausgelaugt sein sollte, wie sie uns am gestrigen Abend erschienen ist. Wir haben etwas nicht verstanden, waren zur falschen Zeit an den falschen Orten. Ein Fall vom schlechtem timing: ein verpatzter Einsatz, ein misslungener take.

Diesen Fehler wollen wir ausbügeln. Begehen jedoch gleich einen weiteren kapitalen Fehler, indem wir das Auto nicht an seinem Parkplatz stehen lassen und den Bus nehmen, sondern, eben. Mit dem Auto. Keine gute Idee. Es gibt zwar, man könnte, irgendwer kann, aber wir nicht. Hier dürfen wir nicht, hier können wir nicht, hier unter zwei Meter Höhe, dort eine halbe Stunde, aber nur mit Lizenz. Die Parkplätze sind streng bewirtschaftet, sogar in den Brachflächen zwischen den Ruinen stillgelegter Farbrikhallen herrscht ein rigides Stellplatzregiment. Wir probieren es eine halbe Stunde, sind bereit, zwei, drei Meilen durch morsche Gewerbegebiete bis ins Zentrum zu wandern, aber selbst da draußen können wir diese verdammte Scheißkarre nicht unterbringen. Wir piesacken immer wieder die Landmarke Pier Head wie Wespen, die scharf auf Beute sind, umkreisen sie, suchen einen Zugang, werden zurückgescheucht, sticheln von neuem und prallen davon ab. Eine Stunde surren wir herum, erweitern den Suchradius, aber alles ohne Erfolg. Diese Festung ist uneinnehmbar.

 Beim Herumirren landen wir hinter den Docks zwischen Vauxhall und Bootle, wo in Backsteinruinen immer noch irgendwelche Gewerbe angesiedelt sind, die die alten und maroden Hallen nutzen, zu welchen Zwecken auch immer. Berge aus Metallschrott zum Ausschlachten säumen unseren Weg, Gastanks, Hallen in red brick, auf deren Gitterfenster Jungengangs schon vor Jahren ein klirrendes Tic-Tac-Toe gespielt haben. Hallen wie verrottende Riesentiere mit geblähten und eingedellten Bäuchen und krummen Rücken. Auf manchen Dächern wächst Gesträuch, durch andere haben sich Bäume gezwängt.

Der graue Himmel verdüstert sich mehr und mehr; mit einem Schlag beginnt es zu schütten. Liverpool, müssen wir uns eingestehen, ist für uns ein Schlag ins Wasser. Wir sind so entnervt, dass wir den nächsten Fehler begehen und nicht etwa zur Anfield Road zurückkehren und das Auto dort abstellen, um per Bus in die Stadt zu fahren und bei dem immer stärker niedergehenden Regen einen Tag im Tate oder in der Walker Art Gallery zu verbringen, sondern aus lauter Verdruss die Stadt verlassen, wie gehetzt, als sei Liverpool für uns mit einem Fluch belegt, dem wir nur durch (überstürzte und vollkommen unbedachte) Flucht entgehen können.

Aber natürlich geraten wir nur vom Regen in die Traufe; einem Fluch entkommt man nicht durch Weglaufen, einen Fluch kann man nur durch entschlossenes Gegenfluchen bezwingen. Aber wir waren lau, wir waren feige, wir waren kraftlos und wenig schlau. Schande über uns! 

In Lancaster wappnen wir uns mit unseren gummierten, bis auf die Knöchel reichenden Regenmänteln und wagen uns in die geflutete Stadt. Mein Hut, solider Hasenhaarfilz, hält dem Geprassel stand, aber ich spüre, wie er kräftig an Gewicht zulegt. Wir unternehmen einen ehrbaren Versuch, die Stadt zu erkunden, aber die spült unseren Erkundungswillen kalt weg. Bei trockenem Wetter wäre es uns vielleicht kaum anders ergangen, denn die englischen Städte kranken fast immer an dem selben Mangel: zuviel Maklerbüros, Charity-Läden, Ketten-Filialen, zuwenig je ne sais quoi. In einer Bäckerei wollen wir ein Brot besorgen. Hinter der Theke lernt eine Frau ein Mädchen von siebzehn Jahren an, aber ob der Teig mit sourdough oder yeast angesetzt ist, wissen sie beide nicht, und genauso wenig, ob dieses Brot länger hält als jenes; es scheint, als vermieden sie beide, das Brot, das sie verkaufen, auch zu essen. Das Anlernen besteht ausschließlich im korrekten Abzählen des Kleingelds, ach ja, und darin, den Brotlaib so umständlich einzuwickeln, als sei’s ein Weihnachtsgeschenk.

Das Brot in der Tasche, treten wir wieder nach draußen und suchen am erstbesten Unterstand Schutz vor dem niederströmenden Regen. Der Unterstand entpuppt sich als der Portikus des Lancaster City Museum, und da wir schon mal hier sind und uns in der Stadt ohnehin nur noch schwimmend fortbewegen könnten, gehen wir rein und finden einen Schatz, nämlich eins dieser reizenden Provinzmuseen, die ich so liebe, weil hier kein ehrgeiziger Museumsdidaktiker den Charme der Sammlung mit irgendwelchen technischen Mätzchen aufzudonnern versucht hat. Hier gibt es keine interaktiven Bildschirme, an denen ohnehin nur Kinder herumspielen, die sich daran freuen, dass irgendwas passiert, wenn sie wohin auch immer klicken, und denen scheißegal ist, welch hochinteressanten Informationspfade der Didaktiker durch das Dickicht der Geschichte gelegt hat. 

Wenn ich mich im Unterholz des Hypertextes verirren will, kann ich das bequem zuhause tun, dafür brauche ich kein Museum, dessen Trumpf allemal in der Sinnlichkeit des originalen Objekts besteht - hier zum Beispiel im gerollten Bündel Rasierzubehör, in den Schuhbürsten und dem Stopfgarn und dem Henkelmann des Soldaten, der in den Schützengräben von Ypern oder der Ardennen lag; in seiner Wolldecke, der man die Kratzigkeit ansieht, das Frösteln und die Nässe; in den Briefen in die Heimat, deren epochenüblich penible Handschrift von einem oszillierenden Zittern erschüttert ist, das vom Widerhall des Mörserbeschusses herzurühren, und sich, wie die spitzen Ausschläge eines Seismographen, der schreibenden Hand mitgeteilt zu haben scheint. 

Die obere Etage des Museums ist dem King’s Own Royal Regiment von Lancaster gewidmet. Da finden sich nicht nur besagte Hinterlassenschaften aus dem Ersten Weltkrieg, sondern auch Paraphernalien wie Uniformbestandteile, Abzeichen und Waffen aus früheren Zeiten, bis zurück zur Schlacht von Culloden, als der Thronprätendent der schottischen Stuarts, der schöne Bonnie Prince Charlie, geschlagen und Schottlands Hoffnung auf Restitution der Stuart-Herrschaft zunichte wurde. Zwei kostümierte Schaufensterpuppen stellen das schottische Trauma nach: ein englischer Rotrock (blaue Manschetten, blaues Revers, blaue Taschenklappen) macht mit einem Spieß einem am Boden liegenden Krieger den Garaus - sein Kilt ist blau und grün, und man müsste das Scotish Register of Tartans konsultieren, um den Clan des Mannes zu ermitteln, aber für die Darstellungszwecke im Museum genügt dieses hämatomfarbene Karo allemal, um ihn gegenüber dem leuchtenden Rot des Engländers als trüben Verlierer zu kennzeichnen. Ein großes Rundgemälde von der Schlacht zeichnet freilich noch ein etwas anderes Bild der Schotten. Da erscheinen sie in all ihrem heiteren Glanz, Schwerter und Spieße erhoben, doch mit einem so erwartungsfrohen Lachen in den Gesichtern, als hätten sie sich auf dem Schlachtfeld nur zu einer Partie Hockey verabredet. Die Engländer allerdings, die mit Bajonetten auf diese heiteren Schotten einstechen, sind nicht auf Jux und Dollerei aus, die sind einfach nur ernsthaft und konzentriert zum Töten hier, und das erledigen sie dann auch in größtmöglicher Humorlosigkeit.

Humorlosigkeit kann man dem Museum sicher nicht vorwerfen, wenngleich der Witz manchmal etwas krude ist. So kann man beispielsweise in der Abteilung für die viktorianische Lebenswelt in einen Abtritt gucken, auf dem ein Mann sein Geschäft verrichtet und dabei wie ein armer Sünder betrübt zu Boden schaut - wahrscheinlich, weil ihm grade aufgefallen ist, dass er die Hosen nicht heruntergelassen hat, bevor er sich auf die Schüssel setzte, und nun hat er den Salat…

Wir wollen dann auch einen Salat haben; der Hunger plagt uns, und so schwimmen wir ins nächste Restaurant. 

Schwamm drüber.

Eine Regenpause - ich korrigiere: Regenabschwächung - nutzen wir für einen Besuch in der Kathedrale, einem neogotischen Bau aus dem 19. Jahrhundert, an dem nichts bemerkenswert ist bis auf die Decke aus Spantenwerk, die man wahrscheinlich dort verbaut hat, um im eschatologischen Notfall (etwa einer Sintflut) die Kathedrale auf den Kopf zu stellen und dann in diesem umfunktionierten Schiffsrumpf der Katastrophe davonzusegeln. 

Ach ja, davonsegeln - es scheint auch uns jetzt das Beste, das wir tun können. Es gießt weiterhin unbarmherzig, und an einen genießerischen Stadtspaziergang ist ohne Schnorchel nicht zu denken. Allenfalls könnten wir in den Überresten der römischen Bäder plantschen gehen oder den Tag im Schutz der Arkaden verbummeln, die es hier und da gibt. Es ist schade um Lancaster. Obwohl ein monströses Einkaufszentrum inmitten der Stadt alles dafür getan hat, das Stadtbild zu schänden, sind jede Menge schöner georgianischer Fassaden (finanziert durch den hier ein Vierteljahrhundert blühenden Dreieckshandel mit Rum und Sklaven) gut erhalten und sehenswert, aber sehenswert heißt halt nicht unbedingt auch sichtbar, denn bei jedem Blick aufs erste oder gar zweite Stockwerk hinauf zerspringen die Fassaden in graue Regentropfen, verschlieren, und lösen sich in trübes Gesprenkel auf meinen Brillengläsern auf.

Eine halbe Stunde nordwärts, dann stellen wir den Wagen an einem grauen Strand bei Silverdale ab, schlafen eine Runde, machen uns Tee und lesen anderthalb Stunden, dabei von Zeit zu Zeit nach draußen lugend, ob die Flut uns nicht zu nahe kommt und der Kiesgrund fest genug für den Rückweg bleibt. Doch ein Platz für die Nacht ist das nicht; wir müssen weiter nach Arnside, wo es befestigte Parkplätze gibt und sogar einen Pub, vor allem aber nicht das bedrückende Gefühl, für alle Anwohner sichtbar auf des Strandes Präsentierteller Anlass zu Verärgerung zu geben. In Arnside verkriechen wir uns diskret am Parkplatzrand neben die Einfahrt einer Seniorenresidenz, und hier kommen um diese Zeit hoffentlich nur polnische Altenpflegerinnen und somalische Küchenhilfen heraus, die wenig inneren Antrieb haben sollten, Ortsfremde als störende und unerwünschte Elemente zu betrachten, da sie ja selber welche sind, und die kaum mit dem selben Applomb auf irgendein Phantom von Heimrecht pochen könnten wie jene Engländerin, die sich in Cornwall gegen uns ereiferte. Ich habe das nicht vergessen.

Der Regen hat nachgelassen und uns Gelegenheit für einen Spaziergang an der Mündung des River Kent gegeben. In den Prielen strudelt Wasser in gurgelnden Zöpfen flusswärts, der Schlick liegt bald wie mit einem runden Spatel zu weichen Furchen ausgestrichen im ebbenden Bett. Am Ufer stapfen Hundebesitzer in Gummistiefeln durch Kies und Muschelknirschen. Zurück an ihren Autos, rubbeln sie ihre Hunde trocken und lassen sie in den Kofferraum springen. Klopfen auf die Ladekante, sagen Hopp!, und tätscheln zur Belohnung den Hundekopf, bevor sie die Klappe herunterziehen. Drei von vier werfen einen misstrauischen oder doch missfälligen Blick in unseren Bus, als ich - bei offener Tür - das Hemd wechsle und Buch und Schreibkladde für den Pub einpacke. Wie oft bin ich nicht bei diesen alltäglichen Verrichtungen gesehen worden! Und doch kenne ich weder aus Frankreich noch aus Italien oder Spanien diese vorwurfsvolle Missbilligung in den Augen, diesen dégôut und dieses Das tut man nicht.  Es ist freilich nicht klar, was genau man hier nicht tut. Der Kleiderwechsel kann es nicht sein, denn grade Hundebesitzer habe ich nach dem Ausführen bereits des öfteren Schuhe, Jacke und  ganz ungeniert selbst die beschmutzte Hose wechseln sehen; auch das Bepacken einer Tasche mit Büchern sorgt im Allgemeinen nicht für Widerwillen, es handelt sich um dabei um ein sozial eher unauffälliges und durchaus geduldetes Verhalten (sofern es nicht in einer Buchhandlung geschieht und man mit der Beute an der Kasse vorüberschleichen will). Bleibt als Erklärung der missbilligenden Blicke nur die geplante Übernachtung auf öffentlicher Fläche als unentgeltliche Raumbeanspruchung. Die Blicke machen uns zu Raumdieben - Pennern, Obdachlosen, Nomaden, Zigeunern, zu Leuten, die sich außerhalb der allgemeinen Tauschordnung stellen und nur nehmen und nicht geben: zu Platzschmarotzern. Hätte ich eine Ausgabe dabei, würde ich diesen Scheelguckern Rousseaus zweiten Diskurs ins Gesicht schmeißen, dessen zweiter Teil mit den unvergesslichen Worten anhebt: „Der erste, welcher ein Stück Land umzäunte, sich in den Sinn kommen ließ zu sagen: dieses ist mein, und einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft.“ Dass bürgerliche Gesellschaft nichts Gutes meint, versteht sich, der Ausdruck ist nah verwandt mit so häßlichen Dingen wie Unterdrückung und Ausbeutung. Aber die Engländer sind ja auch nicht ganz doof, und es könnte einer mit John Lockes Second Treatise zurückschmeißen, oder nur die Paragraphen XXVI ff daraus zu spitzen Papierfliegern falten, und schon entspönne sich eine komplizierte Diskussion über die Frage, wem der öffentliche Raum gehört, und ob auch nicht Leute vom Kontinent kraft des EU-Strukturfonds darauf ein Anrecht haben, etc. pp.; der Debatte wäre kein Ende. Aber es gibt keine Debatte, die Vorübergehenden schauen nur pikiert und ein wenig abschätzig, ich schaue äußerlich liebenswürdig und innerlich gekränkt zurück. Was soll man da machen? 

Natürlich ins Pub gehen und Trost in ein paar Pinten Ale suchen. Im Albion, das erfreulicherweise nicht perfide ist, gibt es ein weiches Wainwright, ein cremig leichtes Pale Ale mit dem imagemäßig gewagten Namen The Bore sowie ein bernsteinfarbenes Lancaster Bomber, dessen Namen und Signet mir ebenfalls gewagt vorkommen: das Logo ist mit der Kokarde der Royal Air Force und der Silhouette der Avro 683 geschmückt, eben jenes Lancaster Bomber, der im Luftkrieg mehr als eine halbe Million Tonnen Bombenfracht über Deutschland regnen ließ, darunter die tausend Tonnen, die eine Schwadron binnen einer Viertelstunde auf Dresden warf, und anderthalbtausend Tonnen drei Stunden später dann als Nachschlag. Ich will es den Briten nicht vorhalten, sie haben den Krieg nicht angefangen, und die Deutschen waren ohne Zweifel größere Schurken; doch scheint es mir gleichwohl reichlich makaber, ein Getränk nach einer Kriegsmaschine zu benennen, und ein Engländer, der durch einen deutschen Supermarkt spazieren und im Regal einen Nordhäuser Doppelkorn mit dem Abbild einer V2 entdecken würde, hätte allen Grund, an der gelungenen reeducation der huns zu zweifeln.

Aber gleichwie, das Bier ist in Ordnung, ein Duft von Blume und Keksen, im Mund ausgewogen bittersüß und zitrustönig, Schwamm über Dresden. Zudem ist es nicht unbehaglich im Albion, wo wir ab und zu die Nasen aus Buch und Kladde nehmen und durch das Fenster, an dem Regentropfen herabperlen, auf die graue Mündungsbucht schauen, die von einem niedrigen Eisenbahnviadukt mehr durchquert als überspannt wird. Jenseits des Kent liegt der Lake District.


5. Juli. Bowness-on-Windermere, Kendal, Hardknott Pass, Wast Water


Der Kent auf dem Weg nordwärts ist ein großer grauer Fluss, der von braunen Sandbänken eingefasst ist, die so breit sind, dass man sich fragt, wann je einmal die Wasser das ganze Flussbett erfüllt und all den Sand mitgeschwemmt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier je einmal mehr Regen gefallen sein soll als in den letzten Tagen, doch das Flussbett ist zu kaum einem Viertel gefüllt.

Hinter Sandside wendet sich die Straße vom Fluss ab und führt durch sattgrünes Weideland, auf dem Schafe grasen. Mächtige Eichen strecken ihre Äste zu riesigen grünen Laubreifröcken; die Bäume, die nicht von Mulden beschützt aufgewachsen, sondern offen dem Wind ausgesetzt sind, neigen sich sachte nach Nordwest. Dieser Winkel Erde ist ganz bezaubernd, als hätte Capability Brown seine Hände im Spiel gehabt, hier noch ein Schilfgebüsch ans Ufer des Bela getupft, dort einen Teich angelegt und im Hintergrund drei Bäume gepflanzt, die nun zusammenstehen wie ein Grüppchen tuschelnder Hofdamen. Doch schon eine halbe Meile weiter muss Capability die Lust verloren habe, denn das Land wird eine Weile flach und eintönig, bis es allmählich erste sanfte Wellen zu schlagen beginnt und sich von den Hügelkuppen aus weite Prospekte auf ein bewegteres Relief auftun, dessen Wiesen von Hecken und Trockensteinmauern gegliedert sind.

Schließlich kommen wir in Bowness an. Der Windermere Lake ist der größte See Englands und sieht auf der Karte wie ein ausgestreckter Tatzelwurm aus, 11 Meilen lang und eine breit. Bewaldete Hügelketten säumen seine Gestade, der See könnte lächeln und laden zum Bade, doch er tut weder das eine noch das andere, sondern liegt grau und vom Regen gepiesackt vor uns, und wenn er schon nicht heiter lächelt, lächeln wir auch nicht zurück. Am Bootsanleger tummeln sich jede Menge asiatischer Touristen, die auf die nächste Dampferfahrt warten und sich derweil die Zeit vertreiben, indem sie ihre Handykameras heißlaufen lassen. Vielleicht haben sie auch nur kalte Hände und wollen sie damit wärmen, das Wetter ist danach. 

Der Ort ist dafür gerüstet, große Touristenmengen zügig abzufertigen, und das gelingt ihm hervorragend. Als wir auf der Suche nach einem Supermarkt einen Rundgang durch das Städtchen absolviert haben, sind wir so schnell mit ihm fertig, dass wir gleich nach Windermere aufbrechen.

Dabei ist Bowness noch nicht einmal häßlich, und wer es vergnüglich findet, schon vormittags im Pub zu sitzen, Wanderjacken einzukaufen oder mit fotografierenden Asiaten und englischen Rentnern in Outdoorhosen Dampferfahrten zu unternehmen, ist hier goldrichtig. Ach ja, und auch, wer an Beatrix Potters Geschichten über Peter Hase, Emma Ententropf, Thomasina Tittelmaus und die Flopsi-Häschen Gefallen findet und gern Plüschhasen in Gehröcken, Entendamen mit Hauben und Hauskleid oder Schweinchen in Wanderburschenaufmachung ansieht, wird ein paar ergötzliche Stunden in der Beatrix Potter Attraction verleben, doch das sollte man nur in Begleitung eigener Kinder unter acht Jahren tun, sonst wird man vermutlich etwas befremdet angestarrt und womöglich verdächtigt, die Kinder anderer Leute mehr liebzuhaben als ihnen gut tut. 

Für uns ist das alles nichts, und wir müssen ja auch Lebensmittel einkaufen (Alkohol), und darum hält uns hier nichts. In Windermere ist es freilich nicht besser, denn hier finden wir ebensowenig einen Supermarkt wie in Bowness. Ich fürchte allerdings, dass wir nur mit Blindheit geschlagen waren, weil uns das Gewimmel Tausender wanderbeschuhter, wanderbestockter und wanderbejackter Senioren, die im Städtchen ihre strapaziösen Souvenirshoppingtouren absolvierten, so verwirrte und überforderte, dass wir gleich flüchteten, in der Hoffnung, am Ortsrand einen Sainsbury oder einen Tesco aufzuspüren. Welcher Teufel uns dann aber geritten hat, nach Kendal, dem Hauptort der Region, weiterzufahren, kann ich heute nicht mehr rekonstruieren. War es das dringende Bestreben, an einem Ort zu sein, der nicht von ganzen Regimentern von Wandervögeln heimgesucht wird, und in dem nicht jeder zweite Laden Fußsalben, Energieriegel und Heilcremes für wundgescheuerte Poritzen feilbietet?

Kendal jedenfalls schien zwar ebenfalls von Touristen überlaufen, doch die meisten davon waren immerhin in Zivil, sodass die Reizschwelle, ab der meine Wanderhosenphobie offen auszubrechen pflegt, nicht erreicht wurde. Wir laufen ein Stündchen durch die Stadt und sättigen uns mit nicht-ambulativer Zivilisation. Ach, ich genieße jeden Klempner, der mit seinem Werkzeug auf dem Weg zum Kunden ist, jedes Schaufenster, in dem Bettpfannen und Rollatoren von einem immobilen Leben zeugen, Kinderspielzeug und Schreibwaren, Papierblumen und Schusswaffen - alles Anzeichen, dass es hier auch einen Alltag von Ortsansässigen gibt, die ihre Kinder großziehen, Paartherapeuten und Scheidungsanwälte brauchen, krank werden und schließlich (denn auch ein Bestattungsinstitut fehlt nicht) sterben. In Windermere hingegen wird nicht gestorben, da wird bloß gewandert, und ich vermute, dass auch Urlauber, die dort ihren Tod nahen fühlen, nicht etwa in ein Krankenhaus gehen, sondern mit letzter Kraft auf irgendeine Hügelkuppe steigen, um mit dem Blick auf den See und die Ausflugsboote ihr Leben auszuhauchen. Nicht umsonst bedeutet im Lateinischen migrare nicht nur wandern, sondern auch: den letzten Weg antreten.

Trotzdem kehren wir nach unserem Einkauf bei Marks&Spencer noch einmal nach Windermere zurück. Schließlich habe ich in Kendal Immunstoffe getankt und fühle mich nun kräftig genug, jedem Ansturm von Wanderkleidung standzuhalten. Sogar der Himmel zeigt sich für ein Stündchen gewogen. Der Regen hat aufgehört, die Wolken treiben dahin wie dramatisch geformte, schneeweiße Meringue-Brocken, oder besser: Kleckse von clotted cream. Wir sind hungrig, und ein cream tea ist jetzt genau das Richtige.

Wir finden einen freien Platz auf einer Caféterrasse, eine außergewöhnlich schöne junge Frau, die es aus den frostigeren Regionen der Ukraine oder Weißrusslands nach England geschafft hat, ohne dabei aufzutauen, bringt uns Tee und Scones, clotted cream und Erdbeermarmelade. Sie hütet sich sorgfältig davor, zu lächeln, wahrscheinlich fürchtet sie, die eh schon überzuckerte Marmelade damit noch mehr zu versüßen. Als gestrenge Eiskönigin schaut sie auf die Teller, so ungnädig, dass mir sofort einleuchet, dass die Scones angesichts dieses spröden Gebarens und eines solch eisigen Blicks aus grünblauen Augen gar nicht anders können, als bei der ersten Annäherung der Hand sofort zu einem schockierten Gebröckel von Teigklümpchen zu zerfallen. Wie soll man einen solchen Scone ohne allen inneren Zusammenhalt bloß mit clotted cream bestreichen? Ganz einfach - auch wenn mir diese wieder an das fatale Wandermotiv erinnernde Redewendung gegen den Strich geht - nach dem Muster des Berges, der nicht zum Propheten kommt, weshalb der Prophet zum Berg gehen muss. Man nehme clotted cream auf die Gabel, streusle die Scone-Zerfallsprodukte darüber und tunke das Ganze in das Näpfchen mit der Marmelade. Der Bissen schmeckt so um keinen Deut besser (die clotted cream hat einen Stich, beim Scone schmeckt wieder einmal das Backpulver durch, und das einzig Erdbeerige an der Marmelade ist der Name, denn alles andere kommt aus dem Labor), aber so können wir wenigstens einigermaßen manierlich unseren Imbiss verzehren und Kraft schöpfen für die kommenden Stunden.

 Die Straße an der Ostseite des Windermere Lake könnte irgendwo in England verlaufen; die blickdichten Hecken und Baumreihen sehen denen in Essex, Wessex, Sussex oder Tippex zum Verwechseln ähnlich, und ob dahinter Weideland, eine Sickergrube, ein See oder bloß ein Tippfehler der Erdgeschichte liegt, macht keinen großen Unterschied. Wenn man den Anblick des Sees genießen will, geht das kaum von außen, und man täte wohl besser dran, auf die Fähre zu steigen und von dort auf die Ufer zu blicken, wie es all die schlauen Asiaten vormachen. Aber auch von dort aus sieht man vermutlich nur diskret hinter Grünzeug verborgene Anwesen, sofern man verborgene Anwesen überhaupt sehen kann. Da man das nicht kann - das ist ja der Sinn des Verbergens - sieht man einfach nur Grünzeug, hinter dem möglicherweise etwas ist. Im Endeffekt läuft es auf genau dasselbe hinaus, das auch wir bei unserer Fahrt sehen, sodass ich mich frage, warum wir überhaupt hier sind, denn Grünzeug könnten wir auch anstaunen, ohne ein paar Tausend Kilometer zu verreisen.

In dieser Art hadere ich so vor mich hin, bis unser Weg allmählich aus den überlaufenen Zonen herausführt und wir in die Furness Fells hinaufklimmen. Es wird einsam. Schmale Sträßchen winden sich durch die Täler, Bäche gluckern nebenher, und der Scheibenwischer muss noch nicht mal auf volle Pulle gestellt werden. Zottelige Schafe mit Farbmarkierungen im Fell lungern antriebsarm auf den Weiden herum, sie wissen wahrscheinlich gar nicht wohin angesichts des Überflusses an saftigen Wiesen. 

Hinter Little Langdale warnt ein Schild vor engen Straßen und steilen Steigungen. 30 % sind annonciert, aber ich halte das für eine britische Anwandlung von schwarzem Humor. Eine Skisprungschanze hat etwa den selben Neigungswinkel, und wer einmal von einem Anlaufturm dort hinuntergesehen hat, ahnt, dass kein VW-Bus ohne Raketenzusatzantrieb einen solchen Anstieg bewältigen kann. 

Einstweilen kann von 30 % auch keine Rede sein; es geht langsam hinauf, aber es geht. Als sich dann einmal eine Bucht am Straßenrand auftut, halten wir an und genießen den Blick in das Tal, das sich unter uns dehnt: weite Grasmatten, Berglehnen, an denen Flecken tapferen Grüns haften. Auf Meilen kein bewohntes Gehöft; hier und da ein Kreis aus Trockensteinmauern, um Schafe darin einzupferchen. Ein Trupp von Nadelhölzern steigt vornübergebeugt einen Hang empor, und für einen Moment blinkt der See im Talgrund hell auf: eine Lücke in den Wolkenbändern lässt kurz die Sonne durch. Es ist, als zwinkere sie uns zu, doch wie zum Hohn fängt Schelm Regen schon wieder mit den Foppereien an.

Wir wollen weiter. Der Motor will auch - nur kann er nicht. Bis hierhin hat er alle Steigungen tüchtig genommen, aber jetzt kommt er nicht in die Gänge. So sehr ich ihn hochjage, es genügt nicht. Sobald ich die Kupplung kommen lasse, auch bei über 3000 Touren, versackt er in einem enttäuschten Schnappen. Ein zweiter Versuch mit noch mehr Gas und sehr langsamer Kupplung - er scheitert. Es stinkt nach Abgas und verschmortem Gummi; im Rückspiegel verweht das schwarze Gespenst einer Rauchwolke. Ich brauche einen Anlauf auf einem flacheren Straßenabschnitt und rolle zurück. Doch die Engländer verstehen sich auf die Kunst stetiger Steigungsführung - ich muss mich einen halben Kilometer rückwärts fädeln, bis sich endlich ein geeigneter Anlauf findet. Und hier gelingt’s: mit heulendem Motor kriege ich endlich so viel Schub, dass der Turbolader sich zuschaltet und der Wagen ohne weiteres Anzeichen von Schwäche zum Wrynose Pass hinaufklimmt.

Am Pass gönnen wir dem Motor ein wenig Ruhe; es stinkt immer noch verschmort, doch das sind wahrscheinlich nur die Kupplungsscheiben. Oder ich selber bin es, der so angesengt riecht; ich habe das Gefühl, dass mein Schweiß mit verbranntem Adrenalin oder sonst einem Hormonruß gesättigt ist. 

Freilich wird uns die ausgestandene Sorge mit einem wunderbaren Ausblick entgolten. Wie oft in den Bergen spüre ich die knetende und pressende Gewalt der Erdgeschichte, das Drücken und Sintern und Sickern der Kräfte und Stoffe; die unendlich langsame Einwirkung von Wind und Regen, das Pulsieren unter den tektonischen Platten und das Atmen und Glühen des Erdkerns, das Schnauben dieses unermesslichen Organismus Erde. Wie die Berge und Täler gefaltet und ausgestrichen und zu gewölbten Flächen geformt wurden, wie das Fleisch dieser Welt wächst und welkt und schwillt und schrumpft, träge seine Schuppen verlagernd, Buckel austreibend und Mulden höhlend und einem Wellengang folgend, der sich nach Jahrmillionen bemisst, lässt mich immer wieder staunen. Zwei Dinge, schrieb der Meister aus Königsberg, erfüllen mein Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich werfe noch meine Bewunderung und meine Ehrfurcht für den lebendigen Erdball unter dem bestirnten Himmel in die Waagschale. Ob das moralische Gesetz in mir dann noch Platz darin hat?

Die zweite Herausforderung steht uns noch bevor. Der Hardknott Pass ist, wie wir allerdings erst danach erfahren, mit einer maximalen Steigung von 33 % die steilste Straße Englands. Aber nun - wir haben 30 geschafft, da sollten die drei mehr auch zu bewältigen sein, wenn ich nur darauf achte, den Fuß nie zu sehr vom Gas zu nehmen, sondern immer schön über 3000 Touren zu bleiben. 

Der Hardknott Pass zeichnet sich aber gegenüber dem Wrynose nicht nur durch steilere, sondern auch durch eine sehr viel kurvigere Streckenführung aus, wie ich bald bemerke. Als die ersten Spitzkehren in Sicht kommen, ist mir klar, dass ich sie ziemlich schnittig nehmen muss, um den Motor in der Steigung nicht verhungern zu lassen. Jetzt nur keinen Gegenverkehr auf der schmalen Straße, keinen verträumten Sonntagsfahrer, der als Hans-guck-in-die-Luft in der Mitte des Weges dahingondelt, keinen Laster, der eine Schafsherde zum Schlachthof schafft, und bitte auch keinen Schafsbock, der mit gesenkten Hörnern auf mich losstürmt - einfach nichts, das mich bremsen könnte, bitteschön. Vor den Kehren hupe ich mir laut den Weg frei, aber das Gejaule des Motors sollte eigentlich schon genug Warnung sein, als ich die erste Kurve nehme. Hinter uns über dem Herd schlägt der schaukelnde Rasierpinsel gegen das Fenster, bei der zweiten Kurve fliegt er vom Haken. Der Korb hinter dem Beifahrersitz stürzt um, Tristram Shandy und Eichendorff schießen über den Boden, aber weder Uncle Toby noch der Taugenichts sollten etwas gegen holperige Kutschfahrten einzuwenden haben. Die Rolle Klopapier ist auch aus dem Korb gesprungen und zeichnet weiße Zickzackbahnen auf den Teppich, als ich in die dritte Kurve fege und die Gläser in ihren Borden trotz ihres Klapperschutzes hell gegeneinanderklingeln, als wollten sie einen Toast auf diesen wilden Ritt ausbringen. Auf der kurzen graden Strecke bis zur nächsten Kurve passiert uns, grade noch rechtzeitig, ein MG mit Stoffverdeck und lächerlich kleinen Scheibenwischern, aber der Radius in der Kurve wird, weil ich sie nicht anschneiden kann, dennoch zu eng, der schlitternde Hinterreifen spritzt Splitt in die Böschung, das Heck bricht einen Lidschlag lang aus, ist aber gleich wieder in der Spur, und die Drehzahl immer noch auf drei zwei, das Auto keucht, als würde man ihm die Kehle mit einem Drahtstriegel ausputzen, doch nun fehlen nur noch ein paar hundert Meter bis zum Pass: geschafft.

Der Blick vom Hardknott Pass ist noch ehrfurchtgebietender als der vom Wrynose aus. Der Pass liegt auf einer Höhe von nicht einmal 400 Metern, und dennoch fühlt man sich auf dem Gipfel des Olymp, allen Einzelheiten entrückt und fern allem Trachten und Treiben der Menschen. Natürlich, da ist die Straße, da sind die Hürdenkreise für die Schafe, und doch werden diese Menschenspuren klein und bedeutungslos angesichts der großen Bergleiber, die da ruhig im Umkreis beieinanderliegen wie schlafende Liebende, lang ausgestreckt, satt und müde, sachte atmend in ihrem beständigen Jahrhundertrhythmus, dem Rinnen ihrer Säfte hingegeben und dem molekularen Knistern und Wispern steinerner Monaden.

Die  Landschaft verändert sich nicht, als wir den Pass überschreiten, und doch wird alles anders. Hinter uns liegen erschöpfte Götter, vor uns ein gelobtes Land. Ich würde ja gern auf Obszönitäten verzichten, aber das wäre nicht aufrichtig. Eskdale, westwärts, macht die Beine breit. Mein Eindruck von dem breit hingestreckten Tal ist der einer willigen, Säfte und Lust verströmenden Frau. Hinter uns liegt Erschlaffung, vor uns grüne Geilheit, nun unter einer aufgerissenen Wolkendecke. Sonnenglanz und Wolkenschatten fließen über Hang und Tal. Das späte Nachmittagslicht dämpft und mildert alles, was kantig ist, es glättet und rundet das Relief. Die Farne, die hier so weite Flächen bedecken, wirken in diesem Licht wie weiche Moospolster, eine weite Kissenlandschaft für riesenhafte Bergnymphen.

Von Nahem entpuppt sich dieses Nymphenboudoir dann als bezauberndes Flickwerk von Schafweiden und Wäldern, wie es die Landschafter des 19. Jahrhunderts zu malen nicht müde wurden, ein großes Pastoral aus Bergzügen, samtgrünen Matten und einsamen Gehöften. Doch die Landschafter haben solche Prospekte meist mit einem heiterem Himmel und geruhsam dahinsegelnden Wolken überspannt, während unser Himmel sich nach dem kurzen Zwischenspiel von Sonnenlichttupfern schon wieder geschlossen hat und der Regen alles tut, damit die Wiesen auch weiterhin so prächtig im Saft stehen.

Wie viele Seen in dieser Gegend ist der Wast Water langgestreckt wie ein Fluss, der nur aus Versehen auf allen Seiten von Ufern eingefasst und zum See zusammengehalten wird. Ich kann mir vorstellen, dass all diese länglichen Seen im Lake District einmal Flüsse waren, deren Betten nach der Eiszeit von dem Gestein, das die abschmelzenden Gletscher mitführten, sich in einer Art von Selbstaufschüttung des Ufers verriegelt haben. Wenn ich allerdings so recht überlege, bemerke ich, dass dies kaum ein Charakteristikum bloß der Seen im Lake District ist - die Seen südlich der Alpen sind von Frankreich (Bourget, Annecy) über die Schweiz (Neufchâtel, Thun, Vierwaldstätter See) bis nach Italien (Lago Maggiore, Lugano, Como, Iseo, Garda) ganz ähnlich schmale, niemals so behaglich gerundete und einfach nur vollgelaufene Wasserbecken wie viele ihrer bayerischen Vettern (Walchen-, Kochel-, Staffel-, Chiemsee), sondern immer langgezogene, nur zwischenzeitlich stockende und sich verbreiternde Ströme, in denen ein stärkerer Tonus und gleichsam ein drängenderer Trieb zum Meer hin zu wirken scheint, als er sich bei den bayerischen Seen geltend macht, die es nicht eilig haben, über die Donau zum so fernen Schwarzen Meer zu kommen. Die Seen des Oberlands ruhen sich aus, sie dümpeln und tümpeln - hier im Lake District sind es zur Irischen See selten mehr als 30 Meilen, und da ist dann kaum noch Gelegenheit, eine breite Mulde im Flachland auszuwaschen und es sich darin gemütlich zu machen. Die Seen strecken verlangend die Finger nach dem Meer aus. Mag sein, sie haben schlicht die Schnauze voll von ihrem Exil auf dem Festland und sehnen sich nach dem Eingehen in die große Wassermasse und nach der Einkehr in ihr ozeanisches Ur-Element.

Wir kehren auf einem Campingplatz des National Trust ein, auf dessen weitläufigem Gelände vor allem hartgesottene Wanderfexe ihre Zelte aufgeschlagen haben, denen es vermutlich nicht grade scheißegal ist, dass es mittlerweile schifft wie Sau, die diesen Umstand aber dennoch mannhaft hinnehmen und vielleicht sogar als besondere Bewährungsprobe auffassen. 

Der Anthropologe Jared Diamond hat einmal die These aufgestellt, dass auf den ersten Blick hinderliche Merkmale wie überlange Federschweife bei manchen Vogelmännchen diesen zwar Nachteile in der natürlichen Selektion einbringen, weil sie dadurch leichter Beute von Fressfeinden werden, ihnen aber durchaus zum Vorteil in der sexuellen Selektion gereichen, da ein besonders gehandicaptes Exemplar dem Weibchen signalisiert, dass es trotz dieser Behinderung immer noch fähiger ist als seine Konkurrenten. Es ist so tüchtig, dass es sich sein Handicap leisten kann, und die offensive Zurschaustellung dieses riskanten Merkmals scheint ein Argument, dem die Damen kaum widerstehen können. Diamond findet diese Struktur in der menschlichen Spezies im Tabak- und Alkoholkonsum von jungen Männern im Paarungsalter wieder: die coolen Jungs sind die trinkfesten Raucher, die damit ihre Nehmerqualitäten anzeigen; sie signalisieren (nicht anders als Tätowierte und Gepiercte) Mut und Schmerzresistenz, also genetische Überlegenheit. (Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum Frauen, wie es oft heißt, so gern auf Arschlöcher hereinfallen: Arschlöcher verstehen sich durchzusetzen, sind sicher nicht einfach im Zusammenleben, zeugen aber Nachwuchs, der sich nicht so schnell unterbuttern lässt.)

 Kaum auf dem Campingplatz eingerichtet, haben wir Gelegenheit, die Triftigkeit dieser These zu überprüfen. Ein junges Pärchen hockt vor seinem Zelt: er ist halbnackt, obwohl schon wieder ein Schauer niedergeht, sie ist dick in Wollpullover und Regencape vermummt, wie es die Vernunft gebietet, denn es ist saukalt, und da hilft auch das kleine Grillfeuer nicht, über das sie einen Schirm hält. Doch er schürt die Glut, er legt das Fleisch auf den Rost; er ist der Ernährer der künftigen Familie. Wir werden Zeuge eines Klischees von Neolithikum. 

Morgen wollen die Beiden den Seatallan ersteigen, wie ich erfahre, als ich später im Sanitärblock mit dem Männchen ins Gespräch komme. Wir stehen nebeneinander an den Waschbecken, ein wampiger Mittfünfziger und ein durchtrainierter Bursche Ende zwanzig, ich rasiere mich, er seift seine Dreads. Natürlich hat er sein Handy dabei, selbst am Waschbecken, und zeigt mir Bilder des Bergs, während ich Schneisen in den Rasierschaum an meinem Hals schlage. Die Bilder von den Höhen des Seatallan sind schön und schrecklich zugleich, tremendum und fascinosum: öd und erhaben, imponierend und doch beängstigend fad. Und dann vertraut er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, dass er seiner Freundin dort einen Antrag machen will. Die Ringe hat er dabei, er will, dass sie über dem Herzen getragen werden. Er kennt da einen Piercer, der Erfahrung mit Brustwarzen hat.

Einen Moment zögere ich, aber dann frage ich ihn doch, ob er den Herrn der Ringe kennt. Blöde Frage, natürlich tut er das. Als ich das Buch gelesen habe, sage ich weiter, habe ich mir Mordor immer genau so vorgestellt wie dieses sublime wasteland auf den Bildern, die er mir da grade gezeigt hat. Aber Frodo, der gute Frodo (möge das Haar auf seinen Zehen nie schütter werden) ist nach Mordor hinaufgestiegen, um den Ring Saurons in das Feuer des Schicksalsbergs zu werfen und zu zerstören. Ob er - ich lege meine Stirn in besorgte Falten - wirklich an einem solchen Ort seiner Liebsten einen Antrag machen wolle? An einem verhexten und vom Bösen infizierten Ort? 

Ich habe mit dem Rasieren innegehalten. Der weiße Schaum auf meinen Wangen verleiht mir möglicherweise einen Anschein druidischer Weisheit und Autorität, den will ich nicht zu früh weghobeln. Dass meine Augenbrauen seit einigen Jahren zu Wildwuchs neigen, kommt mir jetzt zupass; dramatische Augenmimik samt gesträubtem Brauengezottel ist genau das, was ich grade brauchen kann. Dazu meine azurblau aufgerissenen Augen, mit denen ich schon Fleischereifachverkäuferinnen schier um den Verstand gebracht habe - das sollte doch wirken! Der junge Mann scheint tatsächlich verunsichert und walkt mit seifigen Händen so in seinen Dreads herum, dass er für einen Moment der Medusa von Caravaggio ähnelt, wenngleich auf deren Haupt Schlangen herumzüngelten, und nicht bloß verfilzte Haarzöpfe. Aber das Entsetzen in Caravaggios Medusenantlitz und das Entsetzen im Gesicht des jungen Mannes ist fast dasselbe, und ich begreife, dass ich jemandem eine Witzelei zugemutet habe, der am zittrigen Rand einer Lebensentscheidung steht und dem es wirklich vor diesem Antrag bangt - und auch, wenn es mir absurd vorkommt, dass heutzutage ein Mann einer Frau die Ehe anträgt, ohne dieses Ansinnen vorweg einmal wenigstens andeutungsweise mit ihr besprochen und geklärt zu haben, rührt mich diese Entschlossenheit zu solch brüsken, romantischen Ritualen an. Das will ich ihm nicht verderben, also entspanne ich meine Augen, streiche die Sarumanbrauen glatt und wünsche ihm alles Glück der Welt. Hätte ich das Kinn nicht voller Schaum, würde ich ihn aus schierem Mitleid umarmen.

Ich schabe mir den Bart weg, er verschwindet in einer Duschkabine; als ich zum Bus zurückgehe, ist das Grillfeuer erloschen, der Zeltreißverschluss zu, das Mädchen hat sich in ihre Hülle zurückgezogen und arbeitet möglicherweise an ihrer Entpuppung. Morgen wird sie vielleicht als künftige Braut daraus hervortreten.

Dagmar hat sich inzwischen eines armen Kerls angenommen, der sich aus seinem Auto ausgesperrt hat. Der Schlüssel steckt im Zündschloss, die Türen sind zentralverriegelt. Er schuckelt am Seitenfenster herum, um es wenigstens einen Spalt aufzubekommen, was ihm unter großer Mühe gelingt. Das bringt ihn allerdings auch nicht weiter. Er steckt versuchsweise seinen Finger in die Ritze - Symbolik ist alles - und prokelt damit in der Luft herum. Sein Finger ist keine zehn Zentimeter lang, doch der Schlüssel ist einen Meter entfernt, und selbst, wenn der Mann herankäme, würde er mit einem einzigen Finger und in diesem Winkel kaum den Schlüssel herausziehen können. Doch bevor er gar nichts tut, tut er lieber etwas vollkommen Sinnloses. Auf seine Weise ist er ein veritabler Beckett’scher Held - da er allerdings aus Tschechien, genauer: aus Prag kommt, orientiert er sich wohl doch eher an den Figuren Kafkas, die hilflos hoffend immer wieder an irgendeiner Art von verschlossener Pforte scheitern.

Doch Hilfe ist nicht fern! Dagmar kann das Elend des Mannes nicht mit ansehen und erbarmt sich. Sie bringt ihm Hilfe in Form eines Kleiderbügels aus starkem Draht, dazu eine Kneifzange. 

So patente Frauen wie Dagmar sind bei Beckett wie bei Kafka Mangelware, und manchmal glaube ich, dass all das metaphysische Hadern in den Texten der Beiden vage damit zusammenhängt, dass sie Dagmar nicht gekannt haben. Dagmars Segenshand und ihr Frickelgeschick hätten ihnen wahrscheinlich in all ihren Prüfungen und Nöten weitergeholfen, das Tor zum Gesetz geöffnet, den Weg ins Schloss gebahnt, und auch für die Krücken und brüchigen Hilfsmittel bei Beckett hätte Dagmar schon irgendwas in ihrem Werkzeugkasten gehabt, einen Splint, einen Draht, Klemme, Schelle, Flansch. Irgendwie hätte sie das metaphysische Malheur, das bei Kafka und Beckett immer wieder umkreist wird, durch pragmatische Frickelei gelöst. Man unterschätze das nicht! Pragmatisch heißt nicht profan, und die Art, in der Dagmar auf den Tschechen zugeht, hat durchaus etwas, das nicht nur von dieser Welt ist. Sie hält ihre Hilfsmittel hoch, den Drahtbügel und die Zange, so wie ein Priester bei der Prozession sein Ziborium und das Kreuz emporhebt, und vielleicht mehr noch so, wie Aeneas den goldenen Zweig trug, der ihm die Pforten der Unterwelt auftun sollte. Das Scheitern oder Widerstreben der Dinge bei Kafka und Beckett ist ein Zeichen metaphysischen Unheils. Warum sollte dann ein Heilmachen der Dinge von geringerer metaphysischer Bedeutsamkeit sein? Nein, Dagmar kommt zu diesem Mann als helfender Engel, sie rettet ihn aus physischer Not, und so wird sie zu einem Boten des Guten in der Welt, das auf die göttliche Güte verweist. Der Gott Mose und Abrahams und Isaaks und Jakobs hat ja auch keine diffusen spirituellen Verheißungen in Aussicht gestellt, sondern ganz robust ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Und es funktioniert! Der Mann ist anstellig und bastelt sich aus dem Draht eine stabile Schlinge, mit der er nach einer halben Stunde schließlich seinen Türknopf angeln und aufwärtsziehen kann. Dann ist alles offen und zugänglich: das Zelt, ein Höckerchen, ein Kocher. Und die Kühlbox mit Bier.

Wir sind wegen der Kälte schon längst in den Bulli gestiegen, als der Mann immer noch unbewegt auf seinem Höckerchen ausharrt. Er harrt auch noch aus, als es zu regnen begonnen hat, und rührt sich keinen Deut. Er schläft, wenn er nicht sogar tot ist. Der Regen morst tröpfelnde Botschaften auf meinen Schirm, als ich hinübergehe und an der Schulter des Mannes rüttle. Da wacht er auf und starrt mich an, fassungslos und sehr weit weg. Ich bin wahrscheinlich nur ein weiteres Element im Fluss seiner Träume, kurz hochgespült und gleich wieder davongestrudelt, ein seltsames und düsteres Phantasma in einer Dunkelheit, in der der Lichtstrahl meiner Taschenlampe herumstochert und grob irgendwelche Gegenstände aus dem Schwarz herausreißt, einen Strauch, einen riesigen Käfer aus lackiertem Blech (die Türen stehen offen, als würde dieses metallene Insekt die Flügel spreizen), ein Zelt. Benommen rettet der Mann ein paar Dinge aus dem Regen und verkriecht sich in seiner Behausung.


6. Juli. Wast Water, Ravenglass, Whitehaven, Lorton Vale, Borrowdale, Keswick


Auf dem Weg von Wasdale an die Westküste hält uns plötzlich eine indisch aussehende Frau in einem sehr eleganten Sari auf, die mit wehendem Kopftuch mitten auf der Straße steht und uns mit fuchtelnden Armen an den Rand dirigiert. Ist ein Unfall geschehen? Oder wird gleich eine zeremoniöse Prozession mit Seidenschabracken behängter Tempelelefanten hier vorüberziehen, die einen Maharadscha und seine Frauen und Nebenfrauen und eine Schar von Kebsweibern auf ihren Rücken tragen? Es ist allerdings nichts zu hören, keine Tablas und Schellen und Fiedeln und Schalmeien; kein Duft von Sandelholzräucherwerk und Patschuli wogt heran. Wir sind gespannt. Nach einer Minute kommt eine rückwärts gehende junge Frau, ebenfalls indisch gekleidet, die mit behutsamen Armbewegungen und lauten Rufen dem Fahrer einer Luxuslimousine Anweisungen gibt und ihn so im Schritttempo durch die gefährliche Kurve lotst. Am Steuer sitzt offenbar ihr Vater, schmal und aufgeregt, das Gesicht schweißnass. Er überdreht jedes Lenkmanöver, kommt gefährlich nah an die Bankette, was seiner Tochter einen erschreckten Ausruf entlockt und ihn das Lenkrad herumreißen lässt, wie man es vielleicht tut, wenn man mit einiger Geschwindigkeit den Hardknott Pass hinaufstürmen muss (ich weiß, wovon ich rede), aber nicht unbedingt, wenn man mit fünf Stundenkilometern auf mittlerweile grader Strecke vorankommen will. Inzwischen ist auch die Frau, die uns aufgehalten hat, bei ihrem Gatten. Mutter und Tochter flankieren jetzt die Kotflügel des Maybach, ungefähr wie Viehtreiber, die einen bockigen oder verstörten Esel auf seinem gefahrvollen Pfad geleiten - oder doch eher wie Mahuts, die ihren Elefanten durch unwegsames Gelände führen? Dieser Elefant hier - ein Nabob im Maybach - scheint allerdings betrunken oder auf andere Weise physisch oder psychisch angeschlagen (etwa durch eine erst vor kurzem erfolgte Entnahme größerer Gehirnteile), sodass die Mahuts sehr streng mit ihm umgehen müssen und mit den Handballen auf die Kotflügel einschlagen, um das Tier wieder in die Spur zu bringen. Ich wollte, sie hätten diese Elefantenstäbe mit Klinge und Haken, um das hin und her schwenkende Vieh zu bändigen. Es wäre mir eine gewisse Befriedigung, wenn sie diesem empörend blitzenden Maybach, gleichsam als Initiationszeichen, ein paar tiefe Narben und Dellen beibrächten.

Aber ich bin auch so ganz zufrieden. Zwei schönen und reichen Inderinnen dabei zuzusehen, wie sie auf das Auto ihres Patriarchen einprügeln, verschafft mir eine gewisse moralische Wollust. Als die Parade endlich an uns vorüber ist und die Frau sich, ganz Tochter ihres Volkes, mit gefalteten Händen und Kopfnicken für unsere Geduld bedankt hat, können wir noch eine ganze Weile von diesem bizarren Auftritt zehren. Das gibt diesem Morgen, der so wolkenverhangen begonnen hat, doch gleich eine heitere Note.

In Ravenglass treffen drei Flüsse mit den etwas stummeligen Namen Irk und Mite und Esk zusammen. Die drei haben ein gemeinsames Mündungsbecken ausgespült, das aussieht wie Meer, aber in Wahrheit nur einen von zwei Landzungen gut geschützten Hafen abgibt. Schon die Römer haben die günstige Lage von Ravenglass genutzt und dreihundert Jahre hier ausgeharrt. Am Hardknott Pass sind Grundmauern eines römischen Castrum erhalten, hier immerhin ein Römisches Bad. Es bereitet auch jetzt noch keine Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie sich ein Römer an diesem Rand des Imperiums gefühlt haben mag - wenn hier überhaupt je ein Soldat aus italischem Kernland Dienst getan hat und nicht nur angeheuerte Silurer und Batavier, Goten, Briganten, Ordovizier ihre Schwerter schliffen und dem Knöchelchenspiel frönten. Ovid, dieser so überaus geistreiche und frivole Dichter, hätte wohl weniger damit gehadert, nach Tomis ans Schwarze Meer verbannt worden zu sein, wenn man ihm mit der Alternative Ravenglass gedroht hätte. Tomis mag für Augen, die den Glanz Roms gewohnt waren, ein barbarisches Provinzkaff gewesen sein; Ravenglass (Glannoventa) wäre für einen Mann wie Ovid vermutlich ein Außenposten der Hölle gewesen. 

Daran hat sich nicht viel geändert. Feuchter Sand, Gezeiten wie Feudel, die kräuseligen Algenschmadder auf den Strand kehren, Häuserzeilen in der Main Street, die manchmal hinter üppigem Blumenschmuck fast verschwinden, was das Beste ist, das ihnen passieren kann. Es gibt ja Orte auf dieser Erde, die mit reichlicher Bepflanzung ihre eigene Schönheit und Wohlgeratenheit feiern; und es gibt Orte, die all die Blumen aufbieten müssen, um sich über ihre Dürftigkeit hinwegzutrösten. Ravenglass gehört eher zu der zweiten Sorte, doch das ist immer noch um einiges besser, als gar nichts zu unternehmen.

Wir nehmen eine Kanne Tee auf der Terrasse des Rosegarth Guest House, wo man schön in der Abendsonne sitzen könnte, wenn es a) Abend wäre, und wenn b) die Sonne schiene. Für uns bleibt Vormittagsniesel unter einem Schirm, dessen Bespannung vom Wind gezaust wird und dessen Schaft zornig in seiner Tischverankerung knirscht, als würde er sich am liebsten dort losreißen, sich in die Lüfte erheben, und abhauen, soweit es geht. Wofür ich durchaus Verständnis hätte.

Unser Weg führt uns im Hinterland der Küste nordwärts. Hinter den Weiden und Hecken erscheint, noch fern, eine Art Industriekomplex, Kühltürme, Schlote, riesige Hallen. Ein Wegweiser zeigt nach Sellafield, das in meinem Gedächtnishintergrund nicht als irgendein, sondern als skandalbehaftetes Atomkraftwerk abgelegt ist. Seit seiner Inbetriebnahme leitete man dort die radioaktiven Abwässer ins Meer. In den Fünfzigerjahren brannte ein Reaktorkern, der 50 000 Terabecquerel freisetzte. Ersetzt man das harmlos wirkende Präfix Tera durch sein Signifikat Billion, bekommt man eher eine Vorstellung von der Schwere des Unfalls. Nach Tschernobyl, Fukushima und der Explosion im russichen Kyschtym (das zwei Wochen vor dem Sellafield-Brand in die Luft flog) rangiert der Vorfall auf Platz 4 der Nuklearkatastrophen-Liste. Die britische Regierung tat damals alles Menschenmögliche, um der Bedrohung zu begegnen, das heißt, sie konfiszierte die kontaminierte Milch der umliegenden Bauernhöfe, verklappte sie in der Irischen See, und sorgte ansonsten dafür, dass die Bevölkerung nicht über Gebühr beunruhigt wurde.

Fast ein halbes Jahrhundert danach flossen durch ein Leck, das acht Monate unentdeckt geblieben war, 80 000 Liter einer Brühe aus Salpetersäure, Uran und Plutonium auf das Gelände. Für die Bevölkerung bestand natürlich zu keiner Zeit irgendeine Gefahr - ebensowenig übrigens durch die Abklingbecken, in denen die verbrauchten Brennelemente unter freiem Himmel lagerten. Da jedoch für allerlei Vögel, die hier möglicherweise nach Nahrung suchen oder ein Bad nehmen wollten, das Risiko einer Kontamination bestand, die nicht nur ihnen selbst schadete, sondern auch in die Nahrungskette eingespeist werden konnte, schoss man Vögel, die sich dort sehen ließen, kurzerhand ab. Ob man auch mit Vögeln, die sich nicht sehen ließen, sondern der jägerischen Aufsicht entgingen, so verfuhr, weiß ich nicht, wahrscheinlich eher nicht. Aber die Idee, mit Schrotflinten ökologische Katastrophen zu verhindern, ist rührend. Vielleicht hätte es auch schon was gebracht, einen Trupp anglikanischer Geistlicher hier zu installieren, um sie im Schichtdienst Gebete murmeln zu lassen.

Ich kann mir nicht helfen, irgendwie beeindruckt mich die Nonchalance, mit der die Briten ihre Atomkraftwerke führen. Da die wichtigste Sache bei einem Kernkraftwerk die funktionierende Kühlung ist, haben die Betreiber wahrscheinlich die Maxime Cool bleiben! so verinnerlicht, dass sie nicht schnell in unkontrollierbare Panikwallungen geraten, die eine kleine Störung nur noch zusätzlich anheizen würden. Ich vertraue einfach darauf, dass Experten schon wissen, was zu tun ist. Und natürlich darauf, dass es ehrenwerte Männer sind - mindestens so ehrenwert wie Brutus…

Jedenfalls sind es diskrete Männer. Zwar ist die Existenz eines Atomkraftwerks von 350 Hektar Fläche nicht gut geheimzuhalten, aber immerhin wird auf Schilder verzichtet, die den Reisenden explizit darauf stoßen, dass hier ein nicht ganz und gar harmloses Geschäft betrieben wird. Die Umgebung des Geländes ist zwar nicht gerade anmutig, aber doch bukolisch, und den Rindern, die dort weiden, sind schließlich auch keine monströsen Hörner oder zusätzliche Beine gewachsen, es wird also schon alles mit rechten Dingen zugehen. Nein, die Anlage ist keine finstere Brutstätte von Unheil und Zerstörung - sogar ganz im Gegenteil. Wir fahren einmal kurz an einer Friedhofsmauer rechts ran (was in England natürlich links meint, es ist ein ironisches Land), und sehen hinter uns die Kühltürme und Schlote Sellafields vor der Küstenlinie aufragen. Etwas davor liegt ein Dorf, ein flacher grauer Kleckerhaufen von Häusern im offenen Feld, schutzlos dem Walten der Elemente preisgegeben und kaum mehr als ein bäurisches Nest. Doch Sellafield dahinter wacht über das Dorf wie eine gewaltige Burg, die unsagbare Kraft und Macht ausstrahlt und das erhabene Arkanum der technischen Fertigkeiten ihrer Erbauer und Bewohner bezeugt. Sellafield schützt und behütet diesen armseligen Bauernflecken vor allem Unbill - seine Kühltürme sind die Schatzkammern der Region, seine Schornsteine die Wachtürme und seine Atommeiler die Waffenkammern. Hier wirken die Meister und die zauberkundigen Herren, denen die Gabe des Weitblicks zueigen ist.

Es geht auf Mittag zu, als wir in Whitehaven ankommen, einer kleinen Hafenstadt, in der wir auf einen kleinen Imbiss hoffen. Die Stadt ist allerdings - bis auf eine schickgemachte marina und einige herausgeputzte georgianische Fassaden - ein weitgehend pauperisiertes Kaff, auf deren Straßen sich nur adipöses und ungeschlachtes Proletariat herumtreibt, Männer wie Weiber, die von der gerade hervorkommenden Sonne geblendet ins Licht blinzeln und dann im erstbesten Pub Schutz vor dieser gleißenden Zumutung suchen. Die Pubs sind dunkle Gelasse, finster wie Rattenhöhlen und genauso muffig, und die Imbissbuden bieten Fish’n’Chips, Döner oder Sandwiches an, die so freudlos aussehen wie Mauerblümchen bei einer Ü50-Party. Unter anderen Umständen wären wir vielleicht (vielleicht) nicht so zimperlich, aber wir haben uns im Kopf noch nicht von dem Gedanken freigemacht, dass es in einer Hafenstadt doch auch frischen Fisch geben müsse, Muscheln, Rochen, Krebse, Lachs. Nichts davon ist zu finden, und auch das einzig gepflegt wirkende Restaurant an der marina hat sich auf hochpreisige Ribeye-Steaks und Burger spezialisiert. Wir lugen durch das Fenster in die weitläufigen Gasträume, doch da sitzen bloß zwei Männer im Anzug und haben so viel Papiere auf dem Tisch, dass der Kellner Schwierigkeiten haben wird, auch nur den Gruß aus der Küche darauf unterzubringen.

Ach, es ist ja nicht die kulinarische Misere, die uns nicht hierbleiben lässt. Die Sache liegt tiefer und sie hat viele Wurzeln. Eine davon ist nur vordergründig kulinarisch, auch wenn sie mit dem Skandal zusammenhängt, dass es in einer Hafenstadt keinen Fisch gibt. Wird hier nicht mehr gefischt? Wenn ja, warum? Ist der Fang radioaktiv belastet? Gibt es überhaupt noch einen Fang, oder sind die Meeresgründe längst leergekeschert? Oder wird hier weiterhin gefischt, und der Fang wird nur gleich gefrostet und zu den großen Häfen geschippert? Wie auch immer, eine der Lebensadern einer Küstenstadt ist dadurch gekappt. Der Hafen, in dem keine Trawler mehr ankern, ist nun frei für die Yachtbesitzer, deren Beitrag zum städtischen Leben sich auf die Bezahlung der Liegegebühren beschränkt. Dieser Klientel muss auch etwas geboten werden, darum putzt man die marina auf, während der Rest der Stadt herunterkommt, die Läden für den Alltagsbedarf schließen und Maklerbüros und charity-shops Platz machen. Später habe ich gelesen, dass Whitehaven versucht, den Tourismus zu beleben, und dass es beispielsweise ein Museum gibt, in dem die zweihundertjährige Geschichte einer Rumhändlerfamilie aufbereitet wird - wir müssen daran vorbeigelaufen sein, wohl, weil das Schaufenster sich in nichts von einem gewöhnlichen Schnapsladen unterscheidet und kein Schild, das in die Augen fallen würde, auf eine Ausstellung hinweist. In einem anderen Museum hätten wir Gelegenheit gehabt, Sauriermodelle aus Lego-Steinen zu bewundern, aber selbst, wenn wir uns dafür entflammen ließen (was nicht der Fall ist), haben wir jetzt grade andere Prioritäten.

Sechs Meilen nördlich von Whitehaven liegt Workington, das keinen Deut charmanter ist, und auch Maryport weitere fünf Meilen nordwärts, strahlt eine solche Trostlosigkeit aus, dass wir den Plan, essen zu gehen, aufstecken und uns im Supermarkt ein Stück Lachs besorgen, das wir dann an der Küste unter unserem Markisendach braten. Vor uns dehnt sich brauner, schlickiger Strand, in dem eine übergewichtige Familie ein tiefes Loch aushebt. Suchen sie einen Schatz? Oder wollen sie nur ihren toten Hund verscharren? Wir erfahren es nicht, denn sie halten inne, als ein heftiger Regen niedergeht, und verschnaufen in ihrem Auto, und wir sind fort, bevor sie sich wieder herauswagen.

Genug der Küste! Vor die Wahl zwischen grauem Meer und grünen Hügeln gestellt, wählen wir die Hügel und kehren in den Lake District zurück, fahren im Lorton Vale an den Seen von Crummock Water und Buttermere vorüber und steigen den Honister Pass hinauf, an dessen Berghängen Schotter in steinernen Rinnsalen herabrutscht, dabei ganz den Fließmustern des Regenwassers gleich, das die Bergflanken herabplätschert. Je höher wir klimmen und umso steiler die Hänge zu unseren Seiten aufragen, desto dichter werden die Geröllhalden, bis sie die die Lehnen ganz bedecken, und die Bergstümpfe, die noch nicht geborsten und zu Schotter aufgebrochen sind, sich daraus erheben, als hätten sie sich erst jüngst aus einer gigantischen Verschüttung hervorgekämpft.

Am Pass selbst wird noch immer Schiefer gebrochen, und man kann auch die alten Minen und die schwindelerregenden Seilbrücken und rostigen Eisenkonstruktionen besuchen, mit deren Gewinden und Zügen Schieferplatten aus den Stürzen gezogen wurden. Doch weil die Betreiber dieser Station wiederum sehr diskret sind und die Attraktion nicht groß anpreisen, entgeht uns dieses Vergnügen, ich habe erst im Nachhinein davon erfahren. Im Vorüberfahren sieht die Anlage aus wie ein in Betrieb befindlicher Steinbruch, der für Touristen nur ein Café und einen kleinen Fabrikverkauf unterhält; und da wir weder kaffeedurstig sind noch unsere Namen in eine Schieferplatte gravieren lassen wollen, ziehen wir weiter unseres Weges, angelockt auch von der weiten Aussicht, die sich hinter dem Pass auftut. Vor dem Pass war der Anstieg zwischen Dale Head und Pillar von Schotterhängen gesäumt; dahinter dehnt sich ein weites, welliges Grasland, in dem Inseln von Farn wuchern. Ein wenig tiefer wachsen auch wieder Bäume und Sträucher und werden kräftiger und größer mit jeder halben Meile, die wir zurücklegen. 

Seatoller, ein hübscher Weiler aus Bruchsteinhäusern, liegt in einem weitem Talgrund, der wie ein grün ausgepolstertes und mit Schafen garniertes Osternest von Bergen eingefasst ist und für ein paar Minuten eigens von der Sonne illuminiert wird, bevor die nächsten Wolkenbänke sich darüber hermachen und das liebliche Borrowdale tränken.

Um viertel vor sieben kommen wir in Keswick an, dem Hauptort der Region um den Derventwater-See. Am Parkplatz hat sich eine merkwürdig schweigsame Gruppe um die Parkticketsäule versammelt, nein, keine Gruppe, sondern agglomerierte Einzelne, wie Leute, die an einer Haltestelle auf den Bus warten. Als ich ein Ticket ziehen will, verstehe ich, warum sie warten: bis 19 Uhr ist das Parken teuer, danach fällt der Preis, und mit einer Münze darf man hier bleiben bis morgen früh.

Briten sind meist manierliche Leute, und selbst, wenn sie eher nicht manierlich sind, fügen sie sich der eisernen Regel der queue. Rotzen und Spucken, widerwärtig sein, unhöflich sein, eklatante Vernachlässigung der Zahnpflege oder generell der Körperhygiene, eine derbe Sprache führen: all das wird geduldet und allenfalls mit einer hochgezogenen Augenbraue sanktioniert. Beim Schlangestehen allerdings hört die Duldsamkeit auf, da ist jeder Regelbruch eine Verletzung des heiligen Gesellschaftskörpers. Als wir uns der wartenden Gruppe beigesellen, sind wir genau das Element, das es erforderlich macht, aus der lose verteilten und noch überschaubaren Menge eine strukturierte Reihenfolge zu formen. Drei wartende Parteien, auch fünf, auch sieben, können wie beim Kopfrechnen (fünf im Sinn) überblickt und sortiert werden, auch wenn sie durcheinanderstehen. Was darüber hinausgeht, bedarf einer sichtbaren und manifestierten Ordnung, und so schieben sich die Wartenden ganz unauffällig in Position, tun hier einen Schritt und dort einen weiteren, rutschen hier in die Lücke und schließen dort auf, und schon hat sich - sieben Minuten vor sieben - eine korrekt aufgestellte Schlange gebildet, die vor der Zahlsäule parat steht wie ein Rudel von Dominikanernovizen vor einem Reliquiar des Thomas von Aquin. 

Ich muss wohl darum bitten, den abgelegenen Vergleich zu entschuldigen; er kann sich nur dadurch rechtfertigen, dass der Heilige Thomas nicht nur ein Genie theologischer Ordnungsstiftung und Sündensortierung war, sondern seiner Vielschreiberei wegen auch als Patron der Bleistiftfabrikanten gilt. Das Graphit für diese Stifte wurde im 16. Jahrhundert im Borrowdale entdeckt, weshalb Keswick sich rühmen darf, home of the first pencil zu sein. Darum gibt es hier auch ein Pencil Museum, zu dessen Attraktionen der größte Bleistift der Welt gehört, acht Meter lang und eine halbe Tonne schwer, vielleicht ein wenig unhandlich, doch sicher nicht für den Heiligen Thomas, dem nichts unmöglich war. Er hätte einen solchen Stift wahrscheinlich in zwei, drei Jahren bis auf einen Stummel heruntergeschrieben, Kommentare und Summen und Quaestionen ohne Ende, Opuscula, Sentenzen, Sermones, und dann hätte der Aquinate sicher gleich nach neuem Schreibwerkzeug gelechzt. Wahrscheinlich aber nicht nach einem Bleistift, denn erstens war der zur Schaffenszeit des doctor angelicus noch nicht erfunden, und zweitens zeichnet einen Bleistift aus, dass er sich leicht radieren lässt, und Thomas musste nicht radieren, weil seine Schriften niemals irgendeiner Revision und Verbesserung bedürftig waren, aber dies nur nebenbei.

Kurz nach sieben ziehen wir unser Ticket und wandern in die Stadt. Man kann hier gar nicht in die Stadt gehen, einfaches Gehen scheint verpönt oder ist doch zumindest unüblich; die Kleiderordnung ist durchgängig wandererhaft. Selbst Kleinkinder tappen hier mit Wanderstiefelchen übers Pflaster, und die Erwachsenen sind bis auf wenige Exemplare sämtlich mit Outdoorjacken, Outdoorhosen, Outdoorsocken und Outdoortaschen bewehrt, wahrscheinlich haben sie auch Outdoortaschentücher und Outdoorportemonnaies einstecken. Die Auswahl am Ort ist gewaltig, grob geschätzt 95% der Läden verkaufen Wanderausrüstung. Wir schämen uns ein wenig unseres Stadtzivils und suchen schnell Zuflucht im Golden Lion, wo wir in einer dunklen Ecke nicht unangenehm aufzufallen hoffen. Einmal den Regenmantel abgelegt, fühle ich in meinem braunen Pullover und der braunen Cordhose sicher. Ich bin kaum von der Holztäfelung des Pubs zu unterscheiden, es ist die perfekte Mimikry. Leise beratschlagen wir, ob wir morgen nicht auch eine Wanderung unternehmen sollten und tragen alle Argumente zusammen, die dagegensprechen, obwohl wir sehr wohl wissen, dass wir keine Argumente haben, sondern bloß keine Lust. Das Argument wird uns dann nachgeliefert, als wir den Golden Lion verlassen: draußen schüttet es, als hätte der liebe Gott den Regen grade erst erfunden und könne gar nicht genug bekommen von seiner neuen Entdeckung. Im Bus trommelt der Regen lautstark auf das Dach ein: er applaudiert seinem Schöpfer.


7. Juli. Keswick, Grasmere, Ambleside, Aira Force, Penrith, Appleby, Nateby


Wir brechen früh auf. Ich müsste ohnehin früh aufstehen, um die Parkuhr zu füttern, und wenn wir schon einmal wach sind, können wir auch gleich irgendwohin fahren, wo es sich schöner frühstücken lässt als in Keswick auf dem Parkplatz, zum Beispiel am Ufer des Thirlmere. Die Berge um dem See liegen in träumerischem Dunst, doch langsam lichten sich die Nebel und konkretisieren sich zu den üblichen schwerbäuchigen Wolken.

Doch über Grasmere, fünf Meilen südlich, bricht ein wenig Sonne durch, grade rechtzeitig, als wir hinter St Oswald’s Church vor dem Grab von William Wordsworth stehen. Wie sollte die Natur, der die romantischen Dichter so viele Lobpreisungen gesungen haben, sich nicht erkenntlich zeigen und im rechten Moment ein Zeichen ihrer Gewogenheit schicken? 

Das Grab liegt im Daffodil Garden, der vielleicht einem von Wordsworth’s berühmtestem Gedichten  - The Daffodil - zu Ehren mit Narzissen bepflanzt wurde, vielleicht war es aber auch umgekehrt, und Wordsworth dichtete zu Ehren des Narzissengartens, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, wie delikat und dialektisch die Beziehungen zwischen Kunst und Realität oft geraten. Die Kunst versucht ja notorisch, der planen Wirklichkeit eine tiefere Bedeutung abzuringen, und kaum ist das einmal einprägsam gelungen, versucht die Wirklichkeit ihrerseits, den in der Kunst geschaffenen inneren Reichtum nachzuäffen oder sich einzuverleiben, ganz als sei das Schöne oder Bedeutsame nicht das Erzeugnis künstlerischen Schaffens, sondern habe immer schon in der Wirklichkeit selbst gelegen. So schmarotzt die Realität am Kunstwerk und versucht, an dessen Nimbus teilzuhaben. Das französische Städtchen Illiers etwa, in dem der kleine Marcel seine Ferien zubrachte, heißt mittlerweile amtlich Combray nach dem Namen, den der große Proust ihm zuteilte: ein recht dreistes Manöver der Ortsoberen, mit dem die ungeheure Transformations- und Kreationsleistung Prousts eskamotiert wird, und so getan, als gründe der Zauber von Prousts Werk nicht in seinem Genie, sondern in den Orten, die er beschrieben hat. Man stellt einen Fetisch her; man staunt ein Ding an, wo es allein auf dessen Abglanz im Geist von Dichter und Leser ankäme. Darum sind mir Dichterhäuser als Pilgerstätten so unangenehm. Sie tun so, als ließe sich die res cogitans in einer res extensa anfassen, und als ließe sich der Zauber ästhetischer Erregung durch die Anwesenheit irgendeines materiellen Zwischenträgers erklären, genauso wie Katholiken die Knöchelchen und Vorhautläppchen irgendwelcher Heiligen berühren, um deren Gunst zu erlangen oder Trost zu finden. Es ist schon pikant: gebildete Leute, die natürlich weit über so krude Praktiken wie schwarzafrikanische und schwarzvatikanische Reliquienkulte erhaben sind, tun dennoch einiges dafür, sich Erstausgaben, signierte Exemplare und Autographen ihrer Lieblingsautoren zu verschaffen, und das ja nicht etwa als Kapitalanlage (was ich noch verstehen könnte), sondern als papierenen Abriss des schöpferischen Arkanums. Dabei sind solche Dinge nicht mehr als Einwickelpapier, auf dem ein Vogel schwarze Fußspuren hinterlassen hat. Aber der wahre Lebensraum des Vogels ist die Luft, und nicht der Boden, auf dem seine Krallen sich abdrücken.

Daffodil nun, Wordsworth’s Gedicht, dessen letzte Strophe, in eine Steinplatte gegraben, hier zu lesen ist, hat seine Pointe genau darin: For oft, when on my couch I lie / In vacant or in pensive mood, / They flash upon the inward eye / Which is the bliss of solitude / And then my heart with pleasure fills, / And dances with the daffodils.

Das Glück sind nicht die Narzissen, die sich in der Brise wiegen - das Glück ist ihr Wiedererstehen vor dem inneren Auge und das Bewahren und Anverwandeln dieses Eindrucks: es ist wesentlich ein Aufrufen der Imagination, die gespiegelte und vermittelte Erscheinung in Erinnerung und Einbildungskraft. Wenn die Gestalter des Daffodil Garden in Grasmere Wordsworth ernstgenommen hätten, hätten sie ein paar gemütliche Sofas postiert, auf denen sich der Besucher Narzissen vorstellen kann, statt Narzissen zu pflanzen, die im Juli ohnehin schon längst verblüht sind.  Oder verblüht sein sollten - jetzt, längst zuhause, verwundert mich meine Erinnerung an den Daffodil Garden, denn in der Erinnerung ist der Garten voller Osterglocken, und ich kann nicht mehr zuverlässig rekonstruieren, ob dort wirklich noch Narzissen im Saft standen, oder ob ich mir das nur einbilde…

Wir wandern zur Allan Bank, einem Anwesen, in dem Wordsworth und seine Familie während ihrer Jahre dort unter den Rußschwaden litten, die nicht durch die Schornsteine abzogen, sondern das Innere des Hauses vergifteten. (Die Langzeitgäste Coleridge und de Quincey fügten dem als passionierte Opiumpaffer noch ein anderes Gift hinzu.) Wenn an stürmischen Wintertagen der Wind den Rauch ins Haus zurückdrückte, schloss man sich in einem ungeheizten Raum ein, während der Qualm durch Salons und Flure strich und die Wände schwärzte - ein sinistres Omen für das spätere Schicksal des Hauses, denn nachdem Hardwicke Rawnsley, einer der Mitbegründer des National Trust, das Anwesen eben diesem überschrieben hatte, verheerte in den Fünfzigerjahren ein Brand einen Flügel des Baus. Ein zweiter Brand im Jahr 2011 richtete weiteren Schaden an, und obwohl das Haus in seiner Substanz gesichert ist, sind die meisten Räume heute nur notdürftig verputzt oder auch nur verspachtelt, wo sich Risse durchs Gemäuer ziehen. Doch hat man aus der Not eine Tugend gemacht und den Bau (an dem ja nicht mehr viel zu ramponieren ist) der Öffentlichkeit zu recht freier Nutzung überlassen. Der Besucher kann sich in der Küche selbst seinen Tee aufsetzen, kann sich in die Bibliothek zurückziehen, sich der Staffeleien und der Pinsel bedienen oder auf dem Mahagoniflügel spielen, der - in einem merkwürdigen Kontrast zu den heruntergekommenen und mit Fingerfarben beklecksten Wänden - eine Oase bürgerlichen Kunstsinns in dieser Mischung aus Kindergarten und selbstverwaltetem Freizeitzentrum darstellt. Einige Salons sind mit Ledersesseln und Regency-Schränken möbliert, gerahmte Stiche stehen auf den Borden, und wer will, kann sich an einen Schreibtisch setzen und mit Blick auf den Grasmere-See ein paar Hexameter zimmern. In anderen Zimmern lehnen verkohlte Planken an der Wand, schlafen erschöpfte Wanderer oder schmökern mit hochgelegten Beinen in einem Barbara Cartland-Roman, der den literarischen Ansprüchen des einstigen Hausherrn Wordsworth kaum genügen dürfte. Es ist indes ein sympathischer Zug, dass die Bibliothek nicht allein der hohen Literatur vorbehalten ist, sondern auch den Niederungen des Geschmacks etwas bietet. Hätte Hardwicke Rawnsley das gefallen? 

Dieser bemerkenswerte Mann war nicht nur ein früher Naturschützer, der den Lake District schon um 1880 vor den Zerstörungen durch die Industrialisierung bewahren wollte, sowie ein Kämpfer für die alten Wegerechte, die zu beschneiden sich in jener Zeit einige Landeigner bemühten. Rawnsley organisierte einen Marsch, bei dem mehrere Tausend Wanderer auf den gesperrten Wegen zum Heim des Eigners zogen, um dort gegen die Ausschließung des Volks von seinen überlieferten Rechten zu protestieren. Und der National Trust, den er zu gründen half, ist ja auch nichts anderes als ein Versuch, das nationale Erbe dem ganzen Volk zugänglich zu machen und die Natur- und Kulturschönheiten des Landes nicht nur der Elite vorzubehalten, sondern allen zu öffnen. Insofern war dieser umtriebige Philanthrop gewiss ein demokratisch gesinnter Mann; es steht aber zu vermuten, dass er, wie so viele Philanthropen der Epoche, das Volk auch bilden und es aus seinem materiellen und kulturellen Elend ziehen wollte. Barbara Cartland würde er vermutlich nicht als förderliche Lektüre angesehen haben. (Andererseits verband Rawnsley eine lange Freundschaft mit Beatrix Potter, und da weiß ich nicht so recht…)

Zurück in Grasmere stoßen wir auf einen kleinen Erzeugermarkt, in dem etwas Kunsthandwerk und eine erstaunliche Menge guter Lebensmittel angeboten wird, Hirschsalami, Pies mit Wildschweinfüllung, ein feiner Blauschimmelkäse, und würziger Cheddar, dessen Teig einmal nicht von dieser trockenen Klebrigkeit ist wie bei den meisten seiner Supermarktcousins. Sogar gutes Brot, das man nicht mit bloßer Faust zu einem kleinen Teigball zusammendrücken kann, ist hier zu kriegen, worauf wir schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatten. Mit dem Mann, der die Pies und die Würste herstellt, kommen wir ins Gespräch. Als er erfährt, dass wir Deutsche sind, will er gleich wissen, was wir vom Brexit halten. Wir haben bislang immer vermieden, Engländer auf dieses heikle Thema anzusprechen, und auch jetzt formulieren wir vorsichtig, dass der Brexit den Exporteuren von Minzsauce und Apfelchutney wohl einen ziemlichen Schlag versetzen werde. Der Mann grinst, aber es ist ein grimmiges Grinsen. Das Referendum liege nun schon ein Jahr zurück, sagt er, aber er ärgere sich jeden Tag von Neuem über seine idiotischen Landsleute (wir lernen gleich noch ein paar Vokabeln wie moron, gawk und duffer) und vor allem über die Politiker (die er mit Namen belegt, die, soweit ich sie verstehe, allesamt aus dem Schatzkästlein der Unterleibsvulgaritäten stammen, ich sage nur twat und dickhead). Das Volk sei bloß dumm und schlecht informiert, die Politiker aber seien verlogene Demagogen und Ideologen, es sei eine Schande, wie sie sich die Angst und die Vorurteile der Leute zunutze machten, und wie sie Fremdenhass und Neidgefühle schürten. Diese nationalistische Welle sei widerwärtig; er selbst spreche ein wenig Französisch, ein wenig Italienisch, ein klein wenig Deutsch, habe viele Freunde auf dem Kontinent, erst im April habe er zwei Wochen auf dem Landgut eines Bekannten in der Nähe von Siena verbracht und hervorragende Salsiccia gegessen. Ich gebe ebenfalls meine Freude an italienischer Wurst kund, aber zugleich spüre ich, wie deplaziert ein italienischer Gaumenschmaus als Argument für Europa ist, vor allem für Leute, die in irgendwelchen Sozialwohnungsblocks in der Banlieu von Coventry oder Exeter leben und sich allenfalls in der Vorsaison eine Woche Brighton leisten können, was dann schon ein Gipfel an Weltläufigkeit ist. Eine gute italienische Wurst ist als Argument für den Kosmopolitismus zuwenig, wenn die muslimische Nachbarin kaum je ohne Veilchen ums Auge aus der Wohnung tritt, rechtgläubige Jungs Mädchen anspucken, weil sie Mini tragen, und ihre Mama auch nach dreißig Jahren England sich nur radebrechend mit der Frau von der Wohlfahrt verständigen kann. Dass diese Dinge allerdings mit der EU allenfalls am Rande zu tun haben, wenn überhaupt irgendetwas, ist zwar richtig, sie dürften aber für den Ausgang des Referendums dennoch eine ziemliche Rolle gespielt haben. Das xenophobe Ressentiment, dass England dabei sei, seine Identität zu verlieren, weil die Insel von Ausländern überflutet werde, und man zudem auch noch Brüsseler Diktaten ausgeliefert sei - war nicht das in Wahrheit wahlentscheidend? Der Mann nickt grimmig, und einen Moment ähnelt er einem jener Wildschweine, die er für seine Pasteten verarbeitet. Ein wütendes Wildschwein. Genau das sei es, nationalistischer shitfuck, doch dann dämpft er seine Stimme, weil sich englische Kundschaft nähert, und die will er dann wohl doch nicht mit seiner groben Wortwahl verprellen.

Wir touchieren wieder den Lake Windermere. Etwas nördlich des Sees liegt Ambleside, ein hübsches Städtchen voller Läden für - na, was wohl? - Wanderausrüstung. Dass Kurt Schwitters nach seiner Internierung in englischen Lagern in Ambleside lebte, verschweigt unser Reiseführer. Das Armitt Museum verfügt über eine der größten Sammlungen von Schwitters Werk landesweit, doch auch in diesem Fall erweisen sich die britischen Museen als Ausbund von Diskretion und Werbezurückhaltung. Oder, und das ist nicht ganz auszuschließen, wir sind schlicht zu doof. Ein Blick auf die Wikipedia-Seite zu Ambleside hätte genügt, uns in die Ausstellung zu locken.

So aber fahren wir weiter durch den Niesel, versuchen in einer Regenpause am Ullswater nahe einer Anlegestelle für die viktorianischen Dampfboote zu picknicken, doch der Regen hat nur Atem geholt, um jetzt um so stärker loszulegen. Wir klettern mit unseren Tellern ins Auto zurück, den Engländern an den anderen Tischen aber macht der Regen nichts aus, sie bleiben stoisch draußen sitzen und mümmeln ihre Sandwiches. Neben uns parkt ein Geldtransporter, dessen Fahrer ebenfalls vor sich hinkaut und uns - wohl eine déformation professionelle - misstrauische Blicke schenkt.

Am Wasserfall Aira Force hat der Regen zwar aufgehört, doch von den Bäumen, unter denen wir dem Wasserfall entgegenwandern, tropft es, als hätte er nicht. Es sind einige Giganten darunter, mächtig hohe Stämme, deren Rinde aussieht, als sei sie eng von groben, knubbeligen Perlschnüren umwickelt, bis zum Fuß des Baums hinunter, wo sich die Rindenringe in dicken Wülsten stauchen wie bei einem zu lang geratenen Hosenaufschlag; darunter schauen die Wurzeln hervor und graben sich wie lange Vogelkrallen in die Erde. Wenn mir derlei in einem Traum begegnete, würde ich es vermutlich für die riesige, mit hornigen Schuppen bepanzerte Stelze eines indischen Fabelvogels halten, der sich in diesen nordenglischen Wald verirrt hat. Wie zum Beweis, dass indischstämmige Wesen hier nicht gänzlich unwahrscheinlich sind, biegt just eine Familie um ein Gesträuch, deren akustische Emissionen uns schon seit Minuten verfolgen. Jetzt sehen wir einen etwa zwölfjährigen Prinzenknaben in Jeans und einer seidenen, farbenfroh bestickten Kurta, auf der Schulter einen Ghettoblaster, aus dem ein Bollywood-Gassenhauer schallt. Um die Mutter - eine beleibte Matrone im Sari - drängen sich drei Mädchen, ebenfalls in Saris und mit allerlei goldenen Münzketten um Hüften und Handgelenke. Vater schwankt hinterher, ein massiger Mann in weiten Hosen und einem Umhang, der zwar ein handelsübliches Regencape ist, an ihm dennoch aussieht wie der zinnoberrote Thronmantel eines Maharadschas. Statt eines Turbans mit einer Reiherfeder an der Stirn trägt er jedoch ein vollkommen lächerliches Hütchen, das viel zu klein für seinen gewaltigen Kopf ist: es ist ein Bowler, den er nur einem Leierkastenmann (oder auch dessen Äffchen) entwendet haben kann. Doch trotz dieses etwas albernen Assecoires und obwohl er bisweilen trällernd in die Bollywood-Melismen einstimmt, bewahrt der Vater seine Würde, was möglicherweise einfach an seinen ungefähr drei Zentnern Lebendgewicht liegt, die so imposant und ehrfurchtgebietend dahinschwanken wie eine überlebensgroße Götterfigur auf einer Prozession.

Indische Prozessionen scheinen in Nordengland nicht unüblich - gestern Mutter und Tochter, die als Mahuts ihren Vater am Steuer seines Maybach die Straße entlanggeleiteten, heute diese sonderbare Familie auf dem Weg, einem Wasserfall zu huldigen - und ich gebe zu, dass mir dieses Treiben eine willkommene Abwechslung zu all den bleichgesichtigen Outdoorjackenträgern ist, die sonst so im Lake District unterwegs sind; mir gefällt allein schon die Nonchalance, mit der Vater und Mutter in Flip-Flops über die durchaus holprigen Pfade schlappen, während die einheimischen Wanderer in ihrem festen Schuhwerk mit einer Rüstigkeit dahinstapfen, die mir gradezu provozierend soldatisch vorkommt, als würden hier immer noch Truppen für den Kampf gegen Hadrians Legionen zusammengezogen.

Der Wasserfall und die schön angelegten Stege und Brücken von Aira Force verblassen ein wenig gegen diese Begegnung, auch wenn ich nicht leugnen will, inständig darauf gehofft zu haben, der Prinzenknabe würde mitsamt seines dudelnden Ghettoblasters über das Geländer stürzen und in den Fluten des Aira Beck ersaufen, oder - ich will Gnade walten lassen - meinetwegen auch bloß der Ghettoblaster.

Auf dem Weg nach Yorkshire: in Penrith, dessen Stolz eine Burgruine aus dem 14. Jahrhundert ist, halten wir an, befinden nach einem kleinen Spaziergang, dass das Städtchen durch eine dämliche Ruine ganz adäquat repräsentiert wird, und machen uns wieder davon. 

Appleby-in-Westmoreland dann ist für Leute, die dort wohnen, sicher ein recht lebenswerter Ort. Man gewöhnt sich ja an allerlei, und ich selber lebe seit langer Zeit in Hannover, das auch dort, wo es lebenswert ist, nur weniges aufzuweisen hat, womit man Touristen bezaubern könnte. Touristen suchen den schnellen Kick, doch Einwohner bemessen die Annehmlichkeiten einer Stadt nach anderen Kriterien, und allein der Umstand, dass es einen guten Schlachter und mehrere kleine Brauereien gibt, spricht unbedingt für Appleby. Wie könnte auch ein Ort, der von einem Fluss namens Eden umgürtet wird, dessen Namen nicht alle Ehren machen wollen?

Doch länger als eine halbe Stunde hält es uns hier nicht, bevor wir in die weiten Hochflächen der Yorkshire Dales aufbrechen, diese endlosen Weiden, hinter denen sich Hügelketten in langen Wellen aufreihen und in der Ferne verlieren. Ein einsames, schafgarbengesäumtes Land tut sich auf. Alle paar Meilen passieren wir ein stilles Gehöft oder einen kleinen Bauernweiler, manchmal alt und von würdevoller Gediegenheit, öfter aber noch moderne, häßliche Bauten, die den Vorüberfahrenden mit ihren heruntergelassenen Fensterlidern und der stumpfen Mauloffenheit ihrer Türen anglotzen wie Häuserkretins.

In Kirkby Stephen halten wir nicht an, und schon gar nicht, als ich ein viktorianisches Gebäude sehe, auf dessen Dachfries in breiten, selbstgefälligen Lettern die Worte Temperance Hall prangen. In einer Skulpturennische über dem Portal ist eine griechische Göttin im blauen Chiton aufgestellt, aber ich würde wirklich gern wissen, welche griechische Göttin sich als Schutzheilige der Temperenzler hergeben sollte. Athene, der ich die Neigung zur Nüchternheit noch am ehesten zutraue, trägt normalerweise einen Helm, sie kann es also wohl kaum sein. Aber Temperenzlern traue ich jede Geschichtsfälschung und ätiologische Erschleichung zu, selbst die Indienstnahme einer gekidnappten Aphrodite für ihre lustfeindliche Propaganda. Voller Verachtung für diese Bande heuchlerischer Tugendbolde fahren wir weiter, um im Nateby Inn, eine Meile südwärts, eine Pinte zu nehmen. Vorher aber sichern wir uns einen Übernachtungsplatz, den uns der Tankwart und Automechaniker des Dorfes empfohlen hat (ein Mann, dessen Augen so blau sind wie das Frostschutzmittel in seinen Regalen). Hinter dem cattle-grid die Straße ins Birkdale runter gäbe es eine Wiese, auf der ab und zu mal Wohnmobile über Nacht blieben. Dort stellen wir den Wagen ab und klopfen an das Gatter des Hauses gegenüber, um zu fragen, ob wir dort bleiben können. Die Frau ist so irritiert, dass Fremde sie ansprechen, dass sie eine Weile braucht, unser Anliegen zu begreifen. Wahrscheinlich hält sie uns erst für Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (obwohl wir weißgott weniger manierlich angezogen sind als diese braven Krawattenträger) oder für Sozialarbeiter, die mal nach dem Rechten sehen wollen. Sie schaut misstrauisch drein, bis sie endlich verstanden hat, dass wir nur ihre Erlaubnis zur Übernachtung auf der Wiese vis-à-vis einholen wollen. Es ist manchmal interessant, Leuten beim Denken zuzusehen. Die Frau bewegt so ziemlich alle Gesichtsmuskeln, die sie zur Verfügung hat, es ist, als seien ihre Gedanken dem Gehirn entlaufen und irrten nun im ganzen Kopf herum, dabei an jedem Mimikmuskel, an den Augen und den Lippen und an den Stirnfalten zerrend, um irgendwo den Ausgang zu finden. Schließlich kommt der Gedanke durch den Mund heraus. Nein, sagt sie zögerlich, das könne sie uns nicht erlauben, dazu habe sie kein Recht. Allerdings könne sie es uns auch nicht verbieten. Die Wiese sei schlechterdings nicht ihre, und sie habe auch keine Ahnung, wem sie gehöre, und wenn wir kein Feuer legten und unseren Nachttopf nicht bei ihr im Garten ausleerten, sei von ihr aus alles in Ordnung. Man kann über die Engländer sagen, was man will - eine gewisse Neigung zum Schalkhaften kann man ihnen kaum absprechen.

Dann kehren wir endlich im Nateby Inn ein und machen es uns erstmal neben dem dining room bei Wein und Bier (nochmal ein Fluch den Temperenzlern!) in der Lounge gemütlich. Nach und nach trudeln aufgekratzte Leute ein, eine ganze Sippe von der Oma bis hinunter zu den Enkeln, die hier ein paar gemeinsame Tage verbringen wollen; eine der Schwestern ist aus Dorchester angereist, eine aus Norwich, nur die aus Liverpool, die es nun wirklich nicht so weit hat, fehlt noch. Die angeheirateten Männer versuchen, durch zügiges Trinken auf die Betriebstemperatur zu kommen, welche die beiden Schwestern schon durch ihr bloßes Wiedersehen erreicht haben, sie giggeln und quasseln, dass es eine Art hat, und ihre Lache ist erfrischend ordinär. Viel Neues haben sie sich nicht zu erzählen, sie müssen sich nicht auf den Stand bringen, weil sie ohnehin alle paar Tage miteinander telefonieren. Weil nun auch die Liverpooler Schwester mit Anhang angekommen ist, brauchen sie die Sessel, auf denen wir unsere Klamotten abgelegt haben, und  - sei’s, dass sie uns für dieses Inkommodieren entschädigen wollen oder dass sie ihrem kommunikativen Überschwang einfach nicht Einhalt gebieten können - so werden auch wir in die Runde einbezogen und nach Strich und Faden ausgefragt, nach Woher und Wohin, nach Wer und Was und Wie und Warum und Wozu. Eine der Schwestern ist gelernte Journalistin, das merkt man ihrer souveränen Beherrschung der W-Fragen an (das im Katalog fehlende Wann versteht sich von selbst, es ist jetzt), und dann schwärmt sie ein wenig von Bayern, von München und Regensburg und Passau, wir schwärmen einfallslos zurück (Stourhead, überhaupt die Gärten!), doch bevor wir ins Detail gehen müssen, erscheint der Wirt, verkündet, dass nun das dinner angerichtet würde, und die ganze Sippe verfügt sich wuselnd an die lange Tafel nebenan. Wir wünschen herzlich guten Appetit und halten noch eine Höflichkeitsfrist ein, bevor wir uns ebenfalls zu Tisch begeben. Es ist ein Familientreffen, und wir sollten ein Beifang bleiben, den man schnell wieder ins Meer zurückschmeißt, statt über Gebühr darauf herumzukauen.

Zudem kommt der Wirt nun auch zu uns, um uns seine Lammstelzen zu empfehlen, die er heute morgen um acht in den Ofen gebettet hat und die nun nach zwölf Stunden mürb und saftig leicht vom Knochen gehen, wie er versichert, und während er die Stelzen anpreist, schießt mir so der Speichel in den Mund ein, dass ich wie ein nervöser Diabetiker meine Schreibsachen zusammenraffe und wie in Trance in den Speiseraum hinübergleite. Das Lamm ist tatsächlich wunderbar und lässt großzügig darüber hinwegsehen, dass die Inneneinrichtung eine Mischung aus Wohnzimmer und Bahnhofsbuffet oder Bundeskegelbahn darstellt. Scheißegal. Die Sippe an der Nachbartafel kreischt und tost, es ist Mordsgetümmel dort, und das spült alles weg, was empfindlicherem Ästhetentum sauer aufstoßen könnte. Bis auf das köstliche Kartoffelpüree mit Blutwurstklümpchen und Apfelwürfeln drin. Das kosten wir bis zum letzten, vom Tellerrand gekratzten Bissen aus.


8. Juli. Nateby, Birkdale, Reeth, Richmond, Yorkshire Dales


Abends nach neun, als wir zum Bus zurückgingen, lagen die Hügel in goldenem Schimmer, unten grün, oben rotgold, sehr erotisch mit ihren Faltungen, Wölbungen, Rundungen. Am nächsten Morgen ist auf der Hochebene des Birkdale von Erotik keine Spur mehr. Mochte man unten noch an ein üppiges Weib mit praller Kruppe und breiten Hüften denken, wird es dort oben mager und flach. Der Anstieg geht durch baumlose Landschaft aus Heide und Farn; die Hänge sind meist wie von abgewetztem braungrünen Fell überzogen, narbig und gerieft, manchmal kahl, als gäbe es so etwas wie Heideräude. 

Die Weite des Landes ist grandios, atemberaubend im Wortsinn. Als wir einmal auf einer Anhöhe aussteigen und ins Tal zurückschauen, zerrt der Wind so grob an uns herum, als wolle er uns mit seinen Wirbeln und Böen die Luft vor den Lippen wegfangen. Es ist kein Wunder, dass hier kaum etwas wächst, das mehr als Kniehöhe erreicht: der Wind beugt es nieder oder reißt es aus. Auch Häuser gibt es kaum, manchmal einen aus Bruchsteinen gemauerten Unterstand oder eine Schafhürde. Wenn man der Evolution freie Hand ließe, hätten wahrscheinlich auch die hiesigen Schafe in ein paar tausend Jahren keine Beine mehr, oder doch nur sehr kurze. Das würde ihren Schwerpunkt tiefer legen und käme ihrer Standfestigkeit zugute.

Erst an der Grenze zum County of North Yorkshire (und damit zum Yorkshire Dales National Park) wird das Land etwas milder, und mehr noch, als das rauhe Birkdale ins Swaledale übergeht, dessen Hügelkämme dem Tal etwas mehr Schutz gewähren. Es wäre sicher zu hoch gegriffen, wollte man das Swaledale als lieblich bezeichnen, doch immerhin ist das Land hier nicht mehr nackt und bis auf die Grasnarbe abgewetzt. Die Weiden werden von Baumreihen und kleinen Wäldchen gesäumt, und die Steinmauern, die entlang der Straße verlaufen und die Flächen in der Quere zu Parzellen teilen, verleihen dem Tal etwas wie ein Knochengerüst - sie stabilisieren und gliedern das Grün für den Betrachter und vermitteln das Gefühl einer gefestigten Ordnung. Im Birkdale sind die Weiten ozanisch, unterschiedslos, amorph. Im Swaledale bilden die Mäuerchen eine Art von Nervatur, wie sie bei Pflanzen den Blättern inneren Halt und Steifigkeit gibt. Für den Windabtrag wird das keinen großen Unterschied machen, aber mein Auge nimmt diese Festigung als beruhigend und sichernd wahr. 

In Reeth, der ersten größeren Siedlung seit 25 Meilen, liegt das village green in der Sonne. Vor den Hotels - dem Black Bull, dem Kings Arms, dem Buck - stehen klobige Picknicktische, aus dicken Bohlen zu einer Tisch-Bank-Einheit verstrebt, die man eigentlich nur auf die Seite kippen muss, um die Form einer Panzersperre zu erhalten, einer massigen Abwandlung des Spanischen Reiters. Warum zum Teufel ich wohl auf solche militärischen Assoziationen verfalle? 

Nun, wir lassen uns einen cream tea bringen (ausnahmsweise mal ein saftiger und fluffiger scone sowie clotted cream, an der nichts zu beanstanden ist, nur an der Erdbeermarmelade verdient sich die Zuckerindustrie eine goldene Zahnkrone) und blinzeln in den Mittag, als sich ein Pärchen ans andere Ende des Tisches setzt, er ein Mann, der schon eine Weile in Rente, aber in seiner Aufmachung auf dem Stand geblieben ist, den er wohl mit Mitte Dreißig als den seinen angenommen hat: Jeansjacke mit Nietenlederweste darüber, auf dem schulterlangen Fusselhaar eine Bandana, Ring im Ohrläppchen: ein Bikerpirat, allerdings einer, der besagter Zuckerindustrie in all den seither vergangenen Jahren nach Kräften zugearbeitet hat. Oder ist es doch eher Skorbut? Seine Zahnreihen jedenfalls sind schlimmer gelichtet als sein Haupthaar. Seine Frau ist etwas jünger und sehr viel weniger verwegen gekleidet, obwohl sie, wie wir bald erfahren, Künstlerin ist, was eine gewisse Extravaganz erwarten ließe. Neben ihrem Piratengatten sieht sie allerdings wie das sprichwörtliche Puttchen Brammel aus, praktische Kurzhaarfrisur, praktische Jacke, praktische Brille. Wie es um ihren praktischen Verstand bestellt ist, werden wir bald erfahren. 

Wir kommen schnell ins Gespräch, wozu als Aufhänger ein kleines Mädchen mit einem Plüschhund dient, der einen echten Cockerspaniel so in Liebeswallungen versetzt, dass er sich in durchaus unzüchtiger Weise an dem Plüschtier frottiert. Das Mädchen heult, die Eltern sind pikiert über die unverhüllt zutage tretende Geilheit eines so süßen Hundchens, und zugleich empört über all den Speichel und die Liebesbisse, die dem Plüschtier zugemutet werden. Der Besitzer ist nirgendwo zu sehen, doch plötzlich lässt der echte Spaniel von dem falschen ab, findet an dem Mädchen Gefallen und wirft sich auf den Rücken, um sich von dem Kind den Bauch kraulen zu lassen. Die Eltern - nur halb beruhigt, weil die Geilheit des Cockers ja jederzeit wieder aufflammen und dann möglicherweise das Mädchen Objekt seiner Begierde werden könnte - setzen sich dennoch wieder hin, das Treiben im Auge behaltend. Allein das alles gäbe Stoff genug für ein Gespräch unter Zufallsbekanntschaften, aber wir brauchen keinen zugeführten Treibstoff, es ist eine dieser Unterhaltungen, die von selbst dahinglimmen, und in denen zwanglos ein Wort das andere gibt. Wir parlieren über allerlei Unverfängliches, spaßen, als eine satt pluggernde Harley näherkommt, über das Ohrenspitzen des Bikers, das an einen Jagdhund erinnert, der im Unterholz ein Wildschwein schnobern hört und die Lauscher aufstellt. Eine solche Bemerkung könnte anderswo leicht (nicht jeder will gern mit einem Jagdhund verglichen werden) als unverschämt angesehen werden, aber hier geht sie durch, weil die Beiden genug Humor haben, um an dem Einfall Gefallen zu finden, auf wessen Kosten er auch gehen mag.

Doch es kommt, wie es wohl muss: irgendwann berühren wir den Brexit, und die Zwei stellen sich als entschlossene Befürworter heraus. Der Kern ihrer Argumente ist die fehlende demokratische Legitimation der Europäischen Union, was ich recht erstaunlich finde, denn die verantwortlichen Leute werden ja nicht etwa ausgewürfelt, sondern in einem Verfahren ausgesucht, bei dem gewählte Vertreter ihrer Völker ihrerseits Vertreter wählen. Man nennt das repräsentative Demokratie, eine Übertragung von Entscheidungsgewalt von einer demokratisch ermittelten Instanz an die nächtshöhere, und dass derlei den britischen Gepflogenheiten zuwiderliefe, wäre mir neu. Gewiss: der europäische Kommissionspräsident stand nie auf einem britischen Wahlzettel, doch ihm deshalb jede Legitimität abzusprechen, erscheint mir eine ziemlich waghalsige Behauptung, die logisch etwa so konsistent ist, wie es die Klage einer Partei wäre, die eine Wahl undemokratisch nennt, bloß weil sie nicht gewonnen hat. Und selbst, wenn die hohen Beamten der EU nicht direkt gewählt werden: die Briten sollten derlei eigentlich gelassen aufnehmen, denn welches Mitglied des house of lords ist schon durch Wahlen ins Amt gebracht worden? Man sollte doch meinen, dass die Briten sich nach einigen Jahrhunderten daran gewöhnt haben, schrulligen und dicklippigen Peers Vertrauen zu schenken, die auch nur darum was zu sagen haben, weil ihre Vorfahren einmal irgendwelche Schlachten gewannen oder bei Hofe besonders gefällig das Hosenband zeigten. 

Nein, das Argument, die EU sei undemokratisch, scheint mir vorgeschoben. Zwar streiten Staatsrechtler mit guten Gründen zum Beispiel darüber, ob der europäische Länderproporz (bei dem ein maltesischer EU-Abgeordneter um die  80 000 Bürger vertritt, während die zehnfache Anzahl von Deutschen ebenfalls nur eine Abgeordnetenstimme bekommt) mit dem demokratischen Gleichheitsprinzip übereinstimmt - aber aus britischem Mund will ich einen solchen Einwand nicht gelten lassen, solange es das britische Mehrheitswahlrecht doch zumindest theoretisch ermöglicht, dass jeder Wahlkreis des Landes mit hauchdünner Mehrheit an eine Partei fällt, und die Partei, für die immerhin 49,9 Prozent der Wähler gestimmt haben, ganz leer ausgeht.

Doch das sind alles Finessen und Knobeleien für Demokratietheoretiker. Unsere Gesprächspartner sind aufrichtig genug zuzugeben, dass sie sich mit den Details, also nein, eher nicht, andere Dinge zu tun, die kranke Katze, der Umzug nach Cornwall, die Triumph neu lackiert, grade mal so die Zeitungen überflogen, no time for the Times, und in der Sun werden all diese Dinge, nun ja, eher oberflächlich…

Es bleibt aber, sagen sie, dass wir als Briten nicht mehr unser eigenes Geschick bestimmen können, nicht mehr unsere eigenen Gesetze machen, nicht darüber befinden, wer zu uns ins Land kommt - und so nähern wir uns langsam den tieferen Beweggründen des Brexit. Es ist letztlich das Unbehagen der Weißen an den Schwarzen, den Braunen, den Gelben, an dem ganzen andersartigen Gesocks, das die Insel zu überfluten und all die gepflegten Vorgärten zu zertrampeln droht, Polacken, Zigeuner, Spaghettis, vor allem aber Araber, Neger, Pakis. Natürlich handelt es sich bei unseren Tischgenossen nicht um Rassisten, Gott bewahre. Und doch mobilisieren sie das ganze argumentative und emotionalisierende Arsenal der Rechtspopulisten, vom Schweinefleischbann in den Schulkantinen zur Erniedrigung der Frauen durch muslimische Männer, von der Kriminalitätsrate bei Schwarzen und Arabern zur Verwahrlosung der Wohnblocks, in denen sie ihre Hammel schächten und ihren Maniokbrei kochen… Ich will einer Diskussion über diese Dinge ausweichen, um mich nicht aufzuregen, sondern frage nur, was all das mit dem Brexit zu tun hat. Jamaikaner und Pakistanis, Araber und Tamilen sind meines Wissens ja eher aus den Besitzungen des ehemaligen Empire nach England gekommen, und deutlich seltener aus Krakau oder Budapest, weshalb England, wenn all diese Bevölkerungsgruppen schon nicht wohlgelitten sind, deren Anwesenheit seiner eigenen Geschichte zuschreiben sollte und nicht unbedingt einer angeblichen europäischen Migrationsschleuder. Ich will zwar zugeben, dass von polnischen Klempnern und ungarischen Krankenschwestern gewisse Gefahren ausgehen (denn erstere verbauen mit Vorliebe Mischbatterie-Wasserhähne, die zur Verweichlichung britischer Leiber führen können, während letztere bekanntermaßen scharf wie Paprika sind und englische Männer durch ihre sexuelle Unersättlichkeit auslaugen), doch dass die englische Lebensart von diesen Lappalien bedroht wäre, ist erstens wenig wahrscheinlich, und zweitens wäre eine Kultur, die an solchen Dingen zugrundegeht, wohl auch kaum des Fortlebens wert.

Und der Freihandel mit Europa? Sei der nicht von Vorteil? Immerhin sei es ein Engländer gewesen, David Ricardo (na gut: seine Eltern waren aus Portugal zugewandert), der überzeugend dargetan habe, wie Freihandel allen Beteiligten zugute käme. England habe über Jahrhunderte den freien Handel propagiert (und davon profitiert) - nun beraube es sich des Zugangs zu einem wichtigen Markt gleich vor seiner Haustür. Importiertes würde teurer, der Export würde vermutlich zurückgehen, damit täte sich England wohl keinen Gefallen. Europa erlitte sicherlich ebenfalls Einbußen, aber die seien wahrscheinlich weniger gravierend als die englischen. Ob das kein Grund zur Besorgnis sei?

Nein, behaupten die Beiden entschlossen. England würde neue Handelsbeziehungen eingehen und zum Beispiel die Kontakte zu den alten Commonwealthländern intensivieren. Das ist zweifellos ein interessanter Gedanke, dem wir vor Kurzem schon einmal begegnet sind. So könnte England den Export von Lammfleisch nach Neuseeland steigern oder britische Hochtechnologie nach Jamaika verschiffen, um im Gegenzug neuseeländisches Lamm und jamaikanisches Marihuana nach England einzuführen. England, sagen die Zwei, sei es vor dem Beitritt zur EU gut gegangen, und nach dem Austritt ginge es sicherlich ebenfalls gut. Dass England vor dem Beitritt floriert hätte, ist freilich eine starke Behauptung. Kurz vor unserer Reise hatte ich neben Karl-Heinz Bohrers 1979 erschienenem Englandbuch Ein bisschen Lust am Untergang einen Roman von Ian McEwan gelesen, der in den Siebzigerjahren spielt, und hatte erfahren, dass das Land damals von Streiks und Arbeitslosigkeit geplagt war. Energiekrisen - die Ölkrise wie der Streik der Arbeiter in den Kohleminen - führten dazu, dass zeitweise nur noch drei Tage in der Woche gearbeitet wurde, weil Büros und Werkhallen nicht mehr geheizt werden konnten. Während England nach dem Krieg mit dem höchsten Lebensstandard in Europa prunken konnte, fiel es nach der Gründung der prosperierenden EWG mehr und mehr zurück - es war auch eine Folge dieser Malaise, dass 1975 zwei Drittel der Briten für den Beitritt stimmten. Bevor die vielgescholtene Maggie Thatcher das Regiment übernahm, galt das Königreich als der kranke Mann Europas: Inflation um die 25 Prozent, ein horrendes Außenhandelsdefizit, an der Produktivität gemessen zu hohe Löhne, dazu Gewerkschaften, die mit rüden Methoden Land und Wirtschaft in den Ruin trieben. Während der Streiks im Winter 1978/79 häuften sich in den Parks Müllberge, zwei Monate lang wurde nicht mehr bestattet, weil auch die Totengräber im Ausstand waren. Häfen, Betriebsgelände, Benzinlager wurden von der Lastwagenfahrergewerkschaft blockiert, die es auch verhinderte, dass Futtermittel für die Bauernhöfe ausgeliefert wurden. Wütende Bauern kippten daraufhin das Aas verendeter Ferkel und Hühner vor die Gewerkschaftsbüros. Bald streikten auch Krankenschwestern, Hospitalbelegschaften, Ambulanzen. Das Land blutete in diesem winter of discontent aus. Die Bilder der Müllhaufen, geschlossenen Fabriken und blockierten Krankenhäuser kamen der konservativen Partei noch jahrelang als Wahlkampfwerbung gegen Labour zupass.

Und da will uns dieses höfliche Pärchen erzählen, das Königreich habe in Glück und Wohlstand gebadet, bevor es sich der EU ausgeliefert habe? Es ist bizarr - vielleicht aber auch verständlich: da die Entscheidung nun einmal getroffen ist, muss man sie sich schönreden, um den Mut nicht ganz zu verlieren.

Der Tee ist getrunken, es ist Zeit für die beiden, aufzubrechen. Wir verabschieden uns durchaus herzlich, denn es war ein instruktives Gespräch. Für mich ergibt sich selten die Gelegenheit, ein halbes Stündchen lang mit klandestinen Rassisten zusammenzusitzen, die ihre Meinungen ohne weitere Sachkundigkeitsbemühung nur aus reißerischen Skandalblättern wie der Sun oder dem Telegraph ziehen, in welchletzterem Boris Johnson seine schmissigen Kolumnen publiziert, jener Hetzer, der für eine gute Pointe allemal seine Großmutter auf die U-Bahn-Gleise schubsen würde, und um seine Chancen für das Ministerpräsidentenamt zu verbessern, auch gleich noch eine Fuhre unbeteiligt am Bahnsteig Wartender hinterher.

Wir holen unseren Straßenatlas heraus, um über den weiteren Weg zu beraten, und schon haben wir neue Tischgenossen, ein gepflegtes upper-class-Ehepaar in Barbour und Tweed, das kaum, dass es unser Deutsch erkannt hat, gleich von Bayerns Fluren und Gauen zu schwärmen beginnt. Wir plaudern ein wenig, und schließlich traue ich mich, auch sie nach ihrer Meinung zum Brexit zu fragen. Der Mann, ein gebildeter und kultivierter Herr, war Manager in der supplying industrie und spricht ein wunderbar akzentuiertes Oxford-English. Aber beim Brexit pfeift er auf schickliches Benehmen und britische Höflichkeit: „This country is full of fucking bloody idiots.“ 

Reeth liegt noch zwischen den Bergen der Yorkshire Dales; östlich davon erstreckt sich die Talsenke des River Swale voller Weiden und Weiden und nochmal Weiden, auf denen sich weitläufig Schafe verteilen, als hätte sie ein Hirtengott mit ribbelnden Fingerspitzen vom Himmel heruntergestreuselt wie Zuckerbrösel. Von der Straße aus ist nur ein-, zweimal ein Stück Ackerland zu sehen, auf dem Getreide steht, blond wie Wikingerhaar. 

Gegen Mittag kommen wir in Richmond an, einem Städtchen, das ein gewisses Flair haben könnte, wenn der große Marktplatz nicht ganz und gar gepflastert und zu einer Autoabstellfläche degradiert wäre. Heute - es ist Samstag - wird der Eindruck noch abgemildert, weil tatsächlich einige Marktstände aufgebaut sind, doch die Markierungen auf dem Pflaster machen klar, dass unter der Woche hier nichts anderes den Platz belebt als ankommende und abfahrende Autos. Die paar winzigen Formbäumchen in Kübeln, die am Rand eine Caféterrasse zieren wollen, verschönern den Platz nicht. Sie stehen nur da wie ein Trupp marginalisierter Zwerge, die gegen den Ausschluss von ihresgleichen protestieren wollen. Sie halten eine Mahnwache gegen die vollkommene Versteinerung, Verpflasterung, Vergrauung, die den Platz zu einer Nekropole verwandelt hat. Schade, denn die georgianischen Häuser sind recht hübsch, eine Kirche im normanischen Stil ist zwar in ihrer grobschlächtigen Trutzigkeit nicht schön, aber das muss sie auch nicht sein: heute beherbergt sie das Green Howards Regimental Museum, und so hat dieser wehrhafte Bau zu seiner wahren Bestimmung gefunden. Er darf mit seiner Sammlung von Waffen und Wappen, bunten Ordensbändern und schmucken Schärpen stolz den Ruhm der Yorkshire-Regimenter preisen, und das passt doch besser zu den dicken Mauern und dem zinnenbekrönten Turm als jede fromme Nutzung. Stolz sieht auch ein Obelisk am Platz aus, gleich einem steinernen Projektil, auf dessen Spitze eine kecke Kugel sitzt. Aber Stolz hin oder her: ein Baum würde die Fläche doch etwas anheimelnder machen, ein paar Hecken dazu, Sträucher, und schon würden sich vielleicht auch Menschen hier wohl fühlen und nicht bloß parkende Autos.

Beim Herumbummeln geraten wir in einen Laden der Yorkshire Trading Company. Ich brauche neue Gummischuhe (es vergeht keine Reise, bei der ich nicht ein Exemplar verliere; wahrscheinlich verfügt der Gummi über eine mysteriöse Schnellkraft, die es dem Schuh erlaubt, bei erstbester Gelegenheit aus dem Wagen zu springen), und da wir schon mal in dem Laden sind, bewundern wir das vielfältige Sortiment aus allem und jedem, das von der Kohlenschaufel zum Kinderspielzeug reicht, Angelzubehör und Damenunterwäsche, Backförmchen, mit denen man kleine Muffinferkel oder Kuchenfische herstellen kann, und auch Mistgabeln und Lavendelsäckchen fehlen nicht. Besonders angetan bin ich jedoch von auserlesen schreckerregenden Tweedjacken in Entengrützegrün mit eitergelben Streifen und rosafarbenem Überkaro, wahlweise auch in den Farben eines zwei Wochen alten Blutergusses in Violett, Gallengelb und Seladon, und das jeweils mit grell konstrastierendem Innenfuttern in Pink, Türkis oder Orange - so ziemlich die coolsten Sakkos, die man sich vorstellen kann. (Jedenfalls muss man über eine gehörige Portion Coolness verfügen, um sich mit so etwas auf die Straße zu trauen.) Als ich Dagmar damit überrasche, ernte ich erst einen schrillen Schrei des Entsetzens und dann ein stammelnd wiederholtes „Aus“, wie man es einem Hund zuruft, der sich in eine halbverweste Ratte verbissen hat. Die Tatsache, dass Dagmar selber grade einen Reitermantel in Hibiskuspink anprobiert, der eine rüde Attacke gegen die Zapfenzellen des Auges reitet, scheint ihr dabei nicht bewusst zu sein. Aber ich werde mich daran gewöhnen, gewöhnen müssen, denn unsere Erfahrung hat uns ja gelehrt, dass diese gummierten Reitermäntel hierzulande unverzichtbar sind. Während Dagmar sich noch zu den Gummistiefeln verfügt, probiere ich eine warm gefütterte Jägerweste an (für die kalten Herbstabende auf dem Anstand) sowie einen gewachsten Hut mit einer rot-gelb-grünen Federgarnitur im Band, mit der das Herz eines Kakaduweibchens im Nu zu erobern sein sollte. Dagmar hingegen verdreht wieder nur die Augen und befiehlt den geordneten Rückzug: nichts wie raus hier.

Richmond Castle ist eine normanische Burg, vielmehr das, was davon übriggeblieben ist: hohe Wandstücke ragen über der steilen Böschung zum River Swale auf, der Donjon aus drei Metern dicken Mauern ist auch noch erhalten und könnte erstiegen werden, doch wir begnügen uns mit einem Gang um das Kastell an den Wällen entlang, aus deren Ritzen Wicken und Löwenmäulchen sprießen. Der Fluß ist von dichtem Baumbewuchs gesäumt (wenigstens hier hat dieses steinvernarrte Städtchen Grün übriggelassen), und bald werden wir über die steinerne Bogenbrücke nach Süden fahren, um in einem weiten Schlenker Wensleydale und Ribblesdale und Lonsdale und Airedale zu durchmessen und schließlich im Nidderdale ein paar Meilen vor Ripon im Sawley Arms einzukehren. Das ist ein gepflegtes Gasthaus mit noch gepflegterem Garten, wo wir in der Abendsonne sitzen, etwas essen, was man hier Fischplatte nennt, und das aus Tintenfischringen und Krabben im Bierteig besteht (sie können das Frittieren einfach nicht lassen), darin irgendwo versteckt ein totgebratener Lachswürfel sowie zwei Salatblattnäpfe voll mit Garnelen und Surimi in soviel Mayonnaise, dass selbst, wenn das Surimi nach irgendetwas schmecken würde, es keine Chance gegen diese Übermacht hätte. Die Platte ist ganz instagramtauglich angerichtet, aber nur weil man ein fesches Foto davon ins Netz stellen kann, schmeckt das Essen noch lange nicht. Doch der Hunger treibt es rein, wir futtern alles ratzeputz weg, und kehren, als die Nachtkühle niedersinkt, in eine der Nischen im Haus ein. Es ist noch etwas Pinot Grigio in der Flasche, und das Theakston Old Peculier vom Fass ist auch ganz süffig. Trotzdem hätte ich den Bus (wenn denn dort Gelegenheit gewesen wäre) lieber irgendwo in den Dales abgestellt und die gekräuterten Würste gebraten, die wir heute in der Angus Morton Butchery in Richmond gekauft haben.


9. Juli. Fountain’s Abbey, Ripon, Shandy Hall, Shipton


Ein paar Meilen vor Ripon liegt Studley Park, genauer: der Studley Royal Water Garden. Er verdankt wie so vieles Schöne seinen Ursprung einem Skandal. Der Schatzkanzler unter George I. hatte Ende des 17. Jahrhunderts ein verwildertes Waldtal gekauft, doch er fand erst Zeit, es zu gestalten, als eine der großen Spekulationsblasen des 18. Jahrhunderts geplatzt war. Wie der französische Missisippischwindel beruhte auch die englische South Sea Bubble auf der verstiegenen Hoffnung, in Übersee märchenhafte Erträge aus Sklaven und Rohstoffen abzuschöpfen. Man gab für das geplante Geschäft Aktien aus, deren Wert bald von 100 auf fast 1000 Pfund stieg. Als sich dann herausstellte, dass (zumindest in näherer Zeit) sehr viel weniger Profit aus diesen Aktivitäten zu ziehen war als erwartet, und dass zum versprochenen Termin keine Dividenden gezahlt würden, weil die South Sea Company noch keinen Schilling verdient hatte, platzte die Blase. Die Aktie fiel auf ihren Nennwert, Spekulanten gingen reihenweise bankrott oder verloren jedenfalls viel Geld (so wie Isaac Newton, der 20 000 Pfund in den Sand setzte, und klagte, er könne zwar die Bewegung von Körpern messen, die menschliche Dummheit aber sei unermesslich). Der Schatzkanzler, der maßgeblich am Aufpusten dieser Blase beteiligt war, indem er er dafür gesorgt hatte, dass die Südseegesellschaft die Schulden der Bank of England übernehmen und im Gegenzug ihre ungeheure Aktienemission veranstalten durfte, verlor Amt und Ehrenrechte, verbrachte nach seiner Verurteilung wegen most infamous corruption einige Zeit im Londoner Tower und zog sich dann nach Yorkshire zurück, um fortan seinen Garten zu gestalten - der Mann, der die gierigen Haifischschwärme der Finanzspekulation losgehetzt hatte, legte nun Brunnenbecken an, in denen Goldfische ihre beschaulichen Runden ziehen sollten.

Offenbar war er für den angerichteten Schaden nicht persönlich haftbar gemacht worden. Um gute 300 Hektar Wildland in eine spätbarocke Gartenanlage zu verwandeln, reicht ein Notgroschen nicht aus, da muss man ein paar sehr dicke Geldsäcke übrig haben.

Aber all das viele Geld und die viele Arbeit, die in die Gärten investiert wurden, vermochten es nicht, daraus einen heiteren Ort zu machen. Über den Anlagen liegt ein dunkler Hauch von Melancholie und Leere, der das in den Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts übliche Maß übersteigt. Melancholische Anmutungen waren damals durchaus gebräuchlich und in Mode: Einsiedeleien, düstere Hohlwege, Waldesdunkel, in dem man unter trüben Schatten wandelte. Derlei gehörte zur Empfindungsökonomie der Epoche und war stimulierendes Element und kontrastierender Kitzel. Doch hier werden solch melancholische Stimuli nicht punktuell gesetzt; Trauer und Wehmut schweben wie Nebel über allem, selbst an einem Tag wie diesem, in dessen Himmel Blau und Weiß sich die Waage halten.

Unser Spaziergang beginnt pastoral. Hinter dem Eingang folgt eine Wiese, auf der adrett geschorene Schafe weiden, denen man zwar die Felljacke gelassen, den Hals aber ausrasiert hat, was ihnen ein beinah lakaienhaftes Gepräge und etwas eigens Geschmücktes verleiht, als solle diese spezielle Schur die Livrée von Dienern ersetzen, die es schon längst nicht mehr gibt.

Wir lassen Fountain Hall rechts liegen und steuern gleich auf die Ruinen von Fountain Abbey zu, das einmal das größte Zisterzienserkloster Englands war, wimmelnd von emsigen Mönche und Laienbrüdern, die Weizen mahlten, Eisen schmiedeten, Flachs hechelten und den Kühen an die Euter gingen. Die Abtei war so bedeutend, dass ihre Äbte dem Parlament angehörten, bis Cromwell die Klöster auflöste und ihre Besitzungen der Krone unterstellte. Danach verfielen die Klostergebäude. Man plünderte die Mauern, um mit den Steinen Fountain Hall zu vergrößern, und heute ist der Bau nur noch ein Skelett, das aber eine recht anschauliche Ahnung davon vermittelt, wie stolz und groß die Abtei einmal gewesen sein muss. Die Reste des Kirchenschiffs sind gewaltig, es ist das Gerippe eines Giganten, aber durch die Lücken im Gerüst strahlt nichts als Leere ein. 

Die Gewölbegänge, ihres Zierats und ihrer baulichen Zusammenhänge beraubt, stehen so nackt und sinnlos im Rasen, dass man kaum noch an eine Kirche denkt, sondern eher an albtraumhafte Behördenflure, Korridore, die durchs Nichts führen, weil all diese Zimmer, in denen einst gebetet und geschrieben, gelernt und gelesen wurde, längst in den schwarzen Schacht der Vergangenheit gestürzt sind und nicht mehr existieren. Von manchen Wirtschaftsräumen ragen noch einzelne Mauern auf, hier eine Stirnseite, dort zwei Portalbögen in einem Mauerrest oder eine angebrochene Wand: ein potjemkinsches Gut im Verfall.

Geblieben sind Größe und Leere, und die setzen einen Ton, der auch den weitläufigen Gärten dahinter als cantus firmus unterlegt ist. Am River Skell führt ein schnurgerader Spazierweg entlang, vielmehr eine Wegeflucht, so eintönig wie ein Bittgang zu einem Königsgrab. 

Gartengeschichtlich ist der Studley Park ein Zwischending von barockem und englischem Landschaftsgarten, aber das Neue hat sich nicht freigestrampelt, sondern steckt noch tief in der Puppe. Die graden Wege der Anlage sind vom barocken Garten übernommen, der das Gerade allerdings mit einer Fülle von floraler Abwechslung, Buntheit und komplexer Farbsymmetrie zu säumen pflegte. Hier indes führt der Weg nur an Yorkshire-Grün dahin und will jene Anmutung von Natürlichkeit erzeugen, die den Landschaftsgarten der empfindsamen Epoche ausmacht. Doch dieses Bemühen um Natürlichkeit gilt eben nur dem Bewuchs, während die Anordnung der Flächen noch dem geometrischen Geist des Barock verhaftet ist. Die gestaffelten, in Vorder-, Mittel-, Hintergrund aufgefächerten Ansichten, der bewegliche Schwung und die Vermeidung des rechten Winkels, die Capability Brown und seine Kollegen so virtuos in Szene setzten, sind hier noch kaum entwickelt. So hat der Studley Garden nicht das Beste zweier Welten, sondern eher deren jeweilige Mängel miteinander gekreuzt, vom Barock den Fanatismus der Gradlinigkeit erbend, und vom Jahrhundert der Empfindsamkeit nicht die künstlerische Überformung und freie Gestaltung einer Idee von Natur, sondern recht krud bloß die Natur selbst.

Der Park mag historisch bedeutsam und zurecht von der zuständigen Behörde als Grade I gelistet sein; ich werde trotzdem den Eindruck eines Bastards nicht los, einer merkwürdigen Hybridbildung: eine Kreuzung wie von Rosen und Fetthenne, bei der der Sprößling allerdings nicht die üppigen Blüten der Rose und die fleischigen Stengel des Sempervivums abbekommen hat, sondern umgekehrt von den Rosen nur die Dornen und vom Steinbrech bloß die mickrigen Blütchen.

Um einen halbmondförmigen Teich, der durch einen Nabelschnurzulauf mit dem Skell verbunden ist, ragen ein paar Skulpturen auf, entsetzlich einsam und ohne einen Blick füreinander. Ein antikisierender Tempel steht trostlos am Rand; die ganze Szenerie erinnert an ein vorzeitig beendetes Fest, von dem nur noch diese Skulpturen übriggeblieben sind, die hier ausharren wie Trinker, die nicht begreifen können, dass der Spaß schon zu Ende sein soll. Vielleicht hat er aber auch noch nie begonnen? Die Rasenflächen um Teich und Fluss sind plan wie ein Tanzplatz oder wie eine Bühne, auf der ein Defilée von hochmögenden Herrschaften, prunkvollen Kostümen und karrenweis dahingeführten Reichtümern hätte aufgeführt werden sollen, welche aus den Niederlassungen der South Sea Company gekommen wären, aus Buenos Aires und Caracas, aus Portobello und Havanna, Cartagena und Vera Cruz. Doch die von der Südseegesellschaft verheißenen Schätze - Sklaven und Gold, Kakao, Rum, Zucker, Tabak - ließen auf sich warten; die Blase war geplatzt, bevor sich daraus, wie ein Feuerwerk voller niederregnender Geschenke, all diese Kostbarkeiten hätten ergießen können.

Wenn man um die Geschichte der Südseegesellschaft weiß, fällt es schwer, in der Anlage von Studley Park nicht einen symbolischen Reflex darauf zu vermuten, sicher keinen bewussten, aber doch einen nach Art Freud’scher Traumarbeit, in der Verschiebung und Verdichtung eine gewisse Rolle spielen… Hat der in Unehren entlassene Schatzkanzler Aislebie hier nicht seine Hoffnungen und seine Schmach in hektargroßen Lettern der Erde eingeschrieben?

Ich weiß nicht viel von der Geschichte Aislebies, aber wenn ich einen Roman schriebe, würde ich nicht auf eine Szene verzichten wollen, in der er von dem Aussichtsturm aus auf den Halbmondteich hinabblickt und sich vorstellt, wie die Hautevolée sich in Seidenroben und goldbestickten Wämsen auf den grünen Fluren tummeln könnte, wie King George und seine Granden und ihre Weiber und Mätressen dahinflanieren, Konfekt naschen, das ihnen von geputzten Mohren dargereicht wird, und ein auf goldene Barken verteiltes Orchester Händels Wassermusik spielt. Doch Aislebies Traum ist nicht wahrgeworden. Der Garten ist verlassen, und der einstmals so mächtige Mann, welcher der britischen Staatskasse vorstand, der glanzvolle Parlamentsreden hielt und seinem Land riesige Gewinne verhieß, war nun geächtet, verschmäht von der grand monde, allein in seinem verwaisten Park…

Mir scheint, dem Garten ist ist diese gesellschaftliche Ächtung eingeschrieben, auch wenn er heute als Weltkulturerbe geadelt ist und zahlreiche Spaziergänger auf den Wegen wandeln. Doch der Schleier der Melancholie über all dem wird - anders als etwa in Stourhead - nicht durch die Vielfalt der Prospekte und die lebendigen Kurvaturen der Seen und Hügel aufgehoben. Stourhead sieht man die Arbeit nicht an, die seine Anlage gekostet hat, es wirkt wie ein friedvoller, selig in sich selbst ruhender Garten. Das ist, natürlich, Illusion, doch grade diese gelungene Illusion ist das Beglückende daran. Manchen der Wiesen in Studley Park allerdings ist anzusehen, dass sie mit dem Schweiß getränkt sind, den die Männer an den Schaufeln, den Hacken, den Rasenwalzen vergossen haben, und das setzt einen gewissen Misston. Wie schrieb doch Nietzsche von Bizets Carmen? Diese Musik „kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.“ Nun, ich vermute: hier wurde viel geschwitzt und wenig gefeiert.

Die versäumten Feiern werden heute allerdings an den Wochenenden nachgeholt. Um die Mittagszeit sind wir zurück an den Ruinen der Abbey, deren Grün mittlerweile von einem Flickenteppich aus Picknickdecken überzogen ist: Familien und junge Leute lagern darauf, ältere Herrschaften mit Klappstühlchen pflücken manierlich Häppchen von mitgebrachten Taburetts, Hunde tollen umher, Frisbees fliegen, Kinder spielen Fangen. Es ist ein heiterer Sonntag, und mit Wohlwollen entdecke ich auf einigen Picknickdecken sogar Teller mit echten Hühnerkeulen, echten Salaten, echten Sandwiches, und nicht nur, wie zumeist bei englischen Picknicks, die aufgerissenen Plastiktüten mit Chips und Keksen, oder die weißen Toastbrote, auf die Chesterscheiben und Preßschinken geklatscht werden, und vielleicht sogar, als luxuriöses topping, ein Klecks Ketchup. Man kann dem picknickenden Brite manches nachsagen, aber nicht, dass er vor miserablem Essen feige zurückweicht. Hier und heute aber sitzen doch ein paar kultivierte Leute da, die Picknickkörbe aufklappen, in denen die Teller mit Lederriemen befestigt sind, jedes Weinglas in einer Hülle steckt und das Besteck in einen Lederbeutel gewickelt ist. Auch an Kühlmanschetten für den Chablis hat man gedacht, einen Sodasiphon für die Drinks, selbst ein Sträußchen Minze fehlt nicht. Es würde mich nicht wundern, wenn diese gepflegte Gesellschaft auch noch ein Grammophon hervorzauberte, um darauf Let’s misbehave oder Pink Elephants abzuspielen. Aber nein, Musik dann doch nicht, dafür ein Wägelchen mit Crocketzubehör. Und ein Mann, der die Drahtbügeltore nicht einfach irgendwie in den Rasen steckt, sondern nach festem Plan, als setze er die Markierungen für einen neuen Klosterbau oder für ein Modell des alten, dessen isoliert aufragende Portalbögen auch ganz gut als Parcours für ein Riesenkrocket mit Zweimeterbällen taugen könnten…

Wir sehen uns die alte Wassermühle an, in der Kindern die schockierende Wahrheit vermittelt wird, dass man Brot aus Getreide macht, und wandern danach zu Fountains Hall hinüber, einem Manor aus elisabethanischer Zeit, dessen letzte Glanzzeit in den Dreißiger Jahren lag, als der nachmalige König George VI mit Gattin gern zu Gast bei Lady Wyner weilte. Einige Fotografien, die in dem kaum möblierten Haus auf Borden stehen, zeigen die beiden Hoheiten, die damals noch Duke und Duchess of York waren, und ihre Kinder - ein hübsches kleines Mädchen namens Elizabeth und ihre Schwester Margaret. 

In Fountains Hall, das ein paar Jahre zuvor so noble Gäste beherbergt hatte, zogen bald Internatszöglinge ein, und aus den Städten evakuierte Kinder, die von deutschen Bombardierungen bedroht waren. Die Kinder der Hausherrin meldeten sich ihrerseits zum Militär; die achtzehnjährige Tochter ging als Lazarettschwester nach Suffolk, ihr jüngerer Bruder wurde bald darauf Pilot. Sie starb 1942 an Gehirnhautentzündung, er kehrte in den letzten Kriegstagen von einem Einsatz in Rangoon nicht mehr zurück. Ihre Standbilder stehen in einem Winkel des Hauses um eine Fensterlaibung mit einem Kreuz, darunter die fast thermopylenwürdigen Worte: when you go home, tell them of us and say: for your tomorrow we gave our today.

Doch bewegender noch als diese beiden Epitaphe ist die Leere des Hauses, eine Leere, die materiell gar nicht besteht, denn es sind Teppiche ausgebreitet, es gibt Kommoden und Borde und Sessel und Schränke und Kleiderständer, doch diese Staffage vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es in Wahrheit ausgeräumt und verwaist ist, und dass nur noch diese Dekorationsstücke verhehlen sollen, wie sehr von Leben verlassen der Bau schon war, als der National Trust ihn schließlich übernahm und seine Mauern restaurieren ließ. Das Haus gehört schon lang nicht mehr den Lebenden. Es ist nur ein Rahmen,  der an Entschwundenes, Verlorenes, Vergangenes gemahnt, eine Bühne für Geister. Die Atmosphäre einer wehen Verlassenheit ist so spürbar in diesen Räumen, dass ich sofort verstehe, warum von Geistererscheinungen in Fountains Hall berichtet wird - man  munkelt von einer unsichtbaren Gestalt, die Besucher streift, von Spinettklängen und einer Frauenstimme. Eine shining golden lady, die kranken Kindern erscheint und übers Haar streicht, soll sich hier umtun; spielende Kinder, die die Treppen auf und ab rennen. Vermutlich ist das alles Unfug; doch es wundert mich nicht, dass sich ausgerechnet hier solche Gespensterfolklore auskristallisiert. Es wehen hier so viele Melancholiemoleküle durch die Hallen, dass sich aus diesem ätherischem Stoff leicht ein Geist verdichtet, dazu verdammt, unentwegt fortzuspinnen, was in der Wirklichkeit längst verschwunden ist, und die glanzvollen Frauen und das klimpernde Spinett und die spielenden Kinder in ewiger Unerfüllbarkeit ihr Treiben vollführen lässt…

Wir machen natürlich Halt in Ripon, in der grandiosen Fernsehserie Downton Abbey das dem Anwesen der Granthams nächstgelegene Städtchen. Wir sind schrecklich hungrig, doch leider finden wir als die kontinentalen Gaumensnobs, die wir sind, kein akzeptables Lokal. Vom Sunday Roast sind wir kuriert, die Pizzen sehen genauso grauenerregend aus wie die Pizzerien, in denen sie serviert werden, und gegen Fish’n’Chips habe ich mittlerweile eine fast fanatische Abneigung entwickelt. Dass die Frauen sich nicht so hübsch kleiden wie Lady Rose oder Lady Sybil aus dem Geschlecht der Granthams spielt vermutlich auch eine gewisse Rolle für meinen Widerwillen. Hier grassiert eine Schäbigkeit, die nicht der Armut, sondern bloßer Wurschtigkeit geschuldet ist. Charmant ist hier gar nichts. Wir haben noch nicht einmal Lust, die Kathedrale anzusehen, und allein dieser seltene Umstand zeugt von unserer tiefen Enttäuschung. Die Stadt hat auch ein Prison&Police Museum zu bieten, aber wir haben das Gitterfachwerk der Häuser am Marktplatz schon gesehen und begriffen, dass Ripon nicht nötig hätte, eigens ein Museum für Verwahranstalten einzurichten; die Stadt selbst reicht völlig aus, um ein Gefühl von Einsperrung und Freudlosigkeit zu entwickeln.

Nach einer halben Stunde Flaneurpflichterfüllung bringen wir uns am Stadtrand in Sicherheit, wo wir uns an einem Parkplatz im Grünen ein Glas Gardiane aus der Bordapotheke heißmachen, eine dieser wohlabgeschmeckten französischen Konserven, die wir für den Notfall immer dabeihaben. Auch jetzt spendet uns dieses Rotweinragout vom Camargue-Rind Trost und Stärkung, es ist Orangenschale darin und Schokolade, Nelke und Knoblauch und ein bisschen Zimt, und mit Schaudern denke ich an die sinistre gravy am Sunday Roast und an die Teiglappen des Yorkshire Pudding und das salzlose Gemüse. Wir atmen auf, als seien wir grade noch mal so eben dem Verderben von der Schippe gesprungen, lecken unsre Teller sauber, leeren den Malbec und halten Siesta, trotz der Familienstreitigkeiten dreißig Meter weiter. Ein junges Paar - Lieferwagen als Wohnmobil, Dreads und Festivalbändchen bis zum Ellenbogen, ein Kind von zwei, drei Jahren - kabbelt sich heftig, das Kind schreit, die Frau ist keine fünfundzwanzig, keift aber wie doppelt so alt, der Typ ist nicht viel älter, benimmt sich jedoch wie einer dieser bräsigen Paschas kurz vor der Pensionierung, nur das Kind beträgt sich genauso, wie ein Kind seines Alters sich betragen sollte, wenn seine Eltern Vollidioten sind: es krakeelt. Wir kriegen trotzdem ein Käppchen Schlaf und brechen, noch mit Traumkonfetti bestreuselt, Richtung Thirsk auf.

James Herriot, der Autor der Bücher, die Grundlage für die Fernsehserie Der Doktor und das liebe Vieh waren, die ich als Halbwüchsiger mit einiger Leidenschaft verfolgte (allein, wie der Tierarzt seinen Arm bis zur Achsel im Schoß einer trächtigen Kuh versenkte, beeindruckte mich tief, aber auch die schrullige Bonhomie seines Chefs namens Siegfried und dessen leichtlebiger Bruder namens Tristan war faszinierend), James Herriot also wirkte hier über Jahrzehnte als Veterinär, bis er die Erzählungsbände schrieb, die dafür sorgten, dass die Gegend hier mittlerweile auch Herriot Country genannt wird, und alle naselang Marksteine herumstehen, in die sein Name gegraben ist. Dem Mann ist in dem Haus, in dem er jahrzehntelang praktiziert hat, sogar ein Museum gewidmet. Ein großes Banner in Rot und Weiß weht davor, die Fenster sind mit rot-weißer Schrift abgeklebt, ein Ladenschild an der Mauer zeigt weiße Tiersilhouetten vor dem roten HERRIOT-Schriftzug. Bei flüchtiger Betrachtung denkt man eher an ein Geschäft für Heimtierbedarf (Hundekörbchen und Sittichfutter) als an ein Museum, und mehr als flüchtige Betrachtung und einen kurzen Stop schenken wir der Stadt auch nicht; wie in so vielen kleinen Städten Englands ist der Markt- zum Parkplatz herabgewürdigt und unwirtlich gemacht. Da helfen auch die gehäkelten Überzieher auf einigen Sperrpfosten nicht, die dem kahlen Platz ein wenig Nettigkeit verleihen sollen. Diese Mode kenne ich von zuhause, wo man bürgerinitiativerweise oder als Produkt schulischen Handarbeitsunterrichts Baumstämmen und Ästen bunte Strumpfhüllen häkelt; hier hat man den Sperrpfosten gehäkelte Möven aufgesetzt oder sie mit Primeln und Petunien aus farbigem Garn bepflanzt; das ist als Auffrischung der Trostlosigkeit des Platzes gut gemeint, wirkt aber angesichts des stadtplanerischen Elends rundum auch so biedermeierlich hilflos und betulich, dass ich mir wünschte, diese lieben Damen würden in ihren Teezirkeln nicht bloß Möven häkeln, sondern sich auch mal über Guy Debord oder die Technik des Barrikadenkampfs unterhalten. Den urbanistischen Bankrott mit Häkelei zu beantworten, scheint mir jedenfalls ein arg naiver Versuch, dem Stadtkern wieder lebenswertes Flair überzuhauchen. Besser wär’s wohl, bei einem Wohltätigkeitsbazar genug Geld einzunehmen, um sich einen kleinen Bagger zu besorgen, das Pflaster aufzureißen und diesem grauen und grausen Platz ein paar reale - und nicht bloß gehäkelte - Baumschößlinge einzupflanzen. (Wahrscheinlich gäbe es aber genug Stimmen in diesen Teezirkeln, die den drohenden Verlust an Parkplätzen mehr beklagen würden als die bestehende Verhunzung der Stadt: Damen, die sich auf ihren Landsitzen zwischen Rabatten und Komposthaufen wohlfühlen, und die ohnehin nur zum Einkaufen nach Thirsk hineinfahren und keine Lust haben, ihren SUV fern des Zentrums abzustellen, wo sich sowieso nur die lokalen Tunichtgute tummeln, die es am Sonntag vorziehen, unter dem Marktkreuz ein, zwei Pinten zu heben, statt an Gottesdienst und Gemeindeleben teilzunehmen, lobet den Herrn, Amen.)

Es hält uns hier keine Viertelstunde, doch auch deshalb, weil wir unbedingt noch nach Shandy Hall kommen wollen, deren Pforten sich - husch-husch jetzt! - um fünf Uhr schließen.

Shandy Hall ist der langjährige Wohnsitz des verehrungswürdigen Laurence Sterne, Verfasser des Tristram Shandy, den ich seit einer Weile zum dritten oder vierten Mal mit nimmerendendem Vergnügen lese. Wie schon einmal erwähnt, interessiert mich Dichterpilgerei nicht, aber bei Sterne sieht es anders aus: wie sollte nicht das Heim eines so exzentrischen und phantastischen Mannes einige Skurrilität verheißen? Aber nicht nur der Text des Tristram Shandy ist exzentrisch - auch die Anfahrt wird labyrinthisch, voller Umwege und Abweichungen, unvermuteter Sackgassen und weiter digressiver Schleifen.

In der Gegend findet irgendein Rennen (Laufen, Radfahren, Rallye, ich weiß nicht) statt. Darum ist die Hauptstraße gesperrt, und wir werden auf eine Umleitung geschickt, die sich bald in unbeschildertem Niemandsland verirrt. Wir haben keine Ahnung mehr, wo wir sind, klar ist nur, dass wir vorhin die Sonne im Rücken hatten, die uns nun von vorne blendet. Bei der Ausschilderung muss irgendwas sehr schief gelaufen sein, aber das ist heutzutage ja kein Problem mehr, wir haben schließlich ein Navi. Kurzer Stop, Displaygetippe, auf geht’s. Die Stimme aus dem Apparat beordert uns höflich weiter gradeaus. Von ferne sehen wir das Kilburn White Horse an einer Hügelflanke leuchten, die Gestalt eines Pferdes, hundert Meter lang und sechzig Meter hoch, die Mitte des 19. Jahrhunderts in die Sutton Banks gegraben wurde, indem man die Erde darauf wegschaufelte, bis der Sandstein bloßlag, der dann mit weißen Kalksplittern bedeckt wurde, um das Bild noch stärker hervorzuheben. Es heißt, dass der Gaul an klaren Tagen von Leeds aus gesehen werden kann, und das ist immerhin 30 Meilen entfernt. Ich frage mich natürlich trotzdem, ob die Einwohner von Leeds nichts Besseres zu tun haben, als nach einem in den Berg geschabten Pferd Ausschau zu halten, aber nun, ich kenne Leeds nicht, und vielleicht gibt es dort sonst nichts Interessanteres zu sehen als eine plumpe weiße Mähre an einem fernen Hügel. Mich persönlich würde Shandy Hall grade mehr interessieren als dieses Ding, und ich werde (Blick auf die Uhr) schon etwas unruhig, als die Stimme aus dem Navi plötzlich eine Hundertachtzig-Grad-Wende verlangt. Ich wende; wieder kommt dieser dämliche Gaul in Sicht, verzerrt wie eine der weniger gelungenen neolithischen oder infantilen Kritzeleien, groß wie ein Fußballfeld: die Beschwörung einer archaischen Macht, der um 1850 schon das Totenglöcklein als Hauptlieferant kinetischer Energie geläutet hatte. Der Initiator des Hügelbilds hätte eine Lokomotive aus dem Fels kratzen sollen, das wäre zeitgemäßer gewesen. Zu Sterne’s Zeiten freilich hätte ein Pferd noch gepasst. Uncle Toby ritt beständig ein hobby horse, ein Steckenpferd, das er nach seiner Unterleibsverletzung in der Schlacht von Namur zwischen seine Schenkel klemmen konnte, auf dass es ihm ein wenig erotischen Trost spendete (was natürlich nur verklausuliert offenbart wird, wenngleich der Anzüglichkeiten und Frivolitäten im Shandy so viele sind, dass von Verklausulierung kaum die Rede sein kann: der Text ist selten explizit, dafür aber durchweg von schlüpfrigster Zweideutigkeit). Eindeutig hingegen ist das plötzliche Kommando des Navis, bei nächster Gelegenheit erneut zu wenden. Das Gerät hat eine neue Route berechnet; auf dem Bildschirm zeigt sich die Strecke als großzügiger Ausflug durch die Hambleton Hills und das Helmsley Moor, berechnete Fahrtzeit drei Stunden zweiundzwanzig. Dafür, dass wir grade mal zwei Meilen Luftlinie von Shandy Hall entfernt sind, ist das eine Abschweifung, die von wahrhaft Shandyesker Dimension ist - Sterne hat es geschafft, Uncle Toby einmal einen Satz beginnen (ein gewichtiges „Mich dünkt“), und erst 80 Seiten später vollenden zu lassen, wobei diese 80 Seiten eine Fülle von Digressionen enthält, die - wie Sterne zurecht sagt - „der Sonnenschein, das Leben und die Seele der Lektüre“ sind (I, 159), und oft genug ja auch Sonnenschein, Leben und Seele einer Reise. Allerdings nicht, wenn das Ziel nur an zwei Nachmittagen die Woche für Besucher offen steht, und dieser Sonntagnachmittag sich langsam seinem Ende entgegenneigt. Wir haben’s eilig, und deshalb schalten wir das Navi gleich wieder ab und fahren zum Beginn der Umleitung zurück, wo wir feststellen, dass die gesperrte Strecke mittlerweile wieder freigegeben ist. Nach fünf Minuten (solange, wie es dauert, achtzig Seiten zu überblättern, um den Satzanschluss zu finden) stellen wir den Wagen im Hof von Shandy Hall ab: dem langjährigen Heim des ehrenwerten Landpfarrers Laurence Sterne. 

Heute wohnt der Kurator des Hauses hier, ein hellwacher und durchtrainiert wirkender Mann in seinen Sechzigern, dessen Führung durch das Haus so hirnsportlich ausfällt, dass wir nur mit Mühe eben so mitkommen. Der Mann kennt seinen Sterne aus dem Effeff, und er kennt auch die Literaturtheorien der letzten hundert Jahre. Wahrscheinlich betreibt er sein morgendliches Hanteltraining mit Bücherstapeln über Intertextualität und Polysemie, Dissemination und Autoreferentialität bzw. Rekursivität, läuft danach eine Runde mit Derrida, bevor er auf einen Florettgang gegen einen Literatursoziologen antritt. Wir sind da nur lockere Sparringspartner zum Ausklang des Tages, zusammen mit einem übergewichtigen Dozenten-Ehepaar aus Wisconsin, in dem sich Textkenntnis und Biedersinn aufs Erstaunlichste mischen. Er ist ein nettes Bärchen, sie ist auf Austen und Brontë spezialisiert, und ich kann mir nicht helfen, doch ich kann die Vorstellung nicht abschütteln, dass sie, wenn hier wohnend, in ihren freien Stunden Textilblüten für Pfostenüberzieher häkeln würde. Als unser Custos zum Thema Schlüpfrigkeit kommt und auf ein paar Illustrationen zeigt, in denen Tristrams Vater an Stelle der Nase einen formidablen Penis trägt, eine lüstern grinsende Standuhr ihre Tür öffnet und das Uhrgewicht gleich einem massiven Dildo vor der entzückten Missus Shandy ausklappt oder ein Uhrturm durch die Nacht schwebt, dessen Spitze einer männlichen Eichel gleichsieht, die einen Schwarm von Zahnrädchen ejakuliert, da verzieht die brave Austen-Expertin prüde ihr Gesicht und konstatiert, sie sei not really fond of explicitness.

Der Comiczeichner Martin Rowson, aus dessen Tristram-Adaption diese Bilder stammen, hat hingegen einiges für Explizitheit übrig - sein Buch ist die anarchische und wüste Anverwandlung eines im Kern anarchischen und wüsten Romans, ein Pandämonium grotesker Gestalten und Kulissen, überbordend von Phantasie und Anspielungslust in Szene gesetzt: eine grobe, aber kongeniale Umschöpfung, die von Wort- und Bildspielen ebenso strotzt wie das Original selbst, und die ich natürlich sofort in meinen Besitz bringen muss. 

Nach der Führung sitzen wir noch in dem gepflegten Garten vor den Zierlauchrabatten, um in Rowsons Werk zu blättern. Der Kontrast könnte nicht größer sein - Vikar Sternes Anwesen ist mit seinen gediegenen georgianischen Möbeln, den Marmorsimsen und den hellen Wandtäfelungen, den antiken Büsten und den Tausenden schweinslederner Bücher ganz der würdige Wohnsitz eines besonnenen Honoratioren, umgeben von einem aufgeräumten und friedvollen Garten. Rowsons Comic jedoch führt in eine düster-wilde, entfesselte Phantasiewelt voller bedrohlicher und verzerrter Bilder, was auf den ersten Blick unpassend scheint. Aber unter all der verspielten Humorigkeit Sternes liegt genau dies: das Wüten des Sexus und der gehemmten Triebhaftigkeit, das Trauma des schambeinwunden Onkel Toby, der mit infantiler Besessenheit alles über Fortifikationen liest, das er kriegen kann, und von schützenden Einmauerungen träumt, um seine Versehrungen und seine Lebensangst wenigstens symbolisch zu bewältigen. Das Leid und die Not der Figuren sind im Tristram allgegenwärtig, auch der Zwang zu Prüderie und Verklemmtheit, dem sie unterworfen sind, wird nirgendwo verschwiegen - all das wird von Sterne indes humoristisch und mit nachsichtigem Spott behandelt, während Rowson, 250 Jahre später, diesen dunklen und erschreckenden Fond auf einer Freudianischen Bühne zur Aufführung bringt und die nächtlichen Mahre ungeniert in die Bizarrerie einer enthemmten Traumlogik übersetzt.

Aber nun - wir klappen das Buch zu, blinzeln in die Abendsonne und verlassen das schöne Anwesen; der Custos will die Tore schließen. 

In Shipton kehren wir im Dawney Arms ein, wo wir auf dem Parkplatz hinter dem Haus übernachten können. Vor allem aber können wir dort auch lange im Biergarten sitzen, wenn es gestattet sein sollte, einen schmalen Gang zwischen den roten Backsteinwänden einer Garage und eines Schuppens Garten zu nennen. Doch die Wirtsleute haben es geschafft, aus diesem Hinterhofkorridor ein kleines Idyll zu schaffen: an den Mauern sind große Pflanzkübel mit üppigem Grün und Tagetes und Primeln und Löwenmäulchen aufgereiht, darüber hängen Blumenampeln und Blumenkästen, und auch auf dem Balkon der Wirtswohnung im ersten Stock grünt und blüht es, dass es seine Art hat. Von dem freundlichen Empfang und dem guten Tetley’s beflügelt, wagen wir, uns ein Gammon Steak zu teilen, ein nach Kassler-Art gepökeltes Fleisch von der Keule. Zehn Unzen hat das Stück, das sind fast dreihundert Gramm; davon werden wir zu zweit mehr als satt, zumal sich auch noch ein Spiegelei darauf sonnt. Dazu mushy peas und chunky chips, man merkt, dass Yorkshire eine lange Tradition in Mästung hat. Wir kriegen noch nicht einmal unseren geteilten Teller auf; zwei Tische weiter hat ein Mann keine Probleme damit, und auch einen Schokoladenfudge mit Sahne verputzt er ohne sichtbare Zeichen der Schwäche.

Gott segne dieses Land und seine stabilen Wirtshausbänke!


10. Juli. York


Wir haben viel Zeit, uns die Fassaden in Yorks Clifton Road anzusehen. Wir stehen im Stau und kriechen gemächlich vor den würdigen Backsteinfassaden dieser Einfallstraße dahin, die manchmal mit pompösen klassizistischen Säulen und Architraven verziert sind, manchmal auch schlichtere georgianische Fronten präsentieren, sogar ein schmaler Ziegelbau mit seltenem Schweifgiebel ist zu entdecken. Es ist eine fast anheimelnde Einfahrt: die Straße ist von Bäumen und Hecken gesäumt, Vorgärten, kleinen Parkanlagen, Backsteinkirchen und Villen. Selbst der Clifton Bingo Club mit seiner nach Art-Déco-Manier gerundeten Portalüberdachung und der passenden Typographie, bei der man sofort an Charlestonkleider, Herrenwinker und Zigarettenspitzen denkt, scheint noch gut in Schuss. (Es stehen allerdings keine schnittigen Morris- und Lagondacoupés davor, sondern nur die elektrischen Rollstuhlscooter zweier Damen, die wahrscheinlich auf dem Weg zu Fußpflege respektive Zigarettenautomat sind und auf ein paar Takte Halt gemacht haben.)

Irgendwann kommen die Stricklieselturmspitzen des Yorker Münsters in Sicht, ein Stadttor, strahlend weiße viktorianische Wohnblocks, neugotische Türmchen und Fialenphantasien aus Backstein, aber da kann ich auch schon nicht mehr herumschauen, weil der Verkehr jetzt all meine Aufmerksamkeit beansprucht: wir wollen uns zum Campingplatz durchfädeln, der hier nur ein paar Schritte vom Stadtzentrum entfernt am Ufer des Ouse liegt und ein perfektes Basislager für die nächsten paar Tage bieten sollte. 

Wir sind allerdings nicht die Einzigen, die den Platz ideal finden. Nur sind wir nicht so planerisch veranlagt, drei Monate vorher was zu buchen - was sich empfohlen hätte, wie der Mann am Rezeptionstresen uns mitteilt. Wenn wir uns noch anderswo die Zeit vertreiben wollen, hätte er in vier Tagen, einen allerdings nicht schönen, Platz frei (so wie er dreinschaut, gleich neben einer Sickergrube oder an einem Abgasauslass einer unterirdischen Chemiewaffenfabrik).

Was bleibt uns schon übrig? Wir müssen einen Campingplatz außerhalb ansteuern, der so schwer zu finden ist, dass auf dem Weg dorthin zahllose Wohnmobile gestrandet sind, die jetzt als Monumente des Scheiterns am Straßenrand vor sich hinrosten. Diese kaum aufzuspürende Beechwood Grange Caravan and Motorhome Club Site liegt hübsch von Pferdekoppeln eingefasst im Grünen, aber schon während wir die uns zugewiesene Parzelle ansteuern, begreifen wir, dass es sich bei diesem Platz nicht um einen Campground, sondern um ein Lager handelt: eine Kasernierungsanstalt und Barackenanordnung, die atmosphärisch die Grenze von Inhaftierung und Urlaub bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Ich glaube, dass ich nicht manifest paranoid bin; trotzdem befürchtet etwas in mir, dass ich hier nie wieder rauskomme, und dass sich, sobald wir uns dem Ausgang nähern, die Schranke schließen wird und ein paar Uniformierte uns höflich davon in Kenntnis setzen werden, dass sie zu ihrem Bedauern Anweisung haben, Sülzwurst und Seife aus uns zu machen.

Die Befürchtung erfüllt sich freilich nicht. Der Mann an der Rezeption hebt die Hand zu einem freundlichen Abschiedsgruß, als wir zum Park&Ride am Rande Yorks aufbrechen. Womöglich ist er doch kein kannibalischer oder sonstwie irregeleiteter Wärter, aber das ist ja immer das Problematische an komplexen Gesellschaften: die Individuen darin mögen persönlich ganz nette Burschen sein, während das System, in dem mitzuwirken sie gezwungen sind, einen Abgrund an Bösartigkeit hervorbringt. Anders kann ich mir die Entstehung der Yorkschen Außenbezirke nicht erklären. Keiner meint es ernsthaft böse, doch aus dem vielen nicht ernsthaft böse Gemeinten entsteht dann doch einiges recht Abscheuliches.

Im Bus zur Innenstadt mache ich einfach die Augen zu, bis wir die Gewerbegebiete und die Zersiedlungsplaque hinter uns gebracht haben, in der sich viele brave Familien den Traum vom umzäumten Eigenheim erfüllt haben. Nun, eigentlich verschließe ich nicht einfach die Augen, sondern nicke ein; es ist spät geworden gestern, ich habe lang mit flimmernden Lidern weiter im Shandy gelesen, dann, ins Bett gekrochen, den Text traumhalber weitergesponnen und mich dabei lang hin und hergewälzt. Als wir in Flußnähe aussteigen, bin ich vollkommen rammdösig und wanke traumbefangen über den Ouse River. Aber die Stadt ist munter und lebendig, Fußgänger strömen durch die Straßen, vor allem im mittelalterlichen Stadtkern tummelt sich jede Menge Volk.

Die Shambles sind Gassen voller Fachwerkhäuser, deren obere Etagen vorkragen (die zweite noch mehr als die erste), sodass sich einige gegenüberliegende Häuser fast mit den Stirnen berühren. Es soll nur selten ein Sonnenstrahl in diese dark streets of York fallen; das ist heute allerdings schwer zu beurteilen, weil es an Sonnenstrahlen ohnedies mangelt. Doch immerhin haben diese überhängenden Stockwerke den Nutzen, dass sie vor dem niedersinkenden Niesel schützen, und vor den Läden die Postkarten-Drehständer und die gehäkelten Babyjäckchen mit ihren Sonnen, Häschen und Blümchen darauf ebenso wie die Plüschtiere an ihren Galgengestellen trocken halten.

Es zieht uns wie immer zuerst zur Kathedrale, Englands größtem mittelalterlichen Kirchenbau, grob geschätzt anderthalb Kilometer lang und dreihundert Meter breit, vielleicht auch nur ein Zehntel davon, aber jedenfalls riesig: eine Art spiritueller Hangar, in dem Herzen, die sich zu Gott erheben wollen, reichlich Flughöhe haben. Doch wie so oft kommt es auf Größe nicht unbedingt an, auf Höhe und Weite auch nicht; mein Herz erhebt sich leichter, wenn es auch etwas hat, worauf es landen und nisten kann. Das York Minster ist indes eine kahle Halle, tüchtig nach gotischem Plan gestaltet, und eher ein Ort, an dem man Truppen segnet, die in den Krieg ziehen, als einer, in dem man sich in frommer Versenkung ergeht. Aber Kathedralen sind ja auch nicht dafür da, fromm darin herumzulümmeln und irgendeine träumerische Gottesvorstellung auszubrüten. Kathedralen sind dafür gemacht, das blöde Glaubensvolk ex cathedra zu erziehen, und ihm als gottgewollt einzubläuen, was die Mächtigen beschlossen haben. Diese didaktische Seite der Kathedralen tritt mal mehr, mal weniger hervor, drohend und einschüchternd wie im katharischen Albi, majestätisch und elegant wie in Amiens, in Schätzen schwelgend und das Volk von den Reich- und Heiligtümern ausschließend wie in Toledo oder Sevilla; Kathedralen können in der geometrischen Ordnung ihres Maßwerks eine göttliche mathematische Vernunft behaupten, in ihren Skulpturen und gemeißelten Kapitellen lehrreiche Allegorien und moralische Exempel darbieten oder können auch, wie in Porto, den Hunger auf eine Beute entfachen, die man nur in Schiffen aus Brasilien übers Meer zu holen braucht. Irgendeine Idee, einen tief in ihren Wesenskern hinabreichenden Grundgedanken hat fast jeder große Kirchenbau; aber hier in York stehe ich ratlos in einer riesigen Halle und spüre nichts als die Leere bloßer Konventionalität: eine Kulisse ohne Vision und ein Gerippe ohne Mark in den Knochen.

Es ist, als stünde man in der perfekten Simulation einer Kirche, vor einem Androiden ohne Batterie, einem Stück Fleisch aus der Petrischale. Es sieht aus wie Kathedrale, ist aber nur nur eine Eins-zu-eins-Replik einer solchen. Immerhin: was wie Stein wirkt, ist in der Tat Stein (ich habe mich durch Dagegenklopfen dessen versichert). Trotzdem kommt mir das alles innerlich hohl vor, Attrappe und Staffage. Vielleicht bin ich immer noch ein wenig benommen von meinem Nickerchen im Shuttlebus und noch nicht ganz zurück aus Traumland. Ich bin so wuschelig im Kopf, dass wir eine Führung mitmachen, in der Hoffnung, sie würde mich in die Wirklichkeit zurückbringen.

Die junge Frau allerdings, die unseren Pulk durch die Kathedrale bugisert, ist (mit Rilke zu sprechen) selbst nicht sehr verlässlich zu Haus in der gedeuteten Welt. Ich habe selten eine hibbeligere Person erlebt. Sie spricht nicht einfach schnell, sondern so hektisch, als ticke ihre Lebensuhr im Sekundentakt von zehn auf null herunter, und sie müsse fertigwerden, bevor der letzte Zeigerstreich ihr die Kehle durchschneidet. Dabei ist sie es selbst, die ihre Existenz auslöschen will: in einem fort rubbelt sie an ihren Ohren, ihrer Nase, ihrer Lippe herum, bis sie - nach und nach den Aktionsradius ausweitend - auch ihre Brust , ihren Bauch und ihre Oberschenkel zu beschaben beginnt, so manisch, als versuche sie wirklich, sich auszuradieren und sich mit Ratzefummelfingern in kleine graue Würstchen zu zerlegen. Wir sehen ihr fasziniert bei diesem Selbstauslöschungsversuch zu, obwohl wir natürlich fürchten, die Führung würde allzufrüh enden, sobald die Frau sich vollständig in Gummiwürmchen und Krümel aufgelöst hätte. Meiner Konzentration ist das nicht förderlich; ich bin viel zu beschäftigt, ihr zuzusehen, fürs Zuhören reichen meine Kapazitäten kaum noch, und so habe ich auch fast alles vergessen, bis auf einige Details über die Schlusssteine des Gewölbes: als das Münster im viktorianischen Zeitalter wegen Brandschäden renoviert wurde, hat man die stillende Maria auf einem der Steine durch eine Muttergottes ersetzt, die dem Jesuskind nicht mehr die Brust gibt, sondern das Fläschchen, was dem prüden Publikum den schockierenden Anblick einer nackten Frauenbrust ersparte. Ich will diese Maßnahme ja gar nicht kritisieren, finde sie nur halbherzig und inkonsequent angewendet. Denn mich persönlich schockiert ein fast nackter Mann, der ans Kreuz genagelt ist und aus vielen Wunden blutet, mehr als ein bloßer Busen, und wenn man schon partout einen ans Kreuz genagelten Mann zeigen muss, dann sollte er doch wenigstens manierlich gekleidet sein, Hosen und Gamaschen tragen, sowie ein anständiges weißes Hemd, eine Krawatte und einen Gehrock. Auch diesen Dornenkranz halte ich für eine unziemliche Kopfbedeckung und empfehle stattdessen einen Bowler oder einen Zylinder. So eine Kreuzigung ist immerhin ein gesellschaftlicher Anlass, bei dem eine große Menge an Schaulustigen zugegen ist, und man sollte diesen kein schlechtes Beispiel der Nachlässigkeit und Verwahrlosung geben. Doch der Heiland trägt noch nicht einmal Schuhe, wie an einem anderen Schlussstein zu sehen ist, der Christi Himmelfahrt zum Thema hat. Hier hat der Steinmetz nur die Fußsohlen des davonschwebenden Jesus dargestellt - eine durchaus elegante Lösung, auch wenn der Schlusstein auf diese Weise weniger den triumphalen Aufstieg des Gottessohns in den Himmel zu feiern scheint als vielmehr eine besonders zufriedenstellende Sitzung in einem Fußpflegesalon.

Das Thema des Aufstiegs in den Himmel wird auf einem anderen Schlussstein variiert, auf dem sich nicht Jesus in den höheren Sphären tummelt, sondern ein Astronaut, der seinen Stiefel auf einen Sichelmond setzt - ein recht erstaunlicher Bruch des Privilegs, das die Theologen über Jahrhunderte allein den Seligen und Heiligen gewährt haben. Dass in einer Kirche nicht Glaubensstreiter, Märtyrer und Wundertäter geehrt werden, sondern profane Piloten (wie mutig und klug sie auch gewesen sein mögen), hätte ich nicht erwartet. Augustinus hat die Neugier auf die Dinge der materiellen Welt noch als sündhaft verdammt; Dante hat Odysseus, der sich über die Säulen des Herkules hinaus in die Weite wagte, in die Hölle versetzt. Die Kirche hat in der selbstherrlichen Kühnheit des Menschen immer den Schwefelgeruch des Satan gewittert. Es war die Schlange, die Eva das Eritis sicut deus zugezischelt hat: Ihr werdet sein wie Gott. Das Wissen führt ins Verderben, die von Gott gesetzten Grenzen nicht zu achten, bringt Verstoßung und Tod. Darum ist es ein ziemlich revolutionärer Akt, in einer Kathedrale den Forscherdrang und die technischen Fertigkeiten der Menschheit zu ehren, und es ist auch recht keck, in einem anderen Schlussstein einen Wal zu zeigen, ihm aber nicht das fromme Exempel Jonas beizugesellen, sondern einen Tiefseetaucher, der mit Sauerstoffflaschen auf dem Rücken Luftbläschen ins Wasser pustet. Die Entwürfe für diese Schlusssteine haben in den 80er Jahren Kinder gemacht, was die theologische Unbeschwertheit erklärt. Vielleicht sollte man noch einmal einen solchen Wettbewerb ausloben und dazu aufrufen, Sankt Sebastian beim Christopher Street Day oder San Gennaro als Dragqueen abzubilden, um das aggiornamento der Kirche noch weiterzutreiben. Auch Carl Djerassi („Mutter der Pille“) und der Heilige Nikolaus („Schutzpatron der Jungfrauen“) könnten zusammen ein schönes Sujet abgeben. Der Heilige Antonius würde sich ebenfalls gut machen, wie er sich in Leder und Latex in in einem SM-Studio peitschen lässt (keine Sorge, er steht darauf), oder Simon Stylites, der in einer Anorexie-Selbsthilfegruppe über seine Marotten spricht… Es gibt da eine ganze Menge von ausbaufähigen Motiven und interessanten Paarungen, und nicht zuletzt die zwischen dem Antonius aus der thebäischen Wüste, der von Räude zerfressen und von juckenden Geschwüren befallen, diese mit Gebeten und Kasteiungen bekämpfte, und einem studierten Hautarzt, der lindernde Salben und Pillen verschreibt, würde ich angesichts unserer Führerin sehr befürworten. Bislang sieht das Fräulein eher so aus, als gäbe sie den Methoden des Antonius den Vorzug, statt der Wissenschaft zu vertrauen. Sie verliert in jeder Minute ungefähr ein Pfund Hautabrieb, bald ist sie weg. Dann ist sie tatsächlich weg. Während wir abseits der Gruppe irgendein Fenster beschauen, hat sie sich verabschiedet, wahrscheinlich muss sie jetzt ganz schnell in eine laue Badewanne steigen wie Marat, um ihre vor Juckreiz flimmernde Haut zu besänftigen.

Immerhin haben wir dann Ruhe, um allein den Kapitelsaal zu besichtigen, ein wunderbares lichtes Oktagon, dessen Wände oberhalb der umlaufenden Bankreihe fast ganz aus farbigen Fenstern bestehen. Das Gewölbe ist freitragend - anders als bei den bislang gesehenen Kapiteln, die allesamt von einer Mittelsäule gestützt wurden - und die Gewölberippen sind elegant mit blauen, roten, goldenen Linien verziert, was sie sehr feingliedrig erscheinen lässt. Goldene Schlusssteine säumen die Kuppel mit ihren sechzehn Rippenbögen: die Kappenflächen dazwischen sind mit Ornamentik in Rot und Blau und Grün ausgemalt, deren florale Anmutung eine feminine und heitere Note einbringt, die angesichts der gewichtigen Beschlüsse, die hier von würdigen Kanonikern gefasst worden sein müssen, überrascht. Zusammen mit dem flimmernden Farbenspiel der Fenster würde sich der Saal auch als Raum für glänzende Festlichkeiten und Tanzvergnügen eignen, und vielleicht bräuchte man dafür noch nicht einmal die Bankreihe zu verdecken, auf denen der Klerus zu sitzen pflegte: die zahlreichen skulpierten Köpfe an den Kapitellen des Friesbands über den Sitzen haben oft spaßige Faxenmachergesichter, sie ziehen Grimassen oder lächeln heiter ins Rund, Narren und pausbackige Engel, Tierköpfe und Grotesken, die schon den Mönchen bei manch öder Versammlung zum Ergötzen gedient haben werden - warum sollten sich nicht auch festlich geschmückte Damen bei einem Ball über diese Fratzen amüsieren?

Überhaupt scheinen nicht alle Kleriker Yorks den Sinnenfreuden abhold gewesen zu sein. Das marmorne Grabmal eines Bischofs zeigt einen üppigen Herrn mit Mitra, der in lasziver Haltung auf die Seite gestützt daliegt, in der Postur ein Mittelding von Ingres’ Großer Odaliske, Tizians Venus von Urbino und Canovas Paulina Bonaparte (oder einfach ein Pin-Up aus einem Soldatenspind), ein Knie halb angezogen, die freie Hand in koketter Zärtlichkeit auf der Brust ruhend. Wohlgefällig lächelt er ein paar nackte Marmorputten an, die sich über ihm tummeln, als wollten sie die weiße Wolke gleich als Plumeau über ihren Herrn breiten, um dann zu ihm unter die Bettdecke zu schlüpfen. Ach, wie sagt doch Paulus so schön im Korintherbrief: Die Liebe höret nimmer auf.

Es ist schon später Nachmittag, als wir auf ein Chilli und ein Bier im Hinterhofgarten eines Pubs einkehren, dessen Mauern mit wildem Wein überrankt sind. Aus dem Pub schallen ein paar alte Punkkracher, und dazu gibt’s sogar noch echte Punks, die es aus den späten Siebzigern bis ins Heute geschafft haben, ohne dass ihre Sicherheitsnadeln Rost angesetzt hätten. Die Iros auf den Häuptern sind ein wenig dünn geworden, der Zahnstatus nicht besser, dafür haben die Sicherheitsnadeln von damals bemerkenswerte Verstärkung durch die Piercing-Industrie bekommen. Einer hat ein interessantes Silberetwas im Ohrmuschelrand: eine gewendelter Draht, der sich über fünfzehn, zwanzig Löcher wie ein Saumstich die ganze Strecke vom Ohrläppchen bis zum Höcker hinaufwindet: man nennt sowas vermutlich Rüstungsspirale.

Danach bummeln wir noch ein Stündchen durch die Stadt, doch bald schließen die Läden, leeren sich die Gassen, fällt wieder Regen - und nun so stark, dass wir in den Bus steigen und zum Campingplatz zurückkehren. Wir sind erschöpft und müde, und ohnehin reif für eine Dusche, Haarwäsche, Rasur. Aber einmal auf dem Platz zaudern wir. Normalerweise sind wir nicht zimperlich, was Sanitärblocks angeht; wir brauchen keinen Komfort und keine blitzblank gewienerten Anlagen, und es ist mir egal, ob alle drei Stunden jede Fliesenfuge mit Chlorreiniger entkeimt oder sonstwie begast wird. Aber hier ist es anders, und das hat nichts mit hygienischen Bedenken zu tun - doch diese Duschbaracken strahlen schon von außen etwas so Sinistres und Vernichtungslagerhaftes aus, dass wir lange brauchen, um uns dort hinzuwagen. Und in der Tat ist es, als wir uns endlich aufgerafft haben, von innen nicht besser: zwar alles sauber, und mit angemessen warm und reichlich strömenden Wasser versehen, doch sind die Duschkabinen so eng und die Waschbeckenreihe so in einen Winkel gequetscht, dass ich schon beim Eintreten klaustrophobische Anwandlungen bekomme. An den Waschbecken gibt es die üblichen  Wasserhähne (eiskalt links und brühheiß rechts), die von der britischen Neigung zur Algolagnie künden, deren beredester Fürsprecher wohl Swinburne war, jener viktorianische Dichter, der die Flagellation und andere dornige Vergnügungen pries, in denen Schmerz und Lust sich vermählen. Swinburne war es auch, der das Gerücht verbreitete, er habe mit einem Schimpansen geschlechtlich verkehrt (mir ist nicht bekannt, welchen Geschlechts der Schimpanse war) und ihn dann getötet und aufgegessen, was alles in allem eine durchaus ambitionierte Häufung von Grenzüberschreitungen ergibt.

Ich lasse hier übrigens nicht unmotiviert meinen schmutzigen Assoziationen freien Lauf; aus einer Toilettenkabine höre ich während meiner Rasur unentwegt ein dumpfes rhythmisches Stöhnen, das irgendwann in gebändigte Lustschreie übergeht, und eine Weile scheint mir, dass sich da jemand mit sich selbst vergnügt. Doch schließlich knattern einige deutlich vernehmbare Fürze los; offenbar ist der Stopfen nun herausgepresst, und der Mann von seiner Last befreit.

Wir verbringen den Abend im Bus. Draußen geht ohne Pause schwerer Regen nieder, und nun verstehe ich auch, warum die Stellplätze hier mit Kies bedeckt sind. Die Wiesenflächen drumrum verwandeln sich nach und nach in Matsch.


11. Juli. York, Scarborough


Es regnet auch am Morgen weiter, als wir wieder in der Stadt sind. Vor uns steht eine gewaltige Wikingermaid in Sackleinen und Leder. Sie hat ein Messer am Gürtel, ihr Kumpan sogar ein Schwertgehenk. Doch die zwei verteilen keine Messerstiche oder Schwertstreiche, sondern Regenschirme. Die Schlange, die auf Einlass ins Jorvik Viking Centre wartet, ist fünzig Meter lang, und die braven Wikinger wollen doch vermeiden, dass all diese Leute zuviel Nässe ins Haus bringen.

Bei Ausgrabungen hier am Coppergate fand man in den Achtzigerjahren Reste einer Siedlung des Wikinger-Königreichs Jorvik, das seit dem Einfall der Dänen und Norweger in der alten Römerstadt York bestand. Die Spuren sind heute im Keller des Museums zu sehen, Lehmfußböden, die mit Abfällen bedeckt sind, Hornkämme, Töpferwaren, Messerklingen, Speerspitzen; auch Lederreste, Webstoffe, Pflanzen und Tiere, die sich nur selten ein Jahrtausend erhalten, wurden unter Sauerstoffabschluss im Lehm konserviert. Unter Glas sind die Überbleibsel einer von dicken Balken eingefassten Behausung zu sehen - eine zehnköpfige Familie soll darin gewohnt haben.

Wir werden in Gondeln verladen, wie man sie aus Geisterbahnen kennt. Auf Schienen gleiten sie abwärts in die Tiefen der Vergangenheit. Die Zeitreise führt in eine Wikingersiedlung um das Jahr 1000. Ein Mann im karminroten Rock, mit Pelzmütze und Pelzumhang, ein Schwert am Gürtel, neben sich einen struppig schwarzen Köter an der Kette, hält Wacht am Rand des Dorfes. Durch kleine Lautsprecher am Ohr hören wir, was seine Lippen sagen: Wilkom in Jorvik! Nach freundlichem Willkomm sieht er freilich nicht aus. Wehrhaft stemmt er eine Lanze auf den Boden und beschwört damit eine kriegerische Atmosphäre. Im Dorf allerdings geht’s dann ganz friedlich zu. Vor schilfgedeckten Holzhütten wetzen Männer die Messer, drechseln Holz, essen Äpfel und Brei. Hätten sich die Wikinger je gedacht, dass ihr Fortleben nach dem Tod nicht in Wallhalla-Gelagen und fröhlichem Schlachtenlärm von Geisterheeren besteht, sondern in der unablässigen Wiederholung von zwei, drei Gesten, die ihnen ein Automateningenieur eingepflanzt hat? Hunde bellen, zwei borstige kleine Schweine, die sich in ihrem Koben wälzen, grunzen und quieken, ein halbes Dutzend fetter Aale auf einem Holzfass zappelt immer noch mit  Kopf und Schwanz, denn Aale haben ein zähes Leben, auch wenn es Automatenaale sind.

Diese Geisterbahnfahrt hat, zugegeben, etwas reichlich Kirmeshaftes. Der tonsurierte Pfaffe, der einem Sterbenden die letzte Ölung verabreicht, die Ratte, die auf einem Schlachterhackblock ein vergessenes Stück Fleisch anknabbert, der grimmige Schwachsinnige, der an dem Verschlag aus Weidenruten rüttelt, in den man ihn gesperrt hat - das alles ist Geschichte fürs kindliche Gemüt, einschließlich der gaumigen Laute des Altnordischen, das die Automaten zum Besten geben, und der Gerüche, die im Vorübergleiten zu erschnuppern sind. Doch wir finden trotzdem Gefallen an diesem befahrbaren Diorama - es ist liebevoll und mit einem Händchen für Details gemacht, und wer auch nur einmal auf einem jener Mittelaltermärkte war, auf denen irgendwelche unbeleckten Spinner sich ein elftes Jahrhundert aus Fantasyliteratur und Hollywood zusammenzupanschen pflegen, wird die bunte Rekonstruktion Jorviks als geradezu vorbildlich sachgerecht ansehen. Und für Leute, die Lust auf etwas trockenere Information haben, schließt sich der Wikingergeisterbahn noch eine Ausstellung mit den üblichen Vitrinen an, in denen Fibeln und Haken und Speerspitzen, Stoffe und Flöten präsentiert werden, von denen Kinder gemeinhin genausowenig fasziniert sind wie ich selbst. Was mich aber sehr wohl fasziniert, ist das Fundstück eines Skeletts, das offenbar afrikanischer Herkunft ist, oder die Kaurimuscheln, die es aus dem fernen Polynesien auf die britischen Inseln geschafft haben. Ich weiß aus Neil MacGregors Geschichte der Welt in 100 Objekten, wie weitläufig die Handelsbeziehungen schon in prähistorischer Zeit waren - lange, bevor es Schrift gab, vor etwa 6000 Jahren, führten Handelswege aus den italienischen Alpen nach England und brachten erlesene Jadebeile auf die Insel. Später verband das Römische Imperium das Kaspische Meer mit der Nordsee, zu Zeiten Mohammeds wurden in Arabien chinesische Waren umgeschlagen und über Kairo und Timbuktu nach Europa weiterspediert. Autarkie und Selbstversorgertum waren immer schon Synonyme für kulturellen Rückstand, und festzustellen, dass selbst eine so randständige Gemeinschaft wie die britischen Wikinger (wenngleich sicherlich durch Mittelsmänner) Handelsbeziehungen zu Afrika und in den Pazifik pflegte, erfüllt mich mit einer gewissen Bewunderung. Tausch, Anverwandlung fremder Ideen und Techniken, Anregung durch Begegnung haben die Menschheit vorangebracht (obwohl die Begegnung grade mit Wikingern nicht immer als ausschließlich anregend empfunden worden sein mag). Dass Großbritannien entschieden hat, sich dieser flüssigen Zirkulation von Waren und Menschen zwar nicht zu entziehen, sie aber doch zu erschweren, und in stärkerer Abschottung sein Heil sucht - nun ja. Viel Erfolg dabei!

Wir erholen uns bei einer Tasse Tee in einem Café, das uns durch das reiche Glitzern eines Kronleuchters angelockt hat. Im Schaufenster steht ein ausladendes Ledersofa, in dem grade niemand sitzt, also nichts wie rein mit uns. Wir bringen an der Theke unsere Bestellung vor und entdecken dann, auf das Sofa zusteuernd, dass es sich um ein Dekorationsstück handelt, das zu marode ist, um noch benutzt zu werden. Wir müssen an einem wackligen Tischchen auf ebenso wackligen Stühlchen Platz nehmen. In den Blumenvasen auf den Tischen stehen Plastiksträuße, und die Tischdecken sind aus klebriger Plastikfolie, die so schreiend pink ist, als hätte ein auf Romantik spezialisierter Groschenromanverlag für eine Latexparty dekoriert. Wir hatten uns gediegenen Pomp erhofft und sind in einem Sperrmüll-Café gelandet. Gottergeben knabbern wir ein paar Kekse, während um uns her die Leute ihre Baked Beans auf Toast einforken.

Hinter dem York Minster liegt die ehemalige Residenz des Kirchenschatzmeisters. Dieses Treasurer’s House wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem wohlhabenden Industriellen gekauft und ganz nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Er füllte es mit all den preziösen Dingen, die er auf Reisen durch Europa erstanden hatte, Kommoden und Buffets, filigran durchbrochene Ebenholzstühle, Sekretäre mit feinen Intarsien, blattgoldbelegte Louis-Quatorze-Sessel, Tischaufsätze aus Indien für die Toilette von Prinzessinnen, Gemälde aus dem sechzehnten Jahrhundert, auf denen mächtige Männer Kniebundhosen und Schärpen und Mühlsteinkrausen tragen, und solchen aus dem Rokoko, als die Männer sich mit Goldbrokatwesten unter roten Samtröcken kleideten. Im Treppenhaus schwebt ein großer Lüster aus mundgeblasenem Glas mit seinen schimmernden Kugeln und Glasranken und wirft sein Licht auf golddurchwirkte Samttapisserie und die glänzende Firnis der Gemälde. Doch nicht alles ist so leicht und elegant: da ist ein massiver Marmortisch, dessen Platte von einem abscheulichen Marmoradler gehalten wird, darüber ragt ein von kanellierten, girlandenumschlungenen Säulen gerahmter Spiegel auf, der den Betrachter in einen verwunschenen Tempel zu bannen scheint. Auch eine Marmorbank mit einem Untergestell aus vollbusigen Sphinxen ist nicht unbedingt anmutig, aber schließlich sollte man auch von einem Fabelwesen, das seine Opfer erwürgt und auffrisst, keine Anmut erwarten, sondern nur eine gewisse Durchsetzungskraft.

Frank Green, der einstige Besitzer, war wohl ebenfalls nicht zimperlich, jedenfalls, was seinen Umgang mit Personal anbelangte. Einer der Freiwilligen, die wie so oft in jedem Raum auf Besucher lauern, um sie in Gespräche zu verwickeln, erzählt uns, dass er, also Mr. Green in seiner Zeit in Oxford einem Tutor den Cricketschläger auf den Kopf gehauen habe, und später so peinlich genau auf Ordnung hielt, dass es ihn aufs Blut reizte, wenn ein Stuhl nicht präzis dort stand, wo er ihn haben wollte, und er den schlampigen Diener zur Strafe am liebsten mit den Ohren irgendwo angenagelt hätte. Da die Zeiten für solche Züchtigungen jedoch vorüber waren, schlug er nur Nägel ins Parkett, um den genauen Ort für seine Möbel zu markieren.

Ob Green die Geister, die im Treasurer’s House umgehen sollen, als Ordnungsstörer angesehen hat? Dem Vernehmen nach gab’s einige Spukgestalten, nicht nur einen ehemaligen Besitzer des Anwesens, den ehrenwerten George Aislaby, sondern eine ganze Rotte römischer Soldaten, die zuerst einem Partygast Greens erschienen waren, und dann ein paar Jahrzehnte später einem Klempnerlehrling, der im Keller Rohre abmontierte. Dieser junge Mann hörte plötzlich Trompetensignale und sah dann einen Mann mit federgeschmücktem Helm, der sich aus der Wand schälte, hinter sich einen Streitwagen und etwa zwanzig Legionäre mit Rundschilden und Kurzschwertern, in grünen Tuniken und Sandalen. Der Klempner war zu Tode erschrocken und ging mehrere Wochen nicht zur Arbeit. Kenner des römischen Legionärwesens glaubten ihm nicht, da die Ausrüstung der Geistersoldaten nicht der für römische Soldaten üblichen entsprach. Doch merkwürdig: bei Ausgrabungen einige Jahre darauf fand man genau diesen Habit. So marschierten die lokalen Reservetruppen, nachdem die regulären Kohorten wieder nach Rom abkommandiert waren.

Obwohl es mir zutiefst widerstrebt, derlei Dinge zu glauben, kann ich sie nicht einfach als Lüge oder Halluzination abtun. Mir ist im Alter von sechs oder sieben Jahren auf einem Heuboden eine ätherische Frau erschienen, die mich im staubsporigen Licht wehmütig anlächelte, zerschnitten von den Lichtfächern, die durch die Bretterritzen drangen. Erst vierzig Jahre später erfuhr ich, dass sich ebendort die Tochter des Pachtherrn erhängt hatte. Auch mein Vater war einmal nachts von einem Getobe im Treppenhaus wachgeworden, als poltere jemand die knarrenden Holzstufen hinauf, schlüge an Türen und stampfe wütend mit den Füßen auf. Es war eben die Stunde, als der Besitzer des Hauses, unser Nachbar, starb. Es mag also sein, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich die Schulweisheit träumen lässt, aber es mag auch sein, dass diese Dinge auch gar nicht weiter von Belang sind, denn im Alltag begegnen einem lebende Ungeheuer viel häufiger als die armen Seelen von Toten, die keine Ruhe finden.

Ein Beispiel für ein lebendes Ungeheuer wäre etwa die Frau hinterm Tresen der Yorkshire Roast Company an der Ecke Low Petergate und Goodramgate, ein Laden, der von schwarz lackierten Holzpaneelen eingefasst ist, was uns schon mal hätte misstrauisch machen sollen, da man mit solchem Dekor sonst eigentlich nur Trauerkutschen und Särge verschalt. Aber wir sind hungrig, es ist eine Mordsschlange davor, und wir sind naiv genug, um zu glauben, dass es dort, wo viele Leute anstehen, auch gutes Essen gibt. Dem ist nicht so, das will ich hier an Eides Statt versichern. Hier wird Braten verkauft, Rind und Truthahn, Schweineschulter und Schinken, und dazu werden die üblichen Beilagen angeboten, als da sind die feuchten Teignäpfe des Yorkshire Pudding, Gemüse in Grün und Orange, diverse Soßen. Man kann sich Pappbecher mit Fleischbrocken und darübergegossenem Gravy füllen, die Bratenscheiben in Teiglappen wickeln oder zwischen Brötchenhälften legen lassen, und auch wenn wir nicht alle Varianten ausprobiert haben, glaube ich sagen zu können, dass nichts davon zu würdiger Ernährung beiträgt: weder die mit der Kelle aus der großen Schüssel geholte Apfelsoße noch das Gleiche in Cranberry, und auch Senf oder Meerettich machen die Sache nicht besser. Es scheitert am Fleisch, das sich saftig nennen will, aber in Wahrheit bloß wässrig ist, es scheitert an der Fruchtsäure der Soßen, die mit zwei Pfund Zucker gefällig gemacht worden sind, und es scheitert an übersüßten Brioche-Brötchen genauso wie an Yorkshire Pudding-Fladen, in denen ungefähr genausoviel Natron ist wie Milch. Kinder werden das mögen, und auch kindlich gebliebene Gaumen haben vermutlich ihre Freude an solchem Zeug; vielleicht würde auch ich meinen Geschmack daran entdecken, wenn ich keine Zähne mehr hätte und auf durchpassierten Brei angewiesen wäre, in dem kein Element mehr nach sich selbst schmeckte, sondern jeder Bissen nach irgendwas. Aber bis es soweit ist, habe ich gern ein wenig Spektakel im Mund, Krokantes und Verzögerndes und Überraschendes, sich auffächernde Vielfalt, und nicht etwas, bei dem Refrain und Strophe ganz und gar identisch sind, Homogenität durch und durch und durch.

Aber über englisches Essen habe ich mich schon weidlich echauffiert, das soll hier nicht vertieft werden. Lieber echauffiere ich mich über die Frau hinterm Tresen, die die Bratenscheiben absäbelt und dann das Messer auf die nächsten Kunden richtet, als sei sie imstande, jedem, der den Betrieb aufhält, gleich den Kopf abzuhauen und Gravy draus zu brauen. Sehen so Walküren aus? Jedenfalls ist es eine gestrenge Herrin, die es gar nicht leiden kann, wenn vor ihren Augen gezaudert wird. Aus den Pupillen schießen giftige Strahlen eines Überdrusses, der jederzeit bereit ist, in Hass umzuschlagen. Sie wirft verächtlich ihre Oberlippe auf, während sie mechanisch ein Brötchen zweiteilt: sie mag keine Fremden, das ist sicher. Einheimische allerdings auch nicht. Wenn sie überhaupt etwas mag, dann ihr Messer und die wehrlosen Bratenstücke; und vielleicht findet sie sogar Gefallen an ihrem grimmigen Gesichtsausdruck und träumt sich bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel auch in eine herrliche Wikingersaga zurück, in der sie sich nicht mit einem Fleischmesser begnügen müsste, sondern sich als wiedergeborene Brünnhilde mit Streitaxt und Langschwert durch feindliche Muskelmasse kämpfen dürfte. 

Ich hoffe inständig, dass sie nicht sieht, wie ich die Reste meines Bratenbrötchens in einen Mülleimer schmeiße. Sie wär imstande, mein abgehauenes Haupt hinterherzuwerfen.

Immerhin fühlen wir uns gestärkt für einen Besuch im York Castle Museum. William the Conqueror hat hier am Ufer des River Foss zwei Jahre nach der Schlacht von Hastings eine Burg erbauen lassen. Als deren militärische Bedeutung schwand, nutzte man den Bau als Gefängnis, dessen populärster Insasse wohl Dick Turpin war, jener Wilderer, Einbrecher und Straßenräuber, der eine stattliche Menge von Verbrechen begangen hatte, sich aber länger als seine Bandenmitglieder, die nach und nach geschnappt und gehängt wurden, der Verfolgung entziehen konnte. Schließlich doch erwischt, wurde er zum Tod durch den Strang verurteilt, ließ es sich im Kerker aber noch gut gehen. Er feierte seine letzten Tage bei Wein, Weib und Gesang - der Gefängniswärter soll allein 100 £ durch den Verkauf von Getränken verdient haben. Die Summe entspricht heute ungefähr 15 000 Euro. Das klingt viel, aber in Dom Perignon umgerechnet sind das grade mal hundert Flaschen, und die sind in einer Woche mit trinkfreudigen Gästen ja schnell weggepichelt. Auch am Tag seiner Hinrichtung zeigte Turpin sich spendabel: er heuerte fünf Klageweiber an und präsentierte sich auf seinem Weg zum Galgen in einem nagelneuen, stutzerhaften Gehrock der gaffenden Menge.

Die Legende hat ihn seither zu einem Nachfolger Robin Hoods gemacht, der von raffgierigen Adligen und Notabeln um Hab und Gut gebracht wurde und dann Rache nahm, indem er die Reichen beraubte und den Armen großherzig beistand. Die Geschichten zeichnen ihn als gerechtigkeitsliebenden, charmanten Burschen, der gewieft allen Nachstellungen entging und den niederträchtigen Lords und ihren Bütteln eine lange Nase drehte. Das ist eine postume Nobilitierung, die waghalsig an allen historischen Tatsachen vorbeigeht - an der sadistischen Quälerei seiner Opfer, die er mitunter zwang, sich mit nacktem Hintern ins Feuer zu setzen, an den Vergewaltigungen der Dienstmägde bei seinen Einbrüchen etc. - die Mythenbildung will partout einen edlen Räuber aus ihm machen, dem Gerechtigkeit versagt wurde, weshalb er sie selbst herstellen muss: eben der Traum, den das niedere Volk gerne träumt, wenn die Obrigkeiten eine ausbeuterische und unterdrückerische Kaste sind, was möglicherweise ja hier und da tatsächlich einmal geschieht.

Später am Tag kommen wir an dem Friedhof vorbei, auf dem Turpin bestattet ist. Auf seinem Grabstein hockt ein keifendes Weib, eine Flasche in der Hand; ihr Kerl, ebenfalls mit einer Flasche bewaffnet, bellt zurück, nein, falsch, es ist ein Köter, der kläfft, der Kerl murrt nur dumpf herum, tut einen tiefen Schluck, verschluckt sich dann und muss husten, sodass er doch zu bellen beginnt. Wir nähern uns diskret dem Grab, aber das haben wir uns so gedacht! Nicht, dass wir verstehen, was genau die Frau uns so zubölkt, aber dass wir uns gefälligst verpissen sollen, das haben wir schnell begriffen. Und wer wären wir, ihre Trauer um den teuren Toten Turpin pietätlos mit unserer touristischen Schaulust zu entweihen?

Ein Museum, das in einem alten Gefängnisbau eingerichtet ist, wirft allerlei Fragen auf, vor allem die, wessen die Vergangenheit sich schuldig gemacht hat, dass sie hier einsitzen muss. Historiker und Konservatoren werden antworten, dass es sich um eine Form der Schutzhaft handelt, die nur dazu dient, den Exponaten, deren Unversehrtheit außerhalb der Mauern nicht garantiert werden kann, eine sichere Heimstatt zu gewähren. Das ist nicht von der Hand zu weisen, doch beim Durchwandern der Flure und Zellen gewinne ich noch einen anderen Eindruck. Dies ist ein Bunker für Gespenster. Hier haust Unabgegoltenes, Unerledigtes, Nagendes, hier wird weggesperrt, womit man noch nicht zu Rande gekommen ist und das seinen Frieden nicht gefunden hat. Ich muss an den Untergang des Hauses Usher denken, jene Erzählung Poe’s, in der sich die lebendig begrabene Schwester Roderick Ushers trotz ihrer Einsargung in der mit Kupfer und Eisen armierten Pulverkammer der Burg aus diesem schwer gesicherten Gelass hervorkämpft und ihren Bruder heimsucht, wie nur Empfindungen, die zu groß und zu frevelhaft sind, als dass man sie auszusprechen wagte, es vermögen. 

Es mag sein, dass die Gespenstererscheinungen des Treasurer’s House nicht mehr sind als Spukfolklore, und dass auch die Geisterbahn durch die Wikingersiedlung des Jorvik Centre nur eine kostümierte Vergangenheit heraufbeschwört, die zu fern ist, um von Belang zu sein. Doch die Abteilungen im York Castle Museum sind von beklemmender Echtheit: sie haben einen ganz anderen Tonus, die angespannte Energie eines Krampfs, der immer noch schmerzlich spürbar ist. Wir wandern durch die Flure, die dem World War One gewidmet sind, Soldaten in Schützengräben, Gasmasken für Menschen und schauerliche Gasmasken für Pferde, messingfarbene Geschütze und Stielhandgranaten mit Baumwollbändern, die wie bei Federbällen dafür sorgten, dass die Granate mit dem Sprengkopf voran auftraf. Dummy-Köpfe, die über den Schützengraben gehalten wurden, um den Feind zum Feuern zu provozieren und anhand der Einschusslöcher dessen Position zu ermitteln. Schutzkleidung aus gummierter Jute und abgeliebte Teddybär-Talismane, die nachts auf den Pritschen kaputtgelutscht und kaputtgekaut wurden. Sepiafarbene Fotografien von Rekruten, die von den Zugfenstern aus ihren Mädchen zuwinken; weggeschossene Kiefer und von Senfgas zerfressene Gesichter, die manch blühende Maid vor eine harte Gewissensentscheidung gestellt haben dürften, wenn ihr Vorkriegs-Liebhaber aus dem Lazarett in die Heimat zurückkehrte. 

Ich sehe solche Dinge nicht zum ersten Mal. Doch hier, in den Korridoren und Zellen dieses Gefängnisses, gewinnen sie eine höhere Dichte, eine unheimliche Bedrohlichkeit oder fast Zwanghaftigkeit. Erst vor einer Woche sahen wir im Lancaster City Museum Regimentsmemorabilien in fast nostalgischer Art präsentiert, als Teil einer ruhmreichen Historie, die mit schmucken Uniformen und Ordensbändern dekoriert war. Hier hingegen sind die Exponate zwar ausgestellt, aber doch auch weggesperrt, hinter dicke Mauern verbannt, in Sicherheitsverwahrung genommen wie die untote Madeline Usher in ihrer eisenbewehrten Pulverkammer. Das Verdrängte kann jederzeit wiederkehren, ja es schiebt und stößt sich immer wieder an den Rand des Bewusstseins, man schließt es weg und muss es doch immer wieder ansehen. Dieser Zwang ist in allen Räumen des Museums spürbar, und nicht nur in der dem Weltkrieg gewidmeten Abteilung: etwas Düsteres oder Verhangenes, manchmal Bedrückendes liegt selbst über der Ausstellung zu den Swinging Sixties, wo trotz der bunten Kulissen, der Beatmusik und der fröhlichen Klamotten jener Jahre ein trüber Stimmungsschleier die Atmosphäre verdunkelt - wozu vielleicht beiträgt, dass im Hof vor der Ausstellungshalle ein Pranger und ein Schafott mit Galgen aufgestellt sind, und das ist nichts, was einen auf Sunday Afternoon und I’m happy just to dance with you einstimmt.

Wieder zurück im Haupthaus, wandeln wir durch die schlecht beleuchteten Räume, in denen georgianische Salons und einfache Wohnstuben mit großer Liebe zum Detail möbliert wurden, plüschbezogene Sessel und Häkeldeckchen, Stofftapeten und Porzellannippes und rote Seidenschabracken auf dem Kaminaufsatz, und selbst ein ausgestopfter Hund liegt brav und treu im Widerschein des Feuers. Die einfachere Wohnstube aus der Zeit ist, wenn auch sehr viel bescheidener, ähnlich möbliert, bis auf den Umstand, dass hier auch noch ein Bett im Zimmer steht, eine Kinderwiege, ein Schaukelpferd: hier hauste man eng aufeinander und musste alles in einem Raum erledigen (auch einen geschlachteten, aber noch nicht abgezogenen Hasen von einem Deckenbalken abhängen lassen), während die wohlhabenderen Bürger sich einen Salon, exklusiv zum Verzehr von Tee und Kuchen, leisten konnten. Auch ein Wohnzimmer aus den 1960er Jahren sehen wir, eng und rödelig, die paar Quadratmeter vollgestellt mit protzdicken Kunstledersesseln und Sofas, über deren Rückenlehnen Häkeldecken gebreitet sind, damit keine Brillantinespuren aufs Leder geschmiert werden. Auch hier Porzellannippes auf Anrichten und dem Kaminaufsatz, eine Stutzuhr, leere Blumenvasen, leere Kerzenständer, Papiergirlanden, die rundherum an den Wänden drapiert sind, und auf dem Teppich vor dem Kamin ein Holzeisenbahnkreis und eine Puppenstube für die Kinder.

Wahrscheinlich sind ältere englische Besucher ge- oder doch zumindest berührt von dieser Rekonstruktion der Vergangenheit, und vielleicht springt ihnen sogar die Erinnerung bei und belebt das Szenario. Mag sein, dass sie sich wieder der Stimmen ihrer Lieblings-BBC-Sprecher entsinnen, der knistrigen Rauhigkeit der Kreppgirlanden, des Kohlgeruchs aus der Küche oder des Dapper Dan-Dufts an Daddys Wangen. Vielleicht sind diese Zimmerattrappen für ältere Semester tatsächlich Pforten, die in die Vergangenheit führen und Vergessenes wieder zum Leben erwecken. Proust gelang das mit einer Madeleine und einer Tasse Lindenblütentee, warum sollten Holzeisenbahnen nicht dazu in der Lage sein, einen Zeitreisenden auf dem Bahnsteig Kindheit abzusetzen?

Nur: bei mir klappt dieser Zauber nicht. Für mich belebt sich hier gar nichts - bis auf eine Erinnerung an Gregor Schneiders Haus Ur, durch das wir einmal bei der Biennale in Venedig gekrochen sind: das war ein verhextes und klaustrophobisches Gebilde aus steifen und kalten Gedächtnisfetzen, ein auswegloser Bunker, in dem sich die Verzweiflung ausbreitete wie Giftgas. Einen Anklang an den Horror des Hauses Ur geben auch die Gelasse im Museum ab. Es steigt so viel Trostlosigkeit daraus, Mief und Enge, eine erstickende Trauer, die sich besonders im Prunkstück der Anlage zeigt: Kirkgate.

Kirkgate ist ein viktorianischer Straßenzug, der schon 1938 im dämmrigen Keller des Museums aufgebaut wurde. Mattes Gaslicht liegt trübe auf dem Kopfsteinpflaster und den Ladenfronten, doch auch, wenn die Beleuchtung in regelmäßigen Abständen von Tag auf Nacht zu wechselt, wird es nie wirklich Tag. Das Licht scheint nebelig und nieselig, gedämpft von einem feinen Gespinst aus Rußpartikeln. Jeden Moment wird Jack the Ripper um eine Ecke schleichen. Ach, nein - das ist eine respektable Straße und nicht eins der Elendsviertel im Londoner East End, wo das Messer des Rippers reiche Auswahl unter den Huren hatte. Hier gibt es eine Pfandleihe, einen Zuckerbäcker, einen Apotheker, in dessen Borden blaue Flaschen mit Tinkturen und Salzen sauber aufgereiht sind. Ein Musikalienhändler. Ein Spielzeugladen voller Holzreifen und Tüddelbänder zum Reifentreiben, Brummkreisel aus Blech und hölzerne Kreisel mit Peitschenschnur, Blecheisenbahnen und Teddybären, alles adrett arrangiert, und es gibt natürlich auch einen Schneider, dessen Tweeds so robust aussehen, als könnten sie drei, vier Generationen lang getragen werden. Die Lederwaren des Sattlers schimmern gut gefettet in den Schaufenstern, das Messing der Beschläge ist poliert: es war eine gute Zeit für solides Handwerk. Die Rückenkratzer, Knopfhaken und Rasiermesser beim Pawnbroker sind mit prachtvollen Einlegearbeiten versehen, Steckkämme so aufwendig ornamentiert, Schnupftabakdosen so reich verziert, dass man meinen könnte, die gesammelte britische Arbeiterschaft sei mit nichts anderem beschäftigt gewesen als mit dem Eingraben von Schmuckarabesken in Gerätschaften von fragwürdigem Nutzwert.

Wir befinden uns in einer ehrbaren Geschäftsstraße, in der brave Bürger ihre Einkäufe erledigen. Die Huren und die Bettler und die Halsabschneider, die Taschendiebe und Hehler und Opiumraucher und die zum Stehlen abgerichteten Waisenknaben (nicht wahr, Oliver Twist?) sind hier nicht zu sehen, nicht die Arbeiter, die ihre Tuberkeln aushusten, nicht die rachitischen Kinder und die sabbernden Syphilitiker, die abgewirtschafteten Weiber, die mit 25 ihr sechstes Kind noch an der Brust haben und das siebte schon im Bauch; die Frauen, denen ihr Mann, wenn er nach Fusel stinkend abends heimkam, erst einmal die Fresse polierte, weil diese Tracht Prügel schon in seinen Eingeweiden köchelte, seit er eine schlecht auf dem Karren verzurrte Ladung zu Bruch gefahren und sich deswegen einen gewaltigen Anpfiff geholt hatte, und er die Prügel ja nicht gut dem verabreichen konnte, der ihm den Anpfiff verpasst hatte, und da war es doch immer gut, eine Frau zuhause zu haben, denn wenn sie sonst schon nicht viel von Nutzen war, dann doch wenigstens zum Dampfablassen… Auch die Küchenmädchen, die zu sechst oder zu acht in einer Armenunterkunft hausten, haben in Kirkgate nichts zu suchen, die Lumpensammler und die Kinder auch nicht, die bereit wären, einem notablen Pädophilen den Schwanz zu lutschen, nur um überhaupt was in den Magen zu kriegen.

Vor ein paar Jahren hat Kirkgate immerhin einen kleinen Annex namens Rowntree Snicket bekommen, eine Seitengasse mit einer Schule, einem Gefängnis und einem Sargtischler, was für die niederen Klassen als eine Abfolge von gradezu allegorischem Tiefsinn eine recht klare Lebensbahn vorzeichnet. Doch während sich die Besucher an den Schaufenstern in Kirkgate die Nasen plattdrücken, verirrt sich niemand in die Rowntree Snicket. Ganz allein schieben wir im Klassenzimmer ein paar Kugeln am Abakus herum, schauen in die Arrestzelle und die ärmlichen Werkstätten. 

Aber die Räume leeren sich ohnehin; es ist kurz vor Toresschluss. Wären wir früher gekommen, hätten wir wohl auch noch das kostümierte Personal erleben können, das hier Dienst tut, Mabel Smorfit, Eisenbahnertochter und stolze Besitzerin eines neuen Fahrrads, Mary Sessions, verwitwete Besitzerin einer Buchhandlung, oder der meist betrunkene Polizist George Alp, der alle Stunde den immer selben Dieb fängt. Auch in der Pharmazie oder bei Leak and Thorp (Stoffe, Schirme, Damenhüte) hätten wir mit Freiwilligen ins Gespräch kommen können; doch die haben ihre Schürzen und Hauben schon abgelegt, den Zylinder abgenommen und Gehrock und Uhrkette in die Requisitenkammer zurückgebracht. Ein letztes Mal verdunkelt sich die Straße; ein Nachtwächter schlägt die Stundenglocke. Es ist Zeit, zu gehen. Nur der Droschkenkutscher, der müde auf seinem Hamsom Cab sitzt, bleibt hocken. Für Puppen gibt es keinen Feierabend.

Es ist fünf Uhr, eine gute Zeit, um einen Tee zu nehmen und sich ein bisschen auszuruhen, was wir auch tun, nachdem uns das Säuferpärchen von Dick Turpin’s Grab weggebellt hat. Als wir den Tea Room wieder verlassen, fängt es grade an, in Strömen zu regnen. Heroisch knöpfen wir unsere Regenmäntel zu und bummeln weiter durch die Stadt; mein Hut bleibt dicht, auch wenn er sich vollsaugt und so schwer wird, als trüge ich nicht bloß Filz aus Hasenhaar auf dem Kopf, sondern den ausgewachsenen Rammler selbst. Schließlich kapitulieren wir vor dem Regen und marschieren zur Bushaltestelle. Nur, um die Wartezeit im Trockenen zuzubringen, treten wir im Hat Shop gegenüber der Haltestelle ein, aber sieh da, kaum bin ich drin, spüre ich den gebieterischen Daumen des Schicksals im Nacken. Natürlich muss ich als Kopfbedeckungsfanatiker auch aus England ein Souvenir mitbringen. Es ist zwanghaft, ich komme nicht dagegen an. Mit einiger Begeisterung probiere ich ein paar reichlich exzentrische Exemplare aus, knallrot mit orangem Band, Schiebermützen mit türkisen, violetten und physalisfarbenem Fischgrätmuster, sogar Bowler (aber will ich wirklich wie Dupont und Dupond aussehen?) und einen Panama in Kolonialform, wie er Hercule Poirots Haupt vor der ägyptischen Sonne geschützt hat. Doch meine unbestechliche Geschmacksberaterin Dagmar verzieht bei all diesen Gewagtheiten sorgenvoll das Gesicht, und so bleibe ich doch bei einem brauen Fedora mit schmaler Krempe hängen, der von Christy’s in London mit einem roten Seidenfutter ausgeschlagen und einem kecken Hutband versehen wurde, das an der Seite zu einer Art von Geschenkschleife geschlungen ist. Der Filz ist vom Kaninchen, nicht vom Hasen, und so kann ich hoffen, dass mir beim nächsten Regenguss nicht ein Rammler, sondern nur ein Zwergkaninchen auf dem Schädel lastet.

Das Wasser strömt mittlerweile so mächtig vom Himmel, dass es uns vorkommt, als säßen wir nicht in einem Bus, sondern würden auf einer Wikingerschute aus der Stadt gespült. Die Straßen sind Flussbetten in Überschwemmung: große Wasserschleppen schäumen seitwärts vom Rumpf des Busses ab, Böen klatschen Wasserbomben an die Fenster, minutenlang fällt der Regen so dicht, dass draußen nichts zu mehr zu sehen ist als dampfende, verwaschene Schemen, die alles mögliche sein könnten, Häuserfronten oder Wikingerkrieger, die an ihre Schilde schlagen, die Apokalypse, das Negativ eines viktorianischen Hochofens, ein zuckendes Oszillogramm, Grabsteine oder Bratenstücke zum scheibenweisen Absäbeln… Während der Fahrt nicke ich immer wieder weg, tauche momentweise in Zwischenformen von Tagesrest und Traum und nippe an der krausen Melange, die mein Hirn aus dem verworrenem Abhub des Tages und kruden Synapsenirrläufereien auskocht, noch nicht Schlaf, aber doch schon Traum, ein merkwürdiges Interstitium der Zeiten - es hätte mich wohl nicht gewundert, wenn mir auch noch eine Kohorte römischer Miliz in grünen Tuniken und geschnürten Sandalen durch die Gehirnwülste gestapft wäre…

Schlagartig und pünktlich hört der Regen auf, als wir am Park&Ride ankommen. Da steht wie ein Fels in der nachlassenden Brandung unser Bus, zwei Meter fünfunddreißig hoch, silbergrau, und auf seine Art schnittig wie eine Streitaxt. Unser Zuhause.

 Bis Scarborough ist es dann eine Stunde Wegs durch die fade Ebene des North Riding of Yorkshire. Wir halten im Randgebiet der Stadt am Copper Horse, einem weiß getünchten Pub, der von außen rustikal, von innen aber überraschend mondän aussieht. An der Theke sind auf Kniehöhe puffrote Polster  angebracht, damit der Gast sich nicht die Kniescheiben stößt, die Spirituosenregale sind a tergo beleuchtet und funkeln verführerisch. Starposter von Bacall bis Bardot und gerahmte Autogrammfotos geben sich rechtschaffen Mühe, weltläufiges Flair zu erzeugen. Auch die Ledersessel, die holzgetäfelten Wände, die roten Theatervorhänge mit Goldfransen, die blitzenden Gläser, die kopfüber griffbereit über dem Tresen hängen, die intim schimmernden Lämpchen auf den Tischen, die Spiegel und Ziergitter - alles schreit Luxus und Gediegenheit heraus und ruft nach Gästen in Seidenkleidern und Federboen, nach Frauen, die ellenlange Zigarettenspitzen halten, nach Männern in Smoking und gestärkter Hemdbrust. Dummerweise (und wir sind da keine Ausnahme) kann das Publikum mit der Eleganz des Ladens in keiner Weise schritthalten. Der Pub macht auf Cotton Club, aber an den Tischen sitzen nur brave Hausfrauen in Pailletten-T-Shirts neben ihren pausbäckigen Männern in bügelfreien, kleinkarierten Hemden, die sich schnaufend durch Yorkshire Pudding, Steak und Erbsen arbeiten. Anderswo würde mir dieser schlumpige casual wear gar nicht groß auffallen, aber hier, wo das Lokal so viel Mühe in mondänes Erscheinungsbild investiert hat, sollte es doch auch eine Requisitenkammer vorhalten, um die Gäste wenigstens ein bisschen passend auszustaffieren.

Da mir Übertreibung charakterlich vollkommen fernliegt, will ich diesen Pub nicht mit dem Tuileriensturm 1789 oder dem von 1848 vergleichen, als der Pöbel sich sehr unziemlich in all diesen Prunkgemächern betragen hat und auf jeden Fall nicht der Schönheit und Würde des Ortes gemäß gekleidet war. Weder entspricht das Copper Horse der erlesenen Eleganz des Tuilerienpalasts noch entsprechen die Gäste dem wütenden Mob in Paris. Der Vergleich hinkt also nicht nur, sondern schleppt sich bloß wie ein Kriegsversehrter mit abben Beinen dahin, das will ich wohl zugeben. Trotzdem besteht hier ein frappantes Missverhältnis zwischen gediegener Kulisse und einer menschlicher Staffage, die der ästhetischen Herausforderung der Szenerie nicht ebenbürtig begegnet. Schön ist das nicht. Was in den Revolutionen noch von pittoreskem Reiz ist, nämlich der Kontrast von Gemächerluxus und vandalisch darin tätigen Elendsgestalten, verfügt hier über keine dialektische Wucht, sondern zeigt nur eine laue Wurschtigkeit, in der die Idee des Klassenkampfs durch die der Nivellierung und allgemeinen Mitteltönigkeit ersetzt ist. Hier trifft nicht Rot auf Gold, dass es spritzt, sondern bloß Blau auf Braun, dass es ineinander verlaufe.

Es läuft Musik, die ganz und gar unidentifizierbar ist. Man weiß, dass es sich um Musik handelt, aber man hat keine Ahnung, um welche; es ist nur eine musikalische Rettungsdecke, ein goldenes Knistern gegen seelischen Temperaturverlust: eine Geräuschtapete aus Schlagzeugpuls, diffusem Bass, dazu Gesang, der nie erkennbare Melodie wird, und eine Harmonik, die wie mit zusammengebissenen Zähnen unerbittlich im Dur bleibt, in Endlosschleife. Erst ganz am Schluss des Abends, als wir als letzte Gäste hinauskomplimentiert werden und der Barmann den Füllstand seiner Flaschen prüft, platzt die Tapete auf, und, als begänne jetzt die Geisterstunde, heraus kommen Itchycoo Park von den Small Faces und Billy Joel und Adele’s Chasing Pavements, das uns das Geleit nach draußen gibt.

Da waren wir schon Stunden an einem Kamin gesessen, in dem das Geflacker brennender Holzscheite simuliert wurde (in England versteht man sich auf falsches Feuer aus der Steckdose), wir wurden aufmerksam bedient, teilten uns eine Entenbrust, die dem Vernehmen nach zwölf Stunden im Ofen war, hatten Malbec und diverse Ales, und ich habe, während sie las und ich schrieb, immer wieder zu Dagmar hingesehen. Hab ich schon mal erwähnt, dass ich sie liebe?


12. Juli. Scarborough, Whitby


Der Chor, in dem wir singen, hat ein Stück im Repertoire, das in der träumerisch kreiselnden Version von Simon & Garfunkel vermutlich vielen bekannt ist: Are you going to Scarborough fair? Es ist ein Zwiegesang von Liebenden, die sich unmöglich zu erfüllende Forderungen stellen: näh mir ein Hemd ohne Nähte, wasch es in einem Brunnen, der nie Wasser geführt hat, trockne es auf einem Dornstrauch, der seit Adams Zeiten nie blühte. 

Ich hätte da noch Ideen für einige Strophen, etwa: Zeig mir ein englisches Seebad ohne Automatenspielhallen. Finde eine englische Innenstadt ohne einen Second-Hand-Laden der British Heart Foundation, oder eine Boots-Filiale, die nicht das Gebäude, in dem sie sich eingemietet hat, verschandelt hat. Bind mir einen Laubkranz aus den Zweigen eines Baums, der in einer englischen Geschäftsstraße wächst (ça n’existe pas). Zeig mir eine englische Stadt, die ihr famoses architektonisches Erbe nicht an grelle Billigheimer verscherbelt hat oder es zumindest nicht durch eine manchmal groteske Gleichgültigkeit in Kauf nimmt, dass selbst so wunderschöne Buchten wie die von Scarborough von Nahem besehen zu einer schäbigen Amüsiermeile verkommen. 

An den Hängen ragen einige prächtige Bauten aus viktorianischer Zeit auf, das Grand Hotel, das eine großartige historistische Patisserie-Arbeit ist, etwas südlich davon das Scarborough Spa aus der selben Epoche, aber mit weniger Buttercreme und Keksschichten in der Fassade. Auch das Scarborough Borough Council, das Rathaus der Stadt, hat Charakter: die backsteinrote Fassade und die weißen Glockenhauben auf den Türmen, die einen geschweiften Giebel und einen verglasten Treppenerker rahmen, zeugen von einer Epoche, in der man reich genug war, um sich architektonische Verspieltheiten und allerlei liebenswerten Firlefanz leisten zu können. Jetzt freilich scheint nicht einmal mehr Geld da zu sein, um die Taubenscheiße, die vom Dach heruntergespült wird und in ausfächernden Strömen die Wände mit ätzend weißen Rinnsalspuren überzieht, abzuwaschen, und ab und zu auch mal die rußigen Sandsteinkanten der Türme zu putzen. Königin Viktoria, die als gestrenge Bronzematrone auf einem Steinsockel vor dem Rathaus steht, hat sich über diese Vernachlässigung schwarz geärgert. Nur noch an wenigen Stellen schimmert der Grünspan durch, und in ein paar Jahren wird man das Denkmal Victorias nicht mehr von einer Schwarzen Madonna unterscheiden können. Dabei hat Victoria es hier oben auf der Esplanade zwischen Grand Hotel und Scarborough Council noch ganz gut. Da steht das entzückende Café Tramway to Beach (weiß getüncht und von roten Kontraststreifen eingefasst), aus dessen Hinterteil  (einem eckigem cul de Paris) eine kleine Zahnradbahn zum Strand hinabfährt. Man kann aber auch zu Fuß reich bepflanzte Serpentinenwege hinunterwandern, immer im Blick die glänzende Bucht und den Hafen, der zur Linken vom Scarborough Castle überragt wird. Von hier oben, keine Frage, kann man die Stadt genießen. Unten sieht es schon anders aus, da hat das Geschäft die Strandpromenade fest im Griff. Die Kundschaft ist proletarisch, also sind die Läden es auch. Erst Outlets und Souvenirshops in einem Bau, der wie ein mit sandfarbenen Blechplatten gepanzerter Bunker aussieht, dann eine Spielhalle namens Coney Island, deren Türmchen und Blindbögen mit billigsten Mitteln versuchen, eine Art Disney-Tausendundeinenacht zu simulieren. Pubs und Süßigkeitenläden, und jedes zweite Haus ist ein Casino oder ein Leisure Centre mit Bowling und Bingo und den Glaskästen, aus denen man mit einem Greifer ein Plüschtier oder ein Gummimonster herausangeln kann. Fish’n’Chips-Buden mehr, als ich sie zählen kann, und Gift Shops, vor denen Luftballonblasen hängen, prall und dicht gestaffelt wie die vielen Brüste der ephesischen Artemis; es ist aber nur Luft drin und keine süße Milch. Wir flanieren bis zum Fuß des Burgbergs und obwohl die Sonne heute einmal mild auf uns herablächelt, wird unsere Laune nicht besser. Wären wir Kinder, würden wir begeistert in den Kisten von Price Pounder durch Sweets, Pets und Wool wühlen oder vor den Toren des Luna Park herumquengeln, bis wir endlich zu Riesenrad und Karussell hineindürfen, aber aus diesem begeisterungsfähigen Alter sind wir leider heraus.

Wir wandern zur alten Markthalle, einem klassizistischen Sandsteinbau, wo es jetzt zu Mittag vielleicht einen guten Happen geben könnte. Aber wir erliegen nicht zum ersten Mal der irreführenden Erwartung, hier eine Markthalle kontinentaler Art zu finden, in der alle Genüsse der Region versammelt und appetitlich aufbereitet sind. Der Markt von Scarborough ist jedoch bloß ein Totentempel. Zwei Drittel der Fläche sind leer, den Rest teilen sich großzügig zwei Gemüsestände und zwei Schlachter. Kein Fisch, was für eine Küstenstadt ein Armutszeugnis ist. Die Galerie in der oberen Etage wird von Kunsthandwerksläden besiedelt, in deren Auslagen noch nicht einmal Dagmar, die bei derlei Dingen langmütiger ist als ich, mehr als drei Sekunden herumschauen will. Nichts ist originell, nichts ist gut gemacht, es ist zum Erbarmen. Ein Kirchenbasar auf dem Lande würde mehr Spaß machen, außerdem gäbe es dort selbstgemachten Kuchen und bowlenbeschwippste Frauen in festlicher Hibbeligkeit, während hier nur griesgrämige Verkäuferinnen ihre Zeit absitzen. Aber ich kann es ihnen ja auch nicht verdenken. Wir werden allmählich selber griesgrämig. So griesgrämig, dass wir darauf verzichten, zu St Martin-on-the-Hill hinüberzupilgern, einer Kirche, die von William Morris und seinen Handwerkern ausgestattet wurde; Rossetti hat Bilder für die Kanzel gemalt, Burne-Jones eine Anbetung der Heiligen Drei Könige fürs Altarretabel, und da ich eine kleine Schwäche für Rossettis Frauenportraits habe - diese herben, ernsten Schönheiten, die meist wie sedierte Melancholikerinnen ins Nichts blicken, während Haar ihre Häupter umgibt wie ein massiver Helm aus getriebenem Kupfer oder geschnitztem Ebenholz - hätte ich das ganz gern angesehen. Auch Burne-Jones weiß seinen Frauengestalten diese duldende Verzweiflung und hoffnungsleere Versunkenheit zu geben, deren Intensität mich oft in Bann schlagen kann. 

Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sind auch so ungefähr die Empfindungen, die mich befallen, als wir den Fußweg von zwanzig Minuten nach St Martin antreten und durch die stein- und asphaltversiegelten Straßen gehen.

Wie macht man das nur in England? Gießt man einfach irgendeine Zementsuppe in die Städte, die sich dann gleichmäßig verteilt und jedes bisschen Grün im Keim erstickt? Wer Scarboroughs Reize entdecken will, muss die Augen erheben. Von der zweiten Etage an aufwärts haben sie sich erhalten, die viktorianischen Verspieltheiten, doch rez-de-chaussée sind überall zeitgenössische Werbeblenden über die alte Substanz gepappt, und die Straßen sind so geglättet und von allem Baum- und Strauchwerk befreit, wie es geschieht, wenn die Orte häufig von Fluten heimgesucht werden, und man dafür sorgen muss, dass das durchschießende Wasser wenig Widerstand findet und zügig abfließen kann, ohne viel Bäume und Sträucher mit sich zu reißen. Das könnte die Kargheit der Bepflanzung erklären; doch erinnere ich mich an die Städtchen der französischen Atlantikküste, wo die Stürme noch stärker sind: hier hat man vor die Häuser Pflanzen gesetzt, die sich geschmeidig biegen. Wenn dort eine wüste Flut durch die Straßen rauscht, reißt sie allenfalls Blütenblätter aus und ein paar schmale Gerten. Da hat man eine Lösung gefunden, um das Schmucke selbst angesichts drohender Wetterunbilden zu bewahren; in England hat man es gleich ganz ausgerupft. Was für eine Weichlichkeit! Um Indien zu erobern, hatten sie die Traute, aber um ihre Innenstädte zu begrünen, fehlt ihnen der Mumm oder das Gewusst-Wie, und das ist um so trauriger, als wir in den letzten Wochen so viele atemberaubend schöne Gärten gesehen haben, die bezeugen, dass der Engländer als solcher dem Grün in leidenschaftlicher Verehrung ergeben ist. Die Shops des National Trust sind voll von Gärtnergeräten, Pflanzstöcken mit Teakgriffen, Baumsägen mit damaszierten Sägeblättern und diamantbesetzten Nieten, es gibt eine unerschöpfliche Fülle von Sämereien und Anzuchten, doch all das scheint nur in private Gärten zu wandern, samt der Juchtenlederhandschuhe und der linnenen Gärtnerschürzen. Der öffentliche Raum aber bleibt leer und öde. Die Paradiese sind ummauert und der Allgemeinheit entzogen; die Straßen der Städte müssen ohne grüne Umsäumungen auskommen und werden auf die reine Funktionalität sauber durchgebürsteter Verkehrsadern reduziert, als sei lebendiger Bewuchs nichts als eine schädliche Plaque. 

Englands populärstes patriotisches Lied Jerusalem nach einem Text von William Blake besingt England’s pleasant pastures und England’s green and pleasant land.  Das Stück war die Hymne der Suffragetten und ist immer noch die der Cricket-Nationalmannschaft (zwei Gruppierungen, die ansonsten eine eher geringe ideologische Schnittmenge haben). Als Prinz William seine Kate ehelichte, wurde es gesungen, Emerson, Lake & Palmer haben es vertont, der Sänger von Iron Maiden ebenfalls, der aufrechte Sozialist Billy Bragg, und auf’s Wehmütigste der große Roger Chapman; es wird regelmäßig bei der beliebten Last Night of the Prom’s zu Gehör gebracht, bei der das Publikum in der Royal Albert Hall Union-Jack-Fähnchen schwingt, Union-Jack-Hütchen trägt und in Union-Jack-Unterhosen furzt, bevor es Elgar’s Pomp and Circumstance und Rule Britannia mitschmettert. Doch so green and pleasant England sein mag - die Städte sind es nicht. Die Städte entsprechen öfter den dark satanic mills, deren Existenz Blake nicht verschwieg. Blake hatte die frühen Industrieansiedlungen im Auge, die sich in einen Kokon von Ruß hüllten. Heute hat man es weniger mit Abgasen und Schmutz zu tun als mit Verschandelung, Wurschtigkeit und einer stadtentwicklerischen Stumpfheit, die sich ganz dem Diktat einer oberflächlichen Funktionalität unterworfen hat. Es ist ein Jammer. Scarborough könnte eine reizende Stadt sein, doch dazu müsste man einer ganze Armee von Feng-Shui-Experten carte blanche geben, um diese eiskalten Straßenschneisen und unwirtlichen Plätze in etwas zu verwandeln, das nicht nur zügig und praktisch durchquert werden soll, sondern Räume bietet, in denen man auch gern verweilt.

Sollte Scarborough sich einmal zu dieser Maßnahme entschließen, werden wir gerne wiederkommen. Aber heute verlieren wir hier schon einigen Häuserblocks die Lust. Flanieren macht hier kein Vergnügen, nur Verdruss. Und nur wegen ein paar präraffaelitischen Pinseleien zwanzig Minuten durch diese urbane Malaise, und dann auch wieder zurück?  Da fahren wir lieber die Küste hinauf, baden die Augen in Grün und Blau und sehen uns Whitby an.

Unser Reiseführer preist diesen Küstenort mit einem Foto von Hummerreusen an, die am Kai des, Zitat, malerischen Hafens aufgestapelt sind, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass sie eher dekorative als praktische Zwecke erfüllen. Mag sein, dass hier auch gefischt und auf Krustentiere gegangen wird, aber Hummer in die Fallen zu locken ist offenbar weniger erfolgreich als das Keschern von Rentnern. Die gibt es hier in Hülle und Fülle, und weil diese, wie auch die jüngeren Besucher, meist den unteren Gesellschaftsschichten entstammen, sind sie gut genährt und würden fettes, saftiges Fleisch verheißen, wenn man sich denn entschlösse, die zurückgehenden Hummererträge durch kontrollierte Seniorenschlachtung zu kompensieren. Vielleicht macht man das sogar, und hat so viele Gaststätten und Imbissbuden nur aus dem Grund eingerichtet, um die älteren Herrschaften vor ihrem Gang zur Schlachtbank noch einmal anständig mit Fish’n’Chips zu mästen. 

Auf jeder - aber auch wirklich jeder - Sitzbank forken Rentner in ihrem frittiertem Fisch herum, doch nicht dieses nur selten manierliche Treiben macht uns Appetit, sondern der schon aus Scarborough mitgebrachte Hunger. Dummerweise habe ich es mir in den Kopf gesetzt, Hummer zu essen; ich habe selten Gelegenheit dazu, dieser sündhaften Neigung vor Ort nachzugeben, ohne dass die Tiere gehältert werden müssen. Hier könnte es ein frisches Exemplar geben, am Morgen eingeholt, mittags zu Tode gebracht, doch wir klappern Restaurant um Restaurant ab und finden auf allen Speisekarten immer nur Burger und Fish’n’ Chips, also das, was es auch tief im Inland und fern von jeder Meeresküste gibt. Wir bleiben hartnäckig und suchen immer weiter, bis wir schließlich einen Laden auftun, in dem tatsächlich nicht nur halbe Hummer angeboten werden, sondern sogar moules marinières. Dass ein Muscheltopf hier keinen englischen Namen hat, sondern mit dem französischen bezeichnet wird, lässt tief blicken; es ist offenbar ein exotisches Gericht, das keinen Eingang in die britische Nationalküche gefunden hat, was für ein Land, dessen Küsten vier mal so lang sind wie die französischen, doch erstaunlich ist. Da wäre Platz für Muschelbänke von ein paar Tausend Kilometern Länge, aber möglicherweise befindet man die gemeine Miesmuschel aus gut puritanischer Tradition heraus für zu lasziv und zu sehr mulier (lat.: Weib), als dass man die Lippen zwischen ihre Schalen legen und das feuchte Fleisch damit herausnaschen wollte. Vielleicht hat die anglikanische Kirche ihre Herkunft aus einem Akt unbezähmbarer geschlechtlicher Begierde vergessen oder verdrängt, und eine obsessive Prüderie gegen alles entwickelt, das auch nur entfernt erotisch wirken könnte, so dass auch die Muschel unter dieses implizite Verdikt fiel, tant pis.

Der halbe Hummer, der uns zum Muscheltopf serviert wird, ist eine glatte Unverschämtheit. Er ist meines Erachtens eigentlich zu klein, als dass man ihn aus dem Wasser hätte ziehen sollen, nicht mehr als ein Halbwüchsiger, doch über dieses Vergehen würde ich großzügig hinwegsehen, wenn er nicht neben einem Napf Salat bestattet worden wäre, über den nur ein paar Salven Balsamico-Creme gespritzt wurden, was immer die Bankrotterklärung einer Küche ist, die schick tut, aber keine anständige Vinaigrette zustande bringt. Als der Kellner abräumt und fragt, wie es gewesen ist, bin ich so überrumpelt, dass ich nur einen groben Laut ausstoßen kann. Das macht freilich nichts, schon die Frage des Kellners bestand nur aus einer Phonemfolge, die allein aus dem Kontext zu verstehen war. (Kellner fragen immer, wenn sie nach dem leergegessenen Teller langen, ob’s geschmeckt hat.)

Wir paradieren am Esk dahin. Eine junge Frau (hundertfünzig Pfund Lebendgewicht, zwei Pfund Edelstahl in Nase und Nacken, Nabel en plus) warnt ihr Kind mit der kryptischen Lautfolge Doa goa aa woaa davor, ins Wasser zu fallen. Wenn ich in meinen Zwanzigern nicht einige Zeit in Finneganns Wake herumgestöbert hätte, wäre es mir wohl unmöglich gewesen, sie zu verstehen. Aber Joyce’s Spätwerk hat mich auf Lautverschiebungen und -verdrehungen, Stauchungen und Verwischungen trainiert. Darum verstehe ich nach kurzer Bedenkzeit, dass die Frau ihrem Kind ein Don’t go to the water sagen wollte, und ich verstehe auch, dass das Proletariat sparen muss, selbstredend an Geld, aber offenbar auch an Konsonanten. Man weiß nie, ob man sie später noch mal braucht, die t’s vor allem, die man nicht ohne Not verschwenden sollte. (An F’s und C’s hat man hingegen überreichlich.)

In Whitby begann James Cook’s Laufbahn als Seemann. Die Stadt war damals der Heimathafen vieler Schiffe, die Kohle von Newcastle nach London brachten, doch Cook verließ bald die Kohleschoner und wechselte zur Royal Navy, wo sich schnell seine Begabung als Kartograf zeigte, als er den Sankt-Lorenz-Strom und die Gewässer vor Neufundland vermaß, was im Siebenjährigen Krieg (der ja nicht nur in Schlesien und Böhmen stattfand, wie man in leichtfertiger Eurozentrik zu denken geneigt ist) sondern auch in Indien, in der Karibik und Nordamerika) den Engländern bei Québec zum Sieg über die Franzosen verhalf. Cooks kartografische Verdienste wurden mit dem Kommando über die Endeavour belohnt, die im Jahr 1768 mit dem Ziel Tahiti in See stach. Es war Cook’s erste Pazifikreise, bei der er auf das schon ein Jahrhundert zuvor von Abel Tasman entdeckte, aber nur vage skizzierte Neuseeland stieß, von dem er nun auf seine präzise Art brauchbare Seekarten verfertigte. Cooks Mannen waren es auch, die als erste Europäer Australiens Ostküste betraten und von den riesigen Hasen beeindruckt waren, die dort mit ihrem Nachwuchs in der Bauchtasche über Land sprangen. 

Cooks zweite Reise um die Welt, deren Chronist Georg Forster wurde, führte ihn bis zum südlichen Polarkreis und kreuz und quer durch Polynesien, wo sein Begleitschiff auch Omai, einen jungen Mann, an Bord nahm, der von sehr angenehmen Wesen war und, einmal in England angekommen und in den höchsten Kreisen herumgereicht, der Aufklärungsepoche als Idealbild des edlen Wilden diente, der ungezwungen und liebenswürdig das ursprünglich Gute des Menschen zu verkörpern schien. Als Omai dann allerdings bei Cooks dritter Südseereise in seine heimatlichen Gefilde zurückgebracht wurde, verscherzte es sich dieser edle Wilde bald bei den Notablen Huahines durch Arroganz und Knickrigkeit. Als Captain Bligh, da noch in Amt und Würden auf der Bounty, sich zwei Jahre später nach Omai erkundigte, war dieser tot; vielleicht eines natürlichen Todes gestorben, wahrscheinlicher aber verbittert, angefeindet, ermordet, innerlich zerrissen oder von seinen empörten Stammesgenossen in Stücke gehackt - nichts Gewisses weiß man nicht. Man weiß nur, dass auch James Cook, jene Lichtgestalt des Entdeckungszeitalters, auf Hawaii niedergemetzelt und zerlegt wurde. Teile seines Kadavers konnten von der Schiffsbesatzung noch ausgelöst werden, was immerhin bedeutet, dass sie nicht verzehrt worden waren. In Hawaii gab es keine nennenswerte Tradition des Kannibalismus; anders als etwa Melanesien war Hawaii eine mehr oder weniger zentralstaatlich organisierte Gesellschaft, und in solchen Gesellschaften ist die Arbeitsleistung lebendiger Sklaven allemal wertvoller als ein paar Pfund menschlicher Bauchspeck auf dem Grillrost.

Mit dieser überaus geschmeidigen Überleitung zur Menschenfresserei komme ich auch schon zur zweiten Prominenzfigur Whitbys, nämlich zu Bram Stoker, dem Wiederbeleber des Vampirmythos in Europa. (Nun, tot war der Vampir ohnehin nicht, seine Blutspur zieht sich durch das ganze 19. Jahrhundert, Bürger und Goethe haben ebenso daran genascht wie E.T.A. Hoffmann, Byron und Polidori, Le Fanu; diese Kerle mit ihren Fangzähnen sind einfach nicht totzukriegen.) Stoker weilte 1890 in der Stadt, die ihn nebst manch anderem zur Ausgestaltung Draculas angeregt haben soll. Da frage ich mich, ob damals auch schon so viele gut gemästete Senioren hier ihre Rentnertage verbracht haben, an deren Halsbeugen dickes Blut zu zapfen gewesen wäre. Doch selbst, wenn - Graf Draculas bevorzugte Beute waren eher junge Frauen, verständlicherweise, denn sie sind appetitlicher, und zudem sind sie, als Verkörperung der Zukunftshoffnung ihrer Völker, symbolisch ergiebiger als eh schon ausgelutschte Greise. 

Die nächtlichen Attacken des Grafen auf Lucy Harker sind gewiss auch erotischer Natur; gewiss umspielen sie die viktorianische Prüderie, aber das ist nicht alles. Denn in Brexit-Zeiten, in denen der polnische Klempner mit seinen Rohrzangen und Saugglocken eine dem Grafen Dracula vergleichbare Gestalt darstellt (aussaugend, schlürfend, gierig), kann dem Leser die tiefsitzende Xenophobie des Dracula-Textes nicht entgehen. Da ist der heimtückische Unhold aus dem europäischen Osten, der seine langen Finger nach merry old England ausstreckt und sich dieser frommen Lande zu bemächtigen anschickt, ein Freund der Schatten und der Dunkelheit und ein Kenner dunkler Mysterien und magischer Machenschaften. Dracula ist ein Mann, der von seinen Opfern nicht das tote Fleisch frisst, sondern ihnen bei lebendigem Leib den Lebenssaft wegsäuft. Das verbindet ihn mit der grotesken Figur seines Jüngers Renfield, jenes im Irrenhaus einsitzenden Mannes, der sich manisch von lebendigen Tieren nährt: Fliegen und Spinnen, Vögeln und Katzen, in dieser Reihenfolge. Renfield nimmt den Weg der Nahrungskette in aufsteigender Richtung: er sorgt für Anreicherung von Lebenskraft, indem er die Spinnen mit Fliegen füttert, die Spatzen mit Spinnen und die Katzen schließlich mit den Spatzen. Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er es bis zu Hunden, dann zu Bären, Affen und zuletzt Menschen bringen und so die Spitze der Nahrungskette erreichen. Doch am meisten gelüstet es ihn nach der Essenz des Menschen: nach Blut.

Es ist viel Zeit vergangen, seit ich den Roman gelesen habe, darum kann ich wohl nur von dem Simulakrum sprechen, zu dem er mittlerweile in meiner Erinnerung geworden ist. Doch in dieser Version kann ich heute nur bewundern, in welch traumwandlerischer Weise Stoker Diskurse seiner Zeit oder auch nur deren untergründige Strömungen miteinander verwoben hat. Denn einerseits ist der Graf aus dem Osten, der sich in England niederlassen will, natürlich eine Umkehrung des britischen Kolonialunternehmers, der im Osten seine Geschäfte aufzieht. Dass Stoker die Geschichte in Transsylvanien angesiedelt hat, ist nur folkloristische Charade und ein Kompromiss für den Buchmarkt. Der exotische Teil der Geschichte würde eigentlich nach Indien gehören; nicht nur, weil dadurch das Thema der kolonialen Ausbeutung umgestülpt würde, sondern weil Renfields zoophagische Besessenheit eine verschrobene Verdrehung der hinduistischen Reinkarnation unter darwinistischen Vorzeichen darstellt… Die Idee der Reinkarnation beruht auf dem Gedanken, dass eine Seele von ihrer Verkörperung als niedere Kreatur über viele Zwischenstufen bis zum Menschen aufsteigen kann, schließlich zum Weisen, Erleuchteten, Buddha, und dann ab in die Erlösung, in Goldlicht, Glitzern, Nirvana: eine spirituelle Konfettiparade gaukelt hernieder, mystische Himmelsrosen, Fanfarenklang und Halleluja… Bei Renfield wird dieser Aszensus jedoch vulgärdarwinistisch gewendet. Bezieht sich das survival of the fittest bei Darwin nur auf das Überleben der bestangepassten Exemplare einer Population innerhalb seiner speziellen biologischen Nische, erscheint Renfield Darwins Theorem als Behauptung einer Wertrangfolge der Arten, an deren Spitze der Mensch steht. Stoker lässt das nicht explizit werden, aber man sieht doch den Diskurstypus, der dahintersteht: die Fortschritts- und Aufstiegsideologie des 19. Jahrhunderts, die sich mit rassistischen Überlegenheitsphantasien à la Gobineau verbindet.

In Whitby ist dem Vampir ein Haus gewidmet, in dem einige Szenen aus dem Roman dargestellt werden, aber wir haben den Eindruck, dass diese Dracula Experience sich eher an kindliche Gemüter richtet. Und haben wir uns heute nicht schon genug gegruselt? Wir haben so viel ketchupverschmierte Münder gesehen, dass uns ein Blutrinnsal an des Fürsten Kinn wohl kaum noch erschrecken würde. Wahrlich, an Ungeheuern mangelt es auch auf den Straßen Whitbys nicht, vor allem grade jetzt, da für zwei Stunden die Sonne von einem wolkenlosen Himmel herunterstrahlt. Es ist kein Wunder, dass Dracula, der immerhin ein Aristokrat war (wenngleich mit nicht ganz tadellosen Umgangsformen) es vermied, sich dem Sonnenlicht auszusetzen. Vielleicht der Blässe wegen, die als vornehm galt, vielleicht aber auch bloß, weil, kaum dass die Sonne herauskommt, der Pöbel meint, sich die Kleider vom Leib reißen und aller Welt sein weißes Fleisch präsentieren zu müssen, oder, schlimmer noch, die flammrote Haut eines frischen Sonnenbrands, oder, noch schlimmer, die vielfältigen Tätowierungen, die Arme, Bauch und Rücken bedecken, und die manchmal von einer so unseligen Farbzusammenstellung sind, als hätte man die Körper grün und blau geprügelt. Ich muss zwar zugeben, dass das in einer alten Hafenstadt nicht ohne historischen Charme ist - man denkt an Südseefahrertätowierungen ebenso wie an die harten Prügelstrafen der Royal Navy, und die Piercings rufen bei mir auch durchaus pittoreske Vorstellungen aus der Glanzzeit des Freibeutertums wach, weil sie bei diesem Mann an im Fleisch steckende Musketenkugeln erinnern, und bei jenem an die Reste der Ketten, mit denen gefangene Piraten aneinandergeschmiedet wurden. Allerdings verbinde ich mit dem Piratenwesen eher Skorbut und Auszehrung, während das Volk auf Whitbys Kais mehrheitlich an auf Korsarenschiffen doch unüblicher Adipositas leidet. 

Wir fahren hoch zu der Ruine der Whitby Abbey, sind aber für die Besichtigung schon zu spät dran. Wir haben mal wieder nicht daran gedacht, dass Museen und Sehenswürdigkeiten hierzulande um fünf Uhr nachmittags ihre Tore schließen, vermutlich, damit Leute, die tagsüber arbeiten, nach Feierabend nicht auf die dumme Idee kommen, noch in Kultur zu machen, statt die Pubs zu bevölkern, wie es sich gehört. (Der Ausschank der Whitby Brewery gleich neben der Abbey schließt allerdings auch schon um sechs, wie ich feststellen muss, als wir durstig nach unserer Wanderung zum Leuchtturm dort einkehren wollen.) 

Die Wanderung auf dem Küstenweg ist so ziemlich die ödeste, die wir je an einem Klippenpfad unternommen haben. Rechts auf dem Plateau dehnen sich Weiden und Getreidefelder, links das Meer. Wehmütig denken wir an Cornwalls blühende und von Farben und Vielfalt überschäumende Küste und die verschlungenen Pfade, auf denen sich dort alle paar Schritte ein neuer Ausblick auftat. Hier aber zieht sich der Weg in fader Monotonie dahin, und die einzige Überraschung, die wir erleben, besteht in dem Umstand, dass in der Feriensiedlung dort oben wirklich Leute ihren Urlaub zubringen wollen. Die mobile homes sind aus Blechpaneelen montierte und auf Stützen stehende Container mit einem hölzernen Verandaanbau, der zur See hin ausgerichtet ist. In die Grasfläche ist ab und zu ein ummauertes Blumenbeet gebettet, das in Größe und heiterem Flair einer Grabstätte gleichkommt, sowie ein Spielplatz mit ein paar schafotthaften Schaukelgerüsten, die man wahrscheinlich günstig von einer aufgelassenen Richtstätte übernommen hat. Während wir an diesem Holiday Park vorüberwandern, bewahren wir beklommenes Schweigen oder wechseln allenfalls einige geflüsterte Worte. Es mag gruselige Ausstellungen zu Draculas Schandtaten geben oder düstere Klosterruinen, über deren Steinen nachts die Gespenster jaulen - aber das ist alles Kinderkram gegen diese verwunschene Feriensiedlung, die uns tiefere Schauer des Entsetzens über die Haut jagt als jede schwarzromantische Legende.

In den Fünfzigerjahren errichteten die Amerikaner auf dem Atomtestgelände in der Wüste von Nevada einige Häuser, um das Ausmaß der Zerstörung zu ermessen, das eine nukleare Bombe hier anrichten würde. Man hat die Häuser möbliert, die Schränke mit Konserven befüllt und Schaufensterpuppen in Sessel gesetzt, bevor man die Bombe zündete. Draußen parkten Autos; Dummy-Nachbarn standen auf einen Dummy-Plausch zusammen, als die Explosionswelle darüberwegbrandete und alles in Trümmer legte. Ich erinnere mich an ein Foto von Loomis Dean im Life-Magazine, auf dem eine männliche Schaufensterpuppe auf ihrem Sockel (zwar etwas schief und mit herabgerutschten, aber nicht zerrissenen Hosen) unverdrossen smart in den hellen Nevadahimmel grinst. Der Frau drei Meter entfernt fehlen zwar die Arme, und ihre Frisur sitzt sowas von überhaupt gar nicht mehr, aber auch sie hat sich auf den Beinen gehalten, die tapfere Lady.

Ich weiß nicht recht, warum mir angesichts dieses Trailerparks dieses alte Bild einfällt; die Küste von North Yorkshire ähnelt nur in puncto Ödheit der Nevadawüste, und auch die Blechhütten haben wenig mit den amerikanischen Eigenheimen gemein, die das Militär dort hingestellt hat. Womöglich drängt sich mir diese Erinnerung nur auf, weil ich mir keine andere überzeugende Nutzung für die Siedlung hier vorstellen kann als die, eine Studie über die Zerstörbarkeit von Baracken anzustellen, oder wie schnell man eine ausgebombte Bevölkerung darin unterbringen könnte. Wieso jedoch jemand auf die Idee kommt, sich hier für die Ferien einzuquartieren, bleibt mir rätselhaft. Aber es ist ja auch niemand da: der Platz ist verwaist, bis auf einen einzigen Mann, der schwankend auf das Schaukelgerüst zusteuert und mit seiner Pulle auf einem Autoreifen Platz nimmt, hin und her schwingt, versonnen süffelt, unseren Gruß nicht beantwortet, grimmig weitertrinkt und weiterschwingt und dabei in irgendeine dämmrige Zone von Tagträumerei abdriftet, von der ich gar nichts Näheres wissen will, weil es verdammt nach apokalyptischem Weltenhader aussieht.

Wir marschieren bis zum Leuchtturm und wieder zurück. Der Mann sitzt eine gute Stunde später immer noch da und schwingt auf seinem Reifen hin und her wie ein webendes Pferd, oder wie ein vernachlässigtes, hospitalisiertes Kind sein Haupt herumwerfen würde; seine Flasche ist leer, aber er hält sie immer noch in Händen und reibt daran auf und ab, als masturbiere er seinen Ersatzphallus; er nimmt kurz den Kopf hoch, als wir vorübergehen, aber sein Blick folgt nicht uns, sondern etwas uns Unsichtbarem. Dann schnappt seine Hand blitzartig nach vorn, schließt sich zur Faust. Renfields kleine Jause?


13. Juli. Durham, Beamish


Wir waren gestern noch lange in der Abendsonne im Garten des Tiger Inn gesessen. Loftus liegt an der Grenze des North York Moors National Park, doch schon bald auf unserer Fahrt westwärts gelangen wir in die stark industrialisierten Zonen um Middlesbrough und Stockton. Alte Werkanlagen, Schlote, Wellblechhallen, Gas- und Treibstofflager, und am River Tees jede Menge Kühltürme für die chemische Industrie.

Doch unser Ziel ist nicht das alte Ironopolis, wie Middlesbrough genannt wurde, als hier ein Drittel des englischen Eisens produziert wurde. Der Spitzname hat es irgendwie in sich, finde ich. Zwar ist klar, dass er sich auf iron im Sinn von Eisen bezieht, aber ist wirklich niemandem aufgefallen, dass er in der Zusammensetzung mit dem griechischen Wort polis auch in seiner Gänze griechisch verstanden werden könnte? Oder hatten die Eisenmagnaten soviel Ironie, den griechischen Ausdruck für Täuschung und Verstellung (nichts anderes heißt eironia) für ihre Produkte zu verwenden? Es könnte freilich auch sein, dass nicht die Ironie, sondern die griechische Friedensgöttin Irene damit gemeint ist, was das Geschäftsfeld der Eisenschmieden auch gut beschreiben würde, denn immerhin ließen sich mit dem Eisen Kanonenrohre und Gewehre und allerlei andere Rüstungsgüter herstellen, die ja immer dazu taugen, in den aufrührerischen Teilen der Welt für Frieden zu sorgen.

Wir rauschen durch die Industriestädte und halten zügig auf Durham zu. Durham ist eine schöne Stadt mit Kathedrale und Castle, die beide hoch und stolz über dem River Wear aufragen, der die Altstadt in einer weiten Schleife einfasst. Eine kleine Einschränkung der stolzen Ansicht gibt es allerdings: der Vierungsturm der Kathedrale trägt gerade wegen Restaurierungsarbeiten einen Kopfverband aus weißer Plane, was von weitem einem Turban ähnelt, den gewiss schon irgendein durchgeknallter Verschwörungstheoretiker als Zeichen der Islamisierung des Vereinigten Königreichs identifiziert hat. Sollten Verschwörungstheoretiker einmal aus ihrer mit Bildfetzen und Textsplittern zugemüllten Spektakelwelt herauskriechen und mit der Realität Fühlung aufnehmen, könnten sie in der Durham Cathedral weitere Belege finden, dass die muslimischen Machenschaften zur Eroberung (oder doch wenigstens zur Infiltration) Europas weiter zurückreichen als man so meint. Man braucht dazu nur die Galiläa-Kapelle anzusehen, einen Anbau der Kathedrale aus dem zwölften Jahrhundert, um angesichts der hintereinandergestaffelten Bogenreihen gleich zu begreifen, dass hier ein Außenposten der Mezquita von Cordoba errichtet worden ist, die mit ihren iterativen Säulenfolgen und ihrer geometrischen Anlage bedenklich von dem erzählerischen telos christlichen Glaubens abweicht. 

Aber je weiter man in die Geschichte zurückgeht, desto mehr sind die Religionen ohnehin miteinander verbunden. Als wir noch den Eingang zur Kathedrale suchen, geraten wir an eine Kasse und bezahlen bereitwillig den Eintritt, um dann festzustellen, dass wir in einer gelehrten Ausstellung gelandet sind, wie wir sie nicht gesucht und nicht gewollt haben. Aber da wir den Salat nun mal haben, sind die Exponate doch interessant, die Steine mit heidnischen Ritzungen und Ornamenten, die man zum Kreuz, und eine Fortuna aus römischer Zeit, die man kurzerhand zu einer christlichen Glaubenszeugin umgemodelt hat. Das Christentum hat sich immer schon Glaubenszeugnisse aus anderen Kulturen anverwandelt, die heidnischen Frühlingsfeste zu einem liturgischen Ostern umgewidmet, die Wintersonnwende zu Weihnachten, etc. Doch nicht nur solche Volksbräuche gehen ineinander über. In den Jahren um 1180, da die Galiläa-Kapelle gebaut wurde, verfasste Averroes in Cordoba seine Kommentare zu Aristoteles, die bald darauf von abendländischen Mönchen rege gelesen wurden: das dreizehnte Jahrhundert entwickelt seine christliche Philosophie auf Basis eines griechischen und eines muslimischen Denkers - und eines Juden: ebenfalls in Cordoba wirkte bis zu seiner Verbannung Moses Maimonides, dessen Dux Neutrorum Meister Eckhart so viel zu verdanken hat. Mit der kulturellen Homogenität des Abendlands ist es nicht so weit her, wie ihre dümmlichen Propagandisten weismachen wollen - jedenfalls scheinen mir auch die massiven Säulen und Bögen in der Kathedrale als eine merkwürdige Mischung, in der arabische Ornamentik eine normannisch vergröberte Übersetzung erfahren hat. Die Normannen, die etwa seit dem Jahr 1000 erst als Söldner in Süditalien waren, eroberten nach und nach eigene Territorien, bis ihr Herrschaftsbereich anderthalb Jahrhunderte später Apulien, Kalabrien und Sizilien umfasste. Sie beherrschten die nordafrikanische Küste von Tunis bis Bengasi, und Antiochien im Heiligen Land. Es wäre wohl verwunderlich, wenn sie nicht einige Einflüsse von dort mit nach Nordengland gebracht hätten. Ich mag mich irren - meine Kenntnisse normannischer Kunst sind vollkommen oberflächlich - doch die Schmuckmuster der Säulen mit ihren Rautenflächen, rechtwinkligen Mäandern und Kannelierungen wirken auf mich in ihrer Abstraktheit und Iteration eher dem muslimischen Bilderverbot entsprungen als abendländischen Vorbildern. Ob die steinernen Zickzackbänder, mit denen alle Rippen, Bögen und Gurte besetzt sind, allerdings ebenfalls orientalischer Herkunft sind, ist mir unklar - es könnten genausogut die Zahnreihen von Wikingerfabeltieren sein.

Doch wie dem auch sei: der Raumeindruck ist sehr eigentümlich, durch die Höhe des Baus fast gotisch, durch die Massivität der Säulen aber doch sehr geerdet und wehrhaft: kein Vergleich mit den späteren Kathedralen etwa von Canterbury und Salisbury, deren Faszination auf der Weite und Offenheit der Schiffe beruht. Dies hier ist eine Kirche, in der man gerne sitzt. Sie lädt nicht zum Durchschreiten und zum Erkunden ihrer Länge ein, wie es jene anderen Bauten tun, deren innere Zweckbestimmung immer ein wenig scheint, dass man Prozessionen in ihnen abhalte. Hier hingegen habe ich gleich den Eindruck, angekommen zu sein. Hier kann man Rast halten und von langer Wanderung ausruhen, und darum ist es auch ganz passend, dass der Kathedrale gleich eine große Kantine angeschlossen ist. Ist das ein Überbleibsel aus der Zeit, als man noch große Pilgerscharen verköstigen musste, die hier vom Schrein des Heiligen Cuthbert Hilfe erflehten oder ein Gebet vor der Grabstätte des Beda Venerabilis verrichteten? 

Gestärkt bummeln wir hinunter an den Fluss. Das Ufer ist von Rhabarber gesäumt, neben dem Spazierweg blühen Gesträuche. Schilf sprießt in kleinen Büscheln; hangaufwärts wunderbar vielfältiger Baumbestand, über dessen Kronen sich die Kathedrale und das zinnenbesetzte Durham Castle erheben. Ruderer trainieren in schlanken Booten auf der Strecke oberhalb des Wehrs - Durham hat eine angesehene Universität, und das Rudern scheint ein fester Bestandteil englischen Studentenlebens; ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht wird Rudern als eine hilfreiche Einübung in teambuilding betrachtet, vielleicht rechnet man aber auch mit der Eventualität, sich irgendwann einmal, wenn alle anderen Einkunftsquellen versiegen sollten, wieder auf Raubzüge nach Wikingerart verlegen zu müssen (denn wer weiß schon, was der Brexit bringt)? Oder sollen die Studenten nur dazu befähigt werden, ihre Liebchen (Sonnenschirm, Spitzenhandschuhe, Keuschheitsgürtel) ohne missliche Kollisionen über von Booten wimmelnde Seen zu navigieren?

Einen bestimmten Aspekt des Letzteren zumindest kann ich ausschließen. Als wir wieder zur Kathedrale hinaufgewandert sind und am Palace Green ein Tässchen Tee nehmen, macht keins der prospektiven Liebchen den Eindruck, als sei die Bewahrung der Unschuld vordringliches Anliegen. Es ist eher das Gegenteil der Fall: die Jungs sind in der Minderzahl, also die Umworbenen und Umzirzten; die Mädchen sind entgegenkommend, flirtig, gewinnend. Die Quote scheint den Männchen zugute zu kommen. Sie haben freie Auswahl; doch was wählen sie, dumm wie sie sind? Da ist zum Beispiel eine junge Frau, die vor Charme und Witz strahlt, ein wahres Wunder an Intelligenz und Vitalität; neben ihr verblassen ihre Freundinnen zu bloßer Staffage. Doch die beiden Jungs am Tisch verschmähen diese prächtige Person und halten sich an die belanglosen Hübschis an deren Seite, offenbar kennen sie Freuds Aufsatz über das Motiv der Kästchenwahl nicht. 

Was hält die Männchen davon ab, dieser strahlenden Frau zu Füßen zu liegen? Dreißig Kilo, nichts sonst. Sie ist ein opulentes, üppiges Weib, ein Rubens’scher Traum. Die Männer aber wechseln Blicke mit den dünnen Dummchen, machen die Dates für den Abend klar. Es tut mir in der Seele weh, diese vor fulminanter Präsenz überbordende Frau leer ausgehen zu sehen, während sich die trivialen Trinen die gecremten Hände reiben. Schließlich verabschiedet sich das Prachtweib, überflüssig geworden, das Ersatzrad an der Venuskutsche. Nach einer Weile brechen auch wir auf und gehen die reizende Saddler Street hinunter. Vor einem schmalen Pub namens The Shakespeare bleiben wir stehen. Das Ladenschild mit dem bekannten Chandos-Porträt des Barden hat meine Aufmerksamkeit erregt, und ich erzähle Dagmar, während wir durch das Fenster in die dämmerige Schankstube linsen, von den famosen Frauengestalten Shakespeares, von der zungenflinken Beatrice in Viel Lärm um Nichts und der rechtschaffenen Cordelia im Lear. Die füllige junge Frau, deren innerer Glanz grade so schmählich verkannt wurde, geht mir nicht aus dem Sinn. Wie ungerecht doch die Welt ist, wie sehr sie doch am äußeren Anschein hängt! Dann drehen wir uns um und entdecken direkt gegenüber eine Kneipe, die per Kreidetafel eine Hippo Hour zwischen fünf und sechs annonciert: ein Gang 8 Pfund, zwei Gänge 11, drei 13, das ist etwas für Vielfraße von hippopotamischen Appetit. Die Kneipe heißt Fat Hippo - und hinter den blanken Scheiben entdecken wir die Frau, die sich Mayo und Ketchupschmierer von der Oberlippe leckt, in den Händen einen voluptuösen Burger. Ihr gegenüber sitzt ein junger Apollo, lächelnd, zufrieden, verzückt von ihrem Redestrom oder ihrer Lust am sinnlichen Dasein. Die Welt, oh ja, sie ist doch die beste aller möglichen.

Der Marktplatz Durhams ist vielleicht nicht der beste aller möglichen, aber schon recht nahe dran: die Häuser sind eine einträchtige Versammlung von Epochen, die von der Tudorzeit über die Könige namens George ins Viktorianische Zeitalter und die Backsteinnüchternheit der Moderne reichen und friedlich beieinanderstehen; die Fläche ist großzügig, aber nicht maßlos; Altes wird pietätvoll bewahrt, Neues behutsam eingebunden. Das Ensemble ist sich der Stimmigkeit seiner Fassaden so sicher, dass noch nicht einmal die grellweiß aus dem sandfarbenen Ganzen abstechende Boots-Filiale sonderlich stört. 

Kinder toben über die Fläche, Penner heben ihre Flaschen neben Großmüttern, die einem Gespräch auch mit Säufern nicht abgeneigt sind und trotzdem ein Auge auf die herumrennden Blagen haben. Zwei Denkmäler schmücken den Platz, ein Reiter mit Grenadiermütze, und ein Neptun, der mit seinem Dreizack imaginäre Erdschollen abzustechen scheint. Im frühen 18. Jahrhundert wollte man von Durham aus einen Kanal zur See hin graben und stellte die Neptun-Skulptur auf, die dem Plan begünstigend vorgreifen sollte - es wurde dann aber nichts aus dem Projekt, weshalb der Neptun heute etwas deplaziert wirkt, ein verirrter und sinnlos im Schlamm herumstochernder Meeresgott. Aber was bekäme öffentlichen Plätzen besser als Monumente gescheiterter Hoffnungen und fehlgeschlagener Pläne? Götter, die in der Lächerlichkeit und im Versagen rühren, sind vielleicht die heilsamsten Schutzheiligen einer Stadt; Triumphe werden irgendwann schal, und ihre Feiern geraten über die Jahre zu eitlem Getöse. Helden spreizen sich steif und spröd auf, spannen den Rücken an; sie atmen nicht, sie panzern die Brust. Ach, wenn man doch nur all die steinernen Fürsten und die in Bronze gegossenen Heroen in den Städten durch die Bilder von Spinnern und Schalksnarren ersetzte! Es käme der  Atmosphäre einer jeden Stadt vielleicht zugute, wenn mehr Gelächter und weniger Verherrlichung in ihr wäre.

Eine gute Viertelstunde nördlich von Durham liegt Beamish - ein riesiges Freilichtgelände, auf dem einige Epochen der jüngeren britischen Vergangenheit originalgetreu wiederhergestellt sind: das beginnende Industrie- und Eisenbahnwesen um 1820, die blühenden Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und die mageren zu Beginn des Zweiten: ein Festort für die britische Neigung zur Nostalgie.

Fünf Uhr (der sakrosankte Museumsfeierabend) ist schon vorüber, als wir dort ankommen und uns auf dem Parkplatz einrichten wollen. Kaum haben wir den Wagen abgestellt, hört ein zotteliger Arbeiter auf, Unkraut zu jäten, und schlendert heran. Ich ahne es schon: jetzt werden auch wir als unerwünschtes Unkraut ausgerupft. So kommt es dann auch. Der Kerl (keine eins sechzig, von gedrungenem Körperbau wie ein Hobbit, sehr sparsamer Konsonanteneinsatz, bis auf das R, das er rollt wie ein Schotte, der mit einem 30-PS-Böschungsschneider durch die Raine rackert) schickt uns gleich wieder weg. Na gut, soll sein, unweit ist ein Pub mit großem Parkplatz und Tischen in der Sonne, da installieren wir uns.

Auf dem Portalarchitrav der Frontseite des Sheherd & Shepherdes (sic, ein zweites Schild annonciert orthograhisch korrekt Shepherd & Shepherdess) steht ein bunt bemalter Gipsschäfer, der in eine dicke Flöte tutet, daneben eine kecke Schäferin, die gottseidank einen Hirtenstab hält, sonst könnte man sie (knapp bekleidet, wie sie ist, den Rock bis übers Knie gezogen, Bauch rein, Brust raus) glatt für eine fesche Hure halten und den ganzen Laden für einen Puff. Es ist aber ein solides Wirtshaus englischer Art, innen mit einem Teppichboden ausgelegt, der dick genug ist, um verschüttetes Ale und Soßengeklecker, Erbrochenes und literweise Sturzgeburtsfruchtwasser in seinem üppigen Flor aufzunehmen, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen. Die Tapeten an den Wänden preisen die Heckenrose und andere pausbäckige Flora, die gerahmten Bilder zeigen vorzugsweise in weiße Empirekleidchen gehüllte, mannbare Fräuleins aus Jane Austen’s Zeit oder weiße Kühe mit drallen Eutern auf der Weide, oder beides, manchmal gleitet der Blick auch so oberflächlich darüber hin, dass Verwechslungen vorkommen.

Die Stimmung ist lebhaft, an der Theke wird munter palavert; das ist schön. Man hört nur besser nicht hin, wenn man sich nicht mutwillig in die Malebolge eines Provinzlerstammtisches begeben will, was dann nicht so schön ist. Ich höre aber trotzdem zu. Es geht um die moralische Bewertung irgendeiner kürzlich geschehenen Schlägerei am Rande eines Fußballspiels. Man debattiert angeregt, und ich kann immerhin vermelden, dass die meisten Leute den kategorischen Imperativ Kants in einer verknappten, aber doch triftigen Form, verinnerlicht haben. Kants umstandskrämerische Formulierung von der Maxime des Willens, die allgemeines Gesetz zu werden man wünschen sollen müsse, wird hier kurzerhand durch die Formel vom Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu supponiert. Einem erscheint das indes immer noch zu verschwurbelt, weshalb er es kurzerhand durch ein tit for tat ersetzt, womit man von der moralischen Verhaltensmaßregel schon in den Bereich der Vergeltung abgerutscht ist, ins Wenn du mir in die Fresse haust, hau ich dir auch in die Fresse. Von hier aus ist es dann auch ein kurzer Schritt von Vergeltung zur Prävention, der da heißt Bevor du mir in die Fresse haust, polier ich dir die deine, und das sei allemal noch das beste Rezept. Nur ein paar kleine Übersetzungsschritte, und schon bersten die schönen Dämme von Kants Moralität und man wird in die Barbarei des Hobbes’schen Naturzustands zurückgespült. 

Ich stehe dann, während mein London Pride gezapft wird, neben dem Burschen, der für solche Präventivschläge plädiert, und wechsle ein paar Worte mit ihm. Trotz seiner martialischen Ansichten ist er ungemein höflich, ja liebenswürdig, aber wahrscheinlich auch nur, weil er mir nicht zutraut, dass ich ihm gleich in die Fresse hauen könnte.

Dass wir uns Schottland nähern, haben wir nicht nur der rustikal gerollten R’s wegen gemerkt, mit denen uns der Parkwächter fortbeordert hat. Zum ersten Mal steht hier Haggis auf der Karte, jene verrufene Spezialität aus Schafsinnereien und Hafergrütze in einem Schafsmagensäckchen, dem der schottische Nationaldichter Rrroberrrt Burrrrns die so erhebende Ansprache gewidmet hat, die bei jedem Burns-Supper am 25. Januar vorgetragen wird: Fair fa’ ya honest, sonsie face / Great Chieftain o’the Pudding-Race! beginnt es, was etwa Schön dich zu sehen, Fettgesicht, mächtiger Clanchef der Pudding-Rasse bedeutet. Die weiteren 46 Zeilen sind ein saftiger Lobpreis dieses kräftig mit Pfeffer und Muskat gewürzten Mahls, und allein die klangliche Wucht der Verse lässt dem Sprecher bereits den Speichel in den Mund schießen, was auch wichtig ist, denn ohne ausreichend Speichel klingen die Verse nicht schmatzend genug. 

Dass Haggis im Shepherd zusammen mit Blutwurst serviert wird, ist doppelt erfreulich; selbst Dagmar, die normalerweise solchen Dingen wie Innereien und Blutwurst eher abhold ist, will nach einem Probebissen doch die halbe Portion abhaben.


14. Juli. Beamish


Das Beamish Museum - oder auch North of England Museum - geht auf die Initiative eines gewissen Frederick Atkinson zurück, der 1958 seine Stelle als Chef des Bowes Museum angetreten hatte, in dessen pompösen Räumen Bilder von El Greco, von Goya und Canaletto, Fragonard, Boucher hingen. Keramik und Tapisserien, Uhren, Glaskunst von Émile Gallé etc. komplettierten die Sammlung. John Bowes und seine Frau, eine ehemalige Schauspielerin, die spät mit dem Komtessentitel eines Sprengels von San Marino bedacht wurde, ließen für ihre Kollektion ein Schloss im französischen Stil errichten und gaben dafür 100 000 Pfund aus, was heute einer Summe von etwa zehn Millionen entspricht. Weitere 125 000 Pfund und die Sammlung gingen in eine Stiftung ein - man kann nicht sagen, dass die Eheleute nicht spendabel gewesen wären. 

Atkinson nun kommt ausgerechnet in dem Jahr, als er Sachwalter all dieser Schätze wird, auf die Idee, ganz etwas anderes und weit weniger Preziöses zu sammeln als Fragonards und erlesene Chinoiserien. Er richtet eine Denkschrift ans City Council von Durham und regt an, eine Sammlung von Alltagsobjekten zu etablieren, um damit eines Tages ein Freiluftmuseum auszustatten. Was wohl seine Motive waren? Empfand er Überdruss oder doch zumindest ein Ungenügen an all den edlen Luxusgütern und kostbaren Gemälden, mit deren Verwaltung und Pflege er betraut war? Hat ihn angesichts des Bowes’schen Sammlerfleißes, der aristokratischem Repräsentationsbedürfnis entsprungen war, der Wunsch angewandelt, auch die Lebenswelt des einfachen Volkes möge ausstellungswürdig sein? Atkinsons Vater war Tagelöhner, die Mutter Lehrerin - in Beamish werden die beiden Zweige seiner Herkunft ihren Ausdruck finden: Arbeit und Didaktik. 

Ich stelle mir vor, dass dieser junge Mann, der aus so einfachen Verhältnissen kommt und unter der Woche in einer Kokerei arbeitete, während er an den Wochenenden als Freiwilliger im Wakefield Museum aushalf, wo er dann mit grade einmal 25 Jahren zum Direktor aufstieg, einen gewissen Arbeiterstolz in sich trug, als er zehn Jahre später dem hochmögenden Bowes Museum vorstand. Vielleicht tönten ihm, wenn er die Schätze und den Prunk der Säle ansah, die Sätze Rousseaus noch in den Ohren: „Der Luxus ernährt hundert Arme in den Städten, und hunderttausend kommen durch ihn auf dem Lande um. Das Geld, das durch die Hände der Reichen und der Künstler geht, ist für den Unterhalt der Bauern verloren; und dieser hat keinen Rock, weil andere Tressen auf dem ihren brauchen.“ Mag sein, dass Atkinson es als Verrat an seiner Klasse empfand, nun den Ausbeutern seiner Eltern und Ahnen zu Diensten zu sein; mag sein, dass er dieses Missverhältnis, dass nur der Adel sich selbst und seinen erlesenen Geschmack darzustellen pflegte, während die niederen Klassen musealer Repräsentation für unwürdig befunden wurden, ändern wollte. Ich weiß es nicht. Vielleicht gab es da einen klassenkämpferischen Aspekt bei ihm, vielleicht war Atkinson auch nur ein Museumsmann, dessen fanatisches Interesse es war, der Furie des Verschwindens Widerstand zu leisten und nicht tatenlos dabei zuzusehen, wie die Vergangenheit dem Vergessen anheimfiel. Sicher hat er gespürt, dass die Welt im Wandel war. Die Stahl- und Kohleindustrie Yorkshires war Ende der 50er Jahre noch vital; aber den hellsichtigeren Köpfen musste klar sein, dass das eiserne Zeitalter über kurz oder lang dem der Kunststoffe weichen würde. Das Handwerk verlor an Bedeutung, die Fabrikfertigung der Gebrauchsgegenstände wurde zur Regel. Radio und Fernsehen sorgten ebenso wie industrielle Standards für die Einebnung lokaler Eigenheiten, die sich im köchelnden Topf einer mehr und mehr globalisierten Welt langsam auflösten. 

Atkinson rief die Öffentlichkeit zu Sachspenden gleich welcher Art auf: you offer it to us, and we will collect it. Binnen kurzer Zeit waren im Zuge dieses unselective collecting die 22 Baracken eines aufgelassenen Armeecamps, die er als Lager nutzen durfte, mit Dampfmaschinen und Ladeneinrichtungen gefüllt, mit Porzellanhunden und Kloschüsseln, Hochrädern und Puppenwiegen und Ommas Häkeldecken und emaillierten Werbeschildern und Seifenpackungen, und als das Beamish-Projekt nach zwölf Jahren der Vorarbeit endlich 120 Hektar zur Verfügung hatte, konnte es sich aus vollen Kammern bedienen, um die Gebäude auszustatten. Seither füllt sich das Gelände und wird verdichtet, doch durch die geschickte Anlage der Abteilungen behält der Besucher immer das Gefühl von Weitläufigkeit. Voilà: Beamish.

Fangen wir an. 

Die erste Station ist der Pockerley Waggonway, der den Pionierzeiten der Eisenbahn gewidmet ist.  Arbeiter mit Rußschmierern im Gesicht und hochgekrempelten Ärmeln schippen dort Kohle, schmieren Räder und Pleuelstangen. Die Replik von Stephensons Locomotion No. 1, mit der 1825 auf der Stockton & Darlington Railway das europäische Eisenbahnwesen begann, steht schon unter Dampf. Vor dem Lokschuppen ragt der rostige Schlot des Steam Elephant von 1814 auf wie das groteske Horn eines Eisenkäfers, dessen klobiger Körper in ein Gestell von Rohren und Stangen eingespannt ist. Wie der ein Jahr ältere Puffing Billy (so benannt nach seinem Schöpfer, dessen lungenkranke Atemzüge wohl ähnlich pufften und röchelten wie die seiner Lok) beförderte er noch keine Personen, sondern brachte nur die Kohle aus den Schächten zum Hafen, von wo aus sie weiter verschifft wurde. Physiognomisch wirkt diese Zugmaschine ganz wie ein wühlendes Insekt, das - fest mit kräftigen Chitinplatten gepanzert, ein Horn zum Aufbrechen seiner mit Holzmulm gefüllten Speisekammern auf der Stirn - in den Eingeweiden der Erde gräbt und brauchbaren Stoff zutage fördert. Man will ihm spontan die Hamlet-Verse Brav, alter Maulwurf, wühlst so hurtig fort? Oh trefflicher Minierer! zurufen, doch weder ähnelt er er einem Maulwurf noch gräbt er Gänge, er schleppt einfach nur auf zwei Stahlgleisen seine Last dahin. Aber für den Betrachter geschieht das, was Gerard Genette in seinem erhellenden Aufsatz Metonymie chez Proust als Proust’sche Technik der Metapher herausstellt: Prousts berühmte Vergleiche nämlich (Achtung, Abschweifung!) beziehen ihre evokative Kraft nicht vorwiegend aus dem Prinzip der Ähnlichkeit, sondern aus dem der Kontiguität, also der räumlichen Nähe zu, oder der sachlichen Zusammengehörigkeit mit etwas. Metonymie ist ein Modus übertragener Rede, der auf konkreter raumzeitlicher und kausaler Verbindung beruht. Eine althergebrachte Metapher wäre es etwa, von einem tapferen Mann zu sagen, er sei mutig wie ein Löwe. Doch was, wenn der Mann im Sherwood Forest kämpfte, in dem noch nie ein Löwe gesichtet wurde? Dann wäre der Vergleich eine bloße Metapher. Vergliche man ihn dort allerdings mit einem Keiler, näherte man sich der Metonymie. Metaphern sind tendenziell beliebig; die Metonymie verklammert übertragene Rede mit raumzeitlicher Wirklichkeit.

So weit, so Literaturwissenschaftlergeplauder, das nicht weiter interessant ist. Aber was mich hier frappiert, ist der Umstand, dass es keinen konstruktiven Grund gibt, die Schlote der Heizkessel vorn anzubringen. Dass man es dennoch tut, und die Loks aussehen lässt wie drauflosrammende Nashörner, ist wohl nur dem (unbewussten?) Willen zu einer bestimmten Ausdrucksqualität geschuldet, und diese heißt in einer Umgebung von Gruben und Flözen nun einmal Wühlen und Schürfen und Stochern - und eben diese Stochereien und die Instrumente dazu haben sich auch den Lokomotiven eingeschrieben, die mit dem Stochern und Graben eigentlich gar nichts zu schaffen haben.

Ich folgere daraus, dass die Metonymie nicht nur eine Machenschaft von Poeten ist. Sie ist real, eine anthropologische Grundoperaration, die Einheit herstellt, indem die Hauptwesenszüge einer Region oder auch einer Epoche auch die Gestalten der Dinge prägen, die eigentlich anderen Zwecken dienen. Ich kenne derlei bislang vor allem aus dem Kirchenbau; in der apulischen Hafenstadt Trani, im französischen Saintes, wo man die Charentes-Kähne Richtung Atlantik belädt, in manchen bretonischen Kirchen wirken die Gewölbe wie von einem Bootsbauer gezimmert. Und sind die spitzen Filzhüte alpiner Seppeln nicht die beflissenen Nachahmungen der steilen Gipfel dort? Die Abschweifung sollte an dieser Stelle enden, denn ich gerate, wie mein Vater gesagt hätte, in den Schmarrn, und im Moment fallen mir auch keine anderen Beispiele ein. Doch lohnt es sich für einen Vergleichsjäger, dieser Fährte zu folgen. Wenn er nur aufmerksam genug ist, wird er möglicherweise irgendwann die Ätiologie holländischer Haubenmoden und baltischer Schürzen, das Geheimnis bayrischer Zwiebeltürme und des baskischen Pelota entschlüsselt haben.

Am Ende der kleinen Bahnstrecke, auf der die alten Lokomotiven spazierengefahren werden, ragt ein seltsames Gebilde auf, das halb Schafott, halb Kanzel ist. Es handelt sich um die alte gin pit einer Kohlengrube. Die Kanzel, eine aus Holzspeichen gefügte Trommel von etwa drei Metern Durchmesser, wird von einem Gerüst gehalten, dessen mehrfache Diagonalverstrebungen aus dicken Balken davon zeugen, dass es starken Zugkräften standhalten musste. Um die beweglich gelagerte Trommel liegt eine solide Trosse, die über eiserne Umlenkräder in die Erde hinabführt und wieder heraus. An diesem Seil wurden die leeren Kohlenkörbe in den Schacht gelassen und die vollen hinaufgeholt. Auch die Bergarbeiter stiegen so aus der Teufe: sie hakten ihr Bein in eine Seilschleife und wurden von den Zossen, die um die Trommel trotteten und so die Trosse zogen, ans Licht gehievt. 

Ich muss zugeben, dass die Engländer Ende des 18. Jahrhunderts ihr Geschäft verstanden. In Frankreich nutzte man in diesen Jahren Schafotte, um Feinden der Revolution den Kopf abzuschlagen, hundert Jahre zuvor schnallte man Verbrecher aufs Rad, um ihnen darauf die Knochen zu zerhauen. Das englische Grubenwesen hielt am Zubehör für diese Exekutionsarten fest (Gerüst, Rad, Seile, Schinderei), wendete es aber ins Produktive. Ziel des Schindens war nun nicht mehr das qualvolle Verenden des Delinquenten, sondern seine qualvolle Ausnutzung, was zweifellos einen Zugewinn an Humanität darstellt.

Natürlich war um 1825 nicht alles schlecht (ein Satz, wie er den Revisionisten des Dritten Reichs nicht geläufiger von der Zunge gehen könnte), und Pockerley Hall, die nächste Station des Beamish-Parcours, ist der Beweis dafür. Wer wollte noch das Elend der Kohlearbeiter beklagen, wenn es zur selben Zeit doch so schöne Anwesen wie das von Pockerley gab? Pockerley Hall war ein Pachthof, deren Bewohner es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. In den Zimmern stehen Palisandermöbel, polierte Kommoden und  bemalte Paravents, von den tapezierten Wänden lächeln die Matronen in Öl, und der Garten, der sich unter den Fenstern breitet, ist gepflegte Ordnung aus Buchs und Bosketten. Ich liebe den Klang der Schritte auf den gekiesten Pfaden, die koketten Blicke der Dienstmädchen, die unter ihren Häubchen so keck hervorlugen, als müssten sie zur Aufbesserung ihres schmalen Lohns den hochgestellten Besuchern, wie ich einer bin, frivole Angebote machen. Ich liebe auch die Schweine, die borstig in ihrem Koben liegen (eine alte Rasse mit drahtiger Wolle auf dem Rücken und buschig behaarten Ohren), und das Pferd, das sich zuvor im Heu gewälzt hat und nun die Mähne voller Papilloten aus Spreu hat. Bevor die Herrschaft um 1800 das neue Pockerley Hall baute, wohnte sie im dem alten Haus daneben mit seinen anderthalb Meter dicken Mauern; als sie dann den neuen Bau bezog, wurde das alte Gebäude den Bediensteten überlassen. Das eichene Schrankbett durfte bleiben; während die Betten der Höhergestellten nur noch von einem luftigen Betthimmel überspannt waren, kroch der Verwalter in seinen dumpfen Alkoven. 

Hinter Wäldchen und Weiden liegt die Haltestelle der Tramway, die uns in die 1900s Town bringt. Es verkehrt eine ganze Flotte von Trams auf dem Gelände. Die ältesten Exemplare datieren aus der Jahrhundertwende, die niedliche Newcastle 114 mit ihrer breiten Reklameblende für Ringtons Tea und der geschwungenen Treppe, die auf die obere Plattform führt. Der Lokführer hinter dem Frontschild hält mit breiten Armen seine Steuerkurbeln, wie der Lenker eines Streitwagens seine Zügel. Dann die Blackpool 31 aus dem selben Jahr, deren gerundete Stirnseiten ihr die Anmutung einer mobilen Riesenbadewanne verleihen, und die Sunderland 16, die mit ihrem verglasten Oberdeck einem Ausflugsdampfer ähnelt. Die Lokführer sind meist honorige ältere Herren von kapitänshafter Ausstrahlung, mit ansehnlich weißen Schnurr- und Backenbärten, Zelluloidkragen, dickem Binder und einer Weste, an der die Uhrkette befestigt ist, und wenn sie für ein Foto posieren und in die Kameras lächeln, hat man tatsächlich das Gefühl, dass für sie auf ihre alten Tage doch noch ein Kindheitstraum aus einer Zeit in Erfüllung gegangen ist, als Knaben noch Feuerwehrmann, Maharadscha in Uttar Pradesh oder eben Lokführer werden wollten.

Das viktorianische Städtchen, in das wir bald einrollen, ist das Prunkstück Beamishs. Die Läden sind reich bestückt und so liebevoll ausgestattet, wie es bei der passionierten Nostalgie der Engländer auch nicht anders zu erwarten ist. Beim Bäcker wird Brot nach traditionellen Rezepten gebacken (was es allerdings nicht besser macht); das Ladenfräulein schneidet Fudgewürfel und bricht trockene Keksplatten entzwei, die sie dann auf die Waagschale häuft. So sehen die Kekse noch handgemachter aus als sie ohnehin sind, aber Hände, die solche Kekse machen, wären auch imstande, unschuldige Menschen zu strangulieren. Ein Probierstück dieses staubtrockenen Gebäcks genügt schon, der Kehle erheblichen Schaden zuzufügen. Mein Husten beruhigt sich erst wieder, als wir in den Pub geeilt sind und ich mit einem Halfpint Ale sorgfältig jeden Kekssplitter, der sich in den Kehlkopf gebohrt hat, weggeschwemmt habe. (Erst als die Not gelindert ist, bemerke ich, dass diese bösen Buben hier das Bier doch tatsächlich in einem Plastikbecher ausschenken, und bekomme aus lauter Empörung gleich noch einen Erstickungsanfall.)

Neben der Bäckerei gibt es eine Drogerie voller Seifenpackungen, Vaselinedosen, Bartwichse und Parfümflacons - seltsamerweise steht im Schaufenster auch ein ganzes Glasbord voller Epsom Salt Sarsaparilla. Das Zeug muss reißenden Absatz gefunden haben, ich frage mich nur, warum: Epsom Salt ist Bittersalz, das man bei Pflanzen als Magnesiumdünger und beim Menschen als Abführmittel verwendet, während Sarsaparilla (ich habe nachgesehen) früher als Mittel gegen Syphilis benutzt wurde. Zugegeben, Epsom Salt soll auch gegen Schweißfüße helfen und Nagelpilzbeschwerden lindern, was um 1900 möglicherweise eine Volkskrankheit gewesen sein mag. Aber ich halte trotzdem dafür, dass das viktorianische England vor allem von verstopften Syphilitikern wimmelte. 

Was noch? Ein Photograph mit Studio und einem reichen Kostümfundus, wo sich Vater, Mutter, Kinder in Schale schmeißen können, eine Freimaurerloge Seite an Seite mit einer Filiale der Barclay Bank (ein konspiratives Duo), eine Garage, in der alles versammelt ist, was irgendwie mit Fortbewegungsmitteln aus Metall zu tun hat: Hochräder, Dreiräder, sogar ein Fünfrad mit einem hohen Rad in der Mitte und vier kleineren Radauslegern, vorn und hinten mit großen Weidenkörben, und natürlich fehlen die Rovers nicht, die ab 1886 die Ära des modernen Fahrrads einleiteten. 1886 war auch das Jahr, in dem Carl Benz das Patent für seinen Motorwagen Nr. 1 anmeldete - in der Werkstatt hier stehen allerdings keine Exemplare aus dem Paläoautomobilikum, sondern vorwiegend welche aus den zwei ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, als mancher Hersteller nicht viel mehr in seiner Halle hatte als ein paar Drehbänke und Blechpressen. Manche Namen dürften nur noch Connaisseuren der Automobilgeschichte geläufig sein, wie der Armstrong Whitworth (das hiesige Modell war 1906 für den Kaiser von Japan gebaut worden), oder ein SHEW (Seaham Harbour Engine Works) von 1907, aber auch ein Renault von 1913 und eine Tin Lizzy von Ford aus dem selben Jahr stehen hier beieinander, welchletzterer das Zeitalter der Fließbandfertigung einläutete. Werkstatt und Ausstellungsraum sind ein anschauliches Beispiel für die Vorzeit der Massenproduktion: ein rödeliges Gedränge von Karosserien und Gestängen, Speichen und Blechen, das so eng und beklemmend zusammengerümpelt und ineinander verhakt ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann, je ein Einzelteil daraus hervorzuziehen, ohne den ganzen Bau zusammenzustürzen zu lassen.

Als Marx sein Kapital mit dem Befund eröffnete, die kapitalistische Gesellschaft erscheine als ungeheure Warensammlung, hatte er natürlich recht. Das alles, Fahrräder und Motorräder mit Seitenwagen und Luxuskarossen, war verkäufliche Ware. Marx hatte auch recht, das Geld als allgemeines Äquivalent und Allgemeines der Warenform anzusehen; Mehrwert und Ausbeutung, Lohnarbeit und Kapital, das sind allesamt triftige Analysekategorien für die Marx’sche Epoche. Doch mit Henry Ford in Amerika ändert sich die Lage. Denn mit Fords Fließbandproduktion und den hohen Löhnen, die er seinen Arbeitern zahlte, wurde das kapitalistische System rekursiv. Arbeiter wurden nicht mehr nur als auszubeutende Klasse betrachtet, sondern als potentielle Kundschaft, womit die Herr-und-Knecht-Dialektik, die Marx von Hegel übernommen und klassenkämpferisch umgedeutet hatte, eine unerwartet sozialpartnerisch anmutende Wendung nahm. Dem Profitstreben genügte es nicht mehr, die Arbeitskraft der niederen Klassen auszusaugen, man musste Kaufkraft genererieren, und den Leuten Geld in die Hand drücken, damit sie es dann auch für Konsumgüter ausgeben konnten. Gewiss: edle Charaktere mit einem hochentwickelten Sensorium für Gleichheitsideale mögen sich empören und darin nichts anderes als eine Art von Viehhaltung sehen, und in der Tat handelt es sich ja strukturell genau um das Verhalten eines Herdenbesitzers, der sein Vieh pflegt, es ordentlich füttert, für seine Gesundheit, seine Sicherheit, sein Wohlergehen sorgt, und dann reichlich für seine Mühen entgolten wird. (Das ist, nebenbei, keine rein menschliche Erfindung. Schon die Ameisen, die ihre Blattlauskolonien melken, bedienen sich solcher Methoden, und sie stellen sogar Kampfbataillone ab, welche die Blatthausherden vor Marienkäfern schützen, die ihnen nicht bloß wie die Ameisenhirten zart den Saft aus dem Leib streichen, sondern sie ohne viel Federlesens auffressen würden.) 

Nebenan, in der Annfield Plain Industrial Co-Operative Society, wird alles vorgehalten, was an Konsumgütern für die viktorianische Gesellschaft unmittelbar lebensnotwendig war, also Zelluloidkragen, Sockenhalter und Bartbinden und geriffelte Walzen, mit deren Hilfe die Damenwelt ihren Teint verbessern konnte. Die erblühende Konsumgesellschaft zeigt hier ihre schrecklich schöne Fratze - und in den Privathäusern am Ende der Stadt ist zu sehen, wohin die leichte Verfügbarkeit von Waren aller Art führt. Die Wohnungen sind bis in die letzten Winkel angefüllt mit Sächelchen und Dingelchen, mit Nippes und Stickereien, Porzellantieren und Kerzenständern, und allen anderen absurden Fetischen von Haushaltsglück…

Besonders opulent mit Samtdraperien und preziösen Objekten ausgestattet ist die Wohnung von Miss Florence Smith, einer Lehrerin für Piano und Gesang, die hier zwischen Theatervorhängen ihre Stunden gab. Aber auch der Behandlungsraum des Zahnarztes im Nachbarhaus ist kaum nüchterner. Der Behandlungsstuhl ist mit rotem Samt bezogen (vielleicht wegen der möglichen Blutflecken, vielleicht aber ebenfalls aus theatralischer Neigung), und wenn der Dentist das Pedal seines Bohrers trat, stand sein Absatz nicht etwa auf hygienisch einwandfreiem Boden, sondern auf einem orientalischen Teppich, dessen florale Rankenmuster einem de Quincey im Opiumrausch sicher ein paar hübsche Visionen bescheren hätten können. Es gibt hier aber nur Lachgas, zwei Metallzylinder an einem Gestell samt einem gummierten Beutel, aus dem der Patient das Gas einatmete, während der Doktor bereits das Pedal bediente, um seinen Bohrkopf auf Touren zu bringen.

Es ist merkwürdig: wenn mir in England das Thema Drogen begegnet, dann zumeist in Form einer Remedur. De Quincey rechtfertigt seinen Opiumkonsum mit seinen Nervenleiden, die Lachgasapparatur ist das Komplement eines (garhh!) fußbetriebenen Bohrers, und selbst der Nippesüberschwang der Interieurs scheint mir defensiv, ein Dekorriegel gegen die anstürmende Moderne. Ihr Puritaner! Könnt ihr nicht einfach mal Rausch und Schönheit um ihrer selbst willen lieben?

Es gab freilich schon seit der Wende zum 19. Jahrhundert einen Boom von Lachgasparties, bei denen selbst steife Pastoren ihre Perücke wegfliegen ließen und die Beine schmissen wie nur je eine Cancan-Tänzerin. Aber ungenierte Festfreude war auch das selten. Auf einer Aquatinta, die einen solchen ekstatischen Moment festhält, ist die peinliche Berührtheit der nüchternen Gäste zu deutlich zu sehen, als dass schiere Freude an der Szene ablesbar wäre; es ist eher eine dieser moralistischen Pinseleien, die im Stile Hogarths die Verkommenheit und den Sittenverfall der Trunkenen beklagen.

Wir schauen das alles folgsam an, den Candy Shop, vor dem ein Grundschulklasse auf Exkursion (Kappen für die Knaben und Häubchen für die Mädchen) Schlange steht, die Druckerei, die Rechtsanwaltskanzlei, und wir verfolgen geduldig, wie bei den Stallungen Pferde beschlagen werden. Die alten Eisen werden abgezogen, dann wird der Hufrand mit einer Zange zurechtgezwickt, die Vertiefung für den neuen Huf eingeschnitten und alles geraspelt, während auf einem Gasbrenner schon das neue Eisen erhitzt wird. Das Pferd steht ruhig. Selbst, als das heiße Eisen zischend auf den Huf gedrückt wird und der Gestank verbrannten Horns über den Hof zieht, bleibt das Pferd ungerührt. Der Schmied bessert mit ein paar Hammerschlägen die Passform nach; wieder wölkt Qualm auf, als er das Hufeisen aufpresst. Die Nägel werden eingeschlagen, die austretenden Spitzen abgekniffen und abgefeilt, fertig. Der Gaul lässt einen Apfel fallen. Der Nächste bitte.

Die Prozedur hat ordentlich Durst gemacht; den Geruch verschmorten Keratins immer noch in den Nüstern kehren wir auf einen Drink im Pub ein. 

Seltsamerweise ist das deutlichste Anzeichen, dass wir nicht in einem ganz normalen, heutigen Pub sind, der Plastikbecher, in dem das Ale serviert wird. Ansonsten stelle ich fest, dass die ästhetische Grundhaltung englischer Gastwirtschaften sich seit Queen Victoria nicht sonderlich verändert hat. Die hölzerne Theke ist geblieben, oft auch das hölzerne Buffet dahinter, die tapezierten Wände und die gerahmten Bilder und Emailleschilder darauf, oft ein Kamin (auch wenn heute zumeist nur LED-Lämpchen darin glimmen, die erstaunlich echten Effekt machen), Staubfänger auf Borden. Heute würde man vielleicht nicht mehr so viel Jagdtrophäen anbringen und die Widderköpfe und Hirschschädel, die Auerhähne und die Moorhühner beiseite lassen, die empfindliche Gemüter daran erinnern könnten, dass Lebewesen sich von anderen Lebewesen ernähren, und dass es so etwas Abscheuliches gibt wie Nahrungsketten, obwohl der liebe Gott doch auch einfach Proteine vom Himmel regnen lassen könnte wie Manna, eine Lokalrunde nach der anderen. Der liebe Gott hat die Welt aber anders eingerichtet, er hat eine kriegerische und von Konkurrenz und Ausbeutung bestimmte Welt geschaffen, eine Welt von Mühsal und Arbeit und Blut und Schweiß und Tränen, was alles zu unserem Besten ist, und uns davor bewahrt, einer dummen und trägen Behaglichkeit zu verfallen. Der liebe Gott hatte dabei einen Plan, und da er vieles abwägen musste, und die schöne Bequemlichkeit des Menschen gegen dessen moralische Wahlfreiheit hielt, das gemütliche Beharren im Immergleichen gegen eine mögliche Verbesserung, die Schönheit des Ganzen gegen das Grauen im Detail - um hier nur ein paar Punkte zu nennen - hat er die Welt so geschaffen, wie sie ist, nämlich als die beste aller möglichen, wie ich nicht müde werde zu betonen. Was nicht bedeutet, dass Pale Ale im Glas nicht noch ein klein wenig besser wäre als im Plastikbecher, aber wahrscheinlich hat sich der liebe Gott sogar dabei was gedacht. (Aber was nur, um Himmels willen?)

Was Krieg und Ausbeutung angeht, haben wir in Beamish noch zwei Stationen zur Illustration vor uns. Da ist die Farm von 1940, die aber, ehrlich gesagt, nicht weiter interessant ist, und an die ich mich auch kaum noch erinnere, bis auf das Bild, wie eine Frau in Kittelschürze Teppiche über den Zaun hängte und sie mit einem Teppichklopfer traktierte, als hätte sie Hitler selbst übers Knie gelegt und versohle ihm nun ordentlich den Hintern. Die Frau - und daran merkt man, wie sehr die Freiwilligen hier für ihre Rollen leben - trägt Victory Rolls, wie es damals Mode war, Mode werden musste. Vor dem Krieg trugen die Frauen das Haar lang und offen; als der Krieg begonnen hatte und sie die Männer an den Werkbänken der Fabriken ersetzen mussten, kam es immer wieder zu Arbeitsunfällen, bei denen die langen Strähnen zwischen Treibriemen, Walzen und Fräsen gerieten und die Frauenköpfe in die wirbelnde Maschinerie zogen und skalpierten. Selbst Veronica Lake, blonde femme fatale der frühen Vierziger, ließ sich damals ihre goldschimmernde Haarpracht aufrollen, um für praxistauglich engsitzende Frisuren zu werben.

Ob der liebe Gott sich auch bei diesem Krieg etwas gedacht hat? Verfolgte er bestimmte Ziele bei diesem großen Schlachten, dem wütenden Donner, der den Planeten erschütterte, den Millionen und Abermillionen Toten und Verstümmelten und von Leid und Trauer Zerrissenen? Ich traue es dem lieben - oder auch nicht so lieben - Gott zu, dass er das alles nur anzettelte, um Veronica Lakes schöne, goldene Haarflut einmal zu Victory Rolls geformt zu sehen. 

Ich will zugeben, dass diese Mutmaßung nicht ganz die philosophische Höhe der Leibnizschen oder der Hegelschen Theodizeen erreicht; aber wer weiß schon, was im Kopf dieses wirren alten Mannes namens Gott vorgeht?

Nun, vielleicht wusste es Marx, oder doch zumindest einer seiner Cousins zweiten Grades: die Gewerkschaft.

Im Pit Village unweit der Farm von 1940 finden wir eine Arbeitersiedlung der Jahrhundertwende, die so von Aufstiegshoffnung und Zuversicht erfüllt ist, dass ich der Rührung darüber nichts entgegenzusetzen habe. Pit Village ist eine verdichtete Version der Kohlengrubendörfer im englischen Nordwesten, von Mineneignern für ihre Arbeiter und deren Familien als schmale Häuserreihen errichtet, die, deutlich komfortabler als die bislang üblichen Kasernen oder Baracken, schon kleinstbürgerliche Behausungen mit kleinen Gärten waren, in denen Gemüse gezogen und Hasen und Tauben gehalten werden konnten. Für Proletarier der Epoche muss das wie eine offene Pforte in ein menschenwürdiges Dasein gewirkt haben. Schon die Abtritte hinter den Häusern waren ein sanitärer Fortschritt und eine mähliche Verbesserung der Lebensumstände, die Backsteinschuppen ebenfalls, in denen die Arbeiter nach Feierabend an Drehbänken drechselten und frästen oder aus allerlei nutzlosem Zeug (Scherben, Metallstücken, Flaschenverschlüssen, Fetzen von Zigarettenpackungen oder alter Wäsche) Mosaike als Wohnungsschmuck bastelten. Die Frauen fertigten Decken aus schmalen Wollfilzstreifen, die sie mit einer Ahle durch Leinwand zogen und zu knubbeligen Knotenflächen schnürten. Als Tagesdecken, Läufer oder Wandteppiche zieren sie die Wohnungen - auch sie Mosaike aus Filzschnippseln, Stoffresten, Lumpenabschnitten, billigem Kram; wie die Männer verwandelten die Frauen Abfall in Schmuck. Es sind Bürgertugenden, aus denen diese Dinge entstehen - Sparsamkeit und Fleiß vor allem, aber auch der Wille, sich ein ordentliches und gepflegtes Heim zu schaffen. Auch Strebsamkeit und Lerneifer scheinen hier zuhaus gewesen zu sein - ein Linguaphone-Koffer mit den Schellackplatten für einen Deutschkurs steht auf einer Kommode (Erste Lektion: The Schneider Family) - und auch der Musik war man offenbar zugeneigt, freilich nicht dem wilden Gefiedel und Geschrammel, zu dem Jigs und Reels getanzt werden. Das Harmonium im Stubenwinkel ist nicht grade ein Instrument zu tänzerisch rauschhafter Entfesselung, sondern versorgte vor allem Kirchen und Kapellen mit frommen Klängen (weshalb man es auch in lästerlichen Kreisen Halleluja-Pumpe nannte). Musik - und das gilt auch für die Blasmusik der Hetton Silver Band, die am Dorfeingang ihr Vereinshaus hat - wurde „im Viktorianischen Zeitalter oft als Mittel zur moralischen Erziehung der Arbeiterklasse betrachtet“, wie es der Essential Guide to Beamish ausdrückt. Wahrscheinlich steht dahinter die Idee, dass Orchester ihre Mitglieder an Selbstkontrolle und Disziplin, Unterordnung und Gehorsam gewöhnen, Kooperationsfähigkeit im weitesten Sinn, und das mag ja auch seine Richtigkeit haben. Da diese Tugenden allerdings in Blasmusikkapellen nicht weniger gute Dienste tun als in Wolfsrudeln und Mafiabanden, und auch bei Umstürzlern und Terrorgruppen ganz brauchbar sind, bin ich mir nicht so sicher, dass man mit musikalischer Früherziehung zwangsläufig das moralische Niveau hebt. Es gibt brutale Bratschisten und kleptomane Klarinettenspieler, Psychopathen am Piano und gewalttätige Waldhornvirtuosen, und an bigotten Fagottisten und tückischen Trompetern wird es in der Welt wohl auch nicht gemangelt haben. Aber ich will nicht zynisch werden, das entspräche nicht dem Geist des Pit Village, denn wie gesagt: ich bin gerührt. Gerührt von dem bescheidenen Wohlstand der Minenarbeiterfamilien, gerührt von ihrem Fleiß und dem Willen, es sich schön zu machen, so gut es eben möglich war, gerührt von ihrem Streben nach Bildung und von ihrer Hoffnung, dass ihre Kinder es einmal besser haben mögen als ihnen selber vergönnt war; gerührt auch von dem Banner der National Union of Mineworkers, auf dem eine entfernte Verwandte der Athene eine Flagge mit der Aufschrift Emancipation of Labour und einen Blumenkranz hält, und darunter die Schriftbänder mit den Worten: Workers of all lands unite, you have nothing to lose but your chains, you have a world to win!  Der Philologe in mir, der auf korrektes Zitieren Wert legt, ist einen Moment lang verdrossen über die Umstellungen dieser Satzteile, mit denen das Kommunistische Manifest schließt, doch Pingeligkeit beim Zitieren ist nun wirklich das Letzte, das eine Revolution gebrauchen kann.

Andererseits ist von Revolutionssehnsüchten trotz der Marxschen Flammensprüche hier nichts zu spüren. Der Klassenkampf, wie er in Russland und in China geführt werden sollte, wo er als Vernichtung der Bourgeoisie durch Erschießungskommandos oder als Exorzismus im Umerziehungslager angelegt war, ist hier fern. Auch mit der Variante von 1794, wie sie Büchner in Dantons Tod schildert („Totgeschlagen, wer lesen und schreiben kann!“ oder „Er hat ein Schnupftuch! Ein Aristokrat! an die Laterne! an die Laterne!“), hat das hier nichts zu tun. Diese braven Minenarbeiter wollten das Bürgertum ersichtlich nicht zerstören, sondern ihm selber zugehören; sie wollten sich und ihre Nachkommen in der Klassengesellschaft höher plazieren, ohne, so scheint’s, die Klassengesellschaft als solche in Frage zu stellen. Sie wollten Aufstiegsmöglichkeiten, nicht Einebnung schaffen. Darum ist das Anrührendste im Pit Village das Schulgebäude, gleich neben der Kirche. 

An den Wänden hängen Aufrisse von Frosch-Innereien und dem Bau einer Fliege (so groß wie ein Drittklässler). Ein Schaubild mit Hygienemaßnahmen gegen Tuberkulose. Auf einem Vitrinenschrank eine ausgestopfte Ente und eine ausgestopfte Silbermöwe in einem Glaskasten, im Schrank weitere Präparate, Kaorimuscheln, Gesteine. Auf der großen Schiefertafel sind Rechenaufgaben notiert (10+6=16, 3x11=39, da hat sich jemand einen Scherz erlaubt), dazu der Sinnspruch Little drops of water, little grains of sand, make the mighty ocean and the pleasant land, was wohl ungefähr bedeuten soll: Gemeinsam sind wir stark oder Übung macht den Meister.

Wahrscheinlich war der Schulalltag grausig und bestand aus Auswendiglernen, Datenaufsagen und dem unerbittlichen Repetieren des Großen Einmaleins. Es wurde streng auf Disziplin geachtet. Ebenfalls auf der Tafel der Hinweis: Children should be seen, not heard. Natürlich gab es den Rohrstock und Tatzen auf die linke Hand (wofür sich schmählicherweise keine Kinder-Volunteers zur Verfügung stellen); Sünder wurden in die Ecke gestellt und mussten dort mit den Händen auf dem Kopf ausharren. Doch auch, wenn es wenig Grund gibt, die Zustände zu idealisieren, meine ich zu spüren, dass einmal ein hoffnungsvoller Geist durch diesen Schulsaal wie durch die ganze Siedlung wehte. Etwas von Volksbildung, Aufklärung und Fortschritt, auch von Solidarität und Gemeinschaftssinn liegt über allem - und dieser Gemeinschaftssinn war sicherlich auch nötig für die miners, wenn sie in die Gruben einfuhren und sich dort unten aufeinander verlassen mussten. 

Es war ein gut bezahlter, aber gefährlicher Job. Allein im Jahr 1913 starben 1000 Kohlekumpel bei der Arbeit in den Revieren Yorkshires; im Durchschnitt wurde alle fünf Minuten einer verletzt oder getötet, und auch das ist heute noch atmosphärisch gegenwärtig. Die Zeche neben dem Pit Village mit all ihren Gleisen, den rostigen Loren und Waggons, den Förderbändern und Winden und Kränen, ist heute die Nekropole einer untergegangenen Industrie. Zwar herrscht einiger Betrieb, weil sich eine Gruppe von Freiwilligen, die Spaß daran haben, Maschinenachsen zu fetten und Lokomotivgestänge zu schmieren, auf dem Platz tummelt, um der schwergängigen Prozession einer Dampfwalze beizuwohnen, die über den Kies hinmalmt. Doch das sind ausschließlich ältere Herren, die ihren Ingenieursneigungen frönen und als technophile Messdiener dem Walten der Mechanik huldigen. Sie beten das fröhliche Stoßen der Kolben und Zylinder an, das Werkeln von Druck und Schub und Reibung, und bewundern die ingeniöse Konstruktion der Dinge; sie spielen, so wie ich als Kind mit meiner Dampfmaschine rummachte und die Raffinesse der Kraftübertragungen zu schätzen lernte, und wie sich einförmiger Schub in alle möglichen Bewegungsrichtungen umlenken lässt. Doch sobald wir ins Winding Engine House am Rand der Anlage gestiegen sind - rosa gestrichene Schuppen auf Pfählen, die das eigentliche Kraftzentrum der Zeche darstellen - sehen wir nur noch Totes. Kohlebrocken auf einem Förderband, im Hof aufeinandergeworfene Gleisschwellen, daneben die verrosteten Schienenstühle, wie die Profileisen genannt werden, mit denen die Gleise auf den Schwellen fixiert sind. Der Schienenstrang, der über eine Plankenbrücke zu einer Halde führt, erinnert schmerzlich an die Rampen von  Auschwitz und Treblinka. Als ich da stehe und auf die Brücke blicke, verpufft jeder utopische Gehalt, den Pit Village zu zollen ich willens war. Ich sehe nur noch die Ausbeutung, den Verschleiß, die wütende Auszehrung von Menschen, Profit aus Kadavern. Sentimentalität.

Als wir zum Parkplatz kommen, ist der Hobbit wieder da, der uns gestern davonscheuchte. Auch heute abend nimmt er sich wieder das Unkraut vor. Er hat eine Gasflasche auf dem Rücken, den Brenner in der Hand, flämmt die Pflasterfugen ab. Er hat uns erkannt und hebt zum Abschied die Rechte mit der Gasfackel. Nieder mit den Orks!

Ein paar Kilometer weiter braten wir auf einer sonnigen Picknickwiese die Kräuterwürste aus Richmond, dazu Paprikagemüse. Von nun an führt der Weg südwärts. Die Heimreise hat begonnen.

Zwei Stunden später kehren wir in einem Pub bei Chop Gate in den Cleveland Hills ein. Der Wirt ist gebürtiger Australier, der ein paar Jahre in Heidelberg gelebt und dabei offenbar eine Schwäche für deutsche Braukunst und deutsche Küche entwickelt hat. Aus den Zapfhähnen fließen sieben deutsche Biere, und die Speisekarte bietet neben Rippchen, die in Cider geschmort und mit Sauerkraut und Rotkohl serviert werden, auch Kasse Spatzle an, was womöglich schwäbische Kässpätzle sein sollen, hier allerdings ohne Käse und Röstzwiebeln, sondern mit einer Gemüse-Tomaten-Soße, was ebenso eigenwillig ist wie das sogenannte Bayrische Gulasch, das hier in Port und Rotwein geschmort wird; es bleibt allerdings unerfindlich, ob der Port von den berühmten Weinhängen der Hallertau stammt oder von den Steillagen des Wendelstein. Ich will freilich nicht mäkelig sein; von North Yorkshire aus gesehen, liegt Bayern auf einer Linie mit Burgenland und Breisgau, Bourgogne und Bordeaux, und da fällt es schwer, zu glauben, dass zwischen all diesen Weinregionen ausgerechnet in Bayern keine Rebstöcke stehen sollten. 

Aber glücklicherweise müssen wir eh nicht essen, kein Jägerschnitzel und kein Wammerl, sondern können uns mit ein paar Gläsern begnügen. Nach der ersten Halben Hofbräu gehe ich zu Cameron’s Strongarm und Copper Dragon Golden Pippin über, bevor wir in unsere Koje kriechen und der Regen, der uns den ganzen Tag über verschont hat, schließlich matt niedergeht und mit zärtlichem Fingertrippeln das Busdach tätschelt.

Wir stellen uns vor, dass die französischen Feuerwerke zum 14. Juli uns einen Gruß schicken: ein Prickeln von Raketenhülsen und Sternschweifen.


15. Juli. Chop Gate, Beverley, Hull


Es regnet auch am Vormittag noch. Der strömende Regen trübt alles ein; den Yorkshire Moors wächst so etwas mild Verträumtes und Dunstüberflortes zu, schafft es in ein Land mit freundlich hängenden Schultern um, das sich sanft in Melancholie ergeht. Wir fahren gute zwei Stunden bis Beverley, finden einen Parkplatz, und stellen dann fest, dass er für Mitglieder des Beverley Conservative Club reserviert ist. Drei Pfund in die Parkuhr zu stecken genügt nicht, man muss auch noch das Einverständnis des Clubs einholen. Also klopfe ich. Hinter der Milchglasscheibe sind undeutliche Schemen zu ahnen. Ich spüre, wie ich von einer Kamera abgescannt werde. Sind mittlerweile solche Sicherheitsvorkehrungen nötig, um Konservative zu schützen? Oder werden hier sogar konterrevolutionäre Ränke geschmiedet, Verschwörungen ausgeheckt? Tagen hier etwa Edmund Burkes geheime Wiedergänger?

Mein Tweedjacket, mein Hut, meine Cordhose sind möglicherweise hilfreich. Wenn sie hier nur Konservative wollen, bin ich zumindest äußerlich gerüstet. Schließlich geht ein Summer, ich trete ein. Drinnen steht eine ältere Frau, die wahrscheinlich grade ihr Kopftuch und ihre Gummihandschuhe abgelegt hat, um respektabler auszusehen, was aber nichts hilft, weil sie verlegen wirkt, als hätte ich sie bei irgendeiner Ungehörigkeit aufgestört. Ein junger Mann kommt dazu, sehr maskulin, Typ Türsteher. Er gestattet uns, das Auto bis Mitternacht zu parken, und ich frage mich, warum ausgerechnet Mitternacht. Kriechen dann die konservativen Gespenster aus ihren Särgen, Donoso Cortés und Joseph de Maistre, um reaktionären Umtrieben im Club ihren Segen zu geben? Der Türsteher geleitet uns nach draußen, als wolle er verhindern, dass wir in die Hinterzimmer spähen. Es fühlt sich alles ein wenig geheimnistuerisch an - sehr befremdlich.

Später frage ich in der St Mary’s Church den alten Herrn, der den Cicerone für die Kirchenbesucher gibt, ob er den Club kenne. Oh ja, sagt er, er sei selbst Mitglied, habe auch lange Jahre in der Snooker-Mannschaft mitgespielt, die Tennisanlage und das Cricketfeld seien gepflegt, und die Bar sei ein geselliger Ort. Aber was soll er auch anderes sagen? Kein Dunkelmann würde offen zugeben, dass er einem Verein von Dunkelmännern angehört. 

Neben dem zinnenbewehrten Stadttor, durch das es ins Zentrum geht, stehen zwei sehr ansehnliche Fachwerkhäuser mit rußgrauen Reliefs aus geschnitzter Eiche. In hölzerne Zierbänder sind Säulenträger eingelegt, allerdings nicht in der klassischen Form von Kuros und Karyatide; aus dem Kuros ist ein beleibter Bürger in Gehrock und Melone geworden, aus der Karyatide eine alte Jungfer, die ihren Mund zu einem breiten Greinen aufreißt. Zwar gibt es an der Fassade auch einen Kuros in Ritterrüstung und einen schottischen Kämpfer in Kilt und Schulterumhang, die diesen mittelalterlich wirkenden Fachwerkschmuck mittels historisch passender Tracht umsetzen, aber Gehrock und Melone deuten doch drauf hin, dass dieses Mittelalter erst im 19. Jahrhundert nachgeschaffen wurde und ein Produkt des Viktorianischen Zeitalters darstellt. (Wie ja auch die gute, alte Zeit, von der manch konservative Einfaltspinsel schwadronieren, meist nur ein nachträgliches und geschichtsfälscherisches Konstrukt ist - die dreisteste mir bekannte Version hat Novalis in seinem Europa-Aufsatz vorgelegt, aber die ist passagenweise so delirant, dass man sie auch für einen irren Jux halten, und, wie die Romantiker bei der Lektüre von Schillers Glocke, vor Lachen vom Stuhl fallen könnte.)

An dem benachbarten Fachwerkhaus stehen ein paar rotlackierte Bischöfe auf den Giebelseiten; bunte Wappen, die auf dem Schnitzwerk des Tudorerkers im ersten Geschoss aufgereiht sind, wirken sehr ehrwürdig - jedenfalls ehrwürdiger als die knallroten Köpfe und Drachen, die den Gesimsen aufgesetzt sind und die ein bisschen aussehen wie indische Tempeldämonen, mit denen Zirkuszauberer und Trickhypnotiseure ihre Bühne ausstaffieren…

Die zwei Fachwerkhäuser und das North Bar-Stadttor gehören wahrscheinlich zu den beliebtesten Fotomotiven Beverleys. Sie bürgen für die historische Verwurzelung der Stadt im Tiefengrund der Zeit - doch wenn man genauer hinblickt, entdeckt man schnell den Zirkus und die Mache darin, Geschichtsscharlatanerie und architektonisches Kasperletheater.

Ich bin gewiss kein Purist. Anderswo würde mich dieser freche Synkretismus und dieser ungenierte Griff in die Plunderkiste der Historie nicht stören, ich würde ihn im Gegenteil als vitales Jonglieren mit den Möglichkeiten hochachten. In einem Land allerdings, das sich durch den Brexit der Bewahrung oder Wiedergewinnung seiner vermeinten Identität verschrieben hat (obwohl Identität flüssig, fungibel, reaktiv wie Sauerstoff und folglich jedermanns Flittchen ist) sehe ich in dem Beharren auf Eigenständigkeit vor allem Heuchelei. Sie imaginiert, oder vielmehr: halluziniert sich ein stabiles Selbst, das aus nichts aus Autochthonem erbaut ist; ein Nationalismus aus lauter Originalbauteilen und Wir-sind-wir-Gefühl. Aber die Originalbauteile hat (wie alle Welt) auch England immer schon zu einem Großteil aus dem Ausland importiert, es hat Neues als alt ausgegeben, Fremdes als Eigenes, Eigenes als Fremdes, es hat Fremdes sich anverwandelt, Eigenes ausgeschieden - und genau darin, nicht wahr?, könnte wohl eine gelingende nationale Identität bestehen: in geglückter Verdauung. 

Doch England ist über die Ära des Epsomsalzes nicht hinweg. Es bekämpft Verstopfung mit einem Abführmittel, statt das xenophobe Immunsystem mit Fremdstoffen so lang zu traktieren, dass es sie irgendwann erträgt und als den Teil des Selbst akzeptiert, der ohnehin längst einer ist. 

Im linken Fachwerk (dem mit dem Gehrock-und-Melonen-Mann) sitzt ein italienisches Restaurant, im rechten (rote Bischöfe und Drachen) ein Inder. Hinter dem Tor folgt dann ein türkisches Restaurant (Börek und Falafel, allerlei Meze und Tontopfgeschmore, aber auch Cesar’s Salad und Penne Arrabbiata, denn noch nicht mal die Türken sind kulinarisch sie selbst), zwei Häuser weiter ein Franzose mit Gänselebermousse und Froschschenkeln und mehrfach falsch geschriebenem Bouche à le Reine. Nationale Identität? Du meine Güte!

Der Beverley Market ist unter der Woche wahrscheinlich von der selben steinernen Kargheit wie so viele Plätze in nordenglischen Städten, ohne einen Strupps lebendigen Grüns und eine bloße Autoabstelle. Aber heute ist Markttag, und darum ist die gepflasterte Fläche voll mit Ständen, die Zeug verkaufen wollen. Ein Marktschreier mit Headset und Lautsprecheranschluss preist Fleisch an, da so obszön angerichtet und in rosafarbenen Massen aufgestapelt ist, dass man zum Vegetarier werden könnte. Verklärte Esoterikerinnen bieten Räucherstäbchen und heilkräftige Kristalle an, die ewiges Leben verheißen, und ich muss immerhin zugeben, dass ich keine Ahnung habe, ob die Marktfrau Mitte Zwanzig ist und wie verlebte Vierzig aussieht, oder ob sie doch eine gut erhaltene Sechzigjährige ist. Möglicherweise hat ihr Sandelholz und Patschuli zu einer Art von Zeitlosigkeit verholfen, und in Wahrheit hat sie die Hundert längst überschritten. Der Stand daneben hat Second-Hand-Klamotten, die so abscheulich sind, dass mir sofort der Speichel einschießt vor Begierde, doch zu Dagmars Erleichterung passt mir weder das eitergelbe Glenchecksakko noch das stockfleckige und nach Drachenkot riechende Jabothemd. Auch die flamboyante Weste in absonderlich scheelen Grüntönen spannt überm Bauch, was kein Wunder ist, denn in solche Westen passen eigentlich nur Opiumesser in einem späten Stadium der Auszehrung, und ich bin ja eher ein verfetteter Prasser und Säufer. Weshalb ich auch schon mal einen gierigen Blick auf den Imbiss werfe, auf dessen Bratplatte Blutwurstscheiben und Spiegeleier und Zwiebelspalten brutzeln. Darauf werden wir später zurückkommen.

Zuerst wollen wir natürlich in den Minster. Irgendwo habe ich gelesen, dass er als einer der schönsten Englands gilt und von vielen als Meisterwerk gotischer Baukunst betrachtet wird. Das mag sein, aber manchmal werden Meisterwerke auch nur als solche empfunden, weil alle individuellen Extravaganzen und originellen Züge daraus getilgt sind. Beverley Minster ist harmonisch, reich an Details, geschmackvoll und gediegen, die Steinmetze waren durchaus erfinderisch und geschickt und manchmal auch in burlesker Laune, aber der Raumeindruck im Gesamten reißt nicht mit und neigt zum Banalen. Wenn der Bau in etwas hervorragt, dann in der Kategorie Großartige Durchschnittlichkeit.

Doch man wird einem Bauwerk nicht gerecht, wenn man von ihm nur das Besondere und Markante, eine prägnante Abweichung vom Ideal oder vom Durchschnitt erhofft; schon allein der Umstand, dass es Abweichung vom Ideal nur geben kann, wenn auch ein erfülltes existiert, sollte einem vorschnellen Urteil Einhalt gebieten. Erfüllung und Defizienz bedingen und brauchen einander. Wenn alle Häuser schief wären, würden sie alle als grade angesehen. Wenn alle anders wären, wären alle gleich, ein dumpfer Schmortopf von Homogenität. Beverley Minster nimmt die undankbare Aufgabe auf sich, ein Ideal zu verkörpern, damit sich vor diesem Hintergrund die Variationen auffächern und entfalten können, und auch das ist letztlich durchaus ehrenwert. 

Englische Kirchen sind erfreulich aufgeschlossen gegenüber moderner Kunst, aufgeschlossener jedenfalls als die romanischen Länder (oder vielleicht einfach die Katholiken), in denen die jüngsten modernen Ausstattungsstücke oft die Altäre sind. Diese wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erforderlich, da die Zelebrationsrichtung sich von versus orientem auf versus populum verschob, und das Volk sehen und verstehen sollte, was der Priester da tat. Nach dem aggiornamento des Konzils möblierte man die katholischen Kirchen mit ästhetisch manchmal sehr fragwürdigen Altartischen und Ambos, vertraute ansonsten aber darauf, dass die im letzten Jahrtausend angesammelte sakrale Pinselei und Steinmetzarbeit die Kunstbedürfnisse des Volks schon befriedigen würde. Das ist recht bedauerlich, denn es wären interessante Gegenüberstellungen mit moderner Kunst denkbar - Jeff Koons in der Sixtinischen Kapelle, Jannis Kounellis vor den Giotto-Fresken in Assisi, Beuys in San Marco, Turrell in Saint-Denis, Sophie Calle in Loreto und Tracey Enim in Tschenstochau, die Sache müsste ein Fest für Kuratoren sein. Die katholische Kirche verfährt mit moderner Kunst indes zurückhaltend und präsentiert sie, was Wunder, eher pflichtschuldig als enthusiastisch. In den Vatikanischen Museen etwa gelangt der Besucher erst dann in den Bereich der Moderne, wenn ihn bereits vollständige Erschöpfung und Übersättigung ergriffen hat, und er die Hallen nur noch mit dem einzigen Ziel durcheilt, sich so schnell wie möglich irgendwo bei einem Tramezzino und einem kleinen Weißen niederzusetzen. 

Hier in Beverley aber sind einige interessante Stücke zu sehen. Da ist zum Beispiel ein Kreuz aus massiven schrundigen Holzplanken, genarbt und angerußt. Christus fehlt. Die Form des Gekreuzigten ist herausgefräst, eine Leerstelle, doch man bemerkt sie erst, wenn man die Skulptur aus der Nähe in Augenschein nimmt. Aus einiger Entfernung füllt unsere Erwartung dieses Fehlen; die immer zu einem Trick aufgelegte Wahrnehmung verwandelt die Abwesenheit in einen plastisch wirkenden Körper, der vor dem Kreuz zu schweben scheint. Raffiniert gemacht!

Dieses Spiel mit An- und Abwesenheit, Ganzheit und Lücke, wird von einer Klanginstallation hinter dem Chor auf ihre Weise weitergetrieben. Die Kirche ist von polyphonem Gesang erfüllt, dessen Quelle sich in einem schwarzen, von Fransenvorhängen umgebenen Zelt befindet. Innerhalb dieses Zelts aber wird durch irgendeinen rätselhaften technischen Kniff der Gesang in einzelne Soundsplitter zerhackt und aufgespalten, in ein bröckeliges und kakophones Stückwerk von Klangspuren… Die Bilder der Sänger sind an den Zeltwänden aufgereiht, einmal als treues Abbild und einmal als deren anamorphotische Verzerrungen. Sind beide Werke nicht eine raffinierte Meditation des Pauluswortes aus dem Korintherbrief, dass wir jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort sehen, dann aber von Angesicht zu Angesicht? „Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk; dann aber werde ich erkennen“.

Wir essen bei dem Imbissstand gebratenen black pudding und pulled pork mit Apfelsoße, was ergötzlicher wäre, wenn man dazu auch etwas Anständiges zu trinken bekäme. Der Imbiss hat allerdings keine Konzession für ehrenwerte Begleitgetränke, worunter Fanta und Coke definitiv nicht gerechnet werden können. Wir spülen, was von unserer Mahlzeit zwischen den Zähnen geblieben ist, im Grapes mit einer Halfpint Ale respektive Cider hinunter und schauen irritiert drei Männer auf der anderen Seite der Theke an. Einer von ihnen, ein schmaler Kahlkopf, ähnelt verblüffend einem unserer Hausmitbewohner (sei gegrüßt, Georg!); er hat sogar dessen grüne Trainingsjacke an. Der zweite ist der Wiedergänger des Mannes, der unser Nachbarhaus besitzt, ein mürrischer Mittsiebziger, der es in seinem langen Handwerkerleben zu einem silbergrauen Jaguar und einem mäßig sitzenden Haarteil gebracht hat. (Das Haus war ererbt; na gut, das Haarteil vielleicht auch.) Der dritte schließlich muss der Vetter des fetten Weinhändlers um die Ecke sein, der jedoch - anders als sein etwas diskreterer Cousin es ja wagen würde - seinen adipösen Leib mit einem fuchsiafarbenen Hemd und einer darüber hängenden, dicken Goldkette geschmückt hat, sodass er aussieht wie Tante Bertha auf Männerfang. Was für ein befremdliches Zeichen aus der Heimat ist das wohl? Jedenfalls keins, das uns uneingeschränkt nach Hause locken will, so viel ist schon mal klar.

Hull - mit vollem Namen Kingston-upon-Hull - liegt keine halbe Stunde entfernt. An einem Campingplatz außerhalb stehen wir an einem Karpfenteich, um den eine Horde von Kindern tollt. Es ist ja Samstag, und vor den Wohnwagen auf dem Rasen verbringen Arbeiterfamilien ihr Wochenende. Muttern holt Bier, Vattern trinkt es. Billy haut Jane, Jane haut John, Papa haut John und Billy, Mama haut Jane, und Jane wieder Billy, der danach verschwindet, um seinerseits jemanden zu suchen, den er hauen kann. Offenbar erfolgreich, denn nach einer Weile kommt ein erboster Mann, der Billy am Ohr zu Vattern führt und sich beschwert. Vattern bietet dem Mann ein Bier an, und die beiden trinken eins, dann zwei, dann das dritte. Es ist nur Stella, bei der Plörre kann man ruhig zulangen. Muttern klopft zwischendurch Teppiche aus, was immer noch besser ist, als Kinder zu verdreschen. Jenseits des Teichs, hinter dem Zaun leuchtet blond Getreide, das muss auch bald gedroschen werden, damit die harten Spelzen abgelöst werden, bei Kindern macht man’s eben genauso.

Zwischendurch gehen immer wieder lahme Schauer wieder; bei der Sippe nebenan werden die Steaks für den Grill geklopft (ohne Prügel geht’s einfach nicht); wir braten Gemüse, aber mit soviel Knoblauch, dass es für den Fall, dass ich morgen Vattern beim Rasieren im Sanitärblock treffen sollte, genügt, ihm meinen Atem ins Gesicht zu blasen, um ihn zu strafen.

Der Abend wird schön. Ein Perlmuttsonnenuntergang, schwarze Wolkenflocken, darunter  Striemen in Rosa und Gelb, himmlisches Hämatomschillern. Im Vordergrund stehen Schilfpeitschen.


16. Juli. Hull


In Hull parken wir am Fruit Market. Hier müssen einmal große Warenmengen umgeschlagen worden sein, wovon Hafenbecken und aufgelassene Docks zeugen, aber das ist lang vorbei. Das Gelände ist heute im Umbruch, voller Brachen und Schutthaufen und niedergerissenen und sich langsam wieder hervorkrempelnden Gebäuden. Auch Hull versucht, wie so viele Städte, den Niedergang der industriellen und merkantilen Basis durch Kultur und Amüsement zu kompensieren, darum hat sich um den Fruit Market eine Szene von Kleinkunsthandwerk, Second Hand-Läden und alternativen Kneipen etabliert. Aber die Kleinkunst ist wirklich sehr klein, so klein, dass sie schon keine Kunst mehr ist, sondern nur armselige Bastelei, wie die jener Frau, die am Strand Kiesel aufgelesen und ihnen dann mit Plakafarben eine Zahnreihe, zwei Augen als einfache Striche und zwei Ohren als Zirkonflexe aufgemalt hat, sodass sie als grinsende Wale durchgehen können. Immerhin war Hull einst ein bedeutender Walfängerhafen, der sogar in Moby Dick Erwähnung findet, den ich mir nach dem Tristram wieder einmal vorgenommen habe. Zudem sind mir Kieselsteinwale noch sympathischer als die Teekannenwärmer, die eine andere Frau gehäkelt hat: ein Einhorn mit bewimperten Glasaugen und Goldlamée-Horn, dem aus der linken Flanke ein Kannenhenkel und aus der rechten die Tülle ragt; ein blaues Huhn, zwischen dessen roten Kehllappen die Tülle liegt (der Henkel entsprechend in Bürzelgegend); gestrickte Eichhörnchen und rot-weiß geringelte Mäuse, die über Teekannen gestülpt sind; sogar Meister Yoda, dieser spitzohrige  Kerl, der in Star Wars als Inbegriff des Weisen figuriert, obwohl er auch am Ende seiner neunhundert Lebensjahre noch nicht gelernt hat, sich den im Englischen gebräuchlichen Satzbauplan von Subjekt-Prädikat-Objekt anzueignen, und das ist nun wirklich eine ziemlich einfache Angelegenheit. Stattdessen benutzt Meister Yoda die abwegige Form Objekt-Subjekt-Prädikat, die sonst eigentlich nur bei einigen Stämmen im brasilianischen Regenwald zuhause ist, den Xavante, den Jamamadi, den Apuriña und einigen anderen, deren technologische Interessen vor allem der Verfertigung von Blasrohren und Penisfutteralen gelten, was sicher ehrenwertes Handwerk ist, aber, nun, auch nicht grade etwas, das die Menschheit entscheidend weiterbringt. Ich will diesen Stämmen nicht zu nahe treten, und bin mir auch sicher, dass ihre Angehörigen im Durchschnitt ebenso intellligent oder moralisch rechtschaffen sind wie irgendein beliebiger, sagen wir, Farmer aus Iowa - sie haben sich allerdings bislang auch noch nicht als wesentliche Beiträger zum Tiefsinnsfundus der Menschheit erwiesen, und darum würde ich ihnen ungern eine Führungsposition bei der Steuerung der Geschicke des Universums einräumen, wie Yoda sie innehat, und damit ist die Abschweifung auch schon zu Ende - à propos Abschweifung: letztlich möchte ich meinen Tee auch nicht aus einer Tülle ausschenken, die wie ein Penisfutteral aus dem Unterleib von King Kong ragt - eine weitere schlechte Idee der Kannenumstrickerin, wie ich finde, denn wer will sich schon von einem Affen in die Tasse pinkeln lassen? Aber noch während ich das denke, geht genau dieses Exemplar über den Ladentisch. Zwei ältere Damen mit Kurzhaarfrisur finden das Stück offenbar neckisch, versetzen der Tülle kleine Klapse, und rubbeln mit geschlossener Faust daran herum. Ich bin schockiert - weniger wegen der Obszönität der Gesten, sondern weil ich dieses Niveau der Lustigkeit allenfalls Vierzehn-, aber nicht Siebzigjährigen zugetraut hätte. Aber man kann ja noch froh sein, dass sie der Tülle nicht auch noch oral zu Leibe rücken.

Der Rest des Flohmarkts ist nicht viel anziehender. Leute, die Krawatten bedrucken; Leute, die ökologische Seifen sieden oder Handy-Etuis nähen; Leute, die kleine Sponge-Biskuits gebacken haben, die sie - vermutlich um die alternative Kundschaft zu bezirzen - mit Dynamitstangen aus Marzipan und Lebensmittelfarbe belegen, als könne durch den Kauf eines Küchleins die glorreiche Zeit anarchistischer Bombenattentate wiederbelebt werden. In der Ladenzeile neben dem Flohmarkt liegt ein Second-Hand voller Siebziger-Jahre-Klamotten, und ein Geschäft, das sich auf Vinyl der Epoche spezialisiert hat - überall Referenzen auf eine Zeit, in der man an eine Revolution glaubte, die den Tricks und Lügen des Kapitalismus den Garaus machen würde, dem es nur um Maximierung des Profits zu tun war, und der den Menschen, frei geboren, überall in Ketten legte.

Wie soll ich aber nun die Kreidetafel deuten, die vor einem Café aufgestellt ist? „Today’s offer! Buy any two drinks and pay for them both!“, steht darauf, als ironische Spitze gegen die Werbemaschen jener Läden und Firmen, die so tun, als schenkten sie mit solchen Lockrabatten großzügigerweise ihrer Kundschaft irgendetwas, wobei sie in Wahrheit ja weiterhin auf ihren Umsatz schauen (denn der Slogan Zahl einen, nimm zwei bedeutet natürlich, dass das Produkt bei weitem nicht so viel wert ist der Verkäufer gemeinhin dafür verlangt).  Buy two and pay for them both will dagegen Ehrlichkeit und Angemessenheit suggerieren, ein faires Verhältnis von Kosten und Wert, und Löhne, die es auch dem Personal im Studentenalter erlauben, genug Geld für Piercings und Tatoos zu verdienen. (Nach der Fläche der Tatoos und dem Gewicht der Piercings gemessen, stehen sich die jungen Leute mit ihrem Job nicht schlecht; es sei ihnen gegönnt.) 

Aber nun. Ich habe keinen Grund, mäkelig zu werden, das Café ist recht sympathisch. Eine liebenswürdig durchmischte Gästeschaft besiedelt Theke und Tische; junge Subkultur und kuchenpickendende Ömchen sitzen da, Familien mit Kinderwagen und Hund, Rastas und asiatische Studentinnen, und vor den Zapfhähnen stehen sogar ein paar Kerle, die Hilary Clinton als deplorables bezeichnen würde: Männer in ihren späten Dreißigern, die früher einmal als Dockarbeiter und Stauer einen guten und geachteten Job gehabt hätten, die jetzt aber vermutlich mehr auf Behördenfluren herumsitzen, um für Stütze einzukommen, als ihre Neun-Stunden-Schichten auf den Quais zu malochen, bei Bier und Herrenwitzen und ab und zu ‘ner Prügelei zur Erfrischung. Als sie ihre Pintgläser zusammenstoßen, bin ich mir sicher, dass sie einen Toast auf Nigel Farage ausbringen, aber auf dem Weg zum Klo höre ich, dass einer von ihnen einen schweren slawischen Akzent spricht, und sehe, dass ein anderer mindestens jamaikanische Großeltern hat. Kaum die Klientel, die einen xenophoben Nationalisten wählen würde, nehme ich an.

Wir unterhalten uns lange mit der Wirtin, einer Frau, die ganz so aussieht, als hätte sie eine ausschweifende Groupie-Vergangenheit in den swinging sixties und folgende hinter sich. Wenn man die Rolle der Irina Palm nicht Marianne Faithfull gegeben hätte, wäre sie keine schlechte Besetzung gewesen, auch in der Brüchigkeit der Stimme hätte sie die Faithfull gut vertreten. Sie ist fix im Kopf, schätzt kleine Frotzeleien und schätzt es, zurückzufrotzeln; das Frotzeln ist überhaupt eine Disziplin, die man auf der Insel besser beherrscht als auf dem Kontinent. Auf den ersten Blick scheint das seltsam. Denn wo wäre man höflicher als in England, entgegenkommender und schonender? Und doch braucht unter Gesprächspartnern nur ein kleiner Funken aufzublitzen, der Ironiebereitschaft anzeigt, schon beginnt die Neckerei. Besonders amüsant findet die Frau, dass wir mit Schal und Jacke in der Sonne sitzen, und das mitten im Juli. Es ist Sommer! Da hat sie freilich recht, auch wenn sie großzügig über den Tatbestand hinwegsieht, dass es merklich unter zwanzig Grad hat und eine ziemlich frische Brise weht. Ich weise sie auf die Bäume hin, deren Laub vor Kälte zittert. Auch in manchen Gläsern auf den Tischen ist die Flüssigkeit zu dicken Eisklunkern gefroren, und in diesem oder jenen Drink erkenne ich deutlich die türkise Farbe von Frostschutzmittel. Und das soll Sommer sein? Dass ich nicht lache!

Ein wenig Abhärtung täte mir gut, meint sie nur, während der Wind ihr dünnes Kleidchen flattern lässt. Britische Mädchen machen eine harte Schule durch, das sei wahr. Wenn sie ausgehen, müssen die Röcke kurz sein und die Tops schulterfrei, da mag es hageln oder schneien. Sie müssen viel nackte Haut zeigen - und darum passt es auch, dass es in der Ferens Art Gallery eine Ausstellung mit dem unmissverständlichen Titel Skin gibt, die sich dem Thema Nacktheit widmet. 

Ein paar Bilder von Lucian Freud sind darunter, auf dessen Pinsel nie nur eine reintönige Farbe liegt, sondern immer strähnige und melierte Pigmentmischungen. Die Textur hat immer etwas Haptisches, ein Abstreichen und farbbeladenes Anfassen von Konturen und Flächen, das nicht geglättet und schrundenlos ist, sondern den Körper in seiner Porigkeit und Unebenheit, in Erschlaffung und Aufweichung zeigt (was ich nach den porzellanglatten, schlanken Sirenen des Viktorianers Draper, die im ersten Stock zu sehen sind, erholsam finde: dessen nackte Nymphen sind mit zuviel Geilheit und zugleich Verdruckstheit gemalt - Malerei als Spannertum.)

Auch von Spencer Tunick ist einiges versammelt, jenes Fotografen, der in den Städten der Welt riesige Menschenmassen zusammentrommelt, die sich dann nackt vor Monumenten, auf Straßen und Plätzen oder an Uferquais postieren und die Flächen mit menschlichem Fleisch bedecken, was oft wie Pflasterung aussieht, am Flussufer wie eine Ladung hingekippter Garnelen, oder in Parks, jeder Leib eingekauert, wie eine zusammengepferchte Schweineherde. In Hull hat Tunick ebenfalls eines Sonntags Menschenmengen requiriert, Tausende blau, türkis, grün Eingefärbter, die dann die Straßen füllten oder zu Mandalaformen auf den Pfaden eines Rosengartens arrangiert wurden. Das sieht, zugegeben, beeindruckend aus, aber obwohl es für die Teilnehmer ein spaßiges Spektakel gewesen zu sein scheint, empfinde ich diese Ansammlung unifarbener und entindividualisierter Körper als beklemmend: jeder Mann und jede Frau der Splitter eines riesigen Mosaiks, oder noch schlimmer, ein Kadaver unter Tausenden anderer Kadaver, deren Arrangement in einer obszönen Assoziierbarkeit zu den hingeschütteten Leichenmassen der Konzentrationslager steht. Das muss man nicht so deuten - und weder werden die fröhlichen Teilnehmer des Happenings die Sache so sehen, noch will ich leugnen, dass Tunicks Installationen auch von der Macht und der Allgegenwärtigkeit des Menschen handeln, und davon, dass nahezu alles auf diesem Planeten mittlerweile man-made ist, und hinter jedem Pflasterstein und jedem Haus, hinter jeder Blumenrabatte und jedem Uferrand menschliche Arbeit verborgen ist. Wenn der Marx’sche Warenfetisch darin besteht, dass der Anteil menschlicher Arbeit, der in den Dingen liegt, eskamotiert wird, um nur noch den Schein des gegenständlichen Charakters der Arbeitsprodukte übrigzulassen, dann macht Tunick den menschlichen Kern der Dinge wieder sichtbar. (Ich schreibe dies nur als Textbausteinvorschlag für eine Tunick-Laudatio; vielleicht kann ja ein grade mal um Ideen verlegener Kurator was damit anfangen.)

Ein dritter Künstler hat sich mir eingeprägt: Ron Mueck, ein hyperrealistischer Skulpteur, dessen Werk vor allem durch die Maßstabsveränderungen beängstigt. Ein auf der Seite liegender Kopf, auf einen guten Meter vergrößert, ist genauso irritierend wie der Wilde Mann, der drei Meter misst und trotz seines ungeschlachten und wüsten Aussehens und seiner wuchtigen Physis einen solchen Ausdruck des Schreckens im Blick hat, dass man sich fragt, wer ihn wohl so ängstigen mag. Es ist aber kein Feind da, außer dem Betrachter, und der wird es wohl sein, der dem Koloss solche Furcht einjagt.

Hull’s Kathedrale ist ganz und gar von Gerüsten ausgekleidet, von Streben und eisernen Endoskeletten. Planen verdecken die Wände. Es ist ein eindrückliches Bild der Hinfälligkeit der Kirche. Dass die Gotteshäuser einmal Vorschein himmlischer Seligkeit sein sollten, ist hier gut verborgen. Am Chorumgang sind Seemannspullover mit ausgebreiteten Ärmeln auf Leinen gezogen; daneben an ein Fischernetz geheftet Hunderte von gestrickten und mit Watte gestopften Fischchen: ein jedes trägt ein Papier mit dem Namen eines Seemanns, und dem Jahr, in dem er den Tod auf See fand. Farbenfrohe Schwärme ins Netz gegangener Seelen; reiche Beute für den Menschenfischer. Schnell wieder raus hier!

Der Kathedrale gegenüber nehmen wir Tee. Dreißig, vierzig Mädchen machen sich unter dem Kommando einer Lehrerin auf dem Platz warm, dann laufen und tanzen sie auf eine Weise herum, die den Eindruck erwecken soll, es stecke eine gewisse choreographische Bemühung dahinter, während die Begleitbeschallung den Eindruck von Musik hervorrufen will. Beide Bemühungen sind schnell als Schwindel durchschaut, und es ist gut, dass wir den Tee ohnehin ausgetrunken haben und vor der Szene fliehen können.

Auf dem Weg zum Auto passieren wir noch einmal die Ateliers und Ausstellungshallen des Fruit Market. In einer davon verkündet ein Plakat vollmundig, hier gebe es nicht Kunst für die Wenigen, sondern Kunst für alle. Der Künstler ist selbst anwesend, was gewiss eine große Ehre ist. Mit glamouröser Geste lädt er Besucher in seinen Laden, als hielte er Hof. Auf den Borden liegen Siebe, Besen und Geldzählfingerhüte aus Gummi in allerlei Farben. In einer anderen Ecke Schnapsgläser, Gabeln, Schraubenmuttern. Ich schaue mich um, in der Hoffnung irgendwo einen Haufen mit Steinen und Wurfspießen zu finden, die man auf diesen erbärmlichen Scharlatan schmeißen könnte. Kunst für die Wenigen mag (aus irgendeinem mir nicht einleuchtenden Grund) moralisch verwerflich sein; aber Kunst für alle ist ersichtlich nur dumm.

Wisst ihr was? Wir kehren einfach wieder zu unserem Campingplatz zurück, setzen uns vor den Teich und schauen über die Felder und den Sonnenuntergang. Die Wochenendcamper und ihre lose sitzenden Watschenhände sind wahrscheinlich schon nach Hause gefahren. Wir werden es dort friedlich und still haben, und in der Bordspeisekammer wartet noch eine Dose Nierchen in Madeira und eine Tasse Reis.


17. Juli. Lincoln, Croft


Eine Stunde südwärts nach Lincoln, das mich sofort bezaubert, wozu nicht unwesentlich beiträgt, dass uns, von der Westgate auf die Bailgate einbiegend, ein offener Hof mit Bierbänken begrüßt. Eigentlich ist der Hof recht unwirtlich und nur von ein paar massigen Pflanzkästen umstellt, in denen ein paar Tagetes und kleine Buchskegel vor sich hinmickern, und auch die Bierbänke sehen auf dieser Asphaltfläche gar nicht so einladend aus, sondern eher wie die akkurat ausgerichteten Tische einer Soldatenkantine. Zusammengeklappte Sonnenschirme stehen habtacht, als Speere in die Tische gerammt. Ihr grüner Stoff ist in Falten gelegt, die Schirmspitze von einem gerüschten Stoffkranz umsäumt wie von einem Pelerinenkragen; das Ganze hat etwas von einem römischen Feldlager oder einem Exerzierfeld von Militärs - und doch hat es etwas Anziehendes… Schon allein das groß auf die weißgetünchte Seite des Hauses gepinselte The Lion and Snake versöhnt mich durch die Anmutung alttestamentarischer Poesie. Da möchte man doch gleich ein Pale Ale nehmen, um die guten alten Zeiten zu feiern.

Dummerweise ist es zu früh für einen Schoppen. Wir haben’s grade mal halbzwölf, und ein paar Häuser weiter (Juweliere, Haushaltswaren, Damenunterwäsche) stehen wir auf dem Platz zwischen Lincoln Castle (von William dem Eroberer kurz nach 1066 in Auftrag gegeben) und Lincoln Cathedral, deren Anblick wahrhaft berauschend genug ist, um das erste Bier des Tages noch hinauszuschieben. Rechts stehen die mächtigen Mauern des Kastells, links das Tor, hinter dem die Front der Kathedrale aufragt. Die Fassade ist gotischem Geist entsprungen, jener Phase, die schon den Spitzbogen entwickelt hat, aber noch nicht die komplexen, spinnennetzartigen Raumbezüge und Figurenfüllungen, welche die Kathedralen von Chartres und Amiens und viele andere ausmachen. Die Reihen von Patriarchen und Heiligen, die das vierzehnte Jahrhundert auszustellen liebte, waren im zwölften noch Nebensache. Da begnügt man sich (wie in der islamischen Welt, wie in Cordobas Mezquita) mit der Idee Gottes als Regelgerechtheit. Und so hat man hier in Lincoln die Westfassade auch gestaltet. Es gibt kaum Heiligenreigen und -reihen, die Blendarkaden werden nicht mit Skulpturen bestückt, sondern bleiben bloße Bogenreliefs: die nüchterne Geometrie des Sakralen.

Das Innere werden wir später anschauen, denn zuerst wollen wir durch die Stadt bummeln. Ums Exchequer Gate herum stehen schöne Bauten (jedes zweite ein Gasthaus), georgianisch, edwardianisch, Fachwerkhäuser aus der Tudorzeit, viktorianischer Backstein, ein Kompendium englischer Architekturgeschichte - und dann geht es auch bereits den Steep Hill hinunter in die Neustadt. Die Gasse ist steil, wie’s der Name schon sagt, und voller Konditoreien und Teesalons, Pie Shops und Pubs in holzgetäfelten Häusern. Läden mit Seifen und allerlei anderer pastellfarbener Kosmetik neben Schaufenstern, aus denen süße weiße Plüschkaninchen auf die Gasse blinzeln, in der Hoffnung, von einem mitleidigen Ausflügler aus dieser Dekohölle erlöst zu werden. Die Ladenschilder sind liebevoll auf altehrwürdig getrimmt: bei Widow Cullens Well zieht ein Mann in Gehrock und Castorhut Eimer aus dem Brunnen, während die resolute Witwe Cullen (Schürze und Leinenhaube, die Fäuste auf die mächtigen Hüften gestützt) ihn beaufsichtigt; das Wig & Mitre zeigt auf der einen Schildseite einen Honorable in gepuderter Perücke, auf der anderen einen Bischof mit Mitra und Krummstab. Hier und da ragen Fahnenstöcke mit der Georgsflagge daran aus den Mauern. Es gibt Weinhandlungen, Läden mit einem erstaunlichen Sortiment von Teekannen und ungewöhnlich viele Boutiquen. Das Angebot verrät es: hier wandern vor allem Touristen über das Kopfsteinpflaster, hungrige und durstige Ortsfremde, die in Lincoln den Traum des guten alten England  träumen und ihn mit viktorianischen Seifenschachteln, pausbäckigen Teekannen und Plüschtieren in Tweedjackets und seidenen Halsbinden möblieren wollen. Aber ich will mich gar nicht mokieren - dieses England ist mir immer noch lieber als die Spielhallen englischer Seebäder, die Boots-Filialen und Marks & Spencer und ein Wohltätigkeits-An-und-Ver nach dem anderen.

An-und-Vers finden sich auch in Lincoln nicht zu knapp - hier aber hat man Ambitionen. Einer wirbt mit dem Slogan Steampunk your wardrobe!, und wenn man viktorianische Mode (oder überhaupt schräge Klamotten aus vergangenen Zeiten) schätzt, steht hier reichlich Stoff zum Stöbern zur Verfügung. Ein Stapel von Bowlern im Schaufenster lockt mich hinein, ein von Colin Firth in Stolz und Vorurteil inspirierter Mark Darcy-Dreiteiler in rattenscharfem Hahnentritt mit Überkaro sieht auch vielversprechend aus, desgleichen ein deerstalker und ein Havelock, Dinge, die zu erklären ich mir ersparen kann, weil es genügt, sich Sherlock Holmes vorzustellen, um sofort Jagdmütze und Umhang des Detektivs vor dem inneren Auge zu haben. Ich bekomme schwitzige Pfoten und Vorhofflimmern angesichts der verheißenen Schätze. Hier kann ich mich als Beau Brummel ausstaffieren! Hier kann ich, wie ein grauer Spatz in einer schillernden Pfütze, in Baudelaires Ideen vom Dandyismus mein Staubgefieder baden, und als Pfau und leuchtender Phoenix daraus erstehen! 

Aber es hat sich was damit. Die Bowler sind ganz minderwertig aus Polyester, das Holmes-Kostüm ist unverkäufliche Schaufenster-Deko, und der Dreiteiler von Mr. Darcy ist in irgendeiner bengalischen Schnellnäherei zusammengestoppelt worden; man braucht nur einmal behutsam an den Nähten zu ziehen, um den Pfusch zu erkennen.

Wir blättern trotzdem einmal durch die Bestände, die morsche Seide, das Silberlamé, Kunstleder der Siebziger, stockfleckige Wolle; das englische second-hand ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Harris-Tweed-Sakkos, die bei ebay gehandelt werden, sind allemal günstiger und besser als der Schund hier. 

Am Fuß des Steep Hill breitet sich das moderne Lincoln aus, zu dem wir gleich von einer jungen Frau willkommengeheißen werden, die mit einem eckigen Schild über der nicht eckigen Brust für pomodoro e basilisco wirbt. Das zieht mich an, denn Basilisken wollte ich immer schon mal probieren…

Verhüte Gott, dass dies wirklich der beste Italiener der Stadt ist, wie es auf der Werbetafel hieß, denn ich esse dort eine Carbonara, die ohne Ei und Käse auskommen muss, weil man die schlunzige Textur ja auch mit Sahne, Stärke und Margarine hinkriegt - oder welche Küchengeheimnisse auch immer hinter dieser Bankrotterklärung stecken mögen. Dagmars Margherita hingegen ist eine Art Brot mit einem Aufstrich aus Tomatenmark, sowas wie Sprühmozzarella und im Ofen geschändeten Basilikum. Das Beste an diesem Restaurant ist der Ausblick auf die gegenüberliegenden Fassaden, sowie der Umstand, dass wir rechtzeitig mit dem Essen fertigwerden, um zur Besichtigungstour des Kathedraldachs nicht zu spät zu kommen.

Der Führer steht schon bereit; ein schmales Männchen in zu großer Jacke, zu großer Schärpe, die ihm zu oft von der Schulter rutscht, und einem zu großen Hut, der ein Erbstück aus der Zeit sein muss, als Palästina noch britisches Mandatsgebiet war. Das Männchen hat anfangs etwas Verunsichertes, ja Verhuschtes an sich, was vielleicht an der heterogenen Gruppe liegt, die er geleiten soll; da sind drei junge Japaner, zwei muskelbepackte Schwule (England meets Arabia), die die Hände nicht voneinander lassen können, zwei israelische Lesben, sowie eine junge Frau mit möglicherweise libanesischen Wurzeln, die wohl recht hübsch wäre, wenn sie darauf verzichtet hätte, sich hübsch zu machen. Nun aber sieht sie mit ihren überlangen Wimpernfransen und lackschwarzen Brauenbögen, dem türkisfarbenem Lidschatten und auberginedunklem Lippenstift beängstigend psychotisch aus, als hätte sie sich für einen spektakulären Selbstmord so zurechtgemacht. 

Doch nach und nach gewöhnt sich der Führer an uns und entfaltet allmählich eine recht angenehme, schrullige Humorigkeit. Er ist ein kundiger Mann, der seine Kirche und ihre Geschichte liebt und so viel davon zu erzählen weiß, dass ich nichts behalten konnte, nun, fast nichts. Über die Kirche sind Feuersbrünste und Erdbeben gekommen, Türme sind eingestürzt, man hat verrückte, asymmetrische Gewölbe gebaut (crazy vaults), die Teile des Schiffs mit diagonalen Bogenverläufen in schwingende Bewegung zu versetzen scheinen, als hätte der Baumeister sie nicht mit einem Federkiel auf einem stabilen Tisch skizziert, sondern sie mit einem Krummschwert in den Raum geritzt, während er beschwipst auf einer exzentrisch eiernden Schiffsschaukel hin und her schwang.

Wir stapfen zwischen den riesigen Eichenbohlen des Dachgestühls herum, deren Verstrebungen mehrfach nachverstärkt und mit Zement stabilisiert werden mussten, weil sich der ganze Bau zur Frontseite hin neigt, wie unser Führer heiter bekundet, bevor er uns auf einen Balkon hinausführt, um zu prüfen, ob wir schwindelfrei sind. 

Der Rundgang ist schon zu Ende, als mir plötzlich die Frage einfällt, die ich gern diesem gelehrten Mann gestellt hätte: warum gibt es in England eigentlich nur romanisch-normannische und gotische Kirchen, und kein Barock und kein Rokoko? Doch eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: es gab in dieser Zeit keine katholische Kirchen im Land. Auf dem Kontinent entfaltet sich das Barock zur Stützung der Gegenreformation, es will zaubern und verführen, verlocken und berauschen, es wühlt visuelle Wirbel und Strudel auf, um die Gläubigen in den Furor des Überschwangs zu führen, in Träume und Visionen und halluzinöse Überwältigung. Die Voluten und Rüschen, die quellenden Goldwolken und Lichtstrahlen, die einen barocken Altar umgeben, sind Sprengungen, ein explosives Sperrfeuer gegen den Protestantismus des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts. Die pausbäckigen Putten des Barock - was sind sie denn anderes als Kindersoldaten (halb Miliz, halb Propagandapüppchen), die dem protestantisch kalten Herzen Messerstiche versetzen sollen? Auf dem Kontinent bekämpfte der Katholizismus anderthalb Jahrhunderte die Protestanten, und jede barocke Kapelle war eine Werbeveranstaltung für den Papismus. In England siegte der Protestantismus in den paar Jahren, in denen Anne Boleyn das königliche Bett anwärmte, und das kurze Zwischenspiel, das die erzkatholische Mary während der fünf Jahre ihrer Regentschaft veranstaltete und ihr den Namen der Bloody Mary eintrug, dauerte nicht lang genug, um bedeutende Kirchenbauten zu lancieren. (Schafotte waren dringender als Altäre.)

Schlicht deshalb gibt es in England keinen sakralen Barockstil. Propaganda für den Papst war unter Thomas Cromwell nicht angeraten (sein Henkersbeil hätte sie fix zerhackt), und unter Mary nur ein Strohfeuer, das Elizabeth dann schnell wieder ausgetreten hat. Doch das Barock war, einmal entwickelt, nicht mehr bloß eine katholische Werbemaßnahme, sondern europäische Mode, eine ästhetische Entfesselung, der sich auch die hohen Herren Englands gern hingaben, und so wanderten die Schrullen und Nücken dieses Stils eben in die Profanarchitektur der Insel ein. Blenheim Palace etwa ist prachtvoll säkulares Barock, das nichts von den Seelenzerknirschungen, Glaubenskämpfen und irren Emphasen weiß, die in den leidenschaftlichsten kontinentalen Hervorbringungen der Epoche spürbar sind, in Sant Ignazio in Rom, San Juan de Dios in Granada oder der kleinen und doch so unbescheidenen Asamkirche in München - sie alle hadern, grübeln, verzweifeln angesichts der himmlischen Verheißung und der irdischen Misere, sie bieten den Prunk auf, weil sie so zweifeln, und gerade das macht sie so wunderbar. Die barocken Paläste hingegen, die Residenzen, die von Tiepolo ausgeschmückt sind, die Landsitze des Adels, der sich der gottgewollten Hierarchie versichern will (ha, Charles, wie sicher sitzt dein Kopf auf dem Hals?), sind so banal wie jede Mode, hübsch und allen Prunk aufbietend - aber letztlich ohne einen innneren Glutkern.

Es ist später Nachmittag, als wir Lincoln Cathedral verlassen. Wir wollen nicht noch einmal den Steep Hill hinab, und unser Parkschein ist eh abgelaufen. Es reicht.

Der Biergarten des Lion & Snake ist so leer wie heute mittag.

Wir halten nun auf die Küste zu. Der Lindsey District ist trostloses Marschland; plane Ackerflächen, die nun, Mitte Juli, geschoren und gedroschen sind. Die Stoppelfelder folgen einander wie Rekruten mit frischem Bürstenschnitt, in Reih und Glied geordnet, strohdumme Jungs, denen ein Kranz von goldener Spreu auf den Schultern liegt. Die Uniformität dieses Landstrichs zermürbt mich; es ist fad, eintönig, ärmlich, primitiv. Ich bedaure, aber mir sind alle Beschönigungsfloskeln ausgegangen. Auch wenn es anmaßend und oberflächlich ist: alles hier wirkt auf mich, als seien nur verhockte Bauerntrampel und notorische Dumpfschädel imstande, in dieser Ödnis auszuharren und geduldig die Worte wiederzukäuen, die sie immer schon wiedergekäut haben, die Dinge zu tun, die sie immer schon getan haben, und das Land zu betrachten, das sie schon immer betrachtet haben. Es muss wortkarges Volk hier hausen, Leute mit schweren Knochen und geduldig mahlenden Kiefern, stoische Dulder. Stammt nicht John Franklin von hier, der Polarforscher, der in Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit mit so beeindruckender Langmut die Schnur halten kann, während seine Freunde mit dem Ball herumflitzen?

 Bei Croft finden wir einen Pub, auf dessen Gartenbänke die Abendsonne scheint. Das ist gut, denn wenn wir den Abend drinnen zubringen müssten, würden wir wohl Reißaus nehmen. Die verschworene Gemeinschaft darin beäugt uns mit halb misstrauischen, halb abschätzigen Blicken, die in Horrorfilmen dafür bürgen, dass spätestens um Mitternacht die zufällig hereingeschneiten Fremden umringt und unter bedrohlichem Schmatzen in Richtung Küche geführt werden, wo ein feixender Koch schon die Marinade für ein leckeres Fremdenragout angesetzt hat.

Der Wirt ist weit und breit nicht in Sicht; die Gäste haben wahrscheinlich Lizenz zur Selbstbedienung, und eigentlich machen sie auch ganz den Eindruck, als seien sie hier zuhause und verbrächten ihre Nächte in der Gaststube, indem sie einfach das Haupt auf die Tischplatte legen und dort bis zur Morgendämmerung vor sich hinschnarchen. (Natürlich ausgenommen den Fall, dass der Fürst der Finsternis ihnen ein Schlachtfest ausrichtet.)

Ein Mann allerdings ist eine Ausnahme unter den schweigsamen Gästen. Er sitzt auf einem Barhocker an der Theke, ein geschientes Bein von sich gestreckt. Sein Gebiss sieht aus, als hätte ihm der National Health Service statt einer Zahnreihe einfach ein paar vergilbte Keramikscherben ins Zahnfleisch gesteckt. An einer Seite hat er ein Blumenkohlohr, das so zerdellt und zerbeult ist, dass er mehr als einmal schwer einen auf die Löffel bekommen haben muss. Sein Fuß steckt in einer merkwürdig klumpigen Orthese. Es braucht nur eine knappe Sekunde Augenkontakt, bis er uns erzählt, was ihm widerfahren ist. Er ist leutselig und ranschmeißerisch, und meine Augen sondieren, während er die Details von Traktor, Bein und rutschigem Grund auflistet, immerzu, ob der Wirt jetzt bald mal auftaucht. Ich hätte nie die Traute, nach dem Wirt zu rufen; der Mann erkennt meine Scheu und ruft und pocht und beordert fix die Bedienung her - denn das ist seit Alters her die Methode des Teufels: anfangs dem gefällig zu sein, den man später quälen will.

Unverzüglich steht die Bedienung hinter der Theke, ohne dass ich sie hätte kommen sehen; er muss sie hergehext haben, wozu passt, dass es nach Schwefel riecht, wie es sich für einen Teufel gehört. Die Frau hat sich eine Zigarette angezündet und wedelt das Streichholz gemächlich aus. Rauchverbot in öffentlichen Räumen? Ihre Antwort lautet: Non serviam. Ero sicut deus.

Die Frau ist groß, grob, grausig, aber immerhin waltet sie ihres Amtes und zapft uns wortlos Bier und Cider, während wir die Speisekarte studieren. Wir müssen unbedingt die Fleischplatte nehmen, findet der hinkende Teufel, es sei das beste Angebot des Hauses (auch wenn natürlich die anderen Gerichte ebenso gut, ja erstklassig seien, wie er schnell auf das missfällige Knurren der Wirtin hin einfügt), bestehend  aus einem Rindersteak, einem Gammon, zwei Lammkoteletts, und natürlich Gemüse und chunky chips, eine so großzügige Mahlzeit, dass die meisten sich die übriggebliebene Hälfte davon mit nach Hause nähmen, das könne er auf jeden Fall empfehlen. Hab ich nicht recht, Josie? Und so palavert er immer weiter, derweil ich mich frage, was an solchen Riesenportionen gut sein soll, wenn man sie nicht aufkriegt, und wie tief man sinken kann, um sich darüber zu freuen, dass man morgen kaltes Steak und kalte Lammkoteletts zu essen hat (statt schönes frisches Fish’n’Chips).

Aber nun gut. Die Speisekarte bietet keine verlockenden Alternativen, also machen wir dem Mann die Freude, der unablässig auf uns einredet, dass wir unsere Wahl nicht bereuen würden, und dass Jack und Jyll und Joe und Jenny auch immer die Fleischplatte nehmen, obwohl Jyll Vegetarierin ist, aber da wird sie schwach, und die Mutter von Joe war lange Jahre Garderobenfrau in einem erstklassigen Restaurant in Sheffield, und das können wir ruhig glauben, da bekommt man genug von gutem Essen mit, um zu wissen, was was wert ist und was nicht, und das da, die Fleischplatte im Old Chequers, das ist beste Qualität, und unsere Josie hier - was, Josie? -, die weiß, wie man was in die Pfanne haut, da können wir uns darauf verlassen. (Josie knurrt nur, dass sie eines schönen Tages ihn mit dem Arsch in die heiße Pfanne setzen wird, bis er gut durch ist.)

Na, verkünde ich, wir gehen dann mal nach draußen, um die schöne Abendsonne von Lincolnshire zu genießen. Das tun wir, aber Schwatzmaul hopst noch ein paar Hinker hinterher, um uns noch einmal zu versichern, dass wir auf unsere Kosten kommen würden, auf jeden Fall, versprochen, garantiert! Der Mann ist in seiner distanzlosen Kumpelhaftigkeit fast so schlimm wie Eric Idle in dem Does your wife like photos?-Sketch aus Monty Python’s Flying Circus, nunch nunch, know what I mean… Wir sind am Rand der zivilisierten Welt. Oder doch schon knapp drüber.

Dagmar liest, ich mache Notizen, und bald kommt die sagenhafte Fleischplatte mit zweimal Besteck. Am Türrahmen steht Bramarbas und schaut, ob wir erwartungsgemäß in Verzückung geraten, erst noch diskret, aber bald hält es ihn nicht mehr, und er kräht herüber, ob es einen Daumen oder zwei Daumen hoch sei, und wir halten vier Daumen hoch, und schreien zurück, besser hätten wir nie in unserem Leben gegessen. Er freut sich mächtig, und wir können schließlich weiter auf dem Fleisch herumkauen, das gut durch ist wie sein Arsch in der Pfanne. Eine Hälfte lassen wir nach.


18. Juli. Croft, Skegness, Boston, King’s Lynn, Hunstanton Cliffs, Burnham, Holkham, Salthouse


Skegness (ein Städtchen an der Küste, die auch Costa del Skeg genannt wird, vermutlich, weil sie es an proletarischem Flair durchaus mit Benidorm an der Costa Blanca aufnehmen kann). Skegness besteht, soweit wir sehen können, aus Billigläden, Imbissbuden, Amüsierhallen, Vergnügungsparks: ein Nickel Empire für’s plebejische England.

Eine Stichstraße führt südwärts zum Küstenzipfel von Gibraltar Point. Das ist offenbar ein Name, der die Salzmarschen, Dünen und schlammigen Strände des Gebiets mit imperialem Glanz adeln soll, als solle das Licht des ruhmreichen Empire (das immer noch auf den iberischen Säulen des Herkules erstrahlt und die ewige Großartigkeit Englands bezeugt) auch Lincolnshires graue Gestade erhellen und ihnen kraft dieses Namens einige Grandiosität verleihen. Wenn bei der Taufe von Gibraltar Point dieser Gedanke Pate gestanden haben sollte, ist dieser pompöse Böllerschuss zu Ehren des Täuflings nach hinten losgegangen, denn heute habe ich weniger den Eindruck, dass die Marschen Ruhm und Größe des Empire verherrlichen, als vielmehr, dass die ausgedehnten Matschgründe seinen Niedergang illustrieren.

Am Steeping River, der jetzt, bei Ebbe, zu einem braunen Rinnsal versickert ist, kaum mehr als ein Priel, liegen Jollen und kleine Kutter an den Stegen; ein trauriges Schrumpfschauspiel, wenn man daran denkt, wie lässig die englische Flotte Anfang des 18. Jahrhunderts den Spaniern Gibraltar wegnahm, als Admiral Rooke seine Kanonen hinterhältigerweise ausgerechnet während der Siestaze