Im Bulli verreisen
Nicht von Swift

Giro d'Italia 2011

oder: Das tapfere Schneiderlein hat einen gestiefelten Kater



1. Fantaisie


Die Reise nach Italien beginnt in Bayern. Auf dem Weg nach München halten wir nahe Bayreuth im Schloss Fantaisie. Für Jean Paul, der dem Sonnenaufgang über der Isola Bella im Lago Maggiore so ausschweifende und lyrisch überschäumende Seiten gewidmet hat, ohne je dort gewesen zu sein, genügte der Schlosspark von Fantaisie zur Befriedigung seiner arkadischen Sehnsüchte. Wie oft mag der Dichter wohl aus seiner Rollwenzelei die zehn Kilometer zum Schlosspark hinübergewandert sein, um sich dort zu verlustieren? 

Dass das Schlosscafé heute geschlossen ist, würde ihm nicht gefallen. Zwar wird er auf dem Weg genug Gelegenheiten zur Einkehr in einem Gasthaus gehabt haben, um zwei, drei Maß Bier und ein paar Becher Punsch hinunterzustürzen; aber einmal am Schloss angekommen, hat ihn sicherlich schon wieder der Durst geplagt. "Bier, Bier, Bier, Bier, wie es auch komme!"

Ich stelle mir vor, wie dieser betrunkene und korpulente Mann die steilen Waldsteige hinabgewankt sein muss. Schon schwerer fällt es, mir vorzustellen, wie Jean Pauls schönheitstrunkene Phantasie die leuchtenden Gärten Italiens, Marmor und schimmernden Terrakotta, aus dem feuchten Waldesgrün Frankens aufsteigen lassen konnte. Von den Laubdächern der Eichen tropft es vom morgendlichen Regenguss; der Wind schüttelt die Nässe von den Ästen. Die groben Findlingssteine zwischen den freiliegenden Wurzeln sind mit Flechten überzogen, auf den Wetterseiten gedeihen kühl und weich große Moospolster. 

Ein schmaler Gang führt in ein kleines, von Findlingsblöcken umstandenes Felstheater hinab. Hier und da begradigen aufgeschichtete Steinbrocken den Durchlass. Der Ort muss schon bei seiner Entstehung als ein düsteres Relikt aus heidnischen Zeiten gewirkt haben; Hünen mögen dort begraben gewesen sein; ungeschlachte Krieger und Druiden, Priester im Dienst heiliger Bäume, die düster ihre Gottheiten beschworen und Opferblut auf Steine sprengten. Aber welche Schauer haben die empfindsamen Seelen des Rokoko überrieselt, die hier von ihren Spaziergängen ausruhten, ein Büchlein an die Brust gedrückt, oder die Hände verschränkt zu innigem Freundschaftsbund?

Der Park ist voller in die Felsen gemeißelter Inschriften: Gedenktafeln erinnern an Fürsten und Schlachten, an vergangene Freundschaften und heitere Tage. Eine in den Fels geschlagene Grotte mit einem Steinkreuz darin wird von einem behauenen Fries gekrönt, das schief dem Höhlentor aufliegt, als hätte der Untergrund sich aufgestemmt und versucht, seine Last abzuschütteln; bald wird es ganz und gar abgerutscht sein. Welch Ruinenseligkeit! Welch ein Vergnügen an dem wüsten Gewürfel der Felsen!

Weiter oben beginnt dann der höfische Teil der Anlage: eine Lindenallee lädt zum Lustwandeln. Sie führt auf den Brunnenplatz unterhalb des Schlosses. Der Platz, von grauen Sandsteinmauern eingefasst, wird obenhin von einer Balustrade nach klassischer Manier abgeschlossen, mit üppig gerundeten Pfosten und Vasen auf den stämmigen Pfeilern; Freitreppen führen im Bogen hinab zum Brunnen. Aber die Mauer unter der Balustrade wirkt trotz der klassischen Anmutung ihrer Säulengliederung roh und krude. Aus den Fugen der Säulentrommeln quellen steinerne Stalaktitenzotten, als schwitze der Fels ein zähflüssiges Mineral aus, das an den Schäften herabtropft und sich zu einem fransigen Behang wie von versteinerten Algen verfestigt hat. Die Fächer zwischen den Säulen sind mit rauhem Bruchstein gefüllt; das kleine Wasserbecken in der mittleren Nische thront feist auf einem derben Sockel aus gemörtelten Kieseln: eine von Salz und Sand verkrustete Riesenmuschel, die durch die Ritzen ihres Schalenmauls brackige Wasserschleier auspresst.

Auch über die Steinbänke an der Mauer sind diese mineralischen Rinnsale gesickert. Dagmar nimmt auf der Sitzfläche aus zwei abgeflachten Schildkrötenpanzern Platz, aus deren Halslöchern sich misstrauisch die Krötenköpfe strecken; die Faunsgesichter zweier Ziegenböcke schauen aus den Armlehnen; unter der Bank zischeln dicke Schlangenmäuler empor.

Ich wandere um den Neptunbrunnen, der das Rondell mit seinem grandiosen Gewirr von Leibern und Felsen beherrscht. Die Rosse des Gottes bäumen sich mit gebleckten Lippen aus ihren Gesteinssockeln auf, ihre Hufe verlaufen sich in Wellensäumen, die aufgespreizten Flossen ähneln; Nixen, deren Haar im selben Wellenschwung gesträhnt ist wie ihre in Wasserschleiern endenden Unterleiber, winden sich durch die steinerne Gischt; die fetten Tentakeln von Poypen klammern sich mit ihren Saugnapfreihen an den Stein; Schildkröten und Frösche halten sich auf schäumend überspülten Grund. Der Faltenwurf von Gewändern, die Locken der Najaden, die Zangen und Fühler der Krebse, die Schnäbel plumper Sepien, die wehenden Säume der Medusenröckchen und die feucht aneinanderklebenden gefältelten Blattlanzen des Schilfs - alles scheint sich wechselseitig Form und Bewegung zu leihen, sich anzuähneln und von dem selben wirren Wogenwirbel verwuschelt und verwunschen. Doch je mehr der Bildhauer dem Ganzen durch die schroff zerstäubende und in knappen Schaumspritzern sich vergießenden steinernen Wassersplitter Leben verleihen wollte, desto fester wurde der Bann, der die Gruppe in kristallener Reglosigkeit hält, als tummelten Neptun und sein Gefolge sich nicht in sprudelnden und schäumenden Wassern, sondern bäumten sich ebenso leidenschaftlich wie vergebens gegen ihre Versteinerung auf. Nur ein Frosch, der in einer Wassermulde - sub aquà, sub aquà - gehockt hatte, springt mit einem Mal heraus; erreicht den Brunnenrand und schnellt in wenigen Sätzen über den Kies davon, dem Weiher im Talgrund entgegen.

Nach einer Runde um den Weiher und dem Gang am Bach entlang, wo ein Trauerschwan seine schwarzen Flügel ausbreitete und uns mit einem bösen, kollernden Trompeten davonscheuchte, begegnen wir erneut einem Frosch; ist es der Flüchtige? Mitten auf dem Weg vor uns klappt er sein Maul auf wie in einer stummen Wehklage, und hüpft erst fort, als ich meine Hand nach ihm ausstrecke.


Vielleicht ahnte er schon, was wir in Bayreuth zu Mittag essen würden. Wir fanden ein Bistro mit französischer Küche; um uns darüber zu trösten, dass wir in diesem Sommer la belle France nicht sehen würden, kehrten wir dort ein und bestellten die Froschschenkel des Hauses. Dick paniert und mit Persillade bestreut, häuften sich die enthaupteten Tiere auf dem Teller, die dünnen Waden auswärts gedreht wie die Griffe einer plumpen, altertümlichen Schere, wie römische Hebammen sie verwendet haben mögen, um die Nabelschnur zu kappen - oder die Parze Atropos, um den Lebensfaden abzuschneiden.



2. Friaul 


Wir verbringen zwei Tage bei meinen Eltern. Ein Ausflug führt uns über den Tegernsee; wir füllen Wasser auf, erledigen die letzten Einkäufe für die Reise; besprechen die Route über die Alpen.

Wir nehmen die Passage durch den Felbertauern. Die Wolken hängen als dunkle Ungetüme zwischen den düsteren Bergen; sie senken sich schwarz in die Passform der Täler, als wollten sie sie versiegeln. Erst jenseits der julischen Alpen lichtet sich der Himmel. Es geht hinab in das Hügelland des Friaul.

Am Abend machen wir in der Schinkenstadt San Daniele Halt. Am Platz der erste Sprizz der Ferien; mein Italienisch ist noch holprig, aber bessert sich schon in dem Restaurant, wo wir - neben der obligatorischen Schinkenplatte - einen Salat essen, in dem sich Honigmelonenstücke mit grünen Oliven zu einem bittersüßen Akkord vereinigen. Der Schinken ist zurecht berühmt: ein feines Kapillar von Fettäderchen in duftigem Rosa. Mein Blick geht aus dem Fenster auf eine Wand, auf die das friaulische Hügelland gemalt ist, wie es gewesen sein mag, bevor Industrie und Hochspannungsmasten sich seiner bemächtigt haben: ein weiter Prospekt von lieblichen Orten. Heitere Seen; Wiesen; Haine und pastorale Gehöfte. Der erste Anblick dessen, was man bella Italia nennt. Ob das Bild wohl die Wahrheit sagt?

In der Dunkelheit fahren wir zum Tagliamento-Fluss hinab; der See, den wir erst gesucht hatten, hatte sich als unzugänglich erwiesen. Doch am Ufer des Tagliamento finden wir einen Platz, wo die Gäste des Ausflugslokals parken, das hinter Bohnenspalieren und Kürbisbeeten schimmert. Ein Hund schaut kurz vorbei, um die Neuankömmlinge zu beschnuppern; er befindet uns für willkommen und trollt sich wieder. 

Am Morgen frühstücken wir am Fluss, der durch ein breites Geröllfeld strömt. Zur Zeit der Schneeschmelze muss der Tagliamento (ein schöner Name übrigens für diese imposante Kerbe, die der Fluss in die Ebene schneidet, che taglia il piano) ein majestätischer Strom sein, der sich schäumend dahinwälzt. Jetzt fließt er ruhig und flach: Reiher staksen hindurch. Dann tauchen am anderen Ufer ein paar Rehe aus den Gesträuchen auf und schreiten auf ihren grazilen Läufen zum Wasser. Eins löst sich aus der Gruppe und steigt in den Fluss; bald ragt nur noch sein Kopf mit den zwei Hornknäufen heraus, als es durch das Wasser wandert. Was es wohl an unserem Ufer sucht? Wir verlieren dieses amphibische Wesen aus den Augen, bis es auf seine Seite zurückkehrt, in mädchenhafter Anmut über das Kiesbett stöckelt und im Strauchwerk am Rand der Aue verschwindet.

Danach kehren wir noch einmal in San Daniele ein; eine seiner Kirchen wird als die Sixtinische Kapelle des Friaul gerühmt. Sie ist dem Heiligen Antonius Abate geweiht, der in den Darstellungen stets von seinem treuen Schwein begleitet wird. Dennoch ist er nicht der Schutzpatron der Schweine, sondern - wie sinnig - der Fleischer. Auch die Gürtelrosekranken, die sich einst Linderung von Schweinefettsalben erhofften, haben an diesen Schweinepriester ihre Fürbitten gerichtet. Doch die Fresken dieser bäuerlichen Sistina sehen selbst so aus, als seien sie von einer Hautkrankheit befallen: große Placken sind von den Wänden abgeblättert; die meisten Farben haben ihre Leuchtkraft eingebüßt, nur das Rot und das Gelb sind noch gut erhalten, als hätte Antonius dafür gesorgt, dass wenigstens die Farben von Schinken und Schwarte so appetitlich geblieben sind wie es sich gehört. 

In einer proscutteria kaufen wir ein gutes etto: der Schinken wird mit einer Maschine aus der Blütezeit des Mechanikerhandwerks geschnitten; der Chef dreht eine rot lackierte, schwer in der Hand liegende Kurbel, die ein kompliziertes System von Gestängen und Kurbelwellen in Gang setzt, das genügen würde, die Schotten einer Kanalschleuse oder eines U-Boots zu schließen. Doch die Apparatur bewegt hier nur das glänzende Sägeblatt und den Schinkenschlitten, der geschmeidig hin und her gleitet: hauchdünn kommen die Scheiben hinter dem Schneidblatt hervor, werden behutsam mit einer breiten Zange abgepflückt und aufs Papier gebettet.


Wir fahren nach Udine. Den Namen der Stadt habe ich zum ersten Mal gehört, als eines Abends im Jahr 1976 in unserem Wohnzimmer die Deckenlampe zu schwingen begann; in den Schränken klirrten die Gläser. Draußen traf man die Nachbarn, die, gleichfalls aus ihren Wohnungen aufgeschreckt, auf der Straße herumstanden, in Pyjamas, hastig übergeworfenen Bademänteln, Hausjacken, Pantoffeln; die Frauen in Lockenwicklern: als hätte das Erdbeben, dessen Stöße München ja nur schwach berührten, gleichwohl die Mauern niedergerissen und einen Blick auf die sonst von der Privatheit der Wohnungen diskret verborgenen häuslichen Aufzüge gestattet. 

Am nächsten Tag kamen dann die Bilder vom Erdbeben im Friaul im Fernsehen, Trümmer, qualmende Steinhaufen, Menschen, die von Hand Steine beiseite räumten.

Heute sieht man Udine das Unglück nicht mehr an; interessant ist die Stadt trotzdem nicht. Wir trinken Sirup am Marktplatz, in dessen Mitte ein Brunnen thront wie ein Schmuckaufsatz auf einer leergeräumten Speisetafel. Der Platz selbst liegt erhöht; um ihn zu betreten, muss man zwei Stufen hinaufgehen. Das genügt, um den Platz, nun da der Markt abgebaut ist, aus dem Passantenverkehr herauszuhalten; er wird von den Stufen wie von einem Bilderrahmen eingefasst; offenbar scheut man sich, in das Bild einzutreten und als bloßer Statist seine kahle Fläche zu durchmessen.


Auch die Piazza della libertà in der Nähe ist ein Bild, eine Bühne; auch sie bleibt leer, ein Schaustück, das sich selbst genug ist. Die Stufen zu ihr hinauf sind für Gigantenschritte gemacht; wir Zwerge haben dort oben nichts zu suchen. Etwas traurig Verwaistes geht von diesem Proszenium aus. Die zwei nackten Sandsteinkolosse, die es behüten, scheinen das zu spüren. Der eine dreht trotz seiner massigen und maskulinen Statur den Kopf zur Seite wie eine Tunte, die schmollt, weil niemand zu ihrer Feier gekommen ist; der andere drückt pikiert den hochgestellten Unterarm an seine muskulöse Brust, auch er eine verschmähte beleidigte Leberwurst.


Nachmittags halten wir Picknick an einem kleinen gluckernden Kanal im Grünen. Palmen und Feigenbäume an den Ufern. Sträucher strecken ihre Äste über die plätschernden Wellen. Ein dünner Zweig scheint das Wasser zu peitschen: er senkt sich auf die Wellen, gibt ihnen einen kleinen Tätschler, wird emporgeschleudert und tätschelt von neuem, sodass es aussieht, als triebe nicht der Bach ihn, sondern er den Bach an. Uns beeindruckt seine Emsigkeit nicht. Wir haben Zeit; der Nachmittag verrinnt gemächlich. Lese über Nikolaus Cusanus. Der umtriebige Zweig hätte ihm wohl gefallen, die perspektivische Umkehrung der dynamischen Verhältnisse.

Den Aperitiv nehmen wir in Portogruaro, einem dieser verschlafenen Städtchen des Veneto, das die Grandezza seiner Arkaden und Plätze heute nicht mehr mit genug Betrieb erfüllen kann, um die Melancholie zu verscheuchen, die sich angesichts der verwaisten Straßen unweigerlich dort einstellt. Vor einem Laden steht eine Schneiderpuppe und wirft einen langen Schatten auf das Pflaster, als habe sie vergeblich versucht, einem Bild von de Chirico zu entspringen. Doch statt aus dem Bild heraus ist sie durch eine metaphysische Verhexung nur in eine dreidimensionale Version desselben versetzt worden.

Weiter Richtung Venedig. Wir fahren am Deich eines Flusses dahin, der sich träge an dem dichten Schilf seiner Ufer vorbei der Lagune entgegenwindet. Unterhalb der Deichstraße entdecken wir eine Trattoria: ein großes Landgasthaus mit einer vorgebauten Loggia, zwischen deren Säulen Schilfrollos herabhängen. Auf der Brüstung dampfen Räucherspiralen gegen die Mücken; die grauen Schwaden ziehen über die Tische. Familien mampfen Meeresfrüchte; eine Belegschaft von Arbeitern lässt sich Platte um Platte mit rohen Garnelen, rohen Muscheln und Austern bringen. Es geht laut zu. Kinder wieseln herum, ab und zu reitet eins auf dem rosa Plastikelefanten, der neben der Tür aufgestellt  ist und sich bockiger gebärdet als je ein närrisches Füllen. Ein Säugling wird zwischen den Frauen herumgereicht und ausgiebig geherzt. Sein Bruder bekommt zum Ausgleich eine Eisbombe, an der drei ausgewachsene Männer schwer zu schaffen hätten.

Die Haut des Aals, den ich bestellt habe, ist über dem Grill breit aufgeklafft; das fette Fleisch liegt bloß wie der bleiche Bauch eines Sittenstrolchs, der seinen Mantel zurückgeschlagen hat. Das Stück ist so dick wie mein Unterarm; kein Vergleich zu den Blindschleichen, die unser Fischhändler in den Auslagen hat. Was übrigbleibt, wird mir wie selbstverständlich eingepackt, ohne dass ich darum gebeten hätte. Ländliche Gastlichkeit!

Als ich frage, ob es wohl möglich sei, dass wir auf dem Parkplatz übernachten, winkt die Wirtin empört ab. Aber nein! Wo denken wir nur hin! Sie funkelt uns an: Doch nicht auf ihrem Parkplatz! Wir möchten doch bitteschön in den Garten fahren. Dort hinter den Hecken auf der Wiese sei es doch viel schöner! Auch den Tag können wir gerne dort verbringen, wenn wir wollen; wir sind herzlich eingeladen.

In der Tat ist es hinter den Hecken schöner. Im Mondlicht stehen Weiden und Robinien mit krausen Kronen. Spaliere mit Gemüse schimmern abseits. In der ersten Morgendämmerung - wir schlafen bei offener Tür, die Nacht war lau - hören wir nahebei Hühner gackern. Plötzlich der gellende Ruf eines Hahns, der lauthals in den Bus hineinkräht, warum wir denn noch schliefen. Aber dann hat er ein Einsehen und stolziert mit seinem Harem davon, sein Federschweif wippt schillernd im Frühlicht.

Als wir frühstücken, liegt das Anwesen noch still in der Morgensonne. Wir heften einen Dank für die Gastfreundschaft an die Tür und brechen in Richtung Punta Sabbioni auf, der Spitze der Landzunge, die die Lagune von Osten her einfasst. Um halb elf kommen wir dort an; der polyglotte Herr an der Rezeption ist so liebenswürdig, Italienisch mit mir zu sprechen statt Deutsch, wie er es fließend beherrscht, oder Englisch, zu dem seine Landsleute gemeinhin sofort greifen, sobald sie merken, dass sie es mit einem Ausländer zu tun haben, auch wenn er sich hinreichend in der Landessprache verständlich machen könnte.


3. Venedig


Mittags setzen wir mit der Fähre in die Serenissima über. Das Bugdeck ist voll wie auf einem Seelenverkäufer, mit dem Flüchtlinge aus Afrika nach Lampedusa schippern. Die Leute drängeln sich, um die - grandiose - Einfahrt ins Becken von San Marco zu genießen. Pärchen fotografieren sich, weit über die Reling zurückgelehnt, in der ausgestreckten Hand den Apparat; der Dogenpalast gibt eine prächtige Kulisse ab. Die zwei, die sich eben noch in irgendeiner slawischen Sprache angifteten, ringen sich für das Foto Grimassen strahlender Eintracht ab. Wenigstens auf den Bildern wollen sie glücklich wirken; vielleicht genügt das, um später die Illusion einer glücklichen Reise zu erzeugen.

Wir wandern zum Arsenal. Die Ausstellung in den langen Hallen der alten Seilerei ist allerdings eine einzige Enttäuschung; zumeist erschreckend geistlos, und wenn nicht, dann geistvoll nur innerhalb eines esoterischen Kunstdiskurses, in den ich nicht eingeweiht bin und der mich nicht genug reizt, als dass ich die Mühen einer Initation auf mich nehmen wollte. In Erinnerung bleibt mir nur die monumentale Wachsnachbildung der Skulptur vom Raub der Sabinerinnen, die seit Beginn der Biennale an einem Docht abbrennt. Mittlerweile waren große Brocken abgebrochen; über den festen Hintern des Frauenräubers troffen die geschmolzenen Wachskatarakte, die ihm von seiner Beute geblieben waren; darum verstreut lagen membra disiecta aus rußgrauem Wachs. Aber den Tatort riegelte kein schwarz-gelbes Flatterband ab (Crime scene! Do not cross!), sondern nur die ausstellungsüblichen Absperrgurte - eine verschenkte Möglichkeit. Dennoch: ein anregendes Werk; es ist vielleicht das einzige hier in der corderie.

Erst die Länderabteilungen, die sich anschlossen, überschritten das Läppische. Arabien präsentierte mit einem Teich aus Boulekugeln, die in der dunklen Halle glänzten und von einem großen ovalen Spiegel und einem blankpolierten, auf einer Ecke stehenden Würfel widergespiegelt wurden, einen hintersinnigen Kommentar auf negative und positive Theologie, der - wie das Ensemble von der wechselseitigen, unendlichen Reflexion der schimmernden Objekte - von der unendlichen Reflexion lebte, zu der es dem Betrachter Anlaß gab. Dagegen waren die postmodernen Ramschkollektionen, die westliche Künstler noch nicht einmal zu Privatmythologien, sondern bloß zu blind fetischistischen Archivierungsübungen versammelten, ein wüster Flohmarkt der Beliebigkeiten. Allenfalls könnte man in der Unfähigkeit, über das Individuum und seine Inkommunikabilität hinauszugehen, ein melancholisches Exerzitium erkennen wollen, das der Welt nur noch die nutzlosen Bruchstücke privater Erfahrung entgegenzuhalten vermag und in der Demonstration dieser Belanglosigkeit seine Wahrhaftigkeit sucht. Aber es wäre hermeneutisch allzu großzügig, die Sache so zu deuten - zumal aus dieser Flut von Trivialität immer wieder Werke herausragen, denen der Betrachter nicht so wohlwollend entgegenkommen muss, sondern diesen aus eigener Kraft bezwingend in ihren Bann ziehen.

Doch solche Werke sind rar; und die Erinnerung an sie wird mir von dem Teil der Ausstellung überlagert, den ein italienischer Krawallkunstkritiker kuratiert, oder vielmehr nicht kuratiert hat. Er hat darauf verzichtet, selbst Werke auszuwählen, die er für interessant und sehenswert hält, sondern eine Schar von Bekannten eingeladen, ihre Favoriten zu benennen. Die so unter dem Titel L'arte non è cosa nostra zusammengestellte Sammlung besteht fast ausnahmslos aus Schund. So bestätigt sie den Titel, dass die Kunst nicht der Auswählenden Sache ist; auch ist sie (doch selten hat man sich so sehr einen mächtigen und umsichtigen Paten gewünscht wie hier) nicht Sache der Kunstbetriebsmafia. Sie ist offenbar überhaupt keine Kunst, sondern allenfalls beflissene Pinselei, deren dicke Farbtränen aus allen Winkeln breiig in den Kitsch hinablaufen. Und selbst die ambitionierten, aufrichtigen, ernsthaften Werke, die doch hier und da darin eingesprengt sind, werden von diesen Miasmen des Schunds angesteckt. Die Seuche greift auf sie über; zwischen diesen Kadavern wird selbst das Gelungene zu einer kränklichen Obszönität herabgewürdigt.

Das Ganze ist ein schauerlicher Abgesang; aber selbst wenn der Kurator viel kritisiert wurde, er ist keine bösartige Ausnahme im Kunstbetrieb. Er bringt ein vielfach geübtes Prinzip der zeitgenössischen Kunst nur zur denkbar zynischsten Anschaulichkeit. Grell und abscheulich, in all seiner dümmlichen Eitelkeit, präsentiert sich auf der Biennale das Inferno des Betriebs.


Doch am folgenden Tag besteigen wir seinen Läuterungsberg. Das redliche Bestreben, Originelles und  Nachdenkliches, Witziges und Bestürzendes, Erhabenes und anrührend Erbärmliches zu zeigen, ist nicht ausgestorben; es hat sich nur in die Länderpavillons der Giardini zurückgezogen.

Ein Belgier läßt über drei Bildschirme eine wirre Collage aus Nachrichtensendungen flimmern, Kriege, brennende Bohrtürme, Interviews mit Börsenexperten vor dem Gebirgszackenpanorama von Kursdiagrammen, Politikerreden; Berlusconi mit blutigem Maul, nachdem ihm ein empörter Bürger das Modell des Mailänder Doms ins Gesicht geschleudert hat, Strauss-Kahn in Handschellen, Gaddafi bei einer verworrenen Ansprache unter einem lächerlichen Regenschirm. Ein Pinsel schwebt zögerlich über dem Geschehen und tupft ab und zu einen Farbklecks an eins der Gesichter, als versuche er, seine Kontur zu zeichnen, aber schon hat sich das Gesicht bewegt oder das Bild gewechselt, und der Farbstrich bleibt ein beziehungsloser Klecks auf der Scheibe, während der Pinsel wieder schwebt, nach einem neuen Ansatz sucht, tupft, zaudert, tupft. Wenn auf der Scheibe ein paar Dutzend solcher Kleckse und Striemen verteilt sind und das Geschehen dahinter fast unsichtbar geworden ist, wird sie ausgewechselt, als sei dem Künstler klar geworden, dass er nach diesem Anfang dem Bild keine Struktur und keinen Sinn mehr geben kann, sondern nur alles überdeckt und verschmiert, und er mit einer neuen Scheibe einen neuerlichen, doch gleichfalls zum Scheitern verurteilen Versuch unternehmen muss. Die beklecksten Scheiben hängen an den Wänden aus, Dokumente eines aufrichtigen, doch unmöglichen Unterfangens, die Weltgeschichte noch in einen fasslichen Bildaufbau zu bannen.

Das mag wie eine beflissene Etüde wirken, die Gemeinplätze aus dem Wörterbuch des philosophasternden Kulturkritikers illustriert; aber das zögerliche Verharren des Pinsels, sein schwebendes Zaudern zeugt grade in seiner Schwäche und Unsicherheit von der Ernsthaftigkeit dieser Kunst und, ja, von ihrer Würde.

Weniger würdevoll, aber auf plakative Weise immerhin ein griffiges Spektakel bietend, ist die amerikanische Show: vor dem Pavillon läuft jede Stunde für ein paar Minuten ein Sportler auf einem Laufband, das auf einem umgestürzten Panzer montiert ist. Die Raupenketten machen einen Höllenlärm, während der Läufer wie ein Hamster, der in seinem Rad dahinrennt, die Ketten des käfergleich auf dem Rücken liegenden Tanks anzutreiben scheint. Im Pavillon selbst turnen Gymnastinnen in Lurexleibchen über Flugzeugsessel von Boeing und andere Ikonen der amerikanischen Industrie. In einem Nebenraum steht tempelgleich eine hohe stumme Orgel, in deren Rückseite ein Geldautomat eingelassen ist. Als ich meine ec-Karte einschiebe und die Transaktion beginne, donnert eine tosende Toccata in grandios erhabener Schrecklichkeit los. Trotzdem breche ich die Transaktion ab und fordere meine Karte zurück, ich trau doch keinem Ami. Sofort erstirbt die Musik und lässt nur in den Ohren den betäubenden Schall der Stille zurück.

Der Schweizer Pavillon ist zu einem zerknitterten Kristallpalast aus Alufolie und Zellophan umgebaut; Schaufensterpuppen sind mit Kristallbrocken beklebt; Zeitschriften formen sich zu einer großen, mit Klebeband zusammengehaltenen Druse. Zahllose Exemplare der Bergkristall-Novellen von Adalbert Stifter, des Dichters betulicher Lebenserstarrung, sind in diesem Höhlenlabyrinth verteilt; in der Ramschigkeit der Materialien und der billigen Machart ihres Aufbaus ist diese Grottenwelt kein verzauberter, märchenhafter Ort, sondern ein beklemmender Abgesang auf die feengleichen Verheißungen, die ihm einstmals entstiegen sein mögen.

Unser Favorit ist diesmal aber der ungarische Pavillon. Im ersten Raum passiert man einen verbeulten Wagen; die Tür eingedrückt, die Fensterscheiben zu einem splittrigen Netz zersprungen, die Flanke verzogen, ist er das Vehikel des Unfalls, von dessen Begleitumständen und Folgen die gefilmten Befragungen im Hinterzimmer handeln. Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Hotelbett, die Frau mit untergeschlagenen Beinen, der Mann auf der Bettkante. Beide tragen Abendkleidung, was die Intimität der Situation zugleich bekräftigt wie negiert: der formelle Aufzug zeugt von Distanz, das Bett von möglicher Nähe. Doch die beiden flirten nicht, auch wenn die Frau die Befragung des Mannes mit einem unbeirrbar holden Lächeln durchführt und ihre Fragen nach Hergang und Begleitumständen des Unfalls, den der Mann hatte, in einem sirenenhaft melodischen Opernrezitativ stellt, das an die lockenden Koloraturen einer Soubrette erinnert. Der Mann allerdings, ein milchkaffeebrauner Bariton mit gestutztem Henriquatre-Bart, respondiert den Fragen der Frau mit liturgisch wirkenden Bejahungen und Verneinungen: seine Antworten beschränken sich auf Yes oder No, doch in der klangvollen Gregorianik seiner Melodiebögen zeigt sich ein Überschuss an Ausdruck, der die Kargheit der Antworten übersteigt. Zwischendurch geht er zur Toilette, man hört ihn pinkeln, die Spülung, das Händewaschen danach, während die Befragung unablässig weitergeht, und das Lächeln der Frau vom Verführerischen zu mütterlicher Fürsorglichkeit changiert und wieder zurück, derweil der Mann nie den Ausdruck von Trauer verliert,einer Benommenheit, in der immer noch Erschütterung nachschwingt.

Man erfährt, dass der Unfall geschah, als der Mann mit seiner Geliebten ein Wochenende in einem romantischen Hotel verbringen wollte. Schwer verletzt konnte er sie aus dem Wagen ziehen. War durch diesen Schock das starke Band entstanden, das ihn danach bewog, sie zu heiraten? Ye-es. Wäre es auch ohne dieses Band zur Ehe gekommen. Der Mann schweigt, die Frau lächelt, das Video endet.

Danach folgen andere Szenarien, andere Kulissen, andere Sänger: die Befragung einer Kundin in einem Autohaus durch den Verkäufer; die Klagen einer durch den Unfall in Finanznöte geratenen Frau, im Auto; im Krankenhausbett. All das - Schicksale, Lebensweichen, Verzweiflung und Hoffnung, Enttäuschung und Trotz - wird in diesem schwebenden Hin und Her von Rezitativ und Responsum dargeboten, welches den Unfall selbst, das schockhafte Ereignis, in dem gottesdienstlich getragenen, meditativ psalmodierenden Tonfall einfasst und stillt. Eine Interpretation fällt mir schwer: aber das ist vielleicht auch der Grund, warum wir so bezaubert von dieser Vorführung waren, seiner traumgleichen und berührenden Befremdlichkeit.


Es wäre müßig, alles zu rekonstruieren, was wir gesehen haben, Schlingensiefs Kirche der Schmerzen und der Angst vor dem Fremden in mir im deutschen Pavillon, in dessen Inschrift GERMANIA das GER durch EGO übergegepinselt war; Boltanskis Baugerüste, über die große Filmrollen mit den Bildern von Neugeborenen ratterten; die dümmlich-selbstgerechten kapitalismuskritischen Bekundungen rumänischer Künstler, die flutenden Verwandlungswelten japanischer Mangaphantasien oder die knalllig bunten Blumentapeten aus Korea, in dessen üppigem Blütendschungel sich bewaffnete Soldaten in floralen Uniformen mimikrihaft verbargen: ich habe zuviel vergessen, zuwenig dokumentiert; es würde auch den Rahmen dieses Berichts sprengen.


Als wir am frühen Abend zu unserem Lieblingsrestaurant am anderen Ende der Stadt wanderten, rüstete sich Venedig schon zum Redentore-Fest. Aus Partybooten an der Riva dröhnte Musik. Im bacino versammelten sich Boote über Boote, meist buntgeschmückt, mit Kühlboxen und Lautsprechern versehen, zu deren Gedröhne die Fahrgäste, schwankend um Gleichgewicht bemüht, tanzten. Für Mitternacht war das Feuerwerk angekündigt; die Restaurants an der Riva waren schon mit Girlanden und Lampionreihen bekränzt.

Auf dem Weg nach Santa Croce kamen wir an der Chiesa di San Fantin vorüber. In dieser aufgelassenen Kirche hatte eine ukrainische Künstlerin ein riesenhaftes Altarbild nach byzantinischer Art installiert. Nähertretend erkannten wir, dass die mosaikhafte Anmutung nicht trog. Allerdings war das Ganze nicht aus Steinsplittern und bunten Scherben zusammengefügt, sondern aus einer unfasslichen Menge von bemalten Ostereiern, deren Rundungen - Glanzpunkte und Schatten - dem Bild eine flirrende und wie immateriell schimmernde Unschärfe verliehen. Erst verschlug es mir den Atem angesichts des schieren Fleißes der Künstlerin, welche diese Tausende und Abertausende von Eiern gefärbt und zu einem stimmigen Ganzen zusammengesetzt hatte; dann aber sah ich, dass die Eier nicht nur wie traditionelle Ostergaben ins Farbbad getaucht, sondern sorgfältig bemalt waren, und dies nicht bloß mit den herkömmlichen Ornamenten österlicher Folklore, sondern mit Comicfiguren und Männern der Weltgeschichte, politischen Symbolen, Landschaften, Flugzeugen, Fabriken, Frauenakten, Fahrrädern, Viktualien und Fabeltieren - eine ganze Welt des Profanen war hier auf den Symbolen österlicher Transformationskraft zu einem schillernden Bild des Heiligen zusammengefügt und vereinigt: ein opus mirabilis. Was hätte Cusanus wohl dazu gesagt?


Den Aperitiv nehmen wir am Campo San Giacomo; auch da wird zum Gedenken an die Errettung von der großen Pest 1576 Redentore gefeiert. Der Platz ist voll mit Bierbänken, qualmenden Grillbuden, Lärm. Einstweilen demmeln noch Kinder auf dem Schlagzeug auf der Bühne unrhythmisch gegen die Radiobeschallung an; grölende junge Männer plärren Schlachtgesänge. Mädchen kreischen quer über den Platz nach irgendeiner Freundin. Ich sehe den schicksten Mann des Tages, einen Herrn mit gezwirbelten Bartenden, silbergrauem Anzug, roter Krawatte und einem Panama, mit dessen dandyhafter Form sich mein zerdellter Strohstumpen nicht im Traume messen kann. In unnachahmlicher sprezzatura schlendert er über den Platz und parliert mit seiner Frau, als wandle er durch die prunkvollen Gemächer eines Palazzo und nicht etwa durch dieses lärmende Gewusel der Kinder, die mit ihrem Fußball einen Trupp sonnenbeschirmter Chinesinnen, überraschte Männerrunden oder alte Mütterchen mit Einkaufsrollern füsilieren; ungerührt wandelt der Herr durch herumkrakeelende Halbstarkenbanden oder Grüppchen gackernder Gören, die sich zum Fest in vulgärstmögliche Schale geschmissen haben und bewahrt stets seine lässige Grandezza, bis er sich im Getümmel meinem bewundernden Blick entzieht.

Wir essen Nudeln mit Erdbeeren und Garnelen; die Wirtstochter, die uns bedient, ist eine junge Frau geworden. Wir haben sie noch als unbeholfenen Backfisch in Erinnerung. Dann beginnen wir den langen Marsch nach San Marco. Je näher wir der Piazza kommen, desto dichter wird das Gedränge der  Menschenmassen, die sich zum Feuerwerk versammeln. Auf der Piazzetta ist fast kein Durchkommen mehr. Die Leute hocken in Erwartung des Spektakels auf dem Pflaster, trinken, singen, schauen erwartungsvoll drein oder gepeinigt von der Enge. Entlang der Riva regelt die Polizei die Fußgängerströme über die Brücken; ein beruhigendes Gefühl; offenbar wissen sie, wie man mit solchen Massen umgeht. Wir finden einen Platz nahe des Anlegers, an dem unsere Fähre gen Punta Sabbioni abfahren wird, später als üblich: während des Feuerwerks ist der Schiffsverkehr ausgesetzt, und auch in der Nacht wird das Schiff langsamer als sonst durch das Gewimmel der Privatboote steuern, die nach dem Fest in die Lagune schwärmen.

Das Feuerwerk selbst ist ein würdiger Ersatz für die uns diesmal entgangenen Feierlichkeiten des quatorze juillet; die Kulisse des Quai Richelieu am Ufer der Garonne in Bordeaux, wo letztes Jahr die Raketen über uns ihre Lichtfächer aufspannten und zu niederflimmernden Sträußen zerspringen ließen, wirkt in ihrer edlen und eleganten Glorie eintönig gegen das lebhafte Panorama des bacino, in dem die illuminierten Konturen von San Giorgio, der Dogana und Palladios Salutekirche schimmern und das Feuerwerk im freigiebigen Spiegel der weiten Wasserfläche in verschwenderischer Verdoppelung ein zweites Mal erstrahlt.


Sonntags dann der letzte Tag in der Serenissima, um noch einige der in der Stadt verstreuten Länderausstellungen anzusehen. Eine Mode ist zu vermelden: verbaute Räume. Schon in den Giardini hatte ein Engländer seinen Pavillon zu einer Höhle aus alten Lager- und Werkstatträumen umgebaut, mit blinden Gängen und einer unerwarteten Doppelung, bei der man in einen Raum geriet, dessen fast exaktes Double man bereits vorher durchquert hatte, sodass man einen irritierenden Moment lang an seiner Orientierungsfähigkeit irre wurde. Hier nun, unweit des Canal Grande, gab es in einem Palazzo ein Gewirr von Fluren und Zimmerfluchten, allesamt weiß lackiert, mit schiefen, buckligen Wänden, die durch Zerrspiegel zusätzlich verzogen und bis zur Decke mit nutzlosen Schubladen gefüllt waren, die verdreht aus ihren Fächern in den Wänden ragten. In einem Saal spross ein Wald aus schneeweißen, schiefen und zu regellosen Gruppen zusammengedrängten Säulen, die wie Betrunkene, die selbst unter geringer Last zu straucheln drohen, eine flache Decke stützten. Dann Korridore, deren Wände wie leichte Vorhänge in geschwungenen Wellen lagen oder sich wie unter den rhythmischen Schüben einer malmenden Peristaltik verengten, weiteten, verengten, und uns schließlich in einen Raum würgten, an dessen Mauern sinnlose Treppen hingen oder Türen an der Decke den einzigen Weg hinaus versprachen, bis man durch eine wohlverborgene Lücke doch noch ins Freie schlüpfen konnte.



4. Ravenna


Wir schlüpfen aus Venedig. Es ist Montag. Wir brechen nach Ravenna auf.

Die Fahrt gestaltet sich kompliziert. Die französische clarté gewöhnt, verlassen wir uns auf die Ausschilderung. Aber die Wegweisung in Italien steht unter der Obhut der wankelmütigen Göttin Fortuna: sprunghaft und launisch bricht sie immer wieder ab und läßt den Reisenden plötzlich ratlos vor einem unbeschilderten Scheideweg stehen. Abzweige werden kaum vorweg angekündigt: die Schilder zu entziffern und an der Kreuzung vorüber zu sein, ist eins. Zudem verändern sich beständig und auf undurchschaubare Weise die Dimensionen der Ausschilderung: an großen Kreuzungen wird nicht auf die Städte verwiesen, zu denen die Staatsstraßen führen, sondern zu kleinen Weilern, die auf der Karte kaum zu finden sind. Überbordende Schilderbäume machen keinen schnell zu entziffernden Unterschied zwischen Städten in fünfzig Kilometern Entfernung und lokalen Friseursalons. Bevor auch der geübteste Haarkünstler diesen krausen Bewuchs durchkämmen könnte, wird er bereits vorbeigefahren sein. Vermutlich lügen diese Schilder nicht. Aber sie fügen sich nur selten zu einem System, in dem man sich sicher von Punkt zu Punkt weiterbewegt; es macht durchaus den Eindruck, als seien sie nicht von einer einheitlich planenden Behörde installiert, sondern von rivalisierenden Banden, die höchst unterschiedliche Meinungen über den besten Weg haben und ihre je eigenen, abweichenden oder oft genug auch widersprüchlichen Vorlieben pflegen. Einmal, Tage später in Foligno, brauchen wir eine gute Stunde, um aus dieser keineswegs großen Stadt herauszufinden, als uns die Ausschilderung in eine Endlosschleife führt. Dreimal kommen wir an der selben Stelle vorbei und folgen immer wieder gutgläubig den Schildern, die uns den Ausweg versprechen. Aber als wollte die Stadt es partout verhindern, dass wir sie verlassen, kommen wir immer wieder von neuem an dem Parkplatz vor dem centro storico vorüber. Erst ein Abzweig, den wir aufs Geratewohl wählen, obwohl nur ein Supermarkt dort sein Reklameschild aufgestellt hat, wird uns schließlich aus der Stadt bringen.

Der Hader mit der Wegweisung begleitet uns treu die ganze Reise hindurch. Ich versuche, mich mit Cusanus zu trösten: wenn das Universum unendlich ist, dann ist sein Umfang nirgends und sein Zentrum überall. Warum sollte man in einem solchen Universum den einen Ort höher werten als einen beliebigen anderen, und sich abstrampeln, einen bestimmten Ort zu erreichen, der doch wieder nur ein anderer Mittelpunkt ist, den zu verlassen nie gelingen kann: man ist immer im Zentrum des Seins.

Cusanus mag eine glänzende Karriere als Kirchenfürst gemacht haben; seine Dialektik ist subtil, seine Philosophie tiefsinnig. Aber als Straßenbaubeamter, seien wir ehrlich: eine glatte Fehlbesetzung.

Und doch: auch Cusanus glaubte an die Hierarchie. In seinen späteren Jahren verteidigte er die Staffelung der Mächte und pries ihre höchste Spitze im Papsttum. Und so ist es kein Wunder, dass wir später einmal in einem abgelegenen Abruzzendorf an einer Kreuzung von fünf Wegen zwar kein Schild finden, das zu den Nachbarorten weist, aber eins zu jener päpstlichen Stadt, zu der nach dem Sprichwort ohnehin alle Wege führen.

Aber vielleicht ist selbst diese imperiale Beschilderung nur ein Scherz oder eine böswillige Fopperei des Reisenden; vielleicht geht man davon aus, dass es ohnehin keinen Fremden in diese verwunschene Gegend verschlagen wird; die Einheimischen kennen den Weg zu den Nachbarorten ohnehin; der Fremde aber führt vermutlich kaum etwas Gutes im Schilde und kann darum getrost in die Irre geschickt werden, oder gleich zurück in die Stadt, aus der er wahrscheinlich gekommen ist, um die lästigen und störenden Belange einer Agglomeration zu vertreten, die sich dreisterweise für den unverrückbaren Mittelpunkt des Weltalls hält.


Genug lamentiert: letzten Endes gelingt es uns, nach Ravenna zu finden. Am späten Nachmittag kommen wir dort an. Das Arianerbaptisterium, zu dem unser erster Spaziergang führt, ist ein kleiner Rundbau, in dessen Kuppel das erste der vielen Mosaike der Stadt glänzt. Die Szene stellt die Taufe Christi dar. Johannes steht auf einem Felsblock und lässt Wasser über das Haupt des Gottesknaben rinnen, der bis zu den Hüften hinter einem Vorhang von blauen Wellen steht. Wie so oft berührt mich diese Eigenart der alten Kunst, sich nicht einer Idee von naturgetreuer Darstellung zu unterwerfen, sondern Landschaft nur in souverän zeichenhafter Verkürzung zu zitieren - auch wenn Jesus dadurch aussieht, als stünde er in einem kompakten, blau gerieften Eisblock, vor dem Knie des Täufers kältescheu und zimperlich zurückzuckt.

Als wir beim Weiterflanieren an einem Schuhladen vorüberkommen und der Verkäufer mir beim Anprobieren eines Paars in den Schuh hilft, denke ich an dieses erhobene Knie. Sollte ich meine Hand auf den Scheitel dieses jungen Mannes legen und den Heiligen Geist auf ihn herabrufen? Unsere Transaktion bleibt freilich profaner. Da ich mit dem Kauf zögere, bietet er mir die Schuhe zum halben Preis an; statt des Heiligen Geistes auf sein Haupt geht nur meine ec-Karte in sein Lesegerät. Hoc est corpus meum: Nehmet hin und esset.

Es wird Abend. Wir suchen in der Stadt nach einem Übernachtungsplatz. Als wir nicht fündig werden, beschließen wir, an den Strand zu fahren. Einer der Lidos trägt sogar den Namen Dantes, der in Ravenna bestattet liegt. Ob dieser Name glücklich gewählt ist? Kann man sich den gestrengen Poeten in Badehosen vorstellen, wie er sich fröhlich in der Sonne aalt, ein gelato schleckt, oder einem der armen schwarzen Teufel, die hier mit ihren schweren Kühltaschen durch den Sand stapfen, einen Kokosnußschnitz abkauft? Schwerlich. Vielleicht könnte er sich beim Blick auf das Wasser, aus dem die paddelnden Schwimmflossen der Schnorchler ragen, an den kopfüber begrabenen Papst Celestin erinnern, auf dessen Fußsohlen ein ewiges Feuer brennt, oder bei den in den Wellen plantschenden Kindern an die Sünder, die von hämischen Bademeisterdämonen mit Piken in die kochenden Pechseen der Malebolge getrieben werden. Aber die Hölle hier ist nicht finster, kochend, trüb. Die Hölle am Lido Dante ist fröhlich, laut, spaßig. Trotzdem: die Hölle.

Wir stellen den Bus an einem ruhigen Parkplatz neben zwei bereits dort installierte Wohnmobile und brechen zum Aperitiv in eine der Strandbars auf. Als wir zurückkommen, ist es mit der Ruhe auf dem Parkplatz vorbei: eine Bühne, eben noch leer an der Stirnseite einer leeren Asphaltfläche, ist nun gefüllt. Ein spanischer Strandhit wummert aus der Anlage; eine Laientruppe führt auf den Brettern den Modetanz der Saison auf, halb Tanz, halb Gymnastik. Die Choreographie haben alle drauf: zehnjährige Jungs ebenso wie hüftsteife Ömchen oder der Herr, der wie ein biederer Angestellter aussieht und trotzdem mit der Verve eines latin lover Arme schwingt und Beine schmeißt. Besonders eine dicke Frau tut sich hervor, die trotz ihrer Drallheit eine fulminante show hinlegt und ihre massigen Hüften kreisen läßt, wild zu jeder Lust entschlossen. Wir sind fasziniert. Allerdings nicht so sehr, dass wir den Abend hier zubringen möchten. Dass nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor in synchroner Perfektion getanzt wird, lässt darauf schließen, dass die Fete hier bis nach Mitternacht gehen wird.

Wir fahren auf der Suche nach einem ruhigen Ort die Strandstraße hinunter; aber die Parkplätze gehören zu Restaurants, sind in Privatbesitz, abgesperrt, oder so abweisende Brachen, dass wir lieber nach Ravenna zurückkehren. In diesen Abendstunden wird es vor irgendeinem Monument einen Platz geben, an dem man noch in Ruhe unter den Sternen sitzen kann. 


Morgens betrachten wir beim Espresso vor einer Bar die Fahrradfahrer. Sie hocken tief auf dem Sattel, ziehen beim Pedalieren gemächlich die Knie hoch. Ein merkwürdiger Anblick, wenn man die forsch über den Lenker gebeugten Radler gewohnt ist, die zuhause so zügig, ihr Ziel fest im Auge, die Wege entlangfegen. Aber der tiefe Sitz, so unsportiv er sein mag, hat seine Vorteile: man kann, weiterhin bequem mit dem Hintern auf dem Sattel, leicht anhalten, die Füße abstellen, verweilen. Das Fahrrad als Sitzrad: ein mobiler Sessel für einen gemütlichen Plausch zwischendurch.


Die Kirche des Heiligen Vitalis stammt aus dem sechsten Jahrhundert, als Ravenna die Hauptstadt des Ostgotenreiches war. Theoderich residierte hier; als Kind habe ich die germanischen Sagen geliebt, in denen er als Dietrich von Bern firmierte. Dass er seine Abenteuer und Waffentaten nicht in dunklen, nordischen Wäldern vollbrachte, oder wie sein Schwertschmied Wieland an den Gestaden einer wüsten grauen See, sondern an der Adria Hof hielt, hätte mein Bild der germanischen Sagen nachhaltig irritiert: goldschürfende Zwerge und Lindwürmer gehörten für mich in die verwunschenen Eichenschatten Deutschlands und nicht an eine Küste, die heute mit Ferienanlagen und Sonnenschirmchen gespickt ist. Da unten, da war ich mir sicher, wurden keine Ritter zum Kaiser gekrönt. Das Salböl der Kaiser war dem Gebrauch in den deutschen Pfalzen vorbehalten; wenn man sich da unten salbte, dann allenfalls mit Sonnenmilch.

Der Bau von San Vitale erinnert dennoch stark an die Pfalzkapelle in Aachen: der achteckige Grundriss und der gleichfalls achteckige Kuppelaufsatz erinnert an eine schwere, zeremoniöse Kaiserkrone. Auf den Mosaiken sind Justinian und seine Gattin Theodora verewigt; all die Heiligen, Apostel, Evangelisten und Patriarchen, die auf den Wänden und Gewölbebögen aufgereiht sind, lassen in ihrer zeremoniösen Haltung nicht so sehr an die dramatisch bewegten Heiligengeschichten denken, mit denen spätere Epochen ihre Kirchen ausgeschmückt haben, sondern an einen wohlgeordneten und in seiner Würdigkeit etwas steifen Hofstaat, der hier zum Konzil zusammengekommen ist. Die spätbarocken Fresken im zentralen Kuppelraum, die vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts datieren, als in Frankreich bereits der Adel enthauptet und der Vernunftgöttin gehuldigt wurde, verblassen mit all ihrem Gewimmel und der vulgären Aufgeregtheit flügelschlagenden Engelsvolks angesichts der Pracht der Apsismosaiken zu einer läppischen Kulisse aus Marktplatzumtriebigkeit und Volksgeschrei. Das wahre Paradies findet sich auf den glänzenden Steinteppichen der Mosaiken. Hier herrscht Ruhe und Ordnung, eine feste Gewissheit, dass der Kaiser der irdische Sachwalter Gottes ist und den Scheitelpunkt einer unverbrüchlichen Hierarchie bildet. Vermutlich war das schon damals nicht mehr als Wunschdenken - Justinians Reich war von den Persern, den Vandalen, den Goten, der Pest, der Auflösung überhaupt bedroht; doch wie zu lesen ist, war er es immerhin, der die letzten Reste altrömischer Volkssouveränität beseitigt und durch konsequentes Gottesgnadentum ersetzt hat. Das ist den Mosaiken abzuspüren: das Heilige, das hier in einen solch anschmiegsamen Schuppenpanzer aus Geschmeide gehüllt ist, hat, mehr als jede Malerei und jede Steinbildnerei das zum Ausdruck bringen könnte, eine so glänzende Aura von unberührbarer, wehrhafter Majestät um sich, als könne jeder Angriff auf diese gottgesegnete Macht allein durch den blendenden Schein seiner goldgerüsteten Schönheit von Beginn an vereitelt werden.

Was ist es, was mich an diesen Mosaiken so bewegt? Es ist nicht nur die Schönheit; die kann man auch in anderen Kunstgattungen finden. Mag sein, dass meine Faszination an der Mühe liegt, die sichtbarer als in aller Malerei und aller Steinhauerei zutage tritt, welche die Mühsal ihrer Herstellung in der vollendeten Oberfläche verzehrt und verschwinden lässt. Man sieht Gemälden oder Skulpuren nicht mehr die Vielzahl der einzelnen Arbeitszüge und Handgriffe an, die zu ihrer Fertigstellung nötig waren; die Arbeit verschwindet im Anblick des vollendeten Ganzen. Anders bei den Mosaiken. Jedes Steinchen trägt das Mal des einzelnen Griffs an sich. Es gibt nicht den großen Wurf, nicht die ausgreifende Geste des Pinselstrichs und nicht die gerundete Flanke der Skulptur, die sie wie aus einem Guss erscheinen läßt. Es gibt nur die unendliche Mühe, die einzelnen Elemente zu wählen, zu legen, anzustückeln und über diesem ameisenhaften Gewerkel das Ganze im Blick zu behalten. Vielleicht erliege ich da nur der Faszination, mit der jeder staunende Banause sich einfach von dem ungeheuren Aufwand beeindrucken lässt, mit dem der Prunk reicher Paläste oder die Monumentalität der Pyramiden erkauft ist; aber es ist nicht nur die schiere Arbeitsleistung, die mir imponiert. Schon imponieren ist der falsche Ausdruck: ich bin nicht beeindruckt, ich bin angerührt. Die Mühe rührt mich an, nicht weil sie so groß ist, sondern weil ich sie mir nicht anders denken kann als in Hingabe und Frömmigkeit ausgeführt, in einer Art von Demut, die sich willig einem höheren, allgemeinen Zweck fügt - und vielleicht berührt mich dies umso mehr, als schon die ersten Tage in Italien mir eine Ahnung davon gegeben haben, dass das Allgemeine hier nicht hoch im Kurs steht.


Ich muss das erklären, zumal dieser Eindruck sicher auch durch die Art unseres Reisens begünstigt wird. Anderen Reisenden, die sich gemütlich in einer Pension einquartiert haben und abends ein paar Schritte zur Trattoria tun, mag Italien anders erscheinen, gastlicher, fürsorglicher. Von der Terrasse eines Landhotels aus gesehen, wohlverpflegt und gehätschelt, mag sich ein südliches Arkadien ausbreiten. Unserem Nomadisieren zeigt sich das Land anders. Wir tauchen tiefer in das Land ein als Hotelgäste oder Urlauber, die sich in einer Ferienwohnung eingerichtet haben. Da ist ein Unterschied zwischen Urlaubern und  Reisenden. Wir müssen unsere Versorgung selbst organisieren, ohne in den sicheren Bahnen der touristischen Infrastruktur bequem von Frühstück zu Abendessen dahinzugleiten und nachts in ein gemachtes Bett zu sinken. Dafür sind wir auf eine Gastlichkeit des Landes angewiesen, die auch außerhalb der kommerziell zugerüsteten touristischen Enklaven zur Verfügung steht. Wir brauchen Plätze, an denen wir tagsüber Rast machen und uns für die Nacht installieren können. Wir haben keine Terrasse gemietet und kein Bett gebucht, und darum braucht es eine gewisse Zugänglichkeit; es braucht öffentlichen Raum.

In Frankreich - um nur das zu nennen, was unserer Art des Reisens so entgegenkommt - gibt es überall Orte, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, wo die Fürsorge der Kommunen solche Zonen der Zugänglichkeit und der freien Nutzbarkeit geschaffen hat: Picknickplätze, Dorfanger, Flussufer. Kaum ein Aussichtspunkt, der nicht eigens dazu gestaltet ist, dass der citoyen eine Decke ausbreitet und sein gebratenes Hühnchen und eine Flasche Wein aus dem Korb holt; kaum ein Dorf, das nicht ein paar Tische abseits des Boulodroms aufgestellt hat, um damit zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit öffentlichen Raum zu möblieren. Jedermann steht es frei, hier den Tag zu verbringen, und gern auch die Nacht. 

Derartiges ist rar in Italien. Die Wiesen, die Waldwege, die Haine am Rand der Straßen - in Frankreich stehen sie dem Reisenden fast immer offen, solang nicht Viehhaltung die Einzäunung nötig macht. In Italien sind solche Orte, wenn man sie überhaupt findet, abgeriegelt. Die Schilder mit der Aufschrift vietato l'accesso müssen sich wie geschnitten Brot verkaufen; die Industrie für Absperrbaken, Ketten, Gatter floriert. Sicher rührt das von der Geschichte Italiens her, seiner zerklüfteten Fürstentümelei, der eifersüchtigen Bewahrung von Partikularrechten und Einflußsphären, einem tiefen Misstrauen den Mitbürgern gegenüber. Ich weiß zu wenig von der italienischen Sozialgeschichte, deshalb will ich hier nicht müßig herumspekulieren. Ich sehe nur, was ich erlebe, und erkenne, was ich erfahre; und die Unterschiede zu Mentalität und Infrastruktur Frankreichs und Deutschlands sind unverkennbar.

Dort - um die obige Klage aufzunehmen und fortzuführen - existiert beispielsweise ein Straßennetz, das das Land mit feinen Adern überzieht und zu einem selten abreißenden Geflecht von Wegen knüpft. Die Wegeführung ist der öffentlichen Verwaltung anvertraut, welche die Interessen der Allgemeinheit wahrt, so gut es geht. Diese Maxime gilt bis in die Kleinteiligkeit der Kommunen. In Italien scheinen die Interessen der Allgemeinheit nur bis zu einer gewissen Ebene gewahrt. Abseits der National- und Provinzstraßen zerreißt das Straßennetz: seine losen Fäden führen zu privaten Gehöften, verlaufen sich im Unwegsamen, enden vor Sperrgittern. Es sind wahrscheinlich keine Privatstraßen, aber sie muten so an. Und häufig führen sie nicht weiter, um wieder ins allgemeine System der Wege, diesen zirkulierenden Blutkreislauf des Verkehrs, zu münden, sondern begnügen sich damit, singuläre und isolierte Schneisen durch das Land zu schlagen. Gewiß gelten diese Beobachtungen nicht in dieser Pauschalität; in der Tendenz aber treffen sie zu. 

Man könnte das als Schwäche des Allgemeinen bezeichnen; das erweist sich in vielen Zügen des Landes, auch im Habitus seiner Bewohner; ich werde noch Gelegenheit haben, davon zu sprechen. Einstweilen erinnere ich nur noch an die obigen Bemerkungen zur Ausschilderung: hier zeigt sich überall das Fehlen einer übergeordneten Perspektive und einer aus dem Blickwinkel des Allgemeinen strukturierenden Praxis: das Launische und Sprunghafte daran weist auf einen grundlegenden Partikularismus, eine Beschränktheit auf den Eigensinn des Lokalen und Individuellen. Campanilismo: Kirchturmpolitik. Während sich Könige und Fürsten aller Art um die italienischen Herzogtümer balgten und jeder seinen Bissen aus der Beute riss, so viel er schnappen konnte, wob Ludwig XIV. in Frankreich aus den Fasern des französischen Flickenteppichs die filigrane Tapisserie seines absolutistischen Staatswesens: ein durchgebildetes Ganzes, in dem nichts sich dieser Totalität entzieht. Das ist, wie alle Geschichte, wohl zwiespältig; aber er hat damit eine Praxis der Universalität und der Allgemeinheit vorbereitet, die das Stammland des Katholizismus (der doch, dem Begriff nach, auch Allgemeinheit beansprucht) nicht zuwege gebracht hat.


5. Marken


Fano, südlich von Rimini gelegen, soll seinen Namen von einem alten Tempel der Fortuna haben. Heute steht an der Piazza ein Brunnen, der dieser wankelmütigen Göttin gewidmet ist. Sie tänzelt auf ihrer Kugel und hält das geschwellte Tuch, das ihr als Segel dient, in den böigen Wind. Nach dem Sprizz treibt uns der Wind weiter. Auf der Karte haben wir eine Eremitage entdeckt; dort wollen wir übernachten. Ein graues Kätzchen maunzt uns aus dem Gebüsch an; alleingelassen, verloren, zutraulich vielleicht nur aus Hunger, lässt sie sich leicht locken. Ihr Zärtlichkeitsbedürfnis ist immens: kaum senkt sich eine Hand auf das weiche Fell über den dünnen Knorpeln  ihres Rückgrats, beginnt sie zu schnurren und sich wohlig unter der kraulenden Hand zu räkeln.

Sie ist offenbar nicht die Einzige, die hier gerne Zärtlichkeiten genießt. Unterhalb des Klosters gibt es eine kleine Bucht am Rand der Straße. Hier haben wir die Hügel der Marken im Blick - und die zerknüllten Papiertücher, die am Rand unserer Bucht verstreut sind: die Spuren der lustvollen Gaben, die einer erotischen Fortuna hier gespendet wurden. 

Auch das ist noch eine Bemerkung wert; nicht das einzige Mal stoßen wir auf einen Übernachtungsplatz, der sich nicht nur für Wohnmobilisten eignet, die dort schlafen wollen, sondern auch für Pärchen, die auf den Autopolstern anderes vorhaben. Das ist eine veritable Konkurrenz. Nie zuvor sind wir auf unseren Reisen soviel wippenden Wagen begegnet, in denen Liebende zugange waren. Eine Folge der Wohnungsnot für junge Leute? Folge der Prüderie der Eltern, die es nicht dulden wollen, dass ihre erwachsenen Kinder, Wand an Wand mit dem Wohnzimmer der Familie, nach Kräften vögeln? Welche Gründe es auch seien: dass junge Leute es nötig haben, an weit entlegene Stellen zu fahren, um miteineinander zu schlafen, hat etwas Trauriges. Nichts gegen Sex im Auto: wenn man den Eindruck hätte, die Pärchen wären nur von einer spontanen Aufwallung von Geilheit ergriffen worden und hätten nicht mehr an sich halten können vor Lust aneinander, wäre ja alles gut und richtig. Aber zumeist lag ein Ruch von Beklommenheit über der Szene: und die spermagetränkten Papiertücher, die solche Orte kennzeichneten, ähnelten nur zu oft den Papierresten, die Reisende, die ein plötzliches Bedürfnis überkommt, nach Verrichtung ihrer Notdurft unter die Büsche werfen. Das verlieh dem Ganzen eine zusätzlich schäbige Note: auch der Sex nur eine weitere Form der Notdurft. Eine Toilettenheimlichkeit.


Der nächste Tag beginnt trüb. Mittags klart es auf; wir machen Pause in der Gola di Furlo. Gola bedeutet hier Schlucht; aber das Wort meint in erster Linie die Kehle und darum auch - naheliegend - die Völlerei. Wir versuchen, bei einem Picknick am türkisgrünen Fluß dem Namen gerecht zu werden und prassen an den eingelegten Gemüsen und Bratenstücken, mit denen wir uns in einem Städtchen verproviantiert haben: Auberginen, Zucchini, Artischocken, Putenbraten mit Pilzen.

Nach der Siesta Aufbruch nach Urbino, das in seinem Herzogspalast die Nationalgalerie der Marken beherbergt. Die berühmte Geißelung Christi von Piero della Francesca hängt dort; aber ich erinnere mich vor allem an eine seiner Madonnen, die ein wenig bäuerlich und tumb ihren abschätzigen Blick am Betrachter vorbeischickt. Auf dem Arm hält sie das Jesuskind: wie das verhätschelte Söhnchen eines reichen Bauern erhebt es die fette Hand gönnerhaft zum Segen. Doch wie kann man der Wirksamkeit eines Segens vertrauen, wenn der Segnende es nötig hat, ein Korallenamulett um den Hals zu tragen, das ihn selbst gegen Krankheit und Unbill schützen soll - und gegen die Kreuzigung schließlich auch nicht geholfen hat.

Abends wieder eine lästige Stellplatzsuche. Die Hügellandschaft der Marken ist schön; es wäre ein Vergnügen, hier dahinzufahren; aber alle Wiesen und Weiden und Wälder sind abgesperrt, verriegelt, vietato l'accesso. Wir folgen Schildern, die zu alten Wallfahrtskapellen weisen, aber nach endlosen Schotterwegen stehen wir plötzlich vor irgendeinem Einsiedlerhof, hinter dem die Straße nicht weiterführt; von den Kapellen keine Spur. Erst als es bereits zu dämmern beginnt, finden wir hinter einer Hecke einen Platz mit Blick über die Hügel; wir stellen die Stühle auf, die Abendsonne versinkt hinter dem Bergkamm; sofort ist es zu kalt, um draußen zu sitzen. Verhextes Land.


Aber der Morgen wird schön. In den Bergen besuchen wir eine alte Abtei mit dem hübschen Namen Fonte Avellana. Ein massiger Mann führt die Besucher durch Skriptorium und die nach Dante benannte Bibliothek; dann werden wir hinauskomplimentiert: zur Messe wollen die Mönche alleingelassen werden. 

Die nächste Kirche auf dem Weg ist eine halbverfallene Halle, in der sich winzige Freskenüberbleibsel erhalten haben. Ein ärmliches Greislein steht mit einer Taschenlampe bereit, mit deren Hilfe wir in der Krypta einen Steinblock mit Einritzungen erkennen können sollen. Der Greis erklärt mir, zahnlos nuschelnd, seine Bewandnis; aber von der versprochenen Wundertätigkeit ist nichts zu spüren; das Wetter wird wieder trüb, ein eisiger Wind fegt über die Markenhügel, als wir, mit Blick auf das die Hänge hinaufkletternde Gubbio, unser Mittagsmahl halten. 

Gubbio selbst ist kaum der Rede wert - es ist eins dieser Städtchen mit großer Vergangenheit und kleiner Gegenwart. Ein spärlich tröpfelnder Touristenstrom rieselt durch die Gassen und sammelt sich schließlich an der Seilbahn, die am Rand der Stadt auf die Hügel führt. Man muss flink in einen der Käfige springen, die auf der Plattform heranschwingen; ein junger Mann hilft einem hinein und schließt den Bügel, während das Gestänge weiterschwebt; als es hinaufgeht, teilen die Rollen, die über die Stahltrossen dahinrumpeln, meinen schnell schwitzig werdenden Händen ihre grummelige Vibration in einem Rhythmus mit, der von meinem Pulsschlag bald nicht mehr zu unterscheiden ist. Meine Höhenangst ist in den letzten fünfzehn Jahren immer übler geworden, und der plötzliche Stopp der Bahn, der das karge Skelett unseres Korbs ins Schaukeln und Schwingen bringt, trägt nicht dazu bei, mich zu entspannen. Unter uns recken Baumwipfel und Felszacken ihre gierigen Finger aufwärts, vielleicht fällt ein schmackhafter Bissen für sie ab. Aber schon geht es weiter; sie werden weiter hungrig bleiben müssen.


Auch wir bleiben hungrig; wir sehnen uns nach einem Ort, an dem gut sein wäre. Wir suchen nach einem Lebensmittelladen und irren dabei durch die Ausläufer Gubbios. In Frankreich - ach, gelobtes Land, jaja - würden wir schnell fündig; wenn man nicht im Dorf selbst Gemüse und Fleisch kaufen kann, dann auf jeden Fall in einem gutsortierten Supermarkt außerhalb. Hier bleibt uns nur ein Discounter, der sich lange gut versteckt hält; erst als wir fast schon aufgegeben haben, stoßen wir darauf. Obwohl er aussieht, als sollte er bald abgerissen werden, hat er geöffnet. Aber der Einkauf macht kein Vergnügen; von den appetitlichen Zurichtungen in französischen Supermärkten ist dieses in Plastik abgepackte Zeug weit entfernt. Woher der gute Ruf italienischer Nahrungsmittel stammt, ist einem an solchem Ort ein Rätsel.

Mit ein wenig Grimm im Herzen fahren wir weiter Richtung Assisi. Immerhin sind wir mittlerweile so schlau, dass wir rechtzeitig nach einem Platz für die Nacht Ausschau halten. Aber Schlauheit hilft auch nicht weiter, wenn die Umgebung nicht mitspielt. Auf dem ganzen Weg gibt es keine Möglichkeit, sich irgendwo behaglich zu installieren. Es ist hier nicht anders als wir es nun schon gewohnt sind: Absperrungen, Privatbesitz, vietato. Selbst ein Schild, das zu einem pineta zu führen verspricht, bleibt eine leere Versprechung. Das Pinienwäldchen, das auf dem Schild mit Picknicktischen möbliert ist, erweist sich in Wirklichkeit als ein abgeriegelter Baumstreifen, unter dem ein Bauer seine Traktoren geparkt hat: entrata vietata.

Um Assisi herum wird es nicht besser. Als wir weit vor den Toren der Stadt einen Parkplatz finden, der für Wohnmobile ausgewiesen ist (in Frankreich die ultima ratio), und für die Benutzung dieser öden Asphaltfläche zwanzig Euro zahlen sollen, fliehen wir die Stadt des Armutspredigers. Italien mag für alle, die sich gegen Entgelt in Pensionen und Pilgerherbergen einquartieren wollen, das richtige Land sein; für uns, die wir nur nach einem Ort suchen, um abends im Freien Tisch und Stühle aufzustellen und über die Hügel zu schauen, zeigt sich bella Italia als wenig gastlich. Wir müssen bis Torgiano fahren, um dort auf einem Parkplatz unseren Fenchel zu braten. Immerhin haben wir von diesem Balkon aus einen schönen Blick über die Hügel. Ein verfallenes Haus nahebei bietet einem großen Taubenvolk Logis; drei Halbwüchsige üben sich auf dem Friedhof in der seltenen Praxis der Grabschändung: sie haben von irgendwo eine Kiste mit faulen Tomaten ergattert und bombardieren damit den Marmorengel, der seine Flügel über einer Gruft ausbreitet. Doch als wir essen, kommt ein Herr, der seinen Wagen parkt, zu uns herüber und überreicht uns eine duftende Netzmelone. Sie sei aus dem eigenen Garten; einen schönen Abend noch!


Am Morgen nach Bevagna, einem der borghi più belli d'Italia. Die Auszeichnung wurde zurecht verliehen. Bevagna ist einer der Bilderbuchorte, mit denen sich das Land über die traurige Wahrheit seiner städtebaulichen Realitäten hinweglügt. Hier gibt es Straßencafés an reizvollen Plätzen; Bäckereien, in denen man stolz auf sein gutes Brot ist; eine Kirche, in der zu Füßen der Heiligen Agathe die Brüste, die man dieser Märtyrerin abgeschnitten hat, auf einem Teller ruhen wie mehlweiße Dampfnudeln, die von Nippeln wie aus rosigem Baiser gekrönt werden; und da ist ein Schlachter, der unter einem dunklen Himmel von Schinkenkeulen Fleisch von Schweineknochen schabt, um Würste wie jene, die in diesen Wurst- und Schinkenhimmel aufgefahren sind, damit zu stopfen. Die Kruste der Porchetta, von der er uns Scheiben abschneidet, kracht unter seinem Messer. Die Paste, die in die Wickelungen dieses Spanferkelrollbratens gestrichen ist, duftet nach Rosmarin und Thymian, nach Zimt und Fenchelsaat. Der Schinken ist köstlich, noch reicher mit weißem Fettwurzelwerk geädert als der von San Daniele. Die kleinen Salumi in der Auslage sind drall und kurz, fest gestopft. Während wir unsere Augen über die Schinkenwolken wandern lassen, beobachtet uns eine alte Kundin von dem Hocker aus, auf dem sie geduldig nach uns Platz genommen hat; ich sehe sie aus dem Augenwinkel, ihre mürrische, zerknitterte Visage, die Missgunst in ihrem Blick. So liebenswürdig der Schlachter ist: gegen den malocchio dieser Frau wäre vielleicht ein Korallenamulett von Nutzen.

Wir erstehen einen Reisstrohbesen mit einem in kunstfertiger Rohheit gefertigten Stiel; wenn Hexen sich wirklich zu ihren nächtlichen Ausritten eines Besens bedienen, dann gewiß eines solch komfortabel mit Schilfhalmen umwickelten Exemplars. Auch einen Klopfer für den Teppich im Bus bekommen wir. Der Verkäufer, ein alter Herr, rühmt wortreich die Qualität seiner Ware. Aber wir müssen zweimal zurück, weil sich zeigt, dass die Klopfer an den Halswirbeln bereits angeknackst sind. Der Maulheld nimmt's gelassen. Wenn sich auch bei dem letzten ein Fehler zeigen sollte, dürfen wir ihn damit versohlen. Wir wandern zurück zum Bus: Dagmar hält den Klopfer, ich trage den Besen. Wir kommen uns vor wie die Zelebranten einer heidnischen Prozession.

Aber diese apotropäischen Mittel helfen uns nichts, als wir nach Foligno kommen und dort in die schon erwähnte Endlosschleife geraten; vielleicht fahren wir in Wahrheit das verschlungene Muster des Teppichklopferkopfs im Straßenmaßstab nach? Hat uns der böse Blick der alten Frau in der Prosciutteria verhext? Aber wie in jedem Märchen muss man etwas nur dreimal tun, um den Bann zu brechen. Nach der dritten Schleife finden wir aus Foligno heraus.

Das Glück ist uns nun hold: ein Zufall führt uns zu einem der seltenen Picknickplätze. Er liegt tief im Tal an einem kleinen See, dessen Wasser so klar ist, dass wir das Wiegen des Nixenhaars an seinem Grund sehen können, die Brut von kleinen Fischchen, die durchscheinenden Leiber zierlicher Krebse. Wir sind ganz allein dort. Es ist still; zu Mittag schweigen sogar die Vögel; nur der Wind flüstert im Laub und wiegt uns in die Siesta.


Auf dem Weg nach Norcia halten wir an einem Supermarkt. Grade werden die Regale aufgefüllt, die Gänge sind mit Paletten vollgestellt. Die Kundschaft, die Arme um Kartons und Weinflaschen gekrampft, kraxelt über die Palettengebirge. Es ist ein Land der Bergwanderer und Kletterer, hier kann man schon mal üben.

Norcia. Das Städtchen ist für seine Wurstwaren und seine Schinken berühmt; so berühmt, dass Norcineria in Mittelitalien zum Synomym für Delikatessfleischerei geworden ist. Es gibt auch kaum etwas anderes dort: vor jedem zweiten Haus steht ein ausgestopftes Wildschwein, liegen Würste in Körben. Eine Spezialität mit einem Speckkern trägt den schönen Namen Eselshoden. Vor einer der Norcinerieen am Platz weidet eine lebensgroße Schweineherde aus Kunststoff; Muttersauen und Ferkel stecken die Schnauzen in Tröge voller Kastanien und Grünzeug. Doch für Schweine ist Norcia gastlicher als für uns; der nächste Campingplatz liegt fünfzehn Kilometer nördlich in den Bergen. Wir haben keine Wahl; wir brauchen eine Dusche, Strom, Frischwasser; also fahren wir zu diesem Campingvillaggio, in dem wir den letzten freien Platz ergattern. 

Die sibillinischen Berge sind ruhig, ein stiller Rückzugsort für Wanderer. Aber am einzigen Campingplatz der Umgebung ballen sich all jene Ruhesuchenden und machen - wie sollte es anders sein - Lärm. Von der piscina gellt Kindergeschrei; die Bluesband, die abends (es ist ja Freitag) aufspielen wird, macht bereits Soundcheck; eintönig hallen die Schläge der Snare, der Basstrommel herüber; danach ist der Bass dran, die Gitarre, das Keyboard, die Bläser; schließlich die Sänger. Der Abend wird lau; aber auch laut. Die Band spielt bis nach Mitternacht. Der italienische Akzent der Sängerin wird im Lauf des Abends immer schlimmer. Der Posaunist muss schwer einen im Kahn haben; zum Ende hin trötet er wie ein besoffener Elefantenbulle.


Am Morgen regnet es. Wir halten auf einen Kaffee in Visso und nehmen einen neuen Kampf mit der Ausschilderung auf. 

Castelluccio liegt auf einer Hochebene in den sibillinischen Bergen: auf den Flächen gedeihen hochgerühmte Linsen. Im aufklarenden Wetter schimmern die Felder kornblumenblau und klatschmohnrot; die Berge drumrum sind bräunlich, karg, von tiefen Riefen gekerbt, die der Regen in die Lehnen gegraben hat. Das Dorf selbst ist ein Kaff; fast jedes Haus ein Restaurant, das den Tagesausflüglern Gerichte aus Linsen und Dinkel bietet: Dinkelsuppen; Fladen aus Dinkelschrot; Nudeln mit Linsensoße und Trüffeln. Das alles ist grandios, überaus schmackhaft: eine schwere Kost, an der man sich an den kühlen Abenden sicher gut wärmen kann.

Aber wir wollen aus den Bergen heraus, in denen sich die Wolken verfangen haben. Im Tal passieren wir die Becken einer Forellenzucht. Wir versorgen uns mit zwei Fischen und sehen dann, dass auch Flußkrebse zu haben sind. Die Verkäuferin führt uns hinters Haus und hebt eine Platte von einer langen, steinernen Wanne. Aber in diesem sarkophaggleichen Behältnis liegen keine toten Tiere, sondern lebendige Viecher, die mit herumtastenden Tentakeln und langsam schnappenden Zangen übereinanderkrabbeln. Das Fräulein keschert ein Kilo davon heraus und lässt die Beute in eine Plastikschale rasseln. Im Kühlschrank hielten sie eine Woche; wir müssten nur darauf achten, sagt sie, als sie die Schale verschweißt und Löcher in die Folie gestochen hat, dass sie genug Luft bekämen. Um sie zuzubereiten, genüge es, sie lebend in eine Pfanne mit heißem Öl zu geben; die Tiere seien dann sofort tot. Skeptisch packen wir den Einkauf in den Kühlschrank. Bevor ich die Klappe schließe, horche ich noch einmal hinunter, wo es schabt und wispert.

Wir verlassen den Nationalpark und fahren nach Ascoli Piceno hinunter, das hoffentlich von den warmen Strömungen der Adriaküste gehätschelt wird. In der Tat ist es dort um einiges milder. Und es gibt sogar einen Stellplatz für uns, der in bequemer Entfernung vom Stadtzentrum liegt. Samstagnachmittags ist die Stadt belebt; vor jeder Kirche sind herausgeputzte Hochzeitsgesellschaften versammelt, dazwischen Familien, Pärchen, Jugendliche in Schwärmen, die den vorabendlichen corso halten. Die Stadt ist genau richtig, ganz wie sie sein soll; eine unaufgeregte, aber nicht provinzielle Atmosphäre liegt über den schönen, von Renaissancepalästen umgebenen Plätzen. Schwatzende Männergrüppchen. Selbst die Herren, deren Physiognomie von bäuerlichem Zuschnitt ist, tragen Anzüge von lässiger Eleganz, den Hemdenkragen dandyhaft aufgestellt. Für zwei Euro lasse ich mein Messer von einem Mann schärfen, der weiß, wie das geht. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzusehen, wie sicher er die Klinge an dem benetzten Wetzstein entlangführt, vom groben zum feinen wechselt und die Schneide schließlich am Leder abzieht, als hätte er kein Taschenmesser, sondern ein Skalpell in Arbeit; tatsächlich ritzt schon die sanfte Prüfung am Daumen die Haut; ein Dank dem maestro.

Wir können uns lang nicht entscheiden, an welchem der Plätze wir den Aperitiv nehmen wollen.  An der Piazza del Popolo ist es voll. Wir kehren dann an der Piazza dell'Arringo ein und naschen die Häppchen, die unvermeidlich zum Sprizz serviert werden. Die Familienväter, die nach dem Abendgottesdienst aus dem Dom strömen, trinken Wasser aus einem der Brunnen auf dem Platz; die Messe scheint ihren Durst nicht gestillt zu haben.

Die Kirche, die wir am nächsten Morgen besichtigen, ist erstaunlich schön: die Apsis ist lapislazuliblau und voll goldener Sterne. In einer Seitenkapelle wird der Märtyrer des Dritten Reichs gedacht: ich erkenne die Namen von Edith Stein und Maximilian Kolbe. Auch in der Krypta finden sich Erinnerungen an die Befreiung Italiens von der deutschen Besatzung; merkwürdig nur, dass offenbar nur die Deutschen Faschisten waren; von Mussolini ist nichts zu sehen. Aber ich bemerke, dass mich die Ungerechtigkeit dieser, sagen wir: Akzentsetzung nicht berührt; in der Stille der Krypta scheint diese finstere Epoche in die Tiefen der Geschichte hinabgesunken; sie zeugt nicht mehr von einem lebendigen Ressentiment oder Völkerhass, sondern gehört zu einem historischen Erbe, das auf seine Weise ebenso fern ist wie die Erinnerung an die Sarazenenüberfälle oder die Pest: alles ist tief eingelassen in die Vergangenheit und ruht dort so still wie Ammoniten oder Muschelschalen in ihren paläozooischen Gesteinsschichten.



6. Abruzzen


Auf dem Weg nach Sulmona treiben die Schilder wieder ihren Schabernack mit uns. Ohne Ankündigung ist die Straße gesperrt, eine Umleitung wird nicht angezeigt. Aber die oben bereits beklagte Unfähigkeit der Verwaltung zu einer umsichtigen Verkehrslenkung, diese italienische Wurschtigkeit dem größeren Ganzen gegenüber hat eine Kehrseite: das Allgemeine ist zwar egal; aber der Einzelne in seiner Hilfsbedürftigkeit wird nicht alleingelassen. Als wir noch rätseln, wie wir weiterkommen, klopft es bereits an die Tür; ein fürsorglicher Herr hat unsere Nöte erkannt und versucht uns weiterzuhelfen. Auch er ist freilich nicht ortskundig. Aber mit entschlossener Geste hält er ein weiteres Auto an und zieht Erkundigungen ein. Schon sind es zwei, die über den besten Weg debattieren. Ich hoffe nur, dass sie sich schnell einig werden, sonst holen sie noch den Bürgermeister herbei oder klingeln den Pfarrer aus dem Mittagsschlaf, damit er unseren Bus für die schwierige Passage mit Weihwasser abwäscht (nötig hätte er's).

Es geht dann aber ohne solche Interventionen ab; schnell haben wir uns durch das Dorf gefädelt. Weiter in Richtung des Gran Sasso.

Die Hochebene des Campo Imperatore ist von einem schneeweißen Wolkenkranz eingefasst. Eine riesige Pferdeherde zieht frei über die Weiden. Fohlen staksen zwischen den großen Pferdeleibern dahin. An den Rändern der Gruppe halten Hengste Wacht.

Ins Tal. Über die Abruzzenhänge kriechen fette weiße Wolken hinunter, unglaublich kompakt, wie breite Zungen aus steifem Milchschaum. Als wir in Sulmona ankommen, ist der Himmel frei. Der Sonntagscorso ist in vollem Gang. Auf den Straßen, im Park ist es betriebsamer als in jeder Metropole. Wir finden einen Platz für Wohnmobile und steigen in die Stadt hinauf. Ovid ist hier geboren; in den letzten Tagen habe ich ein paar Bücher der Metamorphosen gelesen. Nur der Platz, an dem die Stadt ihrem größten Sohn ein Standbild errichtet hat, ist fast leer. Ein paar alte Männer, die auf dem Sockel herumsitzen, schauen mir amüsiert zu, als ich die Statue fotografiere. 

Der Dichter, dessen Verse so geistreich und klangvoll sind und die ich mir nur in kleinen Portionen einflößen kann wie einen starken Süßwein, ist hier als nachdenklicher und tiefernster Römer porträtiert. Mit dem linken Arm drückt er sein Wachstäfelchen an die Brust; der rechte Unterarm ist emporgewinkelt, die rechte Hand liegt sinnend an seiner Wange. Erst als ich die Seite wechsle und Ovid nicht mehr im Gegenlicht sehe, erkenne ich, dass er einen stilus in der Hand hält, das Schreibgerät der Römer, das so sehr einem Dolch ähnelt. Und tatsächlich liegt der stilus nicht wie ein Stift in den Fingern des Dichters, sondern wird von diesen fest umklammert, wie bei jemanden, der bereit ist, seinen Dolch flink gegen jeden Toren zu führen, der zu tumb und zu träge für den schnellen Stachel seines Witzes ist - oder der aus anderen Gründen den Zorn des Dichters verdient hat; denn Ovid scheint, trotz einer leichten spöttischen Kräuselung des Mundwinkels, von Mißmut oder gar Grimm erfüllt. 

Als wir weiter flanieren, verstehen wir bald, warum Ovid so mißvergnügt dreinblickt: auf Sulmonas Straßen tummelt sich ein Volk, das von einer so provinziellen und vulgären Häßlichkeit ist, wie wir es in dieser Einheitlichkeit noch nirgendwo sonst erlebt haben. Das bedauerliche Faktum ist nicht zu beschönigen und nicht zu verschweigen. Ob der Dichter, der nach seiner Verbannung aus Rom an die Schwarzmeerküste so über die Schäbigkeit und das Barbarentum in Tomis geklagt hat, auch postum damit bestraft werden sollte, dass selbst den Augen seines Standbilds dieser Anblick ewiger Häßlichkeit zugemutet wird? Oder liegt ein Fluch über der Stadt, gleich jenem im sechsten Buch der Metamorphosen berichteten Fluch der Latona, welche die lykischen Bauern, die ihr das Wasser verwehren wollten, in Frösche verwandelte, die fortan quakend, mit unförmigen geblähten Backen und weiß vorgestreckten Bäuchen, ihr Leben in Sumpf und Morast fristen mussten? 

Die Einwohner quaken heute nicht mehr (diese Lautäußerung bleibt dem Mann vorbehalten, der an dem Cafétisch neben uns in breitestem Amerikanisch eine junge Frau zu verführen sucht); aber sie schlecken mit flink hervorschnellender Zunge Eis oder schlürfen unter laut rülpsendem Strohhalmgegurgel ihren Aperitiv, als lebe unter ihrer notdürftig kaschierten Hülle doch noch ein Froschleib, der nicht ganz von seinem feucht glucksenden, amphibischen Gebaren lassen kann.

Die Hauptstraße der Stadt aber ist gesäumt von prächtigen, farbenfrohen Blumenläden: bunte Sträuße und Blumengestecke stehen üppig vor der Auslagen: Sonnenblumen, Margeriten, Rosen mit fleischigen Blütenblättern, hohe Gladiolenstengel mit reichen Blütenkelchen, Dahlien und Gerbera. Erst auf den zweiten Blick verstehe ich, dass all der reiche Blumenschmuck nicht aus lebendiger Flora besteht, sondern die Spezialität der Stadt ausmacht: es sind die confetti di Sulmona, bunte Zuckermandelbonbons, die hier zu solch prächtigen Gebinden zusammengeklebt sind. Ob Ovid diese Metamorphose von Zuckerbonbons in Blumensträuße wohl einer Erwähnung wert befunden hätte?

Wir wandern zurück zu unserem Bus. Im Kühlschrank scharrt und krabbelt es nicht mehr. Erst nachdem wir sie auf dem Tisch in die Strahlen der untergehenden Sonne gestellt haben, erwachen die Krebse aus ihrer Kältestarre und regen wieder ihre Fühler und die steifen Beine. Wir bringen es nicht über uns, die Tiere einfach ins heiße Öl zu werfen. Wir setzen einen Topf auf und tauchen jeden Krebs einzeln ins brodelnde Wasser. Aber auch, wenn es heißt, dass ein Hummer im kochenden Wasser im Bruchteil einer Sekunde sein Leben aushaucht, regen sich die Zangen und der gekrümmte Schwanz noch eine ganze Weile, während die Panzer von mattem Braun zu Korallenrot aufflammen. In der Schale, in der wir die getöteten Tiere sammeln, zucken die Leiber noch weiter, und selbst im heißen Öl der Pfanne hört das Zucken und Schnappen erst nach und nach auf. 

Von der großen Schale voll lebendiger Tiere bleibt nur eine kleine Handvoll Fleisch. Zwischen unseren Zähnen vollzieht sich ihre letzte Metamorphose: kauend verwandeln wir ihre Leiber den unseren an. Ob die Crustaceen stolz darauf sind, zu Menschen zu werden?


Am Morgen rüsten wir uns zum Aufbruch. Nach dem Wassertanken setze ich in der Überzeugung zurück, dass hinter mir alles frei ist. Aber plötzlich kracht es: ich habe ein geparktes Wohnmobil gerammt.

Unser Fahrradständer ist aus seiner Halterung gesprungen. Mein Hinterrad hat eine üble Acht davongetragen. Auch an dem Fahrradständer des gerammten Wagens ist eine Halterung abgebrochen. Niemand zuhause. Ich repariere, was an unserem Gestell zu reparieren ist; wir warten auf den Besitzer des geschädigten. Eine Familie, die wir ansprechen, empfiehlt uns, einen Zettel mit einer Telefonnummer zu hinterlassen; das genüge doch wohl. Das erscheint mir frech, wir harren aus. Nach einer halben Stunde kommt dann die Familie. Zwei Pudel hüpfen um sie herum; das Mädchen trägt einen Gerberastrauß aus confetti. Der Vater - ein brutal aussehender Glatzkopf mit eng anliegender Sonnenbrille, aus dem T-Shirt berstenden Muskeln, schlackerndem Armband - beschaut sich den Schaden und findet ihn läppisch. Er nimmt einen unserer Expander an, um das halterungslose Rad zu sichern; Geld lehnt er ab. Er klopft mir leutselig auf die Schulter und versichert mir, dass wegen einer solchen Bagatelle kein Italiener auch nur eine Minute gewartet hätte. Übrigens auch nicht, fährt er, über seinen Sonnenbrillenrand zwinkernd, fort, wenn der Schaden größer gewesen wäre. Così facciamolo in Italia! Er schiebt seine Sonnenbrille wieder in Position und schenkt mir ein Lächeln, das zwischen seinen massigen Kiefern erstaunlich zart erstrahlt. Als wir abfahren, winkt uns die Familie nach: belle vacanze! Nur die Pudel kläffen; aber das haben sie auch den ganzen gestrigen Abend getan.



7. Apulien


Weiter in Richtung Osten. In den Bergen hängen die Wolken. Wir steuern wieder die Adria an: der Gargano - Sporn des italienischen Stiefels - ist unser Ziel. Linker Hand der Küstenautobahn leuchtet das Meer über die dicken Oleanderbüsche hinweg, mit denen der Mittelstreifen bepflanzt ist.

Als wir die Autobahn verlassen, begreifen wir, dass wir nicht nur einige Kilometer weiter gekommen sind, sondern in eine andere Welt. Dies ist der Mezzogiorno; auch wenn die Abruzzen nominell schon zu Süditalien zählen, spüren wir erst hier, an der Grenze von Molise und Apulien, die Präsenz eines anderen zivilisatorischen Klimas.

Es ist nicht ganz einfach, das an einzelnen Details festzumachen. Sicher: da ist der geringere Wohlstand, der den Städten anzusehen ist, aber im Vergleich zu den Abruzzenkäffern, die oft genug nicht minder armselig sind, ist der Unterschied nur graduell. Das lässigere Verhältnis zum Müll taugt schon eher als unterscheidendes Merkmal. Gegenüber allen Anmutungen, sein Dorf wohnlich und hübsch zu machen, bleibt man gleichgültig. Man hat sich bequem im Gerümpel eingerichtet; dass man es mit ein wenig Aufwand adretter haben könnte, ist keines Gedankens wert. Sowas kann vermutlich auch nur einem verwöhnten Mitteleuropäer einfallen. Man hat hier unten Wichtigeres zu tun, auch wenn das Wichtigere eher darin besteht, nichts zu tun. Als Haltung ist mir das nicht unsympathisch, und ich erinnere mich mit  Wohlgefallen an die Worte des Monsieur Pettinetti, bei dem wir auf unserer ersten gemeinsamen Frankreichreise eine Wohnung gemietet hatten. Vor den Volieren seiner Kanarienvogelzucht stehend und sich gemütvoll den Bauch kratzend, während die Vögel schrillten, verkündete er: on travaille pas dans le midi. Im Süden wird nicht gearbeitet. Aber der französische Müßiggänger will auch genießen; und zum Genuß gehört ihm auch die schöne Umgebung, in der er behaglich seinen Pastis schlürfen kann. Dass die Häuser nicht puppenstubenhaft aufgeputzt sind, ist ja nicht Gleichgültigkeit oder Vernachlässigung, sondern eine gewollte ästhetische Form. Was in Frankreich hier und da wie faulenzerhaft hingenommener Verfall erscheint, entspringt in Wahrheit nur einem Willen zur ästhetischen Nonchalance und der Einsicht, dass zur Wohnlichkeit auch eine gewisse lässige bricolage und Heterogenität gehört. So etwas wie schwäbische Reinlichkeit gälte im Midi nur als zwanghafte, übersteife Frostigkeit. Aber die Städtchen im Mezzogiorno sind kaum Ausdruck einer solchen ästhetischen Wahl; sie scheinen schlicht ästhetischer Dickfelligkeit und Gleichgültigkeit geschuldet.


Wie ein gespenstisches und beinah schon mythologisches Emblem begegnet uns in dem Lagunenstädtchen Lesina eine Frau, die ihre Einkäufe über die Straße schleppt. Sie bleibt kurz stehen und mustert uns mit kaltem Blick. Am Kinn trägt sie zwei graue, zerzauste Bartflecken; ein dünner Schnauz hängt in Fransen über ihre Lippen.

Wir fahren weiter Richtung Küste. Das Hinterland ist ausgedörrte, rötliche Erde. Eine kleine Herde von Rindern steht mit mageren Kruppen und echsenhaft scharf ausgezackten Rückenwirbeln zwischen Erdbrocken und Steinen mit grellweißen Bruchkanten herum. Die Zeichnung der Rinder hebt sich kaum von diesen Brocken aus Kalkweiß und Ocker ab, die aussehen, als habe ein monströser Schlachter hier gewütet und die in Stücke gehauenen Rinder ungehäutet hier liegen lassen.

Auf der anderen Seite der Straße hinter rostigen, von Stacheldrahtrollen gekrönten Gittern eine verlassene Villensiedlung. Die Loggien liegen voller Müll; die Fenster sind herausgebrochen; dürres Gesträuch kriecht hinter die Mauern.

Auf den Feldern werden Tomaten geerntet: die Arbeiter (tiefbraune Rumänen, Albaner, Tamilen) reißen die Sträucher aus der Erde und schütteln über Transportkisten die Früchte ab; ein Wunder, dass sie bei dieser ruppigen Behandlung nicht als breiige Pampe in den Läden ankommen.

An einer Straße, die am Rand des Pinienwäldchens dahinführt, hinter dem das Meer durchschimmert, ist ein Stand mit Muscheln und Fischen aufgebaut. Sonnensegel flattern darüber hin. Ein unwirsche Matrone bedient uns, ohne ihr grollendes Gespräch mit einer alten Frau zu unterbrechen, die im Schatten sitzt und Garnelen aufbricht. Wir wollen Sardinen, acht oder zehn Stück, aber das erscheint der Matrone lachhaft. Unsere Widerrede mit ihren fetten Armen beiseite wischend, kippt sie die ganze Schale in ihre Wanne und dekretiert, das sei eine anständige Portion, mit fünf Euro seien wir gut bedient. Dann greift sie nach einem Messer, als wolle sie ihrer Anordnung damit Nachdruck verleihen, aber sie schneidet nur den Sardinen die Köpfe ab und räumt mit dem Daumen die Innereien heraus. Dann platscht sie die Tüte auf den Tresen und murrt weiter die Garnelenpulerin an.

Die Fische braten wir abends auf dem Campingplatz. Unserer Sorge zum Trotz, dass die gestrenge Matrone uns nur den Abhub ihrer Ware angedreht haben könnte, sind die Sardinen köstlich, frisch, wunderbar. Der Rest gibt eine ganze Mahlzeit für den morgigen Tag.


Weiter an der Küste. Wir kämpfen uns durch den Verkehr in Rodi. In Peschici machen wir Halt und steigen von dem grell besonnten Parkplatz in das Städtchen, das in die Klippen hineingebaut ist. Die steilen Gassen wimmeln von Touristen. Das Schiff einer kleinen Kirche ist mit einer Flucht von Seidendraperien geschmückt, die wie hintereinandergestaffelte, zur Seite geschlagene Theatervorhänge den Blick auf die Statue irgendeines heiligen Pilgers freigeben. Der Pomp von Goldrüschen, Schleifen und Bändern, der von der Decke wallt, sowie der mit krauser Seide ausgeschlagene Schrein wirkt wie eine große Bonbonnière aus Konditorhand. Aber einige Gläubige - alte und junge Frauen, ein tief ins Gebet versunkener Herr - murmeln hier inbrünstiger ihre Gebete, als ich es in anderen, würdevolleren Kirchenräumen je gesehen habe.

Ein Schild führt uns zu einer Krippe. Nach neapolitanischer Art ist in dem niedrigen Gelass eine ganze Landschaft aufgebaut. Mühlen drehen sich, Hufschmiede beschlagen Pferde, Arbeiter schichten geschlagenes Holz auf; Eseltreiber und Hirten wandern dahin, Frauen hängen Wäsche auf, vor einem Gasthaus heben Zecher ihre Kelche. Nur die Heilige Familie selbst ist nirgendwo zu sehen. Erst spät entdecke ich, dass man sie in eine Nische unter dem Tisch verbannt hat. Vielleicht wollte man der frisch Entbundenen das muntere Treiben auf der Platte, den ganzen Lärm aus Mühlenhämmern und Schmiedegedengel, Eselsgeplärr und Gläserklirren nicht zumuten; die Ruhe sei ihr gegönnt. Solche Oasen der Stille findet man hier nicht überall.


Nachmittags kehren wir auf einem Campingplatz ein, der weitläufig und und mittagsstill unter Pinien liegt. Nach Tagen, an denen wir viel unterwegs waren, ist nun wieder Zeit für Liegen und Lesen. Ich sehne mich danach. Vielleicht gehen wir sogar an den Strand? Der Patron zeigt uns das kleine Touristenzüglein, das er mehrmals täglich zum Strand hinunterchauffiert und wieder zurück. Aber wir bleiben lieber unter den Pinien; ich vertiefe mich in Moby Dick. Erst am späten Nachmittag beginnt die Musik.

Eine Weile glaube ich an Jugendliche, die den Platz mit ihren Ghettoblastern beschallen. Sicher wird der Patron bald für Ruhe sorgen. Doch als das stumpfsinnige Gewummer auch nach einer halben Stunde nicht aufhört, mache ich mich auf die Suche nach dem Urheber. Der Lärm kommt vom Swimmingpool. Entsetzt begreife ich, dass er Teil der animazione ist, die uns der Chef stolz als im Preis inbegriffen angepriesen hat. Vier Kinder üben eine Choreografie, die ihnen zwei junge Leute auf einer kleinen Bühne vormachen. Um den Pool liegen die Eltern und sind froh, dass ihnen nur die Musik, nicht aber der Nachwuchs keine Ruhe lässt. Erst bin ich erleichtert, dass ich nicht bei einer Bande von einheimischen Jugendlichen um Schonung bitten muss; und die animazione für die Kleinen, denke ich, wird doch sicher bald zu Ende sein. Das ist allerdings naiv: die Musik wird bis nach Mitternacht weitergehen, und später üben nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern die Tänze der Saison ein.

Unsere Hoffnung auf ein ruhiges Refugium hat sich zerschlagen. Nach dem Frühstück - die ersten Kinder sind, von der Musik angelockt, bereits zum Swimmingpool gestürmt - brechen wir auf. 

Nach einem Halt in Vieste - angeblich der Hauptort des Gargano-Tourismus, in Wahrheit ein uninteressantes Kaff - finden wir an der Bucht von San Felice einen Platz, der zu schön ist, als dass wir noch davon zu träumen gewagt hätten. Das Türkisgrün der Bucht wird von einem Saum von hellen Klippen eingerahmt, über denen Krüppelkiefern und Steineichen stehen. Ein kleiner Sandstrand mit den obligatorischen Schirm- und Liegenensembles sieht aus der Ferne heiter und anziehend aus: ein lauschiger Ort. Zwischen den Bäumen sehen wir Campinghütten mit kleinen, von Schilfmatten beschatteten Veranden. Hier wollen wir bleiben. Aber wir sind vorsichtig geworden. Darum fragen wir den überaus liebenswürdigen Herren an der Rezeption, ob wir denn mit animazione zu rechnen hätten. Er lächelt uns an. Aber gewiss: doch kaum mehr als ein Stündchen am Tag. Und zudem könne er uns einen Stellplatz am Rand der Anlage empfehlen, einen Terrassenweg hoch über der Bucht, der Blick sei wunderbar, die Ruhe dort oben garantiert.

Wir installieren uns; der Platz ist in der Tat fabelhaft; wir können unser Glück kaum fassen. Wir stellen unseren Tisch im Schatten einer jungen Pinie auf. Der Oleander daneben ist voller rosafarbener Blüten. Olivenlaub flimmert silbrig in der Brise. Der Himmel ist wolkenlos. Wir sind allein auf unserer Terrasse. Bis auf ein paar schrillende Zikaden und die fernen Rufe der Kinder, die im Wasser plantschen, ist es still. Am Hang unter uns die stachligen, grünen Ohren großer Kakteen.

Es ist still bis vier Uhr nachmittags. Dann beginnt die Animation. 

Wieder sind es nicht mehr als vier Kinder, die am Strand ihre Choreografie trainieren. Aber die Lautsprecher beschallen die ganze Bucht - wie in jedem Schallkessel um so lauter, je höher man steht - und sie tun es unentwegt. Als die Tänze für die Kinder vorüber sind, beginnt das Programm für die Erwachsenen - dass auch von diesen nur vier mittun, ist für die Animateure kein Grund, klein beizugeben; im Gegenteil erhöhen sie den Lärmpegel, als hätte nur nicht genug Publikum mitbekommen, dass hier ein so lustiges Spektakel stattfindet, weshalb man nur vernehmlich genug werden müsse, um auch den schwerhörigen oder saumseligen Rest anzulocken. Als auch das nur wenig Erfolg zeitigt, verlegt sich der Diskjockey darauf, nicht nur die Musik für sich sprechen zu lassen, sondern ruft nach bester Schaustellermanier über sein Mikrophon die Leute herbei, und da er schon mal sein Mikrophon ausgepackt hat, kann er es auch gleich dazu nutzen, das Vergnügen zu demonstrieren, das ihm persönlich die Musik bereitet, indem er seiner Sangesfreude nachgibt und munter grölend alle Melodieschnipsel, die er zu kennen glaubt, lauthals mitbrüllt. Meine Kiefermuskeln beginnen zu schmerzen.

Erst zur Abendessenzeit kehrt Ruhe ein. Wir braten unsere Doraden und hoffen aller Erfahrung zum Trotz auf einen lauschigen Abend. Aber gegen neun beginnt die Musik von neuem. Immerhin hat man den Schauplatz verlagert; jetzt tönt es vom Swimmingpool hinter den Sanitäranlagen her. Das dämpft ein bißchen. Le mot juste: ein Bisschen. Ich habe die Schneidezähne in meine Unterlippe geharkt; sie blutet; meine Kiefermuskeln fühlen sich an wie Gusseisen.

Wir sind fast froh, dass sich der nächste Tag nach einem klaren Morgen eintrübt. Angesichts des Niesels verzichtet man auf Animation. Wir lassen den Tag unter unserer Markise verstreichen; ich suche bei Nikolaus Cusanus moralische Stärkung. Später versenke ich mich in Moby Dick; die Schilderung der schwelgerischen Stunden, die Ismael im still schwankenden Auslug der Pequod verbringt, trägt zur Entspannung meiner Kiefer bei. 

Wir haben die Gelegenheit zu einer kleinen völkerkundlichen Studie. Unser Zeltvordach überspannt den Terrassenweg in ganzer Breite, der Tisch steht am vorderen Rand; wir versperren den - freilich nirgendwohin führenden - Pfad. Als wir beim Mittagessen sitzen, kommt eine Familie des Wegs, schon von weitem ist sie an den drei Kindern als französische zu erkennen. Unsere Vermutung bestätigt sich, als sie uns im Chor guten Appetit wünschen. Der Wunsch gehört zum basalen Höflichkeitsrepertoire in Frankreich, selbst Rennradler, die an einem Picknickplatz vorüberkeuchen, mobilisieren ihre letzen Atemreserven, um den Essenden noch ein bon appetit! hinüberzurufen. Da wir den Durchgang mit unserem Baldachin als unseren Bereich okkupiert haben, zögern die Eltern, ungefragt durchzumarschieren. Sie verharren am Terrassenrand und schauen in die Bucht. Erst als wir sie einladen, doch bitteschön weiterzugehen, durchschreiten sie unsere Sphäre. 

Ein paar Minuten später kommt eine deutsche Familie. Das laute Peter!, das den Sohn zurückruft, haben wir schon von weitem gehört. Auch diese Familie empfindet den zeltdachüberspannten Raum als unsere Privatsphäre. Aber anders als die Franzosen vermeiden sie den Kontakt, trotz der gemeinsamen Sprache. Der Vater schreitet entschlossen voran; aber nicht etwa unter dem Zeltdach durch: lieber stapft er durch das Unkraut hinter dem Bus; die Familie folgt, flüsternd.

Es dauert einige Stunden, bis die nächste Familie das Nationenspektrum komplettiert. Wir sitzen immer noch am Tisch, trinken Milchkaffee, lesen. Es kommen: die Italiener. Ohne ein Wort gehen sie durch. Der Blick ist starr geradeaus gerichtet; nur der Junge lässt seine Augen über uns hinweggleiten wie über Dinge: Bäume, Steine, an einem Tisch plazierte Körper.

Es war uns schon öfter aufgefallen, dass man mit Grüßen hierzulande knausert. Solange es geht, wird der Andere ignoriert. Das ist kein Widerspruch zu der Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft, die wir hier oft erfahren haben, es ist im Gegenteil vielleicht sogar deren erste Ausdrucksform. Erst empfanden wir die Grußlosigkeit, das Wegsehen, das vorgebliche Nicht-Wahrnehmen des Anderen als unhöflich und flegelhaft, als bornierte Stoffeligkeit. Das ist es keineswegs, sondern geradezu eine Geste der Schonung: man will den Anderen nicht behelligen, man will ihm den Zwang zu Gruß und Gegengruß ersparen. Es ist eine Höflichkeit der Aufwandsersparnis und des Gewährenlassens: letztlich der Diskretion.

Auch das gehört zu dem verwickelten Thema von Allgemeinheit und Partikularismus, das mich hier immer wieder umtreibt. Mir scheint, dass der grundlegende Habitus in Italien einer gewissermaßen transzendentalen Liberalität entspringt. Das muss sich nicht mit irgendeinem programmatischen Liberalismus, gesellschaftlicher Offenheit oder Toleranz decken, davon spreche ich nicht, es wäre auch vermessen, wenn ich darüber urteilen wollte. Mit diesem vielleicht missverständlichen Ausdruck liberal bezeichne ich hier nur die gleichsam vorbewusst geübte Praxis, sich nicht um ein irgendwie apriorisch ausgeklügeltes und anonymes Allgemeines zu kümmern und sich zu bemühen, dessen formelle Regeln in vorauseilendem Gehorsam erfüllen, sondern sich darauf zu verlassen, dass Gott - oder die Unsichtbare Hand, die Adam Smith hierfür bemühte - die Welt schon so weise eingerichtet haben wird, dass, wenn jeder nur tapfer seinen eigenen Antriebskräften folgt und seinen partikularen Interessen nachgeht, das Ganze sich schon irgendwie gelingend zusammenfügen wird. 

Auch die Grußhöflichkeit ist ja etwas, das die Allgemeinheit berührt, zumindest nach französischer Sitte. Betritt man in Frankreich einen Laden, gilt der Gruß allen Anwesenden. Man anerkennt ihre Gegenwart; man fügt sich mit dieser Formalität der Gemeinschaft ein und bekräftigt damit seinen Willen zur Universalität des gemeinschaftlichen Brauchs. Man grüßt nicht jemanden Bestimmten, sondern die Allgemeinheit. Die Geste ist in erster Linie an den citoyen gerichtet und an die communauté, der er angehört; erst in zweiter an den Einzelnen. In Italien sind Grüße nicht universell, sondern individuell. Es muss einen spezifischen Anlass dafür geben. Erst, wenn man mit dem Anderen in einen weitergehenden Wortwechsel einzutreten gedenkt, eröffnet ein Gruß den Austausch: die Höflichkeit ist eine Sache zwischen Individuen, eine singuläre und gleichsam atomare Angelegenheit. Sie ist nicht das magnetische Kraftfeld, das apriorische Netz, das alle Einzelteile in seiner Sphäre hält, sondern ein je nach Bedarf geknüpftes Band zwischen isolierten und selbstmächtigen Subjekten.

Die Linie zur klassisch liberalen Lehre von den frei verfahrenden Wirtschaftsakteuren ist leicht zu ziehen. Dieser Lehre zufolge gewährleistet nicht staatliche Steuerung die allgemeine Wohlfahrt, kein vorweg ersonnener Plan, sondern allein das ungehinderte Wirken von Produktion und Distribution, das zwischen den Akteuren vermittelt. Das Allgemeine - der Markt - entsteht erst ex post, es entspringt den Verhandlungen, in denen Angebot und Nachfrage geregelt werden. Nicht die Vorstellung eines gerechten Preises (ein Relikt der aristotelischen Theorie von den natürlichen Orten ebenso - nicht wahr, nicht wahr? - wie des mittelalterlichen ordo-Denkens, jaja, soso) bestimmt das Verfahren, sondern das, was in der direkten Konfrontation von Anbieter und Nachfrager ausgehandelt wird. Ist es verwunderlich, dass der europäische Kapitalismus in den oberitalienischen Stadtstaaten entstanden und zu einer ersten Blüte gelangt ist? Aus den kriegerischen Fürsten der Toskana, die ihr Vermögen mit Raubzügen und Plünderungen gemacht haben, sind schnell die Handelsdynastien geworden, die nicht mehr von Blut, sondern von Buchhaltertinte troffen, und denen am Klingen der Goldmünzen mehr gelegen war als am Klirren der Waffen. Dort hatte der Wohlstand der Nation seinen Ursprung - in der Fortsetzung und Sublimierung der ritterlichen Kämpfe Mann gegen Mann, Fürst gegen Fürst. Aus den Turnierschranken wurden Bankschalter, und statt allein auf Söldnerheere zu vertrauen, ließ man lieber die Schafherden aufmarschieren, die den Florentiner Webstühlen folgsam blökend die Wolle lieferten. Das Blut, das zu vergießen man natürlich nicht aufhörte, floß weiterhin reichlich. Aber weniger im Namen des Papstes und des Kaisers und unter dem Deckmantel abstrakter Ideale als vielmehr in den Vendettas der reichen Geschlechter, die ihre persönliche Ehre ebenso wehrhaft verteidigten wie sie den Konkurrenten die Märkte abzujagen suchten. In dieser Aushandlung face-à-face florierte das Land. Wie sollte sich das nicht tief in die italienische Mentalität einsenken - so tief, dass ein verwundertes Europa heute fassungslos auf den reichsten Mann des Staates blickt, der sich nach alter Fürstenweise seiner politischen Macht nicht zur allgemeinen Wohlfahrt, sondern zur Durchsetzung seines Eigennutzes bedient, während das italienische Wahlvolk offenbar eher von seiner Chuzpe und seiner Dreistigkeit beeindruckt ist und vielleicht grade wegen seines unverblümten Egoismus diesen cavaliere wieder und wieder als gültigen Repräsentanten Italiens bestätigt?

Hätte Signore Berlusconi uns eines Grußes gewürdigt, wenn er mit einem Tross halbnackter Fernsehflittchen an unserem Tisch vorüberparadiert wäre? Ich mag es mir gar nicht ausmalen.

Diese Grußlosigkeit jedenfalls, dieses grundlegende Nicht-Wahrnehmen des Anderen, ist heutzutage nicht feindselig gemeint. Aber die Ignoranz entspringt dennoch einer Auffassung des Anderen als möglichem Rivalen oder Geschäftspartner: als jemand, der nur dann Beachtung findet, wenn ein konkretes Anliegen abzuwickeln ist. Das hat, alles in allem, etwas durchaus Unschuldiges, ja, Barbarennaives und prinzipiell Unreflektiertes - den Begriff nicht wertend, sondern rein deskriptiv genommen. Reflektiertheit besteht im Umgang miteinander in der Antizipation der Antizipationen des Anderen, also in der Errichtung eines sozialen Spiegelkabinetts. Hätte der klassisch britische Sketch zweier Gentlemen, die sich an einem engen Durchlass begegnen und das lachhafte Ballett aus Verbeugungen, Gesten des Vortrittlassens, selber versuchsweise Voranschreitens und dann doch wieder Zurückweichens beginnen - hätte dieses ganze steife Stocken und rücksichtsvolle Ruckeln, das Nicken und Köpfewackeln in Italien ausgeheckt werden können? Ich glaube es nicht. Hier wären die beiden Kontrahenten forsch vorangeschritten, bis sie sich endlich in der schmalen Pforte verkeilt hätten; in Italien begänne erst hier die Humoreske. Nicht in einer Szene der aus Höflichkeit vorenthaltenen Konfrontation, sondern erst im Malheur der geschehenen würde das Land sich wiedererkennen. Man macht es dem Anderen nicht von sich aus leicht; man kommt ihm nicht entgegen, indem man sich in ihn hineinversetzt und seine Bedürfnisse und Wünsche zu erraten versucht. Mag ein jeder sich selbst durchwursteln wie er kann.

Vielleicht, denke ich, ist Italien nicht nur des angeblich schönen Wetters wegen das Land der Motorroller, sondern aus eben diesem Grund: sie erlauben es, die uniforme Allgemeinheit des Verkehrs zu entregeln. Das Wort Individualverkehr trifft ja auf Roller viel besser zu als auf  Autos. Als Zweiradfahrer ist man nur in Maßen an seine Fahrspur gebunden; Autofahrer müssen dem Zwang folgen, den ihnen die Gleichförmigkeit des Verkehrs auferlegt; die Gelegenheiten zum Überholen sind rar; zähneknirschend bleibt man in seiner Trasse. Als Scooterpilot ist man von dieser Beschränkung befreit; die hochmotorisierte Vespa erlaubt die Flucht aus einem Verkehr, wie der deutsche Straßenplaner ihn sich als störungsfreies Dahingleiten einheitlicher Verkehrsströme erträumt. Der Scooter ist das Gefährt der Wahl für jeden Anarchisten und jeden entschlossenen Briganten, der nicht nur mittreiben, sondern sein Tempo selbst bestimmen will. Egoismus wäre der falsche Begriff; er hat erst Sinn auf einer moralischen Ebene. Der italienische Egoismus aber ist - das Wort ist schon gefallen - transzendental, vor der Moral. Auf eine sehr grundlegende Art regelt er das Benehmen, noch vor aller persönlichen Entscheidung. Es verhält sich damit ein wenig wie im indischen Straßenverkehr. Auch dort funktioniert das Gewimmel der Tuktuks und der Rikschas in aller Unschuld nach dem mechanischen oder vielmehr strömungstheoretischen Prinzip der nutzbaren Lücke. Alle akzeptieren das; sie können es sich gar nicht anders vorstellen; das ist das Axiom, das unbefragt dem Verkehr zugrundeliegt. Selbst wenn einem Rikschafahrer rüd der Weg abgeschnitten wird, käme er nie auf die Idee, dies als persönlichen Affront zu empfinden, wie es in Europa der Fall wäre. Hier würde man fuchteln und fluchen, weil man sich als mißachtetes und in seinen Rechten gekränktes Subjekt empfände (von der Empörung über die verletzte Universalität des Gesetzes ganz abgesehen). In Indien wird eine solche Störung mit dem Gleichmut hingenommen, wie man ihn jedem naturgesetzlichen Ablauf entgegenbringt. Und so wäre es auch unsinnig, irgendeinen besonders rasanten Scooterfahrer in Italien forsch zu nennen oder ihm mit einem vergleichbaren Ausdruck aus der Kategorie der Moral zu benennen. Es nennt ja auch niemand die Planeten forsch, nur weil sie ihren Bahnen folgen oder unvorsichtige Asteroiden in ihre Sphäre ziehen und dort verglühen lassen. 


Obwohl es am kommenden Tag heftig regnet und deswegen kaum Animation zu befürchten ist, brechen wir auf. Eine weise Entscheidung; denn noch vor Mittag, als wir an den endlosen Olivenpflanzungen der apulischen Küste entlangfahren, lösen sich die Wolken auf. Die Bäume am Rand unserer Bucht werden sich wohl schon wieder im Takt spanischer Ferienhits wiegen.

Da ist es gut, dass wir zur Mittagszeit in Trani ankommen, die nach Auskuft des Reiseführers die einzige apulische Stadt mit funktionierender Straßenreinigung ist. Die Stadt ist allerdings zur Mittagszeit nicht nur von Müll befreit, sondern auch von Einwohnern. Die Gassen im centro storico sind leer; die Restaurants sind bis aus ein paar Ausnahmen geschlossen. Um den Hafen reihen sich blendend helle Bauten; die weiß getünchten Kuben verleihen dem Ensemble etwas Maurisches. Die geschlossenen Fensterläden sperren die Mittagshitze aus. Die Kathedrale steht mit ihrer hohen, von Halbsäulen gerippten Ostflanke wie ein Damm gegen das Meer. Vielleicht schlägt in den Herbststürmen die Brandung dagegen; jetzt plätschern nur schläfrige Wellen darunter.

Zum Mittagessen gibt es bedauerlicherweise keine Seeigel; zu gern hätte ich ihre Gonaden aus ihrer stachligen Schale gelöffelt. Das Restaurant hat sie nur am Sonntag; die Straßenhändler, die so etwas auch wochentags anbieten sollen, hat wohl auch die Straßenreinigung weggefegt.

Ein Wort zur italienischen Küche, soweit wir sie erlebt haben. Sie genießt einen guten Ruf, und wir haben, wenn wir essen gegangen sind, nie schlecht gegessen. Aber die Verdienste der einfachen Trattorien beruhen vor allem auf der Qualität ihrer Produkte und kaum in der Raffinesse ihrer Rezepte. Das ist regional unterschiedlich; wir kannten bislang die Küche Norditaliens: die piemontesischen brasati, die gebackenen Rebhühner und die getrüffelten Nudeln; die lombardischen Schmorgerichte, die balsamicofrischen scallopine der Emilia oder die süßsauren, mit Zwiebeln und orientalischer Rosinenlust keck angereicherten Sardinen Venedigs. Südlich der Poebene wird die Küche direkter, unvermittelter. Die Toskana glänzt mit der bistecca fiorentina, mit salbeigeschwängerten, dicken Bohnen, und wenn man den Kochbüchern glauben will, gibt es auch hier eine ganze Fülle von Gerichten, bei denen der Koch ein breites Spektrum von Aromen und Geschmäckern miteinander vermählt. Aus unseren Rezeptsammlungen lieben wir ein toskanisches Wildschweingulasch in einer Schokoladensoße, die mit Essig, Pinienkernen, Zucker aufgemuntert wird; aus Umbrien die Schweinefilets alla perugina mit Kapern und Hühnerleber, Sardellen und Zitronen; die süße, bittere, saure caponata Siziliens. Mag sein, dass es das alles irgendwo in klandestinen Restaurants gibt. Die Gaststätten, in denen wir einkehren konnten, beschränken ihr Angebot auf gebratenes Gemüse, gebratenen Fisch, gebratenes Fleisch. Vorweg die üblichen Nudeln in ihren üblichen Sugos. Das ist fast immer gut und schmackhaft, aber es bleibt eine schnelle, unkomplizierte Küche, die es kaum darauf anlegt, auf einem Teller verschiedene Geschmäcker zu kombinieren. Dem entspricht die Praxis, die Speisenfolge linear zu gestalten: in Trani bekommen wir das contorno vor dem Fisch; erst als wir die Kartoffeln gegessen haben, wird der Tintenfisch gebracht. Zwar ist beides hervorragend; aber man vermeidet die Mischung, das Wechselspiel von Geschmack und Mundgefühl, bei dem das Duftige und das Erdige, das Geröstete und das Gesottene, das Saftige und das außen Krustige, innen Mehlige eine Liaison eingehen oder einen Kontrast aufbauen würden. Man isst das Eine, dann das Andere, und ich merke, dass mir selbst ein Teller mit Bratkartoffeln und Röstzwiebeln, Sauerfleisch und Essiggürkchen kulinarisch fast reizvoller erscheint: da ist ein munterer Betrieb auf den Papillen; die Elemente begeben sich ihrer Substanzialität, um als Teil einer Relation neu und anders wieder zu erstehen, um diese cusanisch inspirierten Begriffe einmal auf kulinarische Fragen anzuwenden. Denn was wäre das auch für eine Metaphysik, die nicht zu allen Bereichen der Erfahrung Erhellendes beizutragen hätte?


Nach dem Essen ist die Kathedrale wieder geöffnet; auch Gott und die Seinen haben ein Recht auf Mittagsmahl und Siesta. Die Sandsteinmauern sind schlicht und hell; das Hauptschiff verströmt Erhabenheit. Kein mystisches, von farbigem Glanz glosendes Dunkel trübt diesen Eindruck, und weder die Wände noch die Säulenkapitelle schmücken sich redselig mit biblischen Figuren und Anekdoten. Es ist eine nüchterne Kirche für wortkarge, hart arbeitende Fischer, und die mittschiffs aufgestellten Bankreihen ähneln in ihrer sachlichen Kantigkeit Ruderbänken, auf denen sich die Gläubigen schwer in die Riemen legen müssen, um gemäß dem Takt, den der Priester am Altar vorgibt, dem Heil entgegenzuschippern. Durch ein großes Fenster in der Apsis fällt salzweißes Licht ins Schiff und überstrahlt beinahe das Kreuz, das darunter angebracht ist - es scheint weniger ein Leidensholz als vielmehr ein Zielkreuz, das helfen soll, sicher durch die rauhe See des Lebens zu steuern.

Die Kirche ist nur über einen Seiteneingang zu betreten; vor dem Hauptportal haben Arbeiter Bänke und eine Bühne für das Konzert heute abend aufgebaut; wie in einer Achsenspiegelung zu den Kirchenbänken im Innern stehen draußen die Tribünen aufgereiht. Welcher Priester vom Orden der Heiligen Animation wird heute abend dort die Messe feiern? 


Die Stadt liegt bis fünf Uhr in der Mittagsruhe. Vor den Läden sind die Gitter herabgelassen; nur ein paar Touristen geistern durch die leeren Gassen.

Wir machen uns auf nach Castel del Monte, der rätselhaften und imposanten Burg, die Friedrich II. auf einem apulischen Hügel erbauen ließ. In geometrischer Klarheit - ein massiger, achteckiger Block, dem an jeder Ecke ein achteckiger Turm angelagert ist - thront sie als monumentales Herrschaftszeichen, schon von ferne zu sehen, über dem Land. Jemand hat das Castel einmal als die Steinerne Krone Apuliens bezeichnet - das leuchtet mir unmittelbar ein. Wie eine Kaiserkrone vertritt sie den Kaiser in seiner Abwesenheit. Sie ist sein steinernes Haupt; man wandert durch die Säle wie durch die Kammern eines leeren, knöchernen Schädels. Ein riesiges Totenhaupt ist auf diesem Hügel aufgebahrt: stupor mundi.

Ich spare mir Exkurse zur Deutung dieses enigmatischen Bauwerks oder zur Vita des Stauferkaisers, der, wie seine Gegner den jungen Mann schmähten, als apulischer Knabe aufgewachsen ist. Lieber schmähe ich selber diese Provinz aus dürren Weiden und abgeerneten Feldern, deren welliges Hügelland sich endlos zu erstrecken scheint. Mag sein, dass es nur der Regen ist, der in düsteren Schleiern über den Hügeln in der Ferne niedergeht; mag sein, dass das Land, wenn es nicht in der Trübheit dieses späten Nachmittags läge, in einem Akkord aus Blau und Gold erstrahlte. Doch auch wenn die Sonne es aus diesem Schmutzgrau erlöste, gewönne es wohl kaum an Liebreiz. Die Felder wirken ausgezehrt, die Weiden karg, und die Bauernhöfe, an denen wir vorüberkommen, sind keine alten, breiten Gehöfte, die festen Grund im tiefen Boden der Vergangenheit gefasst haben; etwas Barackenhaftes und Flüchtiges ist um sie. Nackte Treibhausgerüste stehen wie verwitterte Gerippe, denen die Zeit die Haut von den Knochen gerissen hat, auf den Feldern. Anbrüchige Schuppen und aus schwarzem Beton errichtete Lagerhallen zeugen von Notdurft und einer Mühsal, die es nicht zu erlauben scheint, dass man hier auf lange Dauer baut. Vieles ist provisorisch, vorläufig, eine schnell hingepfuschte Zwischenlösung, die sich dann doch als dauernde entpuppt; aber dann hat man sich schon daran gewöhnt und begnügt sich damit. 


Wir geraten immer tiefer in den Regen; wir fahren nicht mehr über Straßen: als geriete das gewellte Land nun in Bewegung und spüle uns über seine Wellenkämme dahin, treiben wir in der Gischt. Erst als wir das apulische Hügelland verlassen und in die tiefer gekerbten Regionen der Lucania gelangen, lässt der Regen nach. 

Wir suchen nach einem Übernachtungsplatz; wie so oft ist es schwierig. Der See, den Dagmar auf der Karte gefunden hat, ist zur Hälfte ausgetrocknet; sein Bett ist voll mit schwarzem Schlick, aus dem versenkter Maschinenschrott ragt, zudem ist er unzugänglich: einmal mehr vietato l'accesso. Das Dorf nahebei ist eine dieser trost- und zentrumslosen Ansiedlungen, die nicht dazu einladen, auch nur einen Abend darin zuzubringen. Aber das nächste Städtchen hat immerhin einen anziehenden Namen: Oppido Lucano klingt nach Legionären, die ihre Dinkelsuppe löffeln und nachher bei gemischtem Wein und Knöchelchenspiel in Streit geraten. Es könnte ein Felsenhorst sein, der einen weiten Blick über die bewaldeten Hügelketten erlaubt, die sich in die Ferne erstrecken. 

Aber gastlich ist auch dieses Oppidum nicht. Zwar tummeln sich vor den Bars große Männergruppen (es sind ausschließlich Männer), aber ein Restaurant ist nicht zu finden. Als ich einen Mann danach frage, schaut er mich verblüfft, ja beinahe entgeistert an, als hätte ihm nicht nur zum ersten Mal ein Fremder diese Frage gestellt, sondern als würde ihm erst jetzt mit einem Schlag klar, dass so etwas wie ein Restaurant in seinem Städtchen nicht existiert.

Schließlich entsinnt er sich eines Pubs am Ortsausgangs; dort könne man auch Kleinigkeiten essen. Auf dem Weg dorthin finden wir doch noch eine Pizzeria; der Raum ist leer. Wir befürchten, zu spät zu sein, es ist immerhin schon nach neun. Aber nein, sagt die Wirtin, natürlich könnten wir noch etwas bekommen. Bald trudeln auch weitere Gäste ein: zwei Männer, die ihre Kinder zum Essen ausführen. Ein paar Arbeiter. Ältere Herren. Dieses Dorf scheint unter akutem Frauenmangel zu leiden, oder aber die Frauen haben sich alle zusammengetan, um sich am Freitagabend in Potenza zu verlustieren. Wer wollte es ihnen verdenken? Doch wahrscheinlich stecken sie doch bloß in ihren Behausungen und müssen sich um die Wäsche kümmern.

Wir übernachten an einer kleinen Grünfläche, wo wir mit Blick auf Berg und Tal frühstücken. Das Bocciadrom dort ist nicht mehr in Betrieb. Man hat einen Picknicktisch auf die Sandbahn gestellt, doch diese Anwandlung kommunaler Umtriebigkeit muss schon Jahrzehnte zurückliegen. An den Bänken fehlen Planken, vom Tisch ist nur noch das leere plattenlose Gerüst übrig. 

Als wir aufbrechen, ist auf der Hauptstraße Markt. Wir bleiben bei unserer französischen Gepflogenheit und halten an; wir müssen uns ohnehin verproviantieren. Die italienischen Dorfmärkte sind indes nicht zu vergleichen mit den französischen, wo die Bauern der Umgebung ihre Gemüse und ihren Ziegenkäse feilbieten, wo Hühner gebraten werden, Würste ausliegen, Öl und Wein und Honig zur Verkostung frei sind. Vielleicht ziehen die Ortsansässigen hierzulande ihre Gemüse alle selbst, vielleicht gibt es niemanden, der nicht ein paar Parzellen Wein, einige Olivenbäume oder ein paar Bienenstöcke besäße; vielleicht hat niemand es nötig, solche Erzeugnisse auf dem Markt einzukaufen. Die Märkte hier sind nicht zur Verpflegung, sondern zur Versorgung mit Textilien gedacht; von der Unterhose bis zum Hochzeitskleid, vom Nadelstreifenanzug bis zum Bikini ist dort alles zu bekommen. Selbst für mich ist etwas dabei: ich ersetze meine Leinenhose, die sich im Zustand flagranter Auflösung befindet und überall morsch ist, durch zwei günstige Exemplare, die ich, um den Händler nicht zu langweilen, nach Kräften herunterhandle, dann geht es weiter Richtung Westen. Wir halten auf Kampanien zu. Nachmittags wollen wir an der Amalfiküste sein.



9. Kampanien


Die Fahrt über die Autobahn ist nicht ohne Reiz; doch mehr noch als in den landschaftlichen Schönheiten, die man durchquert, liegt dieser Reiz in der einfallsreichen Zusammenstellung des Mülls, der hier zu dekorativen oder wohnlichen Zwecken in den Haltebuchten aufgehäuft ist. Ich habe oben zwar behauptet, dass die Kommunen Italiens keine öffentlichen Räume zu allgemeiner Nutzung bereitstellen, keine Dorfanger und Bouleplätze, keine Wiesen, Ufer, Haine, um ein Picknick daran zu halten. Jetzt begreife ich meinen Irrtum. Nur ist es nicht die behördliche Fürsorge, die sich darum kümmert; getreu dem liberalen Transzendental, von dem ich gesprochen habe, wird die Gestaltung dieser Haltebuchten privater Initiative überlassen. Adam Smith hat den Namen seines Theorems glücklich gewählt: in der Tat werden auch diese Buchten von Unsichtbarer Hand möbliert.

Dort ist alles zu finden, was man zum Wohnen braucht; es fehlt nur der Stromanschluss, um die abgestellten Kühlschränke und Herde in Betrieb zu nehmen, und vielleicht will mancher nachts doch ein Dach über dem Kopf haben; aber Matratzen fehlen selten, und der eine oder andere Sessel ist meistens auch dabei, von dem aus man bequem ein wenig fernsehen könnte, denn auch ein solches Gerät lässt sich leicht aus Müllhaufen in irgendeiner Bucht klauben.


Die Amalfiküste ist ohne Zweifel spektakulär. Das Meer liegt strahlend blau zur Linken in der Tiefe, in der Ferne schimmert das aschblaue Gehäufel der Galli-Inseln, die Küstenstraße schlängelt sich in zahllosen Windungen eng an den steilen Hängen dahin. Das Wort schlängeln allerdings, das eine genießerische Gemächlichkeit suggeriert, bleibt für die Straße selbst reserviert; der Verkehr darauf schlängelt nicht, er rast, prescht, fegt. Hier versteht man, warum man den Motorroller Vespa getauft hat. Wie ein Schwarm von aufgehetzten Wespen sitzen einem die Roller im Nacken; ihr hochtouriges Schwirren, Knetern, Jaulen bohrt sich unablässig ins Trommelfell. Sie hängen fortwährend hinter mir, scheren aus, drängen nach vorn und reißen den Gasgriff auf, wenn sie auch nur die winzigste halsbrecherische Gelegenheit zum Überholen wittern, was angesichts der Nonchalance, mit der hierzulande überall die Kurven geschnitten werden, von beeindruckender Todesverachtung zeugt. Aber die Mädchen, die auf dem Sozius die Strandmatte unter den einen Arm geklemmt haben, die freie Linke lässig auf der Schulter ihres Chauffeurs, wirken mit ihren bloßen Gliedmaßen und den wehenden Haarschweifen wie die Behauptung einer göttlichen Jugendlichkeit, die unmöglich durch ein so profanes Geschehnis wie einen Verkehrsunfall ausgelöscht werden könnte. Ich lasse mich von der Raserei anstecken, so gut das mit unserem behäbigen Gefährt möglich ist; Anhalten geht sowieso nicht, es gibt kaum Gelegenheiten dazu; nur einmal wäre ein Platz frei. Aber dort, wo ein Steilweg die Klippen hinunter zum Meer führt, ist meine Sorge zu groß, ich könnte beim Einparken den ersten aus der ganzen langen Staffel eng aneinandergesteller Roller touchieren, ihn umstürzen und damit die ganze Phalanx wie eine Reihe von Dominosteinen niederfegen: also weiter. Das Problem ist nur, dass wir Hunger bekommen. Schließlich finden wir hinter einem kleinen Tunnel eine Bucht. Das Parkverbot ignorieren wir und stellen unseren Tisch vor dem Mäuerchen auf. Der Blick, von Oleander und Orangenblüten gerahmt, geht darüberweg aufs Meer. Zwar können weder Oleander noch Orangenblüten den olfaktorischen Makel dieser Nische überdecken, aber wir vertrauen darauf, dass unsere Nasen schnell den durchdringenden Gestank nach Urin zu ignorieren lernen, mit dem die Mauer imprägniert ist und der in der Nachmittagshitze aus all ihren Zementporen zu köcheln scheint.

Die Nase ist ein vergessliches, nachgiebiges Organ; wir essen unser süßen Tomaten und die Auberginen und Zucchini und die Bohnen, ohne dass uns das Aroma von Pisse und Müll noch sonderlich auffiele. Aber den Kaffee nehmen wir dann doch lieber im nächsten Örtchen.

In der Bucht von Praiano drängen sich die üblichen Reihen von Liegen und Sonnenschirmen (eine Abfolge von Orange und Türkis, Blau und Violett), die aus der Ferne so farbenfroh und heiter wirken, aus der Nähe betrachtet aber eine schwere Prüfung für jeden Klaustrophoben darstellen, so eng steht Liege an Liege.

Auf der Terrasse der Beach Bar mit ihren leuchtend orangen Stühlen hole ich Kaffee. Der barista schäkert mit zwei korpulenten Matronen und rühmt ihre unverwüstliche Schönheit. Die eine kontert knapp: "Und meine Katze hat vier Flügel. Morgen fliegt sie auf den Mond."

Weiter. Wir stehen an einer Ampel. Daneben wird ein Parkplatz von einer Plane überdacht. Hühner stolzieren darüber, vorsichtig wippen sie auf den zwischen den Streben durchhängenden Mulden. Nur der Hahn hat Posten auf einer Strebe bezogen. Als sei er auf irgendwelche subliminalen Signale der Ampel konditioniert, schaltet diese um, als er sich grade lauthals krähend in die Brust wirft. Bahn frei!

Wir bekommen auf einem Campingplatz in Strandnähe den letzten freien Winkel. Ein umständliches Manöver ist nötig, um in die Ecke zu rangieren; ein freundliches Pärchen aus Holland macht uns Platz, damit wir hineinkommen. Seit einer Woche seien sie nun hier, und eigentlich hatten sie nur einen Tag bleiben wollen. Aber jeden Tag verschöben sie ihre Abreise; der Aufenthalt lulle sie ein. Liest sie abends Tod in Venedig oder den Zauberberg? Auf dem Umschlag konnte ich nur Thomas Manns Namen erkennen.

Wir jedenfalls lassen uns nicht einlullen. Am Morgen brechen wir nach Pompeji auf; erhaschen einige Blicke auf die im Meer schimmernde Inselmasse Capris, als wir Sorrent passieren. In Pompeji installieren wir uns auf einem Campingplatz, der gleich gegenüber einem der Zugänge gelegen ist; wir rüsten uns zur Besichtigung.

Der Vesuv trägt einen grimmigen Wolkenkranz ums Haupt. Sonst ist es heiter; die Berge um Pompeji heben sich scharf vom blauen Himmel ab.

Die Anlage lässt mich erstaunlich kalt. Ich kann während der langen und anstrengenden Wanderung Dagmar viel aus meinem Wissensbestand zur Antike erzählen; ich erinnere mich an einen im Lateinunterricht übersetzten Brief des Plinius, in dem er erzählt, wie die Menschen sich mit Kissen, die sie auf den Kopf banden, gegen die herabregenden Felstrümmer zu schützen versuchten; ich bin stolz, auf einem Mosaik Alexander den Großen zu erkennen; ich kann Götterbilder identifizieren und ihre Attribute, ihre Funktion, ihre Geschichte benennen. Aber das Ausbreiten dieses altphilologischen Wissens schmeichelt nur meiner Selbstgefälligkeit; fasziniert bin ich nicht; die Stadt inspiriert mich nicht. Sicher: es gibt einige schöne Überreste; ein schmuckvoll gearbeitetes Fries; die Wandmalereien in der Mysterienvilla; ein tänzelnder Bronzefaun mit dramatisch gesträubten Haar; die Fresken im Lupanar, deren explizite Darstellungen zumal dem osteuropäischen und asiatischen Publikum ebenso verschämt kichernde Ausrufe entlocken wie das imposante Eselsglied des Priapus im Haus der Vettier.

Aber das alles bleibt tot, archivalisch, kalt.

Nirgendwo berührt mich ein Schauer des Erhabenen, ein Anflug von Wehmut. Die Stätte ist nicht tragisch; sie entlockt meiner Seele - animula vagula blandula - keine Klage, kein Mitgefühl, kein Erbarmen. Der Bildungshungrige kann sich hier ergehen; wer Bilder sucht, die ihn tiefer berühren, mag sie anderswo finden.

Nur eins hat sich mir fester eingeprägt als all die Säulen und Mauern und Fresken: es ist die verzerrte Grimasse eines Verschütteten, der im Ersticken den Kopf hintübergeworfen hat und mit gebleckten Lippen und leeren Augenhöhlen ins Nichts starrt, der ganze Leib von einer rauhen, steinernen Kruste versiegelt.

Als wir langsam dem Ausgang entgegentrotten, frage ich mich, ob man nicht gut daran täte, die Stätte ihrem Schicksal als Ruinenstadt zu überlassen und sie weiter dem Verfall preiszugeben: vielleicht würde ihr mit jedem Gesträuch, das hier Fuß fasst, jedem Busch, der durch die Ritzen im Stein bricht, und den Hecken, die die Mauern überwuchern und die Ruinen langsam verschlingen, die Atmosphäre zuwachsen, die in dieser kalten Bewahrung der Monumente, die alles mit dem halbherzigen Lack des Musealen überzieht, längst verlorengegangen ist.

Es besteht freilich Hoffnung: angesichts der zahlreichen Villen, die wegen Baufälligkeit oder mangelnder konservatorischer Fürsorge gesperrt sind und still vor sich hinbröckeln (oder spektakulär einstürzen wie die Gladiatorenschule im letzten November), scheinen die italienischen Behörden genau diesen Weg zu verfolgen und Pompeji einem erneuten Untergang entgegengehen zu lassen, bei dem die Tempel und Villen ruhig fallen dürfen, um als Erinnerung und Vorstellung vielleicht lebendiger wiederzuerstehen. Recht so!


Nur gut, dass wir am Ende unseres Rundgangs, als wir erschöpft auf der Tribüne des Theaters sitzen, den richtigen Abschluss des Tages finden. Eine junge Frau springt in die Orchestra und deklamiert, leidenschaftlich die Arme werfend und posierend, einen langen Monolog. Sie hat sich unseren Applaus verdient.


Wir lassen den Wagen noch einen Tag auf dem Campingplatz; das ist unsere Chance, nach Neapel zu fahren, ohne unseren ganzen Besitz in den Dunstkreis dieser verrufenen Verbrechermetropole zu bringen. Bevor wir die Circumvesuviana in die Stadt nehmen, räumen wir alle Dokumente aus den Portemonnaies, verstecken Scheckkarten und Ausweise im Auto - dass ich dann vergesse, das Seitenfenster zu schließen, ist eine Nachlässigkeit, die folgenlos bleibt. 

Die Fahrt mit der Bahn dauert eine halbe Stunde. Vor dem Hintergrund des weiterhin wolkenbekränzten Vulkans breiten sich die Vorstädte aus, die Mietshäuser, die Industriebrachen, die Lagerhallen und die Barackensiedlungen. Zur Linken leuchtet heiter der Golf.

Endstation an der Porta Nolana. Wir gehen durch die Schranke und treten auf den Vorplatz. 

Das erste, das sich uns zum Willkomm entgegenstreckt, sind zwei gigantische nackte Arschbacken.

Es sind zwei opulente, von blauen Aderreisern durchzogene und von Zellulitis zerdellte Halbgloben über massig wabbelnden Schenkeln. Sie gehören einer monströsen Matrone, die ihr Kleid hochgeschoben hat und mit einer zusammengeknüllten Zeitung die dunkle Furche säubert. Mürrisch dreht sie ihren grantigen Schädel über die Schulter und bedroht jeden, der es etwa wagen sollte, sie abfällig zu mustern oder ihr sonstwie blöd zu kommen, mit ihrem bösen Blick. Mit ihren fetten, bloßen Oberarmen und ihrer groben Visage ähnelt sie verblüffend der rohen Bäuerin, die Michelangelo in den Zwickeln der Sistina als übellaunige, unheilkündende Sibylle porträtiert hat.

Sie schnaubt, als ihr Geschäft beendet ist. Das Kleid - eher ein Kittel - fällt herab. Dann wuchtet sie ihren schweren Leib mühsam, die Hand am Geländer der Umzäunung, den Müllhaufen entgegen, die am Rand des Platzes aufgeschichtet sind.


Ich stecke den Reiseführer in der unsinnigen Hoffnung weg, so nicht als Tourist erkannt zu werden. Auch der Umstand, dass ich mein Hemd nun schon eine gute Woche trage und es mittlerweile einheitlich grau geworden ist, wird mir kaum zu einer gelungenen neapolitanischen Mimikri verhelfen. Man merkt schon an Gang und Körperhaltung, dass es mir an selbstbewußtem, wehrhaftem Machismo mangelt. Aber das ist egal; schnell begreifen wir, dass die Sorge, an jeder Ecke lauere dem Fremden eine Bande von scippatori und Messerhelden auf, unberechtigt ist, zumindest hier und am hellichten Tag. Die Warnungen davor gehören vielleicht zur Folklore des Neapel-Tourismus, ins Reich der Übertreibungen und Legenden. Nicht übertrieben sind hingegen die Berichte über den Müll. Zwar sind da überall Container, die, wie in ganz Italien mittlerweile üblich, brav zur Mülltrennung auffordern; aber die Kisten stehen da wie Vulkane, die erst vor kurzem ausgebrochen sind und große Mengen ihrer Abfallinnereien ausgespuckt haben. Muren von Müll, Lawinen von Unrat umgeben die Kästen, und überall auf den Straßen sind kleinere Abfallarchipele verteilt, durch deren Untiefen die Passanten vorsichtig dahinkreuzen.

An der Piazza Garibaldi Trupps von carabinieri. Was mögen sie dort bewachen? Weitere Trupps säumen die Straße hinter dem Platz. Das Aufgebot an schwer bewaffneten Kräften läßt uns irgendeine Bluttat erwarten: einen Terroranschlag, eine Geiselnahme, eine wilde Schießerei mit einer Bande von camorristi. Aber die Polizisten stehen eher lässig herum, plaudern, rauchen, scherzen. Es wirkt, als hätten sie sich nur zu einem Betriebsausflug verabredet und warteten nun auf den Bus.

Im Zentrum dieser Abriegelung - die nichts abriegelt, denn jedermann darf hier passieren - sind zwei Laster geparkt. Grüppchen von Schwarzafrikanern stehen betrübt beieinander und sehen zu, wie ein paar Beamte die Taschen, wie sie in ganz Italien von schwarzen clandestini feilgeboten werden, in die Laderäume werfen. Die Laster sind schon halbvoll. Möglicherweise soll die gefälschte Markenware publikumswirksam vernichtet werden, vielleicht auch nur an eine andere Bauerfängerbande verkauft, die den Kram in anderen italienischen Städten weiterverscherbelt.

Der Fischmarkt an der Porta Nolana ist geschlossen; das Gelände liegt hinter Bauzäunen. Meine Hoffnung, doch noch an ein paar rohe Seeigel zu kommen, sinkt. Der Markt ein paar Straßen weiter ist wieder auf Kleidung spezialisiert, Schuhe für drei Euro, Anzüge aus Seidenlamé für zwanzig, mit heißer Nadel zusammengepfuschte Hosen für zehn. Ein halbnackter Mann steht am Rand des Marktes auf einer Kiste und hält eine dröhnende Ansprache an das Volk, das ihn aber nicht weiter beachtet. Er bleibt allein; erst als ein Junge eine Handvoll Maiskörner vor ihn hinwirft, schwirren die Taubenschwärme, die am Rand des Platzes vor sich hingepickt hatten, mit einem Mal wie eine dahinstiebende Schattenwolke heran und balgen sich um die Beute. Mit einer Gebärde - halb die eines zornig fuchtelnden Alten, halb eines Nachfahren Catos würdig, der die Römer mit geballter Faust zum Sturz Carthagos aufruft (aber war nicht auch der nur ein eifernder Greis?), scheucht er die grauen Scharen davon, als befehle er sie zur Plünderung woanders hin; das hat nun doch fast was Feldherrenhaftes.

Wir schlagen uns in die Gassen. Da gibt es Auslagen mit süßem Gebäck, an dessen Zuckerkruste sich die Fliegen laben. Melonenberge; Kisten mit Zucchiniblüten zum Frittieren in Backteig; Fleisch in Kühlvitrinen, unter denen Kompressoren tuckern. Die Rührstäbe in den Granitakisten malmen sich durch die körnig gefrierende Masse, wälzen zäh den melonenroten, orangenfarbenen, curaçaoblauen Sulz um. Bei einem Zigarettenverkäufer (sein Bauchladen wird von einer Krücke gestützt) steht ein kleiner Mann mit großen Ringen und Goldkette am fetten Hals und blättert durch ein staunenerregend dickes Geldbündel. Scooter winden sich hupend durch die Passantenströme. Zwei alte Frauen keifen sich an, man weiß nicht, ob ihr Zorn der anderen oder einem gemeinsamen Feind gilt. Junge Männer in knappen Unterhemden (nein: muscle shirts) lehnen an der Wand und mustern den Verkehr. Als sie zwei Japanerinnen mit Sonnenhüten auf dem Kopf und Sonnenschirmen in den behandschuhten Händen (ich erfinde nicht) erspähen, lösen sie sich von der Wand und schlendern hinterher. Haben sie Beute gewittert und nehmen nun die Fährte auf? Aber vielleicht wollten sie ihre Blicke nur an den zierlichen Figuren der Asiatinnen weiden; beim nächsten granita-Stand halten sie an; die vermeintlichen Briganten sind doch bloß Schleckermäuler.


Wir suchen den Weg zum Dom. An der Ampel will ich einen Scooterfahrer nach dem Weg fragen; da die Ampel umspringt, begnügt er sich mit einer vagen Richtungsangabe, bevor er losfährt; sogleich bleibt ein anderer stehen und bietet uns seine Rat an: Posso darvi consigli? Einmal mehr bestätigt sich die These, dass es nicht die Infrastruktur ist, auf die man sich verlassen sollte, sondern auf die Hilfsbereitschaft und Liebenswürdigkeit der Leute. Wie konnte es nur dazu kommen, dass Hegel - dieser Lobredner des objektiven Geistes - grade hier an der neapolitanischen Universität so eifrig studiert wird? 

Der Dom, in dem sich zweimal im Jahr das geronnene Blut des Heiligen Gennaro in seiner Phiole verflüssigt, ist ein kalter Prunkbau, der mit seiner goldenen Kassettendecke und der Pracht seiner Dekoration eher an einen aristokratischen Palast als an eine Kirche denken lässt, in der die fromme Inbrunst der Bevölkerung Raum fände. Die Seitenkapelle des Gennaro strotzt von Glanz und Reichtum. Die Büste des Stadtheiligen ist mit schwerem Gold gepanzert; sein Antlitz ist eine goldene Maske. Als Patron der Goldschmiede steht ihm das zu. Er soll auch der Schutzheilige der Androgynen sein; vielleicht nutzt die junge Frau, die das Gelass überwacht, ihre Pausen, ihn um Linderung ihres Bartwuchses anzuflehen. Flaumige Schatten kräuseln sich auf ihren Wangen.

In einer Seitenkapelle sollen noch Reste der ursprünglichen Kirche erhalten sein. Doch kaum haben wir auf den Bänken Platz genommen, werden wir vertrieben. Ein Kirchendiener hinkt eilends herbei und kräht: coprire! coprire! Dagmars Schultern sind unbedeckt; das ist natürlich ein fauxpas. Dass aber tiefe Dekolletees und knappe Röcke die Würde des Ortes nicht verletzen sollen, während bloße Schultern Skandal erregen, ist trotzdem albern. Hätte dieser eifrige Kustos die Sünderin von Magdala auch so unnachgiebig von den Bänken gescheucht?

In der unweit gelegenen Misericordia-Kapelle verfährt man weniger streng. Andere italienische Kirchen verteilen am Eingang dünne Umhänge aus Zellstoff, wenn auch kaum aus jenem Gebot der Barmherzigkeit heraus, die Nackten zu kleiden, um dessentwillen hier auf Caravaggios Bild von den sieben Werken der carità ein Edelmann seinen Mantel zerschneidet, um die bloßen Schultern eines Bettlers zu bedecken. Auch die nackte Brust einer Frau, die einen hungernden Greis säugt, erregt keinen Anstoß, obwohl der Greis eher in verstohlener Lüsternheit als einfach hungrig an dieser rosigen Spitze nuckelt. Unterliegen selbst freigiebigst dem Blick dargebotene Dekolletees aus diesem Grund nicht dem Schicklichkeitsgebot in den Kirchen? Zählen Brüste hier gar nicht als erotische Insignien, sondern nur als ehrwürdige Milchorgane, wie selbst die Muttergottes sie freilegte, um ihr Kind damit zu stillen?

Draußen ist es mit der Speisung der Hungernden weniger gut bestellt als auf Caravaggios Gemälde. In der Via Vicaria ist kein Restaurant zu finden, in dem wir im Sitzen ein anständiges Mittagessen nehmen könnten. Selbst auf dem Platz vor der Girolamini-Kirche gibt es nur Panini. Wir wandern bis zur Piazza del Gesù Nuovo, wo an einer Ecke endlich ein paar Restaurants mit Tischen liegen. Vor jedem wartet ein Schlepper auf Kundschaft; auch hier bedarf es offenbar persönlicher Ansprache, um Leute anzulocken, eine Speisekarte allein tut es nicht. Misstraut man dem kargen Medium der Schrift so sehr, dass man einen leiblichen Bürgen braucht, der für die Qualität des Etablissements geradesteht? Oder versucht man nur durch eine ausgetüftelte Arbeitsteilung der Kellnerschaft, soviel Leute wie möglich ins Brot zu bringen? Der Schlepper jedenfalls überwacht nicht nur die Passanten, die er anlocken will, sondern auch die Gäste, um ihre Winke zu registrieren. Dann ruft er einen Kellner, der die Bestellung aufnimmt. Einer ist nur mit dem Eindecken der Tische betraut; ein anderer mit dem Abtragen. Eine Frau bringt die Getränke, eine andere die Speisen. Wieder ein anderer serviert die Rechnung; so hat jeder zu tun, aber niemand zu viel. Es ist ein Vergnügen, ihnen allen zuzusehen. Nur das Abkassieren übernimmt der Schlepper, so schließt sich der Kreis. Vor allem dieser adescatore gefällt mir; wie er unablässig das schwere Armband an seiner Rechten und die dicke Uhr an der Linken schüttelt, hat Stil, und er ist von jovialer Verbindlichkeit, die, anders als sein Amt es befürchten ließe, in keiner Weise schmierig wird. Zudem ist das Essen gut, und er läßt sich sogar herab, nicht auf Englisch mit uns zu sprechen, sondern geduldig beim Italienisch zu bleiben.

An der Piazza Dante nehmen wir den Espresso in der Mexico-Bar. Die bunte Fassade hat uns angezogen. Da noi il caffè é culto heißt es grün auf gelbem Grund, und die baristi treten in der Tat als Diener einer profanen, aber sorgfältig zelebrierten Zeremonie in Erscheinung. In ihren weiß gestärkten Jacken mit gold und grün belitzten Schulterklappen und dem gleichfalls belitzten Schiffchen auf dem Kopf haben sie etwas von Matrosen, die im dampfenden Maschinenraum eines U-Boots schuften. Die Kaffeetassen werden in einem brodelnden Tauchbad vorgeheizt; auch der Mann an der Maschine steht im Gewölk der Schwaden, die unablässig aus den Rohren des verchromten Aufsatzes steigen. Die Druckmesser, die Hebel, das entschlossene Einkuppeln der Siebträger in ihren Bajonettverschlüssen, das Zischen des Dampfs - es würde mich nicht wundern, wenn die Bar plötzlich die Schotten schlösse und auf Tauchstation ginge.

Der Kafee, gleich mit Zucker aufgebrüht, ist ein köstliches Gesöff. Als der Nachgeschmack uns mit seiner mildsüßen Bitternis noch den Mund auskleidet, als ich schon an den Bücherständen auf dem Platz stöbere, ist klar, dass wir uns mit diesem Kaffee verproviantieren müsen. Zudem sind die Dosen, in denen er verkauft wird, entzückend: ihr Dekor erinnert an die die pastellig gedämpfte  Farbpalette von Illustrationen aus den Fünfziger Jahren; Hergé hätte seine Freude an den exotischen Motiven, an den lässig verschnürten Frachtpaletten, die am langen Kranarm über einem Dampfer schwingen, nicht minder als an der feschen Kaffeepflückerin, die so rank und stolz ihren Korb auf dem balanciert wie eine Königin ihren Ascot-Hut. Was für ein festliches Vergnügen, Kaffeepflückerin sein zu dürfen!

Der Kassierer, dem ich ein Kompliment über seinen wunderbaren Kaffee mache, schüttelt mir überschwenglich die Hände. Eine der sieben Taten der Barmherzigkeit ist getan. Dante, der auf dem Platz seinen steinernen Arm ausstreckt, sollte sich auf seinem Sockel drehen und zur Bar hinüberzeigen, in der dieses gute Werk vollbracht wurde.

Zurück ins Gassengewirr. Die Piazza Bellini, die sich hinter einem Durchgang voller Antiquariate öffnet, ist einer der wenigen lauschigen und heiteren Plätze, die wir in den Stadt finden. Selbst die Grube, in der man einen Blick auf einige steinerne Überbleibsel der griechischen Parthenope tun kann, wirkt hier nicht wie ein Eingang in den Hades der Geschichte, sondern wie ein Spielplatz, auf dem kräftige Kinder zum Spaß Steinblöcke aufeinandergefügt haben: bald werden sie wiederkommen und weiter an ihren Burgen werkeln.

Wir suchen die Cappella Sanseverina, die ein Fürst dieser Dynastie mit allegorischen Skulpturen ausstatten ließ, darunter auch der Statue einer vollbusigen Dame, die merkwürdigerweise die Schamhaftigkeit darstellen soll. Ihre Gestalt ist mit einem feingearbeiteten Schleier bekleidet, der ihre Rundungen allerdings weniger verhüllt als vielmehr pikant zur Geltung bringt. Auch ein marmorner Christus, der lang hingestreckt, mit geschlossenen Augen, seiner Auferstehung harrt, ist mit einem hauchdünnen Leichentuch aus Stein bedeckt, unter dem sich seine Züge filigran abzeichnen. Doch wie um dieses diskrete Spiel von Verbergen und Enthüllen durch kruden Realismus zu konterkarieren, sind in einem Nebengelass im Keller zwei anatomische Präparate ausgestellt. In zwei Glasstürzen, wie man sie von Rokoko-Stutzuhren kennen mag, stehen zwei Kadaver, denen die Kunst des verrufenen Alchimisten Raimondo di Sangro alles Fleisch und alle Knochen genommen hat: nur das strauchartige Geflecht ihrer Adern und Sehnen ist übriggeblieben, ein struppiges Rankenwerk, über dem ein gespenstisch glotzender, knochenloser Kopf thront - halb anatomisches Schaustück, halb schauerliches memento mori.

Wir marschieren weiter zum Palazzo Reale, das sich inmitten riesiger Baugruben erhebt, dann zur Galleria Umberto: als Imitation der Gallerie Vittorio Emmanuele in Mailand ist sie eine jener prunkvollen Passagenbauten, die das neunzehnte Jahrhundert als Tempel errichtet hat, um darin die profanen Gottheiten von luxuria und consumptio zu verehren. Die nahegelegene Piazza del Plebiscito ist gleich eine doppelte Imitation: die Kirche darauf ahmt das römische Pantheon nach; die Kolonnadenzange, die sie einfasst, hat ihr Vorbild in den Säulengängen des Petersplatzes. Aber das Wetteifern mit diesen hohen Vorbildern ist hohl. Gegen die Straffheit der Peterskuppel gehalten, wirkt das Pantheonsimitat wie ein breit hingesunkener Steinfladen oder eine erschlaffte Riesenbrust, und auch die Kolonnaden schließen sich nicht so bündig zur Klammer wie bei ihrem Vorbild: ihnen fehlt das souverän Zwingende und Einfassende, das Bernini dem Petersplatz verliehen hat, und mit den breit geöffneten Schenkeln der Arkadengänge sehen sie eher so obszön aus wie ein Weib, das die Beine breitgemacht hat, um den klaffenden Portikus ihrer Vulva zu zeigen.

Es ist kaum Betrieb auf der Piazza. Mag sein, dass es Gelegenheiten gibt, an denen sie Form und Leben gewinnt; zu dieser Stunde liegt der Platz seltsam beliebig und nichtsnutzig vor unseren Augen, und die Domkuppel, die sich vor dem dicht dahinter aufragenden Häusergewirr niedergelassen hat, erinnert mit ihren Seitenkuppeln ein wenig an eine ungefüge Kröte, die gleich aus ihren zwei geblähten Schallblasen losquarren wird.

Das Meer ist nicht weit. Eine rabattengesäumte Promenade führt dorthin. Um sie vor Verschandelung zu bewahren, hat eine redlich bemühte Bürgerinitiative sie mit zur Schonung des Grüns aufrufenden Schildern verschandelt. Am Ende der Promenade dann ein Rondell mit einer Augustusstatue. Der Imperator weist mit der erhobenen Rechten gen Herculaneum und Pompeji: die Geste ist schwungvoll und zuversichtlich, die frische Gebärde eines jugendlichen Friedensfürsten, der auf sein herrliches Reich und eine noch herrlichere Zukunft weist. Doch es mag sein, dass das Publikum, das sich hier herumtreibt, eher der nackten Waden des Augustus wegen da ist, aus Wohlgefallen an seinem zierlichen Kontrapost oder an der lässigen Eleganz, mit der er sich die Toga auf die Hüften rutschen läßt. Zwei alternde Schwule wandeln durch das Rund und mustern die hübschen Knaben, die sich auf den Steinbänken feilbieten.


Zeit, den Heimweg anzutreten. Wieder kommen wir an den Kirchen vorüber, die wir vorher schon besichtigt haben, die schmucklose, strenge Santa Chiara und schräg gegenüber die von Gold und Ornamenten überbordende Jesuitenkirche Gesù nuovo mit ihrer dunkelgrauen Fassade aus wehrhaft aneinandergefügten Pyramidenspitzen. Die Front sieht aus wie mit einer riesigen Schalldämmmatte beklebt. Fürchtete man etwa, die Schreie der Flagellanten könnten herausdringen?

Durch die Gasse der Krippenbauer, in deren Schaufenstern die Gliedmaßen ihrer Figurinen auf Samtpolstern ausliegen, beliebig montierbare membra disiecta: Arme, Beine, Rümpfe, Köpfe. Vielleicht beliefern die Krippenbauer auch die Gläubigen, die zum Dank für ihre Genesung - die Heilung eines gebrochenen Beins, einer Phimose, einer Messerwunde im Bauch - ihre Votivgaben in den Kapellen von Gesù nuovo niedergelegt haben.

Erst jetzt, scheint uns, kommen die Neapolitaner aus ihren Häusern; als wir die Touristengassen verlassen, geraten wir in Gässchen, die zur Mittagszeit noch leer und friedlich waren; jetzt sind sie von Lärm und Betriebsamkeit erfüllt. Kaum Zehnjährige preschen auf Motorrollern durch das Gewimmel. Mütter keifen auf ihre Blagen ein; eine alte Frau wirft Müll in die Gosse; eine andere zieht an einem Seil einen Einkaufskorb zu ihrem Fenster hinauf. Männer fluchen, gestikulieren, echauffieren sich; wahrscheinlich geht es nur um Fußball oder Politik, aber sie geraten derart in Hitze, als legten sie es auf eine Prügelei an. Halbwüchsige hocken auf dem Rinnstein und schauen grimmig auf die Passanten. Ein Rollerfahrer liefert Getränkekartons aus; auf einer Halterung quer über seinem Sattel ist die Ladung wie bei einem Packesel verzurrt; selbst auf dem Trittbrett stehen die Kartons; seine Beine baumeln nebenher. Ein Mädchen im kurzen Rock, grell geschminkt, an den Ohren goldene Kreolen, fängt eine; ihr Freund (Bruder? Zuhälter?) baut sich groß vor ihr auf und holt erneut aus; aber er schwingt den Arm nicht mehr zu einer zweiten Ohrfeige, sondern nur zu ausholenden deklamatorischen Gesten. Ein Jugendlicher verschwindet in einem Hauseingang; die unter seinen Ellbogen geklemmte Handtasche sieht nicht nach einem Accessoire aus, in dem Jungs seines Alters ihre iPods und ihre Zigaretten verwahren. In einer solchen Tasche sind eher Lippenstift und Puderdöschen zu vermuten; wenn er Glück hat, ist auch eine Geldbörse und eine Scheckkarte darin.

Wir fühlen allmählich doch ein gewisses Unbehagen. Eine Stunde noch, denken wir, und dann sind wir unbedarften Leutchen leichte Beute für die Touristenfledderer, die schon in den Durchgängen ihre Messer wetzen und ihre Totschläger wienern. Aber der Bahnhof müsste schon nahe sein; bald sind wir in Sicherheit. Denken wir. Doch wir verirren uns. Der Stadtplan ist zu ungenau: der Kartograph hat angesichts des mikrokosmischen Gassengewirrs hier einen weißen Fleck gelassen. Wir biegen um eine Ecke: das Gässchen dahinter ist leer bis auf eine kleine Rotte von jungen Männern, die sich von zwei gedrungenen Molossern die Hände lecken lassen. Sie spähen in unsere Richtung, lassen uns nicht aus dem Blick. Wir wechseln die Straßenseite; ein rührendes Manöver. Aber dann schnarrt hinter uns ein Roller heran; er hält bei den Jungen, reicht ihnen zwei kleine Päckchen, kassiert Geld; mit aufheulendem Motor braust er davon. Die Jungs teilen die Kommunion aus; jeder bekommt eine Pille; die Molosser wedeln bettelnd mit dem Hinterteil, als wollten sie auch was abbekommen. Aber sie begnügen sich mit ein paar Zärtlichkeiten; der eine reißt groß das Maul auf, als sein Herrchen ihm einen dicken Speichelfaden spendiert.

In der nächsten Gasse frage ich einen Herrn nach dem Bahnhof. Er führe uns auf den rechten Weg, verspricht er, vi guido sul cammino giusto. Forsch schreitet er voran. Er wirkt durchaus bieder, wie ein braver Handwerker. Die Sorge, dass er uns vielleicht doch in eine Falle lockt, können wir trotzdem nicht ganz loswerden. Unversehens wendet er sich nach links; wir sollen rechts gehen und dem Weg folgen, dann würden wir den Bahnhof schon sehen. Der Weg allerdings scheint eine Sackgasse; an ihrem Ende ein Haus mit vernagelten Fenstern. Niemand auf der Straße. Dann, plötzlich, ein Knall. Hat da jemand geschossen? Dann springt ein Garagentor auf: ein Motorroller mit einem alten Mann darauf tuckert heraus. Eine Fehlzündung lässt es noch mal knallen. Der alte Herr zuckt mit den Schultern und fährt weiter. Vor dem Haus mit den vernagelten Fenstern biegt er in einen schmalen Durchgang. An seinem Ende sehen wir die Portalbögen des Bahnhofs. 


10. Latium


Wir verlassen das Mezzogiorno. Unser nächstes Ziel liegt nördlich von Rom. 

Bomarzo ist ein Skulpturenpark - parco dei mostri -, den ein um seine Frau trauernder Renaissancefürst dort errichtet hat. Wir kommen mittags an. Auf einer Wiese vor dem Park kochen wir unsere Nudeln. Eine Katze - zu neugierig, um nicht, und zu scheu, um doch zu kommen - läßt sich erst mit einer Schinkenschwarte locken. Aber das dürre Tier bleibt mißtrauisch; mit einem blitzschnellen Hieb der Tatze krallt sie sich das Fetzchen und springt sofort mit der Beute davon, um sie in sicherer Entfernung zu verzehren. Aber jeder neue an meiner Hand schaukelnde Schinkenstreifen lockt sie wieder an, bis sie mir mit ihrer scharfen Kralle den Finger aufreißt. Undankbares Vieh!

Der bosco sacro des melancholischen Orsini-Fürsten ist ein rätselhafter, verwunschener Ort. Sphingen bewachen seine Pforten. Mißgünstige Faunengesichter mustern von ihren Piedestalen herab kalt den Besucher.

Aus einer Nische klafft uns das grobe Robbenmaul einer Proteus-Skulptur an: Proteus, wandlungsfähiger Gott mit prophetischem Wissen, das er nur unter Zwang preisgab, scheint einer der Schutzheiligen des Parks an. So ungern Proteus sein Wissen spendete, so sehr geizt der Ort mit Hinweisen zur Lösung seiner Rätsel. 

Bevor es in die waldige Senke hinabgeht, liegt ein klobiges Monument ungefüg auf der Seite. Wie von der Zeit geschleift und von einer unduldsamen Erde umgestürzt, hat diese Erde den Steinblock und seinen nutzlosen Architekturzierrat bereits halb verschlungen; von Moos und Flechten überwuchert, sind seine Inschriften verwittert, unlesbar; aber es scheint, als habe der Fürst nicht abgewartet, dass die Zeit ihre saturnische Macht übt und ihr Vernichtungswerk vollzieht; das Denkmal scheint von Anbeginn an als gestürzte Ruine errichtet. Erst am Ende des Rundgangs, als wir es von der anderen Seite aus einiger Entfernung sehen, offenbart es sein janusköpfiges Geheimnis: von vorne ein gestürztes Epitaph mit der rätselhaft verzogenen Reihe eines Arkadenfrieses an der Seite, erweist es sich von hinten als ein von der Zeit geschundener Totenschädel: der Arkadenfries enthüllt sich als ein geborstener Kiefer, die mysteriöse Nische darüber als das Loch, das unter dem Stumpf des Nasenbeins aufklafft: vanitas vanitatum

Aber welche Bedeutung hat die Siegesgöttin, die auf einer riesigen Steinschildkröte stehend ihre Flügel sinken lässt? Was will uns der Herkules, der den räuberischen Koloss Cacus erschlägt, mitteilen? Wofür steht innerhalb dieses symbolischen Parcours der geflügelte Pegasus? Die Dichtung? Die Weisheit? Es bedürfte größerer Gelehrsamkeit als der meinen und tieferen Nachsinnens, diese Rätsel zu entschlüsseln.

Einige Stationen sind auch ohne die Kenntnisse zu verstehen, die den klugen virtuosi der Renaissance so reich zu Gebote standen: da sind etwa die Baumstrünke aus behauenem Stein - ein Spiel nachahmender Kunstfertigkeit mit den Vorbildern der Natur - und vor allem das irritierend schiefe Haus, das sich rücklings dem Hang entgegenneigt, als versänken seine Fundamente im nachgiebigen Grund. Wir steigen die krummen Treppen hinauf: auch der Boden im Obergeschoss ist geneigt. Auf unser Gleichgewichtsorgan vertrauend stehen wir in der Tür wie Diagonalachsen in einem Rahmen. Ich erinnere mich an die krumm verzogenen Zimmerfluchten jenes Biennale-Pavillons, die mit ihren gewölbten, an- und abschwellenden Wänden, den schiefen Säulenwäldern und verdrehten Treppen dieses Wahrnehmungsexperiment zu einem Anflug von Schwindel gesteigert haben. Quiescendo animus fit prudentior ergo: durch Suchen wird die Seele weiser, verkündet die Inschrift an der Hausmauer.

Aber diese zuversichtliche Maxime ist nicht das letzte Wort, das der Park seinen Besuchern mitgibt. Mag die Seele weiser werden und lernen, Täuschungen zu durchschauen; mag sie lernen, sich vom Augenschein nicht blenden zu lassen: dies redliche Bemühen scheint von den rohen Ungetümen und Monstren verhöhnt zu werden, die sich mit ihren aufgerissenen Mäulern und gefurchten Stirnen durch Mauerblöcke zwängen und den Besucher unverwandt und drohend anstarren. Massige Göttinnen aus Basalt liegen niedergestreckt im Grün, ihre groben Glieder eher im Tod als im Schlaf verdreht. Drachen, deren Brust von Wölfen zerfleischt wird, fauchen in ihrem letzten Kampf. Da: ein Kriegselefant verschlingt den niedergetrampelten Leib eines Soldaten. Mit dem Rüssel zieht er den erschlafften Rumpf zwischen die wüsten Zangen seiner Kiefer. Was hilft eine weise Seele angesichts der allgegenwärtiges Todes?

Ein Neptun ruht - massig, breit, verächtlich - zwischen brüchigem Mauerwerk; betrachtet er die Szene? Doch seine Augen, von Haar und Bart wie von gefrorener Gischt dicht eingefasst, sind geschlossen; seine Haltung ist herablassend, erhaben. Seine ganze brutale Monumentalität bekundet nichts als Gleichgültigkeit gegenüber den Schicksalen der Sterblichen. 

Der monströseste Bau des Parks jedoch ist das Haupt des Menschenfressers: er ist das Emblem des Ortes geworden. Ein paar Treppen führen zum aufgerissenen Schlund des Ungeheuers, hinein in die Dunkelheit seiner kühlen Mundhöhle. Zwei Fangzähne hängen über dem, der sich hier hineinwagt.

Aber drinnen steht ein steinerner Tisch; vielleicht läßt es sich doch, nachdem man vom Maul des Monstrums verschlungen wurde, darinnen ganz trefflich speisen.

Mag Orsini bei seinen Gängen durch den Park düsteren Ahnungen nachgehangen haben, mag er seine Melancholie zu steingewordenen Grübeleien ausgesponnen und seine Wehmut mit Phantasien von Vernichtung und Gewalt genährt haben: wir denken an den Abend. Wir haben Appetit auf Fisch. 


Zur Stunde des Aperitiv kommen wir in Viterbo an. Die Stadt hält corso. Man flaniert, sammelt sich um die Brunnen. Eine Zigeunerkapelle spielt virtuos auf; man schleckt Eis, man trinkt Sprizz.

Ich erstehe eine Hose; es ist Ausverkauf, eine weitere Gelegenheit, meine zerschleißende Garderobe aufzufrischen. Der Laden ist alteingesessen; die Wände sind getäfelt; auf braunstichigen Fotografien wachen die notablen Ahnen über den Fortgang des Geschäfts. Der derzeitige Patriarch des Hauses residiert hinter seinem Kassentisch, seine einzige Aufgabe besteht darin, nach seinen Bediensteten zu krähen, wenn ein Kunde den Laden betritt: nach Carmela, die mich zur Umkleide führt und dann die Hose verpackt, später beim Bezahlen nach Bruno, der die schwierigen Manöver der Kartenzahlung auszuführen hat, denn der Patron selbst ist weder mit den Augen noch mit dem Geist klarsichtig genug, solche Geschäfte zu tätigen - was ihn allerdings nicht daran hindert, Bruno und Carmela unwirsch anzuschnauzen: wahrscheinlich waren sie es, die die blöde Maschine oder sein Gehirn verhext haben.

Danach nehmen auch wir unseren Sprizz. Eine alte Dame am Nebentisch spricht uns an: eine halbe Stunde lauschen wir dem Lobpreis, den sie ihrer Heimatstadt singt. Viterbo è stupendo! Unbedingt müssten wir im September wiederkommen, wenn hundert Männer die macchina della Santa Rosa durch die Gassen tragen - ein dreißig Meter hohes und fünf Tonnen schweres Konstrukt, das zu Ehren der Heiligen alljährlich einen Kilometer weit zu ihrer Kapelle geschleppt wird. Bald wissen wir alles Wesentliche über die Familie der Dame, von ihrem Sohn, der Zähne, und ihrer Tochter, die Kinder verarztet. Zudem ist ihre Schwiegertochter die Chefin der Bar, in der wir sitzen! Auch die Enkel lässt sie nicht aus, obwohl ihr Gemahl sie, ansonsten schweigend, in Abständen zu ermahnen sucht: sei una ciaccherona! Lascia la gente! Die Plappertasche plappert dennoch unverdrossen weiter, bis sie nach einer halben Stunde ihr Pulver verschossen hat und einen zweiten Durchgang durch ihren Themenbestand beginnt. Wir können ihr nur Einhalt gebieten, indem wir versprechen, im September wiederzukommen, wenn uns das irgend möglich ist.

Die Übernachtungsmöglichkeit allerdings, die sie uns vorgeschlagen hat, erweist sich als ungeeignet. Für einen Parkplatz an der Hauptstraße, auch wenn der Blick von dort auf das stupende Viterbo bezaubernd sein mag, haben wir nicht das richtige Gefährt. In ihrer Vorstellung ist ein camper eins dieser in Italien üblichen Ungetüme mit Wohn- und Schlaftrakt, und nicht ein enger VW-Bus, und als ich gar sage, dass wir abends gerne noch vor dem Bus, draußen im Freien säßen, blickt sie mich an, als wolle ich sie auf den Arm nehmen. Offenbar sinken wir durch ein solches Ansinnen in ihrer Achtung und verwandeln uns aus den liebenswürdigen Deutschen, die wir eben noch waren, in dubiose Zigeuner, die mit ihren schmutzigen Wagenburgen ihr schönes Tuskerland verschandeln wollen.

In den letzten Strahlen der Sonne finden wir eine Nische am Rand eines Feldwegs, über den am nächsten Morgen schon früh Gemüselaster und Busse mit Erntearbeitern rumpeln. Aber der Abend ist ruhig. Die zwei Wolfsbarsche mit ihren weit aufgerissenen Mäulern kommen in die Pfanne; dazu Salat und Sternenhimmel.


Wir frühstücken unweit einer kleinen Anlage mit Etruskergräbern: danach brechen wir zum Bolsenasee auf. Es ist ein heißer Tag, und wir wollen ihn gemütlich bei Lektüre verplätschern lassen. Wir liegen träg am Strand des trägen Örtchens Marta am Rand einer Seepromenade mit der Anmutung eines Kurörtchens: schmiedeeiserne Pergolen; Brünnchen; Bänkchen zur Lektüre der Apothekerpostille. Enten quaken; Kinder plantschen; ab und zu lässt ein weit draußen auf dem See dahintuckerndes Boot den Wellengang in dem ansonsten fast reglosen See anschwellen. Eine Frau, die bis zu den runden Oberschenkeln im Wasser steht, führt ihre Telefonate von dort aus. Jedes ihrer zahlreichen Gespräche beginnt sie mit der besorgten Nachfrage, ob es denn heiß sei in Rom, als könne sich das in der letzten Viertelstunde geändert haben. Ist Rom so berüchtigt für seine brüsken Wetterumschwünge?

Mittags übersiedeln wir an den langen Strand außerhalb des Ortes: der Sand ist schwarzgrau und so heiß unter den Füßen, als träume er nach Jahrmillionen immer noch von dem glühenden Vulkan, dem er entstammt.


11. Umbrien. Toskana.


Nach der Siesta Aufbruch nach Orvieto. Eine Zahnradbahn bringt uns vom Parkplatz aus in die Oberstadt, eine kleine navetta fährt weiter auf den Platz, an dem sich die gewaltige Fassade des Doms mit seinen kanellierten Türmen und Strebepfeilern erhebt. Sein Inneres ist eine grandios leere Halle, in der sich nur vorn am Chor ein paar Reihen von Kirchenbänken drängen. War Orvieto je so groß und volkreich, dass das ganze hallende Schiff jeden Tag von Gläubigen wimmelte? Oder war dieser riesige Bau seit je nur eine prahlerische Geste, um die anderen Städte in der Umgebung zu übertrumpfen?

Das eigentlich Spektakuläre des Doms ist nicht seine Größe, die Pracht seiner Apsis oder die Fassade mit ihren Pfeilern voll steinerner Reliefs und den Goldmosaiken in ihren Giebelfeldern und Lünetten: spektakulär sind die Fresken der rechten Seitenkapelle, auf denen Luca Signorelli einen großen eschatologischen Zyklus geschaffen hat. Mein Blick irrt hin und her, verwirrt von der Überfülle der Gestalten und Szenen - und von den Stellen, die am Rand des Gesichtsfelds aufscheinen, immer schon wieder weitergelockt, noch bevor ich geduldig angesehen habe, was mir direkt vor Augen steht. Die Apokalypse ist freilich eine aufregende Sache; da darf der Blick schon mal unruhig werden.

Dort predigt der Antichrist von einem Piedestal aus; ein kahlköpfiger Teufel steht dahinter und flüstert diesem grämlichen und verschlagenen Christusdouble seine Lügen ein. Der muskulöse Oberarm Satans fasst - so, dass seine Hand darin verborgen ist - in die Mantelfalte des falschen Predigers: aber gehört die Hand, die wieder daraus hervorkommt, wirklich noch diesem, oder hat der Teufel bereits nicht nur von seinem Geist, sondern auch von seinem Leib Besitz ergriffen?

Dante, der aus einer Menschengruppe heraus das Geschehen betrachtet, hätte diese Transformation sicher gefallen; ich erinnere mich vage an einen ähnlichen Gestaltentausch in den Gräben der Malebolge, wo eine sechsfüßige Schlange einem Räuber ihrerseits den Leib raubt, indem sie sich ihn verwandelt.

Die Auferstehung des Fleisches daneben ist ein Fest aus nacktem Inkarnat. Die Toten steigen aus der Erde, die sie verschlungen gehalten hatte. Ein blasses Skelett kämpft sich, den Unterarm auf Rand seines Schachts gestemmt, aus dem Boden hervor; Gerippe kriechen, klettern, zerren sich ans Licht, noch schemenhaft und mager. Je weiter sie es heraus geschafft haben, umso mehr Fleisch erlangen sie wieder. Einige hocken noch, wie verblüfft von dem Wunder, das ihnen widerfahren ist, erschöpft auf dem Boden; andere stehen schon, wieder zu Kräften gekommen, und tanzen mit erhobenen Armen zum Schall der Posaunen, die zwei Erzengel über ihnen blasen. 

Während die Erwählten sich in ordentlichen Gruppen im Raum verteilen, herrscht auf der Seite der Verdammten, die in die Hölle gestoßen werden, wüste, drangvolle Enge. Da ist kein Verdammter, dem nicht ein Dämon im Genick säße; die teuflischen Schergen würgen, fesseln, garottieren ihre Opfer; Sukkuben treten, verrenken, verdrehen (nun real, was sie im Leben nur in übertragenem Sinn getan haben) den Sündern die Köpfe; einer der Teufel lässt fast lasziv seine langen spitzen Finger am Hals einer Frau entlangkriechen, die er a tergo umfasst, und beißt ihr ins Ohrläppchen; die rote Fratze verzerrt, scheint er in einem wütenden Lustkrampf befangen. Ein anderer Dämon umklammert eine vollbusige Frau, die weniger wie eine Sünderin als vielmehr wie ein unschuldiges Opfer wirkt; auf der Stirn des blauhäutigen Dämons ragt ein steifes Horn auf, das kaum einen Zweifel daran läßt, zu welchem Vergehen diese schöne Frau verführt hat.

Über dem Geschehen wachen Engel in schimmernder Rüstung. Die geflügelten Teufel, die neue Seelen in das Gemetzel hinabtragen, sind ihre gehorsamen Diener, die Kerle für die Drecksarbeit. Aber die wahren Peiniger, welche die Befehlsgewalt innehaben, sind die Engel, die voller Wohlgefallen und in heiterer Genugtuung, auf das Folterlager hinunterlächeln.

Besonders fasziniert mich das Weltende über dem Portal, durch das man wieder in das Kirchenschiff tritt. Auf der linken Seite stürzen sich Dämonen auf das verworfene Volk; von ihren Gesichtern gehen rote Todesstrahlen hernieder, ihre Hände schleudern vernichtende Projektile. Ein chromweißer Teufel hat seine Flügel wie zu einer Planke aufgespannt und schickt aus seinen Händen Strahlen aus: er ähnelt einem der Comichelden meiner Kindheit, dem einsamen Silver Surfer, der auf seinem Brett so melancholisch durch die endlosen Weiten des Universums zu gleiten pflegte. Als ich das erkenne, verstehe ich, was mich seit je an dieser dramatischen Malerei des Cinquecento anzieht: es ist eine Erinnerung an die Heftchen, die ich als Kind verschlungen habe und die mich noch mehr als durch die bloße Abenteuerlichkeit der Geschichten durch die Bewegungsfreiheit ihrer Helden in ihren Bann schlugen, die fast alle der Fesseln der Schwerkraft ledig waren: wenn sie nicht fliegen konnten, schwangen sie sich wie Spiderman an Spinnfäden durch die Lüfte oder setzten in riesigen Sprüngen über die Häuserschluchten hinweg.

Wenn Tintoretto etwa im Sklavenwunder den rettenden Engel falkengleich auf seine Beute niederstürzen läßt - ist das nicht ein ähnlicher Triumph über alle irdischen Beschränkungen der Körperlichkeit wie der Flug des Kryptoniers oder die unmöglichen Sätze Batmans, von deren Freiheit und Behendigkeit ich früher träumte? Und sind nicht auch die Teufelsfratzen und die Visagen der Dämonen würdige Vorfahren der Superschurken aus den Häusern Marvel und DC, mit denen die Helden den nimmerendenden Kampf von Gut und Böse ausfechten? Wo wäre die Kathedrale, an deren Vierfarbdruck-Gewölben die mythischen Gestalten von Batman und Superman den luziferischen Lex Luthor und den diabolischen Joker in ewige Verdammnis stoßen?


Am nächsten Tag steht eine lang erwartete Station unserer Reise bevor: der Skulpturengarten, den Daniel Spoerri in der südlichen Toskana angelegt hat. Aber erst müssen wir über den Monte Amiata, wo wir Mittag halten. Wir rasten auf einer Wiese unterhalb des Gipfels. Waldarbeiter befreien ihre Gäule grade von ihrer Last: jedes der plumpen, stämmigen Tiere trägt drei, vier Ster geschlagenen Holzes auf dem dick gepolsterten Sattel. Polternd rumpeln die Stämme nieder, dann wird der Trupp zusammengebunden und zum Grasen auf die Wiese entlassen, bis sich die Zelter irgendwann in ihrem Gespannschnüren verheddert haben und ratlos das Malheur beschnauben, in das sie da verwickelt sind. 


In Spoerris Giardino, einem weitläufigen Anwesen aus Wiesen und Wäldchen, haben mittlerweile gut hundert Skulpturen Aufstellung gefunden. Viele sind Spoerris eigene Werke, die Mehrzahl stammt indes von seinen Künstlerfreunden.

Wir parken neben einem Trullo, einer jener kegelförmigen Hütten aus unvermörtelt aufeinandergeschichten Steinen, deren schuppenartigen Dächern wir in Apulien oft begegnet sind. Dieser Trullo hier ist nicht zum Wohnen; er ähnelt vielmehr einem dörflichen Backofen. Durch seine stählerne Herdklappe haben sich zwei nackte Füße nach draußen gebohrt; der Rest des Mannes ist vermutlich drinnen verschmort. Drei bronzene Frauenbüsten dienen als Rauchabzug; eine Kaminhaube, eine Art von Taucherhelm und eine Laterne sind ihnen als Köpfe aufgesetzt. Das fängt ja gut an!

Der Park selbst ist ein Wunder. Es gibt unter der Vielzahl der Werke kaum eins, das nicht geistreich und hintersinnig oder von machtvoll grandioser Präsenz wäre; dieser freie Geist Spoerri hat vom Bezaubernden zum Erschreckenden, vom Zarten zum Grausigen, vom listig Verwunschenen zum düsteren Witz und vom Erhabenen zum Erheiternden nichts ausgeschlossen, solange nur eine überzeugende Idee darin steckte.

Aber der Versuch, alles zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Berichts sprengen; sich auf einige Wenige zu beschränken, täte den Übergangenen Unrecht. So lasse ich es bei der Bemerkung bewenden, dass dieser Nachmittag, so erschöpft wir auch nach fünf Stunden sind, vielleicht der lichteste der ganzen Reise war. (Wie Hegel sagte: Die Perioden des Glücks bleiben bleiben leere Blätter in der Weltgeschichte.)

Nur ein Werk muss ich erwähnen: die Froschakrobaten. Spoerri hatte einen toten Frosch gefunden, der sich mit seinen ledrig ausgetrockneten Gliedern und dem bis auf die Knochen eingeschrumpften Bauch halbkreisförmig um ein Blatt geschlungen hatte; er ließ das tote Vieh, an dem selbst die aus dem Froschmaul hervorschnellende Zunge nicht verdorben war, auf einen halben Meter Länge vergrößert, siebenmal in Bronze gießen. Je zwei Frösche sind nun zu einem Kreis zusammengespannt; wie bei jener akrobatischen Übung, in der ein Turner die Fußknöchel seines Partners fasst et vice versa, und die beiden so zum Kreis Geschlossenen sich tollkühn, den Kopf voran, in einen paarigen Purzelbaum stürzen und als menschliches Rad durch die Manege rollen - so sind auch die Frösche zu einem sehnigen Geflecht aus Gliedern verbunden, dessen Spannkraft so überbordend und explosiv ist, dass auf dem untersten Paar noch ein weiteres, und auf diesem noch eins, ihre Kobolzkapriolen schlagen können, als sei es ihnen (die doch nur starre Bronzefrösche sind und allein durch ihre Form solche Dynamik ausstrahlen) durch die Geschwindigkeit dieser visuell suggerierten Rotation möglich, sich so leichthin in die Höhe zu erheben wie vom Schwung ihrer Zentrifugalkraft davongerissene, aufschwirrende Flugkreisel. Der siebte Frosch allerdings, der sich rücklings, die dürren Beine in den Himmel gestreckt, von dem obersten Akrobatenpaar abzuschnellen im Begriff ist, hat die Hände an den Griffen zweier bronzener Skistöcke, die sich in der Spannung des Abschwungs biegen und die waghalsige Amphibie gleich weit in den Himmel davonschleudern werden, wo sie der Schwerkraft und dem Tod auf ewig entschwände, und die Tümpel und morastigen Löcher, in denen seine Artgenossen quaken, nur noch von fern, von der Höhe des toskanischen Himmels herab, belächeln könnte.

Spoerri nennt es eine resurrection. Trefflich.


Die Übernachtung vor dem Trullo mit den drei Schornsteingrazien ist uns leider verwehrt; das Gelände wird nachts verschlossen. Wir finden einen Platz im nächsten Ort, wo sich eine Armada von Wohnmobilen versammelt hat; später kommt die Jugend des Dorfes dazu; die Musik quakt laut aus ihren Autos. Usus communis aerum est (Ovid): die Luft und der darin bebende Schall gehört allen. 

Das Wasser allerdings auch: der Brunnen wird von den Quellen des Monte Amiata gespeist; morgens füllen alle ihre Kannen und Kanister.

Wir brechen nach Montalcino auf. Je näher wir der klassischen Toskana kommen, desto heiterer und gepflegter wird die Landschaft. Man hält hier auf sich. Hatte ich in Apulien den Eindruck, dass die Bauern sich ihres Bleibens nicht sicher sein können und sich darum mit Provisorien aus Baracken und billig hingebauten Höfen zufriedengeben, hat man sich hier auf Dauer wohnlich eingerichtet. Die Landschaft mit ihren Zypressenreihen, von Steinmäuerchen eingefassten Feldern, den Olivenhainen und Weinhängen ist durchgearbeitet, glattgestrichen, gekämmt; sie gemahnt an ein behütetes Kind, um das sich die Mutter kümmert. Im Süden stört man sich nicht an dem struppigen und zerzausten Bild des Landes. Man läßt ihm die Freiheit, zu verfilzen und zu verlausen. Mag der Straßenbengel doch herumlaufen wie er will, mit ungewaschenem Hals und zottigem Haarschopf. Hier oben achtet man nicht nur in der Kleidung auf bella figura, sondern auch auf eine adrette Bühne für seinen Auftritt.

Auf dem Weg kehren wir in der Abbazia San Antimo ein, einem Kloster, das sandsteinhell, mit sonnengebleichten Terrakottadächern, in einer Talsenke liegt. Die Hügel sind mit silbrig schimmernden Olivenwäldchen und Steineichen bepflanzt, unter denen vermutlich Trüffel wachsen; Rebenreihen ziehen sich über die Hänge. Um das Kloster liegen Wiesen, die selbst jetzt im August noch grün sind. Ein paar Rinder weiden gemächlich dahin: dieses üppige Pastoral muss den mageren Tieren, die im Gargano zwischen ockerbraunen Erdschollen und Steinbrocken das spärliche Gestrüpp ausrupften und auf die verfallenen Villen jenseits des Stacheldrahts stierten, wie der Paradiestraum boviner Seligkeit vorkommen. Mehr Lebenszeit ist den schmausenden Rindern hier allerdings auch nicht vergönnt; für die bistecca alla fiorentina werden Jungbullen geopfert.

In Montalcino verführt uns beim Einkaufen ein solches Stück: tiefrot, geduldig abgehangen, fein gemasert - kein Vergleich zu blässlichen vitellone, das uns im Süden abschreckte und eher zu Fisch und Gemüse greifen ließ, jenen Dingen also, die man besser frisch verzehrt. Ist das ein weiteres Attribut des flüchtigeren Wesens des mezzogiorno, seine Neigung zum Provisorischen und Unmittelbaren, die nicht auf lange Dauer rechnet? Ich riskiere diese Spekulation, auch wenn sie verdächtig nach der abgeschmackten Italienfolklore klingt, mit der das neunzehnte Jahrhundert die naive und ganz dem Genuß des Augenblicks verhaftete Mentalität des Südländers besang, der heiter seine Lieder trällert und lieber von der Hand in den Mund lebt, statt sich etwas abzusparen und für die mageren Zeiten vorzusorgen: ganz die Grille aus der Fabel, die, wenn der Sommer vorüber ist, bei den Ameisen Padaniens um Subventionen einzukommen pflegt.

Klischees, Gemeinplätze, tief eingewurzelte Vorurteile - vielleicht. Aber der Süden ist anders. Die Bemühung, zu verstehen, nur aus Scheu vor der Abgedroschenheit dieser topoi Halt machen zu lassen, käme mir unredlich und blind vor.


Wir picknicken in einem Walnußhain. Die kräftig gesalzene Porchetta gleicht das salzlose Brot der Toskana aus. Dann Aufbruch nach Siena. Der Dom ist bereits für den palio geschmückt, der in Bälde stattfinden wird. An den Pfeilern hängen die Fahnen der Contraden. Da es draußen heiß und schwül ist und viele Schultern nackt, finden die Zellstoffumhänge, die am Eingang an indezente Besucher verteilt werden, reißenden Absatz: das verleiht den Besucherscharen etwas durchaus Pilgerhaftes oder gar Monastisches. Es zeigt sich allerdings, da um sechs eine Messe gefeiert und das profane Publikum hinauskomplimentiert wird, dass nur noch ein paar alte Weiblein und zwei Familien (wahrscheinlich lassen sie die Messe zum Gedenken eines verblichenen nonno lesen) Gottes Wort hören wollen. Die Touristen lauschen lieber ihrem Audioguide, der ihnen das Wunderwerk von Niccolò Pisanos Kanzel erklärt, als den Erzählungen der Wundertaten, die dieser drollige Galiläer gewirkt haben soll.

Der liebe Gott ist ihnen trotzdem gewogen: als die Messe beginnt, ist das Sommergewitter draußen vorübergezogen. Die Straßen sind nass, die Stadt abgekühlt. Die Markisen der Cafés am Campo werden wieder eingerollt, die Tische füllen sich mit Gästen, die ihren Aperitiv nehmen. Der Pfarrer segnet vermutlich grade Brot und Wein; die Kellner draußen servieren Sprizz und Häppchen.


Eine langwierige Suche nach einem Übernachtungsplatz schließt sich an. Wir folgen einem Schild, das zu einem lago scomparso weist. Zu spät verstehe ich, dass scomparso "verschwunden" bedeutet: der See scheint vor Jahrhunderten versickert; übriggeblieben ist nur ein mückenwimmelndes, modrig riechendes Gestrüpp. Den heckengesäumten Weiden trauen wir als Stellplatz nicht. Nicht nur, dass die ganze Zone weder auf der Landkarte noch auf unserem Navigationsgerät kartiert ist und wir uns in einer geheimgehaltenen Sperrzone wähnen, in deren Bannkreis wir nur durch irgendeinen versehentlich ausgeübten Gegenzauber eine Lücke gerissen haben: auch die wenigen Autos, die uns begegnen, fahren langsam, als streiften sie auf Patrouillengang durch vermintes Gelände. Aus irgendeinem Grund haben wir das Vertrauen verloren; etwas düster Trübes und Verwunschenes scheint hier zu walten. Bis wir endlich einen Platz gefunden haben, ist die Sonne untergegangen und der Abend verdorben. 


Tags drauf gondeln wir gemütlich ins Chianti. Der schwarze Hahn prangt an allen Weinhängen. Der Tourismus hier wird unversehens international - große Karossen mit niederländischen und deutschen Kennzeichen, Franzosen, Briten. Polen, die zu Geld gekommen sind, wohlhabende Tschechen; selbst für Litauer ist die bella Toscana ein Sehnsuchtsort. 

Bislang waren wir kaum Ausländern begegnet; das fällt uns jetzt auf. Das restliche Italien scheint ein Urlaubsland für Italiener zu sein, zumindest in den Gegenden, durch die wir gekommen sind: sogar an den belebten Ferienorten am Gargano waren Ausländer rar. Ohnehin war weniger Betrieb als wir erwartet hatten: die Campingplätze waren fast immer spärlich besucht; an vielen Stränden ließen die Sonnenschirme traurig ihre Flügel hängen, betrübt, dass sie niemandem Schatten spenden dürfen; die Parkflächen der großen Sehenswürdigkeiten sind überdimensioniert. Das alles trägt zu dem Eindruck bei, durch ein Land im Niedergang zu reisen. Die nicht genutzte Infrastruktur zerfällt: Ferienanlagen, in denen vor zwei Dritteln der Fenster die Läden herabgelassen sind, und das nicht etwa der Sonne wegen. Auf Tennisplätzen hat sich Unkraut durch den Belag gebohrt. Die Volleyballnetze sind zerrissen, Kinderkarusselle mit Brettern zugenagelt, von denen die Farbe blättert. Vergnügungsparks sind geschlossen; öd und rostig stehen die Gestänge der Fahrgeschäfte, rauh knarren Tore im Wind.

Nur die Toskana ist besucht wie eh und je. In den Gassen von Castellina wird Russisch gesprochen; beim Kaffee lauschen wir den Verhandlungen, die ein vor Geld und Befehlsgewohntheit strotzender Neureicher im Trainingsanzug (seine Begleiterin dagegen ist elegant wie nur je eine Moskauer Luxusnutte) in hartem Englisch mit einem Makler führt. Der Makler ist gebürtiger Deutscher; der Akzent ist unverkennbar; aber im Auftreten bemüht er sich um italianità, wie man sie sich als Münchner Stenz vorstellen mag: großspurig, die Sonnenbrille ins Haar zurückgeschoben, fläzt er sich auf seinem Stuhl und gestikuliert mit beredten Händen vor dem Russenpärchen herum; ein papagallo auf Piste.

In Radda. Ein Haushaltswarenladen. Eine italienische Familie will eine Espressokanne von Bialetti. Selbst deutschen Gazetten war es eine Meldung wert, dass der Hersteller der klassischen caffetièra (ein polygonaler Wasserbehälter aus Aluminium, auf den die Kanne mit schwarzem Kunststoffgriff geschraubt ist) sein letztes vaterländisches Werk geschlossen und die Produktion nach Fernost verlagert hat. Das spornt offenbar die patriotischen Gefühle der Italiener an; wir haben den Laden noch nicht verlassen, als eine andere Familie mit dem gleichen Anliegen kommt. Aber vermutlich ist das nur Sentimentalität; zuhause brühen sie ihren Kaffee wahrscheinlich längst mit holländischen Senseos oder Maschinen von Krups.

Mittagsrast an einer Abtei, wo wir vor fünfzehn Jahren auf unserer ersten Reise mit dem Bus einmal übernachtet haben. Damals hatten sich Käuzchen die ganze Nacht verschwörerische uhu-hus zugerufen: für unsere unerfahrenen Ohren die Zeichen, mit denen sich eine Räuberbande zum Überfall verschwor. 

Zur Nacht steuern wir einen weiteren Platz von damals an. Carmignano bei Florenz war seinerzeit ein Tip unseres Reiseführers; der Wein sei ein unterschätztes Juwel, die Trattoria des Orts eine patinöse Perle.

Die Trattoria hatte dann allerdings geschlossen; wir fanden am Ortsrand eine Terrasse mit weitem Blick über die Hügel und kochten selbst; saßen dann lang im lauen Abend und sahen den flatternden Jagdzügen der Fledermäuse zu. Erst als wir schon in die Koje gekrochen waren, versammelte sich die Dorfjugend an ihrem angestammten Treff. Beunruhigt linsten wir durch den Vorhangspalt nach draußen, wo die Jungs bald begannen, sich wechselseitig Maulschellen zu verpassen. Die Mädels lehnten sich an den Bus und bejubelten jeden trefflich gesetzten und jeden standhaft hingenommenen Schlag. Wollten die Burschen sich nur warmprügeln, um irgendwann zu erproben, ob die Deutschen in ihrer Kiste da ebenso hart im Nehmen wären? Zwei Stunden redeten wir uns gut zu, das wir trotz des Schwankens unseres Gehäuses, wenn eine besonders grobknochige ragazza sich dagegenstemmte, schon irgendwann einschlafen würden; erst als die Bande vom Watschen zum Knutschen überging, hatten wir Ruhe.

Aber wo ist die Stelle von damals? Carmignano - wir erinnern uns nur an den Namen des Weins - zerfällt in weit verstreute Hügeldörfer. Die Dame im Touristenbüro bemüht sich redlich, uns zu helfen; obwohl wir nach Ladenschluss anklopfen, versucht sie geduldig, unseren vagen Schilderungen den rechten Ort zuzuweisen; macht Ausdrucke, Skizzen, Kopien, gibt uns Karten und Prospekte; vielleicht finden wir morgen, was wir suchen.

Heute abend ist ohnehin ein Campingplatz fällig: Dusche, Wasser, Strom. Wir kommen neben einer französischen Familie mit vier Kindern zu stehen; einmal mehr berührt mich die Liebenswürdigkeit, mit der wir Neuankömmlinge begrüßt werden. Die Nachbarn zur Linken üben sich in Höflichkeit à l'italienne: sie sehen weg.

Am nächsten Tag spüren wir das Weingut und den Backpfeifenbalkon auf. Wir kaufen ein paar Kisten Wein, darauf vertrauend, dass er noch so gut ist wie ehedem. Eine Verkostung scheint nicht zu den Gepflogenheiten zu gehören; das Ehepaar, das den Dienst versieht, ist verblüfft ob eines solchen Ansinnens. Sie hätten wohl eine Flasche im Anbruch; aber die sei eigentlich für ihr Mittagessen bestimmt. Selbst der Caravaggio-Bacchus auf dem Etikett scheint angesichts dieses Geknausers betroffen. Ohne Trinkgenossen, melancholisch und alleingelassen, hebt er seinen Kelch zu einsamem Gelage. Egal. Wir packen trotzdem fünf Kisten ein; der Erinnerung zuliebe.



12. Emilia-Romagna


Es geht nach Norden. Jetzt schmeckt alles bereits nach Heimreise, obgleich wir noch eine knappe Woche haben. Wir kommen durch die sonntäglich leeren Ausläufer Pratos; weitläufige Gewerbegebiete, in denen wir zum ersten - aber nicht zum letzten Mal - großen Outlets begegnen, die mit chinesischen Schriftzeichen werben. Man stellt sich auf die modernen Zeiten ein.

Wir planen für den Tag eine Lustfahrt durch den toskanischen Appenin. Das Wetter ist gut; die Karte verheißt reizvoll gewundene Straßen, Seen im Talgrund; schöne Aussichten. Die Fahrt erweist sich jedoch als nervenzehrend: die Gegend ist zersiedelter als die Karte zuzugeben wagte. Außerhalb der Dörfer kein Platz, an dem man die Aussicht genießen könnte, nirgendwo eine Bucht zum Anhalten. Wir müssen weit fahren, um an einem See eine Nische für die Mittagspause zu finden. 

Spätnachmittags kommen wir in Modena an. Wir hatten eine jener gastlich belebten oberitalienischen Städte erwartet, in denen es sich so reizend flanieren läßt. Aber die Stadt schläft einen tiefen Sonntagsnachmittagsschlaf. Unter den Arkaden der Piazza Grande könnte man einen schönen caffè latte nehmen. Junge Leute fläzen sich dort auf ausladenden Loungesesseln. Ein paar alte Damen ziehen es vor, aufrecht am Tisch zu sitzen; mit versteinerten Blicken stochern sie in ihren Eisbechern. Wenn sie geplant hatten, hier ein munteres Schwätzchen zu halten, haben sie sich geirrt. Der Wirt hat die Stereoanlage voll aufgedreht und gibt seiner Neigung zu großmäuligem Aggro-Hiphop und sägenden Metalgitarren rückhaltlos nach. Ob die alten Damen wohl verstehen, was fucking bitch bedeutet?

Wir verzichten auf den Kaffee und suchen hinter den dicken Mauern des Doms Schutz. Im Apsismosaik sitzt Christus in respektvollem Abstand von seiner Mutter und setzt ihr behutsam die Himmelsköniginnenkrone auf. Da kann man sagen, was man will; ein motherfucker war der Heiland nicht.

Als der Küster die Messgeräte bringt und dann zur Messe läutet (ein greiser Priester sitzt schon die ganze Zeit in regloser Versenkung - oder einfach nur in seniler Absenz - im Altarraum), gehen wir wieder nach draußen. Aber die Modenesen lassen sich auch durch den Glockenruf nicht aus ihren Häusern locken; weder zum Gottesdienst noch zum corso kommen sie aus ihren Gemächern.

Wir beschließen kurzerhand, nach Mantua weiterzufahren - eine weise Entscheidung; denn all das, was wir in Modena vermissen, finden wir dort: Leben, Betrieb, herumschlendernde Familien im Sonntagsstaat; Flaneure, die zu einem kleinen Plausch mit Bekannten anhalten. Die Geschäfte haben für ein paar Abendstunden geöffnet - auch das trägt zur Belebung bei und verhindert, das der Sonntag in geisterhafter Stille erstarrt. Die Ladenbesitzer stehen vor ihren Türen, statt trübsinig hinter ihren Theken auf Kundschaft zu warten; man hat eher den Eindruck, dass sie die Gelegenheit nutzen, so an der allgemeinen Mußestunde teilzuhaben und den einen oder anderen Schwatz zu halten, als dass sie wirklich in der Hoffnung auf Geschäfte ausharrten.

Auf den Plätzen wird für den Abend eingedeckt. Die adescatori vor den Restaurants versehen höflich und gelassen ihren Dienst. Ich begreife, dass sie Gäste nicht einfach nur anlocken, sondern auch unterhalten sollen. Ein altes Ehepaar, das gelangweilt beieinander sitzt? Der Schlepper kümmert sich und bringt eine kleine chiacchierata in Gang. Für die Touristen ein paar Witzworte, für zwei alleinreisende Damen Schmeicheleien; eine Clownsgrimasse und ein Kunststückchen mit flinken Fingern, um ein plärrendes Kind aus seinem Heulkrampf zu holen. Das ist kein Schlepper; es ist ein maître de plaîsir.


Am nächsten Morgen der Rundgang durch die Stadt. Der Herzogspalast mit Mantegnas berühmter camera degli sposi hat geschlossen, aber das ist vielleicht gut so. Hätten wir ihn besucht, hätte uns vermutlich die Kraft gefehlt, zum Palazzo del Te zu wandern, den Giuliano Romano für den Fürst Gonzaga erbaut und ausgeschmückt hat. Die Fresken sind beeindruckend in der Vielfalt der Malweisen und Motive. Romano verstand es, in vielen Zungen zu reden und den Pinsel auf mannigfache Weise zu führen. Da ist der antikisierende Duktus des Ovid-Zimmers mit den marmorblassen Szenen aus den Metamorphosen; die prächtig verflochtenen Ornamentgrotesken in einem anderen Saal. Die waldgrüne Halle mit den Porträts der Lieblingspferde Gonzagas. Dann die überwältigend komplexe Szenenkomposition der Geschichte von Amor und Psyche, die einen ganzen Saal einnimmt und dem Hauptmotiv des Märchens - dem Zweifel an der Identität sichtbarer und innerer Schönheit - auf vertrackte Weise nachgeht, indem der Betrachter, der sich willig dem Reiz und der Delikatesse der einzelnen Partien überläßt, fast notwendigerweise ihren Zusammenhang und ihre innere Ordnung verliert. Zugleich ein Fest der Augen und eine schwindelerregende Verstörung des Geistes hat Romano ein famoses Irritakulum geschaffen.

Die gewaltige sala dei giganti nebenan ist nicht minder verwirrend. Der ganze Raum ist ausgemalt: er zeigt Jupiters Triumph, nachdem er das Titanengeschlecht in die Unterwelt gestürzt hat. Die Malweise ist von kolossaler Grobheit. Die ungefügen Leiber der geschlagenen Titanen sind vom herabgestürztem Geröll eingeschlossen. Ihre geängstigen Gesichter sind roh wie die Felshaufen, die auf ihnen lasten; manchmal ist kaum zu entscheiden, ob ein heller Fleck das aufgerissene Auge eines verstümmelten Riesen ist oder nur ein launischer Einschluss im Stein. Und sind dies da die massigen und hilflos gefangenen Muskelwölbungen eines Giganten oder doch nur aufeinandergetürmte Felsblöcke?

Über dem wüsten Gerümpel aus Riesenleibern und Felsentrümmern schwebt der Wolkenring mit seinem Olympierreigen wie ein Siegerkranz. Dort, auf dieser Wolkenbalustrade, reihen sich die triumphierenden Götter. Jupiter, in der Hand ein Bündel von Blitzen wie Rutenbüschel aus glühendem Golddraht, wirft diese leuchtenden Garben in die Tiefe; er sieht aus wie ein Landmann, der dem Gesindel da unten gedroschenes Stroh hinterherschmeißt. 

Doch über Jupiter erhebt sich noch eine von hohen Säulen gestützte, gemalte Kuppel. Über die Brüstung eines Wandelgangs beugen sich, ganz in der illusionistischen Art von Mantegnas Brautzimmer, ein paar neugierig herablugende Menschen: der Götterkampf, so kolossal und gewaltig er sein mag, ist in letzter Instanz doch nur ein Spektakel für die Schaulust gelangweilter Höflinge, die von hoch oben auf das Getümmel niederblicken. Gonzagas Besucher, die sich im Saal auf Augenhöhe mit den entmachteten Giganten befinden und denen nur durch eine Öffnung im Geröll ein Blick auf ein paar Menschlein im Hintergrund vergönnt ist, die sich im Schweiße ihres Angesichts mit ihren Ziegen und Hühnern abmühen, mögen eingeschüchtert gewesen sein von dieser Demonstration olympischer Gewalt und Herrlichkeit - oder verführt von der Hoffnung, bei Willfährigkeit dem Herzog gegenüber, selbst einmal einen dieser Logenplätze einzunehmen.


Wir wandern zurück in die Stadt. Das Innere des Doms wirkt wieder wie einer jener Salons, in denen man vermutlich weniger gut beten als Menuette und Sarabanden tanzen kann. In eine Ecke des Platzes verbannt, die von der wehrhaften Masse des Herzogspalasts dominiert ist, sieht er aus wie dessen Anhängsel - vielleicht ein Wirtschaftsgebäude, eine Fechthalle oder ein prunkvoller Pferdestall für die Favoriten des Fürsten?

An der Piazza Broletto ist in einer Mauer ein mittelalterliches Marmorrelief zu Ehren Vergils eingelassen, der unweit der Stadt geboren ist. Mit dicken Backen, über denen er selig die Augen geschlossen hält, sitzt er da, das Barett des Gelehrten auf dem Kopf und ein Schreibpult auf den Knieen: ein heiterer, pausbäckiger Träumer auf dem Katheder.

Es ist nicht das einzige Denkmal für den Dichter. Als Gegenentwurf zu dem verträumten poeta doctus hat das neunzehnte Jahrhundert, deutlich heroischer und patriotischer gesonnen als das duecento, den begeisterten Visionär Vergil in Erz gegossen. Er steht im Park auf einem hohem Sockel, der mehrfach gegliedert ist, als habe man das ursprüngliche Piedestal nach Fertigstellung für zu niedrig befunden und dann ein-, zwei-, dreimal aufgestockt, um Vergils unablässig steigendem Ruhm hinterherzumauern. Statt der Doktorenhaube trägt der Dichter einen Lorbeerkranz, dessen Blätter sein Haupt umsträuben wie lodernde Flammen; die Hand hat er in der Geste eines Volksredners ausgestreckt, seine aufwärtsgebogenen Finger scheinen nach einer Frucht zu greifen - keiner gewöhnlichen freilich; es wird wohl ein Reichsapfel sein.

Zwei Skulpturen sind ihm beigesellt; wie es sich gehört, sind sie um einiges niedriger. Die eine stellt einen Schäfer dar, der traurig seine Syrinx bläst, während eine Frau mit Kind, den müden Kopf in seinen Schoß gebettet, zwischen seinen Schenkeln schläft. Zwei Hunde drängen sich, um Aufmerksamkeit winselnd, an die Gruppe. Vermutlich ist diese Skulptur dem Bukoliker Vergil gewidmet - dem Propagandisten des Imperiums wird in der zweiten Skulpturengruppe Reverenz erwiesen: sie zeigt einen knorrigen Kämpfer in römischer Rüstung, der entschlossen die Faust ballt und den Fuß in grimmigem Triumph auf den Bauch eines besiegten Feindes stemmt. Eine Inschrift zitiert die Rede des Anchises aus der Aeneis: "Gedenke, Römer, dass du berufen bist, die Völker zu führen, Frieden und Sitte zu bringen - die Unterworfenen zu schonen und die Aufrührer zu entwaffnen."

Vermutlich blickt der Kämpfer deshalb so grimmig drein, weil ihn der zweite Teil seines Auftrags verdrießt. "Was, Sitte?", scheint er zu denken, "wieso Frieden?" Und dass er nicht im Traum daran gedacht hat, die Unterworfenen zu schonen und sich mit Entwaffnung der Aufrührer zu begnügen, erweist deutlich der Leichnam des Besiegten, der, wenn nicht alles täuscht, mit seinem krausen Haar und der breiten Nasenwurzel die Züge eines erschlagenen Nordafrikaners trägt: ich wüßte zu gern, ob das Monument zur Verherrlichung der italienischen Siege in Äthiopien errichtet wurde.

Über die Via Virili gehen wir zurück zu unserem Auto: auf dem Straßenschild hat ein Witzbold Virgilio um zwei Lettern kastriert und ihn dadurch, oh Wunder, zum Mann gemacht.



13. Verona


Bis Verona ist es nicht mehr weit. Ein letztes Mal lassen wir uns von den launisch-lückenhaften Ausschilderungen Italiens foppen. Aber schließlich finden wir den Stellplatz für Wohnmobile, wo es sich mit Ohrstöpseln sicher bestens schlafen läßt. 

Zu Fuß in die Stadt, vorüber an der Scaliger-Feste und an der Brücke über den Adige, auf der ein rundlicher Mann in der Prachtuniform eines römischen Legionärs posiert, um sich mit Touristen fotografieren zu lassen. Wenn Roms Legionen aus solch gemütlichen Burschen bestanden hätten, denen die Bonhomie auf den feisten Backen glänzt, hätten sie wohl kaum ein Weltreich erobert; der Schmerbauch sollte sich mal ein Beispiel an dem durchtrainierten Asketen aus Mantua nehmen.

Die Arena. Auf einer Wiese an ihrem Rand sind die riesigen Kulissen für Aida gelagert: eine Sphinx liegt mit aufmerksamem Blick und brav untergeschobenen Pfoten da wie ein kostümierter Hund, dem sein Herrchen Platz! befohlen hat. 

Wie immer steuern wir zuerst auf eine Kirche zu, obwohl ich der Kirchen mittlerweile etwas überdrüssig bin. Aber Santa Agata ist eigentümlich: die Rippenbögen des Gewölbes und die Zierbänder der Pfeiler sind von einer naiven Farbenfreude, die vor den lodengrünen Rankenmustern der Wände an die Zierstickereien auf alpinen Trachten gemahnt; wie zur Erinnerung, dass die Berge nicht mehr weit sind, scheint Santa Agata nicht von steinernen Pfeilern, sondern von bunt geschmückten Schürzenbändern und Hosenträgern zusammengehalten.

Unter den beiden marmornen Weihwasserbecken vor den Kirchenbänken hocken zwei steinerne Bettler. Der Linke schaut beklommen; das Becken drückt schwer auf seinen Buckel. Wie ein geprügelter Hund hofft er bloß noch auf einen aus Erbarmen hingeworfenen Bissen Brot. Der Rechte wirkt nicht gar so entmutigt: er scheint noch darüber nachzugrübeln, wie er aus seiner Misere herauskommen könnte. Nachdenklich kratzt er sich am Kopf. Sein dichter Schnurrbart zeugt von einer noch im Saft stehenden Männlichkeit; es mag zu früh sein, sich schon mit einem Los als Bettler zu bescheiden; vielleicht könnte er es fürs erste doch noch mal mit Straßenräuberei versuchen?

Die Piazza delle Erbe gefällt mir leider viel besser auf dem grandiosen Wimmelbild von Menzel als in Wirklichkeit. Eine chaotische Marktszene wie jene, die vor Bewegung und Geschrei regelrecht (oder besser: regellos) zu bersten scheint, gibt es hier nicht mehr. Die überquellenden Marktauslagen, das Geplärr der Weiber und Kinder, das Gedrängel der Kundschaft und der Kutschen, das Getümmel von Gauklern, Schreihälsen, Kesselflickern und purzelbaumschlagenden Blagen - all das ist jetzt ersetzt durch eine ordentliche Reihe von Ständen, an denen man kaum mehr als Souvenirplunder und Konfitüren feilbietet. Aber hier kauft niemand Lebensmittel: das einzige, das man von hier mitnimmt, sind Bilder: kaum ein Tourist, der hier nicht seine Kamera auf die Pinseleien an den Patrizierhäusern richtet.

Reizvoller ist die Piazza Dante, in deren Mitte der Dichter mit seiner üblichen Zipfelmütze steht und darüber nachsinnt, wen er noch alles zur Hölle fahren lassen kann. Scharf hebt sich seine Henkersnase vom Himmel ab, die einzige Wolke weit und breit schwebt direkt über Alighieris Haupt: das putzige Comic-Symbol düsteren Zürnens. 

Gleich um die Ecke liegen die Grabmäler der Scaliger, die Dante einst an ihrem Hof aufgenommen haben. Die Epitaphe sind reich geschmückt, feinste Steinmetzarbeiten, aber in ihrer engen Einzäunung sehen sie aus wie in eine Abstellkammer verbannt, während dieser undankbare Bursche, dem sie einst doch aus Gnade Asyl gewährt haben, nun so triumphal den Hof ihres Regentensitzes beherrscht.


Zeit, zurückzuwandern. Wir essen am Bus, mit Blick auf die Stadtmauer und den bewachsenen Graben davor. Uns tun die Füße weh. Die Märsche durch Mantua und Verona fordern ihren Tribut. Immerhin: am nächsten Tag werden wir es gemütlicher haben. Wir haben an der Piazza delle Erbe Tickets für eine Stadtrundfahrt g